Die zu Odoardos Vortrag angesetzte Frist war gekommen, welcher,
nachdem alles versammelt und beruhigt war, folgendermaßen zu reden
begann: "Das bedeutende Werk, an welchem teilzunehmen ich diese Masse
wackerer Männer einzuladen habe, ist Ihnen nicht ganz unbekannt, denn
ich habe ja schon im allgemeinen mit Ihnen davon gesprochen. Aus
meinen Eröffnungen geht hervor, daß in der alten Welt so gut wie in
der neuen Räume sind, welche einen bessern Anbau bedürfen, als ihnen
bisher zuteil ward. Dort hat die Natur große, weite Strecken
ausgebreitet, wo sie unberührt und eingewildert liegt, daß man sich
kaum getraut, auf sie loszugehen und ihr einen Kampf anzubieten. Und
doch ist es leicht für den Entschlossenen, ihr nach und nach die
Wüsteneien abzugewinnen und sich eines teilweisen Besitzes zu
versichern. In der alten Welt ist es das Umgekehrte. Hier ist
überall ein teilweiser Besitz schon ergriffen, mehr oder weniger
durch undenkliche Zeit das Recht dazu geheiligt; und wenn dort das
Grenzenlose als unüberwindliches Hindernis erscheint, so setzt hier
das Einfachbegrenzte beinahe noch schwerer zu überwindende
Hindernisse entgegen. Die Natur ist durch Emsigkeit, der Mensch
durch Gewalt oder überredung zu nötigen.
Wird der einzelne Besitz von der ganzen Gesellschaft für heilig
geachtet, so ist er es dem Besitzer noch mehr. Gewohnheit,
jugendliche Eindrücke, Achtung für Vorfahren, Abneigung gegen den
Nachbar und hunderterlei Dinge sind es, die den Besitzer starr und
gegen jede Veränderung widerwillig machen. Je älter dergleichen
Zustände sind, je verflochtener, je geteilter, desto schwieriger wird
es, das Allgemeine durchzuführen, das, indem es dem Einzelnen etwas
nähme, dem Ganzen und durch Rück--und Mitwirkung auch jenem wieder
unerwartet zugute käme.
Schon mehrere Jahre steh' ich im Namen meines Fürsten einer Provinz
vor, die, von seinen Staaten getrennt, lange nicht so, wie es möglich
wäre, benutzt wird. Eben diese Abgeschlossenheit oder
Eingeschlossenheit, wenn man will, hindert, daß bisher keine Anstalt
sich treffen ließ, die den Bewohnern Gelegenheit gegeben hätte, das,
was sie vermögen, nach außen zu verbreiten, und von außen zu
empfangen, was sie bedürfen.
Mit unumschränkter Vollmacht gebot ich in diesem Lande. Manches
Gute war zu tun, aber doch immer nur ein beschränktes; dem Bessern
waren überall Riegel vorgeschoben, und das Wünschenswerteste schien
in einer andern Welt zu liegen.
Ich hatte keine andere Verpflichtung, als gut hauszuhalten. Was ist
leichter als das! Ebenso leicht ist es, Mißbräuche zu beseitigen,
menschlicher Fähigkeiten sich zu bedienen, den Bestrebsamen
nachzuhelfen. Dies alles ließ sich mit Verstand und Gewalt recht
bequem leisten, dies alles tat sich gewissermaßen von selbst. Aber
wohin besonders meine Aufmerksamkeit, meine Sorge sich richtete, dies
waren die Nachbarn, die nicht mit gleichen Gesinnungen, am wenigsten
mit gleicher überzeugung ihre Landesteile regierten und regieren
ließen.
Beinahe hätte ich mich resigniert und mich innerhalb meiner Lage am
besten gehalten und das Herkömmliche, so gut als es sich tun ließ,
benutzt, aber ich bemerkte auf einmal, das Jahrhundert komme mir zu
Hülfe. Jüngere Beamte wurden in der Nachbarschaft angestellt, sie
hegten gleiche Gesinnungen, aber freilich nur im allgemeinen
wohlwollend, und pflichteten nach und nach meinen Planen zu
allseitiger Verbindung um so eher bei, als mich das Los traf, die
größeren Aufopferungen zuzugestehen, ohne daß gerade jemand merkte,
auch der größere Vorteil neige sich auf meine Seite.
So sind nun unser drei über ansehnliche Landesstrecken zu gebieten
befugt, unsre Fürsten und Minister sind von der Redlichkeit und
Nützlichkeit unsrer Vorschläge überzeugt; denn es gehört freilich
mehr dazu, seinen Vorteil im Großen als im Kleinen zu übersehen.
