Aus Makariens Archiv

Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht offenbaren;

es gibt Steine des Anstoßes, über die ein jeder Wanderer stolpern muß.

Der Poet aber deutet auf die Stelle hin.

Es wäre nicht der Mühe wert, siebzig Jahre alt zu werden, wenn alle

Weisheit der Welt Torheit wäre vor Gott.

Das Wahre ist gottähnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir

müssen es aus seinen Manifestationen erraten.

Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln

und nähert sich dem Meister.

Aber die Menschen vermögen nicht leicht aus dem Bekannten das

Unbekannte zu entwickeln; denn sie wissen nicht, daß ihr Verstand

ebensolche Künste wie die Natur treibt.

Denn die Götter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch wissen

wir nur, was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen.

Alles ist gleich, alles ungleich, alles nützlich und schädlich,

sprechend und stumm, vernünftig und unvernünftig. Und was man von

einzelnen Dingen bekennt, widerspricht sich öfters.

Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne zu

wissen, über was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle Götter

geordnet.

Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen, es mag

recht oder unrecht sein; was aber die Götter setzen, das ist immer am

Platz, recht oder unrecht.

Ich aber will zeigen, daß die bekannten Künste der Menschen

natürlichen Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheim

vorgehen.

Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennet aus dem Offenbaren

das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Toten

das Lebendige, und den Sinn des Sinnlosen.

So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des Menschen; und

der Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an, und jeder ahmt sie

nach seiner Weise nach.

Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe entsteht,

so wird aus etwas Bekanntem ein Unbekanntes. Dagegen wenn der dunkle

Geist des Knaben die deutlichen Dinge in sich aufnimmt, so wird er

zum Mann und lernt aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige erkennen.

Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu vergleichen,

und doch ist auch das bloß Lebende verständig. So weiß der Magen

recht gut, wenn er hungert und durstet.

So verhält sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur. Und beide

sind dem Einsichtsvollen immer recht; dem Beschränkten aber

erscheinen sie bald so, bald so.

In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man das Feuer anbläst

und dem Stabe seine überflüssige Nahrung nimmt; ist er aber rein

geworden, dann schlägt man ihn und zwingt ihn, und durch die Nahrung

eines fremden Wassers wird er wieder stark. Das widerfährt auch dem

Menschen von seinem Lehrer.

Da wir überzeugt sind, daß derjenige, der die intellektuelle Weit

beschaut und des wahrhaften Intellekts Schönheit gewahr wird, auch

wohl ihren Vater, der über allen Sinn erhaben ist, bemerken könne, so

versuchen wir denn nach Kräften einzusehen und für uns selbst

auszudrücken--insofern sich dergleichen deutlich machen läßt--, auf

welche Weise wir die Schönheit des Geistes und der Welt anzuschauen

vermögen.

Nehmet an daher: zwei steinerne Massen seien nebeneinandergestellt,

deren eine roh und ohne künstliche Bearbeitung geblieben, die andere

aber durch die Kunst zur Statue, einer menschlichen oder göttlichen,

ausgebildet worden. Wäre es eine göttliche, so möchte sie eine

Grazie oder Muse vorstellen, wäre es eine menschliche, so dürfte es

nicht ein besonderer Mensch sein, vielmehr irgendeiner, den die Kunst

aus allem Schönen versammelte.

Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schönen Gestalt

gebracht worden, alsobald schön erscheinen; doch nicht weil er Stein

ist, denn sonst würde die andere Masse gleichfalls für schön gelten,

sondern daher, daß er eine Gestalt hat, welche die Kunst ihm erteilte.

Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sondern diese war

in dem Ersinnenden früher, als sie zum Stein gelangte. Sie war

jedoch in dem Künstler nicht weil er Augen und Hände hatte, sondern

weil er mit der Kunst begabt war.

Also war in der Kunst noch eine weit größere Schönheit; denn nicht

die Gestalt, die in der Kunst ruhet, gelangt in den Stein, sondern

dorten bleibt sie und es gehet indessen eine andere, geringere hervor,

die nicht rein in sich selbst verharret, noch auch wie sie der

Künstler wünschte, sondern insofern der Stoff der Kunst gehorchte.

Wenn aber die Kunst dasjenige, was sie ist und besitzt, auch

hervorbringt und das Schöne nach der Vernunft hervorbringt, nach

welcher sie immer handelt, so ist sie fürwahr diejenige, die mehr und

wahrer eine größere und trefflichere Schönheit der Kunst besitzt,

vollkommener als alles, was nach außen hervortritt.

Denn indem die Form, in die Materie hervorschreitend, schon

ausgedehnt wird, so wird sie schwächer als jene, welche in Einem

verharret. Denn was in sich eine Entfernung erduldet, tritt von sich

selbst weg: Stärke von Stärke, Wärme von Wärme, Kraft von Kraft; so

auch Schönheit von Schönheit. Daher muß das Wirkende trefflicher sein

als das Gewirkte. Denn nicht die Unmusik macht den Musiker, sondern

die Musik, und die übersinnliche Musik bringt die Musik in sinnlichem

Ton hervor.

