1. Die Zelle als Elementarorganismus.

Werfen wir einen Blick auf die organische Welt, welche die

Erdoberfläche bewohnt, so finden wir, daß die lebendige Substanz

nicht eine einzige zusammenhängende Masse bildet, sondern daß sie

in einzelne organische Individuen geschieden ist. Der +Begriff des

organischen Individuums+ ist nicht ganz leicht zu definieren, und viele

Forscher, in neuerer Zeit besonders ~Haeckel~[21], haben sich schon

bemüht, ihm eine allgemein gültige Form zu geben. Er entstand in alter

Zeit durch Abstraktion vom Menschen und den höheren Tieren, die als

+einheitliche+, voneinander unabhängige, lebendige Wesen erschienen.

Aber wie bei allen jenen alten Begriffen, deren Bildung einem

beschränkten Kreise von Erfahrungen entsprungen ist, und deren Inhalt

sich später mehr und mehr erweiterte, so ist auch bei dem Begriff des

Individuums die ursprüngliche Form zu eng geworden und bedarf einer

Erweiterung, die den Begriff auf einen größeren Kreis von Erfahrungen

anwendbar macht.

Die ursprüngliche Vorstellung, die das Wesen des Individualbegriffs

ausmachte, war die Vorstellung der +Unteilbarkeit+. Danach wäre ein

Individuum ein einheitliches Ganzes, das sich nicht weiter teilen

läßt, ohne seine charakteristischen Eigenschaften zu verlieren.

Solange man nur den Menschen, die Wirbeltiere und allenfalls noch die

Insekten dabei im Auge hatte, stieß in der Tat diese Definition auf

keine Schwierigkeiten, denn ein Wirbeltier oder Insekt läßt sich nicht

durch Teilung in mehrere selbständige Individuen zerlegen. Indessen

wenn man etwas tiefer in der Tierreihe hinabsteigt, oder wenn man den

Begriff auch auf das Pflanzenreich anwenden will, machen sich bald

Schwierigkeiten bemerkbar.

Es gibt im Süßwasser unserer Teiche und Seen einen eigentümlichen

Vertreter der großen Familie der Nesseltiere, den Süßwasserpolypen

+Hydra+. Dieser kleine, ungefähr zentimeterlange Polyp mit seinem

dünnen, schlauchförmigen Körper, an dem sich mehrere lange fadenförmige

Fangarme befinden (Fig. 2 _A_), hat schon bald nach der Entdeckung des

Mikroskops die Aufmerksamkeit der Beobachter zu fesseln begonnen. Man

fand nämlich, daß dieses merkwürdige Wesen sich durch einen queren

Schnitt in zwei Hälften zerlegen läßt, deren jede sich wieder zu einem

vollständigen, nur entsprechend kleineren Individuum umformt. Die

vordere armtragende Hälfte schließt einfach die Schnittwunde und setzt

sich wieder mit dem hinteren Ende fest, die hintere Hälfte dagegen läßt

alsbald von den Wundrändern neue Fangarme hervorsprossen, und in kurzer

Zeit sind beide Teilstücke wieder vollständige +Hydren+. Ja, man kann

sogar die einzelnen Teilstücke noch weiter teilen und schließlich

das ganze Tier in eine große Anzahl kleiner Stücke zerlegen, deren

jedes sich wieder zu einem vollständigen Individuum umbildet. In

diesem Beispiel ist also das einheitliche Individuum in zwei oder

mehrere Individuen geteilt worden. Wäre daher die Unteilbarkeit

allein maßgebend für die Entscheidung, ob man ein Individuum vor

sich hat oder nicht, dann wäre die +Hydra+ kein Individuum, denn sie

läßt sich teilen, ohne daß die Teilstücke die charakteristischen

Eigentümlichkeiten des ursprünglichen Tieres verlieren, und dasselbe

ist der Fall bei jedem Baum, bei jedem Strauch.

