Achtes Kapitel

Unter den Papieren, die uns zur Redaktion vorliegen, finden wir

einen Schwank, den wir ohne weitere Vorbereitung hier einschalten,

weil unsre Angelegenheiten immer ernsthafter werden und wir für

dergleichen Unregelmäßigkeiten fernerhin keine Stelle finden möchten.

Im ganzen möchte diese Erzählung dem Leser nicht unangenehm sein,

wie sie St. Christoph am heitern Abend einem Kreise versammelter

lustiger Gesellen vortrug. Die gefährliche Wette

Es ist bekannt, daß die Menschen, sobald es ihnen einigermaßen wohl

und nach ihrem Sinne geht, alsobald nicht wissen, was sie vor übermut

anfangen sollen; und so hatten denn auch mutwillige Studenten die

Gewohnheit, während der Ferien scharenweis das Land zu durchziehen

und nach ihrer Art Suiten zu reißen, welche freilich nicht immer die

besten Folgen hatten. Sie waren gar verschiedener Art, wie sie das

Burschenleben zusammenführt und bindet. Ungleich von Geburt und

Wohlhabenheit, Geist und Bildung, aber alle gesellig in einem heitern

Sinne miteinander sich fortbewegend und treibend. Mich aber wählten

sie oft zum Gesellen: denn wenn ich schwerere Lasten trug als einer

von ihnen, so mußten sie mir denn auch den Ehrentitel eines großen

Suitiers erteilen, und zwar hauptsächlich deshalb, weil ich seltener,

aber desto kräftiger meine Possen trieb, wovon denn folgendes ein

Zeugnis geben mag.

Wir hatten auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht,

das bei einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und

in großer Einsamkeit ein paar hübsche Mädchen zu Bewohnerinnen hatte.

Man wollte ausruhen, die Zeit verschleudern, verliebeln, eine Weile

wohlfeiler leben und deshalb desto mehr Geld vergeuden.

Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhöhten, andere im

erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren

Rausch aus; die andern hätten ihn gern auf irgendeine mutwillige

Weise ausgelassen. Wir hatten ein paar große Zimmer im Seitenflügel

nach dem Hof zu. Eine schöne Equipage, die mit vier Pferden

hereinrasselte, zog uns an die Fenster. Die Bedienten sprangen vom

Bock und halfen einem Herrn von stattlichem, vornehmem Ansehen heraus,

der ungeachtet seiner Jahre noch rüstig genug auftrat. Seine große,

wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht, und ich weiß nicht,

was für ein böser Geist mich anhauchte, so daß ich in einem

Augenblick den tollsten Plan erfand und ihn, ohne weiter zu denken,

sogleich auszuführen begann.

"Was dünkt euch von diesem Herrn?" fragte ich die Gesellschaft.--"Er

sieht aus", versetzte der eine, "als ob er nicht mit sich spaßen

lasse." --"Ja, ja", sagte der andre, "er hat ganz das Ansehen so

eines vornehmen Rührmichnichtan."--"Und dessenungeachtet", erwiderte

ich ganz getrost, "was wettet ihr, ich will ihn bei der Nase zupfen,

ohne daß mir deshalb etwas übles widerfahre; ja ich will mir sogar

dadurch einen gnädigen Herrn an ihm verdienen."

"Wenn du es leistest", sagte Raufbold, "so zahlt dir jeder einen

Louisdor." --"Kassieren Sie das Geld für mich ein", rief ich aus;

"auf Sie verlasse ich mich."--"Ich möchte lieber einem Löwen ein Haar

von der Schnauze raufen", sagte der Kleine.--"Ich habe keine Zeit zu

verlieren", versetzte ich und sprang die Treppe hinunter.

Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt, daß er einen

sehr starken Bart hatte, und vermutete, daß keiner von seinen Leuten

rasieren könne. Nun begegnete ich dem Kellner und fragte: "Hat der

Fremde nicht nach einem Barbier gefragt?"-- "Freilich!" versetzte der

Kellner, "und es ist eine rechte Not. Der Kammerdiener des Herrn ist

schon zwei Tage zurückgeblieben. Der Herr will seinen Bart absolut

los sein, und unser einziger Barbier, wer weiß, wo er in die

Nachbarschaft hingegangen."

