der Liebe als Anregung einer gewissen Gehirnpartie in Folge eines dem
Gesammtorganismus, dem Zellenstaate, erwachsenen Bedürfnisses erhebt
sich aber jene andere Meinung mit erneuter Macht, indem sie das Wort
»die Liebe ist etwas Geistiges« so gefasst haben will, dass darin noch
etwas Besonderes stecken soll. Dieses Besondere aber, das meist nicht
näher definirt, dafür aber desto mehr gepriesen und dem »Gemeinen«
gegenüber gesetzt wird, stellt sich bei kritischer Zerlegung sehr
leicht als ein Doppeltes heraus. Einmal ist es ein »Göttliches«, ein
»göttlicher Funke«, der in der Liebe zum Ausdruck kommen soll, also ein
Stück Metaphysik -- das andere Mal ein »Wahnsinn«, eine »zerstörende
Macht«, also, physiologisch gesprochen, ein Stück Psychiatrie.
Wer sich davon überzeugen will, ob diese Zerlegung des beliebten
Begriffes richtig ist, der unterziehe sich der Aufgabe, aus einigen
Dutzend Romanen und lyrischen Gedichtsammlungen der Alltagsmode die
Phrasen herauszuschreiben, in denen der Autor selbst oder seine
Haupthelden ihre Liebesgefühle definiren. Stets wird er das Entweder
-- Oder finden: die Liebe ist von Gott -- die Liebe ist Wahnsinn.
Nur höchst selten wird er auch einmal verschämt angedeutet finden,
dass die Liebe auf natürlichen Gesetzen und Functionen basirt, die
ihre feste und geordnete Stellung im Zellenstaate des menschlichen
Organismus einnehmen. Am »Göttlichen« in der Liebe zweifeln, ist für
diese Poeten und ihre Verehrer gleichbedeutend mit äusserster Roheit
und Gefühllosigkeit. Gleichwohl ist der realistische Aesthetiker, der
auf naturwissenschaftlichem Boden steht, genöthigt, den Ausdruck für
gänzlich werthlose Phrase zu erklären. Wenn »göttlich« so viel heissen
will, wie in eminentem Sinne gemahnend an unsere Abhängigkeit von einer
grossen Entwicklungswelle, an die Unterordnung des Subjectiven unter
das Allgemeine, so kann man sich das Wort gefallen lassen für das
eigentliche Ziel der Liebe, für die ganze Annäherung und Vereinigung
der Geschlechter. Das angeblich Roheste und Gemeinste ist dann das
hochgradig Göttlichste und die Verbindung von Mann und Weib in ihrer
physiologischen Thatsächlichkeit der göttlichste, d. h. der Gottheit
nächst stehende Act, den das individuelle Menschenleben überhaupt
umschliesst. Die göttliche Mission des Weibes besteht dann in seiner
Schönheit, die den Mann reizt -- die Liebe, mit der die Gatten einander
begegnen, ist der höchste Gottesdienst. In solchem Sinne mag das Wort
gelten. Aber diese Auslegung läuft dem gewöhnlichen Wortbegriffe
schnurstracks entgegen. Andererseits die Liebe schlechthin als
Wahnsinn zu bezeichnen, ist physiologisch eine Ungeheuerlichkeit. Das
Geschlechtscentrum im geistigen Apparate des Menschen kann erkranken,
das ist richtig. Die Liebe kann eine Verrücktheit werden, sie kann
vermöge der Trennung von functionirendem Geschlechtsorgan und nervösem
Gehirncentrum eine Geisteskrankheit werden, deren Wahngebilde jede
Fühlung mit den wahren Zielen des natürlichen Triebes verlieren, so gut
wie es psychiatrische Fälle giebt, in denen der Kranke jedes Gefühl
für Nahrungsaufnahme verliert und ohne Hilfe bei normalem Munde und
Magen verhungern würde. Diese sexuellen Geisteskrankheiten sind streng
zu unterscheiden von den Krankheiten der sexuellen Functionsorgane.
