Wir haben das Problem der Physiologie, ihre Aufgabe, die
Lebensäußerungen zu erklären, kennen gelernt; wir haben ferner in
großen Zügen gesehen, wie sich die physiologische Forschung im Laufe
der Geschichte entwickelt hat: jetzt, nachdem unsere Betrachtung beim
augenblicklichen Stande der Physiologie angelangt ist, entsteht uns die
Pflicht, einerseits rückschauend auf die Entwicklung der Wissenschaft
das Fazit zu ziehen, uns zu vergegenwärtigen, was die Physiologie
bisher in der Richtung auf das angegebene Ziel hin geleistet hat, und
anderseits vorwärts blickend zu prüfen, welchen weiteren Weg wir zu
wählen haben, um schließlich zu unserem Ziele zu kommen.
A. Das bisherige Ergebnis der physiologischen Forschung.
Was haben wir bisher erreicht? Unser Ziel ist, die Lebensvorgänge zu
erklären, d. h. bis in ihre elementaren Bedingungen aufzulösen, so daß
wir sie aus diesen Bedingungen heraus vollständig verstehen. Was haben
wir in dieser Richtung bisher erreicht?
Die Antwort darauf fällt wenig ermutigend aus. Wir haben, wenn wir
genau die einzelnen Gebiete der Physiologie durchmustern, bisher
eigentlich nichts kennen gelernt als die groben mechanischen und
chemischen Leistungen des Wirbeltierkörpers. Die Bedingungen, aus denen
diese Leistungen sich ergeben, sind uns bisher noch zum großen Teil
völlige Rätsel.
Wir wissen, daß die +Atmung+ beruht auf den Gesetzen der Aerodynamik,
indem durch rhythmische Verminderung und Erhöhung des Luftdrucks in
den Lungen infolge der Kontraktion und Expansion der Atemmuskeln die
Luft in den Lungen passiv ein- und ausströmt, wobei ihr die roten
Blutkörperchen des Blutes den Sauerstoff entziehen, den sie chemisch
an ihre eigene Substanz binden und weiter an die Zellen des ganzen
Körpers übertragen. Wie aber die Kontraktion der Atemmuskeln zu stande
kommt, welche chemischen Vorgänge die als Kontraktion und Expansion
bezeichnete Formveränderung und Leistung in der einzelnen Muskelzelle
herbeiführen und worin die Impulse bestehen, die von den Ganglienzellen
des Atemzentrums für die Kontraktion der Atemmuskeln entsendet werden,
davon haben wir kaum eine Vorstellung.
Wir wissen ferner, daß die +Zirkulation des Blutstromes+ in unserem
Körper erfolgt nach den Gesetzen der Hydrodynamik, daß sie bedingt ist
durch die rhythmischen Schwankungen der Druckdifferenzen innerhalb
des Gefäßsystems, welche durch die Kontraktion und Expansion
des Herzmuskels herbeigeführt werden. Wie aber die rhythmischen
Kontraktionen des Herzmuskels zu stande kommen, darüber hat uns die
Physiologie noch gar nichts ermittelt.
Wir wissen weiter, daß die +Verdauung+ der aufgenommenen
Nahrung stattfindet nach chemischen Gesetzen, indem die von den
Drüsenzellen des Verdauungskanals sezernierten chemischen Stoffe
die Nahrung chemisch umsetzen, genau so, wie wir das mit Hilfe
dieser Verdauungssekrete auch außerhalb des Körpers im Reagenzglase
nachahmen können. Wie aber die Drüsenzelle dazu kommt, gerade ihr
spezifisches Sekret zu sezernieren, wodurch es bedingt ist, daß die
Speicheldrüsenzelle nur Ptyalin, die Magendrüsenzelle nur Pepsin
produziert, obwohl beiden durch das Blut die gleiche Nahrung zugeführt
wird, das läßt die physiologische Chemie vorläufig offen.
Wir wissen weiter, daß bei der +Resorption+ die durch die
Verdauungssäfte chemisch veränderten und löslich gemachten
Nahrungsstoffe durch die Zellen der Darmwand in den Körper aufgenommen
werden, und man hat lange Zeit geglaubt, daß diese Aufnahme allein
nach den physikalischen Gesetzen der Filtration und Diffusion erfolge.
Allein ~Heidenhain~ hat gezeigt, daß diese Gesetze durchaus nicht
ausreichen, um die Durchwanderung der gelösten Nahrungsstoffe durch
die Darmwand zu erklären. Vielmehr nehmen die Zellen der Darmwand
aktiv bestimmte Stoffe in sich auf, während sie anderen den Durchtritt
erschweren oder verweigern. Wie ein solches „Auswahlvermögen“ der
Darmepithelzelle aber mechanisch zu erklären sei, darüber hat die
Physiologie bisher kaum die allgemeinsten Vermutungen geäußert.
