3. Körperwelt und Psyche.

Wie gestaltet sich nun vom Standpunkte des erkenntnistheoretischen

Konditionismus aus die Erforschung der Welt? Sind ihr in der Tat

Schranken gesetzt an den beiden Punkten, an denen ~Du Bois-Reymond~

einst zu seinem „Ignorabimus“ gelangt war?

Die erste Grenze lag für ~Du Bois-Reymond~ in der Unmöglichkeit,

+das Wesen der Materie+ zu erkennen. Was ist Materie? Hier fühlt

sich ~Du Bois-Reymond~ ratlos. In Wirklichkeit ist kein Grund zu

irgendwelcher Verlegenheit. Wir müssen uns nur, wie immer und immer

wieder bei allen Begriffen, die wir verwenden, erinnern, daß es sich

hier um einen Begriff handelt, der einst vom Menschen geschaffen

worden ist, um eine Reihe von Tatsachen unter einem gemeinsamen

Gesichtspunkt zusammenzufassen, der aber, wie alle Begriffe, sobald

er bei weiter und weiter fortschreitender Erfahrung zu eng oder gar

falsch wird, geändert oder ganz abgeworfen werden muß. Der Begriff der

Materie ist sehr alt und läßt sich bis in die Zeiten der ionischen

Naturphilosophie zurückverfolgen. Er entsprang aus der Annahme, daß

alle Körper aus einem gemeinsamen Urstoff bestehen. Das ist aber eine

Hypothese, für die auch heute noch nicht der Schatten eines Beweises

existiert. Die Tatsache der Teilbarkeit von Körpern hat dann weiterhin

dazu geführt, die Materie aus kleinen, diskreten Teilchen bestehend

zu denken. ~Leukippos~ und ~Demokritos~ haben, wie es scheint, diese

Corpuscularvorstellungen zuerst in ihrer Atomtheorie in ausgedehnterer

Weise entwickelt. Die Atomtheorie ist dann bekanntlich von der modernen

Chemie in unvergleichlich scharfsinniger Weise ausgebaut worden

und hat sich in ihrer heutigen Form als ein unendlich fruchtbares

heuristisches Prinzip erwiesen. Aber wir dürfen mit dem Begriff des

Atoms keine unhaltbaren Vorstellungen verknüpfen. Und es ist nicht

zu leugnen, daß sich das naive Denken durch die Atomtheorie und

ihre plastische Anschaulichkeit selbst in der Naturforschung noch

häufig zu ganz kindlichen Ansichten verführen läßt. Der Mensch ist

gewöhnt, die Dinge, die er zergliedert und betrachtet, sich selbst

gegenüberzustellen. So kommt der naive Geist unwillkürlich dazu, sich

einen Standpunkt außerhalb der Welt zu konstruieren, von dem aus er die

gesamte Welt, wie der Naturforscher das einzelne Objekt, betrachtet.

Auf Grund der Atomtheorie erscheint ihm dann die vor ihm liegende Welt

wie ein enormer Haufen kleinster Kügelchen, die er sich mikroskopisch

vergrößert denkt, so daß er das einzelne Kügelchen herausgreifen, in

die Hand nehmen und für sich isoliert untersuchen zu können glaubt.

So ungefähr sieht das materialistische Weltbild aus, ein wahrer

Rattenkönig von schiefen und falschen Vorstellungen!

Es wäre indessen verkehrt, wenn wir die großen Verdienste des

Materialismus damit verkennen wollten. Es gibt Leute, die den

Materialismus überwunden haben und sich nun nicht genug tun können,

über den „krassen und rohen Materialismus“ zu schimpfen. Das ist

undankbar, denn wir verdanken dem Materialismus viel: Wir verdanken

ihm -- um nur den wichtigsten Punkt hervorzuheben -- den Sieg der

Klarheit, der plastischen Anschaulichkeit über den unklaren Mystizismus

und wunderverkündenden Kirchenglauben, den Sieg des Lichts über die

Dunkelheit. Die Atomtheorie speziell ist auch heute noch eine äußerst

fruchtbare, ja unentbehrliche Vorstellung, so z. B. in der Chemie.