[Illustration: Fig. 2. +Hydra fusca+, Süßwasserpolyp. _A_ bei * quer

durchgeschnitten, _B_ und _C_ die beiden Teilstücke haben sich zu zwei

vollständigen Individuen regeneriert.]

Das Moment der +Unteilbarkeit+ ist also nicht aufrecht zu erhalten

für die Definition des Individualbegriffs, sondern nur das Moment der

+Ungeteiltheit+, der +Einheit+. Solange die +Hydra+ ungeteilt war,

bestand sie als Individuum, als Ganzes, als Ungeteiltes, als Einheit.

Durch die Teilung ging zwar das ursprüngliche Individuum zugrunde,

aber es entstanden zwei neue Einheiten daraus, die, solange sie nicht

selbst weiter zerschnitten werden, wirklich vollkommene Individuen

vorstellen. Nur das Moment der +Einheit+ kann also maßgebend sein für

die Definition des Individualbegriffs, wenn sie in einer so allgemeinen

Fassung gegeben werden soll, daß sie für alle speziellen Fälle gültig

bleibt. Ein organisches Individuum wäre demnach nichts als eine

einheitliche Masse lebendiger Substanz.

Aber in dieser allgemeinsten Form ist die Definition wieder zu weit,

denn danach wäre auch jeder kleine Fetzen lebendiger Substanz, den

wir von einer lebendigen Zelle unter dem Mikroskop abgeschnitten

haben, noch ein Individuum. Wir werden uns indessen nicht entschließen

können, einen solchen Fetzen als Individuum zu betrachten, wenn wir

sehen, wie jedes Stückchen lebendiger Substanz, das nicht mehr den

Wert einer Zelle hat, stets nach einiger Zeit unfehlbar zugrunde

geht. Es gehört also zum Begriff des Individuums noch das Moment der

Selbsterhaltungsfähigkeit. Somit können wir sagen: +ein organisches

Individuum ist eine einheitliche Masse lebendiger Substanz, die unter

bestimmten äußeren Lebensbedingungen selbsterhaltungsfähig ist+.

[Illustration:

_a_ _b_

Fig. 3. +Eucorallium rubrum+, Edelkoralle. _a_ ein Korallenstock mit

vielen Individuen, _b_ ein einzelnes Individuum, stärker vergrößert.

Nach ~Haeckel~.]

Diese Definition findet zunächst Anwendung auf alle einzelnen,

freilebenden Organismen, die räumlich voneinander getrennt und nicht

künstlich zerteilt sind, also auf alle Organismen in der Form, wie

sie in der Natur vorkommen; aber die Definition umfaßt noch mehr als

nur räumlich getrennte Organismen, sie umfaßt auch zusammengehörige

Gruppen von einzelnen Organismen, deren jeder vom anderen zwar räumlich

getrennt sein kann, die aber alle zusammen eine +Einheit+ bilden.

Ein Beispiel dafür ist der Ameisenhaufen. Der Ameisenhaufen stellt

ein Individuum vor, insofern er ein einheitliches Ganzes ist, in dem

die einzelnen Teile, wie die Glieder eines Organismus, einheitlich

zusammen arbeiten. Der Ameisenstaat besteht aber seinerseits wiederum

aus lauter einzelnen Individuen, aus Männchen, Weibchen, Arbeiterinnen,

Soldaten etc., und so sehen wir schon, +daß die Individualität von

sehr verschiedenem Werte sein kann+. Der Ameisenstaat, selbst ein

Individuum, umfaßt wieder eine große Menge von Individuen. Wir haben

es hier also mit Individualitäten von verschiedenem Grade zu tun.

