Wir sind der Betrachtung ~Du Bois-Reymond~ so ausführlich gefolgt, um
uns zu überzeugen, daß sich uns auf +dem+ Wege der Erkenntnis, den
seine Betrachtung voraussetzt, sehr bald Grenzen entgegenstellen, die
uns die Welt als unbegreiflich erscheinen lassen. Dem unermüdlich
weiter denkenden Verstande, dem die ewige Entsagung schwer fällt, muß
hier die Frage aufstoßen, ob dieser Weg der Erkenntnis der rechte war,
ob die vorausgesetzte Definition des Naturerkennens, nach welcher
Erkennen Auflösen in Mechanik von Atomen ist, eine zureichende
Definition des Erkennens überhaupt vorstellt. Prüfen wir also zunächst
diese Grundlage unserer Betrachtung und +fragen wir uns, was Erkennen
sei+[5].
Wir wollen zu diesem Zweck den Begriff „Erkennen“ in seinem weitesten
Umfange, in seiner allgemeinsten Form fassen.
In diesem Sinne heißt Erkennen nichts anderes als Erfahrungen bilden.
Alles Erkennen reicht nur so weit wie die Erfahrung. Es ist aber
nötig, den Begriff der Erfahrung genau zu präzisieren. Die Urform
aller Erfahrung ist die +sinnliche Empfindung+. Aus dieser primären
Form der Erfahrung gehen alle sekundären Erfahrungen hervor. Zunächst
die +Vorstellungen+, die nichts weiter sind als Erinnerungsbilder von
sinnlichen Empfindungen. Diese Erinnerungsbilder können hervorgerufen
werden auf mannigfaltigen Wegen, durch mannigfaltige Impulse und
bedürfen nicht des speziellen Sinnesreizes zu ihrer Auslösung, der die
ursprüngliche Empfindung hervorrief. Durch die Vorstellungen werden
wir also mit unserem Erkennen zeitlich und räumlich in hohem Grade
unabhängig von den Sinnesreizen, die ja nicht jeden Augenblick und
überall einwirken. Vorstellungen assoziieren sich zu Vorstellungsreihen
oder +Gedanken+. Da die Bildung von Vorstellungsassoziationen von
vornherein der Selektion durch die sinnliche Erfahrung unterliegt,
insofern als nur diejenigen Assoziationen durch die sinnliche Erfahrung
bestätigt werden, die wirklich zutreffend sind, so werden nur bestimmte
Vorstellungsreihen oder Gedanken weiter gezüchtet, andere eliminiert.
Es entwickelt sich ein „+logisches+“ Denken. So ergibt sich eine
völlige Einheitlichkeit aller Erfahrungen, denn alle Erfahrungen, auch
die sekundären, entspringen immer nur aus einer und derselben Quelle,
aus der sinnlichen Empfindung.
Unter der ungeheuren Fülle von Erfahrungen, die wir im Laufe der
geistigen Entwicklung der Menschheit gewonnen haben, befindet sich
eine, die als allgemeinste Erkenntnis eine dominierende Rolle spielt,
das ist die Erkenntnis einer +Gesetzmäßigkeit+ alles Seins und
Geschehens. +Gesetzmäßigkeit bedeutet nichts weiter als die Tatsache,
daß jeder Zustand oder Vorgang eindeutig bestimmt ist durch die Summe
seiner sämtlichen Bedingungen.+ Ueberall, wo die gleichen Bedingungen
gegeben sind, findet sich auch der gleiche Zustand oder Vorgang.
Ungleiche Zustände oder Vorgänge sind nur da, wo ungleiche Bedingungen
vorhanden sind. +Daraus ergibt sich klar und eindeutig die Aufgabe
aller wissenschaftlichen Forschung. Sie kann immer nur darin bestehen,
die sämtlichen Bedingungen eines gegebenen Zustandes oder Vorganges zu
ermitteln. Sind diese Bedingungen sämtlich erkannt, so ist der Zustand
oder Vorgang auch wissenschaftlich erklärt. Eine weitere Erklärung
existiert nicht.+
Es ist aber notwendig, diese fundamentale Tatsache noch etwas genauer
zu betrachten, weil seit alter Zeit in den Begriff der Erklärung
noch ein anderes Moment hineingetragen worden ist, das selbst in
der Naturforschung von heute noch immer eine große Rolle spielt.
