Wie kommt es, daß ganz moderne Bestrebungen in der Naturforschung,
nachdem die berüchtigte Idee von der Existenz einer Lebenskraft
jahrzehntelang für endgültig beseitigt gehalten worden ist, trotz
ihrer großen Verschiedenartigkeit gerade dieses verfehmte Wort als
Devise von neuem hervorsuchen? Worin liegt der Reiz, den die Worte:
„Lebenskraft“, „Vitalismus“ etc. in der Neuzeit noch auf Forscher,
wie ~Hanstein~[15], ~Kerner~[16], ~Bunge~[17], ~Rindfleisch~[18],
~Driesch~[19] und andere auszuüben vermögen? Das psychologische
Motiv ist nicht schwer aufzudecken. Es ist dasselbe, das einst zu
~Haller~s Zeiten die Idee von der Lebenskraft geboren hat, nämlich das
Unvermögen, gewisse Lebensäußerungen bisher mechanisch erklären, d. h.
auf chemisch-physikalische Prinzipien zurückführen zu können. Freilich
hat diese Tatsache während der verflossenen Jahrzehnte auch bestanden,
aber man hat sie mehr vernachlässigt, solange die Aufmerksamkeit durch
die epochemachenden physiologischen Entdeckungen ~Ludwig~s, ~Claude
Bernard~s, ~Du Bois-Reymond~s, ~Helmholtz~s und anderer gefesselt
war. Heute, wo die glänzenden Entdeckungen der großen Physiologen des
19. Jahrhunderts bis in ihre nächsten Konsequenzen hinein bereits
verfolgt sind, wo die Mechanik der gröberen Leistungen des Körpers in
ihren wesentlichen Zügen bekannt ist, heute, wo man die in der alten
Richtung gewonnenen Ergebnisse zwar noch bis in ihre Einzelheiten
zu vertiefen bemüht ist, wo man aber mit den alten Methoden keine
wesentlich neuen, hervorragenden Ergebnisse mehr erzielt: heute ist man
sich dieser Tatsache mehr bewußt geworden. Dazu kommt noch ein weiterer
unterstützender Umstand. Die heutige Naturforschung befindet sich zum
großen Teile noch immer unter dem Banne jener mächtigen Zauberformel,
mit der ~Du Bois-Reymond~ den ungehindert vorwärts strebenden Geist
gelähmt und abgeschreckt hat, indem er der Forschung mit seinem
„Ignorabimus“ eine ewige Entsagung auferlegte, deren Notwendigkeit
man um so bereitwilliger anerkannte, als sie von solchem Munde und
in so gewaltig packender Form gepredigt wurde. Diese Entsagung in
Verbindung mit der Tatsache, daß man mit den bisher gebräuchlichen
Methoden gewissen Problemen des Lebens gegenüber in der Tat große
Schwierigkeiten findet, dürfte psychologisch die Neigung zur Koketterie
mit dem Vitalismus, sei es, daß er sein altes Gewand trägt, sei es, daß
er in modernem Kleide erscheint, genügend erklären.
Indessen dem menschlichen Geiste fällt die Entsagung schwer, und selbst
~Du Bois-Reymond~ entschließt sich nicht leicht dazu. Diese natürliche
Abneigung des Denkens gegen ewige Entsagung läßt schon allein vermuten,
daß der Entsagungsstandpunkt kein in der Natur des menschlichen
Geistes begründeter, kein berechtigter sein dürfte, und unsere frühere
Betrachtung gibt uns darin recht. Wenn aber der Entsagungsstandpunkt
gegenüber den Rätseln des Lebens, den übrigens in praxi die meisten
Forscher verleugnen, nicht der richtige ist, wenn die Aeußerungen des
Lebens dennoch auf mechanischen Vorgängen beruhen, dann bleibt nur
eins übrig, nämlich, daß die physiologische Forschung ihre Methoden
erweitert.
+Wir sind im letzten Jahrzehnt des verflossenen Jahrhunderts bei einem
Wendepunkt in der Physiologie angelangt, wie er deutlicher sich nicht
bemerkbar machen kann.+ Die Wiederkehr des Vitalismus ist ein Anzeichen
dafür. Wie vor großen Wendepunkten in der Geschichte bei hellsehenden
Leuten vorbedeutungsvolle Geister erscheinen, so taucht in unseren
Tagen bei manchen Naturforschern das alte Gespenst der Lebenskraft
wieder auf.