Wollte aber jemand die Künste verachten, weil sie der Natur

nachahmen, so läßt sich darauf antworten, daß die Naturen auch

manches andere nachahmen; daß ferner die Künste nicht das geradezu

nachahmen, was man mit Augen siehet, sondern auf jenes Vernünftige

zurückgehen, aus welchem die Natur bestehet und wornach sie handelt.

Ferner bringen auch die Künste vieles aus sich selbst hervor und

fügen anderseits manches hinzu, was der Vollkommenheit abgehet, indem

sie die Schönheit in sich selbst haben. So konnte Phidias den Gott

bilden, ob er gleich nichts sinnlich Erblickliches nachahmte, sondern

sich einen solchen in den Sinn faßte, wie Zeus selbst erscheinen

würde, wenn er unsern Augen begegnen möchte.

Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht verargen, wenn

sie so lebhaft auf Beherzigung des einen dringen, woher alles

entspringt und worauf alles wieder zurückzuführen wäre. Denn

freilich ist das belebende und ordnende Prinzip in der Erscheinung

dergestalt bedrängt, daß es sich kaum zu retten weiß. Allein wir

verkürzen uns an der andern Seite wieder, wenn wir das Formende und

die höhere Form selbst in eine vor unserm äußern und innern Sinn

verschwindende Einheit zurückdrängen.

Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen; diese

beiden allgemeinen Formen sind es, in welchen sich alle übrigen

Formen, besonders die sinnlichen, offenbaren. Eine geistige Form

wird aber keineswegs verkürzt, wenn sie in der Erscheinung hervortritt,

vorausgesetzt daß ihr Hervortreten eine wahre Zeugung, eine wahre

Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als das Zeugende,

ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, daß das Gezeugte

vortrefflicher sein kann als das Zeugende.

Dieses weiter auszuführen und vollkommen anschaulich, ja, was mehr

ist, durchaus praktisch zu machen, würde von wichtigem Belang sein.

Eine umständliche folgerechte Ausführung aber möchte den Hörern

übergroße Aufmerksamkeit zumuten.

Was einem angehört, wird man nicht los, und wenn man es wegwürfe.

Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn gibt ein Zeugnis,

daß der Mensch, er gebärde sich, wie er wolle, und so auch ganze

Nationen immer wieder zum Angebornen zurückkehren. Und wie wollte

das anders sein, da ja dieses seine Natur und Lebensweise bestimmt.

Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und den Uranfängen

etwas mehr Geist und Leben zuerkannt; sie haben sich vom Sensualismus

losgemacht und den Tiefen der menschlichen Natur eine Entwickelung

aus sich selbst eingestanden, sie lassen in ihr eine produktive Kraft

gelten und suchen nicht alle Kunst aus Nachahmung eines

gewahrgewordenen äußern zu erklären. In solchen Richtungen mögen sie

beharren.

Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben, wohl aber

eklektische Philosophen.

Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt, aus

dem, was sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was seiner

Natur gemäß ist; und in diesem Sinne gilt alles, was Bildung und

Fortschreitung heißt, theoretisch oder praktisch genommen.

Zwei eklektische Philosophen könnten demnach die größten Widersacher

werden, wenn sie, antagonistisch geboren, jeder von seiner Seite sich

aus allen überlieferten Philosophien dasjenige aneignete, was ihm

gemäß wäre. Sehe man doch nur um sich her, so wird man immer finden,

daß jeder Mensch auf diese Weise verfährt und deshalb nicht begreift,

warum er andere nicht zu seiner Meinung bekehren kann.

Sogar ist es selten, daß jemand im höchsten Alter sich selbst

historisch wird und daß ihm die Mitlebenden historisch werden, so daß

er mit niemanden mehr kontrovertieren mag noch kann.

Besieht man es genauer, so findet sich, daß dem Geschichtschreiber

selbst die Geschichte nicht leicht historisch wird: denn der

jedesmalige Schreiber schreibt immer nur so, als wenn er damals

selbst dabei gewesen wäre; nicht aber was vormals und damals bewegte.

Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr oder weniger auf die

Beschränktheit, auf die Eigenheiten seiner Stadt, seines Klosters wie

seines Zeitalters.

Verschiedene Sprüche der Alten, die man sich öfters zu wiederholen

pflegt, hatten eine ganz andere Bedeutung, als man ihnen in späteren

Zeiten geben möchte.

Das Wort: es solle kein mit der Geometrie Unbekannter, der Geometrie

Fremder in die Schule des Philosophen treten, heißt nicht etwa, man

solle ein Mathematiker sein, um ein Weltweiser zu werden.

Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wie sie uns im

Euklid vorliegt und wie wir sie einen jeden Anfänger beginnen lassen.

Alsdann aber ist sie die vollkommenste Vorbereitung, ja Einleitung

in die Philosophie.

Wenn der Knabe zu begreifen anfängt, daß einem sichtbaren Punkte ein

unsichtbarer vorhergehen müsse, daß der nächste Weg zwischen zwei

Punkten schon als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem Bleistift aufs

Papier gezogen wird, so fühlt er einen gewissen Stolz, ein Behagen.

Und nicht mit Unrecht; denn ihm ist die Quelle alles Denkens

aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia et actu, ist ihm

klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues, dem Geometer

war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen.

Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, so

müssen wir es nicht im aszetischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs

die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen, Humoristen und

Heautontimorumenen damit gemeint; sondern es heißt ganz einfach: Gib

einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz von dir selbst, damit du

gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt zu stehen

kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen Quälereien; jeder

tüchtige Mensch weiß und erfährt, was es heißen soll; es ist ein

guter Rat, der einem jeden praktisch zum größten Vorteil gedeiht.

Man denke sich das Große der Alten, vorzüglich der sokratischen

Schule, daß sie Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor

Augen stellt, nicht zu leerer Spekulation, sondern zu Leben und Tat

auffordert.

Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist, das

Studium der griechischen und lateinischen Sprache fördert, so können

wir uns Glück wünschen, daß diese zu einer höheren Kultur so nötigen

Studien niemals rückgängig werden.

Wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen und es ernstlich in der

Absicht anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die

Empfindung, als ob wir erst eigentlich zu Menschen würden.

Der Schulmann, indem er Lateinisch zu schreiben und zu sprechen

versucht, kommt sich höher und vornehmer vor, als er sich in seinem

Alltagsleben dünken darf.

Der für dichterische und bildnerische Schöpfungen empfängliche Geist

fühlt sich dem Altertum gegenüber in den anmutigst-ideellen

Naturzustand versetzt; und noch auf den heutigen Tag haben die

homerischen Gesänge die Kraft, uns wenigstens für Augenblicke von der

furchtbaren Last zu befreien, welche die überlieferung von mehrern

tausend Jahren auf uns gewälzt hat.

Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit dieser

ganz einfach einigermaßen über sich selbst aufgeklärt würde, so

traten Plato und Aristoteles gleichfalls als befugte Individuen vor

die Natur; der eine mit Geist und Gemüt, sich ihr anzueignen, der

andere mit Forscherblick und Methode, sie für sich zu gewinnen. Und

so ist denn auch jede Annäherung, die sich uns im ganzen und

einzelnen an diese dreie möglich macht, das Ereignis, was wir am

freudigsten empfinden und was unsere Bildung zu befördern sich

jederzeit kräftig erweist.

Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und

Verwickelung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten,

muß man sich immer die Frage vorlegen: Wie würde sich Plato gegen die

Natur, wie sie uns jetzt in ihrer größeren Mannigfaltigkeit, bei

aller gründlichen Einheit, erscheinen mag, benommen haben?

Denn wir glauben überzeugt zu sein, daß wir auf demselben Wege bis

zu den letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen und

von diesem Grund aus die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und nach

aufbauen und befestigen können. Wie uns hiebei die Tätigkeit des

Zeitalters fördert und hindert, ist freilich eine Untersuchung, die

wir jeden Tag anstellen müssen, wenn wir nicht das Nützliche abweisen

und das Schädliche aufnehmen wollen.

Man rühmt das achtzehnte Jahrhundert, daß es sich hauptsächlich mit

Analyse abgegeben; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe: die

falschen obwaltenden Synthesen zu entdecken und deren Inhalt aufs

neue zu analysieren.

Es gibt nur zwei wahre Religionen, die eine, die das Heilige, das in

und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schönsten

Form anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischen liegt, ist

Götzendienst.

Es ist nicht zu leugnen, daß der Geist sich durch die Reformation zu

befreien suchte; die Aufklärung über griechisches und römisches

Altertum brachte den Wunsch, die Sehnsucht nach einem freieren,

anständigeren und geschmackvolleren Leben hervor.

Sie wurde aber nicht wenig dadurch begünstigt, daß das Herz in einen

gewissen einfachen Naturstand zurückzukehren und die Einbildungskraft

sich zu konzentrieren trachtete.

Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und von

einer göttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken, Gemüt

auf den Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden

gerichtet, welcher später als Halbgott verklärt, als wirklicher Gott

anerkannt und verehrt wurde.

Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schöpfer das Weltall

ausgebreitet hatte; von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine

Leiden eignete man sich als Beispiel zu, und seine Verklärung war das

Pfand für eine ewige Dauer.

So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischst, so erfrischst das

Gebet die Hoffnungen des Herzens.

Ich bin überzeugt, daß die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie

versteht, d. h. je mehr man einsieht und anschaut, daß jedes Wort,

das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden, nach

gewissen Umständen, nach Zeit--und Ortsverhältnissen einen eigenen,

besondern, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat.

Genau besehen haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und gegen

andere zu protestieren, wenn auch nicht in religiösem Sinne.

Wir haben das unabweichliche, täglich zu erneuernde, grundernstliche

Bestreben: das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, Gedachten,

Erfahrenen, Imaginierten, Vernünftigen möglichst unmittelbar

zusammentreffend zu erfassen.

Jeder prüfe sich, und er wird finden, daß dies viel schwerer sei,

als man denken möchte; denn leider sind dem Menschen die Worte

gewöhnlich Surrogate; er denkt und weiß es meistenteils besser, als

er sich ausspricht.

Verharren wir aber in dem Bestreben: das Falsche, Ungehörige,

Unzulängliche, was sich in uns und andern entwickeln oder

einschleichen könnte, durch Klarheit und Redlichkeit auf das

möglichste zu beseitigen.