Es erscheint daher zweckmäßig, diese Individualitätsgrade in der

Weise zu unterscheiden, daß man die umfassendere Individuenform

als ein +Individuum höherer Ordnung+, die sie zusammensetzenden

Individuenformen als +Individuen niederer Ordnung+ bezeichnet. Ganz

ähnlich dem Verhältnis zwischen dem Ameisenstaat und der einzelnen

Ameise ist das Verhältnis bei den Korallenstöcken. Hier ist der ganze

Korallenstock (Fig. 3 _a_) ein Individuum höherer Ordnung, der einzelne

Korallenpolyp (Fig. 3 _b_) aber ein Individuum niederer Ordnung;

der Unterschied gegenüber dem Ameisenhaufen besteht nur darin, daß

die Individuen niederer Ordnung hier substantiell untereinander im

Zusammenhang stehen.

[Illustration: Fig. 4. +Stephalia corona+, eine Siphonophore.

_A_ Längsschnitt, _B_ äußere Ansicht, _sb_ Schwimmblase, _sg_

Schwimmglocken, _go_ Geschlechtstrauben, _hg_ Magenschläuche, _o_

Hauptmagenschlauch, _t_ Tentakel. Sämtliche Organe sind einzelne

Individuen. Nach ~Haeckel~.]

Es wird zweckmäßig sein, eine Umschau in der organischen Welt danach

zu halten, welche verschiedenen Grade der Individualität wir finden.

Der +Staat, die Kolonie+ ist offenbar der höchste Individualitätsgrad,

denn auch eine Summe von Staaten überschreitet die Individualitätsstufe

des Staates nicht als eine neue Einheit. Die nächst niedere

Individualitätsstufe im Staat aber ist die einzelne +Person+. Sehen

wir, ob auch die Person noch niedrigere Individualitätsstufen umfaßt.

Schon die Korallenkolonie könnte man in gewissem Sinne als Person

auffassen, die aus einzelnen Organen besteht; noch deutlicher aber

wird das Verhältnis bei einer anderen Cölenteratengruppe, bei den

Siphonophoren. Die Siphonophoren stellen Personen vor, die aus einer

Anzahl verschiedenartig entwickelter +Organe+ zusammengesetzt sind.