Was diesen Wendepunkt in der Physiologie charakterisiert, ist
nicht schwer zu sehen. Wenn wir uns fragen, was haben wir in der
Physiologie erreicht, so finden wir, daß wir die groben chemischen
und physikalischen Leistungen des Körpers zum größten Teil kennen
gelernt haben, und zwar dank den genialen Forschungsmethoden und den
gewaltigen Entdeckungen der Forscher unserer Zeit vielfach bis zu
einer Genauigkeit, wie sie sonst nur die Entdeckungen der Physik und
Chemie noch auszeichnet. Wir kennen die Gesetze der Herztätigkeit, der
Blutbewegung, des Luftwechsels in den Lungen, der Muskelzuckung, der
Nervenleitung; wir kennen die Leistungen der Sinnesorgane; wir wissen,
in welcher Weise die Verdauungssäfte auf die Nahrung einwirken; wir
kennen die spezielle anatomische Lokalisation der Bedingungen vieler
Bewußtseinsvorgänge. Aber alles das sind nur die Massenleistungen
großer Teile des Körpers, sind nur die letzten Enderfolge der
Lebensvorgänge. Alles, was wir jetzt noch mit den speziellen Methoden,
die von den großen Meistern in der Physiologie eben für +diese+ Zwecke
geschaffen wurden, weiter erreichen, ist im wesentlichen nur eine
Vertiefung unserer bisherigen Kenntnisse bis in feinere Einzelheiten
und eine Anwendung auf analoge Verhältnisse. Das beweist jeder Blick in
die physiologische Literatur, das lehrt jedes neu erscheinende Heft der
Archive. Daher gibt es augenblicklich auch keine dominierende Richtung
in der Physiologie, wie es noch vor kurzer Zeit die physikalische
Richtung war. Eine neue größere Entdeckung wird auf dem bisherigen
Wege trotz eines häufig bewundernswerten Aufwandes an Scharfsinn und
Kenntnissen nur selten noch gemacht, und doch sind die eigentlichen
Rätsel des Lebens noch nicht gelöst. Wir wollen nicht so weit gehen wie
~Bunge~ und behaupten, daß alle Lebensäußerungen, die bisher mechanisch
erklärt wurden, überhaupt keine Lebensäußerungen sind; aber es kann
dennoch kein Zweifel darüber bestehen, daß wir gerade die allgemeinen,
die elementaren Lebensvorgänge bisher nicht erklären konnten. Diese
Machtlosigkeit der heutigen Physiologie gegenüber den einfachsten
Lebensvorgängen weist offenbar darauf hin, daß die Methoden, welche die
Mechanik der groben und speziellen physiologischen Leistungen erklärt
haben, so genial sie für diesen Zweck erdacht waren, uns für andere
Zwecke, für die Erforschung der Lebensvorgänge in ihren +tieferen+ und
+allgemeinen Bedingungen+, vielfach im Stiche lassen.
