Drittes Kapitel

Vorstehender wunderliche Brief war freilich schon lange geschrieben

und hin und wider getragen worden, bis er endlich, der Aufschrift

gemäß, diesmal abgegeben werden konnte. Wilhelm nahm sich vor, mit

dem ersten Boten, dessen Absendung bevorstand, freundlich, aber

ablehnend zu antworten. Hersilie schien die Entfernung nicht zu

berechnen, und er war gegenwärtig zu ernstlich beschäftigt, als daß

ihn auch nur die mindeste Neugierde, was in jenem Kästchen befindlich

sein möchte, hätte reizen dürfen.

Auch gaben ihm einige Unfälle, die den derbsten Gliedern dieser

tüchtigen Gesellschaft begegneten, Gelegenheit, sich meisterhaft in

der von ihm ergriffenen Kunst zu beweisen. Und wie ein Wort das

andere gibt, so folgt noch glücklicher eine Tat aus der andern, und

wenn dadurch zuletzt auch wieder Worte veranlaßt werden, so sind

diese um so fruchtbarer und geisterhebender. Die Unterhaltungen

waren daher so belehrend als ergötzlich, denn die Freunde gaben sich

wechselseitig Rechenschaft vom Gange des bisherigen Lernens und Tuns,

woraus eine Bildung entstanden war, die sie wechselseitig erstaunen

machte, dergestalt, daß sie sich untereinander erst selbst wieder

mußten kennen lernen.

Eines Abends also fing Wilhelm seine Erzählung an: "Meine Studien

als Wundarzt suchte ich sogleich in einer großen Anstalt der größten

Stadt, wo sie nur allein möglich wird, zu fördern; zur Anatomie als

Grundstudium wendete ich mich sogleich mit Eifer.

Auf eine sonderbare Weise, welche niemand erraten würde, war ich

schon in Kenntnis der menschlichen Gestalt weit vorgeschritten, und

zwar während meiner theatralischen Laufbahn; alles genau besehen,

spielt denn doch der körperliche Mensch da die Hauptrolle, ein

schöner Mann, eine schöne Frau! Ist der Direktor glücklich genug,

ihrer habhaft zu werden, so sind Komödien--und Tragödiendichter

geborgen. Der losere Zustand, in dem eine solche Gesellschaft lebt,

macht ihre Genossen mehr mit der eigentlichen Schönheit der

unverhüllten Glieder bekannt als irgendein anderes Verhältnis; selbst

verschiedene Kostüms nötigen, zur Evidenz zu bringen, was sonst

herkömmlich verhüllt wird. Hievon hätt' ich viel zu sagen, so auch

von körperlichen Mängeln, welche der kluge Schauspieler an sich und

andern kennen muß, um sie, wo nicht zu verbessern, wenigstens zu

verbergen, und auf diese Weise war ich vorbereitet genug, dem

anatomischen Vortrag, der die äußern Teile näher kennen lehrte, eine

folgerechte Aufmerksamkeit zu schenken; so wie mir denn auch die

innern Teile nicht fremd waren, indem ein gewisses Vorgefühl davon mir

immer gegenwärtig geblieben war. Unangenehm hindernd war bei dem

Studium die immer wiederholte Klage vom Mangel der Gegenstände, über

die nicht hinreichende Anzahl der verbliebenen Körper, die man zu so

hohen Zwecken unter das Messer wünschte. Solche, wo nicht

hinreichend, doch in möglichstes Zahl zu verschaffen, hatte man harte

Gesetze ergehen lassen, nicht allein Verbrecher, die ihr Individuum

in jedem Sinne verwirkt, sondern auch andere körperlich, geistig

verwahrloste Umgekommene wurden in Anspruch genommen.

Mit dem Bedürfnis wuchs die Strenge und mit dieser der Widerwille

des Volks, das in sittlicher und religioser Ansicht seine

Persönlichkeit und die Persönlichkeit geliebter Personen nicht

aufgeben kann.

Immer weiter aber stieg das übel, indem die verwirrende Sorge

hervortrat, daß man auch sogar für die friedlichen Gräber geliebter

Abgeschiedener zu fürchten habe. Kein Alter, keine Würde, weder

Hohes noch Niedriges war in seiner Ruhestätte mehr sicher; der Hügel,

den man mit Blumen geschmückt, die Inschriften, mit denen man das

Andenken zu erhalten getrachtet, nichts konnte gegen die einträgliche

Raubsucht schützen; der schmerzlichste Abschied schien aufs

grausamste gestört, und indem man sich vom Grabe wegwendete, mußte

schon die Furcht empfunden werden, die geschmückten, beruhigten

Glieder geliebter Personen getrennt, verschleppt und entwürdigt zu

wissen.

