D. Das Zeitalter ~Haller~s.

Dem Bedürfnis nach einer einheitlichen Zusammenfassung des gesamten

Gebietes entsprach in wirklich wissenschaftlicher Weise erst ~Haller~

(1708–1777), von dessen Auftreten daher gleich wie einst von dem

~Galen~s und später ~Harvey~s eine neue Epoche in der Entwicklung

der physiologischen Forschung datiert. Hatte ~Galen~ die praktische

Bedeutung der Physiologie zuerst erkannt und die Kenntnis der

Lebensvorgänge zur Grundlage für die praktische Medizin gemacht, hatte

~Harvey~ durch Einführung der exakt experimentellen Forschung der

Physiologie die fruchtbringende Methode geschaffen, deren Anwendung

im 16. und 17. Jahrhundert die ungeheure Menge von Einzelentdeckungen

hervorrief, so faßte ~Haller~ zum ersten Male das ganze gewaltig

angewachsene Material von Tatsachen und Theorien in seinen „Elementa

physiologiae corporis humani“ zu einem Ganzen zusammen und schuf

aus der Physiologie eine selbständige Wissenschaft, die nicht bloß

praktische Zwecke im Interesse der Heilkunde, sondern auch für sich

selbst rein theoretische Ziele verfolgte.

In dieser Tat ~Haller~s liegt seine große Bedeutung für den Fortschritt

in der Entwicklung der Physiologie. Eine Zusammenfassung eines großen

Tatsachenmaterials zu einem geschlossenen und übersichtlichen Ganzen

wirkt immer anregend und befruchtend für die weitere Forschung, und

so erklärt sich die ungeheure Autorität und der gewaltige Einfluß,

den ~Haller~ auf die Entwicklung der physiologischen Forschung

gewonnen hat. Seine eigenen physiologischen Untersuchungen dagegen

sind zwar sehr gewissenhaft und exakt, wie z. B. die Untersuchungen

über die Atembewegungen und zur Irritabilitätslehre, enthalten aber

nicht gerade epochemachende Entdeckungen und haben sogar zum Teil

das Unglück gehabt, in der weiteren Entwicklung der Physiologie eine

verhängnisvolle Rolle zu spielen. Das gilt besonders von zwei Lehren,

die ~Haller~ vertrat, von der sogenannten Präformationstheorie und der

Irritabilitätslehre.

Die +Präformationslehre+ (Einschachtelungstheorie) entstand im Anschluß

an die mikroskopischen Beobachtungen, die im 17. Jahrhundert über die

Entwicklung des Eies gemacht wurden. Da man sah, wie sich aus einem

einfachen kleinen Ei nach und nach durch allmähliches Ausbilden eines

Organs nach dem anderen ein vollständiges Tier entwickelte, so entstand

die Vorstellung, daß jedes im Laufe der Entwicklung auftretende

Organ, kurz das ganze Tier, bereits als solches im Ei präformiert

oder eingeschachtelt sei und sich nur durch zunehmendes Wachstum und

Auseinanderfaltung den Augen sichtbar mache, daß also das Ei, oder

wie andere meinten, das Spermatozoon des Menschen bereits ein fertig

gebildeter, kleiner Homunkulus sei. Die notwendige Konsequenz dieser

Vorstellung war die Annahme, daß bereits bei Erschaffung der Welt in

dem Ei eines jeden Tieres sämtliche kommenden Generationen fertig

vorgebildet enthalten gewesen wären. Das Widersinnige dieser Auffassung

führte den jungen Arzt ~Caspar Friedrich Wolff~ (1733–1794) zu einer

neuen Lehre, die er der Einschachtelungstheorie gegenüberstellte.

Die „+Theoria generationis+“ ~Wolff~s, die später die Grundlage für

unsere ganzen modernen Vorstellungen von der Entwicklung der Organismen

geworden ist, bestritt die Einschachtelung und setzte an ihre Stelle

die „+Epigenesis+“, welche ausdrückt, daß alle Organe des Körpers bei

der Entwicklung nacheinander gebildet werden, daß sie also als völlig

neue Teile entstehen und vorher im Ei nie in dieser Form vorhanden

gewesen sind. ~Haller~ konnte sich mit der Idee der Epigenesis nicht

befreunden und trat ihr energisch entgegen, indem er mit seiner ganzen

Autorität das Präformationsdogma stützte und so den Fortschritt in der

Lehre von der tierischen Entwicklung um mehr als ein halbes Jahrhundert

verzögerte.

In etwas anderer Weise wirkte auf den Entwicklungsgang der Physiologie

die ~Haller~sche +Irritabilitätslehre+ ein. Die betreffenden

Untersuchungen ~Haller~s waren sehr genau und förderten durch

experimentelle Behandlung die Frage von der Irritabilität um ein

bedeutendes, aber sie wurden von den Nachfolgern ~Haller~s in

mehrfacher Weise falsch verstanden und weitergeführt und bildeten so

den wesentlichsten Ausgangspunkt für eine Lehre, welche die ganze

Physiologie bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts befangen hielt und

welche noch jetzt in verschiedenartiger Form hier und dort wieder

auftaucht, d. i. die Lehre von der „Lebenskraft“. Die Tatsache der

Irritabilität oder direkten Reizbarkeit der Muskeln war schon von den

älteren Iatrophysikern, besonders von ~Glisson~ (1597–1677) betont

worden. ~Haller~ bemächtigte sich der Irritabilitätsfrage wieder und

führte den Experimentalbeweis dafür, daß die Muskelfaser unabhängig vom

Nerveneinfluß die Fähigkeit, sich auf Reizung zu kontrahieren, besitze,

eine Eigenschaft, die er als „+Irritabilität+“ scharf von der den

Nerven zukommenden „+Sensibilität+“ unterschied. Durch diese scharfe

Unterscheidung wurde ein Gegensatz zwischen Nerven- und Muskelerregung

statuiert, welcher der Wirklichkeit nicht ganz entsprach und in vielen

von den Nachfolgern und Anhängern ~Haller~s das Bedürfnis erweckte, die

Irritabilität als eine einheitliche Eigenschaft nachzuweisen.