Um den allgemeinen Rätseln des Lebens beizukommen, müssen wir einen
ganz anderen Weg einschlagen. Aber es gibt einen Weg, und auf diesen
Weg sind wir bereits deutlich genug gewiesen, als wir nach unserem
Ueberblick über die Entwicklungsgeschichte der physiologischen
Forschung die Ergebnisse kurz zusammenfaßten. +Worauf uns die
Betrachtung jeder einzelnen Funktion des Körpers immer wieder
hindrängt, das ist die Zelle. In der Muskelzelle liegt das Rätsel der
Herzbewegung, der Muskelkontraktion; in der Drüsenzelle liegen die
Bedingungen der Sekretion; in der Epithelzelle, in der weißen Blutzelle
liegt das Problem der Nahrungsaufnahme, der Resorption, und in der
Ganglienzelle schlummern die Geheimnisse der geistigen Vorgänge sowie
der Regulierung aller Körperleistungen. Längst hat uns die Zellenlehre
gezeigt, daß die Zelle der Elementarbaustein des lebendigen Körpers,
der „Elementarorganismus“ ist, in dem die Lebensvorgänge ihren Sitz
haben; längst haben Anatomie und Entwicklungsgeschichte, Zoologie
und Botanik die Bedeutung dieser Tatsache erkannt, und längst hat
das mächtige Aufblühen dieser Wissenschaften die Fruchtbarkeit der
zellularen Forschungsweise glänzend bewiesen. Nur in der Physiologie
hat man erst in der jüngsten Zeit angefangen, die einfache und mit
so logischer Schärfe auftretende Konsequenz zu beachten, daß, wenn
die Physiologie die Erforschung der Lebensvorgänge als ihre Aufgabe
betrachtet, daß sie dann die Lebensvorgänge an dem Orte untersuchen
muß, wo sie ihren Sitz haben, wo der Herd der Lebensvorgänge ist,
d. i. in der Zelle. Will daher die Physiologie sich nicht bloß damit
begnügen, die bisher gewonnenen Kenntnisse von den groben Leistungen
des menschlichen Körpers noch weiter zu vertiefen, sondern liegt ihr
daran, die elementaren und allgemeinen Lebensvorgänge zu erklären, so
wird sie das nur erreichen als =Zellularphysiologie=.+
Es könnte paradox aussehen, daß erst dreißig bis vierzig Jahre,
nachdem ~Rudolf Virchow~ in seiner „Zellularpathologie“[20] das
zellulare Prinzip als die Grundlage der gesamten organischen Forschung
erklärt hat, eine Grundlage, auf der sich jetzt in der Tat alle
unsere medizinischen Vorstellungen aufbauen, daß erst soviel später
die Physiologie begonnen hat, neben einer +Organphysiologie+ auch
eine +Zellphysiologie+ zu entwickeln. Indessen wir dürfen darin nur
den +natürlichen Entwicklungsgang+ erblicken, der zuerst die groben
Leistungen der Organe ins Auge faßt und erst allmählich tiefer und
tiefer dringt, bis er beim einfachsten Bauelement, bei der Zelle,
angelangt ist. Die Anatomie ist von jeher die Vorläuferin der
Physiologie gewesen und muß es sein, um ihr den Weg zu ebnen. Wie die
Anatomie ausgegangen ist von den großen Organen des Körpers, um erst
in unserem Jahrhundert bis zu den kleinsten Elementen desselben, den
Zellen, zu gelangen, mit deren feinster morphologischer Erforschung der
glänzende Fortschritt der modernen Anatomie sich vollzog, so mußte auch
die Physiologie beginnen mit der Erforschung der großen, augenfälligen
Organfunktionen und konnte erst in unserer Zeit herantreten an die
Lebensäußerungen der Zelle. Wir würden uns einer groben Undankbarkeit
schuldig machen, wollten wir die eminente Bedeutung der bisherigen
physiologischen Forschung unterschätzen, auf deren Schultern wir
stehen, auf deren Ergebnissen wir mehr oder weniger bewußt weiterbauen.
+Ihre Ziele und Ideen werden uns auch weiterhin leiten, und ihre
Methoden uns auch fernerhin niemals entbehrlich sein.+ Ferner dürfen
wir bei der Beurteilung des Entwicklungsganges der physiologischen
Forschung ein Moment nicht vergessen, das die Entwicklung einer
jeden Wissenschaft beherrscht, das ist das +psychologische Moment
der Mode+. Jede Wissenschaft hängt in ihrer Entwicklung ab von dem
gewaltigen Einfluß großer Entdeckungen. Wo wir uns auch umblicken in
der Geschichte der Forschung, überall finden wir, daß imponierende
Entdeckungen, wie sie in der Physiologie die Arbeiten ~Ludwig~s,
~Claude Bernard~s, ~Du Bois-Reymond~s, ~Liebig~s, ~Pasteur~s,
~Koch~s, ~Ehrlich~s und anderer vorstellen, das Interesse von anderen
Gebieten ablenken und eine große Anzahl von Forschern veranlassen,
in derselben Richtung, mit denselben Methoden weiter zu arbeiten,
besonders wenn sich die Methoden als so ungemein fruchtbar erweisen
wie in den angeführten Fällen. So werden bestimmte Arbeitsgebiete im
Anschluß an epochemachende Arbeiten geradezu Mode, während für andere
sich das Interesse verliert. Doch tritt im Laufe der Zeit immer ein
Ausgleich ein; denn jedes Gebiet ist endlich und erschöpft sich mit
der Zeit. An einem solchen Zeitpunkt sind wir augenscheinlich in der
Physiologie angelangt: +die Organphysiologie hat den Höhepunkt ihrer
Entwicklung überschritten+. Auch die Zellularphysiologie wird sich im
Laufe der Zeit erschöpfen, und andere Ziele und Wege werden sich in der
unaufhaltsamen Entwicklung ablösen, Ziele und Wege, wie sie gerade der
jedesmalige Stand des Problems erfordert.