Man pflegt als wissenschaftliche Erklärung eines Zustandes oder
Vorganges gewöhnlich die „kausale Erklärung“ zu betrachten, d. h.
den Nachweis seiner „Ursache“, denn man erblickt in der bestehenden
Gesetzmäßigkeit eine „kausale Verknüpfung“ des Seins und Geschehens,
ein Abhängigkeitsverhältnis der Dinge nach dem „Gesetz von Ursache
und Wirkung“. Jedes Ding, d. h. jeder Zustand oder Vorgang, so meint
man, muß seine „Ursache“ haben und der Zustand als Vorgang ist
wissenschaftlich erst erklärt, wenn man seine „Ursache“ ermittelt hat.
Was ist nun eine „Ursache“?
Wir geraten in einige Verlegenheit, wenn wir den Begriff etwas
schärfer unter die Lupe nehmen, um ihn zu analysieren. Die Antwort
ist nicht leicht zu finden, obwohl man gewöhnt ist, auf Schritt und
Tritt mit dem Ursachenbegriff umzugehen und obwohl man die „kausale
Naturbetrachtung“ in der Regel als den Gipfel der Exaktheit in der
Naturforschung zu bezeichnen pflegt. Woher stammt der Begriff? Wie
alle Begriffe ist auch der Ursachenbegriff vom Menschen geschaffen,
um irgend eine Erfahrung zu charakterisieren, aber sein Ursprung
verliert sich im Dunkel der vorgeschichtlichen Zeit. Wo wir ihn zuerst
fassen können, da bedeutet er ein den Sinnen nicht wahrnehmbares
geheimnisvolles Agens, dem man eine dem menschlichen Willen analoge,
bestimmende Bedeutung für die Vorgänge zuschreibt. Es ist wahr, das
wissenschaftliche Denken hat diesen ursprünglich völlig mystischen
Begriff allmählich zu klären versucht, und wir müssen uns ja doch an
den +heutigen+ Ursachenbegriff halten. Aber auch dieser enthält noch
immer einen Rest der ursprünglichen Mystik. Man pflegt zu sagen: jeder
Zustand oder Vorgang hat „eine Ursache“. Dabei tritt der den Zustand
oder Vorgang bestimmende Faktor, „die Ursache“ in der Einzahl auf.
Hier liegt schon der Irrtum. Es gibt keinen Zustand oder Vorgang in
der Welt, der nur von einem einzigen Faktor abhängig wäre. Immer
sind es eine ganze Anzahl von Faktoren, die ihn bestimmen. Nehmen wir
irgend ein Beispiel. Bringe ich Salzsäure auf kohlensaures Natron,
so entweicht gasförmige Kohlensäure. Was ist „die Ursache“ der
Kohlensäureentwicklung: die Salzsäure oder das kohlensaure Natron? In
Wirklichkeit sind beide notwendige Bedingungen. Aber es gibt noch mehr
Bedingungen, die ebenfalls notwendig sind für das Zustandekommen der
Kohlensäureentwicklung, wie z. B. Wasser, eine gewisse Temperatur und
ein bestimmter Druck. Ist eine von diesen Bedingungen nicht erfüllt,
dann tritt keine Kohlensäureentwicklung ein. Diese Bedingungen sind
also sämtlich gleichwertig, weil sie sämtlich notwendig sind für den
Vorgang. Mehr als notwendig aber kann keine Bedingung sein. Es ist
daher durchaus unberechtigt, aus dem Komplex von Bedingungen +eine+
Bedingung, etwa die Salzsäure, besonders hervorzuheben und ihr eine
dominierende Rolle als „Ursache“ anzuweisen. Das gilt für jeden Vorgang
und für jeden Zustand in gleicher Weise. Was ich feststellen kann, sind
nur die Bedingungen, von denen er abhängt. Für eine „Ursache“ bleibt
daneben kein Platz. Man hat deshalb vielfach darauf verzichtet, von
„Einer Ursache“ in der Einzahl zu sprechen und hat den Begriff der
„Ursache“ auf die sämtlichen bestimmenden Faktoren eines Vorganges
angewendet. Aber dann zerfließt der Begriff der „Ursache“ in Nichts,
denn er wird dann identisch mit dem Begriff der +Bedingung+.