Alles dieses kam wiederholt und immer durchgedroschener zur Sprache,

ohne daß irgend jemand an ein Hülfsmittel gedacht hätte oder daran

hätte denken können, und immer allgemeiner wurden die Beschwerden,

als junge Männer, die mit Aufmerksamkeit den Lehrvortrag gehört, sich

auch mit Hand und Auge von dem bisher Gesehenen und Vernommenen

überzeugen und sich die so notwendige Kenntnis immer tiefer und

lebendiger der Einbildungskraft überliefern wollten.

In solchen Augenblicken entsteht eine Art von unnatürlichem

wissenschaftlichem Hunger, welcher nach der widerwärtigsten

Befriedigung wie nach dem Anmutigsten und Notwendigsten zu begehren

aufregt.

Schon einige Zeit hatte ein solcher Aufschub und Aufenthalt die

Wissens--und Tatlustigen beschäftigt und unterhalten, als endlich ein

Fall, über den die Stadt in Bewegung geriet, eines Morgens das Für

und Wider für einige Stunden heftig hervorrief. Ein sehr schönes

Mädchen, verwirrt durch unglückliche Liebe, hatte den Tod im Wasser

gesucht und gefunden; die Anatomie bemächtigte sich derselbigen;

vergebens war die Bemühung der Eltern, Verwandten, ja des Liebhabers

selbst, der nur durch falschen Argwohn verdächtig geworden. Die

obern Behörden, die soeben das Gesetz geschärft hatten, durften keine

Ausnahme bewilligen; auch eilte man, so schnell als möglich die Beute

zu benutzen und zur Benutzung zu verteilen."

Wilhelm, der als nächster Aspirant gleichfalls berufen wurde, fand

vor dem Sitze, den man ihm anwies, auf einem saubern Breite, reinlich

zugedeckt, eine bedenkliche Aufgabe; denn als er die Hülle wegnahm,

lag der schönste weibliche Arm zu erblicken, der sich wohl jemals um

den Hals eines Jünglings geschlungen hatte. Er hielt sein Besteck in

der Hand und getraute sich nicht, es zu eröffnen; er stand und

getraute nicht niederzusitzen. Der Widerwille, dieses herrliche

Naturerzeugnis noch weiter zu entstellen, stritt mit der Anforderung,

welche der wissensbegierige Mann an sich zu machen hat und welcher

sämtliche Umhersitzende Genüge leisteten.

In diesen Augenblicken trat ein ansehnlicher Mann zu ihm, den er

zwar als einen seltenen, aber immer als einen sehr aufmerksamen

Zuhörer und Zuschauer bemerkt und demselben schon nachgefragt hatte;

niemand aber konnte nähere Auskunft geben; daß es ein Bildhauer sei,

darin war man einig; man hielt ihn aber auch für einen Goldmacher, der

in einem großen, alten Hause wohne, dessen erste Flur allein den

Besuchenden oder bei ihm Beschäftigten zugänglich, die übrigen

sämtlichen Räume jedoch verschlossen seien. Dieser Mann hatte sich

Wilhelmen verschiedentlich genähert, war mit ihm aus der Stunde

gegangen, wobei er jedoch alle weitere Verbindung und Erklärung zu

vermeiden schien.

Diesmal jedoch sprach er mit einer gewissen Offenheit: "Ich sehe,

Sie zaudern, Sie staunen das schöne Gebild an, ohne es zerstören zu

können; setzen Sie sich über das Gildegefühl hinaus und folgen Sie

mir." Hiermit deckte er den Arm wieder zu, gab dem Saaldiener einen

Wink, und beide verließen den Ort. Schweigend gingen sie

nebeneinander her, als der Halbbekannte vor einem großen Tore

stillestand, dessen Pförtchen er aufschloß und unsern Freund

hineinnötigte, der sich sodann auf einer Tenne befand, groß, geräumig,

wie wir sie in alten Kaufhäusern sehen, wo die ankommenden Kisten

und Ballen sogleich untergefahren werden. Hier standen Gipsabgüsse

von Statuen und Büsten, auch Bohlenverschläge gepackt und leer. "Es

sieht hier kaufmännisch aus", sagte der Mann; "der von hier aus

mögliche Wassertransport ist für mich unschätzbar." Dieses alles

paßte nun ganz gut zu dem Gewerb eines Bildhauers; ebenso konnte

Wilhelm nichts anders finden, als der freundliche Wirt ihn wenige

Stufen hinauf in ein geräumiges Zimmer führte, das ringsumher mit

Hoch--und Flachgebilden, mit größeren und kleineren Figuren, Büsten

und wohl auch einzelnen Gliedern der schönsten Gestalten geziert war.