Vorläufig hat die Zellularphysiologie aber ein unabsehbares Arbeitsfeld
vor sich. Es gibt freilich Forscher, die, obwohl sie von der dringenden
Notwendigkeit einer Zellularphysiologie überzeugt sind, obwohl sie
einsehen, daß die Zelle als der Herd der Lebensvorgänge auch das
Objekt der Forschung bilden müßte, dennoch zweifeln, ob wir den
Lebensrätseln in der Zelle überhaupt beizukommen vermögen. Es kann
daher billigerweise auch verlangt werden, daß ein Weg, daß Methoden
gezeigt werden, mit denen sich eine Zellularphysiologie begründen läßt.
Der Zweifel an der Ausführbarkeit dieses Unternehmens entspringt zum
größten Teil einem Umstande, der, und hier muß man in der Tat sagen
„leider“, die Physiologie nach ~Johannes Müller~s Tode charakterisiert,
einem Umstande, auf den bereits aufmerksam gemacht wurde, nämlich
der starken +Vernachlässigung der vergleichenden Methode+ in der
Physiologie. Noch immer hat die Physiologie diese wichtige Erbschaft
~Johannes Müller~s, unseres größten Meisters, und seiner Zeit nicht
in vollem Umfange angetreten. Wie wenige Versuchsobjekte besitzt die
heutige Physiologie! Es sind im wesentlichen der Hund, die Katze,
das Kaninchen, das Meerschweinchen und der Frosch. Wie wenig sind
die vielen, herrlichen Versuchsobjekte bekannt, welche die ungeheure
Formenfülle der niederen Tiere dem offenen Auge bietet! Und gerade
unter diesen Objekten finden sich solche, die in hervorragendem Maße
geeignet sind für die zellularphysiologische Lösung der allgemeinen
physiologischen Fragen.
Es ist allerdings richtig, wenn man die Rätsel der Verdauung, der
Resorption, der Bewegung etc. allein am Menschen oder an höheren Tieren
mit der mikroskopischen Methode zu behandeln versucht, wird man bei
der Untersuchung der lebendigen Drüsenzelle, der Darmepithelzelle,
der Muskelzelle etc. leicht auf mehr oder weniger große technische
Schwierigkeiten stoßen. Dennoch haben z. B. die bewunderungswürdigen
Untersuchungen von ~Heidenhain~ über die Sekretion, Lymphbildung,
Resorption etc. gezeigt, welche Ergebnisse auch hier die
zellularphysiologische Forschung zu erringen vermag. Solche planmäßigen
histologischen Experimente, bei denen die lebendige Zelle in ihrem
intakten Konnex mit dem Körper unter bestimmte Bedingungen gesetzt und
das Endergebnis dann am plötzlich getöteten Tiere untersucht wird, so
daß sich daraus Schlüsse auf die Vorgänge während des Lebens unter
den betreffenden Bedingungen ergeben, werden ohne Zweifel noch viele
bedeutungsvolle Früchte zeitigen. Allein die mikroskopische Methode
ist nicht die einzige Methode der zellularphysiologischen Forschung.
