Unser Freund las mit großem Anteil das Vorgelegte, mußte aber
zugleich gestehen, er habe schon beim Schluß des vorigen Heftes
geahnet, ja vermutet, das gute Wesen sei entdeckt worden. Die
Beschreibung der schroffen Gebirgsgegend habe ihn zuerst in jene
Zustände versetzt, besonders aber sei er durch die Ahnung Lenardos in
jener Mondennacht, so auch durch die Wiederholung der Worte seines
Briefes auf die Spur geleitet worden. Friedrich, dem er das alles
umständlich vortrug, ließ sich es auch ganz wohl gefallen.
Hier aber wird die Pflicht des Mitteilens, Darstellens, Ausführens
und Zusammenziehens immer schwieriger. Wer fühlt nicht, daß wir uns
diesmal dem Ende nähern, wo die Furcht, in Umständlichkeiten zu
verweilen, mit dem Wunsche, nichts völlig unerörtert zu lassen, uns
in Zwiespalt versetzt. Durch die eben angekommene Depesche wurden wir
zwar von manchem unterrichtet, die Briefe jedoch und die vielfachen
Beilagen enthielten verschiedene Dinge, gerade nicht von allgemeinem
Interesse. Wir sind also gesonnen, dasjenige, was wir damals gewußt
und erfahren, ferner auch das, was später zu unserer Kenntnis kam,
zusammenzufassen und in diesem Sinne das übernommene ernste Geschäft
eines treuen Referenten getrost abzuschließen.
Vor allen Dingen haben wir daher zu berichten, daß Lothario mit
Theresen, seiner Gemahlin, und Natalien, die ihren Bruder nicht von
sich lassen wollte, in Begleitung des Abbés schon wirklich zur See
gegangen sind. Unter günstigen Vorbedeutungen reisten sie ab, und
hoffentlich bläht ein fördernder Wind ihre Segel. Die einzige
unangenehme Empfindung, eine wahre sittliche Trauer, nehmen sie mit:
daß sie Makarien vorher nicht ihren Besuch abstatten konnten. Der
Umweg war zu groß, das Unternehmen zu bedeutend; schon warf man sich
einige Zögerung vor und mußte selbst eine heilige Pflicht der
Notwendigkeit aufopfern.
Wir aber, von unserer erzählenden und darstellenden Seite, sollten
diese teuren Personen, die uns früher so viele Neigungen abgewonnen,
nicht in so weite Entfernung ziehen lassen, ohne von ihrem bisherigen
Vornehmen und Tun nähere Nachricht erteilt zu haben, besonders da wir
so lange nichts Ausführliches von ihnen vernommen. Gleichwohl
unterlassen wir dieses, weil ihr bisheriges Geschäft sich nur
vorbereitend auf das große Unternehmen bezog, auf welches wir sie
lossteuern sehen. Wir leben jedoch in der Hoffnung, sie dereinst in
voller geregelter Tätigkeit, den wahren Wert ihrer verschiedenen
Charaktere offenbarend, vergnüglich wiederzufinden.
Juliette, die Sinnige-Gute, deren wir uns wohl noch erinnern, hatte
geheiratet, einen Mann nach dem Herzen des Oheims, durchaus in seinem
Sinne mit--und fortwirkend. Juliette war in der letzten Zeit viel um
die Tante, wo manche derjenigen zusammentrafen, auf die sie
wohltätigen Einfluß gehabt; nicht nur solche, die dem festen Lande
gewidmet bleiben, auch solche, die über See zu gehen gedenken.
Lenardo hingegen hatte schon früher mit Friedrichen Abschied genommen;
die Mitteilung durch Boten war unter diesen desto lebhafter.
Vermißte man also in dem Verzeichnisse der Gäste jene edlen
Obengenannten, so waren doch manche bedeutende, uns schon näher
bekannte Personen darauf zu finden. Hilarie kam mit ihrem Gatten,
der nun als Hauptmann und entschieden reicher Gutsbesitzer auftrat.
