Was die Menschheit von jedem Einzelgebiet des gesamten Kulturlebens
verlangt, ist ein von höher gelegenem Standpunkt aus gewonnener
Ueberblick über seine Ziele und Erfolge, gewissermaßen eine Landkarte,
die jeden Augenblick zur Orientierung dienen, die mit den Landkarten
anderer Gebiete harmonisch zu einem großen Gesamtbilde, zu einer
Weltanschauung, vereinigt werden kann.
Vor allem ist diese Forderung berechtigt gegenüber den
Naturwissenschaften, deren enorme Entwicklung das Kulturleben unserer
Zeit so mächtig beeinflußt hat.
Zwei gewaltige Bedürfnisse der Menschheit sind es, zu deren
Befriedigung beizutragen Zweck der Naturforschung ist: ein
+praktisches+, das Streben nach zweckmäßiger und angenehmer
Ausgestaltung der äußerlichen Lebensverhältnisse -- die hohe
Entwicklung der modernen Technik und Medizin legt Zeugnis ab für die
Leistungsfähigkeit der Naturforschung in dieser Hinsicht --, und ein
+theoretisches+, das mit der Höhe der Kultur gesteigerte Streben nach
einer widerspruchslosen Welt- und harmonischen Lebensauffassung. Beide
sind mächtig, wenn auch verschieden je nach der Persönlichkeit des
einzelnen Menschen. Die Menschheit darf von der Naturwissenschaft
verlangen, daß sie diesen Zweck nie aus dem Auge verliert und daß sie
ihre Stellung zu den übrigen Seiten des menschlichen Lebens nicht
verkennt, eine Gefahr, die bei der ungeheuren Ausdehnung, die auch
die speziellsten Spezialgebiete innerhalb der Naturwissenschaften
angenommen haben, gerade jetzt bedenklich wächst.
+Einseitige+ Spezialforschung verfällt stets in diesen Fehler. Sie
führt weit ab in unfruchtbare Gefilde, verliert selbst mit den
Nachbargebieten mehr und mehr die Fühlung und wird schließlich unfähig,
an den allgemeinen Aufgaben der Wissenschaft mitzuarbeiten. Es bedarf
wohl nicht der Erwähnung, daß es verkehrt wäre, alle Spezialforschung
zu verwerfen. +Gesunde+ Spezialforschung ist gerade ein Hauptfaktor
für den Fortschritt der Wissenschaft, denn ohne Spezialuntersuchungen
gewinnt man keine allgemeineren Erkenntnisse. Aber es ist ein
Unterschied, ob man spezielle Untersuchungen ausführt, um dadurch ein
Problem lösen zu helfen, das einem praktischen oder theoretischen
Bedürfnis des Lebens entgegenkommt, oder ob man Spezialarbeiten
macht, die einem der Zufall oder irgend welcher äußerliche Umstand in
die Hände spielt, um zu sehen, ob und was dabei herauskommen wird.
Das erste ist +wissenschaftliche Forschung+, das zweite lediglich
+Zeitvertreib+. +Die einseitige+ Spezialforschung trägt keinem der
großen Bedürfnisse des Menschen Rechnung und bringt die Wissenschaft
schließlich auf den wenig neideswerten Standpunkt des Famulus Wagner.
Es ist ein unbedingtes Erfordernis für den Fortschritt einer
Wissenschaft, daß die Spezialarbeit das allgemeine Ziel, die große
Aufgabe fest im Auge behält, damit eine planmäßige, methodische
Forschung entsteht. Das ist nur möglich, wenn der Forscher einen
Ueberblick über das Gesamtgebiet besitzt, eine Landkarte, auf der die
kleinen unbedeutenden Gegenstände verschwinden, auf der in großen
Zügen nur die wichtigen und bedeutungsvollen Tatsachen, Anschauungen,
Probleme zu einem übersichtlichen Bilde zusammentreten.
Eine solche Uebersicht über die Ziele und Wege und Errungenschaften
braucht aber nicht allein der einzelne Forscher, eine solche
Uebersicht, nicht eine Summe von zusammenhangslosen Einzeltatsachen,
verlangt jeder Gebildete, um für sich aus der Wissenschaft
herauszufinden, was er für die praktischen oder theoretischen
Bedürfnisse seines Lebens verwerten kann, denn die +Wissenschaft ist
dem Leben dienstbar, nicht das Leben der Wissenschaft+.