jenes Doppelsatzes wenden. Ich frage: was will der Satz »mit dem Tode
ist Alles aus«? In dem »Alles« steckt eine Vermessenheit, die derselbe
Naturforscher, der eben die bestimmte, positive Einzelannahme eines
Fortlebens der individuellen Seele zurückweisen musste, darum noch
lange nicht kritiklos nachzusprechen gezwungen ist. In jenem »Alles«
wäre enthalten, dass wir eine factische Kenntniss vom Wesen der ganzen
Welt, wie des Individuums hätten. Das ist nicht der Fall. Es muss ganz
scharf unterschieden werden: die bestimmte psychisch-physiologische
Weltansicht des Naturforschers und die Welt an sich, die Welt, die
sich hinter dem Bilde verbirgt, das wir sehen. Der Naturforscher ist
ein Mensch. Er sieht Dinge um sich her, so weit seine Sinnesorgane
und sein Gehirn ihm das erlauben -- nicht mehr. Die schärfsten
Beweise sprechen dafür, dass diese Sinnesorgane und dieses Gehirn ihm
nur einen ganz beschränkten Theil der wirklichen Welt zeigen, und
es giebt eine Reihe von Puncten, die nahe zu legen scheinen, dass
sogar dieser kleine Theil beeinflusst und möglicherweise gefälscht
ist durch die feste Form seines beobachtenden und reflectirenden
Organes. Da Alles, was wir gewahren, erst in unserm Centralorgan zum
Bilde wird, so kann die Vermuthung nicht wohl widerlegt werden, dass
die Structur dieses Organs auf die Form dieses Bildes einen Druck
ausübt; man hat mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits ausgesprochen,
dass die Begriffe des Raumes, der Zeit und der Causalität in unserm
subjectiven Weltbilde erst Wirkungen dieses Druckes wären und somit
überhaupt nur in uns, nicht in der Aussenwelt existirten; man hat
mit ziemlicher Sicherheit den Begriff des Stoffes in uns selbst
verlegt, während von Aussen nur Krafteindrücke kommen. Und es wird
für den Laien am Besten ermöglicht, sich in diese kühnen, aber nicht
unbegründeten Hypothesen hineinzudenken, wenn er sich an rohe Facta
der Sinnenwelt hält (beispielsweise die Farben, welche bekanntlich
nicht an den Gegenständen haften, die wir roth, blau oder grün sehen,
sondern in unserm Auge sind) und sich mit ihrer Hilfe die Möglichkeit
vergegenwärtigt. Während diese Ideenkreise die Fälschung unseres
Weltbildes durch unser eigenes Denkorgan als wahrscheinlich hinstellen,
zwingt andererseits die Forschung selbst zur Erkenntniss fester
Grenzen. Wir sind nicht im Stande, jenen Parallelismus von Psychischem
und Molecularem, von dem auf diesen Blättern bereits so oft die Rede
gewesen ist, irgendwie zu verstehen. Wenn eine Molecülreihe rechts
schwingt beim Gefühl des Schmerzes, links bei dem des Angenehmen, so
ist damit noch keine Brücke geschlagen von der Schwingung zum Gefühl
und wir können lediglich den nie wechselnden Parallelismus constatiren.
Wenn wir den Begriff des Molecüls zerlegen und die tieferen Geheimnisse
dessen aufzudecken versuchen, was wir mechanische Kraft nennen, so
verwickeln wir uns nicht aus Unkenntniss der Sachen, sondern durch
offenkundiges Versagen der Logik in unlösbare Widersprüche. Wir
können nicht umhin, ein derartiges Aufhören aller wissenschaftlich
gangbaren Strassen als Grenze zu bezeichnen. Wir fühlen sehr wohl, dass
jenseits derselben noch sehr Viel liegt, ja, die fundamentale Kenntniss
des Daseins eigentlich erst ihren Anfang nehmen würde, aber es ist
nichts zu machen, wir können mit dem Gehirn, das wir haben, einfach
nicht weiter. Ob unsere Urenkel mehr vermögen werden, muss ihnen ihr
vielleicht weiter entwickeltes Gehirn sagen, es geht uns gegenwärtig
nichts an.