Wir haben ferner gesehen, daß bei der +Entwicklung+ des menschlichen
Körpers die früher so wunderbare Aufeinanderfolge ganz bestimmter
Formenstadien bis zum fertigen Menschen nach dem „biogenetischen
Grundgesetz“ bedingt ist durch die Stadien der Vorfahrenentwicklung
in der gesamten Stammesreihe bis zu den einzelligen Urorganismen
hinab. Wie aber von den aus der Teilung desselben Eies hervorgehenden
Zellen die einen zu Drüsen-, die anderen zu Nerven-, die dritten zu
Oberhautzellen etc. werden, ist vorläufig noch nicht einmal annähernd
zu sagen.
Wir haben erkannt, daß die +Bewegungen+ der Skelettknochen, der Arme,
der Beine, der Gelenke etc. nach rein mechanischen, mathematisch
formulierbaren Prinzipien, speziell nach dem Gesetz der Hebelwirkung,
erfolgen. Was aber die völlig passiven Skelettknochen in Bewegung
setzt, d. h. worin die Tätigkeit der Skelettmuskeln besteht, ist
wieder dasselbe Rätsel, auf das wir schon mehrmals gestoßen sind: die
Kontraktion der Muskelzelle.
Wir wissen auf Grund des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, daß
die vom lebendigen Körper produzierte +Wärme+ und +Elektrizität+ aus
den chemischen Veränderungen stammt, welche die aufgenommene Nahrung in
den Geweben des Körpers durchmacht. Mit welchen chemischen Prozessen
aber die Zellen der einzelnen Gewebe an dieser gesamten Wärme- und
Elektrizitätsproduktion beteiligt sind, das ist unserer Kenntnis fast
gänzlich verborgen.
Wir wissen endlich, daß die höheren +Sinnesorgane+ des Menschen nach
dem Prinzip physikalischer Apparate konstruiert sind. Wir wissen z. B.,
daß das Auge ein optisches System ist aus verschieden brechenden
Medien, die durch sphärisch gekrümmte Flächen voneinander getrennt
und auf einer optischen Achse zentriert sind. Wir wissen auch, daß in
einem solchen optischen System nach den Gesetzen der Lichtbrechung
im Hintergrund des Auges ein verkleinertes, umgekehrtes Bild von den
Dingen der Außenwelt zu stande kommen muß. Was aber dabei in den
Zellen der Netzhaut vorgeht und wie von hier aus durch Vermittlung des
Sehnerven die Ganglienzellen in unserem Gehirn veranlaßt werden, in uns
die Empfindung und weiterhin die Vorstellung des betreffenden Bildes zu
erzeugen, das bleibt noch immer ein Rätsel.
Wir könnten diese Aufzählung noch lange fortsetzen, aber das bisher
Gesagte genügt schon, um eine allgemeine Tatsache daraus zu erkennen.
Ueberall, auf allen einzelnen Gebieten der Physiologie, wo wir uns
auch umblicken mögen: sobald wir die groben Leistungen des Körpers
etwas tiefer verfolgen, +bis da, wo sie der Tätigkeit der einzelnen
Zellen entspringen+, immer stoßen wir auf ungelöste Rätsel. Ja, wer
pessimistisch ist, könnte verführt werden, mit ~Bunge~[3] zu behaupten:
„Alle Vorgänge in unserem Organismus, die sich mechanistisch erklären
lassen, sind ebensowenig Lebenserscheinungen wie die Bewegungen der
Blätter und Zweige am Baume, der vom Sturme gerüttelt wird, oder wie
die Bewegungen des Blütenstaubes, den der Wind hinüberweht von der
männlichen Pappel zur weiblichen.“ Wer aber wie ~Bunge~ deshalb an der
chemisch-physikalischen Erklärung der Lebensvorgänge verzweifelt, dem
bleibt nichts anderes übrig, als seine Zuflucht wieder zu der längst
begrabenen Lebenskraft zu nehmen. In der Tat hat sich in neuester
Zeit wieder an verschiedenen Orten das alte Gespenst der Lebenskraft
gezeigt. So ist es neuerdings bei ~Hanstein~, bei ~Kerner~, bei
~Rindfleisch~, bei ~Driesch~ und anderen Naturforschern gesehen worden.
Noch viel mehr wird aber mancher geneigt sein, zu verzweifeln, wenn
er das Gebiet der psychischen Vorgänge mit heranziehen will. Zwar hat
die Gehirnphysiologie und die Physiologie der Sinnesorgane manche
Aufklärung gegeben über die physiologischen Vorgänge, mit denen die
Existenz gewisser psychischer Prozesse untrennbar verknüpft ist,
dennoch aber bleibt das uralte Rätsel von den Beziehungen zwischen
Körper und Geist und das Bedürfnis nach seiner Lösung, das schon im
frühesten Altertum der denkende Verstand so intensiv gefühlt hat, wie
es scheint, für die überwiegende Zahl aller Naturforscher unberührt
bestehen.
Bei diesem Stande der Dinge drängt sich dem verzweifelnden Geiste des
Forschers immer ungestümer und hartnäckiger die Frage auf: Sind denn
unserer Erkenntnis der Lebensvorgänge wirklich Grenzen gezogen, und wo
liegen diese Grenzen, oder sind wir auf einem falschen Wege, war unsere
Fragestellung an die Natur fehlerhaft, so daß wir ihre Antwort nicht
verstanden?
B. Erkenntniskritik.