Was hat die Chemie alles mit diesem Erklärungs- und Forschungsprinzip

erreicht! Es wäre undankbar, wenn wir verkennen wollten, was hier die

materialistische Anschauungsweise vollendet hat. Es gibt Irrtümer in

der Geschichte des menschlichen Denkens, die wertvoller sind als manche

Wahrheit; ein solcher fruchtbarer Irrtum war auch der Materialismus.

Aber wir müssen über ihn hinwegzukommen suchen, sobald wir auf

seine Fehler stoßen. Jede Weltanschauung ist endlich. Sie wird alt

und verfällt dem Tode, genau wie jeder Organismus. So ist auch der

Materialismus als Weltanschauung heute im Absterben begriffen, weil

er neben seinen brauchbaren Bestandteilen eine Menge von schiefen und

falschen Vorstellungen enthält. ~Du Bois-Reymond~s Betrachtung hat

recht deutlich gezeigt, wie die materialistische Weltanschauung zur

völligen Ratlosigkeit führt.

Machen wir uns die Irrtümer des Materialismus klar. Wenn wir uns

nur immer streng an die Betrachtungsweise des wissenschaftlichen

Konditionismus halten, wird uns das nicht schwer. Die Hypothese,

daß allen Dingen ein gemeinsames letztes Substrat zugrunde liege,

wird durch die Erfahrung in keiner Weise gestützt. In der Periode

der Naturwissenschaft, deren Anschauungen in der Betrachtung ~Du

Bois-Reymond~s zum Ausdruck gekommen sind, hielt man noch die Atome

der sogenannten chemischen Elemente für die letzten Bestandteile

der Wirklichkeit und der Satz von ihrer Unveränderlichkeit war

ein allgemeines Dogma. Aber schon auf Grund dieser Vorstellungen

hätte von einem einheitlichen Substrat der Dinge gar nicht die Rede

sein können, denn man kannte ja nicht weniger als 70 verschiedene

„Elemente“. Allerdings begann schon damals der Gedanke sich zu

verbreiten, daß die chemischen Elemente in einem bestimmten genetischen

Verhältnis zueinander stehen müßten, so daß die Elemente mit höherem

Atomgewicht aus Elementen mit niederem Atomgewicht einmal entstanden

seien. Das ~Mendelejew~sche natürliche System der Elemente gab für

diese Anschauung eine starke Stütze. Aber erst die Untersuchungen

der letzten Jahre haben gezeigt, daß unter bestimmten Bedingungen

tatsächlich ein Zerfall von Elementatomen stattfinden kann in Teilchen

von ganz unvergleichlich geringerer Größe. Die Untersuchungen über

die radioaktiven Stoffe, deren sich überstürzende Resultate noch gar

kein Ende absehen lassen, haben uns an die Existenz viel kleinerer

Teilchen gewöhnt und die Elektronentheorie scheint berufen, das

Gebiet dieser kleineren Bestandteile allmählich ebenso anschaulich

aufzuklären, wie die Atomtheorie es für die Welt der Elementatome

getan hat. Wenn man aber annehmen wollte, daß die Elektronen nun die

letzten Bestandteile der Dinge seien, so wäre diese Annahme wiederum

völlig aus der Luft gegriffen und durch keine Erfahrung begründet.

Die Elektronen existieren, genau wie die Atome ebenfalls, als solche

nur, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind, und nichts hindert uns

anzunehmen, daß die Elektronen unter anderen Bedingungen wiederum in

kleinere Teilchen zerfallen. Schließlich ist die Annahme letzter,

nicht weiter teilbarer Bestandteile der Dinge, in welcher Form sie

auch auftreten mag, stets eine durchaus willkürliche Hypothese, und es

existiert kein stichhaltiger Grund, die Teilbarkeit der Körper, die

als unendlich +denkbar+ ist, irgendwo als begrenzt zu betrachten. Vor

allem aber ist eine Vorstellung, die der Materialismus gezüchtet hat,

vollkommen im Widerspruch mit aller Erfahrung, das ist die Annahme, daß

irgend ein Substrat der Dinge existiere, das unter allen Umständen eine

bestimmte Summe von unveränderlichen und ihm selbst stets immanenten

Eigenschaften besäße. Eine solche absolute Materie, die von allen

Bedingungen unabhängig wäre, existiert schlechterdings nicht. Es gibt

nur bedingte Dinge. Absolute Dinge zeigt uns die Erfahrung niemals

und nirgends. Ein Ding, und sei es selbst ein Atom oder ein Elektron,

ist immer nur da, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind. Wo diese

