I. Das Problem der Physiologie.

Das frühe griechische Altertum verband mit dem Worte „φύσις“ den

Begriff aller lebendigen Natur, eine Bedeutung, die in reinster Form

noch in den Gesängen ~Homer~s zum Ausdruck kommt. Allein der mit dem

Worte verknüpfte Begriff hat seitdem mannigfache Wandlungen erfahren.

Schon frühzeitig wurde die ursprüngliche Bedeutung verallgemeinert,

und bereits die Blütezeit griechischer Bildung bezeichnete die

jonischen Philosophen, die ältesten Naturforscher Griechenlands,

als „φυσιόλογοι“, indem sie den Begriff φύσις auf die gesamte Natur

übertrug. Später, mit der Lostrennung der +Physik+ als eigener

Wissenschaft im jetzigen Sinne, ist der Begriff wieder enger gefaßt

worden, aber in anderer Weise, indem er speziell auf die unbelebte

Natur beschränkt wurde, so daß er jetzt grade die entgegengesetzte

Bedeutung trägt wie ursprünglich.

Faßt man den Begriff φύσις in seiner eigentlichen ursprünglichen

Bedeutung, so bringt der Name „+Physiologie+“ das Wesen der

Wissenschaft, die er bezeichnet, völlig zutreffend zum Ausdruck, und es

ist nicht nötig, ihn durch das neuere Wort „Biologie“ zu ersetzen, mit

dem heute sehr verschiedenartige Vorstellungen verbunden werden.

Die Physiologie ist demnach die Lehre von den Vorgängen in der

lebendigen Natur, und somit ist ihre Aufgabe „+die Erforschung des

Lebens+“.

Trotz der scheinbaren Einfachheit dieser Aufgabe arbeitet die

physiologische Forschung schon jahrhundertelang an ihrem Problem.

Indessen bedarf es nur einer oberflächlichen Ueberlegung, wenn man sich

die Schwierigkeiten klar machen will, die darin enthalten sind. Es

ist nur nötig, die Ausdrücke „Leben“ und „Erforschen“, die in dieser

Verbindung zunächst als bloße Worte erscheinen, mit Vorstellungsinhalt

zu füllen.

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Fassen wir zunächst das Objekt der Physiologie ins Auge, das „+Leben+“.

Der Unbefangene knüpft gewöhnlich an dieses Wort eine Summe von

Vorstellungen, die sich auf Aeußerungen sekundärer Natur beziehen, weil

er nur an die im täglichen Leben ihm fortwährend bemerkbaren weiteren

+Folgen+ der primären Lebensvorgänge denkt. Ihm ist der Begriff „Leben“

gefüllt mit verschiedenen Beschäftigungen, mit Arbeiten, mit Vergnügen,

mit Gehen, Fahren, Lesen, Sprechen, Essen, Trinken etc., von denen

je nach Beruf und Individualität des einzelnen die eine oder andere

Tätigkeit als wesentlicher Teil seines Lebens in den Vordergrund

tritt. Aber die ganze Fülle der verschiedenartigen Beschäftigungen

des täglichen Lebens stellt nur Kombinationen einiger weniger

einfacherer Lebensäußerungen vor. Suchen wir daher die Entwicklung des

Begriffs „Leben“ bis in die graue Urzeit zurück zu verfolgen, wo der

Mensch noch nichts ahnte von allen jenen Beschäftigungen, welche die

hochentwickelte Kultur im Gefolge hat, wo er eben erst anfing, über

sich und die ihn umgebende Welt nachzudenken, so gelangen wir zu dem

Ergebnis, daß der Begriff des Lebens nur aus der Zusammenfassung einer

Reihe von einfacheren Vorgängen entsprungen sein kann, die der Urmensch

durch Selbstbeobachtung fand, vor allem solcher Vorgänge, die mit

augenfälligen +Bewegungen+ verbunden sind, wie die Ortsbewegung, das

Atmen, die Ernährung, der Herzschlag und anderes mehr. In der Tat ist

es auch nicht schwer, die verwickelten Beschäftigungen unseres heutigen

Lebens in ihre einfacheren Bestandteile zu zerlegen, und zu erkennen,

daß die ganze Mannigfaltigkeit sich aufbaut aus der verschiedenen

Zusammensetzung einer geringen Zahl von einfacheren Lebensäußerungen,

wie Ernährung und Atmung, Wachstum und Fortpflanzung, Bewegung und

Wärmebildung etc. Wenn wir den Begriff Leben in dieser Weise als eine

Summe gewisser primärer Vorgänge fassen, würde die Physiologie also

die Aufgabe haben, diese einfachen Lebensvorgänge festzustellen, zu

untersuchen und zu erklären.

