Lenardo sowohl als Odoard waren einige Tage sehr lebhaft beschäftigt,
jener, die Abreisenden mit allem Nötigen zu versehen, dieser, sich
mit den Bleibenden bekannt zu machen, ihre Fähigkeiten zu beurteilen,
um sie von seinen Zwecken hinreichend zu unterrichten. Indessen
blieb Friedrichen und unserm Freunde Raum und Ruhe zu stiller
Unterhaltung. Wilhelm ließ sich den Plan im allgemeinen vorzeichnen,
und da man mit Landschaft und Gegend genugsam vertraut geworden, auch
die Hoffnung besprochen war, in einem ausgedehnten Gebiete schnell
eine große Anzahl Bewohner entwickelt zu sehen, so wendete sich das
Gespräch, wie natürlich, zuletzt auf das, was Menschen eigentlich
zusammenhält: auf Religion und Sitte. Hierüber konnte denn der
heitere Friedrich hinreichende Auskunft geben, und wir würden wohl
Dank verdienen, wenn wir das Gespräch in seinem Laufe mitteilen
könnten, das durch Frag' und Antwort, durch Einwendung und
Berichtigung sich gar löblich durchschlang und in mannigfaltigem
Schwanken zu dem eigentlichen Zweck gefällig hinbewegte. Indessen
dürfen wir uns so lange nicht aufhalten und geben lieber gleich die
Resultate, als daß wir uns verpflichteten, sie erst nach und nach in
dem Geiste unsrer Leser hervortreten zu lassen. Folgendes ergab sich
als die Quintessenz dessen, was verhandelt wurde:
Daß der Mensch ins Unvermeidliche sich füge, darauf dringen alle
Religionen, jede sucht auf ihre Weise mit dieser Aufgabe fertig zu
werden.
Die christliche hilft durch Glaube, Liebe, Hoffnung gar anmutig nach;
daraus entsteht denn die Geduld, ein süßes Gefühl, welch eine
schätzbare Gabe das Dasein bleibe, auch wenn ihm, anstatt des
gewünschten Genusses, das widerwärtigste Leiden aufgebürdet wird. An
dieser Religion halten wir fest, aber auf eine eigne Weise; wir
unterrichten unsre Kinder von Jugend auf von den großen Vorteilen,
die sie uns gebracht hat; dagegen von ihrem Ursprung, von ihrem
Verlauf geben wir zuletzt Kenntnis. Alsdann wird uns der Urheber erst
lieb und wert, und alle Nachricht, die sich auf ihn bezieht, wird
heilig. In diesem Sinne, den man vielleicht pedantisch nennen mag,
aber doch als folgerecht anerkennen muß, dulden wir keinen Juden
unter uns; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur
vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?
Hievon ist unsre Sittenlehre ganz abgesondert, sie ist rein tätig
und wird in den wenigen Geboten begriffen: Mäßigung im Willkürlichen,
Emsigkeit im Notwendigen. Nun mag ein jeder diese lakonischen Worte
nach seiner Art im Lebensgange benutzen, und er hat einen ergiebigen
Text zu grenzenloser Ausführung.
Der größte Respekt wird allen eingeprägt für die Zeit, als für die
höchste Gabe Gottes und der Natur und die aufmerksamste Begleiterin
des Daseins. Die Uhren sind bei uns vervielfältigt und deuten
sämtlich mit Zeiger und Schlag die Viertelstunden an, und um solche
Zeichen möglichst zu vervielfältigen, geben die in unserm Lande
errichteten Telegraphen, wenn sie sonst nicht beschäftigt sind, den
Lauf der Stunden bei Tag und bei Nacht an, und zwar durch eine sehr
geistreiche Vorrichtung.
Unsre Sittenlehre, die also ganz praktisch ist, dringt nun
hauptsächlich auf Besonnenheit, und diese wird durch Einteilung der
Zeit, durch Aufmerksamkeit auf jede Stunde höchlichst gefördert.
Etwas muß getan sein in jedem Moment, und wie wollt' es geschehen,
achtete man nicht auf das Werk wie auf die Stunde?
In Betracht, daß wir erst anfangen, legen wir großes Gewicht auf die
Familienkreise. Den Hausvätern und Hausmüttern denken wir große
Verpflichtungen zuzuteilen; die Erziehung wird bei uns um so leichter,
als jeder für sich selbst, Knecht und Magd, Diener und Dienerin,
stehen muß.
Gewisse Dinge freilich müssen nach einer gewissen gleichförmigen
Einheit gebildet werden: Lesen, Schreiben, Rechnen mit Leichtigkeit
der Masse zu überliefern, übernimmt der Abbé; seine Methode erinnert
an den wechselsweisen Unterricht, doch ist sie geistreicher;
eigentlich aber kommt alles darauf an, zu gleicher Zeit Lehrer und
Schüler zu bilden.
Aber noch eines wechselseitigen Unterrichts will ich erwähnen: der
übung, anzugreifen und sich zu verteidigen. Hier ist Lothario in
seinem Felde; seine Manöver haben etwas ähnliches von unsern
Feldjägern; doch kann er nicht anders als original sein.
