Zehntes Kapitel

Unter dem Schlußgesange richtete sich ein großer Teil der Anwesenden

rasch empor und zog paarweise geordnet mit weit umherklingendem

Schalle den Saal hinaus. Lenardo, sich niedersetzend, fragte den

Gast: ob er sein Anliegen hier öffentlich vorzutragen gedenke oder

eine besondere Sitzung verlange? Der Fremde stand auf, begrüßte die

Gesellschaft und begann folgende Rede:

"Hier ist es, gerade in solcher Versammlung, wo ich mich vorerst

ohne weiteres zu erklären wünsche. Diese hier in Ruhe verbliebenen,

dem Anblick nach sämtlich wackern Männer geben schon durch ein

solches Verharren deutlich Wunsch und Absicht zu erkennen, dem

vaterländischen Grund und Boden auch fernerhin angehören zu wollen.

Sie sind mir alle freundlich gegrüßt, denn ich darf erklären: daß ich

ihnen sämtlich, wie sie sich hier ankündigen, ein hinreichendes

Tagewerk auf mehrere Jahre anzubieten im Fall bin. Ich wünsche jedoch,

aber erst nach kurzer Frist, eine nochmalige Zusammenkunft, weil es

nötig ist, vor allen Dingen den würdigen Vorstehern, welche bisher

diese wackern Leute zusammenhielten, meine Angelegenheit vertraulich

zu offenbaren und sie von der Zuverlässigkeit meiner Sendung zu

überzeugen. Sodann aber will es sich ziemen, mich mit den

Verharrenden im einzelnen zu besprechen, damit ich erfahre, mit

welchen Leistungen sie mein stattliches Anerbieten zu erwidern

gedenken."

Hierauf begehrte Lenardo einige Frist, die nötigsten Geschäfte des

Augenblicks zu besorgen, und nachdem diese bestimmt war, richtete

sich die Masse der übriggebliebenen anständig in die Höhe,

gleichfalls paarweise unter einem mäßig geselligen Gesang aus dem

Saale sich entfernend.

Odoard entdeckte sodann den zurückbleibenden beiden Führern seine

Absichten und Vorsätze und zeigte sodann seine Berechtigung hiezu.

Nun konnte er aber mit so vorzüglichen Menschen in fernerer

Unterhaltung von dem Geschäft nicht Rechenschaft geben, ohne des

menschlichen Grundes zu gedenken, worauf das Ganze eigentlich beruhe.

Wechselseitige Erklärungen und Bekenntnisse tiefer

Herzensangelegenheiten entfalteten sich hieraus bei fortgesetztem

Gespräch. Bis tief in die Nacht blieb man zusammen und verwickelte

sich immer unentwirrbarer in die Labyrinthe menschlicher Gesinnungen

und Schicksale. Hier nun fand sich Odoard bewogen, nach und nach von

den Angelegenheiten seines Geistes und Herzens fragmentarische

Rechenschaft zu geben, deshalb denn auch von diesem Gespräch uns

freilich nur unvollständige und unbefriedigende Kenntnis zugekommen.

Doch sollen wir auch hier Friedrichs glücklichem Talent des

Auffassens und Festhaltens die Vergegenwärtigung interessanter Szenen

verdanken, sowie einige Aufklärung über den Lebensgang eines

vorzüglichen Mannes, der uns zu interessieren anfängt, wenn es auch

nur Andeutungen wären desjenigen, was in der Folge vielleicht

ausführlicher und im Zusammenhange mitzuteilen ist. Nicht zu weit

Es schlug zehn in der Nacht, und so war denn zur verabredeten Stunde

alles bereit: im bekränzten Sälchen zu vieren eine geräumige, artige

Tafel gedeckt, mit feinem Nachtisch und Zuckerzierlichkeiten zwischen

blinkenden Leuchtern und Blumen bestellt. Wie freuten sich die

Kinder auf diese Nachkost, denn sie sollten mit zu Tische sitzen;

indessen schlichen sie umher, geputzt und maskiert, und weil Kinder

nicht zu entstellen sind, erschienen sie als die niedlichsten

Zwillingsgenien. Der Vater berief sie zu sich, und sie sagten das

Festgespräch, zu ihrer Mutter Geburtstag gedichtet, bei weniger

Nachhülfe gar schicklich her.

