Hersilie an Wilhelm

Mein Zustand kommt mir vor wie ein Trauerspiel des Alfieri; da die

Vertrauten völlig ermangeln, so muß zuletzt alles in Monologen

verhandelt werden, und fürwahr, eine Korrespondenz mit Ihnen ist

einem Monolog vollkommen gleich; denn Ihre Antworten nehmen eigentlich

wie ein Echo unsre Silben nur oberflächlich auf, um sie verhallen zu

lassen. Haben Sie auch nur ein einzigmal etwas erwidert, worauf man

wieder hätte erwidern können? Parierend, ablehnend sind Ihre Briefe!

Indem ich aufstehe, Ihnen entgegenzutreten, so weisen Sie mich wieder

auf den Sessel zurück.

Vorstehendes war schon einige Tage geschrieben; nun findet sich ein

neuer Drang und Gelegenheit, Gegenwärtiges an Lenardo zu bringen;

dort findet Sie's, oder man weiß Sie zu finden. Wo es Sie aber auch

antreffen mag, lautet meine Rede dahin, daß, wenn Sie, nach gelesenem

diesem Blatt, nicht gleich vom Sitze aufspringen und als frommer

Wanderer sich eilig bei mir einstellen, so erklär' ich Sie für den

männlichsten aller Männer, d. h dem die liebenswürdigste aller

Eigenschaften unsers Geschlechts völlig abgeht; ich verstehe darunter

die Neugierde, die mich eben in dem Augenblick auf das entschiedenste

quält.

Kurz und gut! Zu Ihrem Prachtkästchen ist das Schlüsselchen

gefunden; das darf aber niemand wissen als ich und Sie. Wie es in

meine Hände gekommen, vernehmen Sie nun.

Vor einigen Tagen empfängt unser Gerichtshalter eine Ausfertigung

von fremder Behörde, worin gefragt wird, ob nicht ein Knabe sich zu

der und der Zeit in der Nachbarschaft aufgehalten, allerlei Streiche

verübt und endlich bei einem verwegenen Unternehmen seine Jacke

eingebüßt habe.

Wie dieser Schelm nun bezeichnet war, blieb kein Zweifel übrig, es

sei jener Fitz, von dem Felix so viel zu erzählen wußte und den er

sich oft als Spielkameraden zurückwünschte.

Nun erbat sich jene Stelle die benannte Kleidung, wenn sie noch

vorhanden wäre, weil der in Untersuchung geratene Knabe sich darauf

berufe. Von dieser Zumutung spricht nun unser Gerichtshalter

gelegentlich und zeigt das Kittelchen vor, eh' er es absendet.

Mich treibt ein guter oder böser Geist, in die Brusttasche zu

greifen; ein winzig kleines, stachlichtes Etwas kommt mir in die Hand;

ich, die ich sonst so apprehensiv, kitzlich und schreckhaft bin,

schließe die Hand, schließe sie, schweige, und das Kleid wird

fortgeschickt. Sogleich ergreift mich von allen Empfindungen die

wunderlichste. Beim ersten verstohlenen Blick seh' ich, errat' ich,

zu Ihrem Kästchen sei es der Schlüssel. Nun gab es wunderliche

Gewissenszweifel, mancherlei Skrupel stiegen bei mir auf. Den Fund zu

offenbaren, herzugeben, war mir unmöglich: was soll es jenen

Gerichten, da es dem Freunde so nützlich sein kann! Dann wollte sich

mancherlei von Recht und Pflicht wieder auftun, welche mich aber nicht

überstimmen konnten.

Da sehen Sie nun, in was für einen Zustand mich die Freundschaft

versetzt; ein famoses Organ entwickelt sich plötzlich, Ihnen zuliebe;

welch ein wunderlich Ereignis! Möchte das nicht mehr als

Freundschaft sein, was meinem Gewissen dergestalt die Waage hält!

Wundersam bin ich beunruhigt, zwischen Schuld und Neugier; ich mache

mir hundert Grillen und Märchen, was alles daraus erfolgen könnte:

mit Recht und Gericht ist nicht zu spaßen. Hersilie, das unbefangene,

gelegentlich übermütige Wesen, in einen Kriminalprozeß verwickelt,

denn darauf geht's doch hinaus, und was bleibt mir da übrig, als an

den Freund zu denken, um dessentwillen ich das alles leide! Ich habe

sonst auch an Sie gedacht, aber mit Pausen, jetzt aber unaufhörlich;

jetzt, wenn mir das Herz schlägt und ich ans siebente Gebot denke, so

muß ich mich an Sie wenden als den Heiligen, der das Verbrechen

veranlaßt und mich auch wohl wieder entbinden kann; und so wird

allein die Eröffnung des Kästchens mich beruhigen. Die Neugierde

wird doppelt mächtig. Kommen Sie eiligst und bringen das Kästchen

mit. Für welchen Richterstuhl eigentlich das Geheimnis gehöre, das

wollen wir unter uns ausmachen; bis dahin bleibt es unter uns;

niemand wisse darum, es sei auch, wer es sei.

Hier aber, mein Freund, nun schließlich zu dieser Abbildung des

Rätsels was sagen Sie? Erinnert es nicht an Pfeile mit Widerhaken?

Gott sei uns gnädig! Aber das Kästchen muß zwischen mir und Ihnen

erst uneröffnet stehen und dann eröffnet das Weitere selbst befehlen.

Ich wollte, es fände sich gar nichts drinnen, und was ich sonst noch

wollte und was ich sonst noch alles erzählen könnte doch sei Ihnen

das vorenthalten, damit Sie desto eiliger sich auf den Weg machen.

Und nun mädchenhaft genug noch eine Nachschrift! Was geht aber mich

und Sie eigentlich das Kästchen an? Es gehört Felix, der hat's

entdeckt, hat sich's zugeeignet, den müssen wir herbeiholen, ohne

seine Gegenwart sollen wir's nicht öffnen.

Und was das wieder für Umstände sind! das schiebt sich und

verschiebt sich.

Was ziehen Sie so in der Welt herum? Kommen Sie! bringen Sie den

holden Knaben mit, den ich auch einmal wieder sehen möchte.

Und nun geht's da wieder an, der Vater und der Sohn! tun Sie, was

Sie können, aber kommen Sie beide.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 4 / 24 题