Sie treten zumeist als Folgen bereits vorhandener anderer Verbildungen
des Gehirns auf. Seit uralten Zeiten sind sie eine Begleiterscheinung
bestimmter Formen von religiösem Wahnsinn gewesen und lassen sich
als solche durch die Geschichte der orientalischen Völker wie der
abendländischen bis in's Mittelalter und bis auf den heutigen Tag
verfolgen -- eine Aufgabe, der allerdings noch kein grosser Historiker
sich im rechten Masse unterzogen hat. Sie treten ferner chronisch und
wahrscheinlich sogar erblich bei Nationen auf, deren cerebrale Centra
durch Ueberbildung und zwecklosen Luxus geschwächt und verdorben sind;
dahin gehört die gesammte historische Entwickelung der Päderastie,
bei deren Beurtheilung übrigens der moderne Rechtsstandpunct so wenig
durch die Erkenntniss des Krankhaften verrückt wird, wie es durch
die Leugnung der Willensfreiheit auf andern Gebieten geschieht.
Selbst die einfache Einseitigkeit in der Anstrengung gewisser
Gehirnpartieen beim vollkräftigen Genie besitzt meistens einen
irgendwie schädigenden Einfluss auf die benachbarte sexuelle Gegend des
nervösen Centralapparates, so dass die geschlechtlichen Neigungen sehr
grosser Männer durchweg nicht als Muster des Normalen gelten können,
äussere sich dieses Abweichen von der Linie nun in widernatürlicher
Enthaltsamkeit oder unbändiger Ausschweifung.
Aus allen diesen Einschränkungen ergiebt sich nun aber doch noch lange
nicht die Krankhaftigkeit +aller+ Liebeserscheinungen. Die Liebe soll
ein Zwang sein, der auf dem freien Bewusstsein lastet, der die Seele
knechtet und zu Gemeinem treibt. Da liegt der fundamentale Irrthum.
Um das freie Bewusstsein, die unabhängige göttliche Seele zu retten,
erklärt man den einfachsten und logischsten Naturtrieb für eine
unwürdige Fessel, die uns an's Gemeine kettet. Hier, wie bei dem andern
Falle liegen die Wurzeln im Metaphysischen, sagen wir immerhin, da wir
von modernen Dichtern sprechen: im Christlichen. Die künstliche Seele,
die uns diese religiösen Anschauungen in den Menschen hineingedacht
haben, empfindet schliesslich die ganze Natur, auch wo sie heiter und
glücklich macht, als Zwang. Der Zeugungsact verwandelt sich ihr, obwohl
von anderem Standpuncte, von anderer cerebraler Verbildung aus, als
bei dem sexuell erkrankten Don Juan oder dem geschlechtlich complet
wahnsinnigen alten Griechen, in ein leeres Spiel, eine Dummheit, von
der wir uns frei machen möchten. Das fällt aber selbst bereits in's
Gebiet der sexuellen Gehirnkrankheit.