Bedingungen fehlen, da ist auch kein Atom, denn was ich ein Atom nenne,

das ist ja identisch mit diesem System von Bedingungen.

Wenn wir aber diese schiefen und irrigen Vorstellungen aus dem

Begriff der Materie eliminieren, dann verändert dieser Begriff sein

Aussehen vollständig. Dann besteht die Welt nicht aus einem Haufen von

teilbaren kleinsten Teilchen, von denen jedes eine Summe von absolut

unveränderlichen Eigenschaften besitzt, sondern aus einer unendlichen

Mannigfaltigkeit von Dingen, die alle untereinander in eindeutig

bestimmtem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Die Aufgabe der Forschung

ist es, dieses Abhängigkeitsverhältnis zu ermitteln. Wie wir oben

sahen, erforschen wir damit die Dinge selbst.

Das Problem einer absoluten Materie als des letzten allgemeinen

Bestandteils aller Körper ist also ebenfalls ein Scheinproblem, das vor

der konditionellen Betrachtungsweise zerschmilzt wie der Schnee vor der

Sonne. Infolgedessen liegt hier auch keine Grenze der Erkenntnis, denn

erkennbar sind alle Dinge, die ich zu mir in Beziehung setzen kann, und

mit der Erkenntnis eines jeden Dinges mache ich einen Fortschritt in

der Erkenntnis der Welt.

Aber gibt es nicht Dinge, die ich +nicht+ zu mir in Beziehung setzen

kann, weil sie sinnlich nicht wahrnehmbar sind, Dinge, die demnach

unerkennbar wären?

Seit alter Zeit hat man bekanntlich zwei Arten von Dingen unterscheiden

zu müssen geglaubt, die körperlichen und die geistigen Dinge. Die

Unterscheidung der menschlichen Natur in Leib und Seele geht weit in

die prähistorische Steinzeit zurück. Wenn wir aus dem primitiven Denken

der heute noch lebenden Naturvölker einen Rückschluß ziehen dürfen

auf die prähistorische Geistesentwicklung, so ist diese dualistische

Spaltung des menschlichen Wesens entstanden aus der Beobachtung der

Todestatsache und des Traumlebens. Man sah einen Menschen, der eben

noch sich bewegte und sprach, atmete und empfand, plötzlich daliegen

regungslos und stumm, ohne Atemzug und ohne Empfindung. Es mußte

etwas aus ihm heraus geflogen sein, etwas Unsichtbares, das vorher in

ihm atmete und sprach, sich bewegte und fühlte. Das war die Seele.

Unverändert aber, wie er immer gewesen war, blieb der sichtbare Körper

zurück, der Leib. Im Schlafe sah man dann bei sich selbst, ebenso wie

bei anderen im Tode, häufig die Seele sich vom Körper trennen und auf

die Wanderschaft gehen in ferne Gegenden zu fernen Leuten. Aber diese

Trennung war nur vorübergehend. Die Seele kehrte des Morgens wieder

in ihren Körper zurück, der während dessen ruhig auf seinem Lager

gelegen hatte. Auch die Seele eines Verstorbenen sah man bisweilen

des Nachts im Traume ganz in der Gestalt des Lebendigen wiederkehren,

während sein toter Körper noch in seiner Hütte oder tief unter Steinen

vergraben mit fest an den Leib gefesselten Beinen und Armen im Erdboden

lag. Das alles +mußte+ den naiven Geist zu der Annahme von zwei ganz

verschiedenen Wesen im lebendigen Menschen führen, zu der Annahme,

daß ein unsichtbares Wesen, die Seele, in dem sichtbaren Leibe wohne,

wie ein Mieter in einem Hause. Diese Konzeption des steinzeitlichen

Menschen hat eine wahrhaft unendliche Fülle von Spekulationen angeregt.

