Wenden wir uns jetzt wieder unserer eigentlichen Aufgabe zu. Unsere
Ueberlegung hat uns die Möglichkeit gezeigt, alle Vorgänge die
körperlichen wie die geistigen, nach den gleichen Prinzipien, zu
analysieren, und wir haben gefunden, daß sich unserer Forschung keine
prinzipiellen Grenzen entgegenstellen. Beschränken wir uns aber
nunmehr auf das spezielle Gebiet der Physiologie, auf die Erforschung
der Lebensvorgänge. Die Gesetze, nach denen sich die Vorgänge in der
leblosen Körperwelt abspielen, hat uns bekanntlich, soweit wir sie bis
heute kennen, die Physik und Chemie erschlossen. Es entsteht hier nun
für uns die Frage, ob auch die Vorgänge in der Organismenwelt sich nach
den gleichen Gesetzen vollziehen.
Der +Vitalismus+ sagt: Nein. In den Organismen herrscht eine besondere
Kraft, welche die Lebensvorgänge hervorbringt: die +Lebenskraft+. Die
Lebenskraft ist nur auf die lebendige Organismenwelt beschränkt und ist
nicht identisch mit den chemisch-physikalischen Faktoren der leblosen
Natur.
In diesen Worten ist der wesentliche Inhalt des Vitalismus enthalten.
Prüfen wir, welche Berechtigung der Hypothese von der Lebenskraft
zukommt, und worauf sie sich stützt. Wir haben bei unserem Ueberblick
über die Entwicklungsgeschichte der physiologischen Forschung die
Geschichte der Lebenskraft kennen gelernt; wir haben gesehen, wie diese
Lehre entstand im Anschluß an die Tatsachen der Irritabilität, und
wir haben gefunden, daß der Begriff der Lebenskraft nie einheitlich
definiert worden ist, daß er vielmehr immer ein verschwommener war
und meistens nur als Bequemlichkeitsprinzip diente. Diese Unklarheit
des Begriffes einer mystischen, unbekannten Lebenskraft ist die
Hauptschwierigkeit für seine kritische Beleuchtung. Wäre der Begriff
faßbar und scharf definiert, so könnte man ihn leichter erörtern.
+Die Behauptung einer Lebenskraft stützt sich allein auf die
Tatsache, daß sich bestimmte Lebensäußerungen bisher nicht haben auf
chemisch-physikalische Gesetze zurückführen lassen.+ In der Tat haben
wir bereits, als wir das Fazit aus der bisherigen physiologischen
Forschung zogen, die entmutigende Wahrnehmung gemacht, daß, was wir von
Lebensäußerungen erklärt haben, immer nur die groben physikalischen und
chemischen Leistungen des Körpers waren, daß, wo wir diese Leistungen
weiter auf ihre tiefer gelegenen Bedingungen untersuchten, sich immer
ungelöste Rätsel uns entgegenstellten. Ja, ~Bunge~ behauptet sogar[7]:
„Je eingehender, vielseitiger, gründlicher wir die Lebenserscheinungen
zu erforschen streben, desto mehr kommen wir zu der Einsicht, daß
Vorgänge, die wir bereits geglaubt hatten, physikalisch und chemisch
erklären zu können, weit verwickelter Natur sind und vorläufig jeder
mechanischen Erklärung spotten.“
Wie wenig auch die Tatsache zu bestreiten ist, daß viele, ja ganz
besonders gerade die elementaren und allgemeinen Lebensvorgänge
+bisher+ einer genügenden chemisch-physikalischen Analyse entbehren,
so ist doch aus dieser Tatsache noch keine logische Berechtigung
abzuleiten für die Behauptung, daß diese Vorgänge +überhaupt+ nicht
nach chemisch-physikalischen Gesetzen zu stande kommen, und daß eine
besondere Lebenskraft existiert, die sie hervorbringt. Dagegen gibt es
wohl Umstände, welche direkt +gegen+ die Existenz einer Lebenskraft
sprechen.