Am erfolgreichsten versuchte das der geniale aber liederliche Engländer

~John Brown~ (1735–1788). ~Brown~ kannte überhaupt nur eine einzige

dem Nerven- und Muskelsystem, das er sich als ein einheitliches

Ganzes dachte, gemeinsame Erregbarkeit. Die Fähigkeit, durch Reize

erregt zu werden, komme der ganzen lebendigen Natur zu und sei

gerade die Grundeigenschaft, durch die sich die lebendigen Wesen,

Tiere und Pflanzen, von den leblosen unterscheiden. Ueber das Wesen

der Erregbarkeit äußert sich ~Brown~ ebenso wenig wie alle anderen

Physiologen, welche die Irritabilität behandelten.

Die Hoffnungen der Iatromechaniker und Iatrochemiker, die

Lebensvorgänge ohne Rest in Physik und Chemie auflösen zu können,

waren nicht in Erfüllung gegangen. In der Irritabilität hatte man

eine Eigenschaft, die, wie man glaubte, alle Organismen allen

leblosen Körpern gegenüber auszeichnete, und die doch einer

physikalisch-chemischen Erklärung zu spotten schien. In Verbindung

mit den noch immer nicht überwundenen dynamischen Systemen

~Hoffmann~s und ~Stahl~s wurde daher der unerklärte Begriff der

Erregbarkeit Ausgangspunkt für den +Vitalismus+ oder die Lehre von der

+Lebenskraft+, die in ihrer vollendetsten Form einen scharfen Dualismus

zwischen lebendiger und lebloser Natur zum Ausdruck brachte. Die Lehre

trat zuerst in Frankreich, besonders in der Schule von Montpellier,

später auch in Deutschland auf, und ihre unklaren Vorstellungen von

der Lebenskraft beherrschten bald die ganze Physiologie. In Frankreich

wurde der Vitalismus begründet durch ~Bordeu~ (1722–1776), weiter

ausgebildet durch ~Barthez~ (1734–1806) und ~Chaussier~ (1746–1828),

und am schärfsten formuliert von ~Louis Dumas~ (1765–1813). Die

Vitalisten verwarfen bald die mechanischen und chemischen Erklärungen

der Lebensvorgänge mehr oder weniger radikal und führten eine über

allen waltende „force hypermécanique“ als Erklärungsprinzip ein, die

unbekannt und unerforschlich sei. Während alle Veränderungen an den

leblosen Körpern zurückzuführen seien auf die Wirksamkeit chemischer

und physikalischer Kräfte, herrsche in den lebendigen Organismen eine

besondere Kraft, deren Tätigkeit die sämtlichen Lebensäußerungen

hervorbringe. In Deutschland entwickelte sich der Vitalismus nicht

zu dieser Klarheit. Sein Begründer ~Reil~ (1759–1813) sprach zwar

abweichend von den französischen Vitalisten in seiner Abhandlung „über

die Lebenskraft“ ziemlich deutlich die Ansicht aus, daß auch die

Vorgänge in den lebendigen Organismen chemisch-physikalischer Natur

seien, nur walteten hier Gesetze, die ausschließlich in den Organismen

durch die eigentümliche Form und Mischung der lebendigen Substanz

bedingt seien. Indessen die späteren Vitalisten erklärten den Begriff

der Lebenskraft überhaupt nicht mehr und benutzten die völlig mystische

Lebenskraft, von der sie besondere Arten unterschieden, als bequeme

Erklärung für die verschiedensten Lebensvorgänge, wie z. B. den „nisus

formativus“ als Erklärung für die Formentwicklung der Organismen. Daß

aus dem Ei eines Huhnes sich immer wieder ein Huhn und nie ein anderes

Tier entwickelt, daß die Nachkommen eines Hundes immer wieder Hunde

werden, erklärte sich einfach aus dem spezifischen „nisus formativus“,

aus dem eigentümlichen „Bildungstrieb“ des betreffenden Tieres. Man

begnügte sich für eine Erklärung mit dem bloßen Wort „Bildungstrieb“,

„Lebenskraft“ etc. und verstand darunter nur eine allein den Organismen

zukommende mystische Kraft. So war es leicht, die kompliziertesten

Lebensäußerungen zu „erklären“.

Doch fehlte es daneben nicht an Forschern, die sich mit dieser Art von

Erklärung nicht begnügten und, unbekümmert um die Lebenskraft, in der

+chemisch-physikalischen+ Erklärung der Lebensprozesse fortfuhren.

Mächtige Anregung dazu gaben die neuen Entdeckungen ~Galvani~s

(1737–1798), der bewies, daß vom lebendigen Tierkörper, besonders von

den Nerven, Elektrizität erzeugt werde. Diese Tatsache wurde freilich

in ihrem Werte sehr bald überschätzt, und unter dem Bann der damaligen

Naturphilosophie entwickelte sich besonders infolge der Untersuchungen

~Ritter~s (1776–1810), zum Teil auch ~Alexander von Humboldt~s

(1769–1859) und anderer, welche die Versuche ~Galvani~s fortsetzten,

die noch später sehr beliebte Vorstellung, daß der galvanische Strom

die „Ursache“ sämtlicher Lebensäußerungen sei, ja, sogar, daß sich aus

der galvanischen Polarität überhaupt alle Vorgänge der gesamten Natur

erklären ließen.

Auch die großen +chemischen+ Entdeckungen des 18. Jahrhunderts

beeinflußten die Entwicklung der Physiologie. Besonders wurde die

Pflanzenphysiologie durch ~Ingenhouss~ (1730–1799) gefördert, der die

Lehre von dem Kohlensäureverbrauch der Pflanzen entwickelte. Die für

die Physiologie so ungeheuer wichtige Entdeckung des Sauerstoffs durch

~Priestley~ (1733–1804) und ~Lavoisier~ (1743 bis 1794) endlich trug

ihre ersten Früchte, als ~Girtanner~ (1760–1800) zeigte, daß das venöse

Blut in den Lungen Sauerstoff aus der eingeatmeten Luft aufnehme. Durch

diese Entdeckung wurde die alte Pneumalehre, die einst Jahrhunderte

hindurch die physiologischen Vorstellungen beherrscht hatte, in

moderner Form zu ihrem Recht gebracht und gleichzeitig die geniale Idee

~Mayow~s, der die Atmung mit einem Verbrennungsprozeß verglichen hatte,

zum Range einer fundamentalen Tatsache in der Physiologie erhoben.