Ja man kann sagen, daß sich an ihr das gesamte Denken der Menschheit

vervollkommnet und emporgerankt hat bis zur seiner heutigen Blüte. Bei

~Descartes~ hat diese Idee ihren schärfsten Ausdruck gefunden in der

Charakterisierung der Körper als ausgedehnter Dinge, der Seele als

eines Dinges ohne Ausdehnung. Allmählich ist dieser so einleuchtende

Gedanke eines Dualismus von Leib und Seele fast allen Völkern der Erde

in Fleisch und Blut übergegangen, so sehr, daß selbst das Denken des

Kulturmenschen von Jugend auf von ihm durchtränkt wird.

Es fragt sich aber, ob die Gründe, die einst den primitiven Geist des

steinzeitlichen Menschen zu diesem Dualismus geführt haben, für uns

auch heute noch bindend sein können.

Auf der einen Seite hat die moderne „+Lehre vom psycho-physischen

Parallelismus+“ der steinzeitlichen Idee ihre wissenschaftliche

Sanktion erteilt, ja sie hat sogar diese Vorstellung noch schärfer

formuliert. Nach der Lehre vom psycho-physischen Parallelismus gehen

bestimmte körperliche Vorgänge in den Bestandteilen der Großhirnrinde

stets und unabänderlich parallel mit bestimmten psychischen Vorgängen,

ohne daß aber zwischen beiden Reihen von Vorgängen eine „kausale“

Abhängigkeit bestände. Die Reihe der körperlichen Vorgänge ist nach

dieser Vorstellung vollständig in sich geschlossen, ihre einzelnen

Glieder stehen in untrennbarem „Kausalzusammenhange“ untereinander und

nirgends ist zwischen ihnen eine Lücke, die durch ein psychisches Glied

ausgefüllt würde. Die Glieder der körperlichen Reihe sind schließlich

allein objektiv sinnlich wahrnehmbar, die der psychischen Reihe sind

nur aus subjektiver Erfahrung bekannt. Das ist die Lehre, die sich

heute einer weiten Wertschätzung in manchen Kreisen der Philosophie und

der Naturwissenschaften erfreut.

Auf der anderen Seite ist man seit langer Zeit unbefriedigt gewesen

von dem psycho-physischen Dualismus. Zahlreiche Denker haben versucht,

diesen Dualismus in monistischem Sinne zu lösen. Es sei nur an die

Versuche ~Spinoza~s, der Materialisten ~Haeckel~s und in neuerer

Zeit ~Ostwald~s erinnert. Aber man kann nicht sagen, daß einer dieser

Versuche allgemeine Zustimmung erfahren hätte.

Suchen wir nach der Begründung, die heute noch für die Annahme des

Dualismus von Körperwelt und Psyche angeführt wird, so ist es immer

ein und dasselbe Moment. Man sieht eine unüberbrückbare Kluft zwischen

körperlichen und geistigen Vorgängen darin, daß die ersteren der

sinnlichen Wahrnehmung objektiv zugänglich sind, die letzteren nicht.

