Des andern Morgens beizeiten trat Friedrich mit einem Hefte in der
Hand in Wilhelms Zimmer, und ihm solches überreichend, sprach er:
"Gestern abend hatte ich vor allen Euren Tugenden, welche
herzuerzählen Ihr umständlich genug wart, nicht Raum, von mir und
meinen Vorzügen zu reden, deren ich mich wohl auch zu rühmen habe und
die mich zu einem würdigen Mitglied dieser großen Karawane stempeln.
Beschaut hier dieses Heft, und Ihr werdet ein Probestück anerkennen."
Wilhelm überlief die Blätter mit schnellen Blicken und sah,
leserlich angenehm, obschon flüchtig geschrieben, die gestrige
Relation seiner anatomischen Studien, fast Wort vor Wort, wie er sie
abgestattet hatte, weshalb er denn seine Verwunderung nicht bergen
konnte.
"Ihr wißt", erwiderte Friedrich, "das Grundgesetz unserer Verbindung;
in irgendeinem Fache muß einer vollkommen sein, wenn er Anspruch auf
Mitgenossenschaft machen will. Nun zerbrach ich mir den Kopf, worin
mir's denn gelingen könnte, und wußte nichts aufzufinden, so nahe mir
es auch lag, daß mich niemand an Gedächtnis übertreffe, niemand an
einer schnellen, leichten, leserlichen Hand. Dieser angenehmen
Eigenschaften erinnert Ihr Euch wohl von unsrer theatralischen
Laufbahn her, wo wir unser Pulver nach Sperlingen verschossen, ohne
daran zu denken, daß ein Schuß, vernünftiger angebracht, auch wohl
einen Hasen in die Küche schaffe. Wie oft hab' ich nicht ohne Buch
souffliert, wie oft in wenigen Stunden die Rollen aus dem Gedächtnis
geschrieben! Das war Euch damals recht, Ihr dachtet, es müßte so
sein; ich auch, und es wäre mir nicht eingefallen, wie sehr es mir
zustatten kommen könne. Der Abbé machte zuerst die Entdeckung; er
fand, daß das Wasser auf seine Mühle sei, er versuchte, mich zu üben,
und mir gefiel, was mir so leicht ward und einen ernsten Mann
befriedigte. Und nun bin ich, wo's not tut, gleich eine ganze
Kanzlei, außerdem führen wir noch so eine zweibeinige Rechenmaschine
bei uns, und kein Fürst mit noch so viel Beamten ist besser versehen
als unsre Vorgesetzten."
Heiteres Gespräch über dergleichen Tätigkeiten führte die Gedanken
auf andere Glieder der Gesellschaft. "Solltet Ihr wohl denken",
sagte Friedrich, "daß das unnützeste Geschöpf von der Welt, wie es
schien, meine Philine, das nützlichste Glied der großen Kette werden
wird? Legt ihr ein Stück Tuch hin, stellt Männer, stellt Frauen ihr
vors Gesicht: ohne Maß zu nehmen, schneidet sie aus dem Ganzen und
weiß dabei alle Flecken und Gehren dergestalt zu nutzen, daß großer
Vorteil daraus entsteht, und das alles ohne Papiermaß. Ein
glücklicher geistiger Blick lehrt sie das alles, sie sieht den
Menschen an und schneidet, dann mag er hingehen, wohin er will, sie
schneidet fort und schafft ihm einen Rock auf den Leib wie angegossen.
Doch das wäre nicht möglich, hätte sie nicht auch eine Nähterin
herangezogen, Montans Lydie, die nun einmal still geworden ist und
still bleibt, aber auch reinlich näht wie keine, Stich für Stich wie
Perlen, wie gestickt. Das ist nun, was aus den Menschen werden kann;
eigentlich hängt so viel Unnützes um uns herum, aus Gewohnheit,
Neigung, Zerstreuung und Willkür, ein Lumpenmantel zusammengespettelt.
Was die Natur mit uns gewollt, das Vorzüglichste, was sie in uns
gelegt, können wir deshalb weder auffinden noch ausüben."
Allgemeine Betrachtungen über die Vorteile der geselligen Verbindung,
die sich so glücklich zusammengefunden, eröffneten die schönsten
Aussichten.
Als nun Lenardo sich hierauf zu ihnen gesellte, ward er von
Wilhelmen ersucht, auch von sich zu sprechen, von dem Lebensgange,
den er bisher geführt, von der Art, wie er sich und andere gefördert,
freundliche Nachricht zu erteilen.