Die Zeit verstrich, von Viertel--zu Viertelstunde enthielt die gute

Alte sich nicht, des Freundes Ungeduld zu vermehren. Mehrere Lampen,

sagte sie, seien auf der Treppe dem Erlöschen ganz nahe, ausgesuchte

Lieblingsspeisen der Gefeierten könnten übergar werden, so sei es zu

befürchten. Die Kinder aus Langerweile fingen erst unartig an, und

aus Ungeduld wurden sie unerträglich. Der Vater nahm sich zusammen,

und doch wollte die ungewohnte Gelassenheit ihm nicht zu Gebote

stehen; er horchte sehnsüchtig auf die Wagen, einige rasselten

unaufgehalten vorbei, ein gewisses ärgernis wollte sich regen. Zum

Zeitvertreib forderte er noch eine Repetition von den Kindern; diese,

im überdruß unachtsam, zerstreut und ungeschickt, sprachen falsch,

keine Gebärde war mehr richtig, sie übertrieben wie Schauspieler, die

nichts empfinden. Die Pein des guten Mannes wuchs mit jedem Momente,

halb eilf Uhr war vorüber; das Weitere zu schildern, überlassen wir

ihm selbst.

"Die Glocke schlug eilfe, meine Ungeduld war bis zur Verzweiflung

gesteigert, ich hoffte nicht mehr, ich fürchtete. Nun war mir bange,

sie möchte hereintreten, mit ihrer gewöhnlichen leichten Anmut sich

flüchtig entschuldigen, versichern, daß sie sehr müde sei, und sich

betragen, als würfe sie mir vor, ich beschränke ihre Freuden. In mir

kehrte sich alles um und um, und gar vieles, was ich Jahre her

geduldet, lastete wiederkehrend auf meinem Geiste. Ich fing an, sie

zu hassen, ich wußte kein Betragen zu denken, wie ich sie empfangen

sollte. Die guten Kinder, wie Engelchen herausgeputzt, schliefen

ruhig auf dem Sofa. Unter meinen Füßen brannte der Boden, ich begriff,

ich verstand mich nicht, und mir blieb nichts übrig als zu fliehen,

bis nur die nächsten Augenblicke überstanden wären. Ich eilte,

leicht und festlich angezogen wie ich war, nach der Haustüre. Ich

weiß nicht, was ich der guten Alten für einen Vorwand hinstotterte,

sie drang mir einen überrock zu, und ich fand mich auf der Straße in

einem Zustande, den ich seit langen Jahren nicht empfunden hatte.

Gleich dem jüngsten leidenschaftlichen Menschen, der nicht wo ein

noch aus weiß, rannt' ich die Gassen hin und wider. Ich hätte das

freie Feld gewonnen, aber ein kalter, feuchter Wind blies streng und

widerwärtig genug, um meinen Verdruß zu begrenzen."

Wir haben, wie an dieser Stelle auffallend zu bemerken ist, die

Rechte des epischen Dichters uns anmaßend, einen geneigten Leser nur

allzu schnell in die Mitte leidenschaftlicher Darstellung gerissen.

Wir sehen einen bedeutenden Mann in häuslicher Verwirrung, ohne von

ihm etwas weiter erfahren zu haben; deshalb wir denn für den

Augenblick, um nur einigermaßen den Zustand aufzuklären, uns zu der

guten Alten gesellen, horchend, was sie allenfalls vor sich hin,

bewegt und verlegen, leise murmeln oder laut ausrufen möchte.

"Ich hab' es längst gedacht, ich habe es vorausgesagt, ich habe die

gnädige Frau nicht geschont, sie öfter gewarnt, aber es ist stärker

wie sie. Wenn der Herr sich des Tags auf der Kanzlei, in der Stadt,

auf dem Lande in Geschäften abmüdet, so findet er abends ein leeres

Haus, oder Gesellschaft, die ihm nicht zusagt. Sie kann es nicht

lassen. Wenn sie nicht immer Menschen, Männer um sich sieht, wenn

sie nicht hin und wider fährt, sich an und aus--und umziehen kann,

ist es, als wenn ihr der Atem ausginge. Heute an ihrem Geburtstag

fährt sie früh aufs Land. Gut! wir machen indes hier alles zurecht;

sie verspricht heilig, um neun Uhr zu Hause zu sein; wir sind bereit.

