Unter den Papieren, die uns zur Redaktion vorliegen, finden wir
einen Schwank, den wir ohne weitere Vorbereitung hier einschalten,
weil unsre Angelegenheiten immer ernsthafter werden und wir für
dergleichen Unregelmäßigkeiten fernerhin keine Stelle finden möchten.
Im ganzen möchte diese Erzählung dem Leser nicht unangenehm sein,
wie sie St. Christoph am heitern Abend einem Kreise versammelter
lustiger Gesellen vortrug. Die gefährliche Wette
Es ist bekannt, daß die Menschen, sobald es ihnen einigermaßen wohl
und nach ihrem Sinne geht, alsobald nicht wissen, was sie vor übermut
anfangen sollen; und so hatten denn auch mutwillige Studenten die
Gewohnheit, während der Ferien scharenweis das Land zu durchziehen
und nach ihrer Art Suiten zu reißen, welche freilich nicht immer die
besten Folgen hatten. Sie waren gar verschiedener Art, wie sie das
Burschenleben zusammenführt und bindet. Ungleich von Geburt und
Wohlhabenheit, Geist und Bildung, aber alle gesellig in einem heitern
Sinne miteinander sich fortbewegend und treibend. Mich aber wählten
sie oft zum Gesellen: denn wenn ich schwerere Lasten trug als einer
von ihnen, so mußten sie mir denn auch den Ehrentitel eines großen
Suitiers erteilen, und zwar hauptsächlich deshalb, weil ich seltener,
aber desto kräftiger meine Possen trieb, wovon denn folgendes ein
Zeugnis geben mag.
Wir hatten auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht,
das bei einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und
in großer Einsamkeit ein paar hübsche Mädchen zu Bewohnerinnen hatte.
Man wollte ausruhen, die Zeit verschleudern, verliebeln, eine Weile
wohlfeiler leben und deshalb desto mehr Geld vergeuden.
Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhöhten, andere im
erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren
Rausch aus; die andern hätten ihn gern auf irgendeine mutwillige
Weise ausgelassen. Wir hatten ein paar große Zimmer im Seitenflügel
nach dem Hof zu. Eine schöne Equipage, die mit vier Pferden
hereinrasselte, zog uns an die Fenster. Die Bedienten sprangen vom
Bock und halfen einem Herrn von stattlichem, vornehmem Ansehen heraus,
der ungeachtet seiner Jahre noch rüstig genug auftrat. Seine große,
wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht, und ich weiß nicht,
was für ein böser Geist mich anhauchte, so daß ich in einem
Augenblick den tollsten Plan erfand und ihn, ohne weiter zu denken,
sogleich auszuführen begann.
"Was dünkt euch von diesem Herrn?" fragte ich die Gesellschaft.--"Er
sieht aus", versetzte der eine, "als ob er nicht mit sich spaßen
lasse." --"Ja, ja", sagte der andre, "er hat ganz das Ansehen so
eines vornehmen Rührmichnichtan."--"Und dessenungeachtet", erwiderte
ich ganz getrost, "was wettet ihr, ich will ihn bei der Nase zupfen,
ohne daß mir deshalb etwas übles widerfahre; ja ich will mir sogar
dadurch einen gnädigen Herrn an ihm verdienen."
"Wenn du es leistest", sagte Raufbold, "so zahlt dir jeder einen
Louisdor." --"Kassieren Sie das Geld für mich ein", rief ich aus;
"auf Sie verlasse ich mich."--"Ich möchte lieber einem Löwen ein Haar
von der Schnauze raufen", sagte der Kleine.--"Ich habe keine Zeit zu
verlieren", versetzte ich und sprang die Treppe hinunter.
Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt, daß er einen
sehr starken Bart hatte, und vermutete, daß keiner von seinen Leuten
rasieren könne. Nun begegnete ich dem Kellner und fragte: "Hat der
Fremde nicht nach einem Barbier gefragt?"-- "Freilich!" versetzte der
Kellner, "und es ist eine rechte Not. Der Kammerdiener des Herrn ist
schon zwei Tage zurückgeblieben. Der Herr will seinen Bart absolut
los sein, und unser einziger Barbier, wer weiß, wo er in die
Nachbarschaft hingegangen."
