Der Versuch, das geheimnisvolle Dunkel zu lüften, das die Mysterien
der lebendigen Substanz umhüllt, der Substanz, die von selbst sich
ernährt und atmet, sich bewegt und wächst, sich fortpflanzt und
entwickelt, hat von alters her einen eigenen Reiz auf die Gemüter
grübelnder Denker ausgeübt. In naiver Weise glaubte das Altertum aus
der Vermischung gewisser Stoffe die Substanz der lebendigen Körper
erklären zu können. So stellte sich ~Hippokrates~ vor, der normale
menschliche Körper bestehe aus Blut, Schleim und Galle, die in
bestimmten Verhältnissen miteinander gemischt seien. Das Mittelalter,
das die Rätsel der Natur sämtlich mit Hilfe der vielmächtigen Alchymie
zu lösen suchte, glaubte dem Geheimnis der lebendigen Substanz schon
auf der Spur zu sein. Wie tief man in diesem Wahn befangen war, zeigen
die vielen Versuche des Mittelalters, lebendige Substanz künstlich
in der schwarzen Küche darzustellen. Die gespannte Erwartung, mit
der im phantastischen Halbdunkel seines Laboratoriums, umgeben von
seltsamen Adepten und abenteuerlichen Apparaten, der mittelalterliche
Alchymist den Homunculus jeden Augenblick fertig der Retorte oder
dem Schmelztiegel entsteigen zu sehen hoffte, stellt einen Zug vor,
der nicht wenig charakteristisch ist für die Entwicklungsstufe, auf
der die Wissenschaft in jenen Jahrhunderten stand. Aber wie stolz
wir auch auf unsere moderne Wissenschaft zu sein pflegen, wir haben
nicht das Recht, mit Spott auf diese Versuche des Mittelalters
herabzublicken, wenn wir daran denken, daß seit jener Zeit bis in
unser Jahrhundert hinein die Versuche fortgedauert haben, zwar nicht
den Menschen selbst, den Homunculus, wohl aber die einfachsten Formen
lebendiger Substanz künstlich herzustellen. Und doch gleichen all
diese Versuche nur dem Unternehmen eines Mannes, der ein kompliziertes
Uhrwerk zusammenzusetzen versucht, ohne die dazu notwendigen Teile
zu kennen. In der Tat, wie einfach auch das Problem der künstlichen
Darstellung lebendiger Substanz dem Mittelalter noch erschien, der
Fortschritt nüchternen Denkens und kritischer Forschung hat immer
mehr und mehr gezeigt, wie weit wir vorläufig sogar noch von der
Kenntnis ihrer feineren Zusammensetzung entfernt sind. Wie sollte
es aber möglich sein, eine Substanz chemisch darzustellen, deren
chemische Zusammensetzung gar nicht bekannt ist! Das Augenmerk der
modernen Forschung hat sich daher mehr und mehr darauf gerichtet,
die +Zusammensetzung der lebendigen Substanz+ zu erforschen, und die
Erfolge sind nicht ausgeblieben. Die moderne Forschung hat tiefe Blicke
getan in die Formbildung, in die physikalischen Verhältnisse, in die
feinere Struktur und in die chemische Konstitution der lebendigen
Substanz, und unermüdliche Geister sind beschäftigt, den Schleier, der
diese Rätsel umhüllt, noch weiter zu lüften.
A. Die Individualisation der lebendigen Substanz.