Verhältnismäßig viel günstiger z. B. liegen bei den Gewebezellen die
Bedingungen für die +chemischen+ Untersuchungsmethoden, mit denen
die Zellularphysiologie, wenigstens in manchen Fällen, in der Lage
ist, Stoffwechseluntersuchungen an großen lebendigen Zellkomplexen,
z. B. den Muskeln, auszuführen und daraus Schlüsse auf das Leben der
einzelnen Zellen zu gewinnen. In der Tat verdanken wir auch gerade
der Gewebechemie ganz wesentliche Aufschlüsse über die Verhältnisse
des Stoffwechsels in der Zelle. Selbst die Vorgänge in den Zellen
des Nervensystems sind in neuester Zeit mittels der Methode der
Durchspülung mit geeigneten Flüssigkeiten vom Arteriensystem her von
~Max Verworn~, ~H. von Baeyer~, ~Winterstein~, ~Baglioni~, ~Bondy~,
~Lipschütz~ u. a. experimentell studiert worden. Freilich liegt es in
der Natur der Sache, daß im tierischen Körper nur wenig Gelegenheit
geboten ist, reine Gewebe, d. h. Komplexe von gleichartigen Zellen als
Untersuchungsobjekte zu benutzen, und daß die Deutung der Ergebnisse
mit der morphologischen Komplikation des Objekts an Unsicherheit
zunimmt. Auch sind die Untersuchungen an Gewebezellen dadurch
beschränkt, daß die Gewebe wenigstens der Warmblüter manchen Methoden
während des intakten Lebens große Hindernisse in den Weg stellen.
In dieser Hinsicht bieten bedeutend geringere Schwierigkeiten die
freilebenden Zellen des vielzelligen Organismus, z. B. die weißen
Blutkörperchen, und so kommt es denn auch, daß wir gerade über die
Lebensäußerungen der Leukocyten, besonders durch die Arbeiten von
~Metschnikoff~, ~Leber~, ~Massart~, ~Buchner~ und vielen anderen in
neuerer Zeit die eingehendsten Erfahrungen gewonnen haben.
Stellt man sich aber auf den +vergleichend-physiologischen Standpunkt+,
den ~Johannes Müller~ stets mit Energie vertrat, so eröffnet sich
ein unabsehbar weites Arbeitsgebiet für zellularphysiologische
Untersuchungen. Die vergleichende Betrachtung zeigt zunächst eine
Tatsache von fundamentaler Wichtigkeit, +daß nämlich gewisse elementare
Lebensvorgänge in jeder Zelle zu finden sind+, sei sie eine Zelle aus
irgend einem Gewebe der höheren Tiere, sei sie aus dem Gewebe der
niederen Tiere, sei sie aus dem Gewebe der Pflanzen, oder sei sie
schließlich eine freilebende Zelle, ein selbständiger einzelliger
Organismus. Jede Zelle zeigt diese allgemeinen Lebensvorgänge in ihrer
individuellen Form. Mit dieser Erfahrung hat es die Forschung nur
nötig, für jeden speziellen Versuchszweck aus der Fülle der Formen die
geeignetsten Objekte auszuwählen, und diese drängen sich bei einiger
Kenntnis der Tier- und Pflanzenwelt dem Experimentator förmlich auf.
So ist es nicht mehr nötig, sich ängstlich allein an die Gewebezellen
der höheren Wirbeltiere anzuklammern, die man z. B. zu mikroskopischen
Experimenten lebendig und unter normalen Lebensbedingungen nur in
seltenen Ausnahmefällen benutzen kann, die, sobald man sie aus dem
Gewebe isoliert, fast immer schnell absterben oder Reaktionen geben,
die zu falschen Schlüssen und Irrtümern führen können. Viel günstiger
sind in dieser Beziehung schon die Gewebezellen mancher wirbelloser,
kaltblütiger Tiere oder der Pflanzen, die man eher unter annähernd
normalen Bedingungen untersuchen kann; doch auch sie halten längere
Versuchsreihen häufig nicht aus. Aber hier bieten sich uns als
+außerordentlich günstige Objekte für zellularphysiologische Zwecke die
freilebenden einzelligen Organismen, die Protisten+. Sie sind förmlich
von der Natur für den Physiologen geschaffen, denn sie haben außer
ihrer großen Resistenzfähigkeit noch den unschätzbaren Vorteil, daß
sie Organismen sind, welche den ersten und einfachsten Lebensformen,
die einst die Erde bewohnten, von allen jetzt lebenden Organismen noch
am nächsten stehen und daher manche Lebensäußerungen, die bei den
Zellen des Zellenstaates sich durch einseitige Anpassung zu großer
Komplikation entwickelt haben, noch in einfacherer und ursprünglicherer
Form erkennen lassen.