Mit den Jahren steigern sich die Prüfungen.

Wo ich aufhören muß, sittlich zu sein, habe ich keine Gewalt mehr.

Zensur und Preßfreiheit werden immerfort miteinander kämpfen.

Zensur fordert und übt der Mächtige, Preßfreiheit verlangt der

Mindere. Jener will weder in seinen Planen noch seiner Tätigkeit

durch vorlautes widersprechendes Wesen gehindert, sondern gehorcht

sein; jene wollten ihre Gründe aussprechen, den Ungehorsam zu

legitimieren. Dieses wird man überall geltend finden.

Doch muß man auch hier bemerken, daß der Schwächere der leidende

Teil, gleichfalls auf seine Weise die Preßfreiheit zu unterdrücken

sucht, und zwar in dem Falle, wenn er konspiriert und nicht verraten

sein will.

Man wird nie betrogen, man betriegt sich selbst.

Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wie Kindheit sich zu

Kind verhält, so das Verhältnis Volkheit zum Volke ausdrückt. Der

Erzieher muß die Kindheit hören, nicht das Kind. Der Gesetzgeber und

Regent die Volkheit, nicht das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus,

ist vernünftig, beständig, rein und wahr. Dieses weiß niemals für

lauter Wollen, was es will. Und in diesem Sinne soll und kann das

Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein, ein

Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verständige

vernimmt und den der Vernünftige zu befriedigen weiß und der Gute gern

befriedigt.

Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nicht--wir

regieren. Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum

bekümmern wir uns nicht--wir hüten uns nur, daß es nicht in

Versuchung komme, es zu tun.

Wenn man den Tod abschaffen könnte, dagegen hätten wir nichts; die

Todesstrafen abzuschaffen, wird schwerhalten. Geschieht es, so rufen

wir sie gelegentlich wieder zurück.

Wenn sich die Sozietät des Rechtes begibt, die Todesstrafe zu

verfügen, so tritt die Selbsthülfe unmittelbar wieder hervor, die

Blutrache klopft an die Türe.

Alle Gesetze sind von Alten und Männern gemacht. Junge und Weiber

wollen die Ausnahme, Alte die Regel.

Der Verständige regiert nicht, aber der Verstand; nicht der

Vernünftige, sondern die Vernunft.

Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich.

Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht

genug, zu wollen, man muß auch tun.

Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft.

Beide gehören, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an und können

nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in

steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig und bekannt

ist, gefördert werden.

Wissenschaften entfernen sich im ganzen immer vom Leben und kehren

nur durch einen Umweg wieder dahin zurück.

Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die

äußern und innern Erfahrungen ins allgemeine, in einen Zusammenhang.

Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern Welt,

in der wissenschaftlichen, erregt, denn daß man auch die übrige Welt

dazu beruft und ihr davon Notiz gibt, wie es in der neuern Zeit

geschieht, ist ein Mißbrauch und bringt mehr Schaden als Nutzen.

Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die

äußere Welt wirken: denn eigentlich sind sie alle esoterisch und

können nur durch Verbessern irgendeines Tuns exoterisch werden. Alle

übrige Teilnahme führt zu nichts.

Die Wissenschaften, auch in ihrem innern Kreise betrachtet, werden

mit augenblicklichem, jedesmaligem Interesse behandelt. Ein starker

Anstoß, besonders von etwas Neuem und Unerhörtem oder wenigstens

mächtig Gefördertem, erregt eine allgemeine Teilnahme, die jahrelang

dauern kann und die besonders in den letzten Zeiten sehr fruchtbar

geworden ist.

Ein bedeutendes Faktum, ein geniales Apercu beschäftigt eine sehr

große Anzahl Menschen, erst nur um es zu kennen, dann um es zu

erkennen, dann es zu bearbeiten und weiterzuführen.

Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung, was

sie nutze, und sie hat nicht unrecht; denn sie kann bloß durch den

Nutzen den Wert einer Sache gewahr werden.

Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte in sich selbst

und zu andern Dingen, unbekümmert um den Nutzen, d. h. um die

Anwendung auf das Bekannte und zum Leben Notwendige, welche ganz

andere Geister, scharfsinnige, lebenslustige, technisch geübte und

gewandte, schon finden werden.

Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so geschwind

als möglich für sich einigen Vorteil zu ziehen, indem sie einen

eitlen Ruhm, bald in Fortpflanzung, bald in Vermehrung, bald in

Verbesserung, geschwinder Besitznahme, vielleicht gar durch

Präokkupation, zu erwerben suchen und durch solche Unreifheiten die

wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja ihre schönste

Folge, die praktische Blüte derselben, offenbar verkümmern.

Das schädlichste Vorurteil ist, daß irgendeine Art Naturuntersuchung

mit dem Bann belegt werden könne.

Jeder Forscher muß sich durchaus ansehen als einer, der zu einer

Jury berufen ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der Vortrag

vollständig sei und durch klare Belege auseinandergesetzt. Er faßt

hiernach seine überzeugung zusammen und gibt seine Stimme, es sei nun,

daß seine Meinung mit der des Referenten übereintreffe oder nicht.

Dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majorität beistimmt,

als wenn er sich in der Minorität befindet; denn er hat das Seinige

getan, er hat seine überzeugung ausgesprochen, er ist nicht Herr über

die Geister noch über die Gemüter.

In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen niemals

gelten wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen

angesehen; und weil sehr wenige Menschen eigentlich selbstständig

sind, so zieht die Menge den Einzelnen nach sich.

Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der Religion,

alles zeigt, daß die Meinungen massenweis sich verbreiten, immer aber

diejenige den Vorrang gewinnt, welche faßlicher, d. h. dem

menschlichen Geiste in seinem gemeinen Zustande gemäß und bequem ist.

Ja derjenige, der sich in höherem Sinne ausgebildet, kann immer

voraussetzen, daß er die Majorität gegen sich habe.

Wäre die Natur in ihren leblosen Anfängen nicht so gründlich

stereometrisch, wie wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und

unermeßlichen Leben gelangen?

Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne

bedient, ist der größte und genaueste physikalische Apparat, den es

geben kann; und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik, daß

man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß

in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja,

was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will.

Ebenso ist es mit dem Berechnen.--Es ist vieles wahr, was sich nicht

berechnen läßt, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum

entschiedenen Experiment bringen läßt.

Dafür steht ja aber der Mensch so hoch, daß sich das sonst

Undarstellbare in ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und alle

mechanische Teilung derselben gegen das Ohr des Musikers? Ja man

kann sagen: was sind die elementaren Erscheinungen der Natur selbst

gegen den Menschen, der sie alle erst bändigen und modifizieren muß,

um sie sich einigermaßen assimilieren zu können.

Es ist von einem Experiment zu viel gefordert, wenn es alles leisten

soll. Konnte man doch die Elektrizität erst nur durch Reiben

darstellen, deren höchste Erscheinung jetzt durch bloße Berührung

hervorgebracht wird.

Wie man der französischen Sprache niemals den Vorzug streitig machen

wird, als ausgebildete Hof--und Weltsprache sich immer mehr aus--und

fortbildend zu wirken, so wird es niemand einfallen, das Verdienst

der Mathematiker gering zu schätzen, welches sie, in ihrer Sprache,

die wichtigsten Angelegenheiten verhandelnd, sich um die Welt

erwerben, indem sie alles, was der Zahl und dem Maß im höchsten Sinne

unterworfen ist, zu regeln, zu bestimmen und zu entscheiden wissen.

Jeder Denkende, der seinen Kalender ansieht, nach seiner Uhr blickt,

wird sich erinnern, wem er diese Wohltaten schuldig ist. Wenn man

sie aber auch auf ehrfurchtsvolle Weise in Zeit und Raum gewähren

läßt, so werden sie erkennen, daß wir etwas gewahr werden, was weit

darüber hinausgeht, welches allen angehört und ohne welches sie selbst

weder tun noch wirken könnten: Idee und Liebe.

Wer weiß etwas von Elektrizität, sagte ein heiterer Naturforscher,

als wenn er im Finstern eine Katze streichelt oder Blitz und Donner

neben ihm niederleuchten und rasseln? Wie viel und wie wenig weiß er

alsdann davon?

Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten

Wünschelrute bedienen; wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem

verborgen.

In den großen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er

auch einen heitern Einfall. Als Kant sorgfältig bewiesen hatte, daß

die beiden genannten Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet

hätten, was nur in diesen Räumen zu finden gewesen von Materie, sagte

jener scherzhaft, nach seiner Art: Warum sollte es nicht auch

unsichtbare Welten geben? Und hat er nicht vollkommen wahr

gesprochen? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt

unsichtbar, außer den wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und

Rechnung glauben müssen?

Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.

Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des Erscheinens

dergestalt obruiert, daß sie das Eine Urbedingende nicht gewahren

können.

"Wenn Reisende ein sehr großes Ergetzen auf ihren Bergklettereien

empfinden, so ist für mich etwas Barbarisches, ja Gottloses in dieser

Leidenschaft; Berge geben uns wohl den Begriff von Naturgewalt, nicht

aber von Wohltätigkeit der Vorsehung. Zu welchem Gebrauch sind sie

wohl dem Menschen? Unternimmt er, dort zu wohnen, so wird im Winter

eine Schneelawine, im Sommer ein Bergrutsch sein Haus begraben oder

fortschieben; seine Herden schwemmt der Gießbach weg, seine

Kornscheuern die Windstürme. Macht er sich auf den Weg, so ist jeder

Aufstieg die Qual des Sisyphus, jeder Niederstieg der Sturz Vulkans;

sein Pfad ist täglich von Steinen verschüttet, der Gießbach unwegsam

für Schiffahrt; finden auch seine Zwergherden notdürftige Nahrung

oder sammelt er sie ihnen kärglich, entweder die Elemente entreißen

sie ihm oder wilde Bestien. Er führt ein einsam kümmerlich

Pflanzenleben, wie das Moos auf einem Grabstein, ohne Bequemlichkeit

und ohne Gesellschaft. Und diese Zickzackkämme, diese widerwärtigen

Felsenwände, diese ungestalteten Granitpyramiden, welche die

schönsten Weltbreiten mit den Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie

sollte sich ein wohlwollender Mann daran gefallen und ein

Menschenfreund sie preisen!"

