Wie gestaltet sich nun vom Standpunkte des erkenntnistheoretischen
Konditionismus aus die Erforschung der Welt? Sind ihr in der Tat
Schranken gesetzt an den beiden Punkten, an denen ~Du Bois-Reymond~
einst zu seinem „Ignorabimus“ gelangt war?
Die erste Grenze lag für ~Du Bois-Reymond~ in der Unmöglichkeit,
+das Wesen der Materie+ zu erkennen. Was ist Materie? Hier fühlt
sich ~Du Bois-Reymond~ ratlos. In Wirklichkeit ist kein Grund zu
irgendwelcher Verlegenheit. Wir müssen uns nur, wie immer und immer
wieder bei allen Begriffen, die wir verwenden, erinnern, daß es sich
hier um einen Begriff handelt, der einst vom Menschen geschaffen
worden ist, um eine Reihe von Tatsachen unter einem gemeinsamen
Gesichtspunkt zusammenzufassen, der aber, wie alle Begriffe, sobald
er bei weiter und weiter fortschreitender Erfahrung zu eng oder gar
falsch wird, geändert oder ganz abgeworfen werden muß. Der Begriff der
Materie ist sehr alt und läßt sich bis in die Zeiten der ionischen
Naturphilosophie zurückverfolgen. Er entsprang aus der Annahme, daß
alle Körper aus einem gemeinsamen Urstoff bestehen. Das ist aber eine
Hypothese, für die auch heute noch nicht der Schatten eines Beweises
existiert. Die Tatsache der Teilbarkeit von Körpern hat dann weiterhin
dazu geführt, die Materie aus kleinen, diskreten Teilchen bestehend
zu denken. ~Leukippos~ und ~Demokritos~ haben, wie es scheint, diese
Corpuscularvorstellungen zuerst in ihrer Atomtheorie in ausgedehnterer
Weise entwickelt. Die Atomtheorie ist dann bekanntlich von der modernen
Chemie in unvergleichlich scharfsinniger Weise ausgebaut worden
und hat sich in ihrer heutigen Form als ein unendlich fruchtbares
heuristisches Prinzip erwiesen. Aber wir dürfen mit dem Begriff des
Atoms keine unhaltbaren Vorstellungen verknüpfen. Und es ist nicht
zu leugnen, daß sich das naive Denken durch die Atomtheorie und
ihre plastische Anschaulichkeit selbst in der Naturforschung noch
häufig zu ganz kindlichen Ansichten verführen läßt. Der Mensch ist
gewöhnt, die Dinge, die er zergliedert und betrachtet, sich selbst
gegenüberzustellen. So kommt der naive Geist unwillkürlich dazu, sich
einen Standpunkt außerhalb der Welt zu konstruieren, von dem aus er die
gesamte Welt, wie der Naturforscher das einzelne Objekt, betrachtet.
Auf Grund der Atomtheorie erscheint ihm dann die vor ihm liegende Welt
wie ein enormer Haufen kleinster Kügelchen, die er sich mikroskopisch
vergrößert denkt, so daß er das einzelne Kügelchen herausgreifen, in
die Hand nehmen und für sich isoliert untersuchen zu können glaubt.
So ungefähr sieht das materialistische Weltbild aus, ein wahrer
Rattenkönig von schiefen und falschen Vorstellungen!
Es wäre indessen verkehrt, wenn wir die großen Verdienste des
Materialismus damit verkennen wollten. Es gibt Leute, die den
Materialismus überwunden haben und sich nun nicht genug tun können,
über den „krassen und rohen Materialismus“ zu schimpfen. Das ist
undankbar, denn wir verdanken dem Materialismus viel: Wir verdanken
ihm -- um nur den wichtigsten Punkt hervorzuheben -- den Sieg der
Klarheit, der plastischen Anschaulichkeit über den unklaren Mystizismus
und wunderverkündenden Kirchenglauben, den Sieg des Lichts über die
Dunkelheit. Die Atomtheorie speziell ist auch heute noch eine äußerst
fruchtbare, ja unentbehrliche Vorstellung, so z. B. in der Chemie.