Sie in ihrer großen Anmut und Liebenswürdigkeit gewann sich hier wie
überall gar gern Verzeihung einer allzu großen Leichtigkeit, von
Interesse zu Interesse übergehend zu wechseln, deren wir sie im Lauf
der Erzählung schuldig gefunden. Besonders die Männer rechneten es
ihr nicht hoch an. Einen dergleichen Fehler, wenn es einer ist,
finden sie nicht anstößig, weil ein jeder wünschen und hoffen mag,
auch an die Reihe zu kommen.
Flavio, ihr Gemahl, rüstig, munter und liebenswürdig genug, schien
vollkommen ihre Neigung zu fesseln; sie mochte sich das Vergangene
selbst verziehen haben; auch fand Makarie keinen Anlaß, dessen zu
erwähnen. Er, der immer leidenschaftliche Dichter, bat sich aus, beim
Abschiede ein Gedicht vorlesen zu dürfen, welches er zu Ehren ihrer
und ihrer Umgebung in den wenigen Tagen seines Hierseins verfaßte.
Man sah ihn oft im Freien auf und ab gehen, nach einigem Stillstand
mit bewegter Gebärde wieder vorwärts schreitend in die Schreibtafel
schreiben, sinnen und wieder schreiben. Nun aber schien er es für
vollendet zu halten, als er durch Angela jenen Wunsch zu erkennen gab.
Die gute Dame, obgleich ungern, verstand sich hiezu, und es ließ
sich allenfalls anhören, ob man gleich dadurch weiter nichts erfuhr,
als was man schon wußte, nichts fühlte, als was man schon gefühlt
hatte. Indessen war denn doch der Vortrag leicht und gefällig,
Wendung und Reim mitunter neu, wenn man es auch hätte im ganzen etwas
kürzer wünschen mögen. Zuletzt übergab er dasselbe, auf gerändertes
Papier sehr schön geschrieben, und man schied mit vollkommener
wechselseitiger Zufriedenheit.
Dieses Paar war von einer bedeutenden, wohlgenutzten Reise nach dem
Süden zurückgekommen, um den Vater, den Major, von Hause abzulösen,
der mit jener Unwiderstehlichen, die nun seine Gemahlin geworden,
auch etwas von der paradiesischen Luft zu einiger Erquickung einatmen
wollte.
Diese beiden kamen denn auch, im Wechsel, und so wie überall hatte
bei Makarien die Merkwürdige auch vorzügliche Gunst, welche sich
besonders darin erwies, daß die Dame in den innern Zimmern und allein
empfangen wurde, welche Geneigtheit auch nachher dem Major zuteil
ward. Dieser empfahl sich darauf sogleich als gebildeter Militär,
guter Haus--und Landwirt, Literaturfreund, sogar als Lehrdichter
beifallswürdig und fand bei dem Astronomen und sonstigen Hausgenossen
guten Eingang.
Auch von unserm alten Herrn, dem würdigen Oheim, ward er besonders
ausgezeichnet, welcher, in mäßiger Ferne wohnend, diesmal mehr, als
er sonst pflegte, obgleich nur für Stunden, herüberkam, aber keine
Nacht, auch bei angebotener größten Bequemlichkeit, zu bleiben
bewogen werden konnte.
Bei solchen kurzen Zusammenkünften war seine Gegenwart jedoch höchst
erfreulich, weil er sodann, als Welt--und Hofmann, nachgiebig und
vermittelnd auftreten wollte; wobei denn sogar ein Zug von
aristokratischer Pedanterie nicht unangenehm empfunden wurde. überdem
ging diesmal sein Behagen von Grund aus, er war glücklich, wie wir
uns alle fühlen, wenn wir mit verständig-vernünftigen Leuten
Wichtiges zu verhandeln haben. Das umfassende Geschäft war völlig im
Gange, es bewegte sich stetig nach gepflogener Verabredung.
Hievon nur die Hauptmomente. Er ist drüben über dem Meere, von
seinen Vorfahren her, Eigentümer. Was das heißen wolle, möge der
Kenner dortiger Angelegenheiten, da es uns hier zu weit führen müßte,
seinen Freunden näher erklären. Diese wichtigen Besitzungen waren
bisher verpachtet und trugen, bei mancherlei Unannehmlichkeiten, wenig
ein. Die Gesellschaft, die wir genugsam kennen, ist nun berechtigt,
dort Besitz zu nehmen, mitten in der vollkommensten bürgerlichen
Einrichtung, von da sie als einflußreiches Staatsglied ihren Vorteil
ersehen und sich in die noch unangebaute Wüste fern verbreiten kann.
