Makarie befindet sich zu unserm Sonnensystem in einem Verhältnis,
welches man auszusprechen kaum wagen darf. Im Geiste, der Seele, der
Einbildungskraft hegt sie, schaut sie es nicht nur, sondern sie macht
gleichsam einen Teil desselben; sie sieht sich in jenen himmlischen
Kreisen mit fortgezogen, aber auf eine ganz eigene Art; sie wandelt
seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun entdeckt ist, in
einer Spirale, sich immer mehr vom Mittelpunkt entfernend und nach den
äußeren Regionen hinkreisend.
Wenn man annehmen darf, daß die Wesen, insofern sie körperlich sind,
nach dem Zentrum, insofern sie geistig sind, nach der Peripherie
streben, so gehört unsere Freundin zu den geistigsten; sie scheint
nur geboren, um sich von dem Irdischen zu entbinden, um die nächsten
und fernsten Räume des Daseins zu durchdringen. Diese Eigenschaft, so
herrlich sie ist, ward ihr doch seit den frühsten Jahren als eine
schwere Aufgabe verliehen. Sie erinnert sich von klein auf ihr
inneres Selbst als von leuchtendem Wesen durchdrungen, von einem Licht
erhellt, welchem sogar das hellste Sonnenlicht nichts anhaben konnte.
Oft sah sie zwei Sonnen, eine innere nämlich und eine außen am
Himmel, zwei Monde, wovon der äußere in seiner Größe bei allen Phasen
sich gleich blieb, der innere sich immer mehr und mehr verminderte.
Diese Gabe zog ihren Anteil ab von gewöhnlichen Dingen, aber ihre
trefflichen Eltern wendeten alles auf ihre Bildung; alle Fähigkeiten
wurden an ihr lebendig, alle Tätigkeiten wirksam, dergestalt daß sie
allen äußeren Verhältnissen zu genügen wußte und, indem ihr Herz, ihr
Geist ganz von überirdischen Gesichten erfüllt war, doch ihr Tun und
Handeln immerfort dem edelsten Sittlichen gemäß blieb. Wie sie
heranwuchs, überall hilfreich, unaufhaltsam in großen und kleinen
Diensten, wandelte sie wie ein Engel Gottes auf Erden, indem ihr
geistiges Ganze sich zwar um die Weltsonne, aber nach dem
überweltlichen in stetig zunehmenden Kreisen bewegte.
Die überfülle dieses Zustandes ward einigermaßen dadurch gemildert,
daß es auch in ihr zu tagen und zu nachten schien, da sie denn, bei
gedämpftem innerem Licht, äußere Pflichten auf das treuste zu
erfüllen strebte, bei frisch aufleuchtendem Innerem sich der
seligsten Ruhe hingab. Ja sie will bemerkt haben, daß eine Art von
Wolken sie von Zeit zu Zeit umschwebten und ihr den Anblick der
himmlischen Genossen auf eine Zeitlang umdämmerten, eine Epoche, die
sie stets zu Wohl und Freude ihrer Umgebungen zu benutzen wußte.
Solange sie die Anschauungen geheimhielt, gehörte viel dazu, sie zu
ertragen; was sie davon offenbarte, wurde nicht anerkannt oder
mißdeutet, sie ließ es daher in ihrem langen Leben nach außen als
Krankheit gelten, und so spricht man in der Familie noch immer davon;
zuletzt aber hat ihr das gute Glück den Mann zugeführt, den ihr bei
uns seht, als Arzt, Mathematiker und Astronom gleich schätzbar,
durchaus ein edler Mensch, der sich jedoch erst eigentlich aus
Neugierde zu ihr heranfand. Als sie aber Vertrauen gegen ihn gewann,
ihm nach und nach ihre Zustände beschrieben, das Gegenwärtige ans
Vergangene angeschlossen und in die Ereignisse einen Zusammenhang
gebracht hatte, ward er so von der Erscheinung eingenommen, daß er
sich nicht mehr von ihr trennen konnte, sondern Tag für Tag stets
tiefer in das Geheimnis einzudringen trachtete.
Im Anfange, wie er nicht undeutlich zu verstehen gab, hielt er es
für Täuschung; denn sie leugnete nicht, daß von der ersten Jugend an
sie sich um die Stern--und Himmelskunde fleißig bekümmert habe, daß
sie darin wohl unterrichtet worden und keine Gelegenheit versäumt,
sich durch Maschinen und Bücher den Weltbau immer mehr zu
versinnlichen. Deshalb er sich denn nicht ausreden ließ, es sei
angelernt. Die Wirkung einer in hohem Grad geregelten
Einbildungskraft, der Einfluß des Gedächtnisses sei zu vermuten, eine
Mitwirkung der Urteilskraft, besonders aber eines versteckten Kalküls.
Er ist ein Mathematiker und also hartnäckig, ein heller Geist und
also ungläubig; er wehrte sich lange, bemerkte jedoch, was sie angab,
genau, suchte der Folge verschiedener Jahre beizukommen, wunderte
sich besonders über die neusten, mit dem gegenseitigem Stande der
Himmelslichter übereintreffenden Angaben und rief endlich aus: "Nun
warum sollte Gott und die Natur nicht auch eine lebendige
Armillarsphäre, ein geistiges Räderwerk erschaffen und einrichten,
daß es, wie ja die Uhren uns täglich und stündlich leisten, dem Gang
der Gestirne von selbst auf eigne Weise zu folgen imstande wäre?"