In der Tat ist die Einkleidung der durch die Erfahrung festgestellten
Gesetzmäßigkeiten in die konditionale Form die einzige
wissenschaftliche Darstellungsweise, denn sie bringt lediglich
Tatsachen zum Ausdruck ohne irgend einen Deutungsversuch. Die
Mathematik, die sich im Laufe der Zeit die exaktesten Ausdrucksformen
für ihre Wahrheiten entwickelt hat, weiß das schon lange und kennt
daher den Ursachenbegriff gar nicht mehr. Nicht „+weil+“, sondern
„+wenn+“ zwei Größen einer dritten gleich sind, sind sie untereinander
gleich. So muß auch die Naturforschung mehr und mehr danach streben,
den Kausalbegriff aus ihrem exakten Denken zu eliminieren. Nicht
+Kausalismus+, sondern +Konditionismus+!
Man könnte aber auf den ersten Blick geneigt sein, dem Konditionismus
einen Vorwurf zu machen, indem man sagte: der Konditionismus stellt
nur in formaler Weise Gesetzmäßigkeiten fest, ohne auf das „Quale“ der
Dinge einzugehen. Indem er nur Bedingungen ermittelt, scheint er auf
eine Erklärung eigentlich zu verzichten. Bei genauerem Zusehen wird man
indessen finden, daß dieser Vorwurf nicht zutrifft.
Was sind denn die „+Bedingungen+“ eines Zustandes oder Vorganges?
Es sind ebenfalls wieder Zustände und Vorgänge, also Dinge von
bestimmten Qualitäten. Jede „Bedingung“ repräsentiert demnach von
vornherein schon immer einen ganz spezifischen Komplex von Qualitäten,
die wir als Sinnesempfindungen kennen. Indem wir einen komplexen
Zustand oder Vorgang auf seine Bedingungen zurückführen, zerlegen
wir ihn nur in seine Bestandteile und stellen sein gesetzmäßiges
Abhängigkeitsverhältnis von diesen fest. +Der Vorgang oder Zustand
_ist_ in Wirklichkeit nichts weiter als der gesamte Komplex seiner
Bedingungen. Ist dieser gesamte Komplex von Bedingungen gegeben, so
ist auch der betreffende Zustand oder Vorgang gegeben, denn er ist
identisch mit ihm; etwas anderes ist nicht an ihm vorhanden. Indem
wir also die Bedingungen eines Zustandes oder Vorganges analysieren,
analysieren wir ihn selbst qualitativ.+
Noch +eine+ Tatsache ist hierbei von Wichtigkeit. Die Erfahrung zeigt
uns immer nur Dinge, die in Abhängigkeitsbeziehungen voneinander
stehen. Absolute, isolierte, unabhängige Dinge kennen wir nicht.
Wenn uns irgend ein Körper, z. B. ein Organismus, ein Mensch oder
ein Tier als ein selbständiges, in sich geschlossenes, isoliertes
System entgegentritt, so beruht das auf ungenauer oder unvollständiger
Beobachtung. In Wirklichkeit befindet sich dieses System in engster
Abhängigkeit von der Umgebung. Unsere Sinnesorgane zeigen uns das nur
nicht alles mit einem Male. Sie greifen aus dem ganzen Zusammenhange
elektiv nur einzelne Momente heraus, und es bedarf eingehenderer
Analyse, um die Abhängigkeiten sämtlich zu ermitteln. Dann finden wir
aber, daß der Organismus in einem fortwährenden Stoffaustausch mit
seiner Umgebung steht, daß er fortwährend Stoffe von außen aufnimmt
und andere nach außen abgibt, daß er auch von der Temperatur der
Umgebung und vom Drucke des Mediums im höchsten Grade abhängig ist. Die
Feststellung dieser äußeren Lebensbedingungen ist eine Hauptaufgabe
der Physiologie. Was aber für den Organismus gilt, gilt für jedes
körperliche System. +Ueberall finden wir bei genauerer Untersuchung
Zusammenhänge zwischen den Dingen und erkennen, daß jedes Ding selbst
ein Bedingtes ist und zugleich wieder eine Bedingung für ein anderes
bildet.+
Nach alledem ist es klar, daß wissenschaftliche Forschung, auf
welchem Gebiete auch immer es sei, allein nur darin bestehen kann,
die Gesetzmäßigkeit in den Abhängigkeitsverhältnissen der Dinge
untereinander zu ermitteln. Sind die sämtlichen Bedingungen, von denen
ein Zustand oder Vorgang abhängig ist, festgestellt, so ist der Zustand
oder Vorgang damit vollständig erkannt.