Man hat freilich die Behauptung aufgestellt, daß gerade umgekehrt
diejenigen Zellformen, die an eine ganz spezielle Funktion im
Zellenstaate der höheren Tiere angepaßt sind, auch günstigere
Objekte für die Erforschung der betreffenden Lebensäußerung liefern
müßten als die einzelligen Organismen, an denen wir die analogen
Lebensäußerungen sehen. So hat man z. B. mit Vorliebe gesagt: für
die Erforschung der Kontraktionsbewegungen sei die quergestreifte
Muskelzelle entschieden geeigneter als die Amöbenzelle, in der die
Aeußerungen des Lebens noch ungetrennt sämtlich an demselben Substrat
vereinigt wären. Allein so einleuchtend diese Behauptung auf den
ersten Blick scheinen mag, so wenig zutreffend erweist sie sich doch
bei genauerer Betrachtung. Es ist zunächst ein großer Irrtum, wenn
man stillschweigend annimmt, daß +nur+ bei den einzelligen Organismen
die verschiedenen Aeußerungen des Lebens in +einer+ Zelle ungetrennt
vereinigt wären. Genau dasselbe gilt von jeder Gewebezelle, mag sie
noch so sehr eine bestimmte Leistung für die äußerliche Beobachtung
in den Vordergrund treten lassen. +Jede+ Zelle, welcher Art sie auch
sei, versieht +alle+ elementaren Funktionen des Lebens. Ohne sich
zu ernähren, ohne zu atmen, ohne Stoffe auszuscheiden, ohne Energie
umzusetzen etc. kann die Muskelzelle ebensowenig ihre Bewegungen
ausführen wie die Amöbe. Es gibt überhaupt keine Zelle, die nur das
+Eine+ täte, denn es liegt in der Natur des Lebensprozesses, daß er
nach verschiedenen Seiten hin zum Ausdruck kommt. Daher ist es direkt
falsch, das Zustandekommen des Kontraktionsaktes in der Muskelzelle für
etwas Einfacheres zu halten als die Entstehung der Kontraktionsbewegung
in der Amöbenzelle. Ferner aber lehrt jede auch nur oberflächliche
mikroskopische Betrachtung, daß die Kontraktionsbewegung in der
quergestreiften Muskelzelle an ein schon morphologisch viel
komplizierteres Substrat gebunden ist als in der Amöbe. Die
Differenzierung verschiedenartiger Bestandteile in der Muskelzelle,
über deren Bedeutung wir zum Teil noch gar keine Vorstellung haben,
ist geradezu eine staunenswerte gegenüber der nackten Amöbe mit ihrem
einfachen Zellleib. Im übrigen hat auch die Geschichte der Forschung
zur Genüge gezeigt, daß wir trotz der erdrückenden Fälle von Arbeit,
die auf die Erforschung der Kontraktionsbewegungen des Muskels seit
Jahrhunderten verwendet worden ist, doch bisher in der Lösung des
Problems kaum über Vermutungen allgemeinster Art hinausgekommen sind,
während wir über den Kontraktions- und Expansionsvorgang bei der
Amöbe schon heute ziemlich eingehende Kenntnis besitzen. Es ist also
nicht bloß gerechtfertigt, sondern sogar geboten, bei der Erforschung
des Kontraktionsproblems die einfacheren Formen der kontraktilen
Substanzen als wichtiges Forschungsobjekt heranzuziehen, und die
analoge Forderung gilt für die Untersuchung aller anderen Probleme.