Es ist, trotz aller Bemühungen der Vitalisten, bisher noch nicht
gelungen, irgend eine besondere Kraft in den Organismen festzustellen,
d. h. in der Weise aus ihren Wirkungen zu charakterisieren, wie die
Physik und Chemie es für die Kräfte der anorganischen Natur getan
haben. Für keine von den Leistungen des Körpers, die aus der Tätigkeit
einer Lebenskraft entspringen sollen, haben die Vitalisten bis jetzt
die Behauptung zu widerlegen vermocht, daß sie in Wirklichkeit nur
Ausdruck komplizierter chemisch-physikalischer Verhältnisse sind. Man
hat z. B. lange geglaubt, daß bestimmte Stoffe, die man ausschließlich
im lebendigen Organismus findet, nur durch die Wirksamkeit der
Lebenskraft entständen, daß sie auf chemisch-physikalischem Wege nicht
darstellbar wären. Diese einst so wichtige Stütze für die Annahme
einer Lebenskraft hat, wie wir sahen, ~Wöhler~[8] bereits im Jahre
1828 zum Wanken gebracht, indem er den Harnstoff, einen Körper, der
nur im Stoffwechsel des lebendigen Organismus produziert wird, im
Laboratorium synthetisch herstellte, und zwar aus cyansaurem Ammon
(NH₄)CNO, das dem Harnstoff (NH₂)₂CO isomer ist, d. h. die gleiche
Anzahl derselben Atome in anderer Anordnung besitzt. Das cyansaure
Ammon aber wird aus rein anorganischen Stoffen dargestellt. Dieser
Synthese des Harnstoffs folgte seitdem noch eine ganze Reihe anderer
von derselben Bedeutung, die alle zeigten, daß sich charakteristische
Stoffe des Organismus auch künstlich zusammensetzen lassen. Die
Annahme einer besonderen Lebenskraft für ihre Erzeugung im Organismus
war damit überflüssig geworden. Freilich ist es noch immer nicht
gelungen, eine große Anzahl von Stoffen des Tier- und Pflanzenkörpers
künstlich herzustellen. Es ist wahr, daß wir gerade die wichtigsten
dieser Stoffe, die Eiweißkörper der lebendigen Substanz, bisher noch
nicht im Laboratorium haben darstellen können, aber die Gründe dafür
sind sehr naheliegend. Wir kennen noch nicht genau genug die chemische
Zusammensetzung der im Organismus vorkommenden Eiweißkörper; wir wissen
zwar jetzt, +welche+ Atome in ihnen enthalten sind, aber wir haben noch
keine ausreichende Erfahrung darüber, +wie+ diese Atome aneinander
gekoppelt sind. Daß wir demnach vorläufig noch nicht hoffen dürfen, mit
Erfolg die künstliche Darstellung der von uns im Organismus gefundenen
Eiweißkörper zu versuchen, liegt auf der Hand. Dennoch ist bekannt,
wie die genialen Untersuchungen ~Emil Fischer~s über die Eiweißkörper
bereits soweit gediehen sind, daß es gelungen ist, in der großen Gruppe
der Polypeptide Stoffe künstlich herzustellen, die den natürlich
vorkommenden Eiweißkörpern bereits außerordentlich nahe stehen.
Eine andere Ueberlegung, die uns die Annahme einer besonderen
Lebenskraft als gänzlich unhaltbar erkennen läßt, ist folgende.
Die kalorimetrischen Untersuchungen der neueren Zeit haben
gezeigt, daß beim erwachsenen Tier, das sich in vollkommenem
Stoffwechselgleichgewicht befindet, d. h. das genau so viele Atome aus
seinem Körper als Ausscheidungsstoffe entfernt, wie es als Nahrung
aufnimmt, auch vollkommenes energetisches Gleichgewicht besteht,
d. h. daß genau dieselbe Energiemenge, die als chemische Spannkraft
mit der Nahrung in den Körper eintritt, bei der Lebenstätigkeit
des Tieres den Körper auch wieder verläßt. Wir müssen daher die
sämtlichen energetischen Leistungen des Körpers allein ableiten
aus den Energiemengen, die mit der Nahrung in den Körper gelangen.
Wollten wir das nicht, so würden wir zu ganz absurden Konsequenzen
geführt werden. Würden nämlich die Leistungen des Körpers aus einem
besonderen Energiefonds, aus der „Lebenskraft“ bestritten, so müßten
wir einerseits die Annahme machen, daß die Lebenskraft fortwährend
aus nichts im Körper neu gebildet würde, um seine Leistungen dauernd
zu unterhalten, und anderseits, daß die Energiemengen der Nahrung als
überflüssig im Körper fortwährend in nichts verschwänden. Dazu dürfte
sich aber heute wohl kein Naturforscher mehr entschließen.
