Der Amtmann jenes Schlosses, das wir noch vor kurzem durch unsere
Wanderer belebt gesehen, von Natur tätig und gewandt, den Vorteil
seiner Herrschaft und seinen eignen immer vor Augen habend, saß
nunmehr vergnügt, Rechnungen und Berichte auszufertigen, wodurch er
die seinem Bezirk während der Anwesenheit jener Gäste zugegangenen
großen Vorteile mit einiger Selbstgefälligkeit vorzutragen und
auseinanderzusetzen sich bemühte. Allein dieses war nach seiner
eigenen überzeugung nur das Geringste; er hatte bemerkt, was für
große Wirkungen von tätigen, geschickten, freisinnigen und kühnen
Menschen ausgehen. Die einen hatten Abschied genommen, über das Meer
zu setzen, die andern, um auf dem festen Lande ihr Unterkommen zu
finden; nun ward er noch ein drittes heimliches Verhältnis gewahr,
wovon er alsobald Nutzen zu ziehen den Entschluß faßte.
Beim Abschied zeigte sich, was man hätte voraussagen und wissen
können, daß von den jungen, rüstigen Männern sich gar mancher mit den
hübschen Kindern des Dorfs und der Gegend mehr oder weniger
befreundet hatte. Nur einige bewiesen Mut genug, als Odoardo mit den
Seinigen abging, sich als entschieden Bleibende zu erklären; von
Lenardos Auswanderern war keiner geblieben, aber von diesen letztem
beteuerten verschiedene, in kurzer Zeit zurückkehren und sich
ansiedeln zu wollen, wenn man ihnen einigermaßen ein hinreichendes
Auskommen und Sicherheit für die Zukunft gewähren könne.
Der Amtmann, welcher die sämtliche Persönlichkeit und die häuslichen
Umstände seiner ihm untergebenen kleinen Völkerschaft ganz genau
kannte, lachte heimlich als ein wahrer Egoist über das Ereignis, daß
man so große Anstalten und Aufwand mache, um über dem Meer und im
Mittellande sich frei und tätig zu erweisen, und doch dabei ihm, der
auf seiner Hufe ganz ruhig gesessen, gerade die größten Vorteile zu
Haus und Hof bringe und ihm Gelegenheit gebe, einige der
Vorzüglichsten zurückzuhalten und bei sich zu versammeln. Seine
Gedanken, ausgeweitet durch die Gegenwart, fanden nichts natürlicher,
als daß Liberalität, wohl angewendet, gar löbliche, nützliche Folgen
habe. Er faßte sogleich den Entschluß, in seinem kleinen Bezirk
etwas ähnliches zu unternehmen. Glücklicherweise waren wohlhabende
Einwohner diesmal gleichsam genötigt, ihre Töchter den allzu frühen
Gatten gesetzmäßig zu überlassen. Der Amtmann machte ihnen einen
solchen bürgerlichen Unfall als ein Glück begreiflich, und da es
wirklich ein Glück war, daß gerade die in diesem Sinne brauchbarsten
Handwerker das Los getroffen hatte, so hielt es nicht schwer, die
Einleitung zu einer Möbelfabrik zu machen, die ohne weitläufigen Raum
und ohne große Umstände nur Geschicklichkeit und hinreichendes
Material verlangt. Das letzte versprach der Amtmann; Frauen, Raum und
Verlag gaben die Bewohner, und Geschicklichkeit brachten die
Einwandernden mit.
Das alles hatte der gewandte Geschäftsmann schon im stillen, bei
Anwesenheit und im Tumult der Menge, gar wohl überdacht und konnte
daher, sobald es um ihn ruhig ward, gleich zum Werke schreiten.
Ruhe, aber freilich eine Art Totenruhe, war nach Verlauf dieser Flut
über die Straßen des Orts, über den Hof des Schlosses gekommen, als
unsern rechnenden und berechnenden Geschäftsmann ein
hereinsprengender Reiter aufrief und aus seiner ruhigen Fassung
brachte. Des Pferdes Huf klappte freilich nicht, es war nicht
beschlagen, aber der Reiter, der von der Decke herabsprang--er ritt
ohne Sattel und Steigbügel, auch bändigte er das Pferd nur durch eine
Trense--, er rief laut und ungeduldig nach den Bewohnern, nach den
Gästen und war leidenschaftlich verwundert, alles so still und tot zu
finden.
Der Amtsdiener wußte nicht, was er aus dem Ankömmling machen sollte;
auf einen entstandenen Wortwechsel kam der Amtmann selbst hervor und
wußte auch weiter nichts zu sagen, als daß alles weggezogen sei.
"Wohin?" war die rasche Frage des jungen, lebendigen Ankömmlings.
--Mit Gelassenheit bezeichnete der Amtmann den Weg Lenardos und
Odoards, auch eines dritten problematischen Mannes, den sie teils
Wilhelm, teils Meister genannt hätten. Dieser habe sich auf dem
einige Meilen entfernten Flusse eingeschifft, er fahre hinab, erst
seinen Sohn zu besuchen und alsdann ein wichtiges Geschäft weiter zu
verfolgen.
Schon hatte der Jüngling sich wieder aufs Pferd geschwungen und
Kenntnis genommen von dem nächsten Wege zum Flusse hin, als er schon
wieder zum Tor hinausstürzte und so eilig davonflog, daß dem Amtmann,
der oben aus seinen Fenstern nachschaute, kaum ein verfliegender
Staub anzudeuten schien, daß der verwirrte Reiter den rechten Weg
genommen habe.
Nur eben war der letzte Staub in der Ferne verflogen, und unser
Amtmann wollte sich wieder zu seinem Geschäft niedersetzen, als zum
oberen Schloßtor ein Fußbote hereingesprungen kam und ebenfalls nach
der Gesellschaft fragte, der noch etwas Nachträgliches zu überbringen
er eilig abgesendet worden. Er hatte für sie ein größeres Paket,
daneben aber auch einen einzelnen Brief, adressiert an Wilhelm genannt
Meister, der dem überbringer von einem jungen Frauenzimmer besonders
auf die Seele gebunden und dessen baldige Bestellung eifrigst
eingeschärft worden war. Leider konnte auch diesem kein anderer
Bescheid werden, als daß er das Nest leer finde und daher seinen Weg
eiligst fortsetzen müsse, wo er sie entweder sämtlich anzutreffen
oder eine weitere Anweisung zu finden hoffen dürfte.
Den Brief aber selbst, den wir unter den vielen uns anvertrauten
Papieren gleichfalls vorgefunden, dürfen wir, als höchst bedeutend,
nicht zurückhalten. Er war von Hersilien, einem so wunderbaren als
liebenswürdigen Frauenzimmer, welches in unsern Mitteilungen nur
selten erscheint, aber bei jedesmaligem Auftreten gewiß jeden
Geistreichen, Feinfühlenden unwiderstehlich angezogen hat. Auch ist
das Schicksal, das sie betrifft, wohl das sonderbarste, das einem
zarten Gemüte widerfahren kann.