Ich saß denkend und wüßte nicht zu sagen, was ich dachte. Ein
denkendes Nichtdenken wandelt mich aber manchmal an, es ist eine Art
von empfundener Gleichgültigkeit. Ein Pferd sprengt in den Hof und
weckt mich aus meiner Ruhe, die Türe springt auf, und Felix tritt
herein im jugendlichsten Glanze wie ein kleiner Abgott. Er eilt auf
mich zu, will mich umarmen, ich weise ihn zurück; er scheint
gleichgültig, bleibt in einiger Entfernung, und in ungetrübter
Heiterkeit preist er mir das Pferd an, das ihn hergetragen, erzählt
von seinen übungen, von seinen Freuden umständlich und vertraulich.
Die Erinnerung an ältere Geschichten bringt uns auf das
Prachtkästchen, er weiß, daß ich's habe, und verlangt es zu sehen;
ich gebe nach, es war unmöglich zu versagen. Er betrachtet's,
erzählt umständlich, wie er es entdeckt, ich verwirre mich und verrate,
daß ich den Schlüssel besitze. Nun steigt seine Neugier aufs
höchste, auch den will er sehen, nur von ferne. Dringender und
liebenswürdiger bitten konnte man niemand sehen; er bittet wie betend,
knieet und bittet mit so feurigen, holden Augen, mit so süßen,
schmeichelnden Worten, und so war ich wieder verführt. Ich zeigte
das Wundergeheimnis von weitem, aber schnell faßte er meine Hand und
entriß ihn und sprang mutwillig zur Seite um einen Tisch herum.
"Ich habe nichts vom Kästchen noch vom Schlüssel!" rief er aus;
"dein Herz wünscht' ich zu öffnen, daß es sich mir auftäte, mir
entgegenkäme, mich an sich drückte, mir vergönnte, es an meine Brust
zu drücken." Er war unendlich schön und liebenswürdig, und wie ich
auf ihn zugehen wollte, schob er das Kästchen auf dem Tisch immer vor
sich hin; schon stak der Schlüssel drinnen; er drohte umzudrehen und
drehte wirklich. Das Schlüsselchen war abgebrochen, die äußere
Hälfte fiel auf den Tisch.
Ich war verwirrter, als man sein kann und sein sollte. Er benützt
meine Unaufmerksamkeit, läßt das Kästchen stehen, fährt auf mich los
und faßt mich in die Arme. Ich rang vergebens, seine Augen näherten
sich den meinigen, und es ist was Schönes, sein eigenes Bild im
liebenden Auge zu erblicken. Ich sah's zum erstenmal, als er seinen
Mund lebhaft auf den meinigen drückte. Ich will's nur gestehen, ich
gab ihm seine Küsse zurück, es ist doch sehr schön, einen Glücklichen
zu machen. Ich riß mich los, die Kluft, die uns trennt, erschien mir
nur zu deutlich; statt mich zu fassen, überschritt ich das Maß, ich
stieß ihn zürnend weg, meine Verwirrung gab mir Mut und Verstand; ich
bedrohte, ich schalt ihn, befahl ihm, nie wieder vor mir zu erscheinen;
er glaubte meinem wahrhaften Ausdruck. "Gut!" sagte er, "so reit'
ich in die Welt, bis ich umkomme." Er warf sich auf sein Pferd und
sprengte weg. Noch halb träumend will ich das Kästchen verwahren, die
Hälfte des Schlüssels lag abgebrochen, ich befand mich in doppelter
und dreifacher Verlegenheit. O Männer, o Menschen! Werdet ihr denn
niemals die Vernunft fortpflanzen? war es nicht an dem Vater genug,
der so viel Unheil anrichtete, bedurft' es noch des Sohns, um uns
unauflöslich zu verwirren?
Diese Bekenntnisse lagen eine Zeitlang bei mir, nun tritt ein
sonderbarer Umstand ein, den ich melden muß, der obiges aufklärt und
verdüstert.
Ein alter, dem Oheim sehr werter Goldschmied und Juwelenhändler
trifft ein, zeigt seltsame antiquarische Schätze vor; ich werde
veranlaßt, das Kästchen zu bringen, er betrachtet den abgebrochenen
Schlüssel und zeigt, was man bisher übersehen hatte, daß der Bruch
nicht rauh, sondern glatt sei. Durch Berührung fassen die beiden
Enden einander an, er zieht den Schlüssel ergänzt heraus, sie sind
magnetisch verbunden, halten einander fest, aber schließen nur dem
Eingeweihten. Der Mann tritt in einige Entfernung, das Kästchen
springt auf, das er gleich wieder zudrückt: an solche Geheimnisse sei
nicht gut rühren, meinte er.
Meinen unerklärlichen Zustand vergegenwärtigen Sie sich, Gott sei
Dank, gewiß nicht; denn wie wollte man außerhalb der Verwirrung die
Verwirrung erkennen. Das bedeutende Kästchen steht vor mir, den
Schlüssel, der nicht schließt, hab' ich in der Hand, jenes wollt' ich
gern uneröffnet lassen, wenn dieser mir nur die nächste Zukunft
aufschlösse.
Um mich bekümmern Sie sich eine Weile ja nicht, aber was ich
inständig bitte, flehe, dringend empfehle: forschen Sie nach Felix;
ich habe vergebens umhergesandt, um die Spuren seines Weges
aufzufinden. Ich weiß nicht, ob ich den Tag segnen oder fürchten soll,
der uns wieder zusammenführt.
Endlich, endlich! verlangt der Bote seine Abfertigung; man hat ihn
lange genug hier aufgehalten, er soll die Wanderer mit wichtigen
Depeschen ereilen. In dieser Gesellschaft wird er Sie ja auch wohl
finden, oder man wird ihn zurecht weisen. Ich unterdes werde nicht
beruhigt sein.