Hier nun will sich Friedrich mit Lenardo besonders hervortun, um zu
zeigen, wie man eigentlich von vorn beginnen und einen Naturweg
einschlagen könne.
Kaum hatten sich die Genannten von ihrem Aufenthalte höchst
zufrieden entfernt, so waren dagegen Gäste ganz anderer Art
angemeldet und doch auch willkommen. Wir erwarteten wohl kaum,
Philinen und Lydien an so heiliger Stätte auftreten zu sehen, und doch
kamen sie an. Der zunächst in den Gebirgen noch immer weilende
Montan sollte sie hier abholen und auf dem nächsten Wege zur See
bringen. Beide wurden von Haushälterinnen, Schaffnerinnen, sonst
angestellten und mitwohnenden Frauen sehr gut aufgenommen: Philine
brachte ein paar allerliebste Kinder mit und zeichnete sich, bei
einer einfachen, sehr reizenden Kleidung, aus durch das Sonderbare,
daß sie von blumig gesticktem Gürtel herab an langer silberner Kette
eine mäßig große englische Schere trug, mit der sie manchmal,
gleichsam als wollte sie ihrem Gespräch einigen Nachdruck geben, in
die Luft schnitt und schnappte und durch einen solchen Akt die
sämtlichen Anwesenden erheiterte; worauf denn bald die Frage folgte:
ob es denn in einer so großen Familie nichts zuzuschneiden gebe? und
da fand sich denn, daß, erwünscht für eine solche Tätigkeit, ein paar
Bräute sollten ausgestattet werden. Sie sieht hierauf die
Landestracht an, läßt die Mädchen vor sich auf und ab gehen und
schneidet immer zu, wobei sie aber, mit Geist und Geschmack verfahrend,
ohne dem Charakter einer solchen Tracht etwas zu benehmen, das
eigentlich stockende Barbarische derselben mit einer Anmut zu
vermitteln weiß, so gelind, daß die Bekleideten sich und andern
besser gefallen und die Bangigkeit überwinden, man möge von dem
Herkömmlichen doch abgewichen sein.
Hier kam nun Lydie, die mit gleicher Fertigkeit, Zierlichkeit und
Schnelle zu nähen verstand, vollkommen zu Hülfe, und man durfte
hoffen, mit dem übrigen weiblichen Beistand die Bräute schneller, als
man gedacht hatte, herausgeputzt zu sehen. Dabei durften sich diese
Mädchen nicht lange entfernen, Philine beschäftigte sich mit ihnen bis
aufs kleinste und behandelte sie wie Puppen oder Theaterstatisten.
Gehäufte Bänder und sonstiger in der Nachbarschaft üblicher
Festschmuck wurde schicklich verteilt, und so erreichte man zuletzt,
daß diese tüchtigen Körper und hübschen Figuren, sonst durch
barbarische Pedanterei zugedeckt, nunmehr zu einiger Evidenz
gelangten, wobei alle Derbheit doch immer zu einiger Anmut
herausgestutzt erschien.
Allzu tätige Personen werden aber doch in einem gleichmäßig
geregelten Zustande lästig. Philine war mit ihrer gefräßigen Schere
in die Zimmer geraten, wo die Vorräte zu Kleidern für die große
Familie, in Stoffen aller Art, zur Hand lagen. Da fand sie nun in
der Aussicht, das alles zu zerschneiden, die größte Glückseligkeit;
man mußte sie wirklich daraus entfernen und die Türen fest
verschließen, denn sie kannte weder Maß noch Ziel. Angela wollte
wirklich deshalb nicht als Braut behandelt sein, weil sie sich vor
einer solchen Zuschneiderin fürchtete; überhaupt ließ sich das
Verhältnis zwischen beiden keineswegs glücklich einleiten. Doch
hievon kann erst später die Rede sein.