Was hat die Chemie alles mit diesem Erklärungs- und Forschungsprinzip
erreicht! Es wäre undankbar, wenn wir verkennen wollten, was hier die
materialistische Anschauungsweise vollendet hat. Es gibt Irrtümer in
der Geschichte des menschlichen Denkens, die wertvoller sind als manche
Wahrheit; ein solcher fruchtbarer Irrtum war auch der Materialismus.
Aber wir müssen über ihn hinwegzukommen suchen, sobald wir auf
seine Fehler stoßen. Jede Weltanschauung ist endlich. Sie wird alt
und verfällt dem Tode, genau wie jeder Organismus. So ist auch der
Materialismus als Weltanschauung heute im Absterben begriffen, weil
er neben seinen brauchbaren Bestandteilen eine Menge von schiefen und
falschen Vorstellungen enthält. ~Du Bois-Reymond~s Betrachtung hat
recht deutlich gezeigt, wie die materialistische Weltanschauung zur
völligen Ratlosigkeit führt.
Machen wir uns die Irrtümer des Materialismus klar. Wenn wir uns
nur immer streng an die Betrachtungsweise des wissenschaftlichen
Konditionismus halten, wird uns das nicht schwer. Die Hypothese,
daß allen Dingen ein gemeinsames letztes Substrat zugrunde liege,
wird durch die Erfahrung in keiner Weise gestützt. In der Periode
der Naturwissenschaft, deren Anschauungen in der Betrachtung ~Du
Bois-Reymond~s zum Ausdruck gekommen sind, hielt man noch die Atome
der sogenannten chemischen Elemente für die letzten Bestandteile
der Wirklichkeit und der Satz von ihrer Unveränderlichkeit war
ein allgemeines Dogma. Aber schon auf Grund dieser Vorstellungen
hätte von einem einheitlichen Substrat der Dinge gar nicht die Rede
sein können, denn man kannte ja nicht weniger als 70 verschiedene
„Elemente“. Allerdings begann schon damals der Gedanke sich zu
verbreiten, daß die chemischen Elemente in einem bestimmten genetischen
Verhältnis zueinander stehen müßten, so daß die Elemente mit höherem
Atomgewicht aus Elementen mit niederem Atomgewicht einmal entstanden
seien. Das ~Mendelejew~sche natürliche System der Elemente gab für
diese Anschauung eine starke Stütze. Aber erst die Untersuchungen
der letzten Jahre haben gezeigt, daß unter bestimmten Bedingungen
tatsächlich ein Zerfall von Elementatomen stattfinden kann in Teilchen
von ganz unvergleichlich geringerer Größe. Die Untersuchungen über
die radioaktiven Stoffe, deren sich überstürzende Resultate noch gar
kein Ende absehen lassen, haben uns an die Existenz viel kleinerer
Teilchen gewöhnt und die Elektronentheorie scheint berufen, das
Gebiet dieser kleineren Bestandteile allmählich ebenso anschaulich
aufzuklären, wie die Atomtheorie es für die Welt der Elementatome
getan hat. Wenn man aber annehmen wollte, daß die Elektronen nun die
letzten Bestandteile der Dinge seien, so wäre diese Annahme wiederum
völlig aus der Luft gegriffen und durch keine Erfahrung begründet.
Die Elektronen existieren, genau wie die Atome ebenfalls, als solche
nur, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind, und nichts hindert uns
anzunehmen, daß die Elektronen unter anderen Bedingungen wiederum in
kleinere Teilchen zerfallen. Schließlich ist die Annahme letzter,
nicht weiter teilbarer Bestandteile der Dinge, in welcher Form sie
auch auftreten mag, stets eine durchaus willkürliche Hypothese, und es
existiert kein stichhaltiger Grund, die Teilbarkeit der Körper, die
als unendlich +denkbar+ ist, irgendwo als begrenzt zu betrachten. Vor
allem aber ist eine Vorstellung, die der Materialismus gezüchtet hat,
vollkommen im Widerspruch mit aller Erfahrung, das ist die Annahme, daß
irgend ein Substrat der Dinge existiere, das unter allen Umständen eine
bestimmte Summe von unveränderlichen und ihm selbst stets immanenten
Eigenschaften besäße. Eine solche absolute Materie, die von allen
Bedingungen unabhängig wäre, existiert schlechterdings nicht. Es gibt
nur bedingte Dinge. Absolute Dinge zeigt uns die Erfahrung niemals
und nirgends. Ein Ding, und sei es selbst ein Atom oder ein Elektron,
ist immer nur da, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind. Wo diese
Bedingungen fehlen, da ist auch kein Atom, denn was ich ein Atom nenne,
das ist ja identisch mit diesem System von Bedingungen.
