realistische Bewegung bei uns in Deutschland eine Form angenommen,
die es mehr und mehr wünschenswerth erscheinen lässt, das Wort zu
friedlicher Verständigung zu ergreifen. Während in Russland und
Frankreich muthige Werkmeister sich in harter Arbeit um die neuen
Stoffe der Dichtung mühen und, bald mit falschen, bald mit treffenden
Schlägen, doch unablässig das Rohmaterial gefügig machen und das
Instrument üben, vernimmt man bei uns viel Lärm und sieht wenig
Früchte. Man ist allerdings bisweilen geneigt, das laute Geschrei
bloss für das harmlose Jauchzen von Schulknaben zu halten, die einen
freien Tag haben, weil ihre Lehrer zu stiller, ernster Conferenz über
die wichtigsten Fragen des Unterrichts zusammengetreten sind. Werden
wir erleben, dass auch die Stimme der Meister einmal laut wird und uns
in anderer Weise, als das Gezwitscher der Jungen es vermochte, von
der Bedeutung der Stunde Rechenschaft ablegt? Wir haben es schon oft
gesehen, dass der Deutsche zuletzt kam, dann aber dem Ganzen die Krone
aufsetzte, indem er ihm aus der Tiefe seiner geistigen Entwickelung
heraus Dinge verlieh, die keine andere Nation je besessen. Ich bin
auf diesen Blättern wiederholt gezwungen gewesen, den Namen Zola zu
nennen, und ich kann es als meine ruhige Ueberzeugung auch hier noch
einmal aussprechen, dass mir Zola in vielen Puncten sehr hoch steht,
sowohl in seinem Können, wie in der Ehrlichkeit seines Wollens.
Aber ich möchte diese fragmentarische Behandlung des realistischen
Problems nicht schliessen, ohne vorher noch mit ein paar Worten auch
dem deutschen Antheil an der Entstehung jener ganzen Richtung --
wie immer unsere Besten im Augenblick sich zu ihr stellen mögen --
gerecht geworden zu sein. Wenn die Literaturgeschichte dereinst mit
dem Werkzeuge einer geläuterten darwinistischen Methode die Wurzeln
dessen aufdecken wird, was wir jetzt Realismus in der Poesie nennen,
so wird der Hass der gereizten Parteien sich versöhnen müssen in
der Erkenntniss ihres gemeinsamen Ursprungs. Einseitige Beurtheiler
schmähen heute in Zola das Stück Victor Hugo, das unbezweifelbar
in ihm steckt; die einsichtigere Zukunft wird sich mit Ruhe sagen
dürfen, dass es sich hier einfach um eine Entwickelung handelt,
dass der Zola'sche Realismus sich folgerichtig als zweite Stufe des
bessern Theils in Victor Hugo aus dem Hugo'schen Idealismus ergeben
musste. Nicht anders ergeht es uns in Deutschland. Indem wir scheinbar
neue Wege wandeln werden, werden wir unbewusst doch nur das bessere
Theil unserer grossen literarischen Vergangenheit ausbauen. Welch'
himmelweite Kluft trennt scheinbar eine deutsche Dichtung, die sich in
dem von mir im Vorstehenden ausgeführten Sinne mit den Principien der
Naturwissenschaft in Einklang setzt, von einem Freytag'schen Romane!
Und doch ist das alles nur scheinbar. Als Freytag den tiefen Ausspruch
Julian Schmidt's zum Motto machte: »Die Dichtung soll das Volk bei der
Arbeit aufsuchen«, war er nach den Träumen der Romantik im Grunde der
Begründer des Realismus. Anderes hat dann, sollte man glauben, die
Linie abgelenkt, die Richtung auf das Historische hat den Roman wieder
auf ein neues Gebiet gedrängt. In schärferer Beleuchtung erscheint
auch das als ein realistisches Symptom. Man wollte die Ahnen in der
Dichtung sehen, um die Enkel in ihrer Arbeit zu begreifen. Leichter
Sinn sieht in diesen krausen Gängen, die das Princip gewandelt, eine
Modekrankheit. Das heisst nichts. Krankhaft war allerdings und ist hier
mancher Detailzug geblieben, wie ich das in dem Capitel über die Liebe
vielleicht schroff, aber als volle Ueberzeugung ausgesprochen. Doch
selbst dieser Tadel trifft kaum die Bessern, fast nur die Kleinen. Die
historische Dichtung als Ganzes war eine berechtigte Pionierarbeit --
grösser und glänzender als sie, folgt ihr freilich jetzt die Aufgabe,
das Geschichtliche nicht darzustellen in künstlich belebten Bildern des
Vergangenen, sondern in seiner lebendigen Bethätigung mitten unter uns,
in seinen fortschwirrenden Fäden, in seiner Macht über die Gegenwart.
Von diesem freien Standpuncte aus verliert der Kampf um den Realismus
seine Bitterkeit. Die grosse Literatur, auf die wir stolz sind,
erscheint wieder als Ganzes, wo jeder Bedeutende sein Recht erhält.
Und am Ende, wenn auch bei uns in Deutschland der Realismus im neuen
Sinne einmal seine grossen Vertreter gefunden hat, wird als Summe
sich ergeben, dass wir, die wir auf einer stofflich reicheren und
tieferen Literatur fussen, als die Nachbarländer, auch nun in jenem
Gebiete fester und sicherer uns ergehen werden, als die Franzosen
und Engländer oder die Russen und Skandinavier. Gerade den Jüngeren,
die jetzt so viel Lärm schlagen, kann nicht genug an's Herz gelegt
werden, dass Realisten sein nicht heissen darf, die Fühlung mit
den grossen Traditionen unserer Literatur verlieren. Studirt Zola,
achtet ihn, helft die Kurzsichtigen im Publicum aufklären, die keinen
Dichter vertragen können, der im Dienste einer Idee selbst das Extreme
nicht scheut; aber gebt euch nicht blind für Schüler Zola's aus, als
wenn in Paris ein Messias erstanden sei, der alle alten und neuen
Testamente auflösen sollte. Studirt, was Zola sich zu thun ehrlich
bemüht hat, Naturwissenschaften, beobachtet, wendet Gesetze auf das
menschliche Leben an, das ist alles schwere Arbeit, aber es bringt
uns vorwärts. Und vor allem: vergesst nicht, dass ihr der deutschen
Literatur angehört, dass hinter euch Göthe und Schiller stehen und
dass ihr ein Recht habt, euch als deren Enkel selbstständig neben
den Schüler Balzac's und Nachfolger Victor Hugo's zu stellen, was
die Vergangenheit und den Bildungsgrad eures Volkes anbetrifft. Die
Wissenschaft ist internationales Gut, Jeder kann sie sich aneignen,
der sich der Mühe unterzieht. Aber bildet euch nicht ein, das leere
Poltern und Schreien hülfe irgend etwas. Ihr habt jetzt nach Kräften
auf den historischen Roman gescholten, obwohl darin doch wenigstens
ordentliche Arbeit, ordentliches Studium steckte. Ich will glauben,
dass das Schelten begründet war, wenn ihr zeigt, dass ihr mehr könnt,
dass ihr das unendlich viel erhabenere Problem zu lösen wisst, wie die
Fäden der Geschichte sich verknoten im socialen und ethischen Leben
der Gegenwart, wie man historische Dichtungen schreibt, die gestern
und heute spielen. Ihr habt die weiche, tändelnde Lyrik ausgepfiffen
auf allen Gassen. Auch das soll gut und recht sein, wenn ihr mir eine
neue Lyrik zeigt, die an Göthe und Heine organisch anknüpft und doch
selbstständig das Herzensglück und Herzensweh des modernen Menschen zum
Ausdruck bringt. Macht der Welt klar, dass der Realismus in Wahrheit
der höchste, der vollkommene Idealismus ist, indem er auch das Kleinste
hinaufrückt in's Licht des grossen Ganzen, in's Licht der Idee. Dann
werden die Missverständnisse aufhören. Der Leser wird nicht mehr der
Ansicht huldigen, wenn er eine realistische Dichtung aufschlüge, so
umgellte ihn das Gelächter von Idioten und Cocotten, und wenn man,
was überhaupt recht rathsam wäre, sich bloss genöthigt sähe, das
Romanlesen bei unreifen Mädchen etwas mehr einzuschränken in Folge des
Ueberwiegens der realistischen Richtung, so sollte das unser geringster
Schmerz sein. Freilich wird es auch ohne Missverständnisse noch manchen
harten Kampf kosten, bis die Mehrzahl der geniessenden Leser sich an
das schärfere Instrument des Beobachters gewöhnt haben wird. Das kommt
nicht von heute auf morgen. Zunächst muss das Vertrauen in der Menge
für den realistischen Dichter gewonnen werden, und wir werden gut thun,
die Schauerscenen nach Kräften zu vermeiden, so lange die Vorurtheile
noch so sehr gross sind. Auch werden die Lyrik und das Drama, die ja
immer mehr zum Herzen sprechen, den harten Tritt des Romanes dämpfen
helfen, wenn sie erst einmal zur Stelle sind. Am Ende wird auch die
Masse des Volkes besser sehen lernen, und das ist für alle Fälle ein
Gewinn. Die Poesie wahrt so nur ihre alte Rolle als Erzieherin des
Menschengeschlechtes, und indem sie es thut, darf sie hoffen, auf
freundlichem Boden sich mit der Naturwissenschaft zu begegnen. Beide
reichen sich dann die Hand in dem Bestreben, den Menschen gesund zu
machen.
[Illustration: FINIS]
C. G. Röder, Leipzig.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
korrigiert. Alte und unterschiedliche Schreibweisen wurden
beibehalten.
Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
S. 12: Methaphysische → Metaphysische
Das {Metaphysische} kann ich dabei nur streifen
S. 53: uud → und
{und} indem der wachsende Embryo
S. 57: letztere → letzteres
{letzteres} etwas Geistiges