Wir müssen uns indessen erinnern, daß wir uns hierbei gemäß der

Entwicklung des Lebensbegriffs zunächst auf die Lebensäußerungen des

Menschen beschränkt haben, daß aber das Gebiet des Lebens ein weit

größeres ist. Tiere und Pflanzen zeigen ebenfalls Lebensäußerungen,

und es fragt sich, ob diese sich hier überall ebenso verhalten wie

beim Menschen, oder ob etwa einige fehlen, andere neu hinzukommen oder

abweichen. Es müssen also +alle+ lebendigen Organismen in den Kreis der

physiologischen Forschung hineingezogen werden, und die Blume und der

Wurm muß ebenso gut ihr Objekt sein wie der Mensch. Es ist daher die

erste Pflicht der Physiologie, das Gebiet des Lebendigen abzustecken

und festzustellen, was lebendig, was nicht lebendig ist. Allein dieses

Unternehmen ist schwieriger als es scheint.

Der Inhalt des Begriffs „Leben“ ist nicht zu allen Zeiten derselbe

gewesen. Er hat sich wesentlich im Laufe der Entwicklung des

Menschengeschlechts verändert. Schon früh ist der Begriff vom Menschen,

an dem er gebildet war, übertragen worden auf andere Dinge. Die

Urvölker haben den Begriff viel weiter gefaßt als wir, sie nannten

lebendig, was wir jetzt nicht mehr als belebt betrachten. Gestirne und

Feuer, Wind und Welle waren für sie belebte und beseelte Wesen und

wurden in anthropomorpher Weise personifiziert. Das zeigen uns noch die

heute lebenden primitiven Volksstämme, und den Rest davon finden wir in

der Mythologie der klassischen Völker und unseres eigenen Volkes. Im

Laufe der Kulturentwicklung hat man zwar immer schärfer unterschieden

zwischen lebendig und leblos, aber noch heute kann man beobachten, daß

ein Kind eine Dampfmaschine für ein lebendiges Tier hält. Das Kind

richtet sich dabei, mehr oder weniger bewußt, nach demselben Kriterium

wie die Urvölker, die das flackernde Feuer und die wogende Welle für

belebt hielten, nach dem Kriterium der Bewegung. Die Bewegung ist in

der Tat auch für den heutigen Menschen von allen Lebensäußerungen

diejenige, die am meisten den Eindruck des Lebendigen hervorruft.

Doch das sind primitive Völker und Kinder, wird man sagen. Der in

der Erfahrung des Lebens geschulte Kulturmensch wird im gegebenen

Fall stets mit Leichtigkeit entscheiden, ob lebendig oder ob leblos.

Indessen, auch das trifft durchaus nicht überall zu. Sind trockene

Samenkörner lebendig oder leblos? Ist eine Linse, die jahrelang

unverändert im Küchenschrank gelegen hat, lebendig? Die Naturforscher

sind selbst nicht immer in dieser Frage einig gewesen. Lebensäußerungen

zeigt sie nicht, aber sie kann jeden Augenblick dazu veranlaßt werden,

wenn sie in feuchte Erde gesteckt wird. Dann keimt sie und wächst und

entwickelt sich zur Pflanze.

Viel schwieriger noch wird aber die Entscheidung, ob lebendig oder

ob leblos, wenn es sich um Objekte handelt, die man nicht täglich im

Leben zu sehen gewöhnt ist, z. B. um gewisse mikroskopische Dinge.