Eine Wissenschaft aber, die von Grenzen, von Fälschungen ihres
Weltbildes zu reden gezwungen ist, kann zwar innerhalb ihres Gebietes
sehr wohl diese oder jene Thatsache als sicheres Resultat aufstellen,
sie hat aber kein Recht, ihre Urtheile in der Weise zu verallgemeinern,
dass sie sich für competent in Fragen der absoluten Welt, der Welt
an sich, erklären darf. Die Wissenschaft ist nicht nur berechtigt,
sondern genöthigt, ausdrücklich festzustellen, dass so, wie sich
die Welt in unsern Menschenaugen deutlich erkennbar spiegelt, ein
isolirtes Fortleben der Seele einfach unmöglich ist. Mit dem Tode ist
eine Kette von Ereignissen der sichtbaren Welt zu Ende. Was beweist
das für die wirkliche Welt, jene Welt, die sich noch unabsehbar
hinter unsern Erkenntnissgrenzen dehnt und von der ein ganz kleines,
getrübtes Endchen in unser Sehfeld sich erstreckt? Gar nichts. Wir,
die wir weder wissen, was psychische und moleculare Vorgänge ihrem
innersten Wesen nach sind, noch wie sie zusammen kommen, wir, die wir
von Zielen, Zwecken, Sittlichkeit, Gesetzmässigkeit, Anfang, Ende,
Schönheit oder Hässlichkeit der wahren Welt auch nicht das Geringste
ahnen, wir sollten von etwas sagen, es sei zu Ende? Wir, die wir in
einer Welt voll unendlicher, sich im Raum verlierender Linien, voll
unendlicher Decimalbrüche, voll unendlich theilbarer Körper leben, wir
sollen von irgend einem Ding sagen: Hier ist alles aus? Eine wohlfeile
Philosophie, die aus dem schwankendsten unserer Begriffe, der Materie,
etwas absolutes macht, mag sich dabei beruhigen; Naturwissenschaft ist
das nicht.
Ich hoffe, dass man mich richtig verstanden hat. Alles was wir Menschen
sehen, ist Physisches, auch das Psychische, in so fern es stets an
ein Physisches geknüpft ist. Innerhalb dieses Physischen giebt es
keine Unsterblichkeit. Aber wir haben Grund zu glauben, dass dieses
Physische vor unsern Augen nicht das echte Cosmische, das eigentlich
Wahre und Seiende ist, sondern bloss ein mattes und lückenhaftes
Gleichniss desselben. Innerhalb dieses eigentlich Seienden ist allem
Anschein nach das Leben, das psychische wie das moleculare, selbst
etwas ganz anderes, und dort mag es Verhältnisse geben, die alle
irdischen Conflicte lösen, alles Schiefe versöhnen; die Annahme kann
uns nicht bestritten werden, der Naturforscher hat hier nichts mehr zu
sagen. Freilich: Wissen thun wir von jener Welt an sich gar nichts,
als dass sie besteht. Aber darin liegt viel. Mit ihrer Existenz haben
wir einen ruhenden Punct gefunden, der ausserhalb des Irdischen liegt.
Mit dem Bewusstsein eines solchen Punctes weicht die drückende Schwere
des Vernichtungsgedankens sowohl im Individuellen, wie im allgemeinen
Erdenloos. Mag unsere Laufbahn immerhin um sein für die Augen, für das
enge Gehirn der verschwindenden Menschenwelle auf dem einsamen Planeten
der Sonne. +Alles+ ist damit nicht aus. Hinter dem ewig verschlossenen
Vorhang wandelt ein Anderes, ein Grösseres, als wir. Indem der
Forscher uns unerbittlich versagt, unsere Unsterblichkeitsträume in
Bilder der sichtbaren Welt zu kleiden, eröffnet er uns zugleich durch
die Feststellung von Grenzen die Ahnung einer Welt, an die jene Träume
sich ungestört heften dürfen. In dem Versagen jenes ersten Punctes muss
er denn allerdings seine ganze Strenge walten lassen.
Wohl eröffnet sich uns der tiefe Gedanke, dass unser Leben nicht
das Absolute, nicht Leben im eigentlicheren Sinne sei, sondern nur
ein seltsamer Traum, ein Wandelbild, das an uns vorüberzieht, wohl
mögen wir zugeben, dass der Tod nur eine Episode in diesem Bilde,
kein wirklicher Abschluss sei. Aber das ist auch nun von der andern
Seite wieder alles. Jene wahre Welt greift nicht als fremder Gott in
unsere Welt ein, weder in den Offenbarungen der Religion, noch den
Geheimnissen des innersten Seelenlebens, noch auch in den Idealen der
menschlichen Kunst. Es giebt keine Puncte im physischen Weltbilde, das
wir vor uns sehen, wo wir der Welt an sich näher oder ferner wären;
überall stossen wir bei einiger Durchdringung der Erscheinungen auf die
ewige Schranke.