Der einfache Schluss ergiebt sich: jene ganze Literatur, die in guten
oder schlechten Versen, reiner oder fehlerhafter Prosa uns unablässig
von dem Dämon der Liebe, von der Knechtung unter das Joch Amors
seufzt und die reine, heilige, göttliche Minne preist -- jene ganze
Literatur ist Product einer mehr oder minder entwickelten sexuellen
Gehirnschwächung, die täglich weiter um sich greift, je mehr Menschen
mit empfänglichem, für die Gewohnheitslinien des Unterrichts geebnetem
Gehirn jene Literatur lesen und wieder lesen. Ein schwererer Vorwurf
kann meines Erachtens gegen eine ganze Richtung der Poesie nicht
wohl erhoben werden. Die nothwendige practische Folge ist, dass eine
Scheidung entsteht zwischen der gewöhnlichen, normalen Liebe, der
sogenannten hausbackenen, und jenem metaphysisch verbildeten, in
lauter Jammer und Träumen dahinsiechenden Zerrbilde der Liebe, das
Roman, Drama und Lyrik allerorten predigen. Der gesunde Spiessbürger,
der seine Gehirncentra noch in erfreulicher Ordnung beisammen hat,
unterscheidet schliesslich mit sicherm Gefühl die »Liebe, wie sie im
Leben vorkommt« von der »Liebe in Büchern und Theaterstücken«, und der
junge Mann oder das junge Mädchen, die sich schon in unreifen Jahren
durch das beständige Hören und Lesen in letztere zuerst hineinhimmeln,
sehen sich durchweg bei späterm, reifem Eintritt in das wirkliche
Leben genöthigt, jenes erste Bild zwangsweise wieder aus dem Gehirn
herauszuschaffen -- ein Process, der in nur zu vielen Fällen gar nicht
mehr gelingt -- so wenig, wie ein Kind, das man an Morphium gewöhnt
hat, später noch normal einschlafen kann. Wer nicht blind ist, muss
einsehen, dass wir hier dem vollkommenen Bankerotte der erotischen
Poesie entgegensteuern, denn was sich vom Normalen derartig trennt,
muss über kurz oder lang nothwendig gewaltsam unterdrückt werden.
Anstatt aber Hilfe zu schaffen, wüthet man vielmehr gegen jede Sorte
von Schriftstellern, die der Liebe in ihren Dichtungen wieder zu einem
natürlichen Boden verhelfen möchten. Es ist eine höchst traurige
Erscheinung, wie dabei alles durcheinander geworfen wird. Männer, die
mit Bewusstsein daran gehen, die Kehrseite der echten Liebe in den
krankhaften Entartungen zu schildern, stellt man ganz unbefangen neben
oder unter solche, die selbst im Banne sexueller Gehirnaffectionen
stehen und ihre Bücher mit den unlogischen Gebilden ihrer kranken
Phantasie füllen, ohne ihre Abirrung vom Normalen selbst zu empfinden.
Gewiss sind auch jene bewussten Studien über das Abnorme mehr oder
weniger eine unerfreuliche Lectüre und gewinnen höchstens durch
den Contrast, den das Logische und Helle der wahren Liebe selbst
unausgesprochen gegen alle diese Fratzen und Verirrungen bildet. Aber
welcher unendliche Fortschritt liegt schon allein in dem Bewusstsein,
wie es Zola's Nana oder Daudet's Sappho vertreten -- dem schneidig
scharfen Bewusstsein, dass wir es hier mit kranken Menschen zu thun
haben, mit krankhaften Situationen, krankhaften Verwickelungen. Von der
Erkenntniss des Falschen, Ungesunden zur Erkenntniss des Wahren und
Gesunden ist aber nur ein Schritt. Jene Schriftsteller, die vor unsern
Augen sich so eifrig mit dem Studium der entarteten Liebe befassen,
bekunden bereits auf Schritt und Tritt eine weit tiefere Einsicht in
das Gebiet des Normalen, wie hundert andere, die nach ihrer und ihrer
Leser Meinung niemals die Linie des Erhabenen auf erotischem Gebiete
verlassen haben. Eine zukünftige Poesie, die sich an die Ersteren
anlehnt, ohne ihnen auf ihr Specialgebiet zu folgen, wird das Grösste
zu leisten im Stande sein. Wir wollen übrigens darin Gerechtigkeit
walten lassen, dass wir unsern Poeten, die theils unbefangen, theils
mit kritischem Bewusstsein immerfort das Krankhafte in der Liebe
schildern, nicht die ganze Schuld daran aufbürden. Die Poesie --
wenigstens die unbefangene -- hilft zwar das Gift weiterverbreiten,
aber sie empfängt es auch unablässig aus dem Leben zurück. Eine
ungeheure Masse falscher Sentimentalität, künstlicher Gefühle,
moralischer Unnatur belastet unser ganzes modernes Liebesleben. Freytag
hat gelegentlich in seinem Romane von der verlorenen Handschrift ein
anmuthiges Bildchen vom deutschen Mädchen entworfen, wie es unsere
Bildung in unsern Städten heranbildet. Das Bild ist anmuthig geblieben,
weil der Kern in diesem einzelnen Mädchen durch und durch gesunde
Erbschaft war und das Sentimentale sich bloss in einer Form darüber
ranken konnte, die dem Humor Stoff bot, aber ohne ernste Folgen
blieb. Leider ist dieses Bild schon nicht mehr überall das Typische.