~Johannes Müller~, der auch Vitalist war, hat, obwohl ihm noch
nicht das Gesetz von der Erhaltung der Energie bekannt war, doch
diese Schwierigkeit gefühlt und zu vermeiden gesucht, indem er die
Lebenskraft nach chemisch-physikalischen Gesetzen wirken ließ. Aber
damit ist eben eine spezifische Lebenskraft, die etwas anderes ist als
chemisch-physikalische Kräfte, im Grunde schon beseitigt, denn der
Begriff Lebenskraft ist dann nur ein Sammelwort für die komplizierten
chemisch-physikalischen Verhältnisse, welche die Lebensvorgänge
bedingen. In der Tat fassen manche Naturforscher das Wort nur in diesem
Sinne auf, und wäre ~Johannes Müller~ bereits mit dem Gesetz von der
Erhaltung der Energie bekannt gewesen, so hätte er das Wort Lebenskraft
sicherlich auch noch vermieden.
In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist der alte Begriff
der Lebenskraft vollständig aus der Physiologie verschwunden. Um so
seltsamer muß es daher erscheinen, wenn die Schlagworte des Vitalismus
seit einer Reihe von Jahren wieder von neuem hier und dort vernommen
werden. Ein genauerer Einblick in diese Tatsache zeigt uns indessen,
daß es sich hier meistens nur um eine sehr unglückliche Verwendung der
alten Worte handelt, daß der Sinn derselben vollständig gewechselt
hat, und daß da, wo man von „Vitalismus“ und „Neovitalismus“ spricht,
in der Regel etwas ganz anderes darunter verstanden wird als in der
alten Lehre von der Lebenskraft. Freilich ist in vereinzelten Fällen
auch noch die unklare Mystik des echten Vitalismus der alten Zeit
unter den neueren Vitalisten zu finden. Im allgemeinen kann man unter
den Aeußerungen des neueren Vitalismus drei Gruppen unterscheiden,
die man kurz bezeichnen kann als „mechanistischen“, „psychischen“ und
„teleologischen“ Vitalismus[9].
Der „+mechanistische Vitalismus+“ ist die hier und dort vertretene
Ansicht, daß zwar die Lebensvorgänge im Grunde auch auf der Wirksamkeit
physikalischer und chemischer Faktoren beruhen, daß aber chemische
und physikalische Bedingungen in den lebendigen Organismen zu einem
so eigenartigen, bisher noch unerforschten Komplex verkettet sind,
daß man diesen vorläufig als eine besondere, nur das Geschehen in
den lebendigen Organismen charakterisierende Lebenskraft allen
Faktoren der anorganischen Natur gegenüber stellen muß. Mit anderen
Worten, man versteht unter Lebenskraft nur das spezielle Getriebe
der chemisch-physikalischen Faktoren, das gerade den Lebensvorgängen
zugrunde liegt. Es ist offenbar, daß sich gegen das Tatsächliche
dieser Auffassung nichts einwenden läßt. Eine andere Frage ist es
aber, ob die Bezeichnung „Lebenskraft“ und „Vitalismus“ in diesem
Falle gerechtfertigt ist. Mit dem alten Vitalismus, der eine „force
hypermécanique“ als „Ursache“ der Lebensvorgänge annahm, hat diese
Vorstellung nichts zu tun. Es heißt daher nur den Vorteil, den uns die
mühsam erkämpfte Ueberzeugung von der Einheitlichkeit der Prinzipien
in der gesamten Natur bietet, wieder aufgeben, wenn man zu dem übel
berufenen Wort, das bei uns ein ganz bestimmtes Vorurteil erweckt,
zurückkehrt.
Etwas ganz anderes ist der +psychische Vitalismus+, wie ihn
~Bunge~[10] und im wesentlichen, wenn auch mehr poetisch als klar,
~Rindfleisch~[11] vertritt. Es ist nicht eigentlich eine physiologische
Lehre, sondern mehr eine philosophische, die der richtigen Erkenntnis
von der Unzulänglichkeit des Materialismus entspringt und sich in
bedauerlicher Weise des äußerst ungeeigneten Namens „Vitalismus“ und
„Neovitalismus“ bedient.