Gleichwohl -- selbst mit all' diesem Vorbehalt -- scheint mir
der Poesie vor allem eine mächtige Stütze in dieser Fassung des
Unsterblichkeitsgedankens zu liegen. Für sie, die stets das Ganze, das
Allgemeine im Auge hat, ist das Resultat des Naturforschers, das hinter
der physischen Welt eine andere, wenn auch unbekannte, nachweist,
ein gewaltiger Gewinn. Dem Irdischen, das in ungelösten Conflicten
auseinandergeht, wahrt sie die Fernsicht in ein Zweites, das dahinter
liegt und das zugleich unsere Erkenntnissschwäche, wie unsere Hoffnung
einschliesst. Nur wenn sich die Poesie frei macht von dem gewöhnlichen,
physischen Unsterblichkeitsglauben und, der Wissenschaft folgend,
sich zu dem wahrhaft philosophischen Gedanken erhebt, dass diese
Erscheinungen des Lebens, wie des Todes überhaupt nicht das wahre Wesen
der Sache, sondern nur das getrübte Bild, wie es unser Gehirn im Zwange
fester Ursachen schafft, darstellen -- nur dann kann sie mit gutem
Gewissen wieder gelegentlich den Schmerz der Tragödie mildern durch ein
weises Betonen des tröstenden Gedankens, dass weder mit dem Leben, noch
mit dem Tode, weder mit menschlichem Glücke noch menschlichem Unglücke
»Alles aus sei.« Und es ist dann sehr einerlei, ob sie mit Hamlet bloss
unser Nichtwissen in die geheimnissschweren Worte kleidet: »Der Rest
ist Schweigen,« oder ob sie in sieghaftem Vertrauen emporjubelt mit dem
Götheschen Chor: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniss!«
Viertes Capitel.
Liebe.
Weit ab von jenen geheimnissvollen Schranken des irdischen Geschehens,
die wir im letzten Capitel berührten, liegt mitten im Centrum der
molecularen Welt der unscheinbare Ursprung dessen, was unter dem
Flammenzeichen des stolzen Namens »Liebe« sich zum mächtigsten
Herrscher im Gesammtbereiche der Poesie aufgerungen hat. Das Wort
Unsterblichkeit mit seinem Echo in den Gründen, »von wo kein Wandrer
wiederkehrt,« muss seiner Natur nach den menschlichen Gedanken bis zu
jenen Grenzen führen, die dem Forscher gestellt sind; das Wort Liebe,
und mag das noch so hart hineintönen in alle unklaren Träumerseelen,
bedeutet in seiner Quelle, seinem Verlauf und seinen Zielen eine
durchaus irdische Erscheinung.
Der Naturforscher, von dem der gewissenhafte Dichter Aufschluss
verlangt über die Resultate seiner unbefangenen Forschung nach der
Natur der Liebesempfindung, ist gezwungen, den Fragenden vor die
Anfänge jener ungeheuren Kette zu stellen, die wir zusammenfassend
die organische Welt nennen. Tief unten an den Wurzeln dieses riesigen
Lebensbaumes zeigt er ihm die einfache Zelle, ein selbstständiges
Wesen, nicht Thier noch Pflanze -- einen Crystall aus gleichem Stoffe
geformt wie alle andern, aber von allen ewig geschieden durch die
Besonderheit seiner molecularen Zusammensetzung. Gesetze, ihrem Wesen
nach unbekannt, wie jene, die den crystallinischen Sprösslingen irgend
einer Mutterlauge alltäglich vor unsern Augen jenes mathematisch
starre Gefüge geben, das jeder Mineraliensammlung den allgemein
bekannten Charakter verleiht, ermöglichen dieser organischen Zelle eine
bestimmte Art von Aufnahme fremder Stoffe, die sie wachsen lassen,
und eine Zertheilung in zwei oder mehrere Individuen vom Puncte an,
wo dieses Wachsthum einen gewissen, nicht näher definirbaren Zustand
der Reife erlangt hat. Wir kennen heute noch Geschöpfe solcher
einfachsten Art, deren Leben in den beiden Processen des Wachsens
durch Nahrungsaufnahme, das durch das Vermögen der Ortsbewegung
unterstützt werden kann, und des Zerfallens in eine Anzahl neuer,
kleiner Individuen, bei denen sich dasselbe wiederholt, erschöpft zu
sein scheint. Die höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sie
unveränderte Nachkommen uralter Formen sind, aus denen sich an andern
