Sechzehntes Kapitel

Der Amtmann jenes Schlosses, das wir noch vor kurzem durch unsere

Wanderer belebt gesehen, von Natur tätig und gewandt, den Vorteil

seiner Herrschaft und seinen eignen immer vor Augen habend, saß

nunmehr vergnügt, Rechnungen und Berichte auszufertigen, wodurch er

die seinem Bezirk während der Anwesenheit jener Gäste zugegangenen

großen Vorteile mit einiger Selbstgefälligkeit vorzutragen und

auseinanderzusetzen sich bemühte. Allein dieses war nach seiner

eigenen überzeugung nur das Geringste; er hatte bemerkt, was für

große Wirkungen von tätigen, geschickten, freisinnigen und kühnen

Menschen ausgehen. Die einen hatten Abschied genommen, über das Meer

zu setzen, die andern, um auf dem festen Lande ihr Unterkommen zu

finden; nun ward er noch ein drittes heimliches Verhältnis gewahr,

wovon er alsobald Nutzen zu ziehen den Entschluß faßte.

Beim Abschied zeigte sich, was man hätte voraussagen und wissen

können, daß von den jungen, rüstigen Männern sich gar mancher mit den

hübschen Kindern des Dorfs und der Gegend mehr oder weniger

befreundet hatte. Nur einige bewiesen Mut genug, als Odoardo mit den

Seinigen abging, sich als entschieden Bleibende zu erklären; von

Lenardos Auswanderern war keiner geblieben, aber von diesen letztem

beteuerten verschiedene, in kurzer Zeit zurückkehren und sich

ansiedeln zu wollen, wenn man ihnen einigermaßen ein hinreichendes

Auskommen und Sicherheit für die Zukunft gewähren könne.

Der Amtmann, welcher die sämtliche Persönlichkeit und die häuslichen

Umstände seiner ihm untergebenen kleinen Völkerschaft ganz genau

kannte, lachte heimlich als ein wahrer Egoist über das Ereignis, daß

man so große Anstalten und Aufwand mache, um über dem Meer und im

Mittellande sich frei und tätig zu erweisen, und doch dabei ihm, der

auf seiner Hufe ganz ruhig gesessen, gerade die größten Vorteile zu

Haus und Hof bringe und ihm Gelegenheit gebe, einige der

Vorzüglichsten zurückzuhalten und bei sich zu versammeln. Seine

Gedanken, ausgeweitet durch die Gegenwart, fanden nichts natürlicher,

als daß Liberalität, wohl angewendet, gar löbliche, nützliche Folgen

habe. Er faßte sogleich den Entschluß, in seinem kleinen Bezirk

etwas ähnliches zu unternehmen. Glücklicherweise waren wohlhabende

Einwohner diesmal gleichsam genötigt, ihre Töchter den allzu frühen

Gatten gesetzmäßig zu überlassen. Der Amtmann machte ihnen einen

solchen bürgerlichen Unfall als ein Glück begreiflich, und da es

wirklich ein Glück war, daß gerade die in diesem Sinne brauchbarsten

Handwerker das Los getroffen hatte, so hielt es nicht schwer, die

Einleitung zu einer Möbelfabrik zu machen, die ohne weitläufigen Raum

und ohne große Umstände nur Geschicklichkeit und hinreichendes

Material verlangt. Das letzte versprach der Amtmann; Frauen, Raum und

Verlag gaben die Bewohner, und Geschicklichkeit brachten die

Einwandernden mit.

Das alles hatte der gewandte Geschäftsmann schon im stillen, bei

Anwesenheit und im Tumult der Menge, gar wohl überdacht und konnte

daher, sobald es um ihn ruhig ward, gleich zum Werke schreiten.

Ruhe, aber freilich eine Art Totenruhe, war nach Verlauf dieser Flut

über die Straßen des Orts, über den Hof des Schlosses gekommen, als

unsern rechnenden und berechnenden Geschäftsmann ein

hereinsprengender Reiter aufrief und aus seiner ruhigen Fassung

brachte. Des Pferdes Huf klappte freilich nicht, es war nicht

beschlagen, aber der Reiter, der von der Decke herabsprang--er ritt

ohne Sattel und Steigbügel, auch bändigte er das Pferd nur durch eine

Trense--, er rief laut und ungeduldig nach den Bewohnern, nach den

Gästen und war leidenschaftlich verwundert, alles so still und tot zu

finden.

Der Amtsdiener wußte nicht, was er aus dem Ankömmling machen sollte;

auf einen entstandenen Wortwechsel kam der Amtmann selbst hervor und

wußte auch weiter nichts zu sagen, als daß alles weggezogen sei.

"Wohin?" war die rasche Frage des jungen, lebendigen Ankömmlings.

--Mit Gelassenheit bezeichnete der Amtmann den Weg Lenardos und

Odoards, auch eines dritten problematischen Mannes, den sie teils

Wilhelm, teils Meister genannt hätten. Dieser habe sich auf dem

einige Meilen entfernten Flusse eingeschifft, er fahre hinab, erst

seinen Sohn zu besuchen und alsdann ein wichtiges Geschäft weiter zu

verfolgen.

Schon hatte der Jüngling sich wieder aufs Pferd geschwungen und

Kenntnis genommen von dem nächsten Wege zum Flusse hin, als er schon

wieder zum Tor hinausstürzte und so eilig davonflog, daß dem Amtmann,

der oben aus seinen Fenstern nachschaute, kaum ein verfliegender

Staub anzudeuten schien, daß der verwirrte Reiter den rechten Weg

genommen habe.

Nur eben war der letzte Staub in der Ferne verflogen, und unser

Amtmann wollte sich wieder zu seinem Geschäft niedersetzen, als zum

oberen Schloßtor ein Fußbote hereingesprungen kam und ebenfalls nach

der Gesellschaft fragte, der noch etwas Nachträgliches zu überbringen

er eilig abgesendet worden. Er hatte für sie ein größeres Paket,

daneben aber auch einen einzelnen Brief, adressiert an Wilhelm genannt

Meister, der dem überbringer von einem jungen Frauenzimmer besonders

auf die Seele gebunden und dessen baldige Bestellung eifrigst

eingeschärft worden war. Leider konnte auch diesem kein anderer

Bescheid werden, als daß er das Nest leer finde und daher seinen Weg

eiligst fortsetzen müsse, wo er sie entweder sämtlich anzutreffen

oder eine weitere Anweisung zu finden hoffen dürfte.

Den Brief aber selbst, den wir unter den vielen uns anvertrauten

Papieren gleichfalls vorgefunden, dürfen wir, als höchst bedeutend,

nicht zurückhalten. Er war von Hersilien, einem so wunderbaren als

liebenswürdigen Frauenzimmer, welches in unsern Mitteilungen nur

selten erscheint, aber bei jedesmaligem Auftreten gewiß jeden

Geistreichen, Feinfühlenden unwiderstehlich angezogen hat. Auch ist

das Schicksal, das sie betrifft, wohl das sonderbarste, das einem

zarten Gemüte widerfahren kann.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 20 / 24 题