Fassen wir daher die beiden Hauptsätze des erkenntnistheoretischen
Konditionismus noch einmal zusammen, so lauten sie folgendermaßen:
1. +Ein Zustand oder Vorgang ist eindeutig bestimmt durch die
Gesamtheit seiner Bedingungen.+
Daraus ergibt sich die Ableitung: Gleiche Zustände oder Vorgänge sind
stets Ausdruck gleicher Bedingungen; ungleiche Bedingungen finden ihren
Ausdruck in ungleichen Zuständen oder Vorgängen.
2. +Ein Zustand oder Vorgang ist identisch mit der Gesamtheit seiner
Bedingungen.+
Daraus ergibt sich die Ableitung: Ein Zustand oder Vorgang ist
wissenschaftlich vollständig erkannt, wenn die Gesamtheit seiner
Bedingungen festgestellt ist.
Von dieser durch induktive Erfahrung gewonnenen Basis des
Konditionismus aus kommen wir nun auf deduktivem Wege wieder einen
Schritt weiter in der Erkenntnis.
Zunächst müssen wir uns erinnern, daß alle Erkenntnis der Dinge auf
sinnliche Empfindungen zurückgeht. Was ich von den Dingen unmittelbar
weiß, sind nur meine eigenen Empfindungen. Analysiere ich nur einmal
irgend ein Ding, z. B. ein Stück Kreide! Was kann ich von ihm sagen?
Die Kreide ist weiß. +Weiß+ ist meine Empfindung. Die Kreide ist
schwer. +Schwer+ ist meine Empfindung. Die Kreide ist hart. +Hart+ ist
meine Empfindung. Die Kreide ist kalt. +Kalt+ ist meine Empfindung. Die
Kreide hat eine bestimmte Form. Die +Form+ ist nichts weiter als eine
bestimmte Anordnung meiner Empfindungen. Wie ich auch das Stück Kreide
untersuchen mag, ich finde immer nur meine eigenen Empfindungen. Was
aber von der Kreide gilt, das gilt von allen Dingen.
Hier ist nun der Punkt, an dem man leicht in einen Fehlschluß verfällt,
der zu absurden Konsequenzen führt. Man sagt: wenn ich an den Dingen
nichts anderes finden kann als meine eigenen Empfindungen, dann ist die
Existenz einer außer mir bestehenden Außenwelt eine reine Hypothese,
und die Welt ist nur ein Spiel meiner Empfindungen. Man hat diese
wunderliche Vorstellung als „+Solipsismus+“ bezeichnet. Der Solipsismus
glaubt besonders exakt zu sein, denn er hält sich frei von jeder
Hypothese und folgt nur der Erfahrung. Nach seiner Auffassung wäre
aber die Welt höchst seltsam. Wenn nur ich allein selbst existiere,
und wenn die Welt identisch ist mit meinen Bewußtseinsvorgängen, dann
würde die Welt vollkommen zusammenhangslos sein, ein buntes Gewirr von
Empfindungen und Vorstellungen, Gedanken und Gefühlen, das jeden Abend
in Nichts zerfließt, um am Morgen sein kaleidoskopartiges Spiel von
neuem zu beginnen. Das wäre absurd. Es muß also in dem Gedankengang,
der zum Solipsismus führt, ein Fehler sein. Wo steckt er? Es ist nicht
schwer, ihn zu finden. Er liegt darin, daß der Solipsismus sich zwar
streng an die Erfahrung hält, aber daß er nicht die +ganze+ Erfahrung
berücksichtigt. Er verwendet nur die primären Erfahrungen, die
Empfindungen, und übersieht völlig die sekundären Erfahrungen, die uns
die Erkenntnis einer Gesetzmäßigkeit liefern.