Neben den physikalischen und chemischen Entdeckungen jener Zeit führten

auch die +anatomischen+ zu wichtigen physiologischen Ergebnissen, unter

denen das von ~Charles Bell~ (1774–1842) erschlossene, von ~Johannes

Müller~ zuerst experimentell bewiesene Fundamentalgesetz der speziellen

Nervenphysiologie, welches besagt, daß die hinteren Ursprungsfasern der

Rückenmarksnerven sensibel (zentripetalleitend), die vorderen dagegen

motorisch (zentrifugalleitend) sind, den ersten Rang einnimmt.

Auf dem Gebiete der +mikroskopischen+ Forschung schließlich erwarb sich

der scharfblickende ~Spallanzani~ (1729–1799) und später besonders

~Treviranus~ das Verdienst, durch zweckmäßig angeordnete Versuchsreihen

die Lehre von der Urzeugung der Infusionstierchen aus fauligen

Aufgüssen experimentell widerlegt und gezeigt zu haben, daß sich auch

diese niedrigsten aller lebendigen Wesen nur aus Keimen entwickeln,

die überall in der Luft und im Wasser zu finden sind, so daß also

der ~Harvey~sche Satz: „omne vivum ex ovo“ auch hier keine Ausnahme

erleidet.

Die meisten von allen diesen exakten Untersuchungen lieferte

England und Frankreich, während in Deutschland zu jener Zeit die

Naturphilosophie durch ihren maßlosen Drang nach reiner Spekulation auf

naturwissenschaftlichem Gebiet selbst die bedeutendsten Geister, wie

~Oken~, mit sich fortriß.

E. Das Zeitalter ~Johannes Müller~s.

~Johannes Müller~[2] (1801–1858) ist eine jener monumentalen Gestalten,

wie sie die Geschichte jeder Wissenschaft nur einmal hervorbringt.

Dem Gebiete, auf dem sie wirken, geben sie ein vollkommen verändertes

Antlitz, und alle spätere Entwicklung ruht auf ihren Schultern.

~Johannes Müller~ war, wie die Forscher seiner Zeit, Vitalist, aber

sein Vitalismus hatte eine sehr glückliche Form. Die Lebenskraft war

ihm zwar eine Kraft, die etwas ganz anderes ist als die Kräfte der

leblosen Kultur, aber er stellte sich vor, daß ihr Walten streng nach

physikalisch-chemischen Gesetzen erfolge, so daß ~Müller~s ganzes

Streben dahin ging, die Lebensvorgänge mechanisch zu erklären. Dabei

umfaßte er das +ganze+ Gebiet der Lebensäußerungen gleichmäßig,

vernachlässigte keine und schuf auf allen Einzelgebieten durch eigene,

immer originelle Untersuchungen die Grundlage, auf der wir weiter

arbeiten. Stets hielt er bei seinen Arbeiten den Blick auf das Ganze

gerichtet; nie stellte er Spezialuntersuchungen an, die ihm nicht

helfen sollten, irgend ein großes allgemeines Problem zu lösen.

Das Geniale an ihm und das, was gerade in der neueren Physiologie

vielfach vermißt wird, war aber die Art und Weise, wie er die Probleme

anfaßte. Er kannte nicht „eine“ physiologische Methode, er benutzte

jede Methode, jede Behandlungsweise, die gerade augenblicklich das

Problem erforderte, das er mit kecker Hand ergriff. Physikalische

und chemische, anatomische und zoologische, mikroskopische und

embryologische Kenntnisse und Methoden standen ihm gleichmäßig zur

Verfügung, und alle benutzte er seiner jeweiligen Absicht gemäß.

Die Naturphilosophie, die zur Zeit ~Johannes Müller~s unter dem

Einfluß der ~Schelling~schen und ~Hegel~schen Ideen ihre üppigsten

Blüten trieb und mit ihrer zügellosen, jeder tatsächlichen Grundlage

entbehrenden Spekulation die Naturforschung bedrohte, konnte auf den

streng kritischen Geist ~Johannes Müller~s nur die segensreichste

Wirkung ausüben. Er erkannte in dem himmelstürmenden Drang der

Naturphilosophen den berechtigten Kern und gestaltete unter diesem

Einfluß seine eigene Forschungsweise zu dem +Typus einer echt

philosophischen Naturforschung+, welche, die großen Probleme und das

Ziel der Wissenschaft immer im Auge behaltend, mit kritischem Blick

die speziellen Methoden und Fragen stets nur als Mittel zum Zwecke

betrachtet, als Mittel, zu einer harmonischen Auffassung der Welt

zu gelangen. Dieser philosophischen Auffassung der Naturforschung,

die ~Johannes Müller~ bereits in seiner Habilitationsrede: „Von dem

Bedürfnis der Physiologie nach einer philosophischen Naturbetrachtung“

energisch hervorgehoben hat, ist er sein ganzes Leben hindurch

unerschüttert treu geblieben, und es ist gewiß eine merkwürdige

Tatsache, daß bei aller einmütigen Bewunderung, mit der man zu der

Gestalt ~Johannes Müller~s aufblickt, in der neueren Physiologie gerade

dieses Moment nicht selten ganz vernachlässigt worden ist. Das hat

sich unter anderem besonders bemerkbar gemacht auf zwei Gebieten, für

die ~Johannes Müller~ von Jugend auf das lebhafteste Interesse gehabt

hat, in der +physiologischen Psychologie+ und der +vergleichenden

Physiologie+.

