Der Anfang einer selbständigen Fortentwicklung der Physiologie ist erst
im 16. Jahrhundert zu finden. Einer der ersten, die das ~Galen~sche
System verließen, war ~Paracelsus~ (1493–1541), der selbst ein
vollständiges System der Natur entwickelte. Zwar war sein System mit
theosophischen Ideen durchdrungen, ein Zug, der bei seinen Nachfolgern
starke Folgen hatte und sie ganz der Mystik in die Arme trieb; aber
es enthielt doch viele originelle, wenn auch häufig absurde Ideen.
~Paracelsus~ macht mit Bewußtsein gegen die bisherigen gedankenlosen
Nachbeter des ~Galen~schen Systems und seiner Auswüchse, wie sie sich
im Mittelalter entwickelt hatten, Front, und das war in der damaligen
Zeit ein wichtiger Fortschritt. Die Grundlage seines Systems ist der
Gedanke von der Einheit der Natur. Die Natur stellt ein einheitliches
Ganzes vor, den Makrokosmos. Im Menschen als Mittelpunkt der Natur
sind alle einzelnen Formen des Naturseins enthalten. Der Mensch ist
daher als ein Mikrokosmos zu betrachten. Dabei darf aber die Natur
nicht als ein Fertiges, sondern muß vielmehr als ein ewig Werdendes
angesehen werden. Die spezielleren Seiten seines Systems sind ziemlich
willkürlich und haben keine Bedeutung, wie überhaupt ja dieser erste
Anfang eines selbständigen Forschens noch ziemlich unbeholfen war. Vor
allem fehlte ihm eine gediegene empirische und experimentelle Grundlage.
Zur selben Zeit begann auch in Frankreich und in Italien eine freiere
Richtung von den Medizinschulen auszugehen. Bereits ~Fernelius~
(1497–1558) hat, obwohl er noch ganz auf dem Boden des ~Galen~schen
Systems steht, manche neue Gedanken. Er trennt von den verschiedenen
Formen des „Spiritus“, d. h. des ~Galen~schen πνεῦμα die „anima“.
Erstere bestehen aus der feinsten materiellen Substanz, letztere
dagegen ist die Seele, die nur in ihren Wirkungen zu erkennen ist.
Ferner vertritt er die Vorstellung, daß die Vorgänge im Organismus in
letzter Instanz von bestimmten geheimnisvollen Kräften bedingt werden.
Einen höheren Aufschwung nahm die speziell physiologische Forschung
erst im Anschluß an die großen anatomischen Entdeckungen in den Schulen
Frankreichs und Italiens, wo durch ~Vesalius~, ~Eustachius~, ~Faloppia~
und andere die anatomische Kenntnis des menschlichen Körpers auf eine
ganze neue, rein empirische Grundlage gesetzt wurde. Besonders waren
es die Untersuchungen über den anatomischen Bau des Herzens und den
Verlauf der Gefäße, die äußerst fruchtbar für die Physiologie wurden.
Die Lehre vom Blutkreislauf, wie sie ~Galen~ begründet hatte, erfuhr
dadurch wesentliche Aenderungen. ~Serveto~ (1511–1553) widerlegte
zuerst die ~Galen~sche Vorstellung, daß das Blut aus der rechten
Herzkammer direkt in die linke gelange, durch den Hinweis auf die
Undurchgängigkeit der Scheidewand. Seine Nachfolger, ~Colombo~ (gest.