"So meldet mich an", versetzte ich; "führt mich als Bartscherer bei

dem Herrn nur ein, und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen." Ich nahm

das Rasierzeug, das ich im Hause fand, und folgte dem Kellner.

Der alte Herr empfing mich mit großer Gravität, besah mich von oben

bis unten, als ob er meine Geschicklichkeit aus mir

herausphysiognomieren wollte. "Versteht Er Sein Handwerk?" sagte er

zu mir.

"Ich suche meinesgleichen", versetzte ich, "ohne mich zu rühmen."

Auch war ich meiner Sache gewiß: denn ich hatte früh die edle Kunst

getrieben und war besonders deswegen berühmt, weil ich mit der linken

Hand rasierte.

Das Zimmer, in welchem der Herr seine Toilette machte, ging nach dem

Hof und war gerade so gelegen, daß unsere Freunde füglich hereinsehen

konnten, besonders wenn die Fenster offen waren. An gehöriger

Vorrichtung fehlte nichts mehr. Der Patron hatte sich gesetzt und das

Tuch vorgenommen. Ich trat ganz bescheidentlich vor ihn hin und

sagte: "Exzellenz! mir ist bei Ausübung meiner Kunst das Besondere

vorgekommen, daß ich die gemeinen Leute besser und zu mehrerer

Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen. Darüber habe ich denn

lange nachgedacht und die Ursache bald da, bald dort gesucht, endlich

aber gefunden, daß ich meine Sache in freier Luft viel besser mache

als in verschlossenen Zimmern. Wollten Ew. Exzellenz deshalb

erlauben, daß ich die Fenster aufmache, so würden Sie den Effekt zu

eigener Zufriedenheit gar bald empfinden." Er gab es zu, ich öffnete

das Fenster, gab meinen Freunden einen Wink und fing an, den starken

Bart mit großer Anmut einzuseifen. Ebenso behend und leicht strich

ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht versäumte, als es

an die Oberlippe kam, meinen Gönner bei der Nase zu fassen und sie

merklich herüber und hinüber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen

wußte, daß die Wettenden zu ihrem größten Vergnügen erkennen und

bekennen mußten, ihre Seite habe verloren.

Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel: man sah,

daß er sich mit einiger Gefälligkeit betrachtete, und wirklich, es

war ein sehr schöner Mann. Dann wendete er sich zu mir mit einem

feurigen, schwarzen, aber freundlichen Blick und sagte: "Er verdient,

mein Freund, vor vielen seinesgleichen gelobt zu werden, denn ich

bemerke an Ihm weit weniger Unarten als an andern. So fährt Er nicht

zwei-, dreimal über dieselbige Stelle, sondern es ist mit einem

Strich getan; auch streicht Er nicht, wie mehrere tun, sein

Schermesser in der flachen Hand ab und führt den Unrat nicht der

Person über die Nase. Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der

linken Hand zu bewundern. Hier ist etwas für Seine Mühe", fuhr er

fort, indem er mir einen Gulden reichte. "Nur eines merk' Er sich:

daß man Leute von Stande nicht bei der Nase faßt. Wird Er diese

bäurische Sitte künftig vermeiden, so kann Er wohl noch in der Welt

sein Glück machen."

Ich verneigte mich tief, versprach alles mögliche, bat ihn, bei

allenfallsiger Rückkehr mich wieder zu beehren, und eilte, was ich

konnte, zu unseren jungen Gesellen, die mir zuletzt ziemlich Angst

gemacht hatten. Denn sie verführten ein solches Gelächter und ein

solches Geschrei, sprangen wie toll in der Stube herum, klatschten

und riefen, weckten die Schlafenden und erzählten die Begebenheit

immer mit neuem Lachen und Toben, daß ich selbst, als ich ins Zimmer

trat, die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen

bat, ruhig zu sein, endlich aber mitlachen mußte über das Aussehen

einer närrischen Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgeführt

hatte.

Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens

einigermaßen gelegt hatten, hielt ich mich für glücklich; die

Goldstücke hatte ich in der Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu,

und ich hielt mich für ganz wohl ausgestattet, welches mir um so

erwünschter war, als die Gesellschaft beschlossen hatte, des andern

Tages auseinanderzugehen. Aber uns war nicht bestimmt, mit Zucht und

Ordnung zu scheiden. Die Geschichte war zu reizend, als daß man sie

hätte bei sich behalten können, so sehr ich auch gebeten und

beschworen hatte, nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu

halten. Einer bei uns, der Fahrige genannt, hatte ein

Liebesverständnis mit der Tochter des Hauses. Sie kamen zusammen, und

Gott weiß, ob er sie nicht besser zu unterhalten wußte, genug, er

erzählt ihr den Spaß, und so wollten sie sich nun zusammen totlachen.

Dabei blieb es nicht, sondern das Mädchen brachte die Märe lachend

weiter, und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den

alten Herrn gelangen.

Wir saßen ruhiger als sonst: denn es war den Tag über genug getobt

worden, als auf einmal der kleine Kellner, der uns sehr zugetan war,

hereinsprang und rief: "Rettet euch, man wird euch totschlagen!" Wir

fuhren auf und wollten mehr wissen; er aber war schon zur Türe wieder

hinaus. Ich sprang auf und schob den Nachtriegel vor; schon aber

hörten wir an der Türe pochen und schlagen, ja wir glaubten zu hören,

daß sie durch eine Axt gespalten werde. Maschinenmäßig zogen wir uns

ins zweite Zimmer zurück, alle waren verstummt: "Wir sind verraten",

rief ich aus, "der Teufel hat uns bei der Nase!"

Raufbold griff nach seinem Degen, ich zeigte hier abermals meine

Riesenkraft und schob ohne Beihülfe eine schwere Kommode vor die Türe,

die glücklicherweise hereinwärts ging. Doch hörten wir schon das

Gepolter im Vorzimmer und die heftigsten Schläge an unsere Türe.

Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber

rief ich ihm und den übrigen zu: "Rettet euch! hier sind Schläge zu

fürchten nicht allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere für den

Edelgebornen." Das Mädchen stürzte herein, dieselbe, die uns

verraten hatte, nun verzweifelnd, ihren Liebhaber in Todesgefahr zu

wissen. "Fort, fort!" rief sie und faßte ihn an; "fort, fort! ich

bring' euch über Böden, Scheunen und Gänge. Kommt alle, der letzte

zieht die Leiter nach."

Alles stürzte nun zur Hintertüre hinaus; ich hob noch einen Koffer

auf die Kiste, um die schon hereinbrechenden Füllungen der belagerten

Türe zurückzuschieben und festzuhalten. Aber meine Beharrlichkeit,

mein Trutz wollte mir verderblich werden.

Als ich den übrigen nachzueilen rannte, fand ich die Leiter schon

aufgezogen und sah alle Hoffnung, mich zu retten, gänzlich versperrt.

Da steh' ich nun, ich, der eigentliche Verbrecher, der ich mit

heiler Haut, mit ganzen Knochen zu entrinnen schon aufgab. Und wer

weiß--doch laßt mich immer dort in Gedanken stehen, da ich jetzt hier

gegenwärtig euch das Märchen vorerzählen kann. Nur vernehmt noch, daß

diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor.

Der alte Herr, tief gekränkt von Verhöhnung ohne Rache, zog sich's

zu Gemüte, und man behauptet, dieses Ereignis habe seinen Tod zur

Folge gehabt, wo nicht unmittelbar, doch mitwirkend. Sein Sohn, den

Tätern auf die Spur zu gelangen trachtend, erfuhr unglücklicherweise

die Teilnahme Raufbolds, und erst nach Jahren hierüber ganz klar,

forderte er diesen heraus, und eine Wunde, ihn, den schönen Mann,

entstellend, ward ärgerlich für das ganze Leben. Auch seinem Gegner

verdarb dieser Handel einige schöne Jahre, durch zufällig sich

anschließende Ereignisse.

Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll, so ist euch allen,

wohin die gegenwärtige gemeint sei, wohl überklar und deutlich.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 12 / 24 题