1. Form und Größe der Zelle.

Ein Umstand, welcher der konsequenten Durchführung der Zellenlehre

in der ersten Zeit am meisten im Wege gestanden hat, und welcher

noch jetzt jedem, der sich mit dem feineren Bau der Organismen zu

beschäftigen anfängt, die größten Schwierigkeiten bereitet, ist die

erstaunliche Verschiedenheit der Form, in welcher der eine einzige

Elementarbestandteil des organischen Lebens auftritt. +Die Formen der

verschiedenartigen Zellen+ sind so überaus mannigfaltig, daß es dem

ungeübten Beobachter nicht selten schwer wird, sich an den Gedanken zu

gewöhnen, daß es sich hier nur um verschiedene Modifikationen eines und

desselben Elements, eines und desselben Typus handelt. Gegenüber dieser

unerschöpflichen Mannigfaltigkeit der verschiedenen Zellenarten unter

sich besteht aber anderseits eine sehr weitgehende Konstanz der Form

einer und derselben Zellenart, so daß die Zellen irgendeines bestimmten

Gewebes des menschlichen Körpers, z. B. der Leber, der Haut, des

Knochens, des Blutes etc., immer sofort als solche, d. h. als Leber-,

Haut-, Knochen- oder Blutzellen, zu erkennen sind. Einige Beispiele

werden die großen Verschiedenheiten in der Form der Zellen am besten

illustrieren.

[Illustration: Fig. 21. +Eine Amöbe in verschiedenen Formenstadien

beim Kriechen.+ Das hyaline Exoplasma fließt immer voran. In der Mitte

und hinten liegt das körnige Endoplasma mit dem dunkleren Kern und der

blasseren Vakuole.]

[Illustration: Fig. 22. _a_ +Eizelle eines Kalkschwammes+. Nach

~Haeckel~. _b_ +Blutzelle eines Krebses+. Nach +Haeckel+. _c_ +Biomyxa

vagans+, ein Süßwasserrhizopod. _d_ +Pigmentzelle aus dem Schwanz einer

Froschlarve+.]

Es gibt eine nicht geringe Zahl von Zellen, die überhaupt keine

beständige Form besitzen, sondern ihre Gestalt fortwährend verändern

und daher als +amöboide Zellen+ bezeichnet werden. Die amöboiden

Zellen haben sämtlich einen nackten Protoplasmakörper, der, von keiner

Zellmembran umschlossen, bald hier, bald dort an seiner Oberfläche eine

Vorwölbung seiner Körpersubstanz auftreten oder wieder verschwinden

läßt und so jeden Augenblick eine andere Gestalt annimmt. Je

nach der verschiedenen Zellart haben aber diese Vorwölbungen oder

„Pseudopodien“ auch verschiedene Formen, so daß die eine Zellform,

wie z. B. die meisten im Süßwasser lebenden +Amöben+ (Fig. 21) oder

die +Eizellen+ (Fig. 22 _a_) mancher Tiere, durch breite lappen- oder

fingerförmige, die andere, wie z. B. die +Leukocyten+ (Fig. 22 _b_)

oder farblosen Blutzellen, durch spitze, zerfetzte, wieder andere,

wie viele +Rhizopoden+ (Fig. 22 _c_) oder die +Pigmentzellen+ (Fig. 22

_d_) durch fadenförmige und netzförmig untereinander zusammenfließende

Pseudopodien charakterisiert sind.

[Illustration: Fig. 23. _a_ +Eizelle aus dem Eierstock eines Seeigels+.

Nach ~Hertwig~. _b_ Epidermiszellen vom Frosch.]

[Illustration: Fig. 24. _a_ +Euastrum+, eine einzellige Alge aus der

Gruppe der Desmidiaceen. Nach ~Haeckel~. _b_ +Ganglienzelle+ aus

dem Rückenmark des Menschen. Nach ~Gegenbaur~. _z_ Zellkörper, _n_

Nervenfortsatz (Achsenzylinderfortsatz).]

