2. Allgemeine und spezielle Zellbestandteile.

Der Gedanke, daß die Summe der Vorgänge, welche das Leben in

seiner bunten Mannigfaltigkeit bilden, in allen ihren wesentlichen

Elementen schon an das mikroskopisch winzige Klümpchen lebendiger

Substanz gebunden ist, das die einzelne Zelle vorstellt, regt so

unwiderstehlich den Drang zum tieferen Nachforschen in der Zelle an,

daß seit jener Zeit, als man die Zellen zuerst in ihrer Bedeutung

als Elementarorganismen erkannte, bis jetzt sich ein unzählbares

Heer von Forschern mit dem eingehenderen Studium der Zelle und ihrer

Bestandteile beschäftigt hat, ein Umstand, dem wir es verdanken, daß

unsere morphologische Kenntnis der Zelle von Jahr zu Jahr erweitert

und der Begriff der Zelle immer mehr und mehr präzisiert worden ist.

Der Begriff dessen, was man zum Wesen der Zelle zu rechnen habe,

ist nicht immer derselbe gewesen. Die Entstehung des Zellbegriffs

stammt, wie wir sahen[24], aus der mikroskopischen Beobachtung der

Pflanzen. Die Mikroskopiker des 17. und 18. Jahrhunderts fanden,

daß die Pflanzengewebe neben langen röhrenförmigen Gebilden auch

kleine, kammerartig durch Wände voneinander abgegrenzte Elemente

enthielten, die eine Flüssigkeit beherbergten. Diese kleinen

Gebilde bekamen wegen ihrer Aehnlichkeit mit den großen Zellen der

Bienenwaben den Namen „Zellen“. So stellte man sich zu jener Zeit die

Zelle als ein einfaches, von einer Wand oder Membran umschlossenes

Flüssigkeitströpfchen vor. Als das Charakteristische, das auch zu

der für die Pflanzenzellen sehr bezeichnenden Namengebung „Zelle“

geführt hatte, galt dabei die „Zellmembran“, die eben die Kammer- oder

Zellenform bedingte. Diese Auffassung erhielt sich auch noch, als

bereits ~Schleiden~ neben der Zellflüssigkeit oder dem Zellsaft noch

eine schleimige, dickflüssige Masse, den „Pflanzenschleim“, oder, wie

~Mohl~ sie nannte: das „Protoplasma“ entdeckte, und als von seiten

~Schwann~s der Zellbegriff auch auf die Elementarteile der tierischen

Gewebe ausgedehnt wurde.

Erst die grundlegenden Arbeiten von ~Max Schultze~[25] gaben dem

Zellbegriff einen ganz anderen Inhalt. Das Studium der Rhizopoden,

jener einzelligen Organismen, deren nackter Protoplasmakörper an

beliebiger Stelle seine zähflüssige Leibessubstanz zu feinen Fäden und

Netzen auszuziehen vermag, führte ~Max Schultze~ zu der Ansicht, daß

die Zellmembran nicht das Wesentliche der Zelle sein könne, denn die

große Menge der Rhizopodenformen hat zeitlebens keine Zellmembran,

sondern daß das Wesentliche die Substanz sei, die schon früher von

~Dujardin~[26] bei den nackten Rhizopoden und Infusorien des Süßwassers

als +Sarkode+ bezeichnet worden war. Durch eine Vergleichung der

Rhizopoden und der Pflanzenzellen lieferte darauf ~Max Schultze~

den Beweis, daß die Substanz der Rhizopoden, die Sarkode, durchaus

identisch ist mit dem zähflüssigen Inhalt der Pflanzenzellen, dem

Protoplasma, und so begründete er die „+Protoplasmatheorie+“, nach

welcher der wesentliche Bestandteil der Zelle das Protoplasma ist. Die

Auffassung, daß die Zelle ein Klümpchen Protoplasma sei, hat sich in

der Folge auch glänzend bewährt gegenüber der alten Auffassung, welche

die Zellmembran für das Wesentliche ansah, denn nicht nur ist mit

der ungeheuren Formenfülle der einzelligen Rhizopoden, zu denen die

kalkschaligen Polythalamien oder Foraminiferen und die kieselschaligen

Radiolarien ebenso gehören wie die völlig schalenlosen Amöben, eine

erdrückende Menge von membranlosen Zellen bekannt geworden, sondern man

hat auch gesehen, daß bei der Entwicklung vieler Pflanzen und Tiere als

Eier einzellige Stadien vorkommen, die jeder Zellmembran entbehren.

