2. Erkenntnistheoretischer Konditionismus.

Wir sind der Betrachtung ~Du Bois-Reymond~ so ausführlich gefolgt, um

uns zu überzeugen, daß sich uns auf +dem+ Wege der Erkenntnis, den

seine Betrachtung voraussetzt, sehr bald Grenzen entgegenstellen, die

uns die Welt als unbegreiflich erscheinen lassen. Dem unermüdlich

weiter denkenden Verstande, dem die ewige Entsagung schwer fällt, muß

hier die Frage aufstoßen, ob dieser Weg der Erkenntnis der rechte war,

ob die vorausgesetzte Definition des Naturerkennens, nach welcher

Erkennen Auflösen in Mechanik von Atomen ist, eine zureichende

Definition des Erkennens überhaupt vorstellt. Prüfen wir also zunächst

diese Grundlage unserer Betrachtung und +fragen wir uns, was Erkennen

sei+[5].

Wir wollen zu diesem Zweck den Begriff „Erkennen“ in seinem weitesten

Umfange, in seiner allgemeinsten Form fassen.

In diesem Sinne heißt Erkennen nichts anderes als Erfahrungen bilden.

Alles Erkennen reicht nur so weit wie die Erfahrung. Es ist aber

nötig, den Begriff der Erfahrung genau zu präzisieren. Die Urform

aller Erfahrung ist die +sinnliche Empfindung+. Aus dieser primären

Form der Erfahrung gehen alle sekundären Erfahrungen hervor. Zunächst

die +Vorstellungen+, die nichts weiter sind als Erinnerungsbilder von

sinnlichen Empfindungen. Diese Erinnerungsbilder können hervorgerufen

werden auf mannigfaltigen Wegen, durch mannigfaltige Impulse und

bedürfen nicht des speziellen Sinnesreizes zu ihrer Auslösung, der die

ursprüngliche Empfindung hervorrief. Durch die Vorstellungen werden

wir also mit unserem Erkennen zeitlich und räumlich in hohem Grade

unabhängig von den Sinnesreizen, die ja nicht jeden Augenblick und

überall einwirken. Vorstellungen assoziieren sich zu Vorstellungsreihen

oder +Gedanken+. Da die Bildung von Vorstellungsassoziationen von

vornherein der Selektion durch die sinnliche Erfahrung unterliegt,

insofern als nur diejenigen Assoziationen durch die sinnliche Erfahrung

bestätigt werden, die wirklich zutreffend sind, so werden nur bestimmte

Vorstellungsreihen oder Gedanken weiter gezüchtet, andere eliminiert.

Es entwickelt sich ein „+logisches+“ Denken. So ergibt sich eine

völlige Einheitlichkeit aller Erfahrungen, denn alle Erfahrungen, auch

die sekundären, entspringen immer nur aus einer und derselben Quelle,

aus der sinnlichen Empfindung.

Unter der ungeheuren Fülle von Erfahrungen, die wir im Laufe der

geistigen Entwicklung der Menschheit gewonnen haben, befindet sich

eine, die als allgemeinste Erkenntnis eine dominierende Rolle spielt,

das ist die Erkenntnis einer +Gesetzmäßigkeit+ alles Seins und

Geschehens. +Gesetzmäßigkeit bedeutet nichts weiter als die Tatsache,

daß jeder Zustand oder Vorgang eindeutig bestimmt ist durch die Summe

seiner sämtlichen Bedingungen.+ Ueberall, wo die gleichen Bedingungen

gegeben sind, findet sich auch der gleiche Zustand oder Vorgang.

Ungleiche Zustände oder Vorgänge sind nur da, wo ungleiche Bedingungen

vorhanden sind. +Daraus ergibt sich klar und eindeutig die Aufgabe

aller wissenschaftlichen Forschung. Sie kann immer nur darin bestehen,

die sämtlichen Bedingungen eines gegebenen Zustandes oder Vorganges zu

ermitteln. Sind diese Bedingungen sämtlich erkannt, so ist der Zustand

oder Vorgang auch wissenschaftlich erklärt. Eine weitere Erklärung

existiert nicht.+

Es ist aber notwendig, diese fundamentale Tatsache noch etwas genauer

zu betrachten, weil seit alter Zeit in den Begriff der Erklärung

noch ein anderes Moment hineingetragen worden ist, das selbst in

der Naturforschung von heute noch immer eine große Rolle spielt.