Die Tatsache, die im ersten Hauptsatz des erkenntnistheoretischen
Konditionismus zum Ausdruck kommt, die Tatsache, daß ein Vorgang oder
Zustand eindeutig bestimmt ist durch die Gesamtheit seiner Bedingungen,
diese Tatsache gestattet mir, den Nachweis zu führen, daß die Dinge
auch weiter existieren, wenn ich sie nicht wahrnehme. Wenn ich die
sämtlichen Bedingungen eines Vorganges ermittelt habe, und ich stelle
sie her, dann +muß+ der Vorgang sich mit unabwendbarer Notwendigkeit
abspielen, ganz gleichgültig, ob ich ihn währenddessen beobachte
oder nicht, vorausgesetzt, daß die Beobachtung nicht selbst zu den
notwendigen Bedingungen des Vorganges gehört, wie bei dem Vorgange
der Empfindung. Jedes Experiment, das ich ausführe, ist im stande,
mir eine Probe auf die Richtigkeit dieser Deduktion zu liefern.
Bringe ich z. B. in ein Becherglas von bestimmtem Durchmesser bei
bestimmter Temperatur eine bestimmte Quantität Formaldehydlösung
von bestimmter Konzentration, und setze ich dazu eine bestimmte
Quantität konzentrierter Salpetersäure, so erfolgt nach bestimmter
Zeit eine explosionsartige Reaktion, indem der Formaldehyd durch
Sauerstoffaufnahme aus der Salpetersäure zu Kohlensäure und Wasser
verbrennt, während die Salpetersäure durch Sauerstoffabgabe zu
Stickoxyd, Stickstoffdioxyd und Wasser zerfällt nach folgender
Formel: CH₂O + 2 HNO₃ = CO₂ + 2 H₂O + NO + NO₂. Stelle ich nun die
genannten Bedingungen her, so muß unter allen Umständen diese Reaktion
nach bestimmter Zeit erfolgen. Ich kann jetzt die Augen schließen.
Nach Ablauf der bestimmten Zeit höre ich an dem charakteristischen
Geräusch, daß die Reaktion erfolgt ist. Oder ich kann währenddessen
hinausgehen. Kehre ich nach Ablauf der bestimmten Zeit zurück, so
erkenne ich an den vorhandenen braunen Dämpfen, daß die Reaktion in
der gesetzmäßigen Weise erfolgt +ist+. Oder ich bleibe draußen und ein
anderer, der von der ganzen Vorbereitung nichts weiß, ist im Zimmer
und bestätigt mir, daß die Reaktion nach der bestimmten Zeit in der
vorausgesagten Weise erfolgt ist. Das alles zeigt mir, daß die Vorgänge
sich in ihrer gesetzmäßigen Weise auch abspielen, wenn ich sie nicht
wahrnehme, mit anderen Worten, daß die Dinge auch außerhalb meines
Bewußtseins existieren. Sie bilden nur keine Empfindungen mit mir, weil
die Bedingungen für die Entstehung von Empfindungen bei mir durch die
Ausschaltung meiner Sinnesorgane nicht hergestellt sind.
Hier pflegt nun die Frage aufzutauchen: was sind denn eigentlich, die
„Dinge an sich“ losgelöst von meiner Empfindung, wenn ich sie nicht
wahrnehme? Machen wir uns klar, was diese Frage eigentlich bedeutet!
Sie bedeutet einen vollkommenen Unsinn, denn sie enthält nichts weniger
als die Forderung: ich soll erkennen, was die Dinge sind, ohne daß ich
sie meinen Erkenntnismitteln zugänglich mache, also ich soll die Dinge
erkennen, +ohne+ sie zu erkennen! Der Widerspruch liegt auf der Hand.