So ist seit ~Max Schultze~s Begründung der Protoplasmatheorie die

Auffassung, daß die Zellmembran ein allgemeiner Zellbestandteil sei,

vollständig fallen gelassen worden.

Indessen mit der Definition ~Max Schultze~s sind die wesentlichen oder

allgemeinen Zellbestandteile noch nicht erschöpft. Schon ~Brown~[27]

hatte 1833 im Protoplasma noch ein besonderes Gebilde, den Zellkern,

entdeckt, der als ein rundliches Körnchen durch sein abweichendes

Lichtbrechungsvermögen deutlich von dem ihn einschließenden Protoplasma

zu unterscheiden war. ~Schleiden~[28], der diese Entdeckung ~Brown~s

aufgriff, wies den Zellkern als einen weit verbreiteten Bestandteil der

Zelle im Protoplasma vieler Pflanzen nach, ließ sich aber verleiten,

in seiner Theorie der Phytogenesis den Kern als dasjenige Element

zu betrachten, aus dem die Zelle erst im Lauf der individuellen

Entwicklung der Pflanze entstände. Seit jener Zeit hat man dem Zellkern

immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Man fand ihn nicht nur in den

pflanzlichen Zellen, sondern nach ~Schwann~s[29] Arbeiten auch in den

verschiedensten tierischen Zellen. Besonders aber, als man mittels

gewisser Farbstoffe, wie Karmin, Hämatoxylin etc., den Kern färben

und so im Protoplasma, in dem er eingebettet ist, deutlich sichtbar

zu machen lernte, kam man mehr und mehr zu der Ansicht, daß der Kern

einen sehr charakteristischen Bestandteil der Zelle vorstellt, und bald

entstand die Frage, ob es überhaupt Zellen ohne Kern gäbe, ob nicht der

Kern ein +allgemeiner+ Bestandteil der Zelle sei, der ebenso wie das

Protoplasma zum Wesen der Zelle gehöre.

Unter den einzelligen, freilebenden Rhizopoden, auf die ~Max Schultze~s

Untersuchungen die Aufmerksamkeit gelenkt hatten, fand ~Haeckel~[30]

eine ganze Anzahl, in denen keine Spur von einem Kern nachzuweisen war,

die ~Haeckel~, da sie aus einem einfachen Klümpchen Protoplasma zu

bestehen und somit die niedrigsten und einfachsten überhaupt denkbaren

Organismen zu sein schienen, als +Moneren+ bezeichnete. Eine andere

Gruppe von Organismen, in denen sich keine Kerne nachweisen ließen, war

die ebenfalls erst in neuerer Zeit in den Vordergrund des Interesses

gezogene Mikroorganismengruppe der +Sproßpilze+ und der +Spaltpilze+

(Bakterien), der kleinsten überhaupt existierenden lebendigen Wesen,

die, wenn sie auch bereits eine feste, unveränderliche Form besitzen,

doch keine Spur von einer Differenzierung ihres durch und durch

gleichartig erscheinenden Protoplasmakörpers erkennen ließen. Wenn wir

von den roten Blutkörperchen der Warmblüter absehen, die ebenfalls

keine Differenzierung ihrer Körpersubstanz in zwei gesonderte Teile,

in Protoplasma und Kern, zeigen, die sich aber nachweislich aus

wirklichen, kernhaltigen Zellen entwickeln, so enthielten die Gruppen

der +Moneren+, der +Sproßpilze+ und der +Bakterien+ die einzigen

anscheinend kernlosen Zellen.

Indessen die Auffassung der Moneren als kernloser Zellen änderte

sich mit der in neuerer Zeit so enorm aufblühenden mikroskopischen

Färbetechnik mehr und mehr. Immer mehr von den Organismen, die

~Haeckel~ noch als Moneren beschrieben hatte, wurden bei Anwendung

der neueren, komplizierten Färbemethoden als kernhaltige Zellen

erkannt; in manchen von ihnen wurde sogar eine große Zahl kleiner Kerne

nachgewiesen, und ~Gruber~[31] fand Formen, in denen die Kernsubstanz

in unzähligen, äußerst winzigen Körnchen durch das ganze Protoplasma

zerstreut ist (Fig. 8). So schmolz die Zahl der ursprünglichen Moneren

immer mehr zusammen, und die wenigen, deren man noch nicht zu erneuter

Untersuchung habhaft werden konnte, werden von den meisten Forschern

jetzt ebenfalls für kernhaltige Zellen gehalten, in denen nur die

unvollkommenere Technik der früheren Zeit, wie bei den anderen, jetzt

für kernhaltig erkannten Zellen, die Kerne nicht nachzuweisen vermochte.