Die überwiegende Mehrzahl der Zellen besitzt dagegen eine beständige

Form, sei es, daß das Protoplasma von einer Zellmembran umkleidet

ist oder nicht. Die einfachste Zellform, die als Typus des

Elementarorganismus betrachtet werden kann, ist jedenfalls die

Kugelform, wie sie unter anderen bei vielen +Eizellen+ (Fig. 23_a_) und

einzelligen +Algen+ zum Ausdruck kommt. Von diesem Typus finden sich

Abweichungen nach den verschiedensten Richtungen. Schon dadurch, daß

die Zellen in den Verband mit anderen ihresgleichen treten, was ja in

jedem Gewebe der Fall ist, wird ihre Gestalt durch den Druck, dem sie

von seiten der Nachbarzellen ausgesetzt sind, beeinflußt. Eine Zelle,

die an sich rund ist, muß daher im Gewebe nach einfachen mechanischen

Gesetzen schon eine polyedrische Gestalt annehmen, so etwa wie Erbsen,

die man dicht gedrängt in eine Flasche getan hat und quellen läßt,

ihre runde Gestalt verlieren und polyedrisch werden. In der Tat kommt

die polyedrische Gestalt der Zellen gerade in Geweben, besonders bei

+Haut-+ (+Epithel-+) (Fig. 23 _b_) und +Drüsenzellen+ sehr häufig

vor. Dann aber ist ein wesentliches Moment, das eine Abweichung vom

runden Typus herbeiführt, die Ausbildung beständiger Fortsätze über die

Oberfläche hinaus. Dadurch kommen oft ganz dieselben Zellgestaltungen

als beständige Formen zustande, wie sie amöboide Zellen vorübergehend

zeigen. Die grüne Algenzelle von +Euastrum+ (Fig. 24 _a_) repräsentiert

eine solche Zelle mit formbeständigen lappigen Fortsätzen, und

die in unserem Zentralnervensystem, im Gehirn und Rückenmark

liegenden +Ganglienzellen+, die den Nervenfasern ihren Ursprung

geben, besitzen dauernd Ausläufer und Fortsätze, die genau wie die

Pseudopodien mancher Rhizopodenzellen aussehen (Fig. 24 _b_). Andere

Zellen, die +Wimperzellen+, haben an ihrer Oberfläche bewegliche,

aber dauernd vorhandene Fortsätze von der Gestalt der Augenwimpern.

Diese Wimperzellen sind ungemein verbreitet und kommen nicht nur in

Geweben als +Flimmerepithelzellen+ (Fig. 25 _a_) vor, sondern auch

freilebend, das große Heer der +Ciliaten+ oder +Wimperinfusorien+

und der +Flagellaten+ oder +Geißelinfusorien+ bildend, je nachdem

der einzellige Körper viele, sei es gleiche, sei es verschiedenartig

differenzierte Wimperhaare besitzt (Fig. 25 _b_) oder nur einen oder

wenige Geißelfäden trägt (Fig. 25 _c_). Schließlich haben wir Zellen,

die vom Typus dadurch abweichen, daß sie nach einer Richtung hin

enorm in die Länge gezogen sind, so daß sie als schmale, band- oder

fadenförmige Gebilde erscheinen. Extreme in dieser Richtung sind die

glatten und quergestreiften +Muskelzellen+ (Fig. 26 _a_) sowie manche

+Spermatozoen+ (Fig. 26 _b_).

[Illustration: Fig. 25. _a_ +Flimmerepithelzellen+.

Nach ~Schiefferdecker~. _b_ +Stylonychia mytilus+, eine

Wimperinfusorienzelle mit verschiedenartig differenzierten Wimpern,

_Wz_ Mund-Wimperzone, _C_ kontraktile Vakuole, _N_ Makronucleus, _N′_

Mikronucleus, _A_ Afteröffnung. Nach ~Stein~. _c_ +Euglena viridis+,

eine Geißelinfusorienzelle mit einer einzigen Geißel. _n_ Kern, _o_

Augenfleck, _c_ Vakuole. Nach ~Stein~.]