Alle diese Organe, von denen die einen für die Bewegung, die anderen

für die Ernährung, einige für die Fortpflanzung, andere für den

Schutz des ganzen Körpers entwickelt sind, gruppieren sich um eine

Längsachse in regelmäßiger Anordnung herum (Fig. 4). Aber alle diese

Organe sind einzelne Individuen, denn die Entwicklungsgeschichte der

Siphonophoren zeigt uns einerseits, daß sie durch Knospung sämtlich aus

morphologisch homologen Teilen hervorgehen, und andererseits, daß sich

in bestimmten Fällen einzelne Individuen, wie z. B. die Schwimmglocken,

vom Stamme loslösen und ein selbständiges Dasein als Medusen führen

können. Wir sehen also, daß wir die Person der Siphonophoren als

eine Kolonie von einzelnen Organen auffassen können, daß somit die

Individualitätsstufe der Person die niedrigere Individualitätsstufe der

Organe umfaßt. Suchen wir, ob es noch niedrigere Individualitätsstufen

gibt als das Organ. Bei genauer Zergliederung eines Organs, etwa

eines menschlichen Armes, zeigt sich, daß auch dieses noch aus

verschiedenartigen Bestandteilen zusammengesetzt ist, die wir als

+Gewebe+ bezeichnen. Der Arm enthält Muskelgewebe, Nervengewebe,

Knochengewebe etc.; das Charakteristikum für das Organ ist daher seine

Zusammensetzung aus mehreren verschiedenen Gewebearten. Die nächst

niedrigere Individualitätsstufe wäre also das +Gewebe+. In der Tat

gibt es Organismen, die nur aus einer einzigen Gewebeform bestehen,

bei denen noch keine Verschiedenheit der einzelnen Gewebebestandteile

vorhanden ist. Solche freilebenden Gewebe finden wir zahlreich

vertreten in der Gruppe der Algen. +Eudorina elegans+ z. B. ist

eine durchsichtige, kleine Gallertkugel, in der nebeneinander viele

einzelne runde Klümpchen eingebettet liegen, die sich bei näherer

Untersuchung als voneinander getrennte Teilchen lebendiger Substanz

erweisen. Diese kleinsten Teilchen für sich existierender lebendiger

Substanz sind +Zellen+. In unserem Falle hat jede Zelle zwei

zierliche Geißelfäden, durch deren Bewegung die ganze maulbeerförmige

Gallertkugel im Wasser umhergetrieben wird (Fig. 5). Jede solche

Geißelzelle ist ein selbständiges Individuum und lebt, wenn sie von

der Gallertkugel getrennt wird, wie das z. B. auch spontan bei der

Fortpflanzung eintritt, ungestört weiter. Hier sehen wir also, daß

die Individualitätsstufe des Gewebes die einzelne +Zelle+ in sich

birgt. Das Gewebe ist eine Kolonie von Zellen. Aber bei der Zelle

sind wir auch an der niedrigsten Individualitätsstufe angelangt.

Zwar finden wir, daß auch die Zelle noch zusammengesetzt ist aus

verschiedenen Bestandteilen, vor allem aus einer weicheren Grundmasse,

dem Protoplasma, und einem darin eingebetteten meist etwas festeren

Kern, dem Zellkern; aber wir können bei keiner Zelle diese beiden

Bestandteile trennen, ohne daß sie einzeln zugrunde gingen. Eine große

Anzahl von Experimenten hat gezeigt, daß kein Protoplasma ohne Zellkern

und kein Zellkern ohne Protoplasma allein selbsterhaltungsfähig ist.

Also bildet nach unserer Definition des Individuums keins von beiden

mehr ein Individuum. Dem entsprechend ist auch in der ganzen Natur

nirgends ein freilebender Organismus bekannt, der eine niedrigere

Individualitätsstufe repräsentierte als die Zelle. +Die Zelle ist der

einfachste Individualitätsgrad, die Zelle ist, wie ~Brücke~[22] sagt,

der „Elementarorganismus“.+

[Illustration: Fig. 5. +Eudorina elegans.+ Eine Flagellaten-Kolonie.

Die einzelnen Zellindividuen liegen in einer gemeinsamen Gallertkugel

eingebettet.]

Scheinbar im Widerspruch mit dieser Auffassung der Zelle als eines

Individuums niedrigster Ordnung steht die Tatsache, daß die Zelle,

wie durch viele Versuche in neuerer Zeit festgestellt worden ist,

unter bestimmten Bedingungen doch noch künstlich geteilt werden kann

in Teilstücke, die dauernd ungestört weiter leben und sich sogar noch

fortpflanzen können. Zerschneidet man z. B. unter dem Mikroskop eine

freilebende Infusorienzelle, etwa den zierlichen, im Süßwasser lebenden

+Stentor Roeselii+ (Fig. 6 _A_), der sich besonders dazu eignet, in

der Weise, daß jede Hälfte ein Stück des langen stabförmigen Zellkerns

mitbekommt, so zeigt sich dieselbe Tatsache wie bei +Hydra+: Die beiden

Teilstücke formen sich wieder zu vollständigen kleinen +Stentoren+

um (Fig. 6 _B_ und _C_) und leben als solche in vollkommen normaler

Weise weiter. Hier ist also die Zelle, das Individuum niedrigster

Ordnung, doch noch in zwei Individuen zerlegt worden und kann sogar

in noch mehr Individuen geteilt werden, wenn man die Operationen

so einrichtet, daß jedes Stück sowohl etwas Protoplasma als auch

einen Teil des Zellkerns mitbekommt. Wir werden dieser Tatsache

von fundamentaler Bedeutung noch öfter zu gedenken haben. Aber im

vorliegenden Falle steht sie doch nur scheinbar im Widerspruch mit

der Auffassung der Zelle als Elementar-Individuum, denn, was wir

durch die Teilung erhalten haben, sind ja in Wirklichkeit gar keine

neuen Individualitätsstufen, sondern vollkommene +Stentoren+, d. h.