Man pflegt als wissenschaftliche Erklärung eines Zustandes oder

Vorganges gewöhnlich die „kausale Erklärung“ zu betrachten, d. h.

den Nachweis seiner „Ursache“, denn man erblickt in der bestehenden

Gesetzmäßigkeit eine „kausale Verknüpfung“ des Seins und Geschehens,

ein Abhängigkeitsverhältnis der Dinge nach dem „Gesetz von Ursache

und Wirkung“. Jedes Ding, d. h. jeder Zustand oder Vorgang, so meint

man, muß seine „Ursache“ haben und der Zustand als Vorgang ist

wissenschaftlich erst erklärt, wenn man seine „Ursache“ ermittelt hat.

Was ist nun eine „Ursache“?

Wir geraten in einige Verlegenheit, wenn wir den Begriff etwas

schärfer unter die Lupe nehmen, um ihn zu analysieren. Die Antwort

ist nicht leicht zu finden, obwohl man gewöhnt ist, auf Schritt und

Tritt mit dem Ursachenbegriff umzugehen und obwohl man die „kausale

Naturbetrachtung“ in der Regel als den Gipfel der Exaktheit in der

Naturforschung zu bezeichnen pflegt. Woher stammt der Begriff? Wie

alle Begriffe ist auch der Ursachenbegriff vom Menschen geschaffen,

um irgend eine Erfahrung zu charakterisieren, aber sein Ursprung

verliert sich im Dunkel der vorgeschichtlichen Zeit. Wo wir ihn zuerst

fassen können, da bedeutet er ein den Sinnen nicht wahrnehmbares

geheimnisvolles Agens, dem man eine dem menschlichen Willen analoge,

bestimmende Bedeutung für die Vorgänge zuschreibt. Es ist wahr, das

wissenschaftliche Denken hat diesen ursprünglich völlig mystischen

Begriff allmählich zu klären versucht, und wir müssen uns ja doch an

den +heutigen+ Ursachenbegriff halten. Aber auch dieser enthält noch

immer einen Rest der ursprünglichen Mystik. Man pflegt zu sagen: jeder

Zustand oder Vorgang hat „eine Ursache“. Dabei tritt der den Zustand

oder Vorgang bestimmende Faktor, „die Ursache“ in der Einzahl auf.

Hier liegt schon der Irrtum. Es gibt keinen Zustand oder Vorgang in

der Welt, der nur von einem einzigen Faktor abhängig wäre. Immer

sind es eine ganze Anzahl von Faktoren, die ihn bestimmen. Nehmen wir

irgend ein Beispiel. Bringe ich Salzsäure auf kohlensaures Natron,

so entweicht gasförmige Kohlensäure. Was ist „die Ursache“ der

Kohlensäureentwicklung: die Salzsäure oder das kohlensaure Natron? In

Wirklichkeit sind beide notwendige Bedingungen. Aber es gibt noch mehr

Bedingungen, die ebenfalls notwendig sind für das Zustandekommen der

Kohlensäureentwicklung, wie z. B. Wasser, eine gewisse Temperatur und

ein bestimmter Druck. Ist eine von diesen Bedingungen nicht erfüllt,

dann tritt keine Kohlensäureentwicklung ein. Diese Bedingungen sind

also sämtlich gleichwertig, weil sie sämtlich notwendig sind für den

Vorgang. Mehr als notwendig aber kann keine Bedingung sein. Es ist

daher durchaus unberechtigt, aus dem Komplex von Bedingungen +eine+

Bedingung, etwa die Salzsäure, besonders hervorzuheben und ihr eine

dominierende Rolle als „Ursache“ anzuweisen. Das gilt für jeden Vorgang

und für jeden Zustand in gleicher Weise. Was ich feststellen kann, sind

nur die Bedingungen, von denen er abhängt. Für eine „Ursache“ bleibt

daneben kein Platz. Man hat deshalb vielfach darauf verzichtet, von

„Einer Ursache“ in der Einzahl zu sprechen und hat den Begriff der

„Ursache“ auf die sämtlichen bestimmenden Faktoren eines Vorganges

angewendet. Aber dann zerfließt der Begriff der „Ursache“ in Nichts,

denn er wird dann identisch mit dem Begriff der +Bedingung+.