Montan, länger als man gedacht hatte, zauderte zu kommen, und
Philine drang darauf, Makarien vorgestellt zu werden. Es geschah,
weil man sie alsdann um desto eher loszuwerden hoffte, und es war
merkwürdig genug, die beiden Sünderinnen zu den Füßen der Heiligen zu
sehen. Zu beiden Seiten lagen sie ihr an den Knieen, Philine zwischen
ihren zwei Kindern, die sie lebhaft anmutig niederdrückte; mit
gewohnter Heiterkeit sprach sie: "Ich liebe meinen Mann, meine Kinder,
beschäftige mich gern für sie, auch für andere, das übrige verzeihst
du!" Makarie begrüßte sie segnend, sie entfernte sich mit
anständiger Beugung.
Lydie lag von der linken Seite her der Heiligen mit dem Gesicht auf
dem Schoße, weinte bitterlich und konnte kein Wort sprechen; Makarie,
ihre Tränen auffassend, klopfte ihr auf die Schulter als
beschwichtigend, dann küßte sie ihr Haupt zwischen den gescheitelten
Haaren, wie es vor ihr lag, brünstig und wiederholt in frommer Absicht.
Lydie richtete sich auf, erst auf ihre Kniee, dann auf die Füße, und
schaute zu ihrer Wohltäterin mit reiner Heiterkeit. "Wie geschieht
mir!" sagte sie, "wie ist mir! Der schwere, lästige Druck, der mir,
wo nicht alle Besinnung, doch alles überlegen raubte, er ist auf
einmal von meinem Haupte weggehoben, ich kann nun frei in die Höhe
sehen, meine Gedanken in die Höhe richten, und", setzte sie nach
tiefem Atemholen hinzu, "ich glaube, mein Herz will nach."
In diesem Augenblick eröffnete sich die Türe, und Montan trat herein,
wie öfters der allzu lang Erwartete plötzlich und unverhofft
erscheint. Lydie schritt munter auf ihn zu, umarmte ihn freudig, und
indem sie ihn vor Makarien führte, rief sie aus: "Er soll erfahren,
was er dieser Göttlichen schuldig ist, und sich mit mir dankend
niederwerfen."
Montan, betroffen und, gegen seine Gewohnheit, gewissermaßen
verlegen, sagte mit edler Verbeugung gegen die würdige Dame: "Es
scheint sehr viel zu sein, denn ich werde dich ihr schuldig. Es ist
das erstemal, daß du mir offen und liebevoll entgegenkommst, das
erstemal, daß du mich ans Herz drückst, ob ich es gleich längst
verdiente."
Hier nun müssen wir vertraulich eröffnen, daß Montan Lydien von
ihrer frühen Jugend an geliebt, daß der einnehmendere Lothario sie
ihm entführt, er aber ihr und dem Freunde treu geblieben und sie sich
endlich, vielleicht zu nicht geringer Verwunderung unserer früheren
Leser, als Gattin zugeeignet habe.
Diese drei zusammen, welche sich in der europäischen Gesellschaft
doch nicht ganz behaglich fühlen mochten, mäßigten kaum den Ausdruck
ihrer Freude, wenn von den dort erwarteten Zuständen die Rede war.
Die Schere Philinens zuckte schon: denn man gedachte sich das Monopol
vorzubehalten, diese neuen Kolonien mit Kleidungsstücken zu versorgen.
Philine beschrieb den großen Tuch--und Leinwandvorrat sehr artig und
schnitt in die Luft, die Ernte für Sichel und Sense, wie sie sagte,
schon vor sich sehend.
Lydie dagegen, erst durch jene glücklichen Segnungen zu
teilnehmender Liebe wieder auferwacht, sah im Geiste schon ihre
Schülerinnen sich ins Hundertfache vermehren und ein ganzes Volk von
Hausfrauen zu Genauigkeit und Zierlichkeit eingeleitet und aufgeregt.
Auch der ernste Montan hat die dortige Bergfülle an Blei, Kupfer,
Eisen und Steinkohlen dergestalt vor Augen, daß er alle sein Wissen
und Können manchmal nur für ängstlich tastendes Versuchen erklären
möchte, um erst dort in eine reiche, belohnende Ernte mutig
einzugreifen.