[Illustration: Fig. 8. +Pelomyxa pallida.+ Ein Rhizopod mit sehr fein

verteilter Kernsubstanz. Nach ~Gruber~.]

Viel länger als die Moneren haben die Bakterien den Bemühungen

getrotzt, eine Differenzierung, die dem Kern und dem Protoplasma der

übrigen Zellen entspräche, in ihnen aufzufinden. Alle erdenklichen

Färbemethoden und die stärksten mikroskopischen Vergrößerungen

vermochten nicht zwei voneinander geschiedene Formen der lebendigen

Substanz in ihrem winzigen, durchaus homogen erscheinenden Körper

nachzuweisen. Dieser Stand unserer Kenntnisse dauerte trotz des

gewaltigen Aufschwungs, den die Bakteriologie in neuerer Zeit nahm, bis

in das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts. Erst 1890 gelang es

~Bütschli~[32], in dem Körper der Bakterien eine feinere Struktur zu

entdecken. Er fand nämlich, daß sich bei sehr starken Vergrößerungen

und unter Anwendung bestimmter, nicht zu starker Intensität der

Durchleuchtung mit den spezifischen Kernfärbemitteln, die, wie z. B.

Hämatoxylin, nur die Kernsubstanz und nicht das Protoplasma färben,

zwei verschiedene Substanzen im Bakterienkörper sichtbar machen

lassen, von denen die eine sich intensiv färbt, während die andere den

Farbstoff nicht annimmt. Das Massenverhältnis der beiden Substanzen ist

charakteristisch. Es überwiegt nämlich meist die Masse der färbbaren

Substanz über die Masse der ungefärbten. Dagegen ist die gegenseitige

Lagerung beider bei verschiedenen Bakterienformen verschieden. Während

bei der einen, wie z. B. +Bacterium lineola+ (Fig. 9 _a_), die

gefärbte Substanz in der Mitte liegt und die ungefärbte eine schmale

peripherische Schicht um dieselbe bildet, ist bei anderen, besonders

den korkzieherartig gewundenen Spirillenformen, wie dem im Sumpfwasser

gemeinen +Spirillum undula+ (Fig. 9 _b_), die ungefärbte Substanz ganz

an einem oder an beiden Enden des langgestreckten, nur aus gefärbter

Substanz bestehenden Körpers angesammelt. Diese Differenzierung der

Körpersubstanz in zwei verschiedene Teile, von denen der eine sich mit

den spezifischen Kernfärbemitteln färbt, während der andere ungefärbt

bleibt, scheint vollständig der Sonderung der lebendigen Substanz in

Kern und Protoplasma, wie sie alle anderen Zellen charakterisiert,

zu entsprechen, und auch im Tierreich haben wir Zellenformen, die

ganz dasselbe Massenverhältnis von beiden Substanzen zueinander

zeigen, nämlich die Samenfäden oder Spermatozoen, deren einzelliger

Körper ebenfalls aus einer großen Menge Kernsubstanz und einer nur

sehr geringen Menge von Protoplasma besteht. Es darf indessen nicht

unerwähnt bleiben, daß von anderer Seite[33] gegen die ~Bütschli~sche

Auffassung des Bakterienkörpers der Einwand geltend gemacht worden ist,

es handle sich hier um Differenzierungen, die nur durch die angewandten

Reagentien hervorgebracht worden seien, um Veränderungen, wie sie in

der Botanik als „Plasmolyse“ bezeichnet werden. Es läßt sich vorläufig

nicht entscheiden, wie weit dieser Einwand zutrifft. Jedenfalls ist er

nicht allgemein als zutreffend anerkannt worden, und ~Bütschli~[34] hat

diese Deutung durch schwerwiegende Argumente zurückzuweisen gesucht.

