Bekanntschaften, wenn sie sich auch gleichgültig ankündigen, haben
oft die wichtigsten Folgen, und nun gar die Ihrige, die gleich von
Anfang nicht gleichgültig war. Der wunderliche Schlüssel kam in
meine Hände als ein seltsames Pfand; nun besitze ich das Kästchen
auch. Schlüssel und Kästchen, was sagen Sie dazu? Was soll man dazu
sagen? Hören Sie, wie's zuging:
Ein junger, feiner Mann läßt sich bei meinem Oheim melden und
erzählt, daß der kuriose Antiquitätenkrämer, der mit Ihnen lange in
Verbindung gestanden, vor kurzem gestorben sei und ihm die ganze
merkwürdige Verlassenschaft übertragen, zugleich aber zur Pflicht
gemacht habe, alles fremde Eigentum, was eigentlich nur deponiert sei,
unverzüglich zurückzugeben. Eignes Gut beunruhige niemanden, denn
man habe den Verlust allein zu ertragen; fremdes Gut jedoch zu
bewahren, habe er sich nur in besondern Fällen erlaubt, ihm wolle er
diese Last nicht aufbürden, ja er verbiete ihm, in väterlicher Liebe
und Autorität, sich damit zu befassen. Und hiermit zog er das
Kästchen hervor, das, wenn ich es schon aus der Beschreibung kannte,
mir doch ganz vorzüglich in die Augen fiel.
Der Oheim, nachdem er es von allen Seiten besehen, gab es zurück und
sagte: Auch er habe es sich zur Pflicht gemacht, in gleichem Sinne zu
handeln und sich mit keiner Antiquität, sie sei auch noch so schön
und wunderbar, zu belasten, wenn er nicht wisse, wem sie früher
angehört und was für eine historische Merkwürdigkeit damit zu
verknüpfen sei. Nun zeige dieses Kästchen weder Buchstaben noch
Ziffer, weder Jahreszahl noch sonst eine Andeutung, woraus man den
frühern Besitzer oder Künstler erraten könne, es sei ihm also völlig
unnütz und ohne Interesse.
Der junge Mann stand in großer Verlegenheit und fragte nach einigem
Besinnen, ob er nicht erlauben wolle, solches bei seinen Gerichten
niederzulegen? Der Oheim lächelte, wandte sich zu mir und sprach:
"Das wär' ein hübsches Geschäft für dich, Hersilie; du hast ja auch
allerlei Schmuck und zierliche Kostbarkeiten, leg' es dazu; denn ich
wollte wetten, der Freund, der dir nicht gleichgültig blieb, kommt
gelegentlich wieder und holt es ab."
Das muß ich nun so hinschreiben, wenn ich treu erzählen will, und
sodann muß ich bekennen, ich sah das Kästchen mit neidischen Augen an,
und eine gewisse Habsucht bemächtigte sich meiner. Mir widerte, das
herrliche, dem holden Felix vom Schicksal zugedachte Schatzkästlein
in dem alt-eisernen, verrosteten Depositenkasten der Gerichtsstube zu
wissen. Wünschelrutenartig zog sich die Hand darnach, mein bißchen
Vernunft hielt sie zurück; ich hatte ja den Schlüssel, das durfte ich
nicht entdecken; und sollte ich mir die Qual antun, das Schloß
uneröffnet zu lassen, oder mich der unbefugten Kühnheit hingeben, es
aufzuschließen? Allein ich weiß nicht, war es Wunsch oder Ahnung, ich
stellte mir vor, Sie kämen, kämen bald, wären schon da, wenn ich auf
mein Zimmer träte; genug, es war mir so wunderlich, so seltsam, so
konfus, wie es mir immer geht, wenn ich aus meiner gleichmütigen
Heiterkeit herausgenötigt werde. Ich sage nichts weiter, beschreibe
nicht, entschuldige nicht; genug, hier liegt das Kästchen vor mir in
meiner Schatulle, der Schlüssel daneben, und wenn Sie eine Art von
Herz und Gemüt haben, so denken Sie, wie mir zumute ist, wie viele
Leidenschaften sich in mir herumkämpfen, wie ich Sie herwünsche, auch
wohl Felix dazu, daß es ein Ende werde, wenigstens daß eine Deutung
vorgehe, was damit gemeint sei, mit diesem wunderbaren Finden,
Wiederfinden, Trennen und Vereinigen; und sollte ich auch nicht aus
aller Verlegenheit gerettet werden, so wünsche ich wenigstens
sehnlichste daß diese sich aufkläre, sich endige, wenn mir auch, wie
ich fürchte, etwas Schlimmeres begegnen sollte.