In der Tat ist die Einkleidung der durch die Erfahrung festgestellten

Gesetzmäßigkeiten in die konditionale Form die einzige

wissenschaftliche Darstellungsweise, denn sie bringt lediglich

Tatsachen zum Ausdruck ohne irgend einen Deutungsversuch. Die

Mathematik, die sich im Laufe der Zeit die exaktesten Ausdrucksformen

für ihre Wahrheiten entwickelt hat, weiß das schon lange und kennt

daher den Ursachenbegriff gar nicht mehr. Nicht „+weil+“, sondern

„+wenn+“ zwei Größen einer dritten gleich sind, sind sie untereinander

gleich. So muß auch die Naturforschung mehr und mehr danach streben,

den Kausalbegriff aus ihrem exakten Denken zu eliminieren. Nicht

+Kausalismus+, sondern +Konditionismus+!

Man könnte aber auf den ersten Blick geneigt sein, dem Konditionismus

einen Vorwurf zu machen, indem man sagte: der Konditionismus stellt

nur in formaler Weise Gesetzmäßigkeiten fest, ohne auf das „Quale“ der

Dinge einzugehen. Indem er nur Bedingungen ermittelt, scheint er auf

eine Erklärung eigentlich zu verzichten. Bei genauerem Zusehen wird man

indessen finden, daß dieser Vorwurf nicht zutrifft.

Was sind denn die „+Bedingungen+“ eines Zustandes oder Vorganges?

Es sind ebenfalls wieder Zustände und Vorgänge, also Dinge von

bestimmten Qualitäten. Jede „Bedingung“ repräsentiert demnach von

vornherein schon immer einen ganz spezifischen Komplex von Qualitäten,

die wir als Sinnesempfindungen kennen. Indem wir einen komplexen

Zustand oder Vorgang auf seine Bedingungen zurückführen, zerlegen

wir ihn nur in seine Bestandteile und stellen sein gesetzmäßiges

Abhängigkeitsverhältnis von diesen fest. +Der Vorgang oder Zustand

_ist_ in Wirklichkeit nichts weiter als der gesamte Komplex seiner

Bedingungen. Ist dieser gesamte Komplex von Bedingungen gegeben, so

ist auch der betreffende Zustand oder Vorgang gegeben, denn er ist

identisch mit ihm; etwas anderes ist nicht an ihm vorhanden. Indem

wir also die Bedingungen eines Zustandes oder Vorganges analysieren,

analysieren wir ihn selbst qualitativ.+

Noch +eine+ Tatsache ist hierbei von Wichtigkeit. Die Erfahrung zeigt

uns immer nur Dinge, die in Abhängigkeitsbeziehungen voneinander

stehen. Absolute, isolierte, unabhängige Dinge kennen wir nicht.