Wenn wir aber diese schiefen und irrigen Vorstellungen aus dem
Begriff der Materie eliminieren, dann verändert dieser Begriff sein
Aussehen vollständig. Dann besteht die Welt nicht aus einem Haufen von
teilbaren kleinsten Teilchen, von denen jedes eine Summe von absolut
unveränderlichen Eigenschaften besitzt, sondern aus einer unendlichen
Mannigfaltigkeit von Dingen, die alle untereinander in eindeutig
bestimmtem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Die Aufgabe der Forschung
ist es, dieses Abhängigkeitsverhältnis zu ermitteln. Wie wir oben
sahen, erforschen wir damit die Dinge selbst.
Das Problem einer absoluten Materie als des letzten allgemeinen
Bestandteils aller Körper ist also ebenfalls ein Scheinproblem, das vor
der konditionellen Betrachtungsweise zerschmilzt wie der Schnee vor der
Sonne. Infolgedessen liegt hier auch keine Grenze der Erkenntnis, denn
erkennbar sind alle Dinge, die ich zu mir in Beziehung setzen kann, und
mit der Erkenntnis eines jeden Dinges mache ich einen Fortschritt in
der Erkenntnis der Welt.
Aber gibt es nicht Dinge, die ich +nicht+ zu mir in Beziehung setzen
kann, weil sie sinnlich nicht wahrnehmbar sind, Dinge, die demnach
unerkennbar wären?
Seit alter Zeit hat man bekanntlich zwei Arten von Dingen unterscheiden
zu müssen geglaubt, die körperlichen und die geistigen Dinge. Die
Unterscheidung der menschlichen Natur in Leib und Seele geht weit in
die prähistorische Steinzeit zurück. Wenn wir aus dem primitiven Denken
der heute noch lebenden Naturvölker einen Rückschluß ziehen dürfen
auf die prähistorische Geistesentwicklung, so ist diese dualistische
Spaltung des menschlichen Wesens entstanden aus der Beobachtung der
Todestatsache und des Traumlebens. Man sah einen Menschen, der eben
noch sich bewegte und sprach, atmete und empfand, plötzlich daliegen
regungslos und stumm, ohne Atemzug und ohne Empfindung. Es mußte
etwas aus ihm heraus geflogen sein, etwas Unsichtbares, das vorher in
ihm atmete und sprach, sich bewegte und fühlte. Das war die Seele.
Unverändert aber, wie er immer gewesen war, blieb der sichtbare Körper
zurück, der Leib. Im Schlafe sah man dann bei sich selbst, ebenso wie
bei anderen im Tode, häufig die Seele sich vom Körper trennen und auf
die Wanderschaft gehen in ferne Gegenden zu fernen Leuten. Aber diese
Trennung war nur vorübergehend. Die Seele kehrte des Morgens wieder
in ihren Körper zurück, der während dessen ruhig auf seinem Lager
gelegen hatte. Auch die Seele eines Verstorbenen sah man bisweilen
des Nachts im Traume ganz in der Gestalt des Lebendigen wiederkehren,
während sein toter Körper noch in seiner Hütte oder tief unter Steinen
vergraben mit fest an den Leib gefesselten Beinen und Armen im Erdboden
lag. Das alles +mußte+ den naiven Geist zu der Annahme von zwei ganz
verschiedenen Wesen im lebendigen Menschen führen, zu der Annahme,
daß ein unsichtbares Wesen, die Seele, in dem sichtbaren Leibe wohne,
wie ein Mieter in einem Hause. Diese Konzeption des steinzeitlichen
Menschen hat eine wahrhaft unendliche Fülle von Spekulationen angeregt.
