Hersilie an Wilhelm

Ich saß denkend und wüßte nicht zu sagen, was ich dachte. Ein

denkendes Nichtdenken wandelt mich aber manchmal an, es ist eine Art

von empfundener Gleichgültigkeit. Ein Pferd sprengt in den Hof und

weckt mich aus meiner Ruhe, die Türe springt auf, und Felix tritt

herein im jugendlichsten Glanze wie ein kleiner Abgott. Er eilt auf

mich zu, will mich umarmen, ich weise ihn zurück; er scheint

gleichgültig, bleibt in einiger Entfernung, und in ungetrübter

Heiterkeit preist er mir das Pferd an, das ihn hergetragen, erzählt

von seinen übungen, von seinen Freuden umständlich und vertraulich.

Die Erinnerung an ältere Geschichten bringt uns auf das

Prachtkästchen, er weiß, daß ich's habe, und verlangt es zu sehen;

ich gebe nach, es war unmöglich zu versagen. Er betrachtet's,

erzählt umständlich, wie er es entdeckt, ich verwirre mich und verrate,

daß ich den Schlüssel besitze. Nun steigt seine Neugier aufs

höchste, auch den will er sehen, nur von ferne. Dringender und

liebenswürdiger bitten konnte man niemand sehen; er bittet wie betend,

knieet und bittet mit so feurigen, holden Augen, mit so süßen,

schmeichelnden Worten, und so war ich wieder verführt. Ich zeigte

das Wundergeheimnis von weitem, aber schnell faßte er meine Hand und

entriß ihn und sprang mutwillig zur Seite um einen Tisch herum.

"Ich habe nichts vom Kästchen noch vom Schlüssel!" rief er aus;

"dein Herz wünscht' ich zu öffnen, daß es sich mir auftäte, mir

entgegenkäme, mich an sich drückte, mir vergönnte, es an meine Brust

zu drücken." Er war unendlich schön und liebenswürdig, und wie ich

auf ihn zugehen wollte, schob er das Kästchen auf dem Tisch immer vor

sich hin; schon stak der Schlüssel drinnen; er drohte umzudrehen und

drehte wirklich. Das Schlüsselchen war abgebrochen, die äußere

Hälfte fiel auf den Tisch.

Ich war verwirrter, als man sein kann und sein sollte. Er benützt

meine Unaufmerksamkeit, läßt das Kästchen stehen, fährt auf mich los

und faßt mich in die Arme. Ich rang vergebens, seine Augen näherten

sich den meinigen, und es ist was Schönes, sein eigenes Bild im

liebenden Auge zu erblicken. Ich sah's zum erstenmal, als er seinen

Mund lebhaft auf den meinigen drückte. Ich will's nur gestehen, ich

gab ihm seine Küsse zurück, es ist doch sehr schön, einen Glücklichen

zu machen. Ich riß mich los, die Kluft, die uns trennt, erschien mir

nur zu deutlich; statt mich zu fassen, überschritt ich das Maß, ich

stieß ihn zürnend weg, meine Verwirrung gab mir Mut und Verstand; ich

bedrohte, ich schalt ihn, befahl ihm, nie wieder vor mir zu erscheinen;

er glaubte meinem wahrhaften Ausdruck. "Gut!" sagte er, "so reit'

ich in die Welt, bis ich umkomme." Er warf sich auf sein Pferd und

sprengte weg. Noch halb träumend will ich das Kästchen verwahren, die

Hälfte des Schlüssels lag abgebrochen, ich befand mich in doppelter

und dreifacher Verlegenheit. O Männer, o Menschen! Werdet ihr denn

niemals die Vernunft fortpflanzen? war es nicht an dem Vater genug,

der so viel Unheil anrichtete, bedurft' es noch des Sohns, um uns

unauflöslich zu verwirren?

Diese Bekenntnisse lagen eine Zeitlang bei mir, nun tritt ein

sonderbarer Umstand ein, den ich melden muß, der obiges aufklärt und

verdüstert.

Ein alter, dem Oheim sehr werter Goldschmied und Juwelenhändler

trifft ein, zeigt seltsame antiquarische Schätze vor; ich werde

veranlaßt, das Kästchen zu bringen, er betrachtet den abgebrochenen

Schlüssel und zeigt, was man bisher übersehen hatte, daß der Bruch

nicht rauh, sondern glatt sei. Durch Berührung fassen die beiden

Enden einander an, er zieht den Schlüssel ergänzt heraus, sie sind

magnetisch verbunden, halten einander fest, aber schließen nur dem

Eingeweihten. Der Mann tritt in einige Entfernung, das Kästchen

springt auf, das er gleich wieder zudrückt: an solche Geheimnisse sei

nicht gut rühren, meinte er.

Meinen unerklärlichen Zustand vergegenwärtigen Sie sich, Gott sei

Dank, gewiß nicht; denn wie wollte man außerhalb der Verwirrung die

Verwirrung erkennen. Das bedeutende Kästchen steht vor mir, den

Schlüssel, der nicht schließt, hab' ich in der Hand, jenes wollt' ich

gern uneröffnet lassen, wenn dieser mir nur die nächste Zukunft

aufschlösse.

Um mich bekümmern Sie sich eine Weile ja nicht, aber was ich

inständig bitte, flehe, dringend empfehle: forschen Sie nach Felix;

ich habe vergebens umhergesandt, um die Spuren seines Weges

aufzufinden. Ich weiß nicht, ob ich den Tag segnen oder fürchten soll,

der uns wieder zusammenführt.

Endlich, endlich! verlangt der Bote seine Abfertigung; man hat ihn

lange genug hier aufgehalten, er soll die Wanderer mit wichtigen

Depeschen ereilen. In dieser Gesellschaft wird er Sie ja auch wohl

finden, oder man wird ihn zurecht weisen. Ich unterdes werde nicht

beruhigt sein.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 22 / 24 题