Eine widerwärtige Sentimentalität greift wie ein schleichendes Gift
allenthalben um sich und zeitigt ein Geschlecht von Menschenkindern,
in deren Empfindungen so wenig waschechte Natur steckt, wie auf den
Wangen einer Pariser Ballschönheit. Es ist vor allen Dingen Mission
der Poesie, die hier viel gesündigt und viel gelitten, mit festem
Muthe sich mehr und mehr dem Modegeschmacke entgegenzustellen. Sie
kann es aber nur, indem sie echt realistisch wird, das heisst: sich
an die Natur anlehnt. Der einfache Realismus, der den Menschen die
wahren Kleider des Lebens anzieht, ist noch lange nicht ausreichend
zum wirklichen Zweck. Es gilt tiefer zu gehen und die Welt wieder an
den Gedanken zu gewöhnen, den sie durch Metaphysik, Sentimentalität
und Katzenjammer so vielfach verloren: dass die Liebe weder etwas
überirdisch Göttliches, noch etwas Verrücktes und Teuflisches, dass
sie weder ein Traum, noch eine Gemeinheit sei, sondern diejenige
Erscheinung des menschlichen Geisteslebens darstelle, die den Menschen
mit Bewusstsein zu der folgenreichsten und tiefsten aller physischen
Functionen hinleitet, zum Zeugungsacte. Damit eine derartige Rolle für
die Poesie aber ermöglicht werde, ist es allererste Bedingung für den
realistischen Dichter, sich über die näheren Puncte der physiologischen
Basis des Liebesgefühls zu unterrichten. Nur eine strenge Beobachtung
der Gesetze und Erscheinungen des Körperlichen in seinen verschiedenen
Phasen kann zu neuen Zielen führen. Das erfordert freilich auch an
dieser Stelle wieder harte Arbeit für den Poeten. Das leichte Fabuliren
von den lustigen oder bösen Abenteuern verliebter Seelchen hört dabei
auf, und der Dichter wird nothgedrungen sogar hin und wieder Pfade
wandeln müssen, wo die landläufige Moral erschreckt zurückschaudert.