Wenn uns irgend ein Körper, z. B. ein Organismus, ein Mensch oder

ein Tier als ein selbständiges, in sich geschlossenes, isoliertes

System entgegentritt, so beruht das auf ungenauer oder unvollständiger

Beobachtung. In Wirklichkeit befindet sich dieses System in engster

Abhängigkeit von der Umgebung. Unsere Sinnesorgane zeigen uns das nur

nicht alles mit einem Male. Sie greifen aus dem ganzen Zusammenhange

elektiv nur einzelne Momente heraus, und es bedarf eingehenderer

Analyse, um die Abhängigkeiten sämtlich zu ermitteln. Dann finden wir

aber, daß der Organismus in einem fortwährenden Stoffaustausch mit

seiner Umgebung steht, daß er fortwährend Stoffe von außen aufnimmt

und andere nach außen abgibt, daß er auch von der Temperatur der

Umgebung und vom Drucke des Mediums im höchsten Grade abhängig ist. Die

Feststellung dieser äußeren Lebensbedingungen ist eine Hauptaufgabe

der Physiologie. Was aber für den Organismus gilt, gilt für jedes

körperliche System. +Ueberall finden wir bei genauerer Untersuchung

Zusammenhänge zwischen den Dingen und erkennen, daß jedes Ding selbst

ein Bedingtes ist und zugleich wieder eine Bedingung für ein anderes

bildet.+

Nach alledem ist es klar, daß wissenschaftliche Forschung, auf

welchem Gebiete auch immer es sei, allein nur darin bestehen kann,

die Gesetzmäßigkeit in den Abhängigkeitsverhältnissen der Dinge

untereinander zu ermitteln. Sind die sämtlichen Bedingungen, von denen

ein Zustand oder Vorgang abhängig ist, festgestellt, so ist der Zustand

oder Vorgang damit vollständig erkannt.

Fassen wir daher die beiden Hauptsätze des erkenntnistheoretischen

Konditionismus noch einmal zusammen, so lauten sie folgendermaßen:

1. +Ein Zustand oder Vorgang ist eindeutig bestimmt durch die

Gesamtheit seiner Bedingungen.+

Daraus ergibt sich die Ableitung: Gleiche Zustände oder Vorgänge sind

stets Ausdruck gleicher Bedingungen; ungleiche Bedingungen finden ihren

Ausdruck in ungleichen Zuständen oder Vorgängen.

2. +Ein Zustand oder Vorgang ist identisch mit der Gesamtheit seiner

Bedingungen.+

Daraus ergibt sich die Ableitung: Ein Zustand oder Vorgang ist

wissenschaftlich vollständig erkannt, wenn die Gesamtheit seiner

Bedingungen festgestellt ist.

Von dieser durch induktive Erfahrung gewonnenen Basis des

Konditionismus aus kommen wir nun auf deduktivem Wege wieder einen

Schritt weiter in der Erkenntnis.

Zunächst müssen wir uns erinnern, daß alle Erkenntnis der Dinge auf

sinnliche Empfindungen zurückgeht. Was ich von den Dingen unmittelbar

weiß, sind nur meine eigenen Empfindungen. Analysiere ich nur einmal

irgend ein Ding, z. B. ein Stück Kreide! Was kann ich von ihm sagen?

Die Kreide ist weiß. +Weiß+ ist meine Empfindung. Die Kreide ist

schwer. +Schwer+ ist meine Empfindung. Die Kreide ist hart. +Hart+ ist

meine Empfindung. Die Kreide ist kalt. +Kalt+ ist meine Empfindung. Die

Kreide hat eine bestimmte Form. Die +Form+ ist nichts weiter als eine

bestimmte Anordnung meiner Empfindungen. Wie ich auch das Stück Kreide

untersuchen mag, ich finde immer nur meine eigenen Empfindungen. Was

aber von der Kreide gilt, das gilt von allen Dingen.

Hier ist nun der Punkt, an dem man leicht in einen Fehlschluß verfällt,

der zu absurden Konsequenzen führt. Man sagt: wenn ich an den Dingen

nichts anderes finden kann als meine eigenen Empfindungen, dann ist die

Existenz einer außer mir bestehenden Außenwelt eine reine Hypothese,

und die Welt ist nur ein Spiel meiner Empfindungen. Man hat diese

wunderliche Vorstellung als „+Solipsismus+“ bezeichnet. Der Solipsismus

glaubt besonders exakt zu sein, denn er hält sich frei von jeder

Hypothese und folgt nur der Erfahrung. Nach seiner Auffassung wäre

aber die Welt höchst seltsam. Wenn nur ich allein selbst existiere,

und wenn die Welt identisch ist mit meinen Bewußtseinsvorgängen, dann

würde die Welt vollkommen zusammenhangslos sein, ein buntes Gewirr von

Empfindungen und Vorstellungen, Gedanken und Gefühlen, das jeden Abend

in Nichts zerfließt, um am Morgen sein kaleidoskopartiges Spiel von

neuem zu beginnen. Das wäre absurd. Es muß also in dem Gedankengang,

der zum Solipsismus führt, ein Fehler sein. Wo steckt er? Es ist nicht

schwer, ihn zu finden. Er liegt darin, daß der Solipsismus sich zwar

streng an die Erfahrung hält, aber daß er nicht die +ganze+ Erfahrung

berücksichtigt. Er verwendet nur die primären Erfahrungen, die

Empfindungen, und übersieht völlig die sekundären Erfahrungen, die uns

die Erkenntnis einer Gesetzmäßigkeit liefern.