Betrachten wir z. B. den Standpunkt von ~Bunge~ etwas genauer. Mit
dem Satze: „Wenn aber die Gegner des Vitalismus behaupten, daß in
den lebenden Wesen durchaus keine anderen Faktoren wirksam seien als
einzig und allein die Kräfte und Stoffe der unbelebten Natur, so muß
ich diese Lehre bestreiten“, spricht zwar ~Bunge~ unzweideutig das
vitalistische Glaubensbekenntnis aus. Indessen geht aus seinen weiteren
Ausführungen ebenso deutlich hervor, daß sein Vitalismus in Wahrheit
gar kein Vitalismus ist. In Wirklichkeit zeigt sich nämlich, daß
~Bunge~s Vitalismus im wesentlichen ein „philosophischer Idealismus“
ist[12]. Dabei begeht ~Bunge~ nur die Inkonsequenz, daß er der gesamten
organischen Natur eine Psyche zuschreibt, der anorganischen dagegen
nicht. Die Psyche ist ihm der Faktor, der die Leistungen der lebendigen
Körperwelt gegenüber denen der leblosen auszeichnet. ~Bunge~ sagt,
anknüpfend an das Gesetz ~Johannes Müller~s von den spezifischen
Sinnesenergien: „Ich meine das einfache Gesetz, daß ein und derselbe
Reiz, ein und derselbe Vorgang der Außenwelt, ein und dasselbe ‚Ding
an sich‘ auf verschiedene Sinnesnerven einwirkend stets verschiedene
Empfindungen veranlaßt (‚auslöst‘), und daß verschiedene Reize auf
denselben Sinnesnerv einwirkend stets dieselbe Empfindung veranlassen,
daß also die Vorgänge in der Außenwelt mit unseren Empfindungen und
Vorstellungen nichts gemein haben, daß die Außenwelt für uns ein Buch
mit sieben Siegeln, daß das einzige unserer Beobachtung und Erkenntnis
unmittelbar Zugängliche die Zustände und Vorgänge des eigenen
Bewußtseins sind. Diese einfache Wahrheit ist das Größte und Tiefste,
was je der Menschengeist gedacht. Und diese einfache Wahrheit führt
uns auch zum vollen Verständnis dessen, was das Wesen des Vitalismus
ausmacht. Das Wesen des Vitalismus besteht nicht darin, daß wir uns
mit einem Worte begnügen und auf das Denken verzichten. Das Wesen des
Vitalismus -- richtiger +Idealismus+ -- besteht darin, daß wir den
allein richtigen Weg der Erkenntnis einschlagen, daß +wir ausgehen
von dem Bekannten, von der Innenwelt, um das Unbekannte zu erklären,
die Außenwelt+. Den umgekehrten und +verkehrten+ Weg schlägt der
Mechanismus ein -- der nichts anderes ist als der Materialismus -- er
geht von dem Unbekannten aus, von der Außenwelt, um das Bekannte zu
erklären, die Innenwelt.“
Man sieht hieraus, daß ~Bunge~s Standpunkt in der Tat mit dem
Vitalismus nichts zu tun hat. Seine Betrachtungen sind vielmehr nichts
anderes als ein Ausdruck seines Strebens, aus den Schwierigkeiten und
Widersprüchen, zu denen der Materialismus führt, herauszukommen. Leider
verfällt er dabei in neue Widersprüche und Schwierigkeiten, weil er
nicht bis auf die Basis der Erkenntniskritik zurückgeht.
Der +teleologische Vitalismus+ endlich ist ein wirklicher
Vitalismus von altem Schrot und Korn, denn er glaubt in der Tat die
Lebensäußerungen nicht anders erklären zu können, als durch das Walten
von mystischen Zweckvorstellungen in der organischen Natur. Indessen
gibt es unter den wissenschaftlichen Forschern wohl nur sehr wenige
Anhänger dieser naiven Vorstellung, und es ist charakteristisch, daß
ihr Standpunkt gerade von seiten der +physiologischen+ Forschung
nirgends Berücksichtigung gefunden hat. Da indessen ihre Vertreter
durch ihre Darstellungsweise den Eindruck zu erwecken suchen, als ob es
sich dabei tatsächlich um eine wissenschaftliche Erkenntnis handele, so
sei hier kurz darauf eingegangen.
Es sind hauptsächlich die Tatsachen der Entwicklung und Regeneration,
die zu solchen vitalistischen Spekulationen geführt haben. So gelangt
z. B. ~Driesch~[13] durch folgende Betrachtung zu seinem Vitalismus.