Ja man kann sagen, daß sich an ihr das gesamte Denken der Menschheit
vervollkommnet und emporgerankt hat bis zur seiner heutigen Blüte. Bei
~Descartes~ hat diese Idee ihren schärfsten Ausdruck gefunden in der
Charakterisierung der Körper als ausgedehnter Dinge, der Seele als
eines Dinges ohne Ausdehnung. Allmählich ist dieser so einleuchtende
Gedanke eines Dualismus von Leib und Seele fast allen Völkern der Erde
in Fleisch und Blut übergegangen, so sehr, daß selbst das Denken des
Kulturmenschen von Jugend auf von ihm durchtränkt wird.
Es fragt sich aber, ob die Gründe, die einst den primitiven Geist des
steinzeitlichen Menschen zu diesem Dualismus geführt haben, für uns
auch heute noch bindend sein können.
Auf der einen Seite hat die moderne „+Lehre vom psycho-physischen
Parallelismus+“ der steinzeitlichen Idee ihre wissenschaftliche
Sanktion erteilt, ja sie hat sogar diese Vorstellung noch schärfer
formuliert. Nach der Lehre vom psycho-physischen Parallelismus gehen
bestimmte körperliche Vorgänge in den Bestandteilen der Großhirnrinde
stets und unabänderlich parallel mit bestimmten psychischen Vorgängen,
ohne daß aber zwischen beiden Reihen von Vorgängen eine „kausale“
Abhängigkeit bestände. Die Reihe der körperlichen Vorgänge ist nach
dieser Vorstellung vollständig in sich geschlossen, ihre einzelnen
Glieder stehen in untrennbarem „Kausalzusammenhange“ untereinander und
nirgends ist zwischen ihnen eine Lücke, die durch ein psychisches Glied
ausgefüllt würde. Die Glieder der körperlichen Reihe sind schließlich
allein objektiv sinnlich wahrnehmbar, die der psychischen Reihe sind
nur aus subjektiver Erfahrung bekannt. Das ist die Lehre, die sich
heute einer weiten Wertschätzung in manchen Kreisen der Philosophie und
der Naturwissenschaften erfreut.
Auf der anderen Seite ist man seit langer Zeit unbefriedigt gewesen
von dem psycho-physischen Dualismus. Zahlreiche Denker haben versucht,
diesen Dualismus in monistischem Sinne zu lösen. Es sei nur an die
Versuche ~Spinoza~s, der Materialisten ~Haeckel~s und in neuerer
Zeit ~Ostwald~s erinnert. Aber man kann nicht sagen, daß einer dieser
Versuche allgemeine Zustimmung erfahren hätte.
Suchen wir nach der Begründung, die heute noch für die Annahme des
Dualismus von Körperwelt und Psyche angeführt wird, so ist es immer
ein und dasselbe Moment. Man sieht eine unüberbrückbare Kluft zwischen
körperlichen und geistigen Vorgängen darin, daß die ersteren der
sinnlichen Wahrnehmung objektiv zugänglich sind, die letzteren nicht.
~Du Bois-Reymond~s Betrachtung glaubt das besonders schlagend gezeigt
zu haben. Aber täuscht man sich nicht etwa hier? Sehen wir zu! Nehmen
wir an, ein ~Laplace~scher Geist im Sinne ~Du Bois-Reymond~s könnte in
das Gehirn eines lebendigen Menschen hineinsehen, während dieser die
Empfindung einer Rose hat, die er ansieht, so würde ein solcher idealer
Geist die sämtlichen physiologischen Vorgänge in den Ganglienzellen
beobachten, die sich während der Empfindung des betreffenden Menschen
abspielen, +aber+ -- so nimmt nun ~Du Bois-Reymond~s Art der
Betrachtung an -- er würde niemals die Empfindung der Rose selbst
wahrnehmen und würde nicht verstehen, wie diese zu stande kommt. Ja,
was denkt man denn eigentlich zu finden, wenn man die Empfindung
selbst in den Ganglienzellen des Beobachteten sucht? Hier liegt der
Fehler der ganzen Betrachtungsweise. Man glaubt, der Beobachter
müßte die Empfindung der Rose selbst +haben+, die der andere hat,
wenn der Beobachter während dessen in sein Gehirn hineinsähe. Man
denkt im Stillen, daß in den Ganglienzellen des anderen irgend ein
schattenhaftes, körperloses, verkleinertes Bild der Rose zu sehen sein
müßte, etwa von der Art, wie der alte „Orbis pictus“ die Seele des
Menschen abzubilden pflegte.