Der Herr überhört die Kinder ein auswendig gelerntes artiges Gedicht,

sie sind herausgeputzt; Lampen und Lichter, Gesottenes und

Gebratenes, an gar nichts fehlt es, aber sie kommt nicht. Der Herr

hat viel Gewalt über sich, er verbirgt seine Ungeduld, sie bricht aus.

Er entfernt sich aus dem Hause so spät. Warum, ist offenbar; aber

wohin? Ich habe ihr oft mit Nebenbuhlerinnen gedroht, ehrlich und

redlich. Bisher hab' ich am Herrn nichts bemerkt; eine Schöne paßt

ihm längst auf, bemüht sich um ihn. Wer weiß, wie er bisher gekämpft

hat. Nun bricht's los, diesmal treibt ihn die Verzweiflung, seinen

guten Willen nicht besser anerkannt zu sehen, bei Nacht aus dem Hause,

da geb' ich alles verloren. Ich sagt' es ihr mehr als einmal, sie

solle es nicht zu weit treiben."

Suchen wir den Freund nun wieder auf und hören ihn selber. "In dem

angesehensten Gasthofe sah ich unten Licht, klopfte am Fenster und

fragte den herausschauenden Kellner mit bekannter Stimme: ob nicht

Fremde angekommen oder angemeldet seien? Schon hatte er das Tor

geöffnet, verneinte beides und bat mich hereinzutreten. Ich fand es

meiner Lage gemäß, das Märchen fortzusetzen, ersuchte ihn um ein

Zimmer, das er mir gleich im zweiten Stock einräumte; der erste

sollte, wie er meinte, für die erwarteten Fremden bleiben. Er eilte,

einiges zu veranstalten, ich ließ es geschehen und verbürgte mich für

die Zeche. So weit war's vorüber; ich aber fiel wieder in meine

Schmerzen zurück, vergegenwärtigte mir alles und jedes, erhöhte und

milderte, schalt mich und suchte mich zu fassen, zu besänftigen:

ließe sich doch morgen früh alles wieder einleiten; ich dachte mir

schon den Tag abermals im gewohnten Gange; dann aber kämpfte sich

aufs neue der Verdruß unbändig hervor: ich hatte nie geglaubt, daß ich

so unglücklich sein könne."

An dem edlen Manne, den wir hier so unerwartet über einen gering

scheinenden Vorfall in leidenschaftlicher Bewegung sehen, haben

unsere Leser gewiß schon in dem Grade teilgenommen, daß sie nähere

Nachricht von seinen Verhältnissen zu erfahren wünschen. Wir

benutzen die Pause, die hier in das nächtliche Abenteuer eintritt,

indem er stumm und heftig in dem Zimmer auf und ab zu gehen fortfährt.

Wir lernen Odoard als den Sprößling eines alten Hauses kennen, auf

welchen durch eine Folge von Generationen die edelsten Vorzüge

vererbt worden. In der Militärschule gebildet, ward ihm ein

gewandter Anstand zu eigen, der, mit den löblichsten Fähigkeiten des

Geistes verbunden, seinem Betragen eine ganz besondere Anmut verlieh.

Ein kurzer Hofdienst lehrte ihn die äußern Verhältnisse hoher

Persönlichkeiten gar wohl einsehen, und als er nun hierauf, durch

früh erworbene Gunst einer gesandtschaftlichen Sendung angeschlossen,

die Welt zu sehen und fremde Höfe zu kennen Gelegenheit hatte, so tat

sich die Klarheit seiner Auffassung und glückliches Gedächtnis des

Vorgegangenen bis aufs genaueste, besonders aber ein guter Wille in

Unternehmungen aller Art aufs baldigste hervor. Die Leichtigkeit des

Ausdrucks in manchen Sprachen, bei einer freien und nicht

aufdringlichen Persönlichkeit, führten ihn von einer Stufe zur andern;

er hatte Glück bei allen diplomatischen Sendungen, weil er das

Wohlwollen der Menschen gewann und sich dadurch in den Vorteil setzte,

Mißhelligkeiten zu schlichten, besonders auch die beiderseitigen

Interessen bei gerechter Erwägung vorliegender Gründe zu befriedigen

wußte.

Einen so vorzüglichen Mann sich anzueignen, war der erste Minister

bedacht; er verheiratete ihm seine Tochter, ein Frauenzimmer von der

heitersten Schönheit und gewandt in allen höheren geselligen Tugenden.