Wer dazu nicht das Zeug in sich fühlt, der soll dem Liebesproblem fern
bleiben; besser gar keine Liebesgeschichten mehr, als jene gefälschten;
denn der Dichter mag lügen, wo er Lust hat -- es ist alles harmlos
gegen das Lügen auf erotischem Gebiete, dessen Folgen bei dem von
Natur gesetzten Nachahmungs- und Gewohnheitstriebe des menschlichen
Geistes unmittelbar in's practische Leben hineingreifen. Ich nehme
keinen Anstand, zu behaupten, dass wir überhaupt eine erschöpfende
dichterische Darstellung des ganzen normalen Liebeslebens in Weib und
Mann von seinen ersten Keimen bis zur reifen Mitte und wiederum abwärts
bis zum langsamen Versiegen im alternden Organismus in der gesammten
Weltliteratur noch nicht besitzen. Zola hat in seinem geistvollen und
tiefen Romane »La joie de vivre« wenigstens gelegentlich einmal den
Versuch gemacht, an einem gesunden weiblichen Typus ein vollkommen
plastisches Bild zu entwickeln; aber bei seiner Neigung für das
Pathologische, die ihm nun einmal im Blute steckt, ist das Ganze
nach meisterhafter Anlage schliesslich doch einseitig und ohne die
natürliche Versöhnung ausgelaufen. Was ich fordere, ist noch weitaus
mehr. Ich fordere neben vollkommen scharfer Beobachtung eine bestimmte
Tendenz. Man rede mir nicht davon, die realistische Dichtung müsse sich
ganz frei machen von jeder Tendenz. Ihre Tendenz ist die Richtung auf
das Normale, das Natürliche, das bewusst Gesetzmässige. Die Poesie hat
mit wenigen, allerdings sehr hoch stehenden Ausnahmen bisher zu allen
Sorten abnormer Liebe erzogen. Sie muss in Zukunft versuchen, dem Leser
gerade das Normale als das im eminenten Sinne Ideale, Anzustrebende
auszumalen. Nur dann giebt es noch einen Aufschwung in der erotischen
Poesie. Der vermessene Ausspruch muss mit Macht widerlegt werden: das
Gewöhnliche, jene Liebe, die der einfache Spiessbürger auch erlebt,
wenn er gesund ist, sei zu gering für den edeln Schwung der Poesie.
Das ist die schwerste Unwahrheit, die je Geltung gewonnen hat in der
Literatur. Ihre Folge ist gewesen, dass wir hunderttausend Bände über
eine sentimentale, nervös überspannte Liebe und eben so viele über eine
unter alles Natürliche herabgesunkene Liebe besitzen -- eine Literatur
voller Göttinnen und Cocotten, aber ohne Normalmenschen.
Unwillkürlich, indem ich dieses schreibe, schweift mein Blick in
entlegene Tage hinüber. Wunderbare Gleichförmigkeit der auf- und
niedersteigenden Wellen im Laufe der Culturgeschichte! Derselbe
Gedanke, der uns heute zu so herbem Urtheile über eine grosse Masse
der vorhandenen Poesie treibt, den wir als neue Frucht vom ewig
fortgrünenden Baume der Erkenntniss zu pflücken glauben: er lebte in
Cervantes schon, als er Don Quixote's Freunde die geistverderbenden
Ritterromane zum Flammentode verdammen liess.
Wann erstehen unserer Zeit die treuen Freunde, die sie von ihren
gefährlichen Lieblingen erlösen?
Fünftes Capitel.
Das realistische Ideal.
Ist es mehr als ein Wortspiel, ein heiteres Paradoxon, was in den
beiden Worten der Ueberschrift liegt? Kennt der Realismus ein Ideal?
Giebt es etwas derart in all' den Gigantomachieen des modernen
realistischen Romans, diesen wilden Büchern, in denen der Mensch
hoffnungslos ringt mit zerstörenden Gewalten, mit den zermalmenden
Gespenstern der Vergangenheit, mit den rohen Naturmächten einer blinden
mechanischen Weltordnung, in diesem öden Lande, das keine Götter mehr
kennt, keine Freiheit des Willens, keine Unsterblichkeit im alten
Sinne, keine von allen Banden der gemeinen Natur erlöste Liebe?
Es wäre vielleicht angemessener gewesen, diese Frage zu allererst
aufzuwerfen, ehe wir uns der Mühe unterzogen, jene einzelnen Puncte
näher zu prüfen. Ich habe gleichwohl den umgekehrten Weg gewählt.
Anstatt das Wort »Ideal« unmittelbar mit seinem Vollgewicht in die
Rechnung einzusetzen, habe ich mich bemüht, den Leser selbst mehr
und mehr dem Begriffe nahe zu bringen, der nach meiner Ansicht sich
innerhalb des Realismus allein noch mit jenem stolzen Worte deckt. Wer
mir genau gefolgt ist, kann nicht mehr im Zweifel darüber sein.