~Du Bois-Reymond~s Betrachtung glaubt das besonders schlagend gezeigt

zu haben. Aber täuscht man sich nicht etwa hier? Sehen wir zu! Nehmen

wir an, ein ~Laplace~scher Geist im Sinne ~Du Bois-Reymond~s könnte in

das Gehirn eines lebendigen Menschen hineinsehen, während dieser die

Empfindung einer Rose hat, die er ansieht, so würde ein solcher idealer

Geist die sämtlichen physiologischen Vorgänge in den Ganglienzellen

beobachten, die sich während der Empfindung des betreffenden Menschen

abspielen, +aber+ -- so nimmt nun ~Du Bois-Reymond~s Art der

Betrachtung an -- er würde niemals die Empfindung der Rose selbst

wahrnehmen und würde nicht verstehen, wie diese zu stande kommt. Ja,

was denkt man denn eigentlich zu finden, wenn man die Empfindung

selbst in den Ganglienzellen des Beobachteten sucht? Hier liegt der

Fehler der ganzen Betrachtungsweise. Man glaubt, der Beobachter

müßte die Empfindung der Rose selbst +haben+, die der andere hat,

wenn der Beobachter während dessen in sein Gehirn hineinsähe. Man

denkt im Stillen, daß in den Ganglienzellen des anderen irgend ein

schattenhaftes, körperloses, verkleinertes Bild der Rose zu sehen sein

müßte, etwa von der Art, wie der alte „Orbis pictus“ die Seele des

Menschen abzubilden pflegte.

Die konditionale Betrachtungsweise zeigt uns auch hier wieder sofort,

welche kindliche Auffassung diesen Erwartungen zugrunde liegt und

weshalb sie sich nicht erfüllen +können+. Gleiche Vorgänge oder

Zustände können ja nur immer da sein, wo gleiche Bedingungen sind. Wenn

ich also das Gehirn eines anderen ansehe, während dieser eine Rose

betrachtet, so kann ich unmöglich die Empfindung der Rose +haben+, die

jener hat, sondern nur die Empfindung seines Gehirns. Bei mir und bei

ihm bestehen ja vollständig verschiedene Bedingungen und infolgedessen

müssen natürlich auch die Empfindungen bei ihm und bei mir verschieden

sein. Gleiche Empfindungen können bei ihm und bei mir nur vorhanden

sein, wenn bei uns beiden die gleichen Bedingungen bestehen, d. h.

wenn wir +beide+ die Rose ansehen. Aber daraus, daß ich nicht ein

verkleinertes Bild der Rose im Gehirn des anderen finde, wenn ich sein

Gehirn ansehe, während er die Empfindung der Rose hat, darf ich doch

nicht den Schluß ziehen, daß seine Empfindung nicht wahrnehmbar wäre.

Nach unserer konditionalen Betrachtungsweise ist die Empfindung wie

jedes Ding eindeutig bestimmt durch die Gesamtheit ihrer Bedingungen,

denn sie ist identisch damit. Wenn ich die Bedingungen einer Empfindung

analysiere, so analysiere ich damit die Empfindung selbst. Hätte ich

also, wie der ~Laplace~sche Geist ~Du Bois-Reymond~s, „astronomische

Kenntnis“ von den sämtlichen Vorgängen, die sich abspielen vom Einfall

der von der Rose reflektierten Lichtstrahlen bis zur Erregung der

Ganglienzellen in der Sehsphäre der Großhirnrinde, so hätte ich damit

die Empfindung erforscht, und es wäre absurd, noch weiter nach etwas

anderem Unbekannten zu suchen oder einen unerkennbaren Rest anzunehmen.

Bei konditionaler Betrachtungsweise ist eine Empfindung genau ebenso

ein Objekt sinnlicher Wahrnehmung, wie jedes andere Ding, und damit

erledigt sich der Dualismus von Leib und Seele von selbst.

Die naive Konzeption des steinzeitlichen Menschen erweist sich also

als ein Irrtum, allerdings als ein Irrtum, der in der Geschichte

des menschlichen Denkens von unvergleichlicher Fruchtbarkeit war.