Allein wie dem Laufe aller menschlichen Glückseligkeit sich je

einmal ein Damm entgegenstellt, der ihn irgendwo zurückdrängt, so war

es auch hier der Fall. An dem fürstlichen Hofe wurde Prinzessin

Sophronie als Mündel erzogen, sie, der letzte Zweig ihres Astes,

deren Vermögen und Anforderungen, wenn auch Land und Leute an den

Oheim zurückfielen, noch immer bedeutend genug blieben, weshalb man

sie denn, um weitläufige Erörterungen zu vermeiden, an den Erbprinzen,

der freilich viel jünger war, zu verheiraten wünschte.

Odoard kam in Verdacht einer Neigung zu ihr, man fand, er habe sie

in einem Gedichte unter dem Namen Aurora allzu leidenschaftlich

gefeiert; hiezu gesellte sich eine Unvorsichtigkeit von ihrer Seite,

indem sie mit eigner Charakterstärke gewissen Neckereien ihrer

Gespielinnen trotzig entgegnete: sie müßte keine Augen haben, wenn

sie für solche Vorzüge blind sein sollte.

Durch seine Heirat wurde nun wohl ein solcher Verdacht beschwichtigt,

aber durch heimliche Gegner dennoch im stillen fortgenährt und

gelegentlich wieder aufgeregt.

Die Staats--und Erbschaftsverhältnisse, ob man sie gleich so wenig

als möglich zu berühren suchte, kamen doch manchmal zur Sprache. Der

Fürst nicht sowohl als kluge Räte hielten es durchaus für nützlich,

die Angelegenheit fernerhin ruhen zu lassen, während die stillen

Anhänger der Prinzessin sie abgetan und dadurch die edle Dame in

größerer Freiheit zu sehen wünschten, besonders da der benachbarte

alte König, Sophronien verwandt und günstig, noch am Leben sei und

sich zu väterlicher Einwirkung gelegentlich bereit erwiesen habe.

Odoard kam in Verdacht, bei einer bloß zeremoniellen Sendung dorthin

das Geschäft, das man verspäten wollte, wieder in Anregung gebracht

zu haben. Die Widersacher bedienten sich dieses Vorfalls, und der

Schwiegervater, den er von seiner Unschuld überzeugt hatte, mußte

seinen ganzen Einfluß anwenden, um ihm eine Art von Statthalterschaft

in einer entfernten Provinz zu erwirken. Er fand sich glücklich

daselbst, alle seine Kräfte konnte er in Tätigkeit setzen, es war

Notwendiges, Nützliches, Gutes, Schönes, Großes zu tun, er konnte

Dauerndes leisten, ohne sich aufzuopfern, anstatt daß man in jenen

Verhältnissen, gegen seine überzeugung sich mit Vorübergehendem

beschäftigend, gelegentlich selbst zugrunde geht.

Nicht so empfand es seine Gattin, welche nur in größern Zirkeln ihre

Existenz fand und ihm nur später notgedrungen folgte. Er betrug sich

so schonend als möglich gegen sie und begünstigte alle Surrogate

ihrer bisherigen Glückseligkeit, des Sommers Landpartien in der

Nachbarschaft, im Winter ein Liebhabertheater, Bälle und was sie sonst

einzuleiten beliebte. Ja er duldete einen Hausfreund, einen Fremden,

der sich seit einiger Zeit eingeführt hatte, ob er ihm gleich

keineswegs gefiel, da er ihm durchaus, bei seinem klaren Blick auf

Menschen, eine gewisse Falschheit anzusehen glaubte.

Von allem diesem, was wir aussprechen, mag in dem gegenwärtigen

bedenklichen Augenblick einiges dunkel und trübe, ein anderes klar

und deutlich ihm vor der Seele vorübergegangen sein. Genug, wenn wir

nach dieser vertraulichen Eröffnung, zu der Friedrichs gutes

Gedächtnis den Stoff mitgeteilt, uns abermals zu ihm wenden, so finden

wir ihn wieder in dem Zimmer heftig auf und ab gehend, durch Gebärden

und manche Ausrufungen einen innern Kampf offenbarend.