Daß Montan sich mit unserm Astronomen bald verstehen würde, war
vorauszusehen. Die Gespräche, die sie in Gegenwart Makariens führten,
waren höchst anziehend; wir finden aber nur weniges davon
niedergeschrieben, indem Angela seit einiger Zeit beim Zuhören minder
aufmerksam und beim Aufzeichnen nachlässiger geworden war. Auch
mochte ihr manches zu allgemein und für ein Frauenzimmer nicht
faßlich genug vorkommen. Wir schalten daher nur einige der in jene
Tage gehörigen äußerungen hier vorübergehend ein, die nicht einmal
von ihrer Hand geschrieben uns zugekommen sind.
Bei dem Studieren der Wissenschaften, besonders derer, welche die
Natur behandeln, ist die Untersuchung so nötig als schwer: ob das,
was uns von alters her überliefert und von unsern Vorfahren für
gültig geachtet worden, auch wirklich gegründet und zuverlässig sei,
in dem Grade, daß man darauf fernerhin sicher fortbauen möge? oder ob
ein herkömmliches Bekenntnis nur stationär geworden und deshalb mehr
einen Stillstand als einen Fortschritt veranlasse? Ein Kennzeichen
fördert diese Untersuchung, wenn nämlich das Angenommene lebendig und
in das tätige Bestreben einwirkend und fördernd gewesen und geblieben.
Im Gegensatze steht die Prüfung des Neuen, wo man zu fragen hat: ob
das Angenommene wirklicher Gewinn oder nur modische übereinstimmung
sei? denn eine Meinung, von energischen Männern ausgehend, verbreitet
sich kontagios über die Menge, und dann heißt sie herrschend --eine
Anmaßung, die für den treuen Forscher gar keinen Sinn ausspricht.
Staat und Kirche mögen allenfalls Ursache finden, sich für herrschend
zu erklären: denn die haben es mit der widerspenstigen Masse zu tun,
und wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz einerlei, durch
welche Mittel; aber in den Wissenschaften ist die absoluteste Freiheit
nötig: denn da wirkt man nicht für heut und morgen, sondern für eine
undenklich vorschreitende Zeitenreihe.
Gewinnt aber auch in der Wissenschaft das Falsche die Oberhand, so
wird doch immer eine Minorität für das Wahre übrigbleiben, und wenn
sie sich in einen einzigen Geist zurückzöge, so hätte das nichts zu
sagen. Er wird im stillen, im verborgenen fortwaltend wirken, und
eine Zeit wird kommen, wo man nach ihm und seinen überzeugungen fragt,
oder wo diese sich, bei verbreitetem allgemeinem Licht, auch wieder
hervorwagen dürfen.
Was jedoch weniger allgemein, obgleich unbegreiflich und
wunderseltsam, zur Sprache kam, war die gelegentliche Eröffnung
Montans, daß ihm bei seinen gebirgischen und bergmännischen
Untersuchungen eine Person zur Seite gehe, welche ganz wundersame
Eigenschaften und einen ganz eigenen Bezug auf alles habe, was man
Gestein, Mineral, ja sogar was man überhaupt Element nennen könne.
Sie fühle nicht bloß eine gewisse Einwirkung der unterirdisch
fließenden Wasser, metallischer Lager und Gänge, sowie der Steinkohlen
und was dergleichen in Massen beisammen sein möchte, sondern, was
wunderbarer sei, sie befinde sich anders und wieder anders, sobald
sie nur den Boden wechsele. Die verschiedenen Gebirgsarten übten auf
sie einen besondern Einfluß, worüber er sich mit ihr, seitdem er eine
zwar wunderliche, aber doch auslangende Sprache einzuleiten gewußt,
recht gut verständigen und sie im einzelnen prüfen könne, da sie denn
auf eine merkwürdige Weise die Probe bestehe, indem sie sowohl
chemische als physische Elemente durchs Gefühl gar wohl zu
unterscheiden wisse, ja sogar schon durch den Anblick das Schwerere
von dem Leichtern unterscheide. Diese Person, über deren Geschlecht
er sich nicht näher erklären wollte, habe er mit den abreisenden
Freunden vorausgeschickt und hoffe zu seinen Zwecken in den
ununtersuchten Gegenden sehr viel von ihr.