Die +Psychologie+ wird von der heutigen Physiologie fast mit einer

gewissen Aengstlichkeit gemieden, die in einem eigentümlichen Gegensatz

zu der Auffassung ~Johannes Müller~s steht, der gerade die Physiologie

als allein berufen ansah, in der Psychologie auf empirischem Wege einen

Fortschritt zu erzielen, und der bereits bei seiner Doktorprüfung die

These verteidigte: „Psychologus nemo nisi Physiologus.“ Es ist wahr:

die Psychologie ist zwar keine Wissenschaft, die ohne weiteres als

bloßes Teilgebiet der Physiologie betrachtet werden darf; aber die

Erfahrungen der Physiologie auf dem Gebiete des Nervensystems und

der Sinnesorgane sind doch von so grundlegender Bedeutung für die

Psychologie, daß man sagen muß, die Physiologie ist mehr als irgend

eine andere Naturwissenschaft berufen, psychologische Fragen zu

behandeln. Mit welchem Erfolg die Physiologie psychologische Probleme

zu fördern im stande ist, zeigen gerade ~Müller~s eigene Arbeiten am

deutlichsten; es hat wohl kaum je eine physiologische Entdeckung eine

größere, leider immer noch nicht allgemein gewürdigte Tragweite für

die ganze Psychologie und Erkenntnistheorie gehabt, als die Lehre von

der spezifischen Energie der Sinnesnerven oder Sinnesorgane. Diese

Lehre sagt, daß die verschiedensten Reize, welcher Art sie auch sein

mögen, auf dasselbe Sinnesorgan, z. B. das Auge, angewandt, immer nur

ein und dieselbe Art der Empfindung hervorzurufen im stande sind,

und zwar die Empfindung, die durch das betreffende Sinnesorgan bei

Einwirkung seines adäquaten Reizes, in unserem Falle also des Lichtes,

vermittelt wird. Umgekehrt ruft ein und derselbe Reiz auf verschiedene

Sinnesorgane appliziert, ganz verschiedenartige Empfindungen hervor,

je nach der Beschaffenheit des Organs, auf das er einwirkt. In diesem

Satze ist die fundamentale Tatsache enthalten, daß die Dinge der

Außenwelt in Wirklichkeit durchaus nicht identisch sind mit unseren

Empfindungen und Vorstellungen von ihnen, sondern daß wir dasselbe Ding

der Außenwelt in ganz verschiedenartiger Weise empfinden und erkennen,

je nach den spezifischen Bedingungen des Sinnesorgans, mit dem wir es

wahrnehmen. Außer diesem fundamentalen Satz aber hat ~Müller~ noch

eine ganze Reihe anderer wichtiger psychologischer Tatsachen gefunden,

die er in seinen Arbeiten „Zur vergleichenden Physiologie des

Gesichtssinnes des Menschen und der Tiere“, „Ueber die phantastischen

Gesichtserscheinungen“ und in dem Buche „Vom Seelenleben“ seines

„Handbuchs der Physiologie“ niedergelegt hat.

Mit der +vergleichenden Physiologie+ hat ~Müller~ eine neue

Wissenschaft zur Anerkennung gebracht, angeregt durch die ungemeine

Fruchtbarkeit, welche die vergleichende Methode in der Anatomie in

jener Zeit zu entfalten begann, und vor allem durch Ideen seines

Lehrers ~Rudolphi~, die dieser in den Worten zusammenfaßte: „Die

vergleichende Anatomie ist die sicherste Stütze der Physiologie,

ja, ohne dieselbe wäre kaum eine Physiologie denkbar.“ ~Müller~

vertrat sein ganzes Leben hindurch den Standpunkt, es könne „die

Physiologie nur eine vergleichende sein“, und es gibt unter der schier

erdrückenden Zahl seiner physiologischen Arbeiten wenige, in denen das

vergleichend-physiologische Denken nicht mehr oder weniger deutlich zum

Ausdruck käme.

Zusammengefaßt hat ~Müller~ die Ergebnisse seiner eigenen

Untersuchungen sowohl wie überhaupt alles physiologische Wissen

seiner Zeit in seinem „Handbuch der Physiologie“. Dieses „Handbuch

der Physiologie“ steht noch heute unübertroffen da in der wahrhaft

philosophischen Art und Weise, wie hier der ganze, durch die zahllosen

speziellen Untersuchungen damals bereits ungeheuer angewachsene Stoff

zum ersten Male gesichtet und +zu einem großen einheitlichen Bilde

von dem Getriebe im lebendigen Organismus+ vereinigt worden ist. Das

Handbuch ist in dieser Beziehung bis heute nicht nur unübertroffen, ja,

es ist sogar unerreicht. Zwar sind viele von den Einzelheiten desselben

nach heutigen Vorstellungen nicht mehr zutreffend, zwar haben neuere,

mit vollkommenerer Technik ausgeführte Arbeiten einzelne Gebiete

gewaltig erweitert und umgestaltet, zwar sind manche selbst von den

allgemein-physiologischen Vorstellungen ~Müller~s, wie die Vorstellung

von der Lebenskraft, von der neueren Physiologie vollständig fallen

gelassen worden; soviel aber steht fest, daß von allen den zahllosen

Hand- und Lehrbüchern, die seit ~Johannes Müller~ entstanden sind, in

bezug auf die Behandlungsweise des Stoffes kein einziges das Handbuch

des großen Meisters erreicht hat. Die meisten der späteren Handbücher,

Lehrbücher, Grundrisse etc. nehmen sich, obwohl sie fast ausschließlich

für den Gebrauch des Studenten berechnet sind, nicht einmal die Mühe,

die Ziele, das Problem, den Zweck der physiologischen Forschung auch

nur kurz anzudeuten, geschweige denn, dem Stoffe im ganzen eine

philosophische Behandlung im Sinne ~Johannes Müller~s angedeihen

zu lassen, ein Mangel, der gerade vom denkenden, nicht bloß blind

auswendig lernenden Studenten als großer Nachteil empfunden werden muß.

Die unermüdliche physiologische Tätigkeit ~Johannes Müller~s, die

ihm den Ruhm, bei weitem der größte Physiologe aller Zeiten zu

sein, eintrug, hinderte ihn nicht, namentlich in seinen späteren

Lebensjahren, sich der Morphologie, speziell der Zoologie,

vergleichenden Anatomie und Paläontologie mit gleichem Eifer hinzugeben

und sich hier wieder den Namen des größten Morphologen seiner Zeit

zu erwerben. So vielseitig und umfassend war der gewaltige Mann, daß

er zwei mächtige Gebiete, deren jedes jetzt kaum einer allein zu

+übersehen+ im stande ist, in allen ihren einzelnen Teilen durch

eigene grundlegende Arbeiten vollständig +beherrschte+.