"In solchen Gedanken war ich heftig im Zimmer auf und ab gegangen,

der Kellner hatte mir eine Tasse Bouillon gebracht, deren ich sehr

bedurfte; denn über die sorgfältigsten Anstalten dem Fest zuliebe

hatte ich nichts zu mir genommen, und ein köstlich Abendessen stand

unberührt zu Hause. In dem Augenblick hörten wir ein Posthorn sehr

angenehm die Straße herauf. "Der kommt aus dem Gebirge", sagte der

Kellner. Wir fuhren ans Fenster und sahen beim Schein zweier

helleuchtenden Wagenlaternen vierspännig, wohlbepackt vorfahren einen

Herrschaftswagen. Die Bedienten sprangen vom Bocke: "Da sind sie!"

rief der Kellner und eilte nach der Türe. Ich hielt ihn fest, ihm

einzuschärfen, er solle ja nichts sagen, daß ich da sei, nicht

verraten, daß etwas bestellt worden; er versprach's und sprang davon.

Indessen hatte ich versäumt zu beobachten, wer ausgestiegen sei, und

eine neue Ungeduld bemächtigte sich meiner; mir schien, der Kellner

säume allzu lange, mir Nachricht zu geben. Endlich vernahm ich von

ihm, die Gäste seien Frauenzimmer, eine ältliche Dame von würdigem

Ansehen, eine mittlere von unglaublicher Anmut, ein Kammermädchen, wie

man sie nur wünschen möchte. "Sie fing an", sagte er, "mit Befehlen,

fuhr fort mit Schmeicheln und fiel, als ich ihr schöntat, in ein

heiter schnippisches Wesen, das ihr wohl das natürlichste sein mochte.

""

"Gar schnell bemerkte ich", fahrt er fort, "die allgemeine

Verwunderung, mich so alert und das Haus zu ihrem Empfang so bereit

zu finden, die Zimmer erleuchtet, die Kamine brennend; sie machten

sich's bequem, im Saale fanden sie ein kaltes Abendessen; ich bot

Bouillon an, die ihnen willkommen schien."

Nun saßen die Damen bei Tische, die ältere speiste kaum, die schöne

Liebliche gar nicht; das Kammermädchen, das sie Lucie nannten, ließ

sich's wohl schmecken und erhob dabei die Vorzüge des Gasthofes,

erfreute sich der hellen Kerzen, des feinen Tafelzeugs, des

Porzellans und aller Gerätschaften. Am lodernden Kamin hatte sie sich

früher ausgewärmt und fragte nun den wieder eintretenden Kellner, ob

man hier denn immer so bereit sei, zu jeder Stunde des Tags und der

Nacht unvermutet ankommende Gäste zu bewirten? Dem jungen, gewandten

Burschen ging es in diesem Falle wie Kindern, die wohl das Geheimnis

verschweigen, aber, daß etwas Geheimes ihnen vertraut sei, nicht

verbergen können. Erst antwortete er zweideutig, annähernd sodann,

und zuletzt, durch die Lebhaftigkeit der Zofe, durch Hin--und

Widerreden in die Enge getrieben, gestand er: es sei ein Bedienter, es

sei ein Herr gekommen, sei fortgegangen, wiedergekommen, zuletzt aber

entfuhr es ihm, der Herr sei wirklich oben und gehe beunruhigt auf

und ab. Die junge Dame sprang auf, die andern folgten; es sollte ein

alter Herr sein, meinten sie hastig; der Kellner versicherte dagegen,

er sei jung. Nun zweifelten sie wieder, er beteuerte die Wahrheit

seiner Aussage. Die Verwirrung, die Unruhe vermehrte sich. Es müsse

der Oheim sein, versicherte die Schöne; es sei nicht in seiner Art,

erwiderte die ältere. Niemand als er habe wissen können, daß sie in

dieser Stunde hier eintreffen würden, versetzte jene beharrlich. Der

Kellner aber beteuerte fort und fort, es sei ein junger, ansehnlicher,

kräftiger Mann. Lucie schwur dagegen auf den Oheim: dem Schalk, dem

Kellner, sei nicht zu trauen, er widerspreche sich schon eine halbe

Stunde.