Stellen durch Umwandlung die gesammte Linie der höheren Organismen
entwickelt hat. Der Begriff der Fortpflanzung bedeutet hier einfach,
wie bei Mutter und Kind: Trennung. Von Liebe, von einer Vereinigung
zweier Individuen ist noch keine Rede. Aber in dieser Trennung liegt
bereits der erste Schritt zum Kommenden. Gewisse äussere Ursachen,
die im Princip jedenfalls am Besten in dem Darwin'schen Gedanken von
der umwandelnden Macht des Kampfes um's Dasein, der kleinste chemisch
und physicalisch bedingte individuelle Neigungen im bestehenden Typus
zu grossen Verwandlungen heraufzüchtet, ausgesprochen sind, führten
nämlich im Laufe der Zeit eine Fortentwickelung unter den einzelligen
Wesen herbei. Die einfache Zelle zerfiel unter Umständen in ein Dutzend
Tochterzellen. Anstatt sich nun nach allen Richtungen zu zerstreuen,
konnte es für diese nützlich werden, beisammen zu bleiben. Wir sehen
ein Conglomerat von Zellen einer einzigen Generation, die sich wie die
Haut einer Blase um einen hohlen Mittelraum gruppiren und als Ganzes
in einfachster Form das Schema eines thierischen Körpers bilden.
Zwischen den Zellen entwickelt sich ein Gefühl der Gemeinschaft -- der
Freundschaft, wenn man so will. Aus der Generation von Zellen wird ein
Zellenstaat, in dem die Mitglieder, selbst Sprösslinge einer Einheit,
sich gewissermassen zu einer neuen, höheren Einheit zusammenthun.
Sehr bald entwickelt sich Arbeitstheilung. Da die Nahrungssäfte durch
die dünnen Zellwände hindurch bei näherem Aneinanderschliessen auf
Grund physikalischer Gesetze frei circuliren, können sich einige
wenige Zellen, indem sie alle Kraft darauf verwenden, ganz der
Nahrungsaufnahme widmen und den übrigen die motorischen und sensitiven
Eigenschaften überlassen. Durch diese Theilung der Functionen entstehen
Organe, das heisst bestimmte Ecken des Zellenstaates, wo Zellen bloss
noch für eine einzige Function thätig sind, diese aber so intensiv
betreiben, dass sie für alle andern mit genügt. Am Ende ist ein
höchst verwickelter Organismus geschaffen, dessen Theile nur mehr
in der Gesammtmasse existiren können, so dass der Zellenstaat ein
einheitliches Wesen, ein wahres Individuum wird. Die Frage ist: wie
wird die Fortpflanzung dieser complicirten Maschine vor sich gehen?
Das Zerfallen in neue Individuen war eine Function der Einzelzelle.
Im Zellenstaat hat diese sich bei der allgemeinen Arbeitstheilung
ebenfalls derartig in gewissen Zellen localisirt, dass nur noch diese
zerfallen und Abkömmlinge des Ganzen in Gestalt einzelner Zellen
entsenden. Von diesen Tochterzellen gründet später jede ihren neuen
Staat für sich, indem sie den alten Weg der Selbsttheilung einschlägt
und aus den Theilchen den Staat hervorgehen lässt. Der Vorgang ist
jetzt complicirter, aber noch immer behauptet die Trennung allein ihr
Recht, wo es sich um Fortpflanzung handelt. Erst die nächste Stufe
erweitert sie zu etwas Neuem. Allenthalben bestehen Zellengemeinden,
die kleine Einzelzellchen als Sprösslinge aussenden. Es ereignet sich,
dass zwei dieser Sprösslinge -- zwei von verschiedenen Gemeinden -- auf
einander stossen, sich vermischen. Jeder trägt das Bestreben in sich,
durch Selbsttheilung einen neuen Staat zu gründen. Indem das Bestreben
der Beiden sich vermischt, entsteht ein gemeinsamer Bau von doppelt
starken Dimensionen. Wieder treten Gesetze in Kraft, die den Vortheil
nicht verloren gehen lassen, es bildet sich bei einem grossen Theile
der Zellenstaaten allmählich das Bestreben aus, seine Sprösslinge alle
sich mit je einem Sprössling eines andern vermischen zu lassen, um dem
künftigen Neubau eine Doppelbasis von verstärkter Kraft zu geben. Die
Trennung des Keims vom Mutterorganismus bleibt nach wie vor; aber es
folgt ihr eine Mischung, eine Vereinigung, ehe ein neuer Organismus
entstehen kann.