Daß ein so ungeheures Reich nach dem Tode seines Beherrschers nicht

mehr einheitlich zusammenhalten konnte, nimmt kein Wunder. Wie das

Weltreich ~Alexander~s nach dessen Tode, zerfiel es in viele kleine

Territorien, deren jedes von seinem eigenen Herrscher regiert wurde,

und es dürfte auch schwerlich bei dem jetzigen Umfange der Wissenschaft

sich je wieder ein Sterblicher finden, der, selbst wenn er mit der

übermenschlichen Arbeitskraft ~Johannes Müller~s begabt wäre, das

ganze, einst von diesem gegründete Reich in allen seinen Teilen

gleichmäßig zu beherrschen imstande wäre.

Die +Morphologie+ war schon lange vor ~Johannes Müller~ selbständig

gewesen. Die +Physiologie+ teilte sich bald nach seinem Tode in eine

ausschließlich +chemische+ und eine rein +physikalische+ Richtung.

Die +chemische Richtung+ leitet sich her von ~Wöhler~ (1800–1882) und

~Liebig~ (1803–1873). Durch die epochemachende Synthese eines in der

Natur nur von Organismen produzierten Körpers, des Harnstoffs, aus

rein anorganischen Stoffen, die ~Wöhler~ bereits im Jahre 1828 gelang,

wurde die Lehre von der Lebenskraft, wenn auch nicht sogleich, so

doch in der Folge stark erschüttert. Man hatte geglaubt, die Stoffe,

die der Organismus produziert, entständen nur durch die Tätigkeit der

Lebenskraft: hier war zum ersten Male ein sehr charakteristisches

Stoffwechselprodukt des Tierkörpers im chemischen Laboratorium auf

künstlichem Wege dargestellt worden, und bald folgten dieser Synthese

andere nach. Der Begründer der neueren Anschauungen vom Stoffwechsel

der Organismen wurde ~Justus v. Liebig~, und in neuester Zeit haben

besonders ~Voit~ (1831–1908), ~Pflüger~, ~Zuntz~, ~Hofmeister~ und

andere die Stoffwechsellehre, wenn auch nicht übereinstimmend,

weitergeführt. Die physiologische Chemie gestaltete sich mehr und mehr

zu einer eigenen Wissenschaft, besonders, als ~Mulder~ und ~Lehmann~

zuerst eine Zusammenfassung des Gebietes gaben, und vor allem, als

~Kühne~ (1837–1900) durch seine originellen Methoden und Untersuchungen

zum ersten Male über die physiologisch-chemischen Verhältnisse der

Eiweißkörper etwas Licht zu verbreiten wußte und seine Auffassung

der physiologischen Chemie in seinem Lehrbuch zum Ausdruck brachte.

Schließlich drohte die physiologische Chemie sich unter den Arbeiten

von ~Hoppe~-~Seyler~ (1825–1895), ~Hammarsten~, ~Bunge~, ~Halliburton~,

~Baumann~ (1846–1877), ~Hofmeister~, ~Kossel~ und anderen nicht

zum Vorteil der Physiologie als selbständige Wissenschaft ganz von

der Physiologie loszulösen, eine Gefahr für das Gesamtgebiet der

physiologischen Forschung, die jetzt glücklich beseitigt zu sein

scheint.

Einen mächtigen Impuls erfuhr die physiologische Chemie von seiten der

chemischen Forschung namentlich durch die Arbeiten ~A. von Baeyer~s und

~Emil Fischer~s, die über die Konstitution der wichtigsten organischen

Verbindungen des Organismenkörpers grundlegende Entdeckungen machten.

Auch der Ausbau der Lehre von den Fermentwirkungen seitens der

physikalischen Chemie, besonders durch die Arbeiten von ~Ostwald~ und

~Bredig~, sowie die gewaltige Entwicklung der modernen Immunitätslehre

unter den Arbeiten von ~Ehrlich~ und seiner Schule, sowie von ~Koch~,

~Behring~, ~Arrhenius~, ~Metschnikoff~, ~Roux~ und anderen übte einen

bedeutenden Einfluß auf die moderne Entwicklung unserer Ansichten vom

chemischen Geschehen im Organismenkörper aus.

[Illustration: Fig. 1.

_I_ ~Ludwig~s +Kymographion+. Der eine Schenkel des Manometerrohrs wird

bei _A_ in eine Arterie eingebunden, so daß die Blutdruckschwankungen

sich auf die Quecksilbersäule fortpflanzen und den im anderen Schenkel

auf dem Quecksilber befindlichen Schwimmer mit seinem Schreibhebel

in Bewegung setzen. Der Schreibhebel schreibt seine Schwankungen auf

die Trommel _C_ auf, die durch ein Uhrwerk _B_ in konstanter Rotation

erhalten wird. Aus ~Brücke~.

_II_ +Pulskurve von einem Kaninchen.+ Die kleinen Erhebungen sind

die Blutdruckschwankungen des Pulses, die großen Wellenlinien die

Schwankungen, die der Blutdruck durch die Atmung erfährt.]

Die +physikalische Richtung+ begründeten ~E. H. Weber~ (1795–1878),

~Volkmann~ (1801–1877), ~Ludwig~ (1816–1895), ~Helmholtz~

(1821–1894), ~Du Bois-Reymond~ (1818–1896), ~Fick~ (1829–1901),

~Marey~ u. a. Vor allem schuf ~Ludwig~ eine für die Untersuchung der

rein physikalischen Leistungen des Tierkörpers äußerst wertvolle

Methode von der weittragendsten Bedeutung, indem er die rhythmischen

Druckschwankungen des Pulses durch mechanische Uebertragung auf einen

beweglichen Schreibhebel sich selbst auf eine glatte, mit gleichmäßiger

Geschwindigkeit bewegte Papierfläche aufzeichnen ließ (Fig. 1). Diese

„+graphische Methode+“ erwies sich als so ungemein fruchtbar, daß sie

in der Folge die weiteste Verwendung in der Physiologie fand. So wurde

sie unter anderem für die graphische Darstellung der Muskelzuckung, der

Atembewegungen, des Herzschlages etc. verwendet. In Frankreich war

es ~Marey~, der die graphische Methode zu ungeahnter Vollkommenheit

ausbildete, so daß sie jetzt als wichtiges Forschungsmittel dient

bei allen Untersuchungen, in denen es sich um makroskopische

Bewegungsvorgänge handelt. Neben der graphischen war es noch eine

andere Methodik, welche für die physikalische Seite der Physiologie

fundamentale Bedeutung erlangte, die umfangreiche, geistvolle, durch

~E. Du Bois-Reymond~s klassische Untersuchungen über die allgemeine

Muskel- und Nervenphysik geschaffene Technik der galvanischen Reizung.

