Achtzehntes Kapitel

Nun gleitete der Kahn, beschienen von heißer Mittagssonne, den Fluß

hinab, gelinde Lüfte kühlten den erwärmten äther, sanfte Ufer zu

beiden Seiten gewährten einen zwar einfachen, doch behäglichen

Anblick. Das Kornfeld näherte sich dem Strome, und ein guter Boden

trat so nah heran, daß ein rauschendes Wasser, auf irgendeine Stelle

sich hinwerfend, das lockere Erdreich gewaltig angegriffen,

fortgerissen und steile Abhänge von bedeutender Höhe sich gebildet

hatten.

Ganz oben auf dem schroffen Rande einer solchen Steile, wo sonst der

Leinpfad mochte hergegangen sein, sah der Freund einen jungen Mann

herantraben, gut gebaut, von kräftiger Gestalt. Kaum aber wollte man

ihn schärfer ins Auge fassen, als der dort überhangende Rasen

losbricht und jener Unglückliche jählings, Pferd über, Mann unter,

ins Wasser stürzt. Hier war nicht Zeit zu denken, wie und warum, die

Schiffer fuhren pfeilschnell dem Strudel zu und hatten im Augenblick

die schöne Beute gefaßt. Entseelt scheinend lag der holde Jüngling

im Schiffe, und nach kurzer überlegung fuhren die gewandten Männer

einem Kiesweidicht zu, das sich mitten im Fluß gebildet hatte.

Landen, den Körper ans Ufer heben, ausziehen und abtrocknen war eins.

Noch aber kein Zeichen des Lebens zu bemerken, die holde Blume

hingesenkt in ihren Armen!

Wilhelm griff sogleich nach der Lanzette, die Ader des Arms zu

öffnen; das Blut sprang reichlich hervor, und mit der schlängelnd

anspielenden Welle vermischt, folgte es gekreiseltem Strome nach.

Das Leben kehrte wieder; kaum hatte der liebevolle Wundarzt nur Zeit,

die Binde zu befestigen, als der Jüngling sich schon mutvoll auf

seine Füße stellte, Wilhelmen scharf ansah und rief: "Wenn ich leben

soll, so sei es mit dir!" Mit diesen Worten fiel er dem erkennenden

und erkannten Rettet um den Hals und weinte bitterlich. So standen

sie fest umschlungen, wie Kastor und Pollux, Brüder, die sich auf dem

Wechselwege vom Orkus zum Licht begegnen.

Man bat ihn, sich zu beruhigen. Die wackern Männer hatten schon ein

bequemes Lager, halb sonnig, halb schattig, unter leichten Büschen

und Zweigen bereitet; hier lag er nun auf den väterlichen Mantel

hingestreckt, der holdeste Jüngling; braune Locken, schnell

getrocknet, rollten sich schon wieder auf, er lächelte beruhigt und

schlief ein. Mit Gefallen sah unser Freund auf ihn herab, indem er

ihn zudeckte.--"Wirst du doch immer aufs neue hervorgebracht,

herrlich Ebenbild Gottes!" rief er aus, "und wirst sogleich wieder

beschädigt, verletzt von innen oder von außen."--Der Mantel fiel über

ihn her, eine gemäßigte Sonnenglut durchwärmte die Glieder sanft und

innigst, seine Wangen röteten sich gesund, er schien schon völlig

wiederhergestellt.

Die tätigen Männer, einer guten geglückten Handlung und des zu

erwartenden reichlichen Lohns zum voraus sich erfreuend, hatten auf

dem heißen Kies die Kleider des Jünglings schon so gut als getrocknet,

um ihn beim Erwachen sogleich wieder in den gesellig anständigsten

Zustand zu versetzen.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 23 / 24 题