Es ist seit langer Zeit bekannt, daß bei vielen Pflanzen und niederen
Tieren nach Abtragung beliebiger Substanzmassen von bestimmten Teilen
eine vollständige Regeneration der verloren gegangenen Organe oder
anderer dem Organismus eigentümlicher Organe an der Schnittstelle
erfolgt. Ob man viel oder wenig an den betreffenden Stellen abträgt,
jede beliebige Schnittstelle regeneriert immer wieder normal gebaute
Organe. ~Driesch~ zieht daraus den Schluß, daß die Elementarteile
dieser Organismen oder gewisse Gewebe derselben, obwohl sie sämtlich
die gleiche „prospektive Potenz“, das soll heißen, die gleichen
Entwicklungsmöglichkeiten, haben, doch unter allen ihnen offenstehenden
Möglichkeiten nur diejenige wählen, deren Verwirklichung mit den
Entwicklungsprodukten der anderen Elementarteile zusammen ein
harmonisches Organ zur Ausbildung bringt. Daraus wiederum schließt
~Driesch~ auf das Wirken einer ~Aristotel~ischen „Entelechie“,
also einer Zweckvorstellung in jedem Teilchen, durch die sich alle
organischen Systeme von allen anorganischen Körpern fundamental
unterscheiden.
Der Fehler dieser ganzen Schlußfolgerung liegt in der Voraussetzung
mehrfacher Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Elementarteile,
unter denen das einzelne Elementarteilchen eine Wahl vornehmen
könnte. Vom Standpunkte des Konditionismus hätte sich ~Driesch~
vor diesem Fehler ohne weiteres bewahren können, denn von diesem
Standpunkte aus springt der Fehler deutlich genug hervor.
Das einzelne Elementarteilchen +hat+ gar nicht verschiedene
Entwicklungsmöglichkeiten, unter denen es auswählen könnte, denn
seine Entwicklung ist +eindeutig+ bestimmt durch die ganze Summe von
Bedingungen, unter denen es steht. Diese Bedingungen sind aber für
jedes einzelne Elementarteilchen schon allein infolge seiner +Lage+
völlig verschieden, denn jedes wird ja von einer anderen Umgebung
beeinflußt. Infolgedessen +können+ gar nicht alle Teilchen sich
übereinstimmend weiter entwickeln und die Annahme einer gleichen
„prospektiven Potenz“ aller Teilchen ist falsch. Damit fällt aber auch
die ganze weitere Schlußfolgerung einer Auswahl und Zweckvorstellung
zusammen, und von „Beweisen“ für den Vitalismus, wie ~Driesch~ geglaubt
hat, ist gar nicht die Rede[14].
Wiederum bewahrt uns ein konsequenter Konditionismus hier vor
falschen Schlußfolgerungen und ihren Fallstricken. Für die streng
konditionale Betrachtungsweise gibt es nur überall eindeutig bestimmte
Gesetzmäßigkeit und diese gilt für die organische Natur ebenso wie für
die anorganische. Die Physik und Chemie sind die Wissenschaften, die
diese +allgemeine+ Gesetzmäßigkeit des Seins und Geschehens in der Welt
formulieren. Es ist also logisch selbstverständlich, daß die Vorgänge
in der organischen Natur auch den Gesetzen der Physik und Chemie folgen
müssen. Die Physiologie ist und kann daher nie etwas anderes sein als
Physik und Chemie der lebendigen Organismen. Auf der anderen Seite darf
nicht vergessen werden, daß Physik und Chemie auch heute noch keine
fertigen Wissenschaften sind, daß sogar ganz wesentliche Ansichten
auf diesen Gebieten in Zukunft noch tiefgehende Aenderungen erfahren
werden. +So viel aber steht fest: niemals kann sich für die Physiologie
ein anderes Erklärungsprinzip der Lebensvorgänge ergeben als für die
Physik und Chemie bezüglich der Vorgänge in der leblosen Natur. Die
Annahme einer besonderen Lebenskraft, die etwas prinzipiell anderes
wäre als die Gesetzmäßigkeit in der anorganischen Welt, ist in jeder
Form nicht nur durchaus überflüssig, sondern auch unzulässig, denn sie
beruht immer nur darauf, daß man die Analyse einer Lebensäußerung nicht
weit genug durchgeführt hat.+