~Du Bois-Reymond~ hat durch die Ausbildung dieser Technik den

galvanischen Strom zu einem so bequem anwendbaren, fein abstufbaren

und leicht lokalisierbaren Reiz für Nerven und Muskeln gestaltet, wie

es keiner der anderen Reize ist, so daß jetzt überall, wo es sich um

Reizungsversuche handelt, der galvanische Reiz immer die erste Stelle

einnimmt. Die weiteste Anwendbarkeit verdankte schließlich diese

geniale physikalische Methodik der Ausbildung der vivisektorischen

Technik von seiten der großen französischen Physiologen ~Magendie~

(1783–1855) und ~Claude Bernard~ (1813–1878). ~Claude Bernard~ führte

in Frankreich die Physiologie zu ihrer höchsten Blüte, ohne dabei

in Einseitigkeit zu verfallen. Er war ein philosophischer Forscher,

der die +allgemeinen+ Probleme des Lebens bei seinen Untersuchungen

im Auge hatte. Kein Wunder, wenn man daher die ganze französische

Physiologie von heute als ~Claude Bernard~s Schule betrachten muß. In

England schließlich hat die vivisektorische Technik in neuester Zeit,

namentlich durch die Arbeiten von ~Sherrington~, ~Langley~, ~Starling~

und ~Bayliss~, in Rußland durch die Untersuchungen von ~Pawlow~

bedeutende Erfolge erzielt.

Neben der chemischen und physikalischen Richtung in der Physiologie

traten nach ~Johannes Müller~s Tode die übrigen Seiten etwas mehr in

den Hintergrund oder wurden ganz vernachlässigt.

+Die psychologische Forschung+ wurde besonders durch die Physiologie

der Sinnesorgane, in der die genialen Untersuchungen von ~Helmholtz~,

~Wundt~ und ~Hering~ zu den wichtigsten Ergebnissen führten,

sowie durch die Physiologie des Zentralnervensystems der höheren

Wirbeltiere gefördert, welche durch die epochemachenden Arbeiten

von ~Flourens~ (1794–1864), ~Hitzig~ (1838–1903), ~Munk~, ~Goltz~

(1834–1900), ~Schäfer~, ~Richet~, ~Horsley~, ~Sherrington~, ~Langley~

und anderen ausgebaut wurde. Der Versuch ~Preyer~s (1841–1897), die

Bewußtseinsvorgänge des Menschen in ihrer Entwicklung während der

ersten Lebensjahre zu verfolgen, ist leider lange Zeit ziemlich

vereinzelt geblieben und wird erst in allerletzter Zeit im

Hinblick auf praktisch-pädagogische Interessen von neuem mit Eifer

wieder aufgenommen, in dem mächtig sich entwickelnden Gebiete der

Kinderforschung.

Den +allgemeinen Fragen+ der Physiologie wurde anfangs nur wenig

Aufmerksamkeit geschenkt. Die „Allgemeine Physiologie des körperlichen

Lebens“ von ~Lotze~ (1851) war zwar rein spekulativ und behandelte

die physiologischen Fragen vom Standpunkt des Philosophen, aber sie

hätte dennoch der experimentellen Physiologie jener Zeit in wichtigen

Fragen manche wertvolle Anregung bieten müssen, wenn das Interesse

für allgemeine Probleme in der exakten Wissenschaft größer gewesen

wäre. Die ausgezeichneten Arbeiten von ~Charles Robin~: „Chimie

anatomique et physiologique“ (1853) und „Anatomie et physiologie

cellulaires“ (1873) sind, obwohl sie schon einen zusammenhängenden

Abriß der Anatomie und Physiologie der Zelle boten, leider ebenfalls

von physiologischer Seite nur wenig gewürdigt worden. Auch die

zellularpathologischen Untersuchungen und Ideen ~Rudolph Virchow~s

(„Zellularpathologie“ 1858), welche die Vorstellungen der ganzen

Medizin von Grund aus umwälzten, haben, trotzdem sie die enorm

praktische Bedeutung allgemein-physiologischer Untersuchungen an der

Zelle auf das augenfälligste zeigten, doch bis vor kurzer Zeit auf die

Entwicklung der Physiologie kaum den geringsten Einfluß gehabt, weil

die Physiologie durch Fragen speziellerer Art kaptiviert war. Mehr

Aufmerksamkeit erregten dagegen die „Leçons sur les phénomènes de la

vie communs aux animaux et végétaux“ ~Claude Bernard~s (1878), die

eine Reihe von allgemeinen Lebensfragen in klassischer Form, wenn auch

etwas ungleichmäßig, behandelten. Gleichmäßiger suchte ~Preyer~ die

Fragen der allgemeinen Physiologie zu erörtern in seinen „Elementen der

allgemeinen Physiologie“ (1883), die sich aber leider mit einem kurzen

schematischen Abriß des Gebietes begnügten. Die Physiologie der Zelle

erfuhr in jüngster Zeit mancherlei wichtige Förderung durch die moderne

Entwicklung der physikalischen Chemie. Die wichtigsten Anwendungen

dieses Gebietes auf die Probleme der Zellphysiologie hat ~Höber~

in seinem Werke: „Physikalische Chemie der Zelle und der Gewebe“

(1902) in dankenswerter Weise zusammengestellt. Schließlich lieferten

die Untersuchungen der Histologen und Zoologen manchen Beitrag zur

Physiologie der Zelle, und besonders wurde die Physiologie der

Fortpflanzung, Befruchtung, Entwicklung und Vererbung in unserer Zeit

von dieser Seite ganz der eigentlichen Physiologie abgenommen und mit

großem Erfolg zu einem selbständigen Gebiet ausgebaut. „Die Zelle und

die Gewebe“ von ~O. Hertwig~ (1892), die „Gesammelten Abhandlungen über

Entwicklungsmechanik“ von ~W. Roux~ (1895), „La structure du protoplasme

et les théories sur l’hérédité etc.“ von ~Yves Delage~ (1895), „Praxis

und Theorie der Zellen- und Befruchtungslehre“ von ~V. Haecker~ (1899),

sowie „Morphologie und Biologie der Zelle“ (1904) von ~Gurwitsch~,

liefern Zusammenfassungen der großen Leistungen auf diesem speziellen

Gebiet.

