Viertes Kapitel

Des andern Morgens beizeiten trat Friedrich mit einem Hefte in der

Hand in Wilhelms Zimmer, und ihm solches überreichend, sprach er:

"Gestern abend hatte ich vor allen Euren Tugenden, welche

herzuerzählen Ihr umständlich genug wart, nicht Raum, von mir und

meinen Vorzügen zu reden, deren ich mich wohl auch zu rühmen habe und

die mich zu einem würdigen Mitglied dieser großen Karawane stempeln.

Beschaut hier dieses Heft, und Ihr werdet ein Probestück anerkennen."

Wilhelm überlief die Blätter mit schnellen Blicken und sah,

leserlich angenehm, obschon flüchtig geschrieben, die gestrige

Relation seiner anatomischen Studien, fast Wort vor Wort, wie er sie

abgestattet hatte, weshalb er denn seine Verwunderung nicht bergen

konnte.

"Ihr wißt", erwiderte Friedrich, "das Grundgesetz unserer Verbindung;

in irgendeinem Fache muß einer vollkommen sein, wenn er Anspruch auf

Mitgenossenschaft machen will. Nun zerbrach ich mir den Kopf, worin

mir's denn gelingen könnte, und wußte nichts aufzufinden, so nahe mir

es auch lag, daß mich niemand an Gedächtnis übertreffe, niemand an

einer schnellen, leichten, leserlichen Hand. Dieser angenehmen

Eigenschaften erinnert Ihr Euch wohl von unsrer theatralischen

Laufbahn her, wo wir unser Pulver nach Sperlingen verschossen, ohne

daran zu denken, daß ein Schuß, vernünftiger angebracht, auch wohl

einen Hasen in die Küche schaffe. Wie oft hab' ich nicht ohne Buch

souffliert, wie oft in wenigen Stunden die Rollen aus dem Gedächtnis

geschrieben! Das war Euch damals recht, Ihr dachtet, es müßte so

sein; ich auch, und es wäre mir nicht eingefallen, wie sehr es mir

zustatten kommen könne. Der Abbé machte zuerst die Entdeckung; er

fand, daß das Wasser auf seine Mühle sei, er versuchte, mich zu üben,

und mir gefiel, was mir so leicht ward und einen ernsten Mann

befriedigte. Und nun bin ich, wo's not tut, gleich eine ganze

Kanzlei, außerdem führen wir noch so eine zweibeinige Rechenmaschine

bei uns, und kein Fürst mit noch so viel Beamten ist besser versehen

als unsre Vorgesetzten."

Heiteres Gespräch über dergleichen Tätigkeiten führte die Gedanken

auf andere Glieder der Gesellschaft. "Solltet Ihr wohl denken",

sagte Friedrich, "daß das unnützeste Geschöpf von der Welt, wie es

schien, meine Philine, das nützlichste Glied der großen Kette werden

wird? Legt ihr ein Stück Tuch hin, stellt Männer, stellt Frauen ihr

vors Gesicht: ohne Maß zu nehmen, schneidet sie aus dem Ganzen und

weiß dabei alle Flecken und Gehren dergestalt zu nutzen, daß großer

Vorteil daraus entsteht, und das alles ohne Papiermaß. Ein

glücklicher geistiger Blick lehrt sie das alles, sie sieht den

Menschen an und schneidet, dann mag er hingehen, wohin er will, sie

schneidet fort und schafft ihm einen Rock auf den Leib wie angegossen.

Doch das wäre nicht möglich, hätte sie nicht auch eine Nähterin

herangezogen, Montans Lydie, die nun einmal still geworden ist und

still bleibt, aber auch reinlich näht wie keine, Stich für Stich wie

Perlen, wie gestickt. Das ist nun, was aus den Menschen werden kann;

eigentlich hängt so viel Unnützes um uns herum, aus Gewohnheit,

Neigung, Zerstreuung und Willkür, ein Lumpenmantel zusammengespettelt.

Was die Natur mit uns gewollt, das Vorzüglichste, was sie in uns

gelegt, können wir deshalb weder auffinden noch ausüben."

Allgemeine Betrachtungen über die Vorteile der geselligen Verbindung,

die sich so glücklich zusammengefunden, eröffneten die schönsten

Aussichten.

Als nun Lenardo sich hierauf zu ihnen gesellte, ward er von

Wilhelmen ersucht, auch von sich zu sprechen, von dem Lebensgange,

den er bisher geführt, von der Art, wie er sich und andere gefördert,

freundliche Nachricht zu erteilen.