Gegenüber der erstaunlichen Formenmannigfaltigkeit der Zellen muß es

auffallen, daß die +Größe der Zellen+ nur innerhalb verhältnismäßig

enger Grenzen schwankt. Es ist eine sehr bemerkenswerte Tatsache, daß

bei weitem die Mehrzahl aller Zellen mikroskopisch klein ist. Wohl

bewegt sich die Größe der Organismen innerhalb enorm weiter Grenzen

von der verschwindenden Kleinheit des Bakteriums, das nur wenige

Tausendstel eines Millimeters mißt, bis zu der imponierenden Masse

eines Elefanten oder bis zur gewaltigen Ausdehnung eines amerikanischen

Mammutbaumes. Niemals aber finden wir, daß größere Organismen nur aus

einer einzigen Zelle beständen. Nur sehr wenige Zellformen erreichen,

wenn sie einen klumpigen Protoplasmakörper haben, einen Durchmesser

von wenigen Millimetern, und bei diesen wenigen Zellen, die eine

solche Größe besitzen, werden wir bald auf die Tatsache aufmerksam,

daß sie einen amöboiden Protoplasmakörper haben, dessen Oberfläche

sich fortwährend verändert, dessen Substanz fortwährend in strömender

Bewegung begriffen ist. Die Tatsache, daß klumpige Zellen, deren Radius

nach allen Dimensionen ungefähr gleich groß ist, und deren Protoplasma

sich nicht in fortwährender Strömung befindet, niemals die Größe von

wenigen Millimetern überschreitet, erleidet nur scheinbare Ausnahmen.

Man könnte z. B. als eine solche Ausnahme die Eizelle der Vögel geltend

machen. Bekanntlich repräsentiert das Ei eines Huhnes anfangs noch

eine einzige Zelle. Ein Straußenei würde demnach eine einzige riesige,

klumpige Zelle sein, die scheinbar der angeführten Regel widerspräche.

Indessen, diese Ausnahme ist, wie gesagt, nur scheinbar, denn das

wirklich aktive oder lebendige Protoplasma der Eizelle besitzt nur

eine sehr geringe Größe und ist nur in Form einer äußerst dünnen und

zarten Lamelle der übrigen Masse aufgelagert, die ihrerseits ganz

allein von dem untätigen Eidotter, dem Nährmaterial für die sich

weiter entwickelnde und fortpflanzende Zelle, gebildet wird. Also hier

haben wir in Wirklichkeit gar keine solide, klumpige Masse lebendiger

Substanz, sondern nur eine dünne Lamelle, und eine solche ein- oder

zweidimensionale Größenentwicklung liegt auch bei allen anderen Zellen

vor, die, wie z. B. die oft über dezimeterlangen, +quergestreiften

Muskelzellen+ der Beinmuskeln oder die in mehr als meterlange

Nervenfäden auslaufenden +Ganglienzellen+ oder die blattförmigen Zellen

der +Caulerpa+, die gewöhnliche Größe überschreiten. Was bei allen

diesen Tatsachen aber zum Ausdruck kommt, +ist der Umstand, daß das

Verhältnis von Masse zu Oberfläche der Zelle eine gewisse Größe niemals

überschreitet+. Wie wir später sehen werden, ist diese Tatsache tief

im Wesen der lebendigen Substanz begründet, und die Entstehung eines

großen massigen Organismus ist überhaupt nur möglich durch Aufbau aus

sehr kleinen autonomen Elementen, wie es die Zellen sind.

[Illustration: Fig. 26. _a_ +Glatte Muskelzelle+. Nach

~Schiefferdecker~. _b_ +Spermatozoenzelle von Salamandra maculata+.

Nach ~Hertwig~. _k_ Kopf, _sp_ Spitze, _m_ Mittelstück, _u_

undulierende Membran, _ef_ Endfaden.]

Allgemeine Physiologie · 第 78 / 283 题