Dieses Vertrauen Montans eröffnete das strenge Herz des Astronomen,
welcher sodann mit Makariens Vergünstigung auch ihm das Verhältnis
derselben zum Weltsystem offenbarte. Durch nachherige Mitteilungen
des Astronomen sind wir in dem Fall, wo nicht Genugsames, doch das
Hauptsächliche ihrer Unterhaltung über so wichtige Punkte mitzuteilen.
Bewundern wir indessen die ähnlichkeit der hier eintretenden Fälle
bei der größten Verschiedenheit. Der eine Freund, um nicht ein Timon
zu werden, hatte sich in die tiefsten Klüfte der Erde versenkt, und
auch dort ward er gewahr, daß in der Menschennatur etwas Analoges zum
Starrsten und Rohsten vorhanden sei; dem andern gab von der
Gegenseite der Geist Makariens ein Beispiel, daß, wie dort das
Verbleiben, hier das Entfernen wohlbegabten Naturen eigen sei, daß
man weder nötig habe, bis zum Mittelpunkt der Erde zu dringen, noch
sich über die Grenzen unsres Sonnensystems hinaus zu entfernen,
sondern schon genüglich beschäftigt und vorzüglich auf Tat aufmerksam
gemacht und zu ihr berufen werde. An und in dem Boden findet man für
die höchsten irdischen Bedürfnisse das Material, eine Welt des
Stoffes, den höchsten Fähigkeiten des Menschen zur Bearbeitung
übergeben; aber auf jenem geistigen Wege werden immer Teilnahme, Liebe,
geregelte freie Wirksamkeit gefunden. Diese beiden Welten
gegeneinander zu bewegen, ihre beiderseitigen Eigenschaften in der
vorübergehenden Lebenserscheinung zu manifestieren, das ist die
höchste Gestalt, wozu sich der Mensch auszubilden hat.
Hierauf schlossen beide Freunde einen Bund und nahmen sich vor, ihre
Erfahrungen allenfalls auch nicht zu verheimlichen, weil derjenige,
der sie als einem Roman wohl ziemende Märchen belächeln könnte, sie
doch immer als ein Gleichnis des Wünschenswertesten betrachten dürfte.
Der Abschied Montans und seiner Frauenzimmer folgte bald hierauf,
und wenn man ihn mit Lydien wohl noch gern gehalten hätte, so war
doch die allzu unruhige Philine mehreren an Ruhe und Sitte gewohnten
Frauenzimmern, besonders aber der edlen Angela beschwerlich, wozu sich
noch besondere Umstände hinzufügten, welche die Unbehaglichkeit
vermehrten.
Schon oben hatten wir zu bemerken, daß Angela nicht wie sonst die
Pflicht des Aufmerkens und Aufzeichnens erfüllte, sondern anderwärts
beschäftigt schien. Um diese Anomalie an einer der Ordnung
dergestalt ergebenen und in den reinsten Kreisen sich bewegenden
Person zu erklären, sind wir genötigt, einen neuen Mitspieler in
dieses vielumfassende Drama noch zuletzt einzufahren.
