III. Die Methode der physiologischen Forschung.

Wir haben das Problem der Physiologie, ihre Aufgabe, die

Lebensäußerungen zu erklären, kennen gelernt; wir haben ferner in

großen Zügen gesehen, wie sich die physiologische Forschung im Laufe

der Geschichte entwickelt hat: jetzt, nachdem unsere Betrachtung beim

augenblicklichen Stande der Physiologie angelangt ist, entsteht uns die

Pflicht, einerseits rückschauend auf die Entwicklung der Wissenschaft

das Fazit zu ziehen, uns zu vergegenwärtigen, was die Physiologie

bisher in der Richtung auf das angegebene Ziel hin geleistet hat, und

anderseits vorwärts blickend zu prüfen, welchen weiteren Weg wir zu

wählen haben, um schließlich zu unserem Ziele zu kommen.

A. Das bisherige Ergebnis der physiologischen Forschung.

Was haben wir bisher erreicht? Unser Ziel ist, die Lebensvorgänge zu

erklären, d. h. bis in ihre elementaren Bedingungen aufzulösen, so daß

wir sie aus diesen Bedingungen heraus vollständig verstehen. Was haben

wir in dieser Richtung bisher erreicht?

Die Antwort darauf fällt wenig ermutigend aus. Wir haben, wenn wir

genau die einzelnen Gebiete der Physiologie durchmustern, bisher

eigentlich nichts kennen gelernt als die groben mechanischen und

chemischen Leistungen des Wirbeltierkörpers. Die Bedingungen, aus denen

diese Leistungen sich ergeben, sind uns bisher noch zum großen Teil

völlige Rätsel.

Wir wissen, daß die +Atmung+ beruht auf den Gesetzen der Aerodynamik,

indem durch rhythmische Verminderung und Erhöhung des Luftdrucks in

den Lungen infolge der Kontraktion und Expansion der Atemmuskeln die

Luft in den Lungen passiv ein- und ausströmt, wobei ihr die roten

Blutkörperchen des Blutes den Sauerstoff entziehen, den sie chemisch

an ihre eigene Substanz binden und weiter an die Zellen des ganzen

Körpers übertragen. Wie aber die Kontraktion der Atemmuskeln zu stande

kommt, welche chemischen Vorgänge die als Kontraktion und Expansion

bezeichnete Formveränderung und Leistung in der einzelnen Muskelzelle

herbeiführen und worin die Impulse bestehen, die von den Ganglienzellen

des Atemzentrums für die Kontraktion der Atemmuskeln entsendet werden,

davon haben wir kaum eine Vorstellung.

Wir wissen ferner, daß die +Zirkulation des Blutstromes+ in unserem

Körper erfolgt nach den Gesetzen der Hydrodynamik, daß sie bedingt ist

durch die rhythmischen Schwankungen der Druckdifferenzen innerhalb

des Gefäßsystems, welche durch die Kontraktion und Expansion

des Herzmuskels herbeigeführt werden. Wie aber die rhythmischen

Kontraktionen des Herzmuskels zu stande kommen, darüber hat uns die

Physiologie noch gar nichts ermittelt.

Wir wissen weiter, daß die +Verdauung+ der aufgenommenen

Nahrung stattfindet nach chemischen Gesetzen, indem die von den

Drüsenzellen des Verdauungskanals sezernierten chemischen Stoffe

die Nahrung chemisch umsetzen, genau so, wie wir das mit Hilfe

dieser Verdauungssekrete auch außerhalb des Körpers im Reagenzglase

nachahmen können. Wie aber die Drüsenzelle dazu kommt, gerade ihr

spezifisches Sekret zu sezernieren, wodurch es bedingt ist, daß die

Speicheldrüsenzelle nur Ptyalin, die Magendrüsenzelle nur Pepsin

produziert, obwohl beiden durch das Blut die gleiche Nahrung zugeführt

wird, das läßt die physiologische Chemie vorläufig offen.

Wir wissen weiter, daß bei der +Resorption+ die durch die

Verdauungssäfte chemisch veränderten und löslich gemachten

Nahrungsstoffe durch die Zellen der Darmwand in den Körper aufgenommen

werden, und man hat lange Zeit geglaubt, daß diese Aufnahme allein

nach den physikalischen Gesetzen der Filtration und Diffusion erfolge.

Allein ~Heidenhain~ hat gezeigt, daß diese Gesetze durchaus nicht

ausreichen, um die Durchwanderung der gelösten Nahrungsstoffe durch

die Darmwand zu erklären. Vielmehr nehmen die Zellen der Darmwand

aktiv bestimmte Stoffe in sich auf, während sie anderen den Durchtritt

erschweren oder verweigern. Wie ein solches „Auswahlvermögen“ der

Darmepithelzelle aber mechanisch zu erklären sei, darüber hat die

Physiologie bisher kaum die allgemeinsten Vermutungen geäußert.

