1. ~Du Bois-Reymond~s Grenzen des Naturerkennens.

Sind wir auf dem Punkte angelangt, wo an uns die Frage herantritt:

Gibt es Grenzen in unserer Naturerkenntnis, und wo liegen sie, eine

Frage, die gerade in unserem, auf die Erfolge der Naturwissenschaften

so stolzen Zeitalter bereits wiederholt aufgetaucht und in

verschiedenartiger Weise behandelt worden ist, so knüpfen wir den Faden

unserer Betrachtung am zweckmäßigsten an die bekannte Rede ~E. Du

Bois-Reymond~s „Ueber die Grenzen des Naturerkennens“[4] an, in der er

das Thema in seiner unvergleichlich künstlerischen Weise behandelt hat.

Da bei dem leider so weit verbreiteten Mangel philosophischer

Betrachtungsweise in der heutigen Naturforschung nicht selten die

merkwürdigsten Vorstellungen über die Grundlagen der Naturerkenntnis

angetroffen werden, ein Umstand, welcher der spekulativen Philosophie

leider in diesem Punkte die Berechtigung verleiht, mit Geringschätzung

auf ihre Nebenbuhlerin in der Erkenntnis der Wahrheit, die

Naturforschung, herabzublicken, so ist es notwendig, auf diese Fragen

etwas genauer einzugehen und zunächst den Grenzen der Erkenntnis nicht

bloß in der organischen, sondern in der gesamten Welt nachzuforschen.

In der genannten Rede ~Du Bois-Reymond~s kommt die in den Kreisen der

Naturforscher allgemein verbreitete Auffassung in typischer Weise zum

Ausdruck und zugleich geht aus ihr in ebenso typischer Weise hervor,

wie eine solche Auffassung ihren eigenen Bankrott zu erklären genötigt

ist.

Unter Zugrundelegung der Atomtheorie definiert ~Du Bois-Reymond~, um

einen festen Punkt zu gewinnen, auf dem er seine Betrachtung aufbaut,

die Naturerkenntnis folgendermaßen: „Naturerkennen -- genauer gesagt,

naturwissenschaftliches Erkennen oder Erkennen der Körperwelt mit Hilfe

und im Sinne der theoretischen Naturwissenschaft -- ist Zurückführen

der Veränderungen in der Körperwelt auf Bewegungen von Atomen, die

durch deren von der Zeit unabhängige Zentralkräfte bewirkt werden, oder

Auflösen der Naturvorgänge in Mechanik der Atome.“

Einer Fiktion von ~Laplace~ folgend, der sich einen bis zum höchsten

Grade vervollkommneten Menschengeist vorstellt, welcher eine solche

Kenntnis von den Bewegungen der Atome besäße, wie wir sie in der

Astronomie von der Bewegung der Gestirne annähernd besitzen, fährt

nun ~Du Bois-Reymond~ fort: „Denken wir uns alle Veränderungen

in der Körperwelt in Bewegung von Atomen aufgelöst, die durch

deren konstante Zentralkräfte bewirkt werden, so wäre das Weltall

naturwissenschaftlich erkannt. Der Zustand der Welt während eines

Zeitdifferentiales erschiene als unmittelbare Wirkung ihres Zustandes

während des folgenden Zeitdifferentiales. Gesetz und Zufall wären nur

noch andere Namen für mechanische Notwendigkeit. Ja, es läßt eine Stufe

der Naturerkenntnis sich denken, auf welcher der ganze Weltvorgang

durch +eine+ mathematische Formel vorgestellt würde, durch +ein+

unermeßliches System simultaner Differentialgleichungen, aus dem sich

Ort, Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit jedes Atoms im Weltall zu

jeder Zeit ergäbe.“

Von einem solchen „~Laplace~schen Geist“, der bis zu dieser Erkenntnis

zu dringen vermöchte, ist nun zwar, das ist nicht zu verschweigen, der

menschliche Geist nur „ein schwaches Abbild“; immerhin aber ist er von

ihm „nur gradweise verschieden“, und wir können in den Leistungen des

~Laplace~schen Geistes das Ideal erblicken, dem die Entwicklung des

menschlichen Geistes immer mehr und mehr sich nähert. Stellen wir uns

also einmal vor, wir hätten dieses Ideal erreicht und wären im Besitze

der „Weltformel“. Was wäre dann gewonnen?