Freilich wird man für die Erforschung einer allgemeinen Lebensäußerung
auch unter den einzelligen Organismen stets solche Objekte wählen
müssen, bei denen sie besonders deutlich hervortritt. Man wird für
die Untersuchung der Sekretion Zellformen wählen, bei denen der
Sekretionsakt der Untersuchung leicht zugänglich ist, ebenso wie man
für das Studium der Kontraktionsbewegungen auch nur Objekte nehmen
wird, an denen Kontraktionsbewegungen direkt sichtbar sind. Ferner
wird es notwendig sein, die Lebensäußerungen an verschiedenartigen
Zellformen +vergleichend+ zu behandeln, denn nur eine =vergleichende
Zellularphysiologie= ist imstande, das Spezielle und Unwesentliche
vom Allgemeinen und Wesentlichen zu sondern. +Daher wäre es verkehrt,
die Untersuchung der Gewebezellen über den einzelligen Organismen zu
vernachlässigen.+ Es werden sich nicht selten Gelegenheiten bieten,
wo die Gewebezellen oder ganze Gewebemassen von Pflanzen oder Tieren
aus dieser oder jener Rücksicht den Vorzug verdienen, ja, wo es sogar
selbstverständlich ist, Gewebezellen als Objekte zu verwerten, wie
z. B. bei der ganzen großen Masse von +speziellen+ Problemen der
Physiologie, die überhaupt nur an eine bestimmte Zellform geknüpft
sind. +Eine Einseitigkeit, ein Schematisieren, eine Aufstellung
allgemeiner Regeln wäre hier wenig am Platze. Die Wahl des Objekts wird
in jedem einzelnen Falle ganz allein vom gegebenen Problem bestimmt
werden. Nur der eine Punkt ist bei allen diesen Untersuchungen stets im
Auge zu behalten: die Erforschung der Zelle.+
Die Morphologie, die Vorläuferin aller Physiologie, hat auch hier
der physiologischen Untersuchung den Weg bereits geebnet. Wir
kennen heute den Bau der Zellen, seien sie freilebend, seien sie zu
Geweben verbunden, bis in äußerst feine Einzelheiten hinein, und
manchen wichtigen Aufschluß, manche wertvolle Anregung betreffs der
Lebensäußerungen besonders der Gewebezellen, wie der Zellen des
Zentralnervensystems, der Drüsen, der Muskeln etc. haben wir gerade der
histologischen Forschung zu verdanken.
Um die Anwendung experimentell-physiologischer Methoden an der Zelle
brauchen wir nicht verlegen zu sein, denn hier finden sich für jeden
Zweck unter der erdrückenden Mannigfaltigkeit der Formen immer gleich
mehrere geeignete Versuchsobjekte, auf die sich die verschiedensten
speziellen Methoden vorzüglich anwenden lassen.
Wir können, um mit der einfachsten Methode zu beginnen, bei der
freilebenden und unter Umständen auch bei der Gewebezelle die +Methode
der einfachen mikroskopischen Beobachtung+ der +Lebensäußerungen+ in
der bequemsten Weise anwenden. Die bloße Beobachtung hat denn auch dazu
geführt, daß wir die sichtbaren Lebensäußerungen der Zelle ziemlich
genau kennen gelernt und zum Teil sehr eingehend untersucht haben.
Unter den ersten Errungenschaften dieser einfachen Methode seien nur
die äußerst wertvollen Erfahrungen über die feineren und feinsten
Verhältnisse bei der Befruchtung, Teilung und Fortpflanzung erwähnt,
welche ~Flemming~, ~Bütschli~, ~van Beneden~, die Brüder ~Hertwig~,
~Strasburger~, ~Boveri~, ~Heidenhain~, ~Rhumbler~, ~Rabl~, ~Haecker~,
~Wilson~, ~Morgan~, ~Loeb~, ~Mathews~, ~Delage~, ~Godlewski~ und viele
andere teils an lebendigen Zellen, teils an Zellen, die in bestimmten
Lebenszuständen fixiert waren, in unserer Zeit gemacht haben.
Wir können aber auch unter dem Mikroskop +vivisektorische Operationen+
an der Zelle ausführen in ganz derselben Ausdehnung und mit größerer
methodischer Genauigkeit, als wir es makroskopisch an höheren Tieren
tun. Mehrere Forscher, wie ~Gruber~, ~Balbiani~, ~Max Verworn~, ~Hofer~
u. a., haben bereits diesen operativen Weg mit großem Erfolge betreten,
und eine lange Reihe von Arbeiten hat zur Genüge bewiesen, welche
Fruchtbarkeit für die Behandlung allgemein physiologischer Probleme
gerade diese zellular-vivisektorische Operationsmethode zu entfalten
vermag. Mit dieser vivisektorischen Methode führten auch ~Roux~,
~Chabry~, die Brüder ~Hertwig~, ~Driesch~ u. a. ihre ausgezeichneten
experimentellen Untersuchungen über die Entwicklung der Tiere aus.