Individuen vom Formenwert einer +Zelle+. Bei allen diesen Teilungen

von Zellen, wo wir in den Teilstücken Protoplasma und Kern haben, sind

immer die Teilstücke ebenfalls wieder Zellen; über die Zelle kommen

wir dabei nicht hinaus. Teilen wir dagegen so, daß das eine Teilstück

Protoplasma und Kern, das andere nur Protoplasma ohne Kern bekommt, so

bleibt das erstere leben und repräsentiert eine vollständige Zelle, das

letztere aber, das nicht mehr auf der Individualitätsstufe der Zelle

steht, geht unfehlbar zugrunde. +Die Zelle bleibt also in jedem Falle

der Elementarorganismus.+

[Illustration: Fig. 6. +Stentor Roeselii+, eine trompetenförmige

Infusorienzelle. _A_ quer zerschnitten, _B_ und _C_ die beiden

Teilstücke haben sich zu vollständigen Stentoren regeneriert. Die

helle, langgestreckte Masse im Innern bezeichnet den Kern.]

Fassen wir unsere bisherigen Betrachtungen über die

Individualität zusammen, so können wir in der Organismenwelt

fünf Individualitätsstufen unterscheiden und in folgender Weise

charakterisieren:

1. +Individuen erster Ordnung sind die Zellen.+ Sie repräsentieren

die Elementarorganismen, die nicht mehr aus niedrigeren, für sich

lebensfähigen Einheiten zusammengesetzt sind. Ein Beispiel ist das

einzellige Wimper-Infusorium +Stentor+ (Fig. 6).

2. +Individuen zweiter Ordnung sind die Gewebe.+ Die Gewebe sind

Verbände von Individuen erster Ordnung, deren jedes gleich dem

anderen ist. Ein Beispiel ist die flagellate Algenkugel +Eudorina+

(Fig. 5).

3. +Individuen dritter Ordnung sind die Organe.+ Die Organe sind

Verbände von verschiedenen Arten Individuen zweiter Ordnung. Ein

Beispiel ist die +Hydra+ (Fig. 2), deren ganzer Körper nur aus zwei

Schichten von Geweben besteht.

4. +Individuen vierter Ordnung sind die Personen.+ Die Personen sind

Verbände von verschiedenen Individuen dritter Ordnung. Ein Beispiel

ist der +Mensch+, dessen Körper aus der Vereinigung verschiedener

Organe besteht.

5. +Individuen fünfter Ordnung sind die Staaten.+ Die Staaten

sind Verbände von Individuen vierter Ordnung. Beispiele sind die

+Ameisen-+ und +Bienenstaaten+.

Dieses Schema erfordert aber noch eine Bemerkung. Es zeigt zunächst,

daß jedes Individuum höherer Ordnung aus einem Verband von Individuen

der nächst niedrigeren Ordnung besteht. Nun sind aber die Konstituenten

eines Individuums höherer Ordnung nicht immer +reelle+ Individuen,

d. h. sie sind, wenn sie aus ihrem Verbande getrennt werden, nicht

immer für sich selbsterhaltungsfähig. Sie haben nur die Fähigkeit

der Selbsterhaltung, solange sie im Verbande leben, sind also nur

+virtuelle+ Individuen. Nehmen wir z. B. ein Individuum vierter

Ordnung, also eine Person, etwa einen Menschen, so besteht diese

Person aus einzelnen Organen, also aus Teilen, die ihrem Formenwert

nach Individuen dritter Ordnung gleichen. Diese Organe sind aber nur

virtuelle, nicht reelle Individuen, denn aus dem Verband getrennt gehen

sie zugrunde. Dasselbe kann bei Individuen aller Ordnungen der Fall

sein. Auch z. B. die Zelle eines tierischen Gewebes, aus dem Verband

mit ihren Schwestern getrennt, ist für sich nicht lebensfähig; sie ist

also nur als virtuelles Individuum im Gewebe enthalten usf. In anderen

Fällen dagegen können die Konstituenten eines Individuums höherer

Ordnung auch zu reellen Individuen der nächst niederen Ordnung werden,

wenn man sie aus dem Verbande trennt, wie das z. B. der Fall der

+Eudorina+ zeigt, bei der die einzelnen Zellen auch getrennt für sich

lebensfähig sind.