Die +vergleichende Methode+ wurde seit ~Johannes Müller~ in der

Physiologie lange Zeit völlig vernachlässigt, man müßte denn die

wenigen Arbeiten, die hin und wieder an anderen Versuchstieren als

dem üblichen Hund, Kaninchen oder Frosch ausgeführt wurden, als

vergleichende betrachten. Erst in unserer Zeit beginnt sich die

Erkenntnis wieder von neuem Bahn zu brechen, daß die Verwendung der

vergleichenden Methode unumgänglich ist, wenn man nicht aus den

Befunden an den traditionellen Versuchstieren zu einseitigen und

falschen Verallgemeinerungen gelangen will. Die Untersuchungen von

~Kühne~, ~Max Verworn~, ~Loeb~, ~v. Fürth~, ~Pütter~ u. a. haben

gezeigt, wie unentbehrlich die vergleichende Methode gerade für die

Bearbeitung allgemein-physiologischer Fragen ist.

Unabhängig von der übrigen Physiologie entwickelte sich indessen die

+Pflanzenphysiologie+ zu einer selbständigen blühenden Wissenschaft,

ja, die ausgezeichneten Arbeiten von ~Hofmeister~, ~Nägeli~,

~Sachs~, ~Pfeffer~, ~Strasburger~, ~Berthold~, ~Stahl~, ~Detmer~,

~Wiesner~, ~Haberland~, ~Molisch~ u. a. haben sie in neuerer Zeit

zu dem vollkommensten Zweige der Physiologie überhaupt gemacht. Es

liegt dies einerseits an dem Umstand, daß alle Lebensverhältnisse

in der Pflanze bedeutend einfacher und übersichtlicher sind als im

tierischen Organismus, andererseits aber auch daran, daß sich die

Pflanzenphysiologie gewisse Erfahrungen der Naturwissenschaft zu Nutzen

gemacht hat, die in der Tierphysiologie teils gar nicht, teils erst in

letzter Zeit Verwendung gefunden haben.

Es sind besonders drei der größten Entdeckungen des verflossenen

Jahrhunderts, von deren weiterer Auswertung die Physiologie noch immer

große Erfolge erwarten darf.

Die eine dieser gewaltigen Entdeckungen ist das bereits von ~Robert

Mayer~ (1814–1878) mit Bestimmtheit ausgesprochene, von ~Helmholtz~

in umfassendster Weise begründete +Gesetz von der Erhaltung der

Energie+. Die modernen chemischen Untersuchungen hatten bereits zur

Erkenntnis des +Gesetzes von der Erhaltung des Stoffes+ geführt, indem

sie zeigten, daß die Stoffmenge in der Welt eine konstante sei. Das

Gesetz von der Erhaltung der Energie wies die gleiche Konstanz für die

Summe des Arbeitskapitals im Weltall nach. „Energie“ kann ebensowenig

vernichtet oder neugebildet werden wie Stoff, und wo uns Energie zu

verschwinden oder zu entstehen scheint, da geht sie in Wirklichkeit nur

aus einer Form in die andere über.

Die Anwendung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie auf die

Energetik der Organismen ist zwar von ~Robert Mayer~ schon begonnen und

später noch mehrfach in Angriff genommen worden, auch ist sogar durch

die kalorimetrischen Untersuchungen von ~Dulong~, ~Helmholtz~, ~Rubner~

und anderen der experimentelle Nachweis erbracht worden, daß das Gesetz

von der Erhaltung der Energie in der lebendigen Natur ebensowohl

Gültigkeit besitzt wie in der leblosen, aber über das Energiegetriebe

bei den einzelnen Leistungen des Körpers, über die Umformungen, welche

die Energie auf ihrem Wege durch die lebendige Substanz erfährt, sind

unsere Kenntnisse noch immer äußerst spärlich, und erst in neuester

Zeit hat das Interesse begonnen, sich intensiver diesen Problemen

zuzuwenden. So hat ~Tangl~ das bisher noch gar nicht bearbeitete Gebiet

einer Energetik der organischen Embryonal-Entwicklung in neuester Zeit

mit großem Erfolge durch zahlreiche Arbeiten gefördert. Verhältnismäßig

am weitesten vorgeschritten ist die Pflanzenphysiologie, die

besonders den ausgezeichneten Untersuchungen ~Pfeffer~s über die

Energetik der Pflanzenzelle wichtige Aufschlüsse und Wegweisungen

verdankt. Auf dem Gebiet der Energetik der lebendigen Substanz bleibt

aber der Zukunft noch ein weites Feld voller dankbarer Arbeit,

die sich besonders fruchtbar gestalten dürfte, wenn die neueren

Errungenschaften der physikalischen Chemie, vor allem die Erfahrungen

über Osmose, Diffusion, Oberflächenspannung, Massenwirkung, Katalyse,

Kolloideigenschaften, Ionenwirkung etc. mehr als bisher bei der Analyse

der Lebensvorgänge in der Zelle Berücksichtigung finden werden. Vor

allem aber ist neben dem als „+erster Hauptsatz der mechanischen

Wärmelehre+“ bezeichneten Gesetz von der Erhaltung der Energie aus

dem sogenannten „+zweiten Hauptsatz der Wärmelehre+“, der uns sagt,

daß nicht jede beliebige Energieform sich vollständig in jede andere

umwandeln kann, und der uns in seinen Konsequenzen mehr und mehr die

Bedingungen enthüllt, denen die Energieumwandlungen unterworfen sind,

für die Zukunft noch mancherlei Aufklärung über das physiologische

Geschehen in der lebendigen Substanz zu erwarten. Hier stehen wir noch

ganz im Anfang.