"Sie erinnern sich gar wohl, mein Bester", versetzte Lenardo, "in

welchem wundersamen, leidenschaftlichen Zustande Sie mich den ersten

Augenblick unserer neuen Bekanntschaft getroffen; ich war versunken,

verschlungen in das wunderlichste Verlangen, in eine unwiderstehliche

Begierde, es konnte damals nur von der nächsten Stunde die Rede sein,

vom schweren Leiden, das mir bereitet war, das mir selbst zu schärfen

ich mich so emsig erwies. Ich konnte Sie nicht bekannt machen mit

meinen früheren Jugendzuständen, wie ich jetzt tun muß, um Sie auf

den Weg zu führen, der mich hierher gebracht hat.

Unter den frühsten meiner Fähigkeiten, die sich nach und nach durch

Umstände entwickelten, tat sich ein gewisser Trieb zum Technischen

hervor, welcher jeden Tag durch die Ungeduld genährt wurde, die man

auf dem Lande fühlt, wenn man bei größeren Bauten, besonders aber bei

kleinen Veränderungen, Anlagen und Grillen ein Handwerk ums andere

entbehren muß und lieber ungeschickt und pfuscherhaft eingreift, als

daß man sich meistermäßig verspäten ließe. Zum Glück wanderte in

unserer Gegend ein Tausendkünstler auf und ab, der, weil er bei mir

seine Rechnung fand, mich lieber als irgendeinen Nachbar unterstützte;

er richtete mir eine Drechselbank ein, deren er sich bei jedem

Besuch mehr zu seinem Zwecke als zu meinem Unterricht zu bedienen

wußte. So auch schaffte ich Tischlerwerkzeug an, und meine Neigung

zu dergleichen ward erhöht und belebt durch die damals laut

ausgesprochene überzeugung: es könne niemand sich ins Leben wagen,

als wenn er es im Notfall durch Handwerkstätigkeit zu fristen verstehe.

Mein Eifer ward von den Erziehern nach ihren eigenen Grundsätzen

gebilligt; ich erinnere mich kaum, daß ich je gespielt habe, denn

alle freien Stunden wurden verwendet, etwas zu wirken und zu schaffen.

Ja ich darf mich rühmen, schon als Knabe einen geschickten Schmied

durch meine Anforderungen zum Schlösser, Feilenhauer und Uhrmacher

gesteigert zu haben.

Das alles zu leisten mußten denn freilich auch erst die Werkzeuge

erschaffen werden, und wir litten nicht wenig an der Krankheit jener

Techniker, welche Mittel und Zweck verwechseln, lieber Zeit auf

Vorbereitungen und Anlagen verwenden, als daß sie sich recht ernstlich

an die Ausführung hielten. Wo wird uns jedoch praktisch tätig

erweisen konnten, war bei Auszierung der Parkanlagen, deren kein

Gutsbesitzer mehr entbehren durfte; manche Moos--und Rindenhütte,

Knittelbrücken und Bänke zeugten von unserer Emsigkeit, womit wir eine

Urbaukunst in ihrer ganzen Roheit mitten in der gebildeten Welt

darzustellen eifrig bemüht gewesen.

Dieser Trieb führte mich bei zunehmenden Jahren auf ernstere

Teilnahme an allem, was der Welt so nütze und in ihrer gegenwärtigen

Lage so unentbehrlich ist, und gab meinen mehrjährigen Reisen ein

eigentlichstes Interesse.

Da jedoch der Mensch gewöhnlich auf dem Wege, der ihn herangebracht,

fortzuwandern pflegt, so war ich dem Maschinenwesen weniger günstig

als der unmittelbaren Handarbeit, wo wir Kraft und Gefühl in

Verbindung ausüben; deswegen ich mich auch besonders in solchen

abgeschlossenen Kreisen gern aufhielt, wo nach Umständen diese oder

jene Arbeit zu Hause war. Dergleichen gibt jeder Vereinigung eine

besondere Eigentümlichkeit, jeder Familie, einer kleinen, aus mehreren

Familien bestehenden Völkerschaft den entschiedensten Charakter; man

lebt in dem reinsten Gefühl eines lebendigen Ganzen.

Dabei hatte ich mir angewöhnt, alles aufzuzeichnen, es mit Figuren

auszustatten und so, nicht ohne Aussicht auf künftige Anwendung,

meine Zeit löblich und erfreulich zuzubringen.

Diese Neigung, diese ausgebildete Gabe benutzt' ich nun aufs beste

bei dem wichtigen Auftrag, den mir die Gesellschaft gab, den Zustand

der Gebirgsbewohner zu untersuchen und die brauchbaren Wanderlustigen

mit in unsern Zug aufzunehmen. Mögen Sie nun den schönen Abend, wo

mich mannigfaltige Geschäfte drängen, mit Durchlesung eines Teils

meines Tagebuchs zubringen? Ich will nicht behaupten, daß es gerade

angenehm zu lesen sei; mir schien es immer unterhaltend und

gewissermaßen unterrichtend. Doch wir bespiegeln ja uns immer selbst

in allem, was wir hervorbrachten."

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 6 / 24 题