Einen Blick auf die bisherige Entwicklungsgeschichte der
physiologischen Forschung zu werfen ist ebenso unterhaltend wie wichtig
für die Beurteilung des jetzigen Standes und der ferneren Wege, welche
die Physiologie zur Erreichung ihres eben festgestellten Zieles
einzuschlagen hat.
A. Die älteste Zeit.
Die ersten Spuren naiver physiologischer Vorstellungen verlieren sich
in dem undurchdringlichen Dunkel der vorgeschichtlichen Zeiten. Sie
finden aber einen uns überlieferten Ausdruck in der Mythologie der
alten Kulturvölker. Diese führt uns einen Zustand vor Augen, in dem
sich alles Wissen, alle Vorstellungsbildung um die Verehrung höherer
Wesen gruppiert. Der primitive Kultus und das damit zusammenhängende
Wissen der alten Völker kann als ein untrennbares Ganzes betrachtet
werden, aus dem erst im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende
allmählich theologische, philosophische, naturwissenschaftliche
und medizinische Ideenkomplexe langsam als selbständige Gebiete
auskristallisierten.
Die ältesten Vorstellungen vom Leben waren sehr naiv. Alles, was
sich bewegte, war lebendig und wurde als beseelt gedacht. Das
Charakteristikum der Bewegung war für das Leben ausschlaggebend. Wind
und Wasser, Feuer und Sterne wurden personifiziert. Die Meteorite, die
sich durch die Luft bewegten, die „Bätylien“ wurden von den Phöniziern
für beseelte Steine gehalten und als heilwirkend betrachtet, und
noch ~Susrutas~, der Verfasser der Ayur Veda, des ältesten indischen
Werkes der Heilkunde, stellte den unbeweglichen, d. h. leblosen, alle
beweglichen als lebendige Körper gegenüber. Die Heilkunde, die fast
ausschließlich Arzneimittellehre war und in uralter Zeit besonders in
den Zauberländern am Pontus blühte, wo ~Hekate~ verehrt wurde, war roh
empirisch, mit Magie und Geheimlehren verbunden und entbehrte noch der
ersten Spur einer physiologischen Grundlage.
Nur +eine+ Gruppe von Vorgängen fand in dieser frühesten Zeit
bereits eingehende Beachtung, jene Vorgänge, die dem Menschen
am unmittelbarsten sein Leben offenbaren, die psychischen
Lebensäußerungen. Schon aus dem primitiven Denken der prähistorischen
Naturvölker stammt die Vorstellung eines Dualismus von Leib und Seele,
die in der Idee von der Wanderung der Seele nach dem Tode des Körpers
in andere Körper ihren prägnantesten Ausdruck findet. Diese Vorstellung
ist später durch die griechischen Philosophen, besonders ~Pythagoras~,
aus Aegypten auch in die griechische Philosophie verpflanzt worden.
Ueberhaupt hat von den ältesten Zeiten an die Beschäftigung mit den
Vorgängen des Seelenlebens immer einen besonderen Reiz für Priester und
Philosophen, die frühesten Träger theoretischen Wissens, gehabt, und
wir finden im Altertum von allen Gebieten wissenschaftlicher Forschung
gerade die Psychologie am meisten gepflegt.
Während die physiologischen Vorstellungen von seiten des medizinischen
Ideenkomplexes bis lange nach ~Hippokrates~ kaum die geringste
Beeinflussung erfuhren, wurden sie dagegen durch das erste Aufblühen
der Philosophie als eigener, von der Priesterlehre unabhängiger
Disziplin in Griechenland in bedeutsamer Weise bereichert. Die ältesten
griechischen Philosophen, sowohl die jonischen „Physiologen“, als auch
die Eleaten, wie auch die Atomisten und die einzelnstehenden Denker
jener Zeit, waren, da ihr Ziel in der Entwicklung einer Kosmologie
bestand, gezwungen, auch über die Entstehung der lebendigen Natur
nachzudenken, und man mag über die ungebundene Art und Weise des
Spekulierens dieser ältesten Denker urteilen wie man will, immer
wird es eine der überraschendsten Tatsachen bleiben, wie richtige
Vorstellungen sie bereits über manche Lebensvorgänge gehabt haben.