In Wirklichkeit existieren nicht zwei Reihen von Vorgängen, die

parallel nebeneinander laufen, sondern nur eine einzige. Was der

psycho-physische Parallelismus wirklich nachweisen kann, ist nicht

das Nebeneinander von körperlichen und geistigen Vorgängen, sondern

nur die Tatsache, daß die Bewußtseinsvorgänge unter anderem durch

bestimmte Vorgänge im Gehirn +bedingt+ sind. Wir dürfen aber dabei nie

vergessen, daß wir auch die physiologischen Vorgänge im Gehirn, wie

überhaupt alle Dinge der Welt, nur als unsere eigenen Empfindungen und

Vorstellungen +kennen+. So sind also die Bewußtseinsvorgänge unserer

objektiven Forschung genau so zugänglich wie alle anderen Dinge. Indem

wir sie mit unseren Erkenntnismitteln untersuchen, d. h. indem wir von

ihnen Empfindungen und Vorstellungen bilden, lernen wir sie in allen

ihren einzelnen Bedingungen kennen. Haben wir einmal ihre sämtlichen

Bedingungen ermittelt, so sind sie auch vollständig erforscht und es

bleibt uns kein Rest weiter übrig. +Die Prinzipien für die Erforschung

der Bewußtseinsvorgänge können immer nur dieselben sein wie die

Prinzipien aller Forschung, d. h. die Ermittelung ihrer sämtlichen

Bedingungen. Auf diesem Wege aber stellen sich uns prinzipielle Grenzen

nirgends entgegen. Die Forschung ist frei und unbegrenzt und reicht so

weit wie die unendliche Welt.+

* *

*

Nach unserer obigen Betrachtung erscheint es als ein Widerspruch,

die Natur (φύσις) und etwas „hinter“ der Natur (μετὰ τὴν φύσιν) zu

unterscheiden. Es gibt nur +eine+ Welt, mag man diese als Natur oder

Psyche oder Wirklichkeit oder sonstwie bezeichnen, das sind nur

Namen. Infolgedessen gibt es auch nur +eine+ Art von Erkenntnis und

nicht zwei. Sobald es sich daher um die Frage nach den Prinzipien und

Grundlagen der Erkenntnis handelt, fallen alle künstlichen Grenzen

fort. Täuschen wir uns also nicht! Das Ziel, das dem Menschengeist in

der theoretischen Forschung vorschwebt, ist nicht allein Erkenntnis der

leblosen Körperwelt, ist auch nicht allein Erkenntnis der lebendigen

Körper, es ist auch nicht bloß Erkenntnis dieser oder jener psychischen

Vorgänge, sondern +wonach der Menschengeist strebt, wonach er dürstet,

ist zuletzt die Erkenntnis der Welt+. Eine +Arbeits+teilung innerhalb

der +Forschung+ dagegen ist nicht nur nicht zu verwerfen, sondern

sogar praktisch geboten durch die ungeheuere Fülle der Dinge; nur muß

man sich des rein äußerlichen Zweckes derselben bewußt bleiben und

die Grenzen zwischen den einzelnen +Arbeits+gebieten, die man selbst

gezogen hat, nicht verwechseln mit natürlichen Grenzen im +Objekt+.

Es ist ein Verhältnis, das sich in den kommenden Jahrhunderten bitter

rächen muß, wenn die Kluft zwischen Philosophie und Naturforschung

von beiden Seiten her künstlich noch immer erweitert wird, indem auf

der einen Seite die ungebundene Spekulation, auf der anderen die

einseitige Spezialforschung immer mehr überhand nimmt, statt daß

eine Annäherung zu wohltätiger gemeinsamer Arbeit von beiden Seiten

stattfände. Die Naturforschung +kann+ nicht auf die Dauer ohne einen

philosophischen Arbeitsplan ersprießliche Fortschritte machen, und

wir sehen ja auch in der Geschichte der Wissenschaft, daß niemals

durch beschränkte Spezialforschung, sondern stets nur von wahrhaft

philosophisch, d. h. planmäßig, methodisch und zielbewußt arbeitenden

Naturforschern große Fortschritte gemacht wurden. Ebensowenig aber kann

die Philosophie auf rein spekulativem Wege wirklich bedeutende Erfolge

erzielen, wenn sie sich nicht eng an die sichergestellten Tatsachen

hält und ihre Spekulationen streng unter die kritische Kontrolle der

Erfahrung stellt. Ein wahrer Fortschritt kommt, wie die Geschichte der

Wissenschaft am besten beweist, immer nur zu stande durch +denkende

Forschung+. Die ganze vorstehende erkenntnistheoretische Ueberlegung

soll uns eine Grundlage für die Forschung geben, wie sie jeder denkende

Forscher sich einmal gebildet haben und immer weiter und freier

ausbauen muß, um fruchtbar arbeiten zu können.

Allgemeine Physiologie · 第 49 / 283 题