Die zweite der großen Entdeckungen, die hauptsächlich der

Pflanzenphysiologie zu ihren bedeutendsten Erfolgen verholfen hat, die

aber in der Tierphysiologie erst in der letzten Zeit angefangen hat,

eine größere Bedeutung zu gewinnen, war die +Entdeckung vom Aufbau der

Organismen aus Zellen+. Die Keime der Zellentheorie erwuchsen aus dem

Boden der Botanik. Die Mikroskopiker des 17. und 18. Jahrhunderts,

besonders ~Malpighi~, ~Treviranus~, ~Mohl~, ~Meyen~, fanden bereits,

daß die Pflanzen aus kleinen mikroskopischen Kammern oder Zellen und

langgestreckten Röhren aufgebaut sind, die einen flüssigen Inhalt

besitzen. Die langgestreckten Röhren erwiesen sich alsbald als Gebilde,

die aus Zellenreihen hervorgehen, indem die Querwände sich auflösen.

~Brown~ fand dann einen festeren Zellkern als ein sehr verbreitetes

Gebilde in dem flüssigen Zellinhalt; aber erst ~Schleiden~ brachte

die Vorstellung zur allgemeinen Geltung, daß alle Pflanzen aus

Zellen zusammengesetzt sind, und unterschied im Inhalt der Zelle als

wesentliche Bestandteile neben dem Zellsaft und dem Zellkern noch den

dickflüssigen und beweglichen Pflanzenschleim, der dann von ~Mohl~ als

„Protoplasma“ bezeichnet wurde. Inzwischen war auch im Tierreich die

weite Verbreitung von Zellen anerkannt worden, und ~Schwann~ begründete

bald nach ~Schleiden~ die Zellentheorie auch für das Tierreich, indem

er zeigte, daß die Tiere ebenfalls aus Zellen oder Zellprodukten

zusammengesetzt sind und in ihrer Entwicklung aus Stadien hervorgehen,

die nur wenige gleichartige Zellen enthalten. Später stellte die

Entwicklungsgeschichte fest, daß überhaupt alle Organismen aus einer

einzigen Zelle, der Eizelle, sich entwickeln zu einem großen gewaltigen

Zellenstaat, in dem die verschiedenen Teile, Gewebe, Organe aus ganz

spezifischen Zellenformen bestehen. Obwohl mit dieser Erkenntnis

die Tatsache gegeben war, daß die Zelle das Element des lebendigen

Organismus ist, der Ort, wo sich die Lebensvorgänge abspielen, ist doch

die Zelle in der Physiologie, abgesehen von der Pflanzenphysiologie und

der Embryologie, noch immer viel zu wenig zum Gegenstand des Studiums

gemacht worden, und wir werden alsbald sehen, daß gerade in dieser

Richtung eine wesentliche Vertiefung der Physiologie zu erwarten ist.

Die dritte Entdeckung endlich, die in der Physiologie bisher noch

sehr wenige Früchte gezeitigt hat, ist die +Entdeckung der Deszendenz

in der Organismenwelt+. Von ~Lamarck~ bereits in ihren Umrissen

skizziert, von ~Darwin~ durch das Prinzip der Selektion fest begründet,

hat die Deszendenzlehre auf morphologischem Gebiete schon längst den

gewaltigsten Umschwung in der ganzen Forschung herbeigeführt und

vor allem der modernen Morphologie ihr charakteristisches Gepräge

aufgedrückt. Die Deszendenzlehre zeigt, daß die mannigfaltigen

Formen der Organismen sämtlich untereinander durch Abstammung in

verwandtschaftlichen Beziehungen stehen, und zwar in der Weise,

daß alle in letzter Instanz von den einfachsten Organismen, die je

existiert haben, direkt abstammen. Die Selektionstheorie zeigt ein

Erklärungsprinzip für die ungeheure Mannigfaltigkeit der Formen

in der durch den Kampf ums Dasein bedingten natürlichen Auslese,

welche bewirkt, daß unter jeder Generation im Kampf ums Dasein immer

nur diejenigen Individuen am Leben bleiben, die den jeweiligen

äußeren Verhältnissen am besten entsprechen, d. h. am zweckmäßigsten

angepaßt, also am lebensfähigsten sind. So hat die uralte Idee des

~Empedokles~ von der Deszendenz und der allmählichen Veränderung der

Organismenwelt durch Selektion nach mehr als zweitausendjähriger

Vergessenheit durch die ~Darwin~sche empirisch-naturwissenschaftliche

Begründung in unserem Jahrhundert ihre Auferstehung gefeiert. Während

die Entwicklungsgeschichte, soweit sie die Formentwicklung der

Organismen betrifft, durch die mächtige Anregung, die sie infolge

der ~Darwin~schen Lehre besonders von seiten ~Haeckel~s und seiner

Schüler erfuhr, zu einer bewundernswerten Blüte gelangte, hat die

Physiologie sich bisher der Entwicklungsidee noch nicht bemächtigt.

Die Entwicklung der Lebensvorgänge, die Entstehung und Ausbildung der

vielen Funktionen, welche die einzelnen Teile des lebendigen Körpers

versehen, ist bisher noch nahezu eine Terra incognita. Die Arbeiten

~Preyer~s über die Entwicklung der Organfunktionen beim Embryo haben

leider keine Fortführung erfahren. Nur +ein+ physiologisches Problem

der Entwicklungslehre ist in den letzten Dezennien, und zwar auch

dieses fast ausschließlich von zoologischer Seite, ungemein lebhaft

erörtert worden, das Problem der Vererbung. Dennoch ist man auch hier

an einem Punkte angelangt, wo nur die experimentelle Physiologie einen

neuen Fortschritt herbeizuführen imstande ist.

Allgemeine Physiologie · 第 45 / 283 题