1559) und ~Cesalpino~ (1519–1603), fügten dieser Tatsache noch neue
über die Zirkulation des Blutes in den Lungen hinzu, und ~Argentieri~
(1513–1572), der die Lehre von den Spiritus animales bekämpfte und
den glücklichen Gedanken hatte, an ihre Stelle die Wärme als Quelle
der Lebensvorgänge zu setzen, betonte, daß die Ernährung des ganzen
Körpers allein durch das Blut besorgt werde. Durch diese speziellen
Forschungen auf dem Gebiet der Blutphysiologie wurde der Weg geebnet
zu der größten Entdeckung dieses Zeitraumes, zu der Entdeckung des
Blutkreislaufs durch ~Harvey~ (1578–1657). Der wichtige Punkt in
~Harvey~s Entdeckung liegt darin, daß er zuerst den Zusammenhang der
Arterien und Venen durch das Kapillarsystem und den Uebertritt des
Blutes aus den Arterien durch die Kapillaren in die Venenstämme und
von hier ins Herz feststellte und so die Tatsache begründete, daß
alles Blut durch das Herz strömt und in einem geschlossenen Kreise
im ganzen Körper zirkuliert. Hieran fügte er noch eine große Zahl
spezieller Tatsachen, den Mechanismus des Kreislaufs betreffend, die
alle -- und darin liegt die große Bedeutung von ~Harvey~s Arbeiten
-- auf scharfer Beobachtung und exakter experimenteller Grundlage
beruhten. ~Harvey~ hat durch seine Entdeckung, dem exakten Zuge seiner
Zeit folgend, der auch einen ~Copernicus~, einen ~Galilei~, einen
~Bacon~, einen ~Descartes~ hervorrief, die experimentelle Methode,
nachdem sie in dreizehn Jahrhunderten völlig in Vergessenheit geraten
war, in der Physiologie aufs glänzendste wieder zu Ehren gebracht.
Der gewissenhafte Forschergeist ~Harvey~s, verbunden mit der großen
logischen Schärfe seines Verstandes, ist es, der seine Persönlichkeit
charakterisiert und ihn als den ersten wirklichen Physiologen nach der
langen Pause des Mittelalters erscheinen läßt. Uebrigens steht seiner
Lehre vom Blutkreislauf eine zweite Lehre „de generatione animalium“
ebenbürtig zur Seite, in der er einen Satz begründete, der später eine
ungeheuere Bedeutung in der Wissenschaft vom Leben gewonnen hat und
in den verschiedenen Fassungen, die er in neuerer Zeit annahm, die
ganzen modernen physiologischen Anschauungen von der Fortpflanzung der
Organismen beherrscht, den Satz „omne vivum ex ovo“.
Unter den Vertretern der großen theosophischen Schule, die ~Paracelsus~
hervorrief, hat nur +einer+ Bedeutung in der Geschichte der Physiologie
erlangt, ~van Helmont~ (1577–1644), und zwar dadurch, daß er trotz
der Mystik, welche die ganze theosophische Richtung charakterisiert,
auch wirklich genaue Beobachtungen gemacht hat. Auf dem Boden der
~Paracelsus~schen Lehre von der All-Einheit der Natur und dem ewigen
Werden derselben fußend, stellt er sich alle Naturkörper vor als
zusammengesetzt aus der Materie und dem „+Archeus+“ (Kraft). Nur in
dieser Verbindung existieren die Dinge und leben. +Alle+ Dinge sind
infolgedessen lebendig. Nur gibt es verschiedene Grade des Lebens, und
die sogenannten leblosen Körper befinden sich nur auf der untersten
Stufe des Lebens. Von den speziellen physiologischen Vorstellungen
~van Helmont~s ist besonders interessant seine chemische Lehre von den
Fermenten. Er verwirft die Idee ~Galen~s, daß die Verdauung im Magen
durch die Wärme geschehe, und setzt an ihre Stelle die richtigere
Vorstellung, daß das an die Magensäure gebundene „+Fermentum+“ die
Verdauung bewirke.