Auf diese heitere Paradoxie eines würdigen Mannes wäre zu sagen, daß,

wenn es Gott und der Natur gefallen hätte, den Urgebirgsknoten von

Nubien durchaus nach Westen bis an das große Meer zu entwickeln und

fortzusetzen, ferner die Gebirgsreihe einigemal von Norden nach Süden

zu durchschneiden, sodann Täler entstanden sein würden, worin gar

mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher Albert Julius eine

Felsenburg würde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen leicht mit

den Sternen rivalisierend sich hätten vermehren können.

Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und das

Beste, was man von ihnen lernt, ist, nicht mitzuteilen.

Was ich recht weiß, weiß ich nur mir selbst; ein ausgesprochenes

Wort fördert selten, es erregt meistens Widerspruch, Stocken und

Stillstehen.

Die Kristallographie als Wissenschaft betrachtet gibt zu ganz

eigenen Ansichten Anlaß. Sie ist nicht produktiv, sie ist nur sie

selbst und hat keine Folgen, besonders nunmehr, da man so manche

isomorphische Körper angetroffen hat, die sich ihrem Gehalte nach ganz

verschieden erweisen. Da sie eigentlich nirgends anwendbar ist, so

hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet. Sie gibt

dem Geist eine gewisse beschränkte Befriedigung und ist in ihren

Einzelheiten so mannigfaltig, daß man sie unerschöpflich nennen kann,

deswegen sie auch vorzügliche Menschen so entschieden und lange an

sich festhält.

Etwas Mönchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und ist

daher sich selbst genug. Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie

nicht; denn die köstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, die

kristallinischen Edelsteine, müssen erst zugeschliffen werden, ehe wir

unsere Frauen damit schmücken können.

Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen, welche von

der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten Einfluß

aufs Leben sich erweist.

Der Begriff vom Entstehen ist uns ganz und gar versagt; daher wir,

wenn wir etwas werden sehen, denken, daß es schon dagewesen sei.

Deshalb das System der Einschachtelung kommt uns begreiflich vor.

Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man

betrachte die Werke der Baukunst, man sieht manches sich regel--und

unregelmäßig anhäufen; daher ist uns der atomistische Begriff nah und

bequem zur Hand, deshalb wir uns nicht scheuen, ihn auch in

organischen Fällen anzuwenden.

Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des

Gesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen weiß, der ist als

Naturforscher in einer üblen Lage.

Es gibt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die

Stelle der Idee setzen.

Man tut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten. Das

Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet.

Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt.

Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren

Kindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande wäre.

Der unschätzbare Vorteil, welchen die Ausländer gewinnen, indem sie

unsere Literatur erst jetzt gründlich studieren, ist der, daß sie

über die Entwickelungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe

während dem Laufe des Jahrhunderts durchgehen mußten, auf einmal

weggehoben werden und, wenn das Glück gut ist, ganz eigentlich daran

sich auf das wünschenswerteste ausbilden.

Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstörend sind, ist

Wieland neckend.

Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter, es

kommt nur darauf an, daß jeder seinen Zustand ergreife und ihn nach

Würden behandle.

"Was sind Tragödien anders als versifizierte Passionen solcher Leute,

die sich aus den äußern Dingen ich weiß nicht was machen."

Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bildenden Kunst

nimmt, wo man von einer florentinischen, römischen und venezianischen

Schule spricht, wird sich künftighin nicht mehr auf das deutsche

Theater anwenden lassen. Es ist ein Ausdruck, dessen man sich vor

dreißig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte, wo unter

beschränkteren Umständen sich eine natur--und kunstgemäße Ausbildung

noch denken ließ; denn genau gesehen gilt auch in der bildenden Kunst

das Wort Schule nur von den Anfängen; denn sobald sie treffliche

Männer hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die Weite. Florenz

beweist seinen Einfluß über Frankreich und Spanien; Niederländer und

Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich mehr Freiheit in

Geist und Sinn, anstatt daß die Südländer von ihnen eine glücklichere

Technik und die genaueste Ausführung von Norden her gewinnen.

Das deutsche Theater befindet sich in der Schlußepoche, wo eine

allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, daß sie keinem

einzelnen Orte mehr angehören, von keinem besondern Punkte mehr

ausgehen kann.

Der Grund aller theatralischen Kunst, wie einer jeder andern, ist

das Wahre, das Naturgemäße. Je bedeutender dieses ist, auf je

höherem Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen, eines

desto höhern Ranges wird sich die Bühne zu rühmen haben. Hiebei

gereicht es Deutschland zu einem großen Gewinn, daß der Vortrag

trefflicher Dichtung allgemeiner geworden ist und auch außerhalb des

Theaters sich verbreitet hat.

Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim

Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu üben ist, so bleibt

offenbar, daß Vorlesungen die Schule des Wahren und Natürlichen

bleiben müssen, wenn Männer, die ein solches Geschäft übernehmen, von

dem Wert, von der Würde ihres Berufs durchdrungen sind.

Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen glänzenden

Eingang gewährt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht hier gerade

das imposante Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte Talent der

deutschen Ausbildung schädlich werden müsse!