Mit Vergnügen betrachtete unser Freund dies alles und horchte gern

den belehrenden Worten seines Wirtes, ob er gleich noch eine große

Kluft zwischen diesen künstlerischen Arbeiten und den

wissenschaftlichen Bestrebungen, von denen sie herkamen, gewahren

mußte. Endlich sagte der Hausbesitzer mit einigem Ernst: "Warum ich

Sie hierher führe, werden Sie leicht einsehen; diese Türe", fuhr er

fort, indem er sich nach der Seite wandte, "liegt näher an der

Saaltüre, woher wir kommen, als Sie denken mögen." Wilhelm trat

hinein und hatte freilich zu erstaunen, als er, statt wie in den

vorigen Nachbildung lebender Gestalten zu sehen, hier die Wände

durchaus mit anatomischen Zergliederungen ausgestattet fand; sie

mochten in Wachs oder sonstiger Masse verfertigt sein, genug, sie

hatten durchaus das frische, farbige Ansehen erst fertig gewordener

Präparate. "Hier, mein Freund", sagte der Künstler, "hier sehen Sie

schätzenswerte Surrogate für jene Bemühungen, die wir, mit dem

Widerwillen der Welt, zu unzeitigen Augenblicken mit Ekel oft und

großer Sorgfalt dem Verderben oder einem widerwärtigen Aufbewahren

vorbereiten. Ich muß dieses Geschäft im tiefsten Geheimnis betreiben,

denn Sie haben gewiß oft schon Männer vom Fach mit Geringschätzung

davon reden hören. Ich lasse mich nicht irremachen und bereite etwas

vor, welches in der Folge gewiß von großer Einwirkung sein wird. Der

Chirurg besonders, wenn er sich zum plastischen Begriff erhebt, wird

der ewig fortbildenden Natur bei jeder Verletzung gewiß am besten zu

Hülfe kommen; den Arzt selbst würde ein solcher Begriff bei seinen

Funktionen erheben. Doch lassen Sie uns nicht viel Worte machen!

Sie sollen in kurzem erfahren, daß Aufbauen mehr belehrt als

Einreißen, Verbinden mehr als Trennen, Totes beleben mehr als das

Getötete noch weiter töten; kurz also, wollen Sie mein Schüler sein?"

Und auf Bejahung legte der Wissende dem Gaste das Knochenskelett

eines weiblichen Armes vor, in der Stellung, wie sie jenen vor kurzem

vor sich gesehen hatten. "Ich habe", fuhr der Meister fort, "zu

bemerken gehabt, wie Sie der Bänderlehre durchaus Aufmerksamkeit

schenkten und mit Recht, denn mit ihnen beginnt sich für uns das tote

Knochengerassel erst wieder zu beleben; Hesekiel mußte sein

Gebeinfeld sich erst auf diese Weise wieder sammeln und fügen sehen,

ehe die Glieder sich regen, die Arme tasten und die Füße sich

aufrichten konnten. Hier ist biegsam Masse, Stäbchen und was sonst

nötig sein möchte; nun versuchen Sie Ihr Glück."

Der neue Schüler nahm seine Gedanken zusammen, und als er die

Knochenteile näher zu betrachten anfing, sah er, daß diese künstlich

von Holz geschnitzt seien. "Ich habe", versetzte der Lehrer, "einen

geschickten Mann, dessen Kunst nach Brote ging, indem die Heiligen

und Märtyrer, die er zu schnitzen gewohnt war, keinen Abgang mehr

fanden, ihn hab' ich darauf geleitet, sich der Skelettbildung zu

bemächtigen und solche im großen wie im kleinen naturgemäß zu

befördern."