Die Tatsache, die im ersten Hauptsatz des erkenntnistheoretischen

Konditionismus zum Ausdruck kommt, die Tatsache, daß ein Vorgang oder

Zustand eindeutig bestimmt ist durch die Gesamtheit seiner Bedingungen,

diese Tatsache gestattet mir, den Nachweis zu führen, daß die Dinge

auch weiter existieren, wenn ich sie nicht wahrnehme. Wenn ich die

sämtlichen Bedingungen eines Vorganges ermittelt habe, und ich stelle

sie her, dann +muß+ der Vorgang sich mit unabwendbarer Notwendigkeit

abspielen, ganz gleichgültig, ob ich ihn währenddessen beobachte

oder nicht, vorausgesetzt, daß die Beobachtung nicht selbst zu den

notwendigen Bedingungen des Vorganges gehört, wie bei dem Vorgange

der Empfindung. Jedes Experiment, das ich ausführe, ist im stande,

mir eine Probe auf die Richtigkeit dieser Deduktion zu liefern.

Bringe ich z. B. in ein Becherglas von bestimmtem Durchmesser bei

bestimmter Temperatur eine bestimmte Quantität Formaldehydlösung

von bestimmter Konzentration, und setze ich dazu eine bestimmte

Quantität konzentrierter Salpetersäure, so erfolgt nach bestimmter

Zeit eine explosionsartige Reaktion, indem der Formaldehyd durch

Sauerstoffaufnahme aus der Salpetersäure zu Kohlensäure und Wasser

verbrennt, während die Salpetersäure durch Sauerstoffabgabe zu

Stickoxyd, Stickstoffdioxyd und Wasser zerfällt nach folgender

Formel: CH₂O + 2 HNO₃ = CO₂ + 2 H₂O + NO + NO₂. Stelle ich nun die

genannten Bedingungen her, so muß unter allen Umständen diese Reaktion

nach bestimmter Zeit erfolgen. Ich kann jetzt die Augen schließen.

Nach Ablauf der bestimmten Zeit höre ich an dem charakteristischen

Geräusch, daß die Reaktion erfolgt ist. Oder ich kann währenddessen

hinausgehen. Kehre ich nach Ablauf der bestimmten Zeit zurück, so

erkenne ich an den vorhandenen braunen Dämpfen, daß die Reaktion in

der gesetzmäßigen Weise erfolgt +ist+. Oder ich bleibe draußen und ein

anderer, der von der ganzen Vorbereitung nichts weiß, ist im Zimmer

und bestätigt mir, daß die Reaktion nach der bestimmten Zeit in der

vorausgesagten Weise erfolgt ist. Das alles zeigt mir, daß die Vorgänge

sich in ihrer gesetzmäßigen Weise auch abspielen, wenn ich sie nicht

wahrnehme, mit anderen Worten, daß die Dinge auch außerhalb meines

Bewußtseins existieren. Sie bilden nur keine Empfindungen mit mir, weil

die Bedingungen für die Entstehung von Empfindungen bei mir durch die

Ausschaltung meiner Sinnesorgane nicht hergestellt sind.

Hier pflegt nun die Frage aufzutauchen: was sind denn eigentlich, die

„Dinge an sich“ losgelöst von meiner Empfindung, wenn ich sie nicht

wahrnehme? Machen wir uns klar, was diese Frage eigentlich bedeutet!

Sie bedeutet einen vollkommenen Unsinn, denn sie enthält nichts weniger

als die Forderung: ich soll erkennen, was die Dinge sind, ohne daß ich

sie meinen Erkenntnismitteln zugänglich mache, also ich soll die Dinge

erkennen, +ohne+ sie zu erkennen! Der Widerspruch liegt auf der Hand.