Hier aber wagten wir nicht, weiter zu gehen; denn das Unglaubliche
verliert seinen Wert, wenn man es näher im einzelnen beschauen will.
Doch sagen wir so viel: Dasjenige, was zur Grundlage der
anzustellenden Berechnungen diente, war folgendes: Ihr, der Seherin,
erschien unsere Sonne in der Vision um vieles kleiner, als sie solche
bei Tage erblickte, auch gab eine ungewöhnliche Stellung dieses
höheren Himmelslichtes im Tierkreise Anlaß zu Folgerungen.
Dagegen entstanden Zweifel und Irrungen, weil die Schauende ein und
das andere Gestirn andeutete als gleichfalls in dem Zodiak
erscheinend, von dem man aber am Himmel nichts gewahr werden konnte.
Es mochten die damals noch unentdeckten kleinen Planeten sein. Denn
aus andern Angaben ließ sich schließen, daß sie, längst über die Bahn
des Mars hinaus, der Bahn des Jupiter sich nähere. Offenbar hatte
sie eine Zeitlang diesen Planeten, es wäre schwer zu sagen in welcher
Entfernung, mit Staunen in seiner ungeheuren Herrlichkeit betrachtet
und das Spiel seiner Monde um ihn her geschaut; hernach aber ihn auf
die wunderseltsamste Weise als abnehmenden Mond gesehen, und zwar
umgewendet, wie uns der wachsende Mond erscheint. Daraus wurde
geschlossen, daß sie ihn von der Seite sehe und wirklich im Begriff
sei, über dessen Bahn hinauszuschreiten und in dem unendlichen Raum
dem Saturn entgegenzustreben. Dorthin folgt ihr keine
Einbildungskraft, aber wir hoffen, daß eine solche Entelechie sich
nicht ganz aus unserm Sonnensystem entfernen, sondern, wenn sie an
die Grenze desselben gelangt ist, sich wieder zurücksehnen werde, um
zugunsten unsrer Urenkel in das irdische Leben und Wohltun wieder
einzuwirken.
Indem wir nun diese ätherische Dichtung, Verzeihung hoffend, hiemit
beschließen, wenden wir uns wieder zu jenem terrestrischen Märchen,
wovon wir oben eine vorübergehende Andeutung gegeben.
Montan hatte mit dem größten Anschein von Ehrlichkeit angegeben:
jene wunderbare Person, welche mit ihren Gefühlen den Unterschied der
irdischen Stoffe so wohl zu bezeichnen wisse, sei schon mit den
ersten Wanderern in die weite Ferne gezogen, welches jedoch dem
aufmerksamen Menschenkenner durchaus hätte sollen unwahrscheinlich
dünken. Denn wie wollte Montan und seinesgleichen eine so bereite
Wünschelrute von der Seite gelassen haben? Auch ward kurz nach
seiner Abreise durch Hin--und Widerreden und sonderbare Erzählungen
der unteren Hausbedienten hierüber ein Verdacht allmählich rege.
Philine nämlich und Lydie hatten eine Dritte mitgebracht, unter dem
Vorwand, es sei eine Dienerin, wozu sie sich aber gar nicht zu
schicken schien; wie sie denn auch beim An--und Auskleiden der
Herrinnen niemals gefordert wurde. Ihre einfache Tracht kleidete den
derben, wohlgebauten Körper gar schicklich, deutete aber, so wie die
ganze Person, auf etwas Ländliches. Ihr Betragen, ohne roh zu sein,
zeigte keine gesellige Bildung, wovon die Kammermädchen immer die
Karikatur darzustellen pflegen. Auch fand sie gar bald unter der
Dienerschaft ihren Platz; sie gesellte sich zu den Garten--und
Feldgenossen, ergriff den Spaten und arbeitete für zwei bis drei.
Nahm sie den Rechen, so flog er auf das geschickteste über das
aufgewühlte Erdreich, und die weiteste Fläche glich einem
wohlgeebneten Beete. übrigens hielt sie sich still und gewann gar bald
die allgemeine Gunst. Sie erzählten sich von ihr: man habe sie oft
das Werkzeug niederlegen und querfeldein über Stock und Steine
springen sehen, auf eine versteckte Quelle zu, wo sie ihren Durst
gelöscht. Diesen Gebrauch habe sie täglich wiederholt, indem sie von
irgendeinem Punkte aus, wo sie gestanden, immer ein oder das andere
rein ausfließende Wasser zu finden gewußt, wenn sie dessen bedurfte.
Und so war denn doch für Montans Angeben ein Zeugnis zurückgeblieben,
der wahrscheinlich, um lästige Versuche und unzulängliches Probieren
zu vermeiden, die Gegenwart einer so merkwürdigen Person vor seinen
edlen Wirten, welche sonst wohl ein solches Zutrauen verdient hätten,
zu verheimlichen beschloß. Wir aber wollten, was uns bekannt geworden,
auch unvollständig wie es vorliegt, mitgeteilt haben, um forschende
Männer auf ähnliche Fälle, die sich vielleicht öfter, als man glaubt,
durch irgendeine Andeutung hervortun, freundlich aufmerksam zu machen.