Es handelt sich hier gar nicht um ein wirkliches Problem, sondern um
ein Scheinproblem, das bei genauerer Ueberlegung in Nichts zerfließt.
Wenn wir die Geschichte der Probleme überblicken, die während der
langen Entwicklung des menschlichen Geisteslebens auf der Erde den
Verstand der Denker beschäftigt haben, so finden wir, daß manche
Probleme, die bereits das graue Altertum bewegten, sich erhalten
haben, unverändert und ungelöst bis auf den heutigen Tag, daß andere
Probleme dagegen gelöst sind, daß aber viele Probleme, die einst
jahrhundertelang im Vordergrund des Interesses standen, vollkommen von
der Bildfläche verschwunden sind, obwohl sie keine Lösung fanden. Das
uralte Problem von der „Quadratur des Zirkels“, an dem sich mancher
Kopf vergebens zergrübelt hat, das Problem des „Perpetuum Mobile“,
das seit alter Zeit eins der Hauptprobleme der Physik gebildet hat,
und viele andere sind spurlos verschwunden, und doch hat niemand die
„Quadratur des Zirkels“ gefunden, und doch hat niemand ein „Perpetuum
Mobile“ konstruiert. Fragen wir aber, wie kommt es, daß sich in unserer
Zeit kein Mensch mehr um diese Probleme kümmert, so lautet die einfache
Antwort: weil wir eingesehen haben, daß die Fragestellung, die diesen
vermeintlichen Problemen zugrunde lag, falsch war. Wenn wir falsche
Fragen stellen, so können wir nicht erwarten, eine richtige Antwort zu
bekommen, so können wir uns im Schweiße unseres Angesichts abmühen Tag
und Nacht, wir werden keine Lösung finden.
Ein solches Problem +ist die Frage nach den „Dingen an sich“+. Noch
jetzt beschäftigt diese Frage den Geist eines jeden, der unbefriedigt
ist, wenn er meint, daß ihm zur Entwicklung seines Weltbildes Schranken
gesetzt seien: noch jetzt aber findet jeder, daß er mit seinem
ernstesten Denken der Lösung des Problems nicht näher rückt. Nur ganz
allmählich wird sich erst die Ueberzeugung Bahn brechen, daß das
Problem jenen anderen Problemen gleicht, an deren Lösung der Verstand
von Jahrhunderten scheitern mußte, +weil die Frage falsch gestellt
war+.
Noch viel schlimmer aber wird die Verwirrung, wenn man aus der
Unlösbarkeit eines absurden Scheinproblems noch einen falschen Schluß
zieht und sagt: Da wir nicht erkennen können, was die „Dinge an sich“
sind, so wird uns die Wirklichkeit für ewig verschlossen bleiben. Darin
liegt ein großer Irrtum und eine völlige Verkennung der Tatsachen. Die
Wirklichkeit ist uns durchaus nicht verschlossen, denn wir erkennen
sie ja fortwährend. Erkennen heißt eben Empfindungen und Vorstellungen
bilden, und Empfindungen und Vorstellungen von den Dingen kann ich nur
bilden, wenn ich die nötigen Bedingungen dazu herstelle, d. h. wenn
ich die Dinge zu mir in Beziehung setze. Damit erkenne ich die Dinge,
und damit erkenne ich die Wirklichkeit. Es wäre eine grobe Täuschung,
wenn man die Bewußtseinsvorgänge +nicht+ als Wirklichkeit betrachten
wollte. Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken etc. sind genau so „Dinge
an sich“ wie irgend welche anderen Dinge! Es liegt auch nicht die
mindeste Veranlassung vor, zwischen ihnen und anderen Dingen eine Kluft
zu konstruieren. Die Bewußtseinsvorgänge sind von anderen Dingen nicht
mehr verschieden als andere Dinge untereinander. Sie sind sämtlich
Bestandteile der Wirklichkeit. In meinen Bewußtseinsakten fällt
Erkennen und Sein oder Geschehen zusammen, in meinen Empfindungen und
Vorstellungen erlebe ich die Wirklichkeit selbst[6].