Nach allem diesem mußte der Kellner hinauf, dringend zu bitten, der

Herr möge doch ja eilig herunterkommen, dabei auch zu drohen, die

Damen würden heraufsteigen und selbst danken. "Es ist ein Wirrwarr

ohne Grenzen", fuhr der Kellner fort; "ich begreife nicht, warum Sie

zaudern, sich sehen zu lassen; man hält Sie für einen alten Oheim, den

man wieder zu umarmen leidenschaftlich verlangt. Gehen Sie hinunter,

ich bitte. Sind denn das nicht die Personen, die Sie erwarteten?

Verschmähen Sie ein allerliebstes Abenteuer nicht mutwillig;

sehens--und hörenswert ist die junge Schöne, es sind die anständigsten

Personen. Eilen Sie hinunter, sonst rücken sie Ihnen wahrlich auf die

Stube."

Leidenschaft erzeugt Leidenschaft. Bewegt, wie er war, sehnte er

sich nach etwas anderem, Fremdem. Er stieg hinab, in Hoffnung, sich

mit den Ankömmlingen in heiterem Gespräch zu erklären, aufzuklären,

fremde Zustände zu gewahren, sich zu zerstreuen, und doch war es ihm,

als ging' er einem bekannten ahnungsvollen Zustand entgegen. Nun

stand er vor der Türe; die Damen, die des Oheims Tritte zu hören

glaubten, eilten ihm entgegen, er trat ein. Welch ein

Zusammentreffen! Welch ein Anblick! Die sehr Schöne tat einen Schrei

und warf sich der ältern um den Hals, der Freund erkannte sie beide,

er schrak zurück, dann drängt' es ihn vorwärts, er lag zu ihren Füßen

und berührte ihre Hand, die er sogleich wieder losließ, mit dem

bescheidensten Kuß. Die Silben "Au-ro-ra!" erstarben auf seinen

Lippen.

Wenden wir unsern Blick nunmehr nach dem Hause unsres Freundes, so

finden wir daselbst ganz eigne Zustände. Die gute Alte wußte nicht,

was sie tun oder lassen sollte; sie unterhielt die Lampen des

Vorhauses und der Treppe; das Essen hatte sie vom Feuer gehoben,

einiges war unwiederbringlich verdorben. Die Kammerjungfer war bei

den schlafenden Kindern geblieben und hatte die vielen Kerzen der

Zimmer gehütet, so ruhig und geduldig als jene verdrießlich hin und

her fahrend.

Endlich rollte der Wagen vor, die Dame stieg aus und vernahm, ihr

Gemahl sei vor einigen Stunden abgerufen worden. Die Treppe

hinaufsteigend, schien sie von der festlichen Erleuchtung keine

Kenntnis zu nehmen. Nun erfuhr die Alte von dem Bedienten, ein

Unglück sei unterwegs begegnet, der Wagen in einen Graben geworfen

worden, und was alles nachher sich ereignet.

Die Dame trat ins Zimmer: "Was ist das für eine Maskerade?" sagte

sie, auf die Kinder deutend. "Es hätte Ihnen viel Vergnügen gemacht",

versetzte die Jungfer, "wären Sie einige Stunden früher angekommen."

Die Kinder, aus dem Schlafe gerüttelt, sprangen auf und begannen,

als sie die Mutter vor sich sahen, ihren eingelernten Spruch. Von

beiden Seiten verlegen, ging es eine Weile, dann, ohne Aufmunterung

und Nachhülfe, kam es zum Stocken, endlich brach es völlig ab, und

die guten Kleinen wurden mit einigen Liebkosungen zu Bette geschickt.

Die Dame sah sich allein, warf sich auf den Sofa und brach in bittre

Tränen aus.

Doch es wird nun ebenfalls notwendig, von der Dame selbst und von

dem, wie es scheint. übel abgelaufenen ländlichen Feste nähere

Nachricht zu geben. Albertine war eine von den Frauenzimmern, denen

man unter vier Augen nichts zu sagen hätte, die man aber sehr gern in

großer Gesellschaft sieht. Dort erscheinen sie als wahre Zierden des

Ganzen und als Reizmittel in jedem Augenblick einer Stockung. Ihre

Anmut ist von der Art, daß sie, um sich zu äußern, sich bequem

darzutun, einen gewissen Raum braucht, ihre Wirkungen verlangen ein

größeres Publikum, sie bedürfen eines Elements, das sie trägt, das sie

nötigt, anmutig zu sein; gegen den einzelnen wissen sie sich kaum zu

betragen.