Um einen bestimmten Naturvorgang zu erklären, brauchten wir dann nur

in die Weltformel bestimmte, aus der Beobachtung sich ergebende Werte

einzusetzen, und wir würden durch Rechnung den betreffenden Vorgang

als notwendige Konsequenz unserer bekannten Beobachtungen nachweisen

können. Durch dieses Spiel würde unser Erklärungsbedürfnis vielleicht

eine Weile gefesselt werden, bald aber würde es von neuem sich frei

machen und uns mit lauter und lauter werdender Stimme zurufen: gut,

wir können jetzt alle Vorgänge der Körperwelt in ihrem Zusammenhang

untereinander verstehen, wir können sie als ganz bestimmte Bewegungen

von Atomen erklären; aber was ist denn nun ein Atom? Hier stehen wir

nach ~Du Bois-Reymond~s Auffassung bereits an der einen Grenze des

Naturerkennens.

+Was ein Atom ist+, d. h. was mit Kraft begabte Materie ist, darüber

klärt uns die Weltformel nicht auf. Und fragen wir uns, wie wir zu dem

Begriff des Atoms kommen, so finden wir, daß wir es uns nur als einen

aus fortgesetzter Teilung eines Körpers hervorgegangenen, äußerst

kleinen, nicht weiter teilbaren Elementarteil des Körpers vorstellen.

Aber indem wir uns einen Körper immer weiter und weiter geteilt denken

bis in seine Atome, erhalten wir doch durch die Teilung nichts anderes

als Körper. Auch die Atome sind immer noch Körper und haben deren

allgemeine Eigenschaften. Wir können daher nicht erwarten, durch die

Teilung etwas zu erhalten, was uns über das Wesen des Körpers aufklärt.

Wenn wir einen unbekannten Vorgang aus der Bewegung von Atomen

erklären, so zerlegen wir ihn eben nur in eine Summe von unbekannten

Teilvorgängen. Was ein Atom ist, erfahren wir auf keine Weise, denn

das Atom hat immer nur die Eigenschaften, die wir ihm selbst beilegen

auf Grund der sinnlichen Wahrnehmung dessen, was uns die großen

Körper zeigen, d. h. es ist undurchdringlich, geformt, bewegt etc.

Ueber das Wesen der kraftbegabten Materie, d. h. dessen, woraus die

Körperwelt besteht, erlangen wir nicht die geringste Aufklärung. Unser

Erklärungsbedürfnis bleibt also in diesem Punkte unbefriedigt, und wir

befinden uns im Verfolg dieser Auffassungsweise nach ~Du Bois-Reymond~

an der ersten Grenze unserer Erkenntnis.

Aber diese Grenze ist nicht die einzige. Stellen wir uns wieder vor,

wir hätten, wie ~Du Bois-Reymond~ sich ausdrückt, „astronomische

Kenntnis“ der Körperwelt, d. h. wir hätten dieselbe mathematisch

genaue Kenntnis von den Bewegungen der Atome, wie wir sie von den

Bewegungen der Himmelskörper haben, so würden wir damit zwar alle

Vorgänge der Körperwelt verstehen, aber wir würden nicht begreifen,

+wie Bewußtsein entsteht+, wie überhaupt ein psychischer Vorgang,

und sei es der allereinfachste, zustande kommt. Hätten wir z. B.