"So meldet mich an", versetzte ich; "führt mich als Bartscherer bei
dem Herrn nur ein, und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen." Ich nahm
das Rasierzeug, das ich im Hause fand, und folgte dem Kellner.
Der alte Herr empfing mich mit großer Gravität, besah mich von oben
bis unten, als ob er meine Geschicklichkeit aus mir
herausphysiognomieren wollte. "Versteht Er Sein Handwerk?" sagte er
zu mir.
"Ich suche meinesgleichen", versetzte ich, "ohne mich zu rühmen."
Auch war ich meiner Sache gewiß: denn ich hatte früh die edle Kunst
getrieben und war besonders deswegen berühmt, weil ich mit der linken
Hand rasierte.
Das Zimmer, in welchem der Herr seine Toilette machte, ging nach dem
Hof und war gerade so gelegen, daß unsere Freunde füglich hereinsehen
konnten, besonders wenn die Fenster offen waren. An gehöriger
Vorrichtung fehlte nichts mehr. Der Patron hatte sich gesetzt und das
Tuch vorgenommen. Ich trat ganz bescheidentlich vor ihn hin und
sagte: "Exzellenz! mir ist bei Ausübung meiner Kunst das Besondere
vorgekommen, daß ich die gemeinen Leute besser und zu mehrerer
Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen. Darüber habe ich denn
lange nachgedacht und die Ursache bald da, bald dort gesucht, endlich
aber gefunden, daß ich meine Sache in freier Luft viel besser mache
als in verschlossenen Zimmern. Wollten Ew. Exzellenz deshalb
erlauben, daß ich die Fenster aufmache, so würden Sie den Effekt zu
eigener Zufriedenheit gar bald empfinden." Er gab es zu, ich öffnete
das Fenster, gab meinen Freunden einen Wink und fing an, den starken
Bart mit großer Anmut einzuseifen. Ebenso behend und leicht strich
ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht versäumte, als es
an die Oberlippe kam, meinen Gönner bei der Nase zu fassen und sie
merklich herüber und hinüber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen
wußte, daß die Wettenden zu ihrem größten Vergnügen erkennen und
bekennen mußten, ihre Seite habe verloren.
Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel: man sah,
daß er sich mit einiger Gefälligkeit betrachtete, und wirklich, es
war ein sehr schöner Mann. Dann wendete er sich zu mir mit einem
feurigen, schwarzen, aber freundlichen Blick und sagte: "Er verdient,
mein Freund, vor vielen seinesgleichen gelobt zu werden, denn ich
bemerke an Ihm weit weniger Unarten als an andern. So fährt Er nicht
zwei-, dreimal über dieselbige Stelle, sondern es ist mit einem
Strich getan; auch streicht Er nicht, wie mehrere tun, sein
Schermesser in der flachen Hand ab und führt den Unrat nicht der
Person über die Nase. Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der
linken Hand zu bewundern. Hier ist etwas für Seine Mühe", fuhr er
fort, indem er mir einen Gulden reichte. "Nur eines merk' Er sich:
daß man Leute von Stande nicht bei der Nase faßt. Wird Er diese
bäurische Sitte künftig vermeiden, so kann Er wohl noch in der Welt
sein Glück machen."
Ich verneigte mich tief, versprach alles mögliche, bat ihn, bei
allenfallsiger Rückkehr mich wieder zu beehren, und eilte, was ich
konnte, zu unseren jungen Gesellen, die mir zuletzt ziemlich Angst
gemacht hatten. Denn sie verführten ein solches Gelächter und ein
solches Geschrei, sprangen wie toll in der Stube herum, klatschten
und riefen, weckten die Schlafenden und erzählten die Begebenheit
immer mit neuem Lachen und Toben, daß ich selbst, als ich ins Zimmer
trat, die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen
bat, ruhig zu sein, endlich aber mitlachen mußte über das Aussehen
einer närrischen Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgeführt
hatte.
Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens
einigermaßen gelegt hatten, hielt ich mich für glücklich; die
Goldstücke hatte ich in der Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu,
und ich hielt mich für ganz wohl ausgestattet, welches mir um so
erwünschter war, als die Gesellschaft beschlossen hatte, des andern
Tages auseinanderzugehen. Aber uns war nicht bestimmt, mit Zucht und
Ordnung zu scheiden. Die Geschichte war zu reizend, als daß man sie
hätte bei sich behalten können, so sehr ich auch gebeten und
beschworen hatte, nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu
halten. Einer bei uns, der Fahrige genannt, hatte ein
Liebesverständnis mit der Tochter des Hauses. Sie kamen zusammen, und
Gott weiß, ob er sie nicht besser zu unterhalten wußte, genug, er
erzählt ihr den Spaß, und so wollten sie sich nun zusammen totlachen.
Dabei blieb es nicht, sondern das Mädchen brachte die Märe lachend
weiter, und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den
alten Herrn gelangen.
Wir saßen ruhiger als sonst: denn es war den Tag über genug getobt
worden, als auf einmal der kleine Kellner, der uns sehr zugetan war,
hereinsprang und rief: "Rettet euch, man wird euch totschlagen!" Wir
fuhren auf und wollten mehr wissen; er aber war schon zur Türe wieder
hinaus. Ich sprang auf und schob den Nachtriegel vor; schon aber
hörten wir an der Türe pochen und schlagen, ja wir glaubten zu hören,
daß sie durch eine Axt gespalten werde. Maschinenmäßig zogen wir uns
ins zweite Zimmer zurück, alle waren verstummt: "Wir sind verraten",
rief ich aus, "der Teufel hat uns bei der Nase!"
Raufbold griff nach seinem Degen, ich zeigte hier abermals meine
Riesenkraft und schob ohne Beihülfe eine schwere Kommode vor die Türe,
die glücklicherweise hereinwärts ging. Doch hörten wir schon das
Gepolter im Vorzimmer und die heftigsten Schläge an unsere Türe.
Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber
rief ich ihm und den übrigen zu: "Rettet euch! hier sind Schläge zu
fürchten nicht allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere für den
Edelgebornen." Das Mädchen stürzte herein, dieselbe, die uns
verraten hatte, nun verzweifelnd, ihren Liebhaber in Todesgefahr zu
wissen. "Fort, fort!" rief sie und faßte ihn an; "fort, fort! ich
bring' euch über Böden, Scheunen und Gänge. Kommt alle, der letzte
zieht die Leiter nach."
Alles stürzte nun zur Hintertüre hinaus; ich hob noch einen Koffer
auf die Kiste, um die schon hereinbrechenden Füllungen der belagerten
Türe zurückzuschieben und festzuhalten. Aber meine Beharrlichkeit,
mein Trutz wollte mir verderblich werden.
Als ich den übrigen nachzueilen rannte, fand ich die Leiter schon
aufgezogen und sah alle Hoffnung, mich zu retten, gänzlich versperrt.
Da steh' ich nun, ich, der eigentliche Verbrecher, der ich mit
heiler Haut, mit ganzen Knochen zu entrinnen schon aufgab. Und wer
weiß--doch laßt mich immer dort in Gedanken stehen, da ich jetzt hier
gegenwärtig euch das Märchen vorerzählen kann. Nur vernehmt noch, daß
diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor.
Der alte Herr, tief gekränkt von Verhöhnung ohne Rache, zog sich's
zu Gemüte, und man behauptet, dieses Ereignis habe seinen Tod zur
Folge gehabt, wo nicht unmittelbar, doch mitwirkend. Sein Sohn, den
Tätern auf die Spur zu gelangen trachtend, erfuhr unglücklicherweise
die Teilnahme Raufbolds, und erst nach Jahren hierüber ganz klar,
forderte er diesen heraus, und eine Wunde, ihn, den schönen Mann,
entstellend, ward ärgerlich für das ganze Leben. Auch seinem Gegner
verdarb dieser Handel einige schöne Jahre, durch zufällig sich
anschließende Ereignisse.
Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll, so ist euch allen,
wohin die gegenwärtige gemeint sei, wohl überklar und deutlich.