Es bedarf häufig einer tagelangen Beobachtung und sehr eingehender

Untersuchungen, um zu entscheiden, ob in einer Flüssigkeit feinste

Teilchen, die man bei mikroskopischer Beobachtung findet, leben

oder nicht. Entnehmen wir einer Flasche Weißbier einen Tropfen des

Bodensatzes und betrachten wir ihn unter dem Mikroskop, so werden wir

finden, daß in der Flüssigkeit eine Unzahl kleiner, blasser Kügelchen

enthalten ist, häufig zu zweien und dreien aneinander hängend, die,

so lange man sie auch beobachtet, in vollkommener Ruhe verharren

und keine Spur von Bewegungen oder sonstigen Veränderungen zeigen.

Ganz ähnliche kleine Kügelchen beobachten wir unter dem Mikroskop in

einem Tropfen Milch. Beide Arten von Kügelchen sind nur bei stärkeren

Vergrößerungen von einander zu unterscheiden. Bei der geduldigsten

und andauerndsten Beobachtung unter dem Mikroskop läßt sich an

beiden keine Andeutung von Lebensäußerungen erkennen, und doch sind

beide Objekte so grundverschieden wie ein lebendiger Organismus von

einem leblosen Körper; denn die Kügelchen aus der Bierhefe sind

+Hefezellen+ (+Saccharomyces cerevisiae+), die Gärungserreger des

Bieres, vollständig entwickelte, einzellige, lebendige Organismen;

die Kügelchen aus der Milch dagegen sind leblose +Fetttröpfchen+, die

durch ihre massenhafte Anwesenheit der Milch infolge ihrer allseitigen

Reflexion des Lichtes die weiße Farbe geben. Als Gegenstück zu diesen

beiden Präparaten können wir ein drittes machen. In der Leibeshöhle

des Frosches liegen zu beiden Seiten der Wirbelsäule zwischen den

seitlichen Fortsätzen der Wirbel kleine, weißgelb erscheinende

Klümpchen. Nehmen wir mit dem Messer aus einem solchen Gebilde etwas

von seinem Inhalt heraus, tun wir es mit einem Wassertropfen auf einen

Objektträger und bedecken wir das Ganze mit einem Deckgläschen, so

sehen wir bei starker Vergrößerung mit dem Mikroskop eine große Menge

kleiner Körnchen und kurzer Stäbchen von verschiedener Größe, die sich

rastlos in zitternder und tanzender Bewegung ergehen, die kleineren

sehr lebhaft, die größeren langsamer. Jeder Unbefangene, der vor die

drei Präparate gestellt und gefragt wird, welches von den drei Objekten

er für lebendig hält und welches für leblos, bezeichnet unfehlbar

die Hefezellen und Fetttröpfchen für leblos, die tanzenden Körnchen

dagegen für lebendig, und doch sind letztere nichts weiter als kleine

+Kriställchen+, so leicht, daß sie durch äußerst feine Bewegungen der

Wasserteilchen, wie sie in jeder Flüssigkeit vorhanden sind, passiv in

zitternde Bewegung versetzt werden. Das Symptom der Bewegung, die man

auf eine innere „Ursache“ zurückzuführen geneigt ist, weil man keinen

äußeren Anlaß sieht, verführt hier zur Annahme des Lebens, und solche

Beispiele lassen sich in unbegrenzter Zahl finden.

Es ist also unter Umständen durchaus nicht leicht, Lebendiges von

Leblosem zu unterscheiden, und es ist demnach klar, daß es die +erste

Pflicht der Physiologie sein muß, die Kriterien für eine solche

Unterscheidung aufzusuchen, und ihr Forschungsobjekt, das Leben,

gegenüber den Vorgängen der leblosen Natur begrifflich zu begrenzen+.

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Nicht minder groß sind die Schwierigkeiten, auf die wir stoßen, wenn

wir uns den zweiten Begriff ansehen, der in der Aufgabe der Physiologie

steckt, das „+Erforschen+“. Was heißt Erforschen oder Erklären?