Inzwischen, während dieser letzte Fortschritt sich anbahnte, hat
die Arbeitstheilung und Organisation in den einzelnen Zellenstaaten
colossale Entwickelungen durchgemacht. Es giebt Zellstaaten, die aus
Millionen einzelner Zellen bestehen, welche sich um die verschiedensten
Hohlräume in mehrschichtigen Blasen gruppiren, und jeder Keimzelle
wird durch bestimmte Vererbungsgesetze auferlegt, nach Verschmelzung
mit einer solchen eines andern gleichartigen Staates ein Gebäude
aufzuführen, das nach Kräften dem Mutterstaate gleichen muss. Indessen:
die Welt ist gross, die gleichartigen Staaten sind oft weit von
einander entfernt, die frei ausschwärmenden Keimzellen finden sich
oft nicht zueinander. Es bahnt sich ein neuer Fortschritt an. Wie
einst jene ersten Tochterzellen in einem Gefühle von Zugehörigkeit,
von Freundschaft beisammen blieben und den Zellenstaat gründeten,
so vereinigen sich jetzt je zwei Zellenstaaten -- nicht um ganz
zu verwachsen, sondern bloss, um ihren Keimzellen durch möglichst
günstige locale Bedingungen das Verschmelzen zu erleichtern. Sie
treten von Zeit zu Zeit nahe zusammen, und der eine entsendet seine
Fortpflanzungszellen in einen der geschützten Hohlräume im Innern
des andern, wo sie sich ungestört mit den Keimzellen dieses letztern
verbinden können, um ihr Verschmelzungsproduct nachher von dort aus
in's Freie treten zu lassen.
Der Laie, dem diese Dinge neu sind, denkt vielleicht, der
Naturforscher, indem er die letzte Stufe der Zellenentwickelung
schildert, stehe noch immer bei grauen Urzeiten. In Wahrheit sind
wir bereits am Ziel. Der Mensch ist der höchste und vollendetste
Zellenstaat der zuletzt besprochenen Art; und zwar ist der Mann der
eine, das Weib der andere. Indem sie sich geschlechtlich nähern,
vermischt sich eine Keimzelle des Mannes, die Samenzelle, mit einer
Keimzelle des Weibes, der Eizelle, in geschütztem Hohlraum des
weiblichen Körpers, aus der Mischung der beiden Zellen entsteht
der neue Zellenstaat des kindlichen Organismus, der später aus dem
bergenden Leibe des Mutterstaates an's Licht des Tages tritt, um sich
hier fertig auszugestalten. Bei allen Verwickelungen des Details
geht durch den ganzen Zeugungsprocess ein Athem staunenswerthester
Einfachheit, ein Zurückgehen auf die ursprünglichsten Erscheinungen
des organischen Lebens. In jenen beiden Keimzellen, der Samen- und der
Eizelle, wird der werdende Organismus unter dem Bilde der anfänglichen
Einzelzelle, des Urwesens, von dem die ganze Kette abstammt, wieder
angelegt, und indem der wachsende Embryo sich aus ihnen formt,
durchläuft er noch einmal die wichtigsten Stufen der ganzen Ahnenreihe
in traumhaft verschwommenem Fluge. Noch einmal scheint die Natur
sich durchzutasten durch die unzähligen Erinnerungen des organischen
Stammbaums, über dessen einstigen lebenden Vertretern jetzt bereits der
Sedimentärschutt vieler Jahrmillionen versteinernd lastet. Endlich wird
der Mensch. Aber auch in ihm mischen sich Vater und Mutter noch immer
so seltsam, dass man den doppelten Ursprung ahnen kann, selbst wenn wir
vom Zeugungsacte gar keine Vorstellung hätten, die Eizelle des Weibes
und die Samenzelle des Mannes nie im Lichtfelde unseres Mikroskops
erschienen wären.