+Was aus diesen Betrachtungen hervorgeht, ist die wichtige Tatsache,

daß alle lebendigen Individuen, welcher Ordnung sie auch angehören

mögen, in letzter Instanz entweder aus Zellen als elementaren

Bausteinen zusammengesetzt oder selber freilebende Zellen sind. Die

Zelle muß daher der Herd derjenigen Vorgänge sein, deren Ausdruck die

Lebensäußerungen sind, d. h. der Sitz der Lebensvorgänge selbst.+

Demgegenüber ist vor einiger Zeit von ~Altmann~[23] der Versuch

gemacht worden, eine noch niedrigere Individualitätsstufe nachzuweisen

als die Zelle, und damit die Anschauung zu widerlegen, daß die

Zellen die Elementarorganismen seien. Seit langer Zeit bereits weiß

man, daß im Inhalt der Zellen weit verbreitet sich in einer homogen

aussehenden Grundsubstanz rundliche Körnchen von verschiedener Größe

finden, die als Elementarkörnchen, Granula oder Mikrosomen bezeichnet

werden (Fig. 7). In manchen Fällen sind nur wenige solcher Granula

in der Zelle vorhanden; in anderen Fällen ist die ganze Zelle dicht

mit ihnen vollgepfropft, so daß die Grundsubstanz dazwischen fast

verschwindet. Diese Granula betrachtet ~Altmann~ als die eigentlichen

Elementarorganismen und bezeichnet sie als „Bioblasten“. Sie sollen

nach ~Altmann~ die eigentlich lebendigen Elemente in der Zelle

vorstellen, die den Sitz der Lebensvorgänge bilden. Die Zelle selbst

ist nach der Auffassung ~Altmann~s dann als eine +Kolonie+ von

Bioblasten anzusehen, also nicht mehr als Elementarorganismus, sondern

als Individuum höherer Ordnung. Freilich kann man den einzelnen

Bioblasten, wenn er aus dem Verband mit den übrigen Bioblasten der

Zelle getrennt ist, nicht mehr am Leben erhalten. Indessen gibt es nach

~Altmann~ auch freilebende Bioblasten in der Natur, und das sind die

Bakterien. Das große Heer der Spaltpilze oder Bakterien stellt, wie

~Altmann~ meint, nichts weiter vor als freilebende Elementarorganismen,

die den Granulis oder Bioblasten, welche den Zelleninhalt

zusammensetzen helfen, in bezug auf ihre Individualitätsstufe durchaus

gleichwertig sind.

[Illustration: Fig. 7. +Leberzellen mit Granulis+. Nach ~Altmann~.]

Vergeblich sieht man sich in den Arbeiten ~Altmann~s nach einer

stichhaltigen Begründung der Hypothese um, nach der die Bioblasten

die Elementarorganismen vorstellen. Dagegen ist es nicht schwer, die

Unhaltbarkeit dieser Auffassung zu erkennen, so daß sie denn heute auch

von der wissenschaftlichen Forschung vollkommen abgelehnt worden ist,

und der Versuch ~Altmann~s, in den sogenannten Bioblasten eine noch

niedrigere Individualitätsstufe nachzuweisen als die Zelle, für völlig

mißlungen angesehen werden muß.