Außerdem weiß man, daß auch im Körper der Bakterien die sonst für die

Zellkerne charakteristischen Substanzen, die Nukleine, nicht fehlen.

[Illustration: Fig. 9. +Struktur verschiedener Bakterien.+ Nach

~Bütschli~. _a_ +Bacterium lineola+, normal und in Teilung begriffen,

_b_ +Spirillum undula+, _c_ +Bacterium+ aus Sumpfwasser.]

Bei den +Sproßpilzen+, den verschiedenen Hefezellarten endlich, war es

ebenfalls bis in die neuere Zeit nicht möglich gewesen, mit Sicherheit

einen Zellkern zu finden. Erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts

gelang es einigen Untersuchern, besonders dem englischen Forscher

~Harold Wager~[35], mit aller nur wünschbaren Deutlichkeit den Zellkern

nachzuweisen. Der Kernapparat der Hefezellen steht sogar auf einer

ziemlich hohen Entwicklungsstufe. Er besteht aus einer Vakuole, die

chromatische Elemente enthält, und einem isoliert davon und neben ihr

im Protoplasma liegenden Nukleolarkörper. Bei der Sprossung zeigt

dieser Kernapparat ein sehr charakteristisches Verhalten, das am besten

durch die beistehende Fig. 10 veranschaulicht wird.

So scheint es nach dem jetzigen Stande unserer Kenntnisse, als ob

es unter den heute auf der Erde lebenden Organismen überhaupt keine

Zellen gäbe, in denen nicht eine Sonderung von zwei verschiedenen

Substanzen vorhanden wäre, als ob also außer dem Protoplasma auch

jede Zelle einen Kern besäße. Eine andere Frage ist es freilich, ob

es während der Entwicklungsgeschichte der lebendigen Substanz auf der

Erde in früheren Zeiten einmal Organismen gegeben habe, bei denen der

ganze Körper aus einer einzigen homogenen Substanz bestand, bei denen

noch keine Sonderung in verschiedene Stoffe eingetreten war. Sollte

es jemals solche Organismen gegeben haben, so könnten wir diese als

+Cytoden+, wie ~Haeckel~ die kernlosen Elementarorganismen bezeichnet,

den wirklichen +Zellen+ gegenüberstellen. Jedenfalls aber können wir

vorläufig daran festhalten, daß zu dem Begriff der Zelle nicht bloß

eine einzige homogene Masse, das Protoplasma, sondern auch noch eine

davon differente Substanz, die Kernsubstanz, gehört. Demnach wäre

die morphologische Definition ~Max Schultzes~ in folgender Weise zu

erweitern: +Die Zelle ist ein Klümpchen Protoplasma mit einer gewissen

Menge darin eingebetteter Kernsubstanz.+

[Illustration: Fig. 10. +Hefezellen+ (Saccharomyces cerevisiae) mit

ihrem Kernapparat in vier verschiedenen Stadien der Sproßbildung. Der

helle Hof ist die Kernvakuole mit den dunklen Chromatinkörnchen, der

dunkle Kreis das Kernkörperchen. Nach ~Harold Wager~.]

Ist hiermit aber die Definition der Zelle erschöpft, oder gehören zum

morphologischen Begriff der Zelle noch mehr Bestandteile? Wenn wir

mit stärkeren Vergrößerungen das Protoplasma der Zellen durchmustern,

finden wir, daß außer dem Kern in vielen Zellen noch andere distinkte

Bestandteile in der protoplasmatischen Grundmasse eingebettet

liegen. So finden wir in manchen Zellen Oeltröpfchen, in anderen

Pigmentkörnchen, in Pflanzenzellen Stärkekörner etc., aber keinen von

allen diesen Körpern treffen wir in jeder Art von Zellen; sie sind

sämtlich nur spezielle, keine allgemeinen Zellenbestandteile. Dagegen

schien es in neuerer Zeit den Anschein zu gewinnen, als ob neben

den beiden bisher allein als allgemein bekannten Zellbestandteilen,

dem Protoplasma und dem Zellkern, doch noch ein dritter allgemeiner

Zellbestandteil existierte, das +Polkörperchen+, +Zentralkörperchen+

oder +Zentrosom+.

[Illustration: Fig. 11. _a_ +Pigmentzelle vom Hecht.+ Zwischen den

beiden Kernen liegt das Zentrosom mit seiner Protoplasmastrahlung.