Es ist ganz merkwürdig, bei vielen dieser alten Philosophen Ideen zu
begegnen, die nach mehr als zwei Jahrtausenden wieder ganz modern und
zu den wichtigsten Grundlagen der heutigen Wissenschaft vom Leben
geworden sind. Besonders gilt das von den Gedanken über die Entstehung
und Entwicklung der Organismenwelt. Bei ~Anaximander~ (geb. um 620
v. Chr.) findet sich schon der Gedanke der Abstammung des Menschen
von tierähnlichen Vorfahren, die ursprünglich im Wasser lebten, in
klarer Form ausgesprochen, und ~Heraklit~ (um 500 v. Chr.) hat bereits
eine Vorstellung von der Bedeutung des „Kampfes ums Dasein“ (ἔρις).
Am deutlichsten aber und am überraschendsten ist die Theorie des
~Empedokles~ (geb. 504 v. Chr.) über die Entstehung der Lebewesen. Es
entstanden nach ihm zuerst die Pflanzen, dann die niederen Tiere, aus
denen die höheren und zuletzt die Menschen sich durch Vervollkommnung
entwickelten. Das wirksame Prinzip für diese Vervollkommnung sah er
darin, daß die unzweckmäßig gebauten im Kampf des Lebens zugrunde
gingen, während die lebensfähigen sich fortpflanzten. Es hat beinahe
zwei und ein halbes Jahrtausend gedauert, bis dieser einfache, von
~Empedokles~ bereits klar ausgesprochene Gedanke der Deszendenz und
der natürlichen Selektion der Organismen von ~Darwin~ empirisch
begründet und als natürliche Erklärung für die sonst so wunderbare
Mannigfaltigkeit der organischen Formen hingestellt worden ist.
Auch eine Anzahl von mehr oder weniger richtigen Vorstellungen über
einzelne spezielle physiologische Vorgänge finden sich bei den älteren
griechischen Philosophen. Aber diese zerstreuten Wahrheiten sind
mit so viel abenteuerlichen und rein willkürlich gebildeten Ideen
vermischt, daß sie den Wert, den sie zu haben scheinen, durch die
übrige Gesellschaft, in der sie sich befinden, wieder einbüßen. Ein
zusammenhängendes, systematisches Nachdenken oder Beobachten der
Lebensvorgänge ist vor ~Aristoteles~ nicht zu finden.
Von seiten der praktischen Medizin erfuhr die Erforschung des Lebens
selbst dann noch keine bedeutende Förderung, als ~Hippokrates~ (460–377
v. Chr.) die bisherige kritiklose Arzneikunde auf eine gesundere
Grundlage setzte.
Erst bei den Nachfolgern des ~Hippokrates~ sehen wir, wahrscheinlich
unter dem Einfluß der Philosophie ~Plato~s, eine physiologische Lehre
sich ausbreiten, die, bald weiter ausgebildet, die ganzen medizinischen
Vorstellungen jener Zeit beherrschte. Das ist +die Lehre vom πνεῦμα+,
in deren Grundgedanken man bereits den ersten Keim einer fundamentalen
physiologischen Wahrheit finden kann. Die Lehre vom πνεῦμα sagt, daß
das πνεῦμα, das wir uns als ein äußerst feines, luftartiges Agens
vorgestellt denken müssen, von den Lungen des Menschen angezogen werde,
daß es aus den Lungen in das Blut übergehe und durch das Blut im Körper
verteilt werde. Auf der Wirkung des πνεῦμα im Körper beruhen die
sämtlichen Lebensvorgänge. Diese Konzeption, die freilich mit allerlei
absurdem Beiwerk geschmückt ist, erinnert lebhaft an unsere modernen
Vorstellungen von der Rolle des Sauerstoffs im Organismus.