„astronomische Kenntnis“ unseres Gehirns, so wüßten wir die Lage

und die Bewegung jedes einzelnen Atoms in jedem Augenblicke; wir

könnten auch genau verfolgen, mit welchen materiellen Veränderungen,

mit welchen Umlagerungen und Bewegungen der Atome die einzelnen

psychischen Prozesse untrennbar +verbunden+ wären, und „es wäre“,

wie ~Du Bois-Reymond~ sagt, „grenzenlos interessant, wenn wir, so

mit geistigem Auge in uns hineinblickend, die zu einem Rechenexempel

gehörige Hirnmechanik sich abspielen sähen, wie die Mechanik einer

Rechenmaschine; oder wenn wir auch nur wüßten, welcher Tanz von

Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff-, Phosphor- und

anderen Atomen der Seligkeit musikalischen Empfindens, welcher Wirbel

solcher Atome dem Gipfel sinnlichen Genießens, welcher Molekularsturm

dem wütenden Schmerz beim Mißhandeln des Nervus trigeminus entspricht.“

Dies alles könnten wir bei „astronomischer Kenntnis“ des Gehirns

wissen. Wir könnten uns so durch Selbstbeobachtung überzeugen, daß

Bewußtsein mit Bewegung von Atomen untrennbar +verbunden+ ist. Was

uns aber bei alledem immer verschlossen bleibt, das ist die Art und

Weise, wie Bewußtsein +entsteht+, wie der einfachste psychische Vorgang

+zustande kommt+. Würden wir die Bewegung der einzelnen Atome im

Gehirn auch noch so genau verfolgen, wir würden immer nur Bewegung,

Zusammenstöße und wieder Bewegung von Atomen sehen. So ist es offenbar,

daß wir das Bewußtsein, die psychischen Vorgänge, aus Bewegungen von

Atomen, also mechanisch zu erklären unmöglich imstande sind, und

wir befinden uns an einer zweiten Grenze des Naturerkennens, die

nicht minder unübersteiglich erscheint als die Grenze, die sich der

Erkenntnis von Materie und Kraft in den Weg stellt.

Wie aber verhielte sich die zweite Grenze des Naturerkennens, wenn

wir die erste als überschritten, wenn wir das Rätsel von Materie und

Kraft gelöst dächten? Wäre sie dann auch noch unübersteiglich, oder

wäre sie damit auch zugleich überschritten? Man kann sich offenbar

vorstellen, daß das Bewußtsein oder vielmehr die einfachste Form der

Psyche bereits zum Wesen eines Atoms gehöre, daß es also mit der

Erkenntnis des Wesens der Materie gleichfalls erkannt wäre. Diese

Vorstellung erscheint in der Tat zunächst als die einzige, welche

ein mechanischer Erklärungsversuch des Bewußtseins allein annehmen

könnte, und welche besonders ~Haeckel~, der energische Vorkämpfer

einer monistischen Weltanschauung unter den Naturforschern, immer

vertreten hat. ~Du Bois-Reymond~ selbst streift diese Möglichkeit nur

kurz, indem er sagt: „Schließlich entsteht die Frage, ob die beiden

Grenzen unseres Naturerkennens nicht vielleicht die nämlichen seien,

d. h. ob, wenn wir das Wesen von Materie und Kraft begriffen, wir

nicht auch verständen, wie die ihnen zugrunde liegende Substanz unter

bestimmten Bedingungen empfindet, begehrt und denkt. Freilich ist diese

Vorstellung die einfachste und nach bekannten Forschungsgrundsätzen bis

zu ihrer Widerlegung der vorzuziehen, wonach, wie vorhin gesagt wurde,

die Welt doppelt unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der Natur

der Dinge, daß wir auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen,

und alles weitere Reden darüber bleibt müßig.“ ~Du Bois-Reymond~

entschließt sich daher, „gegenüber dem Rätsel, was Materie und Kraft

seien und wie sie zu denken vermögen“, zu völliger Entsagung und ruft

der Naturforschung nicht nur ein augenblickliches „Ignoramus“ zu,

sondern für alle Zeiten ein apodiktisches „+Ignorabimus+“.

Allgemeine Physiologie · 第 47 / 283 题