Eigentümlichkeit des Ausdruckes ist Anfang und Ende aller Kunst.

Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen Eigentümlichen

der Menschheit abweichende besondere Eigenheit, die uns zwar

anfänglich widerstreben mag, aber zuletzt, wenn wir's uns gefallen

ließen, wenn wir uns derselben hingäben, unsere eigene

charakteristische Natur zu überwältigen und zu erdrücken vermochte.

Wieviel Falsches Shakespeare und besonders Calderon über uns

gebracht, wie diese zwei großen Lichter des poetischen Himmels für

uns zu Irrlichtern geworden, mögen die Literatoren der Folgezeit

historisch bemerken.

Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich

nirgends billigen. Der herrliche Calderon hat so viel

Konventionelles, daß einem redlichen Beobachter schwer wird, das

große Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen.

Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei

demselben immer guten Willen voraus, daß es geneigt sei, auch das

Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton und Rhythmus zu

ergetzen und aus dem, was ihm eigentlich gemäß ist, eine Zeitlang

herauszugeben.

Yorik-Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn

liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist

unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.

"Mäßigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen."

Das Gesicht ist der edelste Sinn, die andern vier belehren uns nur

durch die Organe des Takts, wir hören, wir fühlen, riechen und

betasten alles durch Berührung; das Gesicht aber steht unendlich

höher, verfeint sich über die Materie und nähert sich den Fähigkeiten

des Geistes.

Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so würden Eifersucht

und Haß wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; und setzten

wir andere an unsere Stelle, so würde Stolz und Einbildung gar sehr

abnehmen.

Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea; die eine

war anmutiger, die andere fruchtbarer.

Nichts im Leben außer Gesundheit und Tugend ist schätzenswerter als

Kenntnis und Wissen; auch ist nichts so leicht zu erreichen und so

wohlfeil zu erhandeln; die ganze Arbeit ist Ruhigsein und die Ausgabe

Zeit, die wir nicht retten, ohne sie auszugeben.

Könnte man Zeit wie bares Geld beiseitelegen, ohne sie zu benutzen,

so wäre dies eine Art von Entschuldigung für den Müßiggang der halben

Welt; aber keine völlige, denn es wäre ein Haushalt, wo man von dem

Hauptstamm lebte, ohne sich um die Interessen zu bemühen.

Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte.

Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schule kommt mir

keine so vollkommen lächerlich vor als der Streit über die Echtheit

alter Schriften, alter Werke. Ist es denn der Autor oder die Schrift,

die wir bewundern oder tadeln? es ist immer nur der Autor, den wir

vor uns haben; was kümmern uns die Namen, wenn wir ein Geisteswerk

auslegen?

Wer will behaupten, daß wir Virgil oder Homer vor uns haben, indem

wir die Worte lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die

Schreiber haben wir vor uns, und was haben wir weiter nötig? Und ich

denke fürwahr, die Gelehrten, die in dieser unwesentlichen Sache so

genau zu Werke gehen, scheinen mir nicht weiser als ein sehr schönes

Frauenzimmer, das mich einmal mit möglichst süßem Lächeln befragte:

wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei?

Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als eine

halbe Stunde für gering halten.

Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn sie

sind von der Art, daß Heuchelei sie nicht nachahmen kann; auch haben

sie die Eigenschaft gemein, sich beide durch dieselbe Farbe

auszudrücken.

Unter allem Diebsgesindel sind die Narren die Schlimmsten: sie

rauben euch beides, Zeit und Stimmung.

Uns selbst zu achten, leitet unsre Sittlichkeit; andere zu schätzen,

regiert unser Betragen.

Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und deren

genauer Unterschied selten verstanden wird; man gebraucht oft eins

für das andere.

Auch gefallen mir die Definitionen nicht, die man davon gibt.

Verglichen fand ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst mit Humor.

Hierin find' ich mehr Einbildungskraft als Philosophie: es gibt uns

wohl einen Begriff von dem Unterschied beider, aber keinen von dem

Eigentümlichen einer jeden.

Ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen

nennen, das abgezogene Wissen; Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur

Tat verwendet; Wissenschaft wäre Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus,

deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so

wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem.

Vielleicht wird man mir einwenden: Man hält die Poesie für Kunst,

und doch ist sie nicht mechanisch; aber ich leugne, daß sie eine

Kunst sei; auch ist sie keine Wissenschaft. Künste und Wissenschaften

erreicht man durch Denken, Poesie nicht, denn diese ist Eingebung;

sie war in der Seele empfangen, als sie sich zuerst regte. Man sollte

sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern Genius.

Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke wieder

zur Hand nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert erführe, was

wir ihm schuldig sind, und einsähe, was wir ihm schuldig werden

können.

In dem Erfolg der Literaturen wird das frühere Wirksame verdunkelt

und das daraus entsprungene Gewirkte nimmt überhand, deswegen man

wohltut, von Zeit zu Zeit wieder zurückzublicken. Was an uns Original

ist, wird am besten erhalten und belobt, wenn wir unsre Altvordern

nicht aus den Augen verlieren.

Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort

die Basis der höhern Bildung bleiben.

Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur

Kuriositäten; es ist sehr wohlgetan, sich und die Welt damit bekannt

zu machen; zu sittlicher und ästhetischer Bildung aber werden sie uns

wenig fruchten.

Der Deutsche läuft keine größere Gefahr, als sich mit und an seinen

Nachbarn zu steigern; es ist vielleicht keine Nation geeigneter, sich

aus sich selbst zu entwickeln, deswegen es ihr zum größten Vorteil

gereichte, daß die Außenwelt von ihr so spät Notiz nahm.

Sehen wir unsre Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück, so

finden wir, daß nichts um der Fremden willen geschehen ist.

Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, das

verdroß die Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas

vor ihm zu erscheinen.

Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der

Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl tun, dieser Warnung

nachzudenken.

Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, daß sie dasjenige erklären

wollen, was Grunderfahrungen sind, bei denen man sich beruhigen müßte.

Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterließe man das

Forschen allzu früh.

Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der

wird übel dran sein. Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellen

Umtriebe der Welt; bis man von allem Notiz genommen hat, verliert man

sich selbst.

Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin auf;

wir brauchen uns deshalb darum nicht weiter zu bemühen, das Besondere

müssen wir uns zueignen.

Die größten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.

Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen,

darf man die sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht

unbeachtet lassen; dabei hat man wohl zu bedenken, daß er

Lebensgenosse Warburtons gewesen.

Eine freie Seele wie die seine kommt in Gefahr, frech zu werden,

wenn nicht ein edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht herstellt.

Bei leichter Berührbarkeit entwickelte sich alles von innen bei ihm

heraus; durch beständigen Konflikt unterschied er das Wahre vom

Falschen, hielt am ersten fest und verhielt sich gegen das andere

rücksichtslos.

Er fühlte einen entschiedenen Haß gegen Ernst, weil er didaktisch

und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird, wogegen er den

entschiedensten Abscheu hegte. Daher seine Abneigung gegen

Terminologie.

Bei den vielfachsten Studien und Lektüre entdeckte er überall das

Unzulängliche und Lächerliche.

Shandeism nennt er die Unmöglichkeit über einen ernsten Gegenstand

zwei Minuten zu denken.

Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und

Gleichgültigkeit, von Leid und Freude soll in dem irländischen

Charakter liegen.

Sagazität und Penetration sind bei ihm grenzenlos.

Seine Heiterkeit, Genügsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo diese

Eigenschaften am meisten geprüft werden, finden nicht leicht

ihresgleichen.

So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergetzt,

ebensosehr werden wir gerade in diesem Fall erinnert, daß wir von

allem dem, wenigstens von dem meisten, was uns entzückt, nichts in

uns aufnehmen dürfen.

Das Element der Lüsternheit, in dem er sich so zierlich und sinnig

benimmt, würde vielen andern zum Verderben gereichen.

Das Verhältnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert.

"Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt", sagt er

irgendwo.

Er scherzt gar anmutig über die Widersprüche, die seinen Zustand

zweideutig machen.

"Ich kann das Predigen nicht vertragen, ich glaube, ich habe in

meiner Jugend mich daran übergessen."

Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und Erwecker.

"Unser Anteil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nur

Philisterei."

"Nichts ist höher zu schätzen als der Wert des Tages."

"Pereant, qui, ante nos, nostra dixerunt!" So wunderlich könnte nur

derjenige sprechen, der sich einbildete, ein Autochthon zu sein. Wer

sich's zur Ehre hält, von vernünftigen Vorfahren abzustammen, wird

ihnen doch wenigstens ebensoviel Menschensinn zugestehn als sich

selbst.

Die originalsten Autoren der neusten Zeit sind es nicht deswegen,

weil sie etwas Neues hervorbringen, sondern allein weil sie fähig

sind, dergleichen Dinge zu sagen, als wenn sie vorher niemals wären

gesagt gewesen.

Daher ist das schönste Zeichen der Originalität, wenn man einen

empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln weiß, daß

niemand leicht, wie viel in ihm verborgen liege, gefunden hätte.

Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur hervor wie

die Blüten aus den grünen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht man Rosen

überall blühen.

Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diese sind, treten

auch die Gedanken hervor, und nachdem sie sind, sind auch die

Gedanken.

"Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt. Man

könnte sagen: hievon mache der Spiegel eine Ausnahme, und doch sehen

wir unser Angesicht niemals ganz richtig darin; ja der Spiegel kehrt

unsre Gestalt um und macht unsre linke Hand zur rechten. Dies mag ein

Bild sein für alle Betrachtungen über uns selbst."

Im Frühling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer, und

doch geschieht es, daß, wenn wir zufällig an einem vorbeigehen, wir

das Gefühl, das es mitteilt, so angenehm finden, daß wir ihm wohl

nachhängen mögen. Dies möchte mit jeder Versuchung analog sein.

"Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten läßt."

Wer lange in bedeutenden Verhältnissen lebt, dem begegnet freilich

nicht alles, was dem Menschen begegnen kann; aber doch das Analoge

und vielleicht einiges, was ohne Beispiel war.

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Wanderjahre--Buch 3"

von Johann Wolfgang von Goethe

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Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 24 / 24 题