Wir können ferner die umfassendsten Versuche über die +Wirkungen der
verschiedenen Reizqualitäten+ auf die Lebensäußerungen der Zelle oder
verschiedener Zellformen anstellen, und gerade auf diesem Gebiet ist
bereits ein umfangreiches, fortdauernd sich mehrendes Tatsachenmaterial
gesammelt worden. Eine große Anzahl von Untersuchungen an einzelligen
Organismen hat gezeigt, daß gerade die Reizwirkungen, die nach
Anwendung von chemischen, mechanischen, thermischen, photischen,
galvanischen Reizen an der Zelle auftreten, für die Erkenntnis der
Lebensvorgänge die allergrößte Tragweite haben. Es ist durch diese
Versuche in den letzten Jahren möglich geworden, mehr und mehr
Klarheit über die allgemeinen Gesetze der Erregung und Lähmung der
Lebensprozesse und ihre Folgen zu verbreiten und zugleich einen
tieferen Einblick in die Natur der Lebensvorgänge selbst zu gewinnen.
Wir können schließlich den Lebensäußerungen der Zelle +chemisch+
nahetreten, und zwar mit makrochemischen sowohl wie mit mikrochemischen
Methoden. Große Massen von einzelligen Organismen, wie Hefezellen,
Leukocyten, Spermatozoen, und nicht minder ganze Verbände von Zellen,
wie die Gewebe, haben bereits für die makrochemische Untersuchung
ausgezeichnete Objekte geliefert. Wir verdanken diesen Untersuchungen
unsere wichtigsten Kenntnisse über die chemische Zusammensetzung
und den Stoffwechsel der Zelle. Aber auch für die mikrochemische
Untersuchung finden wir eine Fülle von günstigen Versuchsobjekten,
wenn auch in dieser Beziehung bisher nur der allererste Anfang
der Forschung gemacht worden ist, da die mikroskopischen Methoden
der Chemie noch wenig entwickelt sind. Immerhin haben bereits die
Arbeiten von ~Miescher~, ~Kossel~, ~Lilienfeld~, ~Loew~ und ~Bokorny~,
~Zacharias~, ~Schwarz~, ~Löwitt~, ~Mann~ und anderen bewiesen, daß die
mikrochemische Untersuchung der Zelle eine sehr aussichtsreiche Zukunft
vor sich hat.
Indessen ist es überflüssig, einzelne Methoden aufzuzählen, die sich
auf zellularphysiologischem Boden anwenden lassen. Es sind eben
alle Methoden brauchbar, die gerade der augenblickliche spezielle
Versuchszweck erfordert. +Wir müssen in der Physiologie immer wieder
und wieder zu den Gesichtspunkten zurückkehren, die einst die Forschung
unseres großen Meisters ~Johannes Müller~ so fruchtbar gestaltet
haben. ~Johannes Müller~ vertrat sein ganzes Leben hindurch praktisch
und theoretisch die Ansicht, daß es nicht Eine physiologische Methode
gäbe, sondern daß jede Methode recht sei, die zum Ziele führe. Er
wählte stets die Methode nach dem jedesmaligen Problem, nie das
Problem nach der Methode, wie es heute vielfach geschieht. Nicht die
Methode ist einheitlich in der Physiologie, sondern das Problem. Zur
Lösung dieses Problems muß der Physiologe chemische und physikalische,
anatomische und entwicklungsgeschichtliche, zoologische und botanische,
mathematische und philosophische Untersuchungsmethoden in gleicher
Weise anwenden, je nachdem es der spezielle Zweck erfordert. Aber alle
sollen sie zu einem Ziele führen, zur+
=Erforschung des Lebens=.
Zweites Kapitel.
Von der lebendigen Substanz.