Die konditionale Betrachtungsweise zeigt uns auch hier wieder sofort,
welche kindliche Auffassung diesen Erwartungen zugrunde liegt und
weshalb sie sich nicht erfüllen +können+. Gleiche Vorgänge oder
Zustände können ja nur immer da sein, wo gleiche Bedingungen sind. Wenn
ich also das Gehirn eines anderen ansehe, während dieser eine Rose
betrachtet, so kann ich unmöglich die Empfindung der Rose +haben+, die
jener hat, sondern nur die Empfindung seines Gehirns. Bei mir und bei
ihm bestehen ja vollständig verschiedene Bedingungen und infolgedessen
müssen natürlich auch die Empfindungen bei ihm und bei mir verschieden
sein. Gleiche Empfindungen können bei ihm und bei mir nur vorhanden
sein, wenn bei uns beiden die gleichen Bedingungen bestehen, d. h.
wenn wir +beide+ die Rose ansehen. Aber daraus, daß ich nicht ein
verkleinertes Bild der Rose im Gehirn des anderen finde, wenn ich sein
Gehirn ansehe, während er die Empfindung der Rose hat, darf ich doch
nicht den Schluß ziehen, daß seine Empfindung nicht wahrnehmbar wäre.
Nach unserer konditionalen Betrachtungsweise ist die Empfindung wie
jedes Ding eindeutig bestimmt durch die Gesamtheit ihrer Bedingungen,
denn sie ist identisch damit. Wenn ich die Bedingungen einer Empfindung
analysiere, so analysiere ich damit die Empfindung selbst. Hätte ich
also, wie der ~Laplace~sche Geist ~Du Bois-Reymond~s, „astronomische
Kenntnis“ von den sämtlichen Vorgängen, die sich abspielen vom Einfall
der von der Rose reflektierten Lichtstrahlen bis zur Erregung der
Ganglienzellen in der Sehsphäre der Großhirnrinde, so hätte ich damit
die Empfindung erforscht, und es wäre absurd, noch weiter nach etwas
anderem Unbekannten zu suchen oder einen unerkennbaren Rest anzunehmen.
Bei konditionaler Betrachtungsweise ist eine Empfindung genau ebenso
ein Objekt sinnlicher Wahrnehmung, wie jedes andere Ding, und damit
erledigt sich der Dualismus von Leib und Seele von selbst.
Die naive Konzeption des steinzeitlichen Menschen erweist sich also
als ein Irrtum, allerdings als ein Irrtum, der in der Geschichte
des menschlichen Denkens von unvergleichlicher Fruchtbarkeit war.