Nach ~Solger~. _b_ +Leukocyt von einer Salamanderlarve.+ Neben dem

hantelförmigen Kern liegt rechts das Zentrosom mit Strahlenkranz.

Nach ~Flemming~. _c_ +Eizelle+, in Teilung begriffen. Um die beiden

Zentrosomen deutliche Protoplasmastrahlung. Nach ~Boveri~.]

[Illustration: Fig. 12. +Ei des Spulwurms mit zwei Zentrosomen+, deren

jedes zwei Zentriole enthält. Nach ~Boveri~.]

[Illustration: Fig. 13. +Leukocyt vom Salamander+ mit Zentrosom und

Strahlenfigur. Im Zentrosom das in zwei Hälften geteilte Zentriol. Nach

~Heidenhain~.]

[Illustration: Fig. 14. +Zentrosom mit Protoplasmastrahlung aus dem Ei

der Lungenschnecke Physa fontinalis.+ Nach ~Kostanecki~.]

Das Zentrosom (Fig. 11) ist erst in neuerer Zeit etwas genauer

bekannt geworden. Zwar war es schon vor drei Jahrzehnten, als man die

eigentümlichen Kernteilungsvorgänge bei der Zellvermehrung untersuchte,

bemerkt worden, aber erst später wurde es von ~van Beneden~[36] und

~Boveri~[37] als wichtiges Element in der Zelle erkannt, das sich wie

der Zellkern bei der Vermehrung der Zellen durch Teilung fortpflanzt.

~Van Beneden~ kam daher zu der Ansicht, daß das Zentrosom ebenso wie

der Zellkern und das Protoplasma ein allgemeiner Zellbestandteil sei,

eine Annahme, die durch die Beobachtungen von ~Flemming~, ~Solger~,

~Heidenhain~ u. a. gestützt zu werden schien, die auch in anderen

Zellarten, wie Leukocyten, Pigmentzellen, Epithelzellen etc., ein oder

mehrere Zentrosomata auffanden, und zwar zu Zeiten, wo die Zellen nicht

im Teilungszustande waren. Trotzdem ist es bei einer großen Anzahl

von Zellen bisher nicht gelungen, ein Zentrosom nachzuweisen, und in

letzter Zeit mehren sich die Stimmen, die auch in einzelnen Fällen,

in denen man früher mit Sicherheit die Existenz eines Zentrosoms

behauptete, die letztere bestreiten, ja überhaupt die Existenz des

Zentrosoms als eines dauernden Zellbestandteils verneinen. Indessen

das kann vielleicht in der Natur des Zentrosoms begründet sein.

Das Zentrosom ist ein wegen seiner verschwindenden Kleinheit im

„Ruhezustande“ der Zelle sehr schwer auffindbarer Bestandteil, der sich

mit unseren besten mikroskopischen Hilfsmitteln nur als ein kleines

homogenes Kügelchen (Archoplasma) mit einem durch Teilung in zwei

Hälften zerfallenden Körnchen (Zentriol) erkennen läßt (Fig. 12, Fig.

13 u. Fig. 14). Dazu kommt, daß das Zentrosom mit den gewöhnlichen

Farbstoffen in der Regel nicht färbbar ist. Auch die Versuche ~M.

Heidenhain~s, spezifische Färbemittel für das Zentrosom zu finden, wie

sie für den Kern existieren, haben nicht zu befriedigenden Ergebnissen

geführt. Das Zentrosom wird erst deutlich bemerkbar durch die Strahlung

des Protoplasmas (Astrosphäre), von der es bei bestimmten Zuständen

der Zelle umgeben wird. Bei der Teilung der Zellen nämlich ordnet sich

das Protoplasma in Form eines Strahlenkranzes um das Zentrosom herum

an, das den Mittelpunkt der Strahlungsfigur bildet (Fig. 11, 12, 13,

14) und eben als Mittelpunkt dieser eigentümlichen Strahlung erst

augenfälliger hervortritt.

[Illustration: Fig. 15. +Teilung und Austritt des Zentrosoms bei dem

Kern der Samenzellen von Ascaris megalocephala.+ Oben zwei Reihen

aufeinanderfolgender Stadien des Kerns (_n_ Nucleolus, _c_ Zentrosom).