B. Das Zeitalter ~Galen~s.
In der älteren Pneumalehre der Hippokratiker, die besonders in der
alexandrinischen Schule eine Fortbildung durch ~Herophilus~ (um 300
v. Chr.) fand, sowie durch ~Erasistratus~ (gest. 280 v. Chr.), der
bereits ein πνεῦμα ζωτικὸν im Herzen und ein πνεῦμα φυχικὸν im Gehirn
unterschied, liegt die erste Andeutung eines +Erklärungsversuchs+ der
Lebensvorgänge. Es geht daraus hervor, daß das Problem der Physiologie,
die Lebensvorgänge zu erklären, schon mehr oder weniger deutlich zum
Bewußtsein zu kommen begann. Bisher waren nur gelegentlich einzelne
physiologische Tatsachen beobachtet oder physiologische Fragen
behandelt worden. Je deutlicher jetzt das Problem der Physiologie
sich zu gestalten anfing, um so mehr begann auch die Behandlung
physiologischer Fragen den Charakter methodischer Forschung anzunehmen.
Die Vorbedingungen dazu schaffte ~Aristoteles~ (384–322), der große
Polyhistor des Altertums, der ein unermeßliches Tatsachenmaterial
in seinem Kopfe zusammenfaßte. Die Bedeutung des ~Aristoteles~ für
die Physiologie liegt nicht in der +Erklärung+ der Lebensvorgänge
-- diese ist vielmehr oft unkritisch und tritt auch nicht in den
Vordergrund seiner Tätigkeit --, sondern in der +Sammlung+ einer
großen Menge physiologischer Beobachtungen, unter denen sich neben
vielen ausgezeichneten und scharfsinnigen Untersuchungen allerdings
auch manche irrtümliche Vorstellung findet, wie z. B. die Idee einer
Entstehung von Aalen und Fröschen durch Urzeugung aus Schlamm. Aber
diese Anhäufung des Beobachtungsmaterials ist die Grundlage für die
neue Entwicklungsphase, in welche die Geschichte der Physiologie nach
~Aristoteles~ tritt, und die charakterisiert ist durch die klare
Erkenntnis des physiologischen Problems und seiner unermeßlichen
Bedeutung für die praktische Medizin.
Nachdem ~Aristoteles~ durch sein systematisierendes Wirken für die
Naturwissenschaft eine breite empirische Basis geschaffen hatte,
gewann auch die Pneumalehre unter den späteren Pneumatikern, besonders
durch ~Athenaeus~ und ~Aretaeus~ (beide um 50 n. Chr.), eine weitere
Ausbreitung. Es liegt in der Natur der Pneumalehre, daß sie notwendig
zu dem Streben führen mußte, die Vorgänge des Lebens unter einem
einheitlichen Gesichtspunkt zusammenzufassen und zu erklären, und
so finden wir denn in der Tat gerade in dieser Zeit zum ersten Male
eine klare, bewußte Erkenntnis des physiologischen Problems und eine
methodische Zusammenfassung der physiologischen Beobachtungen. Der
Mann, der das Wesen und die Bedeutung der Physiologie zum ersten Male
deutlich erkannte, war ~Galenus~ (131 bis ca. 200 n. Chr.). ~Galen~
sah ein, daß eine praktische Medizin nicht gedeihen könne, wenn sie
sich nicht auf der genauesten Kenntnis der normalen Lebensvorgänge
des menschlichen Körpers aufbaut. Die Erforschung der Funktionen des
normalen Körpers sei die erste Vorbedingung einer Heilkunde. Dieser
praktische Zweck war es, der zum wichtigsten Hebel für die Entwicklung
der Physiologie wurde, und bis in das 18. Jahrhundert ist Physiologie
fast ausschließlich zu diesem Zwecke getrieben worden. Ferner erkannte
~Galen~ zuerst klar die Bedeutung der anatomischen Kenntnis des Körpers
für das Verständnis der Funktionen seiner Teile und legte großen
Wert auf die Zergliederung von Tieren, von denen er besonders Affen
und Schweine sezierte. Endlich wußte ~Galen~ bereits den Wert des
Experiments an Tieren für die Erforschung physiologischer Vorgänge zu
würdigen und führte selbst Vivisektionen an Affen und Schweinen aus,
wenn auch die experimentelle Methode unter ihm noch nicht jene exakte
Form annahm und jene grundlegende Bedeutung erlangte, die ihr erst
viele Jahrhunderte später ~Harvey~ zu geben verstand.