Wir haben gebrochen mit der Metaphysik. Jenseits unseres Erkennens
liegt eine andere Welt, aber wir wissen nichts von ihr; unser Ideal,
so fern es eine lebendige Macht sein soll, muss irdisch, muss ein
Theil von uns sein, muss der Welt angehören, die wir bewohnen, die in
uns lebt und webt. Wir haben gebrochen mit den heitern Kinderträumen
von Willensfreiheit, von Unsterblichkeit der Seelen in den Grenzen
unseres Denkens, von einer göttlichen Liebe, die ein anderes, als das
natürliche Dasein lebt. Unser Weg geht aufwärts zwischen zerborstenen
Tempelsäulen, zwischen versiegenden Quellen, zwischen verdorrendem
Laub. Wir wissen jetzt, dass unsere Visionen, unsere Prophetenstimmen,
unsere leidenschaftlich schmachtenden und schwelgenden Gefühle nichts
besseres waren, als Krankheit, Delirien des Fiebertraums, dämmernde
Nacht des klaren Geisteslichts. Nun denn: wenn dem allem so ist,
das Ideale geben wir damit doch nicht auf. Wenn es nicht mehr der
Abglanz des Göttlichen sein darf, so ist ihm darum nicht benommen,
die Blüthe des Irdischen zu sein, die tiefste, reinste Summe, die der
Mensch ziehen kann aus allem, was er sieht, all' dem Unermesslichen,
was sich in der Natur, in der Geschichte, in allem Erkennbaren ihm
darbietet. Wenn er den Blick schweifen lässt über diese ganze Erde,
über sein ganzes Geistesreich, so sieht er im Grunde all' dieser
wechselnden Formen ein einziges grosses Princip, nach dem alles
strebt, alles ringt: das gesicherte Gleichmass, die fest in beiden
Schaalen schwebende Wage, den Zustand des Normalen, die Gesundheit.
Ganz vollkommen erfüllt ist dieses Princip allerdings nirgendwo. Aber
es schwebt über Allem als das ewige Ziel, niemals ganz realisirt,
aber darum doch die unablässige Hoffnung des Realen. Es giebt nur
einen Namen für dieses Princip, er lautet: Ideal. Vor diesem Ideale
schwindet jeder Unterschied des Bewussten und Mechanischen in der
Natur. Der Mensch, indem er sich seiner bewusst wird im Triebe nach
Glück, Frieden, Wohlsein, harmonischem Ausleben des Zuerkannten, theilt
nur den innern Wunsch, der allem Spiel molecularer Kräfte zu Grunde
liegt. Das letzte Ziel des grandiosen Daseinskampfes, der zwischen
den frei schwebenden Himmelskörpern wie zwischen den Elementen auf
Erden, zwischen den einfachen chemischen Stoffen wie zwischen den
geheimnissvollen Bildungen des organischen Lebens tobt, ist nichts
anderes, als der dauernde Wohlstand von Generationen, die in Einklang
mit der Umgebung gelangt sind. In diesem Sinne ist die Natur selbst
erfüllt von einer tiefen, zwangsweisen Idealität, und wo ihre volle
Entfaltung zu Tage tritt, äussert sich diese in der höchsten Annäherung
an das ideale Princip des grösstmöglichen Glückes der Gesammtheit,
an dem jedes Individuum seinen Antheil hat. Dunkel, wie der ganze
Untergrund der grossen Daseinswelle, in der wir leben, für unsere
Erkenntniss bleibt, ist die ideale Richtung auf das Harmonische, nach
allen Seiten Festgefügte, in seiner Existenz Glückliche und Normale
überhaupt die einzige feste Linie, die wir durch das ganze Weltsystem
verfolgen können. Es ist die einzige treibende Idee, die aus dem
ungeheuren Wirrsal des Geschehens einigermassen deutlich hervortritt,
von der wir sagen können: sie verkörpert ein Ziel, einen Endpunct. Die
weiteren philosophischen Träumereien, ob man sich die Welt denken solle
als etwas ursprünglich Gutes, das schlecht geworden und nun im Banne
eines metaphysischen Willens wieder zum Anfänglichen zurückstrebe --
ob das absolute Glück denkbar sei als absolute Ruhe oder harmonische
Bewegung -- das alles geht mich hierbei herzlich wenig an.