Ein Bedürfnis des Menschen, das mit fortschreitender Entwicklung

seines Geisteslebens immer deutlicher zum Ausdruck kommt, ist sein

Bedürfnis, die Inhaltsbestandteile seiner sinnlichen Wahrnehmungen

und weiterhin seiner Vorstellungen miteinander in Beziehung zu setzen

und gemeinschaftliche Momente aus ihnen herauszufinden. Ist es

gelungen, eine neue Beobachtung in lauter solche schon aus früheren

Beobachtungen und Vorstellungen bekannte Momente aufzulösen, so gilt

die neue Beobachtung vorläufig als erklärt. Jede +Erklärung+ stellt

also einen Reduktionsprozeß vor, insofern sie eine Mannigfaltigkeit

von zusammengesetzten Dingen durch Analyse auf eine geringere Zahl

von einfacheren Dingen zurückführt. Was für den einzelnen Fall gilt,

findet seine Anwendung auch auf die Gesamtheit aller Beobachtungen

und Vorstellungen, d. h. auf die Erklärung der Welt. Schließlich

entsteht aber die Frage, wie weit diese Zurückführung gelingt. Gibt es

letzte Elementarbestandteile der Dinge oder geht die Zurückführung ins

Grenzenlose fort?

Die Forschungen auf allen Gebieten der +leblosen+ Natur, besonders

in der Physik und Chemie, haben zu dem Bestreben geführt, alle

Vorgänge herzuleiten aus einem gemeinschaftlichen Prinzip. Zwar haben

die Ansichten über die zweckmäßigste Formulierung dieses Prinzips

in der Geschichte der Naturwissenschaften mehrfach geschwankt, und

gerade in neuester Zeit wieder haben lebhafte Erörterungen über die

Brauchbarkeit verschiedener Symbole für die Darstellung und Ableitung

der Naturvorgänge stattgefunden. Es handelt sich dabei aber lediglich

um Zweckmäßigkeitsfragen. So, wie man darüber streiten kann, ob es

zweckmäßiger erscheint, einen Gedanken mit lateinischen oder mit

deutschen Lettern schriftlich zum Ausdruck zu bringen, so kann man

verschiedener Ansicht sein über die praktische Brauchbarkeit oder

vielleicht auch über die Durchführbarkeit dieser oder jener Symbolik

für die Darstellung der Naturvorgänge. Gegenüber manchen neueren

Versuchen aber hat sich bis heute noch immer das am schärfsten von

~Kirchhoff~ formulierte sogenannte „+Masse-Raum-Zeit-System+“ im

Gebrauch erhalten, das die sämtlichen Naturvorgänge auffaßt als

Ausdruck der Veränderung kleinster Körper in Raum und Zeit, d. h. +der

Bewegung von distinkten kleinsten Massenteilchen+.

Hat die Physiologie die Aufgabe, das Zustandekommen der Lebensvorgänge

zu erklären, d. h. ihre Elementarvorgänge zu erforschen, so fragt

es sich daher, ob in der +lebendigen+ Natur ebenfalls alle Vorgänge

auf diese gleichen Elemente zurückgeführt werden können, oder ob es

notwendig wird, zur Erklärung der Lebensvorgänge zu einem anderen

Prinzip Zuflucht zu nehmen. +In der Beantwortung dieser Frage liegt

eine weitere Aufgabe der Physiologie.+

Weiter. Seit alters her hat man die große Kluft gefühlt, die zwischen

zwei Gruppen von Lebensäußerungen besteht, zwischen den körperlichen

und den geistigen. Es entsteht daher die Frage, in welchen Beziehungen

stehen die beiden Gruppen von Vorgängen zueinander? Sind die

Prinzipien, die wir für die Erforschung der körperlichen Lebensvorgänge

anwenden, auch gültig für die Erforschung der psychischen? Und wenn das

nicht der Fall ist, +können dann die psychischen Aeußerungen das Objekt

physiologischer Forschung bilden+?

Eine Fülle von Fragen also ist es, auf welche die Erforschung des

Lebens stößt, von Fragen, die bis in die dunkelsten Tiefen menschlicher

Erkenntnisfähigkeit hinabführen.

Allgemeine Physiologie · 第 42 / 283 题