Wir haben ferner gesehen, daß bei der +Entwicklung+ des menschlichen

Körpers die früher so wunderbare Aufeinanderfolge ganz bestimmter

Formenstadien bis zum fertigen Menschen nach dem „biogenetischen

Grundgesetz“ bedingt ist durch die Stadien der Vorfahrenentwicklung

in der gesamten Stammesreihe bis zu den einzelligen Urorganismen

hinab. Wie aber von den aus der Teilung desselben Eies hervorgehenden

Zellen die einen zu Drüsen-, die anderen zu Nerven-, die dritten zu

Oberhautzellen etc. werden, ist vorläufig noch nicht einmal annähernd

zu sagen.

Wir haben erkannt, daß die +Bewegungen+ der Skelettknochen, der Arme,

der Beine, der Gelenke etc. nach rein mechanischen, mathematisch

formulierbaren Prinzipien, speziell nach dem Gesetz der Hebelwirkung,

erfolgen. Was aber die völlig passiven Skelettknochen in Bewegung

setzt, d. h. worin die Tätigkeit der Skelettmuskeln besteht, ist

wieder dasselbe Rätsel, auf das wir schon mehrmals gestoßen sind: die

Kontraktion der Muskelzelle.

Wir wissen auf Grund des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, daß

die vom lebendigen Körper produzierte +Wärme+ und +Elektrizität+ aus

den chemischen Veränderungen stammt, welche die aufgenommene Nahrung in

den Geweben des Körpers durchmacht. Mit welchen chemischen Prozessen

aber die Zellen der einzelnen Gewebe an dieser gesamten Wärme- und

Elektrizitätsproduktion beteiligt sind, das ist unserer Kenntnis fast

gänzlich verborgen.

Wir wissen endlich, daß die höheren +Sinnesorgane+ des Menschen nach

dem Prinzip physikalischer Apparate konstruiert sind. Wir wissen z. B.,

daß das Auge ein optisches System ist aus verschieden brechenden

Medien, die durch sphärisch gekrümmte Flächen voneinander getrennt

und auf einer optischen Achse zentriert sind. Wir wissen auch, daß in

einem solchen optischen System nach den Gesetzen der Lichtbrechung

im Hintergrund des Auges ein verkleinertes, umgekehrtes Bild von den

Dingen der Außenwelt zu stande kommen muß. Was aber dabei in den

Zellen der Netzhaut vorgeht und wie von hier aus durch Vermittlung des

Sehnerven die Ganglienzellen in unserem Gehirn veranlaßt werden, in uns

die Empfindung und weiterhin die Vorstellung des betreffenden Bildes zu

erzeugen, das bleibt noch immer ein Rätsel.

Wir könnten diese Aufzählung noch lange fortsetzen, aber das bisher

Gesagte genügt schon, um eine allgemeine Tatsache daraus zu erkennen.

Ueberall, auf allen einzelnen Gebieten der Physiologie, wo wir uns

auch umblicken mögen: sobald wir die groben Leistungen des Körpers

etwas tiefer verfolgen, +bis da, wo sie der Tätigkeit der einzelnen

Zellen entspringen+, immer stoßen wir auf ungelöste Rätsel. Ja, wer

pessimistisch ist, könnte verführt werden, mit ~Bunge~[3] zu behaupten:

„Alle Vorgänge in unserem Organismus, die sich mechanistisch erklären

lassen, sind ebensowenig Lebenserscheinungen wie die Bewegungen der

Blätter und Zweige am Baume, der vom Sturme gerüttelt wird, oder wie

die Bewegungen des Blütenstaubes, den der Wind hinüberweht von der

männlichen Pappel zur weiblichen.“ Wer aber wie ~Bunge~ deshalb an der

chemisch-physikalischen Erklärung der Lebensvorgänge verzweifelt, dem

bleibt nichts anderes übrig, als seine Zuflucht wieder zu der längst

begrabenen Lebenskraft zu nehmen. In der Tat hat sich in neuester

Zeit wieder an verschiedenen Orten das alte Gespenst der Lebenskraft

gezeigt. So ist es neuerdings bei ~Hanstein~, bei ~Kerner~, bei

~Rindfleisch~, bei ~Driesch~ und anderen Naturforschern gesehen worden.

Noch viel mehr wird aber mancher geneigt sein, zu verzweifeln, wenn

er das Gebiet der psychischen Vorgänge mit heranziehen will. Zwar hat

die Gehirnphysiologie und die Physiologie der Sinnesorgane manche

Aufklärung gegeben über die physiologischen Vorgänge, mit denen die

Existenz gewisser psychischer Prozesse untrennbar verknüpft ist,

dennoch aber bleibt das uralte Rätsel von den Beziehungen zwischen

Körper und Geist und das Bedürfnis nach seiner Lösung, das schon im

frühesten Altertum der denkende Verstand so intensiv gefühlt hat, wie

es scheint, für die überwiegende Zahl aller Naturforscher unberührt

bestehen.

Bei diesem Stande der Dinge drängt sich dem verzweifelnden Geiste des

Forschers immer ungestümer und hartnäckiger die Frage auf: Sind denn

unserer Erkenntnis der Lebensvorgänge wirklich Grenzen gezogen, und wo

liegen diese Grenzen, oder sind wir auf einem falschen Wege, war unsere

Fragestellung an die Natur fehlerhaft, so daß wir ihre Antwort nicht

verstanden?

B. Erkenntniskritik.

Allgemeine Physiologie · 第 46 / 283 题