Hier zeigt uns immer die Notwendigkeit, was wir zu tun und zu lassen
haben, und da ist denn schon genug, wenn wir diesen Maßstab ans
Gegenwärtige legen; dort aber sollen wir eine Zukunft erschaffen, und
wenn auch ein durchdringender Geist den Plan dazu fände, wie kann er
hoffen, andere darin einstimmen zu sehen?
Noch würde dies dem einzelnen nicht gelingen; die Zeit, welche die
Geister frei macht, öffnet zugleich ihren Blick ins Weitere, und im
Weiteren läßt sich das Größere leicht erkennen, und eins der
stärksten Hindernisse menschlicher Handlungen wird leichter zu
entfernen. Dieses besteht nämlich darin, daß die Menschen wohl über
die Zwecke einig werden, viel seltener aber über die Mittel, dahin zu
gelangen. Denn das wahre Große hebt uns über uns selbst hinaus und
leuchtet uns vor wie ein Stern; die Wahl der Mittel aber ruft uns in
uns selbst zurück, und da wird der einzelne gerade, wie er war, und
fühlt sich ebenso isoliert, als hätt' er vorher nicht ins Ganze
gestimmt.
Hier also haben wir zu wiederholen: Das Jahrhundert muß uns zu Hülfe
kommen, die Zeit an die Stelle der Vernunft treten und in einem
erweiterten Herzen der höhere Vorteil den niedern verdrängen.
Hiermit sei es genug, und wär' es zu viel für den Augenblick, in der
Folge werd' ich einen jeden Teilnehmer daran erinnern. Genaue
Vermessungen sind geschehen, die Straßen bezeichnet, die Punkte
bestimmt, wo man die Gasthöfe und in der Folge vielleicht die Dörfer
heranrückt. Zu aller Art von Baulichkeiten ist Gelegenheit, ja
Notwendigkeit vorhanden. Treffliche Baumeister und Techniker
bereiten alles vor; Risse und Anschläge sind gefertigt; die Absicht
ist, größere und kleinere Akkorde abzuschließen und so mit genauer
Kontrolle die bereitliegenden Geldsummen, zur Verwunderung des
Mutterlandes, zu verwenden: da wir denn der schönsten Hoffnung leben,
es werde sich eine vereinte Tätigkeit nach allen Seiten von nun an
entwickeln.
Worauf ich nun aber die sämtlichen Teilnehmer aufmerksam zu machen
habe, weil es vielleicht auf ihre Entschließung Einfluß haben könnte,
ist die Einrichtung, die Gestalt, in welche wir alle Mitwirkenden
vereinigen und ihnen eine würdige Stellung unter sich und gegen die
übrige bürgerliche Welt zu schaffen gedenken.
Sobald wir jenen bezeichneten Boden betreten, werden die Handwerke
sogleich für Künste erklärt und durch die Bezeichnung "strenge
Künste" von den "freien" entschieden getrennt und abgesondert.
Diesmal kann hier nur von solchen Beschäftigungen die Rede sein,
welche den Aufbau sich zur Angelegenheit machen; die sämtlichen hier
anwesenden Männer, jung und alt, bekennen sich zu dieser Klasse.
Zählen wir sie her in der Folge, wie sie den Bau in die Höhe richten
und nach und nach zur Wohnbarkeit befördern.
Die Steinmetzen nenn' ich voraus, welche den Grund--und Eckstein
vollkommen bearbeiten, den sie mit Beihülfe der Maurer am rechten Ort
in der genauesten Bezeichnung niedersenken. Die Maurer folgen
hierauf, die auf den streng untersuchten Grund das Gegenwärtige und
Zukünftige wohl befestigen. Früher oder später bringt der Zimmermann
seine vorbereiteten Kontignationen herbei, und so steigt nach und
nach das Beabsichtigte in die Höhe. Den Dachdecker rufen wir eiligst
herbei; im Innern bedürfen wir des Tischers, Glasers, Schlossers, und
wenn ich den Tüncher zuletzt nenne, so geschieht es, weil er mit
seiner Arbeit zur verschiedensten Zeit eintreten kann, um zuletzt dem
Ganzen in--und auswendig einen gefälligen Schein zu geben. Mancher
Hülfsarbeiten gedenk' ich nicht, nur die Hauptsache verfolgend.