Nun tat unser Freund sein Bestes und erwarb sich den Beifall des

Anleitenden. Dabei war es ihm angenehm, sich zu erproben, wie stark

oder schwach die Erinnerung sei, und er fand zu vergnüglicher

überraschung, daß sie durch die Tat wieder hervorgerufen werde; er

gewann Leidenschaft für diese Arbeit und ersuchte den Meister, in

seine Wohnung aufgenommen zu werden. Hier nun arbeitete er

unablässig; auch waren die Knochen und Knöchelchen des Armes in

kurzer Zeit gar schicklich verbunden. Von hier aber sollten die

Sehnen und Muskeln ausgehen, und es schien eine völlige Unmöglichkeit,

den ganzen Körper auf diese Weise nach allen seinen Teilen

gleichmäßig herzustellen. Hiebei tröstete ihn der Lehrer, indem er

die Vervielfältigung durch Abformung sehen ließ, da denn das

Nacharbeiten, das Reinbilden der Exemplare eben wieder neue

Anstrengung, neue Aufmerksamkeit verlangte.

Alles, worein der Mensch sich ernstlich einläßt, ist ein Unendliches;

nur durch wetteifernde Tätigkeit weiß er sich dagegen zu helfen;

auch kam Wilhelm bald über den Zustand von Gefühl seines Unvermögens,

welches immer eine Art von Verzweiflung ist, hinaus und fand sich

behaglich bei der Arbeit. "Es freut mich", sagte der Meister, "daß

Sie sich in diese Verfahrungsart zu schicken wissen und daß Sie mir

ein Zeugnis geben, wie fruchtbar eine solche Methode sei, wenn sie

auch von den Meistern des Fachs nicht anerkannt wird. Es muß eine

Schule geben, und diese wird sich vorzüglich mit überlieferung

beschäftigen; was bisher geschehen ist, soll auch künftig geschehen,

das ist gut und mag und soll so sein. Wo aber die Schule stockt, das

muß man bemerken und wissen; das Lebendige muß man ergreifen und üben,

aber im stillen, sonst wird man gehindert und hindert andere. Sie

haben lebendig gefühlt und zeigen es durch Tat, Verbinden heißt mehr

als Trennen, Nachbilden mehr als Ansehen."

Wilhelm erfuhr nun, daß solche Modelle im stillen schon weit

verbreitet seien, aber zu größter Verwunderung vernahm er, daß das

Vorrätige eingepackt und über See gehen solle. Dieser wackere

Künstler hatte sich schon mit Lothario und jenen Befreundeten in

Verhältnis gesetzt; man fand die Gründung einer solchen Schule in

jenen sich heranbildenden Provinzen ganz besonders am Platze, ja

höchst notwendig, besonders unter natürlich gesitteten, wohldenkenden

Menschen, für welche die wirkliche Zergliederung immer etwas

Kannibalisches hat. "Geben Sie zu, daß der größte Teil von ärzten

und Wundärzten nur einen allgemeinen Eindruck des zergliederten

menschlichen Körpers in Gedanken behält und damit auszukommen glaubt,

so werden gewiß solche Modelle hinreichen, die in seinem Geiste nach

und nach erlöschenden Bilder wieder anzufrischen und ihm gerade das

Nötige lebendig zu erhalten. Ja es kommt auf Neigung und Liebhaberei

an, so werden sich die zartesten Resultate der Zergliederungskunst

nachbilden lassen. Leistet dies ja schon Zeichenfeder, Pinsel und

Grabstichel."

Hier öffnete er ein Seitenschränkchen und ließ die Gesichtsnerven

auf die wundersamste Weise nachgebildet erblicken. "Dies ist leider",

sprach er, "das letzte Kunststück eines abgeschiedenen jungen

Gehülfen, der mir die beste Hoffnung gab, meine Gedanken

durchzuführen und meine Wünsche nützlich auszubreiten."