Auch hatte der Hausfreund bloß dadurch ihre Gunst und erhielt sich

darin, weil er Bewegung auf Bewegung einzuleiten und immerfort, wenn

auch keinen großen, doch einen heitern Kreis im Treiben zu erhalten

wußte. Bei Rollenausteilungen wählte er sich die zärtlichen Väter

und wußte durch ein anständiges, altkluges Benehmen über die jüngeren

ersten, zweiten und dritten Liebhaber sich ein übergewicht zu

verschaffen.

Florine, Besitzerin eines bedeutenden Rittergutes in der Nähe,

winters in der Stadt wohnend, verpflichtet gegen Odoard, dessen

staatswirtliche Einrichtung zufälliger-, aber glücklicherweise ihrem

Landsitz höchlich zugute kam und den Ertrag desselben in der Folge

bedeutend zu vermehren die Aussicht gab, bezog sommers ihr Landgut und

machte es zum Schauplatze vielfacher anständiger Vergnügungen.

Geburtstage besonders wurden niemals verabsäumt und mannigfaltige

Feste veranstaltet.

Florine war ein munteres, neckisches Wesen, wie es schien, nirgends

anhänglich, auch keine Anhänglichkeit fordernd noch verlangend.

Leidenschaftliche Tänzerin, schätzte sie die Männer nur, insofern sie

sich gut im Takte bewegten; ewig rege Gesellschafterin, hielt sie

denjenigen unerträglich, der auch nur einen Augenblick vor sich hinsah

und nachzudenken schien; übrigens als heitere Liebhaberin, wie sie in

jedem Stück, jeder Oper nötig sind, sich gar anmutig darstellend,

weshalb denn zwischen ihr und Albertinen, welche die Anständigen

spielte, sich nie ein Rangstreit hervortat.

Den eintretenden Geburtstag in guter Gesellschaft zu feiern, war aus

der Stadt und aus dem Lande umher die beste Gesellschaft eingeladen.

Einen Tanz, schon nach dem Frühstück begonnen, setzte man nach Tafel

fort; die Bewegung zog sich in die Länge, man fuhr zu spät ab, und

von der Nacht auf schlimmem Wege, doppelt schlimm, weil er eben

gebessert wurde, ehe man's dachte, schon überrascht, versah's der

Kutscher und warf in einen Graben. Unsere Schöne mit Florinen und

dem Hausfreunde fühlten sich in schlimmer Verwickelung; der letzte

wußte sich schnell herauszuwinden, dann, über den Wagen sich biegend,

rief er: "Florine, wo bist du?" Albertine glaubte zu träumen; er

faßte hinein und zog Florinen, die oben lag, ohnmächtig hervor,

bemühte sich um sie und trug sie endlich auf kräftigem Arm den

wiedergefundenen Weg hin. Albertine stak noch im Wagen, Kutscher und

Bedienter halfen ihr heraus, und gestützt auf den letzten suchte sie

weiterzukommen. Der Weg war schlimm, für Tanzschuhe nicht günstig;

obgleich von dem Burschen unterstützt, strauchelte sie jeden

Augenblick. Aber im Innern sah es noch wilder, noch wüster aus. Wie

ihr geschah, wußte sie nicht, begriff sie nicht.

Allein als sie ins Wirtshaus trat, in der kleinen Stube Florinen auf

dem Bette, die Wirtin und Lelio um sie beschäftigt sah, ward sie

ihres Unglücks gewiß. Ein geheimes Verhältnis zwischen dem untreuen

Freund und der verräterischen Freundin offenbarte sich blitzschnell

auf einmal, sie mußte sehen, wie diese, die Augen aufschlagend, sich

dem Freund um den Hals warf, mit der Wonne einer neu

wiederauflebenden zärtlichsten Aneignung, wie die schwarzen Augen

wieder glänzten, eine frische Röte die bläßlichen Wangen auf einmal

wieder zierend färbte; wirklich sah sie verjüngt, reizend, allerliebst

aus.

Albertine stand vor sich hinschauend, einzeln, kaum bemerkt; jene

erholten sich, nahmen sich zusammen, der Schade war geschehen, man

war denn doch genötigt, sich wieder in den Wagen zu setzen, und in

der Hölle selbst könnten widerwärtig Gesinnte, Verratene mit

Verrätern so eng nicht zusammengepackt sein.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 14 / 24 题