Die Stufen von Lehrling, Gesell und Meister müssen aufs strengste
beobachtet werden; auch können in diesen viele Abstufungen gelten,
aber Prüfungen können nicht sorgfältig genug sein. Wer herantritt,
weiß, daß er sich einer strengen Kunst ergibt, und er darf keine
läßlichen Forderungen von ihr erwarten; ein einziges Glied, das in
einer großen Kette bricht, vernichtet das Ganze. Bei großen
Unternehmungen wie bei großen Gefahren muß der Leichtsinn verbannt
sein.
Gerade hier muß die strenge Kunst der freien zum Muster dienen und
sie zu beschämen trachten. Sehen wir die sogenannten freien Künste
an, die doch eigentlich in einem höhern Sinne zu nehmen und zu nennen
sind, so findet man, daß es ganz gleichgültig ist, ob sie gut oder
schlecht betrieben werden. Die schlechteste Statue steht auf ihren
Füßen wie die beste, eine gemalte Figur schreitet mit verzeichneten
Füßen gar munter vorwärts, ihre mißgestalteten Arme greifen gar
kräftig zu, die Figuren stehen nicht auf dem richtigen Plan, und der
Boden fällt deswegen nicht zusammen. Bei der Musik ist es noch
auffallender; die gellende Fiedel einer Dorfschenke erregt die wackern
Glieder aufs kräftigste, und wir haben die unschicklichsten
Kirchenmusiken gehört, bei denen der Gläubige sich erbaute. Wollt
ihr nun gar auch die Poesie zu den freien Künsten rechnen, so werdet
ihr freilich sehen, daß diese kaum weiß, wo sie eine Grenze finden
soll. Und doch hat jede Kunst ihre innern Gesetze, deren
Nichtbeobachtung aber der Menschheit keinen Schaden bringt; dagegen
die strengen Künste dürfen sich nichts erlauben. Den freien Künstler
darf man loben, man kann an seinen Vorzügen Gefallen finden,
wenngleich seine Arbeit bei näherer Untersuchung nicht Stich hält.
Betrachten wir aber die beiden, sowohl die freien als strengen
Künste, in ihren vollkommensten Zuständen, so hat sich diese vor
Pedanterei und Bocksbeutelei, jene vor Gedankenlosigkeit und
Pfuscherei zu hüten. Wer sie zu leiten hat, wird hierauf aufmerksam
machen, Mißbräuche und Mängel werden dadurch verhütet werden.
Ich wiederhole mich nicht, denn unser ganzes Leben wird eine
Wiederholung des Gesagten sein; ich bemerke nur noch folgendes: Wer
sich einer strengen Kunst ergibt, muß sich ihr fürs Leben widmen.
Bisher nannte man sie Handwerk, ganz angemessen und richtig; die
Bekenner sollten mit der Hand wirken, und die Hand, soll sie das, so
muß ein eigenes Leben sie beseelen, sie muß eine Natur für sich sein,
ihre eignen Gedanken, ihren eignen Willen haben, und das kann sie
nicht auf vielerlei Weise."
Nachdem der Redende mit noch einigen hinzugefügten guten Worten
geschlossen hatte, richteten die sämtlichen Anwesenden sich auf, und
die Gewerke, anstatt abzuziehen, bildeten einen regelmäßigen Kreis
vor der Tafel der anerkannten Oberen. Odoard reichte den sämtlichen
ein gedrucktes Blatt umher, wovon sie, nach einer bekannten Melodie,
mäßig munter ein zutrauliches Lied sangen:
"Bleiben, Gehen, Gehen, Bleiben
Sei fortan dem Tücht'gen gleich.
Wo wir Nützliches betreiben,
Ist der werteste Bereich.
Dir zu folgen, wird ein Leichtes,
Wer gehorchet, der erreicht es,
Zeig' ein festes Vaterland.
Heil dem Führer! Heil dem Band!
Du verteilest Kraft und Bürde
Und erwägst es ganz genau,
Gibst dem Alten Ruh' und Würde,
Jünglingen Geschäft und Frau.
Wechselseitiges Vertrauen
Wird ein reinlich Häuschen bauen,
Schließen Hof und Gartenzaun,
Auch der Nachbarschaft vertraun.
Wo an wohlgebahnten Straßen
Man in neuer Schenke weilt,
Wo dem Fremdling reicher Maßen
Ackerfeld ist zugeteilt,
Siedeln wir uns an mit andern.
Eilet, eilet, einzuwandern
In das feste Vaterland.
Heil dir Führer! Heil dir Band!"