Geheimnisse für den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft giebt es
hier im Einzelnen die Menge, Metaphysik gar nicht. Der Parallelismus
des Psychischen und Molecularen wahrt seine gewöhnliche Rolle, das
Geistige zeigt sich durchaus in stufenweisem Aufbau, je nach der
Entwicklungshöhe des Körperlichen, und die menschlichen Seelenregungen
äussern sich folgerichtig erst mit Vollendung des menschlichen
Gehirns. Wer geneigt ist, den Schauer des Erhabenen besonders stark
vor den Momenten der höchsten Vereinigung des Universellen und
Geschichtlichen mit dem Individuellen und Vorübergehenden zu empfinden
und dem Idealen die wissenschaftlich allein zulässige Bedeutung des
Allgemeinen, über das Einzelne als höhere Einheit Hervorragenden zu
geben, der wird in den gesammten Erscheinungen des Zeugungsprocesses
eine hohe, vielleicht die allerhöchste ideale Erhebung des individuell
Menschlichen erblicken müssen und ihnen gegenüber jene Regung stärker
als irgendwo anders empfinden. Wir verdanken den Begleitungsphänomenen
des Zeugungsgesetzes überhaupt, wenn nicht sogar den Sinn für
Schönheit, so doch das Wichtigste, was wir schön nennen: die edeln
Formen des Weibes in ihrer künstlerischen Gegensätzlichkeit zum Manne,
die Farbenpracht der organischen Natur, deren Blüthen, Federn, Düfte in
ihrer höchsten Entfaltung sämmtlich auf geschlechtlichen Beziehungen
beruhen, die reichen Gaben des Gemüthes, die sich in der Gatten- und
Elternliebe durch die höhere Thierwelt ziehen, um schliesslich in den
verallgemeinernden Regungen des menschlichen Mitleids ihre höchsten
Triumphe zu feiern.
Unsere grossen Dichter haben sich dementsprechend auch niemals
gescheut, von den natürlichen Acten der Zeugung als etwas Grossartigem
und im eminenten Sinne Idealem unbefangen zu reden und den Satz
aufrecht zu erhalten, dass wir es in ihnen keineswegs mit einem
der Sittlichkeit als »Sinnlichkeit« feindselig gegenübergestellten
Principe, sondern vielmehr mit der Basis aller Sittlichkeit zu thun
haben. Ohne eine solche naturgemässe Grundidee wäre beispielsweise
die Gretchentragödie des Faust, in der gerade die Tiefe und Wahrheit
der Neigung bei dem Weibe, das geschlechtlich »Echte« das versöhnende
Element für alle Verletzung der Sitte abgiebt, vollkommen widersinnig.
Hier wie in andern poetischen Meisterwerken liegt der Nachdruck auf
dem Satze: die Liebe +muss+ auf enge geschlechtliche Vereinigung
als ihr natürliches Ziel hinauslaufen, wenn sie wahr sein soll --
und wenn äussere Umstände gerade diese Wahrheit des Gefühls zur
Tragödie gestalten, so ist sie selbst dann noch immer grösser als eine
Unwahrheit im gleichen Falle wäre, so gut wie Wallenstein, obwohl er
tragisch endet, grösser bleibt, als Einer, der in seiner Lage anders
handelte; der ganze Begriff der Tragödie rankt sich eben um die
Wahrheit auf.
Diese Anschauungen unserer grossen Dichter, die viel genannt, aber
weniger gelesen werden, sind jedoch keineswegs die gleichen wie die
einer ungeheuren Masse kleiner Dichter, die weniger genannt, aber
vermöge ihrer colossalen Menge weit mehr gelesen werden. Die Begriffe,
die unser Publicum sich seit Jahrhunderten von der Bedeutung der
geschlechtlichen Dinge für das unausgesetzt behandelte Thema der Liebe
bildet, sind unter dem Einflusse dieser zweiten Sorte von Dichtern nach
und nach ganz eigenthümliche geworden.
Ich halte diesen Punct für lehrreich genug, um ein deutliches Beispiel
für jene eigenartige Krankheitsgeschichte abzugeben, die sich unter
dem Titel der sogenannten »rein idealistischen« Richtung durch die
erotische Weltliteratur und wohl mit am ärgsten durch unsere neuere
erotische Poesie zieht, eine Krankheitsgeschichte, die sich freilich,
wie schon gesagt, zumeist nur an der breiten Masse der Dichterwerke
bemerkbar macht, aber von hier aus schwere Ansteckungsstoffe in's
Publicum verbreitet hat. Man wirft der modernen realistischen
Richtung die Vorliebe für pathologische Probleme vor. Ich erlaube
mir im