über die Einwirkung dieser Behandlungsweise nach manchen Seiten hin

wurde gar viel zwischen beiden gesprochen, auch war das Verhältnis

zur bildenden Kunst ein Gegenstand merkwürdiger Unterhaltung. Ein

auffallendes, schönes Beispiel, wie auf diese Weise vorwärts und

rückwärts zu arbeiten sei, ergab sich aus diesen Mitteilungen. Der

Meister hatte einen schönen Sturz eines antiken Jünglings in eine

bildsame Masse abgegossen und suchte nun mit Einsicht die ideelle

Gestalt von der Epiderm zu entblößen und das schöne Lebendige in ein

reales Muskelpräparat zu verwandeln. "Auch hier finden sich Mittel

und Zweck so nahe beisammen, und ich will gern gestehen, daß ich über

den Mitteln den Zweck vernachlässigt habe, doch nicht ganz mit eigener

Schuld; der Mensch ohne Hülle ist eigentlich der Mensch, der

Bildhauer steht unmittelbar an der Seite der Elohim, als sie den

unförmlichen, widerwärtigen Ton zu dem herrlichsten Gebilde

umzuschaffen wußten; solche göttliche Gedanken muß er hegen, dem

Reinen ist alles rein, warum nicht die unmittelbare Absicht Gottes in

der Natur? Aber vom Jahrhundert kann man dies nicht verlangen, ohne

Feigenblätter und Tierfelle kommt es nicht aus, und das ist noch viel

zu wenig. Kaum hatte ich etwas gelernt, so verlangten sie von mir

würdige Männer in Schlafröcken und weiten ärmeln und zahllosen Falten;

da wendete ich mich rückwärts, und da ich das, was ich verstand,

nicht einmal zum Ausdruck des Schönen anwenden durfte, so wählte ich,

nützlich zu sein, und auch dies ist von Bedeutung. Wird mein Wunsch

erfüllt, wird es als brauchbar anerkannt, daß, wie in so viel andern

Dingen, Nachbildung und das Nachgebildete der Einbildungskraft und

dem Gedächtnis zu Hülfe kommen, da, wo den Menschengeist eine gewisse

Frische verläßt, so wird gewiß mancher bildende Künstler sich, wie

ich es getan, herumwenden und lieber euch in die Hand arbeiten, als

daß er gegen überzeugung und Gefühl ein widerwärtiges Handwerk treibe."

Hieran schloß sich die Betrachtung, daß es eben schön sei zu

bemerken, wie Kunst und Technik sich immer gleichsam die Waage halten

und so nah verwandt immer eine zu der andern sich hinneigt, so daß

die Kunst nicht sinken kann, ohne in löbliches Handwerk überzugehen,

das Handwerk sich nicht steigern, ohne kunstreich zu werden.

Beide Personen fügten und gewöhnten sich so vollkommen aneinander,

daß sie sich nur ungern trennten, als es nötig ward, um ihren

eigentlichen großen Zwecken entgegenzusehen.

"Damit man aber nicht glaube", sagte der Meister, "daß wir uns von

der Natur ausschließen und sie verleugnen wollen, so eröffnen wir

eine frische Aussicht. Drüben über dem Meere, wo gewisse

menschenwürdige Gesinnungen sich immerfort steigern, muß man endlich

bei Abschaffung der Todesstrafe weitläufige Kastelle, ummauerte

Bezirke bauen, um den ruhigen Bürger gegen Verbrechen zu schützen und

das Verbrechen nicht straflos walten und wirken zu lassen. Dort,

mein Freund, in diesen traurigen Bezirken, lassen Sie uns dem äskulap

eine Kapelle vorbehalten, dort, so abgesondert wie die Strafe selbst,

werde unser Wissen immerfort an solchen Gegenständen erfrischt, deren

Zerstückelung unser menschliches Gefühl nicht verletze, bei deren

Anblick uns nicht, wie es Ihnen bei jenem schönen, unschuldigen Arm

erging, das Messer in der Hand stocke und alle Wißbegierde vor dem

Gefühl der Menschlichkeit ausgelöscht werde."

"Dieses", sagte Wilhelm, "waren unsre letzten Gespräche, ich sah die

wohlgepackten Kisten den Fluß hinabschwimmen, ihnen die glücklichste

Fahrt und uns eine gemeinsame frohe Gegenwart beim Auspacken

wünschend."

Unser Freund hatte diesen Vortrag mit Geist und Enthusiasmus wie

geführt so geendigt, besonders aber mit einer gewissen Lebhaftigkeit

der Stimme und Sprache, die man in der neuem Zeit nicht an ihm

gewohnt war. Da er jedoch am Schluß seiner Rede zu bemerken glaubte,

daß Lenardo, wie zerstreut und abwesend, das Vorgetragene nicht zu

verfolgen schien, Friedrich hingegen gelächelt, einigemal beinahe den

Kopf geschüttelt habe, so fiel dem zart empfindenden Mienenkenner

eine so geringe Zustimmung bei der Sache, die ihm höchst wichtig

schien, dergestalt auf, daß er nicht unterlassen konnte, seine

Freunde deshalb zu berufen.