Es ist bei aller Anerkennung seiner unsterblichen Verdienste ~Galen~
mehrfach zum Vorwurf gemacht worden, daß er sich nicht damit begnügt
hat, physiologische Tatsachen zu sammeln, Beobachtungen zu machen,
Experimente anzustellen, sondern daß er das lebhafte Bedürfnis empfand,
das gesammelte Material zu einem geschlossenen und umfassenden
System der Physiologie zu vereinigen, wobei er der Hypothese und
philosophischen Spekulation einen Platz einräumte, den eine exakte
Untersuchung hätte ausfüllen sollen. Es kann nichts ungerechter sein
als dieser Vorwurf. Hätte ~Galen~ sich begnügt, unzusammenhängende
physiologische Tatsachen zu konstatieren, so wäre die Physiologie
und damit die ganze Medizin durch ihn um keinen Schritt weiter
gebracht worden, als sie bereits ~Aristoteles~ geführt hatte. Die
größte Bedeutung ~Galen~s liegt gerade in der Vereinigung der
physiologischen Einzelkenntnisse zu einem zusammenhängenden System.
Erst im Zusammenhange mit anderen Tatsachen gewinnt die einzelne
Beobachtung Wert, und erst der Ueberblick über den Zusammenhang der
Tatsachen ermöglicht ein methodisches Weiterforschen. Daß bei diesem
ersten Versuche, das physiologische Beobachtungsmaterial zu einem
einheitlichen Bilde vom Leben des menschlichen Körpers zu gestalten,
die Hypothese, ja, sogar manche für uns heute absurde Hypothese hier
und dort eine Zuflucht bieten mußte, liegt in der Natur der Sache. Der
einzige Fehler, an dem das System des ~Galen~ leidet, ist nicht der
zusammenhängende Kitt philosophischer Spekulation an sich, sondern der
eigentümliche Dualismus, zu dem sich ~Galen~ verleiten ließ, indem
er einerseits der aus seiner naturwissenschaftlichen Erfahrung sich
ergebenden strengen +Notwendigkeit+ des Geschehens und andererseits der
aus der ~Aristotel~ischen Philosophie übernommenen +Teleologie+ bei
der Erklärung der Lebensvorgänge +gleichzeitig+ eine Stelle einzuräumen
bestrebt war. Indessen man wird bei gerechter Würdigung der damaligen
Zeit, in der die ~Aristotel~ischen Ideen bereits angefangen hatten,
ihre mehr als tausendjährige Weltherrschaft auszuüben, dem ~Galen~ kaum
einen Vorwurf daraus machen, um so weniger, wenn man daran denkt, daß
die teleologische Vorstellung von einem Endzweck alles Geschehens noch
heutzutage hier und dort in der modernen Naturforschung umgeht.
Das System ~Galen~s basiert auf der Pneumalehre. Die Quelle aller
Lebensäußerungen des menschlichen Körpers, der sich aus den vier
Grundsäften des Blutes, des Schleimes, der gelben und der schwarzen
Galle zusammensetzt, bilden die drei verschiedenen Formen des Pneuma,
von denen das πνεῦμα ψυχικὸν im Gehirn und den Nerven, das πνεῦμα
ζωτικὸν im Herzen und das πνεῦμα φυσικὸν in der Leber seinen Sitz
hat. Diese drei Formen des Pneuma, die fortwährend durch die Aufnahme
des πνεῦμα ζωτικὸν aus der Luft regeneriert werden müssen, sind die
Triebfedern, welche die Funktionen der betreffenden Organe unterhalten.