Hiebei bemerke ich, daß wir im bürgerlichen Leben keine Glocken, im
soldatischen keine Trommeln haben; dort wie hier ist Menschenstimme,
verbunden mit Blasinstrumenten, hinreichend. Das alles ist schon
dagewesen und ist noch da; die schickliche Anwendung desselben aber
ist dem Geist überlassen, der es auch allenfalls wohl erfunden hätte.
Das größte Bedürfnis eines Staats ist das einer mutigen Obrigkeit,
und daran soll es dem unsrigen nicht fehlen; wir alle sind ungeduldig,
das Geschäft anzutreten, munter und überzeugt, daß man einfach
anfangen müsse. So denken wir nicht an Justiz, aber wohl an Polizei.
Ihr Grundsatz wird kräftig ausgesprochen; niemand soll dem andern
unbequem sein; wer sich unbequem erweist, wird beseitigt, bis er
begreift, wie man sich anstellt, um geduldet zu werden. Ist etwas
Lebloses, Unvernünftiges in dem Falle, so wird dies gleichmäßig
beiseitegebracht.
In jedem Bezirk sind drei Polizeidirektoren, die alle acht Stunden
wechseln, schichtweise, wie im Bergwerk, das auch nicht stillstehen
darf, und einer unsrer Männer wird bei Nachtzeit vorzüglich bei der
Hand sein.
Sie haben das Recht, zu ermahnen, zu tadeln, zu schelten und zu
beseitigen; finden sie es nötig, so rufen sie mehr oder weniger
Geschworne zusammen. Sind die Stimmen gleich, so entscheidet der
Vorsitzende nicht, sondern es wird das Los gezogen, weil man überzeugt
ist, daß bei gegeneinander stehenden Meinungen es immer gleichgültig
ist, welche befolgt wird.
Wegen der Majorität haben wir ganz eigne Gedanken; wir lassen sie
freilich gelten im notwendigen Weltlauf, im höhern Sinne haben wir
aber nicht viel Zutrauen auf sie. Doch darüber darf ich mich nicht
weiter auslassen.
Fragt man nach der höhern Obrigkeit, die alles lenkt, so findet man
sie niemals an einem Orte; sie zieht beständig umher, um Gleichheit
in den Hauptsachen zu erhalten und in läßlichen Dingen einem jeden
seinen Willen zu gestatten. Ist dies doch schon einmal im Lauf der
Geschichte dagewesen: die deutschen Kaiser zogen umher, und diese
Einrichtung ist dem Sinne freier Staaten am allergemäßesten. Wir
fürchten uns vor einer Hauptstadt, ob wir schon den Punkt in unsern
Besitzungen sehen, wo sich die größte Anzahl von Menschen
zusammenhalten wird. Dies aber verheimlichen wir, dies mag nach und
nach und wird noch früh genug entstehen.
Dieses sind im allgemeinsten die Punkte, über die man meistens einig
ist, doch werden sie beim Zusammentreten von mehrern oder auch
wenigern Gliedern immer wieder aufs neue durchgesprochen. Die
Hauptsache wird aber sein, wenn wir uns an Ort und Stelle befinden.
Den neuen Zustand, der aber dauern soll, spricht eigentlich das
Gesetz aus. Unsre Strafen sind gelind; Ermahnung darf sich jeder
erlauben, der ein gewisses Alter hinter sich hat; mißbilligen und
schelten nur der anerkannte älteste; bestrafen nur eine
zusammenberufene Zahl.
Man bemerkt, daß strenge Gesetze sich sehr bald abstumpfen und nach
und nach loser werden, weil die Natur immer ihre Rechte behauptet.
Wir haben läßliche Gesetze, um nach und nach strenger werden zu
können; unsre Strafen bestehen vorerst in Absonderung von der
bürgerlichen Gesellschaft, gelinder, entschiedener, kürzer und länger
nach Befund. Wächst nach und nach der Besitz der Staatsbürger, so
zwackt man ihnen auch davon ab, weniger oder mehr, wie sie verdienen,
daß man ihnen von dieser Seite wehe tue.
Allen Gliedern des Bandes ist davon Kenntnis gegeben, und bei
angestelltem Examen hat sich gefunden, daß jeder von den Hauptpunkten
auf sich selbst die schicklichste Anwendung macht. Die Hauptsache
bleibt nur immer, daß wir die Vorteile der Kultur mit hinübernehmen
und die Nachteile zurücklassen. Branntweinschenken und
Lesebibliotheken werden bei uns nicht geduldet; wie wir uns aber
gegen Flaschen und Bücher verhalten, will ich lieber nicht eröffnen:
dergleichen Dinge wollen getan sein, wenn man sie beurteilen soll.
Und in eben diesem Sinne hält der Sammler und Ordner dieser Papiere
mit andern Anordnungen zurück, welche unter der Gesellschaft selbst
noch als Probleme zirkulieren und welche zu versuchen man vielleicht
an Ort und Stelle nicht rätlich findet; um desto weniger Beifall
dürfte man sich versprechen, wenn man derselben hier umständlich
erwähnen wollte.