Als die beiden wichtigsten Momente, welche die Granulahypothese

unhaltbar erscheinen lassen, sind folgende zu betrachten. Einerseits

faßt ~Altmann~ unter dem Begriff des Granulums die allerverschiedensten

Elemente des Zellinhalts zusammen, Elemente, die schlechterdings

überhaupt nicht miteinander homologisiert werden können. Zwar hat

~Altmann~ später die Auffassung, daß die Chlorophyllkörper, die den

Pflanzenzellen die grüne Farbe verleihen, ebenfalls Bioblasten seien,

fallen gelassen, aber immerhin umfaßt der Begriff noch jetzt die

heterogensten Dinge. So wurden von ~Altmann~ als Granula nicht nur

die feinen grauen Körnchen betrachtet, die weit verbreitet in den

verschiedensten freilebenden und Gewebezellen vorkommen und selbst

wieder die allerverschiedenste chemische Zusammensetzung und Bedeutung

für das Zellleben haben, sondern auch die feinen Farbstoffkörnchen

der Pigmentzellen, die den Geweben, in denen sie liegen, ihre

charakteristische Farbe verleihen, ferner die feinen, plättchenartigen

Gebilde, die aus dem Dotter der Eier bekannt sind, und schließlich

sogar die kleinen Oeltröpfchen und Fettkügelchen, die sich in den

verschiedenen Gewebezellen, besonders in der Leber und den Zellen des

Unterhautbindegewebes vorfinden. Unter den Granulis im ~Altmann~schen

Sinne werden aufgenommene Nahrungsstoffe und Stoffwechselprodukte

der Zelle einträchtig zusammengefaßt und als Elementarorganismen

betrachtet, also Stoffe, welche die allerverschiedenste Rolle im

Zellleben spielen oder gespielt haben. Andererseits aber weist

~Altmann~ für keine einzige aller dieser Granulaformen nach, daß sie

die allgemeinen Lebensäußerungen zeigt, eine Forderung, die man doch

erfüllt sehen muß, um die Bezeichnung „Elementarorganismus“ zulässig

finden zu können. Uebrigens dürfte wohl niemand einen Versuch, diesen

Nachweis zu führen, für aussichtsvoll halten, besonders wenn es sich um

einen in der Zelle liegenden Oeltropfen oder ein Pigmentkorn handelt.

Nun glaubt zwar ~Altmann~, in den Bakterien freilebende Granula

erblicken zu müssen, aber hierfür fehlt nicht nur jeder Anhaltspunkt,

sondern wir wissen auch heute, daß die Bakterien vollkommene Zellen

sind, also Organismen, die ~Altmann~ als +Kolonien+ von Bioblasten

betrachtet.

Diese Bedenken genügen schon, um die Auffassung der Granula als

Elementarorganismen umzustoßen. +Es erscheint überhaupt durchaus

unzulässig, Gebilde als Elementarorganismen zu bezeichnen, für die

wir keine analogen freilebenden Organismen kennen.+ Wenn wir das tun,

dann fällt der Begriff des organischen Individuums vollständig in sich

zusammen, denn wir haben dann keine Berechtigung, bei irgendeinem

Teil der lebendigen Substanz halt zu machen, sondern können mit der

gleichen Berechtigung schließlich ein Sauerstoff- oder Kohlenstoff-

oder sonst irgendein Atom, das gerade am Lebensvorgang beteiligt

ist, als Elementarorganismus bezeichnen. Dann gäbe es ebensoviel

verschiedene Arten von Elementarorganismen wie organische Elemente.

Eine andere Frage ist die, was wir als einen Organismus, als ein

organisches Individuum bezeichnen wollen, eine andere diejenige, was

wir überhaupt lebendig nennen wollen. Ueber die letztere Frage werden

wir uns später auseinander zu setzen haben; bezüglich der ersteren

aber müssen wir, wenn uns der Begriff des organischen Individuums

nicht zwischen den Fingern zerfließen soll, unbedingt an der Forderung

festhalten, daß zum Organismus die Summe aller der Lebensäußerungen

gehört, welche die Selbsterhaltung repräsentieren, und dieser Bedingung

entspricht als niedrigster Organismus nur die Zelle. +Die Zelle

bleibt daher das Individuum niedrigster Ordnung -- die Zelle ist der

Elementarorganismus.+

Allgemeine Physiologie · 第 75 / 283 题