Unser alter, geprüfter Handelsfreund Werner mußte sich bei
zunehmenden, ja gleichsam ins Unendliche sich vermehrenden Geschäften
nach frischen Gehülfen umsehen, welche er nicht ohne vorläufige
besondere Prüfung näher an sich anschloß. Einen solchen sendet er
nun an Makarien, um wegen Auszahlung der bedeutenden Summen zu
unterhandeln, welche diese Dame aus ihrem großen Vermögen dem neuen
Unternehmen, besonders in Rücksicht auf Lenardo, ihren Liebling,
zuzuwenden beschloß und erklärte. Gedachter junger Mann, nunmehr
Werners Gehülfe und Geselle, ein frischer, natürlicher Jüngling und
eine Wundererscheinung, empfiehlt sich durch ein eignes Talent, durch
eine grenzenlose Fertigkeit im Kopfrechnen, wie überall, so besonders
bei den Unternehmern, wie sie jetzt zusammenwirken, da sie sich
durchaus mit Zahlen im mannigfaltigsten Sinne einer
Gesellschaftsrechnung beschäftigen und ausgleichen müssen. Sogar in
der täglichen Sozietät, wo beim Hin--und Widerreden über weltliche
Dinge von Zahlen, Summen und Ausgleichungen die Rede ist, muß ein
solcher höchst willkommen mit einwirken. überdem spielte er den Flügel
höchst anmutig, wo ihm der Kalkül und ein liebenswürdiges Naturell
verbunden und vereint äußerst wünschenswert zu Hülfe kommt. Die Töne
fließen ihm leicht und harmonisch zusammen, manchmal aber deutet er
an, daß er auch wohl in tiefem Regionen zu Hause wäre, und so wird er
höchst anziehend, wenn er gleich wenig Worte macht und kaum irgend
etwas Gefühltes aus seinen Gesprächen durchblickt. Auf alle Fälle
ist er jünger als seine Jahre, man möchte beinahe etwas Kindliches an
ihm finden. Wie es übrigens auch mit ihm sei, er hat Angelas Gunst
gewonnen, sie die seinige, zu Makariens größter Zufriedenheit: denn
sie hatte längst gewünscht, das edle Mädchen verheiratet zu sehen.
Diese jedoch, immer bedenkend und fühlend, wie schwer ihre Stelle zu
besetzen sein werde, hatte wohl schon irgendein liebevolles
Anerbieten abgelehnt, vielleicht sogar einer stillen Neigung Gewalt
angetan; seitdem aber eine Nachfolgerin denkbar, ja gewissermaßen
schon bestimmt worden, scheint sie, von einem wohlgefälligen Eindruck
überrascht, ihm bis zur Leidenschaft nachgegeben zu haben.
Wir aber kommen nunmehr in den Fall, das Wichtigste zu eröffnen,
indem ja alles, worüber seit so mancher Zeit die Rede gewesen, sich
nach und nach gebildet, aufgelöst und wieder gestaltet hatte.
Entschieden ist also auch nunmehr, daß die Schöne-Gute, sonst das
nußbraune Mädchen genannt, sich Makarien zur Seite füge. Der im
allgemeinen vorgelegte, auch von Lenardo schon gebilligte Plan ist
seiner Ausführung ganz nah; alle Teilnehmenden sind einig; die
Schöne-Gute übergibt dem Gehülfen ihr ganzes Besitztum. Er heiratet
die zweite Tochter jener arbeitsamen Familie und wird Schwager des
Schirrfassers. Hiedurch wird die vollkommene Einrichtung einer neuen
Fabrikation durch Lokal und Zusammenwirkung möglich, und die Bewohner
des arbeitslustigen Tales werden auf eine andere, lebhaftere Weise
beschäftigt.
Dadurch wird die Liebenswürdige frei, sie tritt bei Makarien an die
Stelle von Angela, welche mit jenem jungen Manne schon verlobt ist.
Hiemit wäre alles für den Augenblick berichtet; was nicht entschieden
werden kann, bleibt im Schweben.
Nun aber verlangt die Schöne-Gute, daß Wilhelm sie abhole; gewisse
Umstände sind noch zu berichtigen, und sie legt bloß einen großen
Wert darauf, daß er das, was er doch eigentlich angefangen, auch
vollende. Er entdeckte sie zuerst, und ein wundersam Geschick trieb
Lenardo auf seine Spur; und nun soll er, so wünscht sie, ihr den
Abschied von dort erleichtern und so die Freude, die Beruhigung
empfinden, einen Teil der verschränkten Schicksalsfäden selbst wieder
aufgefaßt und angeknüpft zu haben.