Darunter zwei Samenzellen nach Austritt des Zentrosoms aus dem Kern.

Nach ~Brauer~.]

Während eine große Zahl von Forschern, vor allem ~van Beneden~,

dazu neigt, das Zentrosom als einen eigenen Bestandteil der Zelle

aufzufassen, da es immer im Protoplasma getrennt vom Zellkern vorkommt,

vertritt ~O. Hertwig~[38] die Meinung, daß das Zentrosom als Teil

der Kernsubstanz zum Kern gehört und nur während der Tätigkeit des

Kerns bei der Befruchtung und Teilung aus dem Kern in das Protoplasma

übertritt, um nachher bei dem Ruhezustand der Zelle wieder als Teil der

Kernsubstanz in den Kern zurückzutreten. Daß diese Annahme ~Hertwig~s

für gewisse Fälle in der Tat zutrifft, haben wenig später die

ausgezeichneten Untersuchungen von ~Brauer~[39] über die Entwicklung

der Samenzellen des Pferdespulwurms (+Ascaris megalocephala+) gezeigt.

~Brauer~ konnte feststellen, daß das Zentrosom bei diesen Zellen

während der Ruhezeit im Kern selbst enthalten ist und sich sogar in

gewissen Fällen im Kern selbst teilt, um dann erst in das Protoplasma

auszutreten und hier die Protoplasmastrahlung zu erzeugen, welche

das Zentrosom bei der Teilung der Zelle zu umgeben pflegt (Fig. 15).

Andererseits wissen wir aber jetzt, daß in der großen Mehrzahl

von Fällen das Zentrosom dauernd auch während der Ruhe der Zelle

außerhalb des Kerns liegen bleibt. ~Heidenhain~[40] und ~Boveri~[41]

meinen daher, daß wir weder Grund haben, das Zentrosom als einen

Kernbestandteil, noch als einen Protoplasmabestandteil zu betrachten;

sie sind vielmehr geneigt, es vorläufig bis die Erfahrungen eine

festere Form angenommen haben, als einen selbständigen Zellbestandteil

aufzufassen, der gleichwertig neben Zellkern und Protoplasma in

der Zelle existiert. Dieser Auffassung würden aber die neuerdings

wohl als gesichert zu betrachtenden Beobachtungen von ~Wilson~[42],

~Wassilieff~[43] und anderen im Wege stehen, aus denen hervorgeht,

daß auch in kernlosen und zentrosomalosen Protoplasmamassen von

Eizellen durch künstliche Einwirkung bestimmter Stoffe Zentrosomen

und Strahlungsfiguren, unter Umständen sogar in sehr großer Zahl, zur

Entstehung gebracht werden können (Fig. 16). Wenn also das Zentrosom

im Eiprotoplasma sich vollständig neu entwickeln kann, und wenn es

nicht, wie man früher allgemein glaubte, immer nur aus der Teilung

schon vorhandener Zentrosome hervorgeht, dann kann man es auch nicht

dem Kern und Protoplasma, die immer nur aus der Teilung von vorhandenen

Kern- und Protoplasmamassen entstehen, als gleichwertigen selbständigen

Zellbestandteil an die Seite stellen. Auf keinen Fall aber haben

wir, da ja sehr viele Zellformen, namentlich unter den einzelligen

Organismen, bekannt sind, in denen man bisher noch kein Zentrosom hat

auffinden können, die Berechtigung, im Zentrosom einen +allgemeinen+

Zellbestandteil zu erblicken wie im Kern und im Protoplasma. Unter den

sämtlichen Lebensäußerungen der Zelle ist übrigens bisher nur bei der

Fortpflanzung und Befruchtung eine Beteiligung des Zentrosoms bekannt

geworden.

[Illustration: Fig. 16.

+Seeigelei mit zahlreichen künstlich durch Einwirkung von

Chlormagnesium erzeugten Zentrosomen.+ Nach ~Wilson~.]

+Nach alledem können wir als allgemeine Zellbestandteile einzig

und allein das Protoplasma in seiner Gesamtheit und den Zellkern

mit seinen Differenzierungen allen speziellen Zellbestandteilen,

wie Zellmembranen Stärkekörnern, Pigmentkörnern, Oeltröpfchen,

Chlorophyllkörpern, Zentrosomen etc., gegenüberstellen.+

Allgemeine Physiologie · 第 76 / 283 题