Jene Schule des Realismus, die gegenwärtig so viel Staub aufwirbelt,

hat uns mit beharrlichem Bemühen in einer langen Reihe von

psychologischen Gemälden mit dem traurigen Bankerotte des menschlichen

Glücksgefühls in Folge krankhafter Verbildung bekannt zu machen

gesucht. Ich erwarte eine neue Literatur, die uns mit derselben Schärfe

das Gegenstück, den Sieg des Glückes in Folge wachsender, durch

Generationen vererbter Gesundheit, in Folge fördernder Verknüpfung des

schwachen Individuellen mit einem starken Allgemeinen in Vergangenheit

und Gegenwart vorführen soll. Auch dafür giebt es Stoff genug in der

Welt, und zwar ist das gerade der Stoff, der in eminentem Sinne das

Ideale in der natürlichen Entwickelung darlegen wird. Das Ideale, von

dem wir nach Vernichtung so vieler Illusionen noch zu reden wagen,

liegt nicht hinter uns wie das Paradies der Christen, nicht nach

unserer individuellen Existenz in einer persönlichen Fortdauer im

Sinne der Jünger Mohammeds, nicht ganz ausserhalb des practischen

Lebens in den Träumen des Genies, des Poeten: es liegt vor uns in der

Weise, dass wir selbst unablässig danach streben und in diesem Streben

zugleich das Wohl unserer Nachkommen, die Erfüllung derselben im

Ideale anbahnen helfen. Das soll uns die Dichtung zeigen. Idealisiren

muss für sie nicht heissen, die realen Dinge versetzen mit einem

Phantasiestoffe, einem narkotischen Mittel, das Alles rosig macht, aber

in seinen schliesslichen Folgen unabänderlich ein Gift bleibt, das

den normalen Körper zerstört -- sondern es muss heissen, den idealen

Faden, den fortwirkenden Hang zum Glücke und zur Gesundheit, der an

allem Vorhandenen haftet, durch eine gewisse geschickte Behandlung

deutlicher herausleuchten zu lassen, ungefähr wie ein Docent bei

einem Experimente sehr wohl die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf eine

bestimmte Seite desselben lenken kann, ohne darum den natürlichen

Lauf zu verfälschen. Die oberste Pflicht des Dichters hierbei muss

freilich allezeit Entsagung sein. Wie schon betont: das Wollen, das wir

in der Natur sehen, ist selbst noch keine Erfüllung. Je gesunder der

Poet selbst ist, desto eher wird er in die Gefahr gerathen, einerseits

das Ungesunde zu grell zu malen, andererseits seine Welt gewaltsam

als ein Reich der Gesundheit ausmalen zu wollen. Das Wirkliche muss

hier als ewiger Corrector die Auswüchse beseitigen. Für den Standpunct

des natürlichen Ideals in der allgemeinen Werthschätzung ist es

schliesslich immer noch besser, man lässt es zu schwach durchschimmern

im Gange der geschilderten Begebenheiten, als man profanirt es in der

Weise des alten metaphysischen Ideals durch künstliches Auffärben.

Eine realistische Dichtung aber ganz ohne Ideal -- -- -- das ist mir

etwas Unverständliches. Im Märchen mag gelegentlich alles schwarz

sein. Im Leben giebt es dunkle Sterne und dunkle Menschenherzen. Aber

um den finstern Bruder, mit dem ihn am Himmel das Gesetz der Schwere

verkettet, kreist der helle Sirius -- neben den kranken Seelen wandeln

gesunde. Wer die Welt schildern will, wie sie ist, wird sich dem nicht

verschliessen dürfen.

Sechstes Capitel.

Darwin in der Poesie.