Nun aber müssen wir, um das Geistliche, das Gemütliche zu einer Art
von Vollständigkeit zu bringen, auch ein Geheimeres offenbaren, und
zwar folgendes: Lenardo hatte über eine nähere Verbindung mit der
Schönen-Guten niemals das mindeste geäußert; im Laufe der
Unterhandlungen aber, bei dem vielen Hin--und Widersenden war denn
doch auf eine zarte Weise an ihr geforscht worden, wie sie dies
Verhältnis ansehe und was sie, wenn es zur Sprache käme, allenfalls
zu tun geneigt wäre. Aus ihrem Erwidern konnte man sich so viel
zusammensetzen: sie fühle sich nicht wert, einer solchen Neigung wie
der ihres edlen Freundes durch Hingebung ihres geteilten Selbst zu
antworten. Ein Wohlwollen der Art verdiene die ganze Seele, das
ganze Vermögen eines weiblichen Wesens; dies aber könne sie nicht
anbieten. Das Andenken ihres Bräutigams, ihres Gatten und der
wechselseitigen Einigung beider sei noch so lebhaft in ihr, nehme
noch ihr ganzes Wesen dergestalt völlig ein, daß für Liebe und
Leidenschaft kein Raum gedenkbar, auch ihr nur das reinste Wohlwollen
und in diesem Falle die vollkommenste Dankbarkeit übrig bleibe. Man
beruhigte sich hiebei, und da Lenardo die Angelegenheit nicht berührt
hatte, war es auch nicht nötig, hierüber Auskunft und Antwort zu
geben.
Einige allgemeine Betrachtungen werden hoffentlich hier am rechten
Orte stehen. Das Verhältnis sämtlicher vorübergehenden Personen zu
Makarien war vertraulich und ehrfurchtsvoll, alle fühlten die
Gegenwart eines höheren Wesens, und doch blieb in solcher Gegenwart
einem jeden die Freiheit, ganz in seiner eigenen Natur zu erscheinen.
Jeder zeigt sich, wie er ist, mehr als je vor Eltern und Freunden,
mit einer gewissen Zuversicht, denn er war gelockt und veranlaßt, nur
das Gute, das Beste, was an ihm war, an den Tag zu geben, daher beinah
eine allgemeine Zufriedenheit entstand.
Verschweigen aber können wir nicht, daß durch diese gewissermaßen
zerstreuenden Zustände Makarie mit der Lage Lenardos beschäftigt
blieb; sie äußerte sich auch darüber gegen ihre Nächsten, gegen
Angela und den Astronomen. Lenardos Inneres glaubten sie deutlich
vor sich zu sehen, er ist für den Augenblick beruhigt, der Gegenstand
seiner Sorge wird höchst glücklich gesichert; Makarie hatte für die
Zukunft auf jeden Fall gesorgt. Nun hatte er das große Geschäft
mutig anzutreten und zu beginnen, das übrige dem Folgegang und
Schicksal zu überlassen. Dabei konnte man vermuten, daß er in jenen
Unternehmungen hauptsächlich gestärkt sei durch den Gedanken, sie
dereinst, wenn er Fuß gefaßt, hinüber zu berufen, wo nicht gar selbst
abzuholen.
Allgemeiner Bemerkungen konnte man hiebei sich nicht enthalten. Man
beachtete näher den seltenen Fall, der sich hier hervortat:
Leidenschaft aus Gewissen. Man gedachte zugleich anderer Beispiele
einer wundersamen Umbildung einmal gefaßter Eindrücke, der
geheimnisvollen Entwickelung angeborner Neigung und Sehnsucht. Man
bedauerte, daß in solchen Fällen wenig zu raten sei, würde es aber
höchst rätlich finden, sich möglichst klar zu halten und diesem oder
jenem Hang nicht unbedingt nachzugeben.
Zu diesem Punkte aber gelangt, können wir der Versuchung nicht
widerstehen, ein Blatt aus unsern Archiven mitzuteilen, welches
Makarien betrifft und die besondere Eigenschaft, die ihrem Geiste
erteilt ward. Leider ist dieser Aufsatz erst lange Zeit, nachdem der
Inhalt mitgeteilt worden, aus dem Gedächtnis geschrieben und nicht,
wie es in einem so merkwürdigen Fall wünschenswert wäre, für ganz
authentisch anzusehen. Dem sei aber, wie ihm wolle, so wird hier
schon so viel mitgeteilt, um Nachdenken zu erregen und Aufmerksamkeit
zu empfehlen, ob nicht irgendwo schon etwas ähnliches oder sich
Annäherndes bemerkt und verzeichnet worden.