"Sie erinnern sich gar wohl, mein Bester", versetzte Lenardo, "in
welchem wundersamen, leidenschaftlichen Zustande Sie mich den ersten
Augenblick unserer neuen Bekanntschaft getroffen; ich war versunken,
verschlungen in das wunderlichste Verlangen, in eine unwiderstehliche
Begierde, es konnte damals nur von der nächsten Stunde die Rede sein,
vom schweren Leiden, das mir bereitet war, das mir selbst zu schärfen
ich mich so emsig erwies. Ich konnte Sie nicht bekannt machen mit
meinen früheren Jugendzuständen, wie ich jetzt tun muß, um Sie auf
den Weg zu führen, der mich hierher gebracht hat.
Unter den frühsten meiner Fähigkeiten, die sich nach und nach durch
Umstände entwickelten, tat sich ein gewisser Trieb zum Technischen
hervor, welcher jeden Tag durch die Ungeduld genährt wurde, die man
auf dem Lande fühlt, wenn man bei größeren Bauten, besonders aber bei
kleinen Veränderungen, Anlagen und Grillen ein Handwerk ums andere
entbehren muß und lieber ungeschickt und pfuscherhaft eingreift, als
daß man sich meistermäßig verspäten ließe. Zum Glück wanderte in
unserer Gegend ein Tausendkünstler auf und ab, der, weil er bei mir
seine Rechnung fand, mich lieber als irgendeinen Nachbar unterstützte;
er richtete mir eine Drechselbank ein, deren er sich bei jedem
Besuch mehr zu seinem Zwecke als zu meinem Unterricht zu bedienen
wußte. So auch schaffte ich Tischlerwerkzeug an, und meine Neigung
zu dergleichen ward erhöht und belebt durch die damals laut
ausgesprochene überzeugung: es könne niemand sich ins Leben wagen,
als wenn er es im Notfall durch Handwerkstätigkeit zu fristen verstehe.
Mein Eifer ward von den Erziehern nach ihren eigenen Grundsätzen
gebilligt; ich erinnere mich kaum, daß ich je gespielt habe, denn
alle freien Stunden wurden verwendet, etwas zu wirken und zu schaffen.
Ja ich darf mich rühmen, schon als Knabe einen geschickten Schmied
durch meine Anforderungen zum Schlösser, Feilenhauer und Uhrmacher
gesteigert zu haben.
Das alles zu leisten mußten denn freilich auch erst die Werkzeuge
erschaffen werden, und wir litten nicht wenig an der Krankheit jener
Techniker, welche Mittel und Zweck verwechseln, lieber Zeit auf
Vorbereitungen und Anlagen verwenden, als daß sie sich recht ernstlich
an die Ausführung hielten. Wo wird uns jedoch praktisch tätig
erweisen konnten, war bei Auszierung der Parkanlagen, deren kein
Gutsbesitzer mehr entbehren durfte; manche Moos--und Rindenhütte,
Knittelbrücken und Bänke zeugten von unserer Emsigkeit, womit wir eine
Urbaukunst in ihrer ganzen Roheit mitten in der gebildeten Welt
darzustellen eifrig bemüht gewesen.
Dieser Trieb führte mich bei zunehmenden Jahren auf ernstere
Teilnahme an allem, was der Welt so nütze und in ihrer gegenwärtigen
Lage so unentbehrlich ist, und gab meinen mehrjährigen Reisen ein
eigentlichstes Interesse.
Da jedoch der Mensch gewöhnlich auf dem Wege, der ihn herangebracht,
fortzuwandern pflegt, so war ich dem Maschinenwesen weniger günstig
als der unmittelbaren Handarbeit, wo wir Kraft und Gefühl in
Verbindung ausüben; deswegen ich mich auch besonders in solchen
abgeschlossenen Kreisen gern aufhielt, wo nach Umständen diese oder
jene Arbeit zu Hause war. Dergleichen gibt jeder Vereinigung eine
besondere Eigentümlichkeit, jeder Familie, einer kleinen, aus mehreren
Familien bestehenden Völkerschaft den entschiedensten Charakter; man
lebt in dem reinsten Gefühl eines lebendigen Ganzen.
Dabei hatte ich mir angewöhnt, alles aufzuzeichnen, es mit Figuren
auszustatten und so, nicht ohne Aussicht auf künftige Anwendung,
meine Zeit löblich und erfreulich zuzubringen.
Diese Neigung, diese ausgebildete Gabe benutzt' ich nun aufs beste
bei dem wichtigen Auftrag, den mir die Gesellschaft gab, den Zustand
der Gebirgsbewohner zu untersuchen und die brauchbaren Wanderlustigen
mit in unsern Zug aufzunehmen. Mögen Sie nun den schönen Abend, wo
mich mannigfaltige Geschäfte drängen, mit Durchlesung eines Teils
meines Tagebuchs zubringen? Ich will nicht behaupten, daß es gerade
angenehm zu lesen sei; mir schien es immer unterhaltend und
gewissermaßen unterrichtend. Doch wir bespiegeln ja uns immer selbst
in allem, was wir hervorbrachten."