In Wirklichkeit existieren nicht zwei Reihen von Vorgängen, die
parallel nebeneinander laufen, sondern nur eine einzige. Was der
psycho-physische Parallelismus wirklich nachweisen kann, ist nicht
das Nebeneinander von körperlichen und geistigen Vorgängen, sondern
nur die Tatsache, daß die Bewußtseinsvorgänge unter anderem durch
bestimmte Vorgänge im Gehirn +bedingt+ sind. Wir dürfen aber dabei nie
vergessen, daß wir auch die physiologischen Vorgänge im Gehirn, wie
überhaupt alle Dinge der Welt, nur als unsere eigenen Empfindungen und
Vorstellungen +kennen+. So sind also die Bewußtseinsvorgänge unserer
objektiven Forschung genau so zugänglich wie alle anderen Dinge. Indem
wir sie mit unseren Erkenntnismitteln untersuchen, d. h. indem wir von
ihnen Empfindungen und Vorstellungen bilden, lernen wir sie in allen
ihren einzelnen Bedingungen kennen. Haben wir einmal ihre sämtlichen
Bedingungen ermittelt, so sind sie auch vollständig erforscht und es
bleibt uns kein Rest weiter übrig. +Die Prinzipien für die Erforschung
der Bewußtseinsvorgänge können immer nur dieselben sein wie die
Prinzipien aller Forschung, d. h. die Ermittelung ihrer sämtlichen
Bedingungen. Auf diesem Wege aber stellen sich uns prinzipielle Grenzen
nirgends entgegen. Die Forschung ist frei und unbegrenzt und reicht so
weit wie die unendliche Welt.+
* *
*
Nach unserer obigen Betrachtung erscheint es als ein Widerspruch,
die Natur (φύσις) und etwas „hinter“ der Natur (μετὰ τὴν φύσιν) zu
unterscheiden. Es gibt nur +eine+ Welt, mag man diese als Natur oder
Psyche oder Wirklichkeit oder sonstwie bezeichnen, das sind nur
Namen. Infolgedessen gibt es auch nur +eine+ Art von Erkenntnis und
nicht zwei. Sobald es sich daher um die Frage nach den Prinzipien und
Grundlagen der Erkenntnis handelt, fallen alle künstlichen Grenzen
fort. Täuschen wir uns also nicht! Das Ziel, das dem Menschengeist in
der theoretischen Forschung vorschwebt, ist nicht allein Erkenntnis der
leblosen Körperwelt, ist auch nicht allein Erkenntnis der lebendigen
Körper, es ist auch nicht bloß Erkenntnis dieser oder jener psychischen
Vorgänge, sondern +wonach der Menschengeist strebt, wonach er dürstet,
ist zuletzt die Erkenntnis der Welt+. Eine +Arbeits+teilung innerhalb
der +Forschung+ dagegen ist nicht nur nicht zu verwerfen, sondern
sogar praktisch geboten durch die ungeheuere Fülle der Dinge; nur muß
man sich des rein äußerlichen Zweckes derselben bewußt bleiben und
die Grenzen zwischen den einzelnen +Arbeits+gebieten, die man selbst
gezogen hat, nicht verwechseln mit natürlichen Grenzen im +Objekt+.
Es ist ein Verhältnis, das sich in den kommenden Jahrhunderten bitter
rächen muß, wenn die Kluft zwischen Philosophie und Naturforschung
von beiden Seiten her künstlich noch immer erweitert wird, indem auf
der einen Seite die ungebundene Spekulation, auf der anderen die
einseitige Spezialforschung immer mehr überhand nimmt, statt daß
eine Annäherung zu wohltätiger gemeinsamer Arbeit von beiden Seiten
stattfände. Die Naturforschung +kann+ nicht auf die Dauer ohne einen
philosophischen Arbeitsplan ersprießliche Fortschritte machen, und
wir sehen ja auch in der Geschichte der Wissenschaft, daß niemals
durch beschränkte Spezialforschung, sondern stets nur von wahrhaft
philosophisch, d. h. planmäßig, methodisch und zielbewußt arbeitenden
Naturforschern große Fortschritte gemacht wurden. Ebensowenig aber kann
die Philosophie auf rein spekulativem Wege wirklich bedeutende Erfolge
erzielen, wenn sie sich nicht eng an die sichergestellten Tatsachen
hält und ihre Spekulationen streng unter die kritische Kontrolle der
Erfahrung stellt. Ein wahrer Fortschritt kommt, wie die Geschichte der
Wissenschaft am besten beweist, immer nur zu stande durch +denkende
Forschung+. Die ganze vorstehende erkenntnistheoretische Ueberlegung
soll uns eine Grundlage für die Forschung geben, wie sie jeder denkende
Forscher sich einmal gebildet haben und immer weiter und freier
ausbauen muß, um fruchtbar arbeiten zu können.