Es handelt sich hier gar nicht um ein wirkliches Problem, sondern um

ein Scheinproblem, das bei genauerer Ueberlegung in Nichts zerfließt.

Wenn wir die Geschichte der Probleme überblicken, die während der

langen Entwicklung des menschlichen Geisteslebens auf der Erde den

Verstand der Denker beschäftigt haben, so finden wir, daß manche

Probleme, die bereits das graue Altertum bewegten, sich erhalten

haben, unverändert und ungelöst bis auf den heutigen Tag, daß andere

Probleme dagegen gelöst sind, daß aber viele Probleme, die einst

jahrhundertelang im Vordergrund des Interesses standen, vollkommen von

der Bildfläche verschwunden sind, obwohl sie keine Lösung fanden. Das

uralte Problem von der „Quadratur des Zirkels“, an dem sich mancher

Kopf vergebens zergrübelt hat, das Problem des „Perpetuum Mobile“,

das seit alter Zeit eins der Hauptprobleme der Physik gebildet hat,

und viele andere sind spurlos verschwunden, und doch hat niemand die

„Quadratur des Zirkels“ gefunden, und doch hat niemand ein „Perpetuum

Mobile“ konstruiert. Fragen wir aber, wie kommt es, daß sich in unserer

Zeit kein Mensch mehr um diese Probleme kümmert, so lautet die einfache

Antwort: weil wir eingesehen haben, daß die Fragestellung, die diesen

vermeintlichen Problemen zugrunde lag, falsch war. Wenn wir falsche

Fragen stellen, so können wir nicht erwarten, eine richtige Antwort zu

bekommen, so können wir uns im Schweiße unseres Angesichts abmühen Tag

und Nacht, wir werden keine Lösung finden.

Ein solches Problem +ist die Frage nach den „Dingen an sich“+. Noch

jetzt beschäftigt diese Frage den Geist eines jeden, der unbefriedigt

ist, wenn er meint, daß ihm zur Entwicklung seines Weltbildes Schranken

gesetzt seien: noch jetzt aber findet jeder, daß er mit seinem

ernstesten Denken der Lösung des Problems nicht näher rückt. Nur ganz

allmählich wird sich erst die Ueberzeugung Bahn brechen, daß das

Problem jenen anderen Problemen gleicht, an deren Lösung der Verstand

von Jahrhunderten scheitern mußte, +weil die Frage falsch gestellt

war+.

Noch viel schlimmer aber wird die Verwirrung, wenn man aus der

Unlösbarkeit eines absurden Scheinproblems noch einen falschen Schluß

zieht und sagt: Da wir nicht erkennen können, was die „Dinge an sich“

sind, so wird uns die Wirklichkeit für ewig verschlossen bleiben. Darin

liegt ein großer Irrtum und eine völlige Verkennung der Tatsachen. Die

Wirklichkeit ist uns durchaus nicht verschlossen, denn wir erkennen

sie ja fortwährend. Erkennen heißt eben Empfindungen und Vorstellungen

bilden, und Empfindungen und Vorstellungen von den Dingen kann ich nur

bilden, wenn ich die nötigen Bedingungen dazu herstelle, d. h. wenn

ich die Dinge zu mir in Beziehung setze. Damit erkenne ich die Dinge,

und damit erkenne ich die Wirklichkeit. Es wäre eine grobe Täuschung,

wenn man die Bewußtseinsvorgänge +nicht+ als Wirklichkeit betrachten

wollte. Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken etc. sind genau so „Dinge

an sich“ wie irgend welche anderen Dinge! Es liegt auch nicht die

mindeste Veranlassung vor, zwischen ihnen und anderen Dingen eine Kluft

zu konstruieren. Die Bewußtseinsvorgänge sind von anderen Dingen nicht

mehr verschieden als andere Dinge untereinander. Sie sind sämtlich

Bestandteile der Wirklichkeit. In meinen Bewußtseinsakten fällt

Erkennen und Sein oder Geschehen zusammen, in meinen Empfindungen und

Vorstellungen erlebe ich die Wirklichkeit selbst[6].

Allgemeine Physiologie · 第 48 / 283 题