Friedrich erklärte sich hierüber ganz einfach und aufrichtig, er

könne das Vornehmen zwar löblich und gut, keineswegs aber für so

bedeutend, am wenigsten aber für ausführbar halten. Diese Meinung

suchte er durch Gründe zu unterstützen, von der Art, wie sie

demjenigen, der für eine Sache eingenommen ist und sie durchzusetzen

gedenkt, mehr, als man sich vorstellen mag, beleidigend auffällt.

Deshalb denn auch unser plastischer Anatom, nachdem er einige Zeit

geduldig zuzuhören schien, lebhaft erwiderte:

"Du hast Vorzüge, mein guter Friedrich, die dir niemand leugnen wird,

ich am wenigsten, aber hier sprichst du wie gewöhnliche Menschen

gewöhnlich; am Neuen sehen sie nur das Seltsame, im Seltenen jedoch

alsobald das Bedeutende zu erblicken, dazu gehört schon mehr. Für

euch muß erst alles in Tat übergehen, es muß geschehen, als möglich,

als wirklich vor Augen treten, und dann laßt ihr es auch gut sein wie

etwas anderes. Was du vorbringst, hör' ich schon zum voraus von

Unterrichteten und Laien wiederholen; von jenen aus Vorurteil und

Bequemlichkeit, von diesen aus Gleichgültigkeit. Ein Vorhaben wie das

ausgesprochene kann vielleicht nur in einer neuen Welt durchgeführt

werden, wo der Geist Mut fassen muß, zu einem unerläßlichen Bedürfnis

neue Mittel auszuforschen, weil es an den herkömmlichen durchaus

ermangelt. Da regt sich die Erfindung, da gesellt sich die Kühnheit,

die Beharrlichkeit der Notwendigkeit hinzu.

Jeder Arzt, er mag mit Heilmitteln oder mit der Hand zu Werke gehen,

ist nichts ohne die genauste Kenntnis der äußern und innern Glieder

des Menschen, und es reicht keineswegs hin, auf Schulen flüchtige

Kenntnis hievon genommen, sich von Gestalt, Lage, Zusammenhang der

mannigfaltigsten Teile des unerforschlichen Organismus einen

oberflächlichen Begriff gemacht zu haben. Täglich soll der Arzt, dem

es Ernst ist, in der Wiederholung dieses Wissens, dieses Anschauens

sich zu üben, sich den Zusammenhang dieses lebendigen Wunders immer

vor Geist und Auge zu erneuern alle Gelegenheit suchen. Kennte er

seinen Vorteil, er würde, da ihm die Zeit zu solchen Arbeiten

ermangelt, einen Anatomen in Sold nehmen, der, nach seiner Anleitung,

für ihn im stillen beschäftigt, gleichsam in Gegenwart aller

Verwicklungen des verflochtensten Lebens, auf die schwierigsten

Fragen sogleich zu antworten verstände.

Je mehr man dies einsehen wird, je lebhafter, heftiger,

leidenschaftlicher wird das Studium der Zergliederung getrieben

werden. Aber in eben dem Maße werden sich die Mittel vermindern; die

Gegenstände, die Körper, auf die solche Studien zu gründen sind, sie

werden fehlen, seltener, teurer werden, und ein wahrhafter Konflikt

zwischen Lebendigen und Toten wird entstehen.

In der alten Weit ist alles Schlendrian, wo man das Neue immer auf

die alte, das Wachsende nach starrer Weise behandeln will. Dieser

Konflikt, den ich ankündige zwischen Toten und Lebendigen, er wird

auf Leben und Tod gehen, man wird erschrecken, man wird untersuchen,

Gesetze geben und nichts ausrichten. Vorsicht und Verbot helfen in

solchen Fällen nichts; man muß von vorn anfangen. Und das ist's, was

mein Meister und ich in den neuen Zuständen zu leisten hoffen, und

zwar nichts Neues, es ist schon da; aber das, was jetzo Kunst ist, muß

Handwerk werden, was im Besondern geschieht, muß im Allgemeinen

möglich werden, und nichts kann sich verbreiten, als was anerkannt

ist. Unter Tun und Leisten muß anerkannt werden als das einzige

Mittel in einer entschiedenen Bedrängnis, welche besonders große

Städte bedroht. Ich will die Worte meines Meisters anführen, aber

merkt auf! Er sprach eines Tages im größten Vertrauen:

"Der Zeitungsleser findet Artikel interessant und lustig beinah,

wenn er von Auferstehungsmännern erzählen hört. Erst stahlen sie die

Körper in tiefem Geheimnis; dagegen stellt man Wächter auf: sie

kommen mit gewaffneter Schar, um sich ihrer Beute gewaltsam zu

bemächtigen. Und das Schlimmste zum Schlimmen wird sich ereignen, ich

darf es nicht laut sagen, denn ich würde, zwar nicht als

Mitschuldiger, aber doch als zufälliger Mitwisser, in die

gefährlichste Untersuchung verwickelt werden, wo man mich in jedem

Fall bestrafen müßte, weil ich die Untat, sobald ich sie entdeckt

hatte, den Gerichten nicht anzeigte. Ihnen gesteh' ich's, mein

Freund, in dieser Stadt hat man gemordet, um den dringenden, gut

bezahlenden Anatomen einen Gegenstand zu verschaffen. Der entseelte

Körper lag vor uns. Ich darf die Szene nicht ausmalen. Er entdeckte

die Untat, ich aber auch, wir sahen einander an und schwiegen beide;

wir sahen vor uns hin und schwiegen und gingen ans Geschäft. --Und

dies ist's, mein Freund, was mich zwischen Wachs und Gips gebannt hat;

dies ist's, was gewiß auch Sie bei der Kunst festhalten wird, welche

früher oder später vor allen übrigen wird gepriesen werden.""

Friedrich sprang auf, schlug in die Hände und wollte des Bravorufens

kein Ende machen, so daß Wilhelm zuletzt im Ernst böse wurde. "Bravo!"

rief jener aus, "nun erkenne ich dich wieder! Das erstemal seit

langer Zeit hast du wieder gesprochen wie einer, dem etwas wahrhaft

am Herzen liegt; zum erstenmal hat der Fluß der Rede dich wieder

fortgerissen, du hast dich als einen solchen erwiesen, der etwas zu

tun und es anzupreisen imstande ist."

Lenardo nahm hierauf das Wort und vermittelte diese kleine

Mißhelligkeit vollkommen. "Ich schien abwesend", sprach er, "aber nur

deshalb, weil ich mehr als gegenwärtig war. Ich erinnerte mich

nämlich des großen Kabinetts dieser Art, das ich auf meinen Reisen

gesehen und welches mich dergestalt interessierte, daß der Kustode,

der, um nach Gewohnheit fertig zu werden, die auswendig gelernte

Schnurre herzubeten anfing, gar bald, da er der Künstler selber war,

aus der Rolle fiel und sich als einen kenntnisreichen Demonstrator

bewies.

Der merkwürdige Gegensatz, im hohen Sommer in kühlen Zimmern, bei

schwüler Wärme draußen, diejenigen Gegenstände vor mir zu sehen,

denen man im strengsten Winter sich kaum zu nähern getraut. Hier

diente bequem alles der Wißbegierde. In größter Gelassenheit und

schönster Ordnung zeigte er mir die Wunder des menschlichen Baues und

freute sich, mich überzeugen zu können, daß zum ersten Anfang und zu

später Erinnerung eine solche Anstalt vollkommen hinreichend sei;

wobei denn einem jeden frei bleibe, in der mittlern Zeit sich an die

Natur zu wenden und bei schicklicher Gelegenheit sich um diesen oder

jenen besondern Teil zu erkundigen. Er bat mich, ihn zu empfehlen.

Denn nur einem einzigen, großen, auswärtigen Museum habe er eine

solche Sammlung gearbeitet, die Universitäten aber widerständen

durchaus dem Unternehmen, weil die Meister der Kunst wohl Prosektoren,

aber keine Proplastiker zu bilden wüßten.

Hiernach hielt ich denn diesen geschickten Mann für den einzigen in

der Welt, und nun hören wir, daß ein anderer auf dieselbe Weise

bemüht ist; wer weiß, wo noch ein Dritter und Vierter an das

Tageslicht hervortritt. Wir wollen von unsrer Seite dieser

Angelegenheit einen Anstoß geben. Die Empfehlung muß von außen

herkommen, und in unsern neuen Verhältnissen soll das nützliche

Unternehmen gewiß gefördert werden."

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 5 / 24 题