Es giebt ein psychologisches Gebiet, das wie kein anderes geschaffen

ist, den Blick des Dichters, der in die Tiefen der menschlichen

Tragödie einzudringen sucht, mit magischem Banne zu fesseln. Es

ist die Erscheinung des bahnbrechenden Genies, des Entdeckers,

Erfinders, Reformators auf irgend einem Boden, den noch keiner

bebaut hat. Wechselnde Bilder ziehen bei dem einfachen Worte durch

den Vorstellungskreis des Gebildeten. Ein Hauch des Einsamen,

Weltentrückten, der menschenleeren Wüste streift seine Stirn, durch

sein geistiges Auge zittert der verlorene Schein des Lämpchens in der

Zelle des verlassenen Grüblers, ein Rauschen von Wogen berührt sein

Ohr, über denen schwere Nebelmassen die Fernsicht nach jungfräulichem

Inselboden für den Blick der Welt verhüllen. Christus, der dem

Zwiegespräch der Geister in der Einöde lauscht, Gutenberg, der im

stillen Gemache seine Lettern fügt, Columbus, der die Wellen eines

neuen Meeres an sein Steuer branden lässt, treten aus dem Schatten

der Geschichte hervor. Aber aus dem Strahlenkreise der Vision

steigt auch das blutige Kreuz von Golgatha, klirrt die Kette an den

Armen des hispanischen Admirals, tönt der Seufzer des sterbenden

Buchdruckermeisters von Mainz, den sie um die Früchte seiner Arbeit

betrogen. Der prüfende Geist öffnet sich der Frage: Was für ein

Phänomen der irdischen Entwickelungslinie wandelt in diesen Bildern der

Einsamkeit, der Grösse und des Martyriums an uns vorüber? Wieder, wie

bei den grossen Problemen, die ich früher gestreift, steht die Antwort

in erster Linie dem Naturforscher zu.

Um was es sich handelt, das ist nichts Wichtigeres und nichts

Geringeres, als die Bildung einer neuen Art.

Die Zeit ist noch nicht allzu fern, wo der Naturforscher sich bei

diesem Begriffe nicht viel denken konnte. Heute ist das anders. Die

gesammte Formenwelt des Organischen hat sich herausgestellt als eine

mächtige, in tausend und tausend Adern zerspaltene Entwickelungswelle,

in der das Geschlecht des Menschen nur einen einzigen Ast bildet.

Tief an der Wurzel schon zertheilt in die Doppellinie des Pflanzlichen

und des Thierischen, reicht diese Welle aus uralten Zeiten herauf

bis zum heutigen Tage. Hervorgegangen aus sehr einfachen Urformen,

hat sich innerhalb des Ganzen allmählich eine Fülle verschiedener

Typen ausgebildet, die theils nebeneinander fortbestanden, theils

ausstarben und Neuem Platz machten. Darwin hat zuerst in der

allgemein bekannten einfachen Weise gezeigt, wie in Folge der

äussern, örtlichen Bedingungen, in die das organische Leben auf der

Erde bei fortschreitender Vermehrung versetzt war, die Bildung der

Arten aus gleicher Urform sich annähernd logisch erklären lässt.

Ich kenne sehr wohl die Schwierigkeiten, die uns noch auf Schritt

und Tritt hier begegnen. Aber sie sind gerade für den Punct, auf

den ich für die Betrachtung des menschlichen Entdeckergenies hinaus

will, nebensächlicher Natur. Für gewöhnlich giebt es ein organisches

Vererbungsgesetz, welches vorschreibt, dass die Nachkommen eines

bestimmten Mitgliedes einer Thier- oder Pflanzenart durchaus den Eltern

gleichen, also wiederum den Arttypus rein darstellen müssen. Indessen,

dieses Gesetz erleidet Störungen, die an sich zwar so geringfügiger

Natur sind, wie die unablässigen kleinen Störungen der Planetenbahnen.

Chemische und physikalische Einflüsse machen sich hier geltend, die wir

im Detail noch nicht verfolgen können. Das Resultat sind unablässige

individuelle Abneigungen der Jungen von den Eltern, meist zu klein, um

als wahre pathologische Abnormitäten zu gelten, aber doch stark genug,

eine gewisse Rolle im Leben des Individuums zu spielen; von einem Wurf

junger Katzen können alle drei gesund sein, wenn auch jede anders

gefärbt ist, und es muss schon eine sechs Beine haben oder zeitlebens

blind bleiben, um pathologisch als Abnormität aufgefasst zu werden.

Diese anscheinend zwecklosen Varietäten innerhalb des Normalen

werden aber von Wichtigkeit, wenn die äussern Existenzbedingungen

der ganzen Art sich in Folge klimatischer oder sonstiger Umwälzungen

verändern. Wenn ein Land plötzlich kältere Winter bekommt, kann der

sonst werthlose Umstand, dass eine Katze vermöge kleiner individueller

Abweichung doppelt so dichtes Haar besitzt als die übrigen, von

entscheidender Wichtigkeit werden, kann sogar bewirken, dass sie allein

mit denjenigen ihrer Jungen, die das starke Kleid geerbt haben, alle

andern überdauert und Stammmutter einer neuen Spielart mit wolligerem

Pelze wird. Das Ueberdauern der Andern bezeichnet dabei ein Schlagwort

als: Sieg im Kampfe um's Dasein.

Innerhalb des Thierischen ist die als Beispiel gewählte Katze ein

Genie. Es ist ihr etwas vererbt, etwas in ihr gegeben, das mit Hilfe

des zufälligen Zusammentreffens der vorhandenen Gabe und des äussern

Bedürfnisses zu einer Erfindung, einem Fortschritte wird. Dieses Genie

wird, schematisch gesprochen, geboren als eine willkürliche, ziellose

Linie, die aber im Leben plötzlich in's Herz einer Scheibe trifft und

ihren Entsender zum Schützenkönige macht. Und die Art, wie dieses Genie

sich auf die Nachkommen überträgt, wo es normale Gabe aller wird, ist

die directe der körperlichen Vererbung.

Stellen wir jetzt daneben das menschliche Genie. Zunächst handelt es

sich hier um etwas weit Feineres, nämlich einen Gehirnprocess. Ein

Mensch wird geboren, dessen Art zu denken, Vorstellungen zu verknüpfen,

eine gewisse individuelle Besonderheit aufweist, die, ohne pathologisch

zu werden, doch innerhalb des Spielraums des Normalen ihre Eigenart

wahrt. Die Linie, von der ich eben sprach, ist damit gegeben, aber

sie ist noch völlig ziellos. Tausend Genies bleiben einfach unter

der Masse verborgen, weil ihre Linie nie das Centrum einer Scheibe

trifft. Dieses Treffen hängt von bestimmten Möglichkeiten ab. Es muss

irgendwo in der Nähe eine Zielscheibe stehen, ein Stoff sich finden,

an dem das Genie sich bewähren kann. Solche Stoffe liegen zu gewissen

Zeiten in der Luft. Man denke an die Entdeckungen, die von drei oder

vier Menschen fast zu gleicher Zeit gemacht wurden. Man denke daran,

was Luther oder Copernicus oder Columbus bereits vorfanden. Wir

nehmen an, das Genie ist geboren, der Stoff, an dem es sich bewähren

kann, ist auch gegeben. Der betreffende Mensch besitzt jetzt etwas,

eine Idee, ein geistiges Plus, das ihn von allen seinen Mitmenschen

zugleich scheidet und fördernd heraushebt. So weit ist der Process

gänzlich dem oben skizzirten bei der Neubildung einer zoologischen

oder botanischen Spielart analog. Durchaus anders aber gestaltet sich

der weitere Verlauf im Kampfe um's Dasein. Das doppelte Wollhaar

des Raubthiers war etwas vom Individuellen Untrennbares. Es haftete

an der Person, es schützte diese Person im Kampfe um's Dasein, und

es übertrug sich von ihr zu neuen Personen auf dem Wege physischer

Vererbung im Zeugungsprocess. Anders bei der menschlichen Idee, die

das Genie durch Zusammenstoss mit einem äussern Zündstoffe entfesselt.

In den allermeisten Fällen emancipirt diese sich sehr schnell vom

Individuellen, dem eine körperliche Uebertragung durch Vererbung doch

nicht gegeben ist, dessen einzelne Person also weiterhin nebensächlich

ist. Die Idee überträgt sich von Gehirn zu Gehirn, kämpft vermöge ihrer

bessern Kraft sich durch im Kampfe um's Dasein mit andern Ideen und

befestigt sich schliesslich als eiserner Bestand im Denkapparate der

ganzen Culturmenschheit. In dieser Loslösung der Idee von ihrem Urheber

liegt das tragische Schicksal des Genies als Person; die Idee, indem

sie als Macht im Kampfe um's Dasein auftritt, kämpft für sich, nicht

für ihren Urheber. Die Tragik ist bitter, darüber kann kein Zweifel

bestehen. Man fühlt sich manchmal berufen, die Natur grausam zu nennen

wegen der groben Mittel, die sie im Daseinskampfe zur Schöpfung einer

neuen Thier- oder Pflanzenart anwendet; die Wiege des Fortschritts,

des Neuen im Geistesleben der Menschheit ist in dem Sinne das ärgste

Procrustesbett, das überhaupt denkbar ist; das Individuum gilt hier

gar nichts mehr. Aber eine vernünftige Lebensphilosophie muss sich in

diese Thatsachen zu finden wissen. Jene Idee, die unter dem Nebel all'

des mystischen Beiwerks doch immer die Herzen der Menschen am meisten

im Christenthum angesprochen hat: die stille Resignation, dass der

Einzelne am Kreuze sterben müsse, damit sein Werk ein beglückendes

Evangelium für viele Tausende werde -- sie wird bleiben, auch wenn

kein Wort mehr von aller christlichen Metaphysik Gläubige finden

sollte -- weil sie eine tiefe Wahrheit enthält. Nicht der Mensch siegt

im Kampfe um's Dasein, sondern die Idee: so lautet derselbe Satz in

wissenschaftlicher Form. Er enthält zugleich eine Formel für die

Thatsache und einen Trost. Denn schliesslich, wenn der Mensch auch

nicht, wie das bevorzugte Thier in jenem Beispiele von dem doppelten

Wollpelze, am eigenen Leibe die Segnungen dessen fühlt, was sein Gehirn

in dunkler Mission ausgestreut, so sieht er doch als bewusstes Wesen

die Siegesbahn seiner Idee auch noch in ihrer Trennung von seinem

Selbst und empfindet ihren Glanz als versöhnende Wärme.

Ich habe das erfinderische Genie mit Absicht aus der reichen Fülle

der Erscheinungen im menschlichen Dasein herausgegriffen, die man im

engern Sinne als darwinistische Probleme auffassen kann. Ich denke,

dass schon dieses eine Beispiel genügt, um zu zeigen, wie sehr man sich

hier vor willkürlicher Uebertragung einfacher biologischer Gesetze auf

die complicirten Phänomene des menschlichen Geisteslebens hüten muss.

Die Anlage, die Zielscheibe, der Kampf um's Dasein: alles spielt auch

hier seine Rolle. Aber der Verlauf ist gerade in wesentlichen Puncten

ein anderer. Unendlicher Stoff für den Dichter liegt allerdings auf

diesen Gebieten. Sowohl das Aufstreben des Neuen wie das Absterben des

Veralteten, die geheimnissvollen Processe, wie das Gesunde verdrängt

wird durch ein Gesunderes, wie es zum Ungesunden herabsinkt durch

haltlose Opposition gegen das bessere Neue, ohne selbst das alles

begreifen zu können -- sie sind seit alten Tagen die Domäne der

Poesie, ohne dass man sich in der rechten Weise über die eigentlichen

Gesetze, die darin walten, und ihre Beziehungen zu den Darwin'schen

Gedanken hat klar werden wollen. Man kann wohl verlangen, dass ein

realistischer Dichter +nach+ Darwin kein Bedenken mehr trägt, die Dinge

beim rechten Namen zu nennen. Aber es gehört dazu in erster Linie ein

ernstes Studium. Allgemeine Schlagwörter beweisen nichts. Man mache

sich daran und entwickele uns zunächst, was noch nicht ordentlich

versucht worden ist, die darwinistischen Linien in der Geschichte;

man prüfe die Werke ausgezeichneter Beobachter wie Shakespeare

im Einzelnen auf das ganze Princip. Dann wird man dahin kommen,

Sätze aufstellen zu können, die den Schlagwörtern einen lebendigen

Zusammenhang mit der ganzen Wissenschaft geben. Zahllose Puncte sind

dabei im Auge zu behalten. Die einfache Zuchtwahl durch persönliches

Emporkämpfen und dadurch ermöglichte Gründung einer Familie, die mit

jener Ideenneuerung im Genie nichts zu schaffen hat, bei der neben den

geistigen vor allen auch die körperlichen Fähigkeiten, Arbeitskraft,

weibliche wie männliche Schönheit und anderes, mitspielen, ist beim

Menschen natürlich nicht erloschen und wahrt ihre alte Rolle. Das

ganze sociale Leben mit all' seinen Klippen und Irrthümern, seinen

Triumphen und Fortschritten fordert die Beleuchtung vom Darwin'schen

Gesichtspuncte aus. Aber was schon im eng beschränkten Thier- und

Pflanzenleben seine ernsten Schwierigkeiten bietet, wird hier vollends

zu einem fast unentwirrbaren Gewebe. Körperliche Gesundheit als

Vortheil im Daseinskampfe findet ihr Aequivalent in Geldmitteln,

die Kraft der Sehnen wird gleichwerthig ersetzt durch die bessere

Molecularconstruction des Gehirns, die unerbittliche Strenge des

Gesetzes vom Recht der Stärkern sieht sich seltsam durchkreuzt von

einem bereits gewaltig angesammelten Fond humaner Anschauungen, die

wieder von einer das Gesetz überbietenden Brutalität auf der andern

Seite paralysirt werden. Der Dichter, der sich mit Muth der Aufgabe

unterzieht, in jeder einzelnen Thatsache hierbei ein Glied grosser

Ketten nachzuweisen, sieht sich allerdings auch darin belohnt, dass er

jede, auch die geringfügigste Erscheinung, so fern sie nur echt dem

Leben entspricht, zum Gegenstande höchst interessanter Darstellungen

machen kann. Im Lichte grosser, allgemeiner Gesetze kann die an und für

sich nicht sehr poetische Chronik eines Krämerviertels, das ein grosses

Magazin im modernsten Stile nach und nach vollkommen todt macht, von

höchster dramatischer Wirkung werden, ein Motiv, das Zola in einem

seiner besten Romane bereits mit Geschick durchgeführt hat. Die kleinen

Thatsachen in dieses Licht des Allgemeinen, Gesetzlichen, höheren

Zielen Zustrebenden heraufrücken: das ist ja eben die idealisirende

Macht, die der Dichter hat. Das werthlose Gezänk über Werth und

Grenzen der Detailmalerei kann hier keine Geltung beanspruchen. Gerade

das Studium der biologischen Phänomene der Artumwandlung, wie es

Darwin angebahnt, führt von selbst darauf, dass wir uns gewöhnen, den

kleinsten Ursachen, den winzigsten Fortschritten und Störungen unter

Umständen die allergrösste Wichtigkeit beizulegen. Der Dichter, der nur

Einiges von Darwin gelesen, wird mit ganz anderer Werthschätzung an die

Dinge des täglichen Lebens herangehen und sich sagen, dass nicht das

Ungeheuere, Welterschütternde allein die geistige Durchdringung durch

die dichterische Anschauung ermögliche, sondern auch das Kleine --

wofern nur der Poet den nöthigen hellen Kopf mitbringt. Denn hohe Ideen

aus der Sonne zu lesen ist unverhältnissmässig viel leichter, als aus

einem Sandkorn.

Eine andere Bereicherung als Frucht darwinistischer Studien erblicke

ich in dem verschärften Verständniss des Dichters für die längere

Zeitdauer, die jeder Entwickelungsprocess auch im Menschenleben in

Anspruch nimmt. Wie die Welt nicht in sieben Tagen geschaffen ist, so

schafft sich auch keine psychologische Thatsache von heute auf morgen.

Unsere Bücher sind zwar voll von einer Liebe, einem Hass, die sich

einer geschleuderten Dynamitbombe gleich ohne alle Prämissen entladen;

der naturwissenschaftlich gebildete Dichter wird hier sceptischer zu

Werke gehen.

Unsere älteren grossen Meister -- Shakespeare, der Zeitgenosse Bakons,

und Göthe, der unmittelbare Vorgänger Darwin's -- bleiben dabei nach

wie vor unsere Führer und Lehrer. Gerade auf dem darwinistischen

Gebiete scheint mir der allgemeine Werth der Methode die Hauptsache,

die den Dichter fördern muss -- viel mehr noch als das nähere

Eingehen auf Fragen der Zuchtwahl. Ich will, um noch einen dritten

dahin gehörigen Punct herauszugreifen, auch Gewicht legen auf die

Rolle des oft verkannten Wortes Zufall in der Dichtung. Was ist

naturwissenschaftlich gesprochen -- Zufall?

Nicht Wenige, die sich im Allgemeinen an das Causalprincip gewöhnt

haben, wie es die logische Wissenschaft lehrt, meinen in Folge

dessen jeden Zufall, der als Factor in einer Dichtung auftritt,

schlechtweg als unerlaubten deus ex machina verwerfen zu müssen.

Im letzten Grunde der Erscheinungen hängt ja Alles zusammen, das

ist richtig. Trotzdem bietet die Welt von einem Standpuncte wie

unserm menschlichen, der gewissermassen sehr weit ab in der grossen

Kette liegt, das schematische Bild einer unendlichen Menge in sich

geschlossener Linien dar, innerhalb deren alles causal verknüpft ist

und ohne fremde Beihilfe weiterläuft. Jede Kreuzung zweier dieser

Linien erscheint vom Standpuncte der beiden einzelnen wie ein in

keinem ihrer eigenen Richtungsgesetze begründeter grober Stoss von

aussen. Diesen jedesmaligen Kreuzungsstoss nennen wir Zufall. Vom

hypothetischen Standpuncte einer Kenntniss sämmtlicher anfänglicher

Richtungsverhältnisse aller causalen Sonderlinien zueinander,

also einer mathematisch exacten Vorstellung von der anfänglichen

Atomlagerung der irdischen Welt aus hörten die Empfindungen dieses

unerwarteten Stosses und damit der Zufall als Sonderbegriff auf

zu existiren. Der menschliche Standpunct den Dingen gegenüber ist

hiervon noch sehr weit entfernt. Wenn ich in einer Weltstadt von zwei

Millionen Einwohnern an einem Tage mit meiner individuellen Linie

ohne jede bewusste Abneigung zu einer zweiten hin vier Mal auf diese

zweite treffe, also einem und demselben Bekannten vier Mal an vier

verschiedenen Orten, die wir beide ohne Kenntniss von der Anwesenheit

des andern aufsuchten, begegne, so bleibt mir das, aller atomistischen

Nothwendigkeit unbeschadet, persönlich ein vierfacher Zufall. Oder im

oben gewählten Beispiele von der neu entstehenden Raubthierart: wenn

dort die in sich geschlossene Causalitätsreihe innerhalb des doppelt

behaarten Individuums mit der absolut unabhängigen klimatischen

Causalitätsreihe, die den strengeren Winter bewirkt, zusammenstösst,

so ist dieser Zusammenstoss Zufall. Das Weitere nicht mehr; denn die

Erhaltung jenes Individuums und die folgende Ausbildung einer neuen

Rasse sind von da ab logische Consequenzen des Zufalls, der als solcher

den Ausgangspunct einer neuen, selbstständigen Causalitätslinie

bildet. Vom Dichter verlangen, dass er diesen Erscheinungen gegenüber

seinen menschlichen Betrachtungsstandpunct aufgeben und uns nur noch

überall geschlossene Linien vorführen sollte, hiesse denn doch gerade

die Wirklichkeit in seinen Bildern antasten. Wir wissen physikalisch

sehr gut, dass unsere Auffassung beispielsweise von der Farbe der

Gegenstände eine illusorische ist, indem wir die Farbe an den Dingen

haftend glauben, während sie in unserm Auge liegt; soll etwa deswegen

der Dichter nicht mehr von rothen Rosen oder blauem Himmel sprechen?

Ja, man kann geradezu sagen, dass eine schärfere Beachtung des Zufalls

in seiner thatsächlichen Erscheinung den Dichter eher darauf führen

wird, ihm eine mehr, als eine weniger wichtige Rolle zuzuertheilen.

Man führe -- was fachwissenschaftlich bei Gelegenheit angeblicher

mystischer Phänomene, zweitem Gesicht, Prophezeiungen und Aehnlichem

fast zur Pflicht wird -- nur eine kurze Zeit seines Lebens einmal Buch

über die Zufälle, denen man begegnet, vor allem die mehrfachen in

derselben Sache. Man wird selbst staunen, welche Resultate man erhält,

wie merkwürdig unwahrscheinlich das alltäglichste Leben im Grunde

genommen ist! Hier und da, an einer Spielbank zum Beispiel, sind die

tollsten Beobachtungen dieser Art in einem einzigen Tage zusammen zu

bringen. In diesem Puncte aber ist das ganze Leben ein ununterbrochenes

blindes Glücksspiel. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit -- und hier

liegt der Knoten -- der Begriff, den wir in jedem prüfenden Augenblicke

hineinschmuggeln, ist eben in Wahrheit nichts Reales. Für unsern

Standpunct ist es, wenn wir einen Würfel fallen lassen, selbst wenn

er fünf leere Seiten hat, positiv nicht wahrscheinlicher, dass eine

der leeren, als dass die einzige bezeichnete Seite nach oben zu liegen

kommt. Jede Wahrscheinlichkeit hört der freien Macht des Zufalls in

der Welt gegenüber auf, gerade weil der Zufall im letzten Ende auch

ein Nothwendiges, uns aber völlig Verhülltes einschliesst. Ich weiss

recht wohl, dass sich das ganze Innere des logisch denkenden Kritikers

auflehnt, wenn ein Poet uns eine Liebesgeschichte erzählt, die auf

fünf oder sechs groben Zufällen, wie ungewolltes Begegnen, aufgebaut

ist. Und doch spreche ich es rund als meine Ueberzeugung aus, dass

man Bände füllen könnte mit der einfachen Aufzählung der grossen und

kleinen Zufälle, die bei einer nicht annähernd gleich verwickelten

Geschichte im wahren Leben bei peinlicher Beobachtung sich ergeben

würden, denn mit jedem Schritt, den wir thun, kreuzen wir fremde

ungeahnte Causalitätsreihen, die in Folge der neuen Reihe, die aus dem

Contact hervorgeht, eine Macht innerhalb unserer eigenen Linie werden.

Ein ganzes Menschenleben bis in dieses feine Gewebe seines Schicksals

hinein zu zergliedern: das wäre ein Kunstwerk, wie wir es noch nicht

einmal ahnen. In Wahrheit giebt es wenige Puncte, die dem Beobachter so

schmerzlich nahe legen, wie weit unsere Kunst in all' ihrer Erfassung

des Menschlichen noch hinter der Wirklichkeit zurücksteht.

Das Wort des alten Malers bei Zola muss uns trösten: »Arbeiten wir!«

Arbeit steckt auch in all' diesen darwinistischen Problemen, Arbeit

nicht bloss für den Naturforscher, sondern auch für den Dichter.

Sagen wir uns unablässig, dass die Arbeit, das harte, mit dem Leben

ringende Künstlerstreben, unser wahres Erbe von den grossen Geistern

der Vergangenheit her ist, nicht das unklare Träumen. Genialität wird

geboren; aber das Ausleben der Genialität ist unablässige Durchdringung

des Stoffes, ist ewiges Studium; wenn sie das nicht ist, so ist sie

eine Krankheit, für die der schonungslose Kampf um's Dasein die ideale

Nemesis wird, indem er sie ausrottet.

Siebentes Capitel.

Eine Schlussbetrachtung.

Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik · 第 5 / 6 段