Es gibt eine große Zahl von Funktionen des Körpers, aber sie lassen
sich je nach der entsprechenden Form des Pneuma in drei Gruppen
teilen, deren jede durch eine dem betreffenden Pneuma entsprechende
Kraft (δύναμις) ausgeübt wird. Die +psychischen+ Funktionen umfassen
Denken, Empfinden und willkürliche Bewegung, die +sphygmischen+
Funktionen Herzschlag, Puls und Wärmebildung, die +physischen+ endlich
die Ernährung, das Wachstum, die Sekretion, die Fortpflanzung und
die dazu in Beziehung stehenden Tätigkeiten. In der Leber wird das
Blut gebildet. Hier entspringen die Venen. Durch diese gelangt das
Blut in die rechte Herzkammer, wo die brauchbaren Teile von den
unbrauchbaren gesondert werden, indem die ersteren in die linke
Herzkammer transportiert, während die letzteren durch die Lungenarterie
zu den Lungen geführt werden. In den Lungen werden sie durch das
Pneuma wieder regeneriert und brauchbar gemacht. Es ist merkwürdig,
mit welcher divinatorischen Gabe ~Galen~ auf einen Bestandteil der
Luft als das Pneuma hingewiesen hat, dessen Natur er noch nicht
ahnen konnte. ~Galen~ spricht nämlich ganz deutlich die Vermutung
aus, daß es einmal gelingen würde, denjenigen Bestandteil in der
Luft zu isolieren, der das Pneuma bilde. Mehr als ein und ein halbes
Jahrtausend hat es gedauert, ehe ~Galen~s Vermutung durch ~Priestley~s
und ~Lavoisier~s Entdeckung des Sauerstoffs bestätigt wurde. Das durch
die Aufnahme des Pneuma in den Lungen wieder regenerierte Blut fließt
dann durch die Lungenvenen ins linke Herz, von wo es, mit dem übrigen
brauchbaren Blut vereinigt, durch die Aorta und ihre Verzweigungen im
ganzen Körper umhergetragen wird. Die Anschauungen ~Galen~s über das
Nervensystem sind ebenso interessant. Im Gehirn und Rückenmark liegt
der Ursprung der Empfindungs- und Bewegungstätigkeit der Nerven. Die
bewegenden Nerven treten in Wirksamkeit, indem sie wie Stricke an
den beweglichen Organen ziehen. In der speziellen Nervenphysiologie
untersuchte ~Galen~ experimentell den Zusammenhang des Nervus vagus
und der Zwischenrippennerven mit der Atmung und Herztätigkeit,
und machte Rückenmarksdurchschneidungen der Quere und Länge nach,
Versuche, die beweisen, wie tief er bereits in das Verständnis
der Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Organen des Körpers
eingedrungen sein mußte.
~Galen~s physiologisches System war für die damalige Zeit ein
monumentales Werk, und es ist sicherlich nicht allein der gänzlichen
Unfruchtbarkeit des Mittelalters auf wissenschaftlichem Gebiet
zuzuschreiben, daß die Anschauungen ~Galen~s dreizehn Jahrhunderte als
unantastbarer Kodex der Medizin bestehen blieben. Im ganzen Mittelalter
tat die physiologische Forschung nicht einen Schritt in der Entwicklung
vorwärts. Die Araber, welche die antike Kultur übernommen hatten,
waren zwar als Aerzte bedeutend, aber ein selbständiges Forschen,
ein philosophisches Denken verbot ihnen allein schon der Korân.
Selbst ~Avicenna~ (~Ibn Sîna~ [980–1037]), der berühmteste unter den
arabischen Aerzten, der auch philosophische Neigungen verriet, leistete
nichts Selbständiges. Sein System war mit geringen Aenderungen das des
~Galen~, dessen Ruhm er durch sein eigenes gewaltiges Ansehen in der
ganzen damaligen Kulturwelt verdunkelte. Auch die zahlreichen berühmten
medizinischen Schulen, die um diese Zeit in Italien, Frankreich und
Spanien entstanden, zogen zwar viele tüchtige Aerzte heran, führten
aber die ~Galen~schen Ideen um keinen Schritt weiter, abgesehen davon,
daß hier und dort eine vereinzelte physiologische Beobachtung gemacht
wurde. Dieser Zustand der Stagnation dauerte bis ins 16. Jahrhundert
hinein.