Einen großen Einfluß gewannen auf die weitere Entwicklung der
Physiologie die philosophischen Systeme des ~Bacon von Verulam~
(1561–1626) und des ~Descartes~ (1596–1650). Die Philosophie ~Bacon~s,
die durch die energische Betonung der induktiven Forschungsmethode zur
Grundlage der ganzen modernen Naturwissenschaft wurde, gab auch auf
physiologischem Gebiete zu der großen Fülle von neuen Beobachtungen
Anlaß, die, auf empirisch-experimentellem Boden erwachsen, seitdem
ununterbrochen unsere Kenntnis von den Lebensvorgängen bereichert
haben. Die Philosophie des ~Descartes~, zwar rein dualistisch, gewann
ihrerseits doch durch die Theorie der sinnlichen Wahrnehmung, die ihren
Ausgangspunkt bildete, große Bedeutung für die Sinnesphysiologie und
Erkenntnistheorie. ~Descartes~ war der erste, der den Satz aufstellte,
daß das einzige in der Welt, von dem wir sichere Kenntnis haben, unsere
eigene subjektive Empfindung sei. Unsere Psyche, unsere Empfindung,
unser Denken muß daher ein für allemal der feste Punkt sein, auf den
sich eine Weltanschauung stützt. Erst auf dieser Grundlage läßt sich
weiter bauen. „Cogito ergo sum.“ Dieser Satz ist so bestimmt und klar
ausgesprochen und begründet, daß man sich wundern muß, wie ~Descartes~
trotzdem, in die größte Inkonsequenz verfallend, weiterhin zu einem
vollendeten Dualismus von Körper und Seele gelangen konnte. Man könnte
fast verführt werden, zu denken, daß ein so klarer und folgerichtiger
Denker, wie ~Descartes~, im stillen für sich die letzte Konsequenz
selbst zog und, nur dem Drucke der damaligen kirchlichen Verhältnisse
Rechnung tragend, aus praktischen Rücksichten dem Gedankengange
seiner Philosophie diese unerwartete Wendung gab, indem er es jedem
vorurteilsfreien Denker selbst überlassen wollte, die offen zutage
liegende Inkonsequenz zu bemerken und den Schlußstein selbst in
konsequenter Weise auf das Gebäude zu setzen. Von der weitgehendsten
physiologischen Bedeutung ist bei seinem Dualismus aber wieder die
klare Einsicht, daß sich alle Tiere sowie der Körper des Menschen
vollkommen wie kunstvoll gebaute Maschinen verhalten, daß sie sich
bewegen nach rein mechanischen Gesetzen. Dann freilich tritt der
Dualismus wieder störend hervor, indem ~Descartes~ den Anstoß für alle
Bewegungen in die Seele verlegt, die von der Zirbeldrüse aus, in der
sie als dem einzigen unpaarigen Organ des Gehirns ihren Sitz haben
soll, die einzelnen Teile des Körpers regiere. Indessen sind nicht
bloß die allgemein philosophischen Vorstellungen ~Descartes~’ von
großer Bedeutung für die Physiologie geworden, sondern der geniale
Denker hat auch eine Reihe von sehr wichtigen, speziell physiologischen
Beobachtungen gemacht, die besonders die Lehre von den Sinnesorganen,
die physiologische Optik und Akustik, um einen bedeutenden Schritt
gefördert haben.
Der ~Descartes~sche Gedanke, daß der Körper des Menschen in bezug auf
seine Lebensverrichtungen als eine komplizierte Maschine aufzufassen
sei, wurde besonders fruchtbar für die Physiologie in der genialen
Anwendung, die er durch ~Borelli~ (1608–1679) in der Lehre von der
tierischen Bewegung fand. ~Borelli~ unternahm es zum ersten Male,
die Bewegungen und Leistungen der organischen Bewegungsapparate auf
rein physikalische Gesetze zurückzuführen und schuf so die Grundlage
unserer heutigen Bewegungsmechanik der Tiere. Der große Erfolg dieses
Unternehmens fand darin seinen Ausdruck, daß die Lehren ~Borelli~s
Ausgangspunkt einer eigenen Schule wurden, der +iatromechanischen+
(iatrophysischen oder iatromathematischen) Schule, die eine bedeutende
Rolle in der weiteren Entwicklung der Physiologie gespielt hat, indem
sie darauf ausging, auch andere Lebensvorgänge des Tierkörpers aus
rein physikalischen Gesetzen zu erklären. Zugleich wurden unter den
Nachfolgern ~Borelli~s einige, besonders ~Glisson~, die Vorläufer der
späteren Muskelirritabilitätslehre, indem sie die Kontraktilität als
eine der Muskelsubstanz selbst innewohnende Fähigkeit hinstellten.
Fast gleichzeitig mit der Begründung der iatrophysikalischen sehen wir
eine andere, eine Zeitlang mit ihr parallel laufende Schulrichtung
entstehen, die +iatrochemische+. Ihr Begründer war ~Delboe Sylvius~
(1614–1672). Unbefriedigt durch die Einseitigkeit der Iatrophysiker,
aber ohne die Bedeutung ihres Prinzips zu verkennen, betonte ~Sylvius~
neben dem physikalischen Erklärungsprinzip der Lebensvorgänge auch das
chemische und bearbeitete, diesem Prinzip folgend, hauptsächlich die
Physiologie der Verdauung und Atmung, indem er die ~van Helmont~sche
Lehre von den Fermenten weiterführte. In der Lehre von der Atmung
äußerte auch ~Mayow~ (1645–1679) sehr treffende Gedanken über die
Analogie der Atmung mit der Verbrennung.
Eine bedeutsame Unterstützung, deren Wert für die physiologische
Forschung aber bis auf den heutigen Tag noch immer nicht genügend
ausgenutzt worden ist, erfuhr die Physiologie in jener Zeit durch
die Erfindung zusammengesetzter Mikroskope und die sich daran
knüpfenden mikroskopischen Entdeckungen von ~Leeuwenhoek~ (1632–1723),
~Malpighi~ (1628–1694) und ~Swammerdam~ (1637–1685). Vor allem war
es die Physiologie der Zeugung und Entwicklung, die dadurch um ein
bedeutendes Stück weiter geführt wurde. Freilich verleiteten gerade auf
diesem Gebiet die ersten mikroskopischen Entdeckungen noch zu manchem
verzeihlichen Irrtum. Als man z. B. anfing, Infusionen von Wasser auf
fäulnisfähige Stoffe zu machen, und dabei das massenhafte Auftreten von
Infusorien beobachtete, glaubte man hier, dem Satze ~Harvey~s „omne
vivum ex ovo“ entgegen, eine Urzeugung, d. h. eine Entstehung aus
leblosen Stoffen, vor sich zu haben, wie sie früher sogar für höhere
Tiere von ~Aristoteles~ angenommen war. Anderseits aber wurde gerade
der ~Harvey~sche Satz wieder Ausgangspunkt für wichtige Entdeckungen,
indem ~Malpighi~ die Entwicklung der Eier unter dem Mikroskope
verfolgte, während ~Leeuwenhoek~s Schüler ~Ludwig van Hammen~ die
Spermatozoen entdeckte, deren Bedeutung ~Leeuwenhoek~ alsbald erkannte.
Durch diese und eine große Zahl von speziellen physiologischen
Entdeckungen, die alle auf dem Grunde streng wissenschaftlicher
Untersuchung gediehen, bekommt die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts
mit dem Auftreten ~Harvey~s den Charakter des Aufblühens exakter
Forschung in der Physiologie, wie ja der Zug der empirischen Methode
alle Wissenschaften jenes Zeitraums belebend und befruchtend
durchweht. Daneben aber finden sich, wie sich das immer von neuem
in der Geschichte der Wissenschaften wiederholt, als Reaktion gegen
einseitig übertriebene Spezialforschung Systeme, die gerade in das
andere Extrem verfallen, die jeder exakten Grundlage entbehren und
auf reiner Spekulation beruhen. Zwar wußte ~Boerhaave~ (1668–1738),
der ein eklektisches System aus den verschiedenen Lehrmeinungen
seiner Zeit zusammenstellte und als Quelle aller Lebensvorgänge
ein „principium nervosum“ in Gestalt einer sehr dünnen Flüssigkeit
annahm, durch Vorsicht diesem Vorwurf noch zu entgehen, um so mehr
aber trifft derselbe die Systeme von ~Hoffmann~ (1660–1742) und von
~Stahl~ (1660–1734). Das „mechanisch-dynamische System“ ~Hoffmann~s ist
rein teleologisch und entstand unter dem Einfluß der ~Leibnitz~schen
Philosophie. Als letztes Prinzip aller Lebensäußerungen sieht
~Hoffmann~ den Aether an, dessen Bewegung einerseits zwar nach
mechanischen Gesetzen erfolgt, anderseits aber ihren unmittelbaren
Antrieb durch die jeder Aethermonade innewohnende Vorstellung ihres
eigenen Daseinszweckes erhält. Noch mehr auf spekulativen Füßen steht
aber das „animistische System“ ~Stahl~s, welches die Lehren ~Hoffmann~s
befehdete. ~Stahl~s System liegt ein Dualismus von Körper und Seele
zugrunde, nach dem der Körper in seinen Verrichtungen zwar mechanischen
Gesetzen folgt, aber erst durch die „anima“, über deren Natur sich
~Stahl~ nur ganz unklar und widersprechend äußert, belebt und vor
Fäulnis und Zerfall bewahrt wird. Trotz der haltlosen Spekulationen
und vielen Widersprüche gewann der „Animismus“ doch zahlreiche
Anhänger, was, wie gesagt, nur aus dem Bedürfnis nach einer Sichtung
der zahllosen Einzeltatsachen und einer zusammenhängenden Auffassung
der Lebensvorgänge gegenüber den vielen speziellen Untersuchungen zu
erklären ist.