Ich wahre durchaus den Standpunct des Naturforschers. Wenn aber ein
derartiges ideales Princip sich von diesem aus für die ganze sichtbare
Welt ergiebt, so hat auch der realistische Dichter ein Recht, sich
seiner zu bemächtigen, es als »Tendenz« in seinen Dichtungen erscheinen
zu lassen. Tendenz zum Harmonischen, Gesunden, Glücklichen: -- -- --
was will man mehr von der Kunst? Giebt es einen besseren Boden für
die Aesthetik, um ihren menschlichen Begriff des Schönen darauf zu
bauen? Es ist hier nicht meine Aufgabe, zu zeigen, wie dieser Begriff
des Schönen selbst sich im Einzelnen aus dem Begriffe des Normalen,
Gesunden entwickelt, ich beschränke mich auf die Grundlagen. Es wird
nicht Wenigen so vorkommen, als sinke die realistische Dichtung
durch Anerkennung jener Tendenz von ihrer hohen Sonderstellung jäh
wieder herab zum Gewöhnlichen. Wenn die Tendenz zum Glücke wieder
oben anstehen soll, so hat ja auch der billigste Liebesroman, dessen
einziges Ziel ist, dass »sie sich bekommen«, das Recht der Existenz
damit zurück erhalten. In Wahrheit will das nichts heissen. Der
realistische Dichter soll das Leben schildern, wie es ist. Im Leben
waltet die Tendenz zum Glück, zur Gesundheit als Wunsch, nicht als
absolute Erfüllung. Das wird der Dichter durchaus anerkennen müssen.
Er wird sich stets fernhalten von dem Unterfangen, uns die Welt
als ein heiteres Theater darzustellen, wo alle Conflicte zum Guten
auslaufen. Eine unerbittliche Nothwendigkeit wird ihn zu den schärfsten
Consequenzen zwingen, und wenn er, was nicht zu vermeiden, das
Ungesunde in sein Experiment hineinzieht, so ist er verpflichtet, es in
seinem ganzen Umfange zur folgerichtigen Entwicklung zu bringen. Seiner
Tendenz dient er dann eben bloss im Negativen, im Contraste.
Im Allgemeinen kann ich auch hier nur wiederholen, was bereits
öfter gesagt ist: der Realismus hat gar kein Interesse daran,
allenthalben mit der Prätention des durchaus »Neuen« aufzutreten. Seine
wesentlichste Mission ist, zu zeigen, dass Wissenschaft und Poesie
keine principiellen Gegner zu sein brauchen. Das kann aber ebenso
gut geschehen, indem wir wissenschaftlichen Factoren in der Dichtung
zu ihrem Rechte verhelfen, wie gelegentlichen Falles auch, indem wir
einen Zug zum Idealen in der Wissenschaft nachweisen. Nur allein das
Metaphysische muss uns fern bleiben. Das Streben nach harmonischem
Ausgleich der Kräfte, nach dauerndem Glück ist in jeder Faser etwas
Irdisches. Hier auf Erden ringt der Einzelne nach Seligkeit, hier
auf Erden pflanzen wir in heiterem Bewusstsein Keime zum Segen der
kommenden Geschlechter. Die dunkle Welt des Metaphysischen sagt hier
nichts, hilft nichts, hindert nichts; sie kann, wie ich das ausgeführt
habe, einen tröstenden Gedanken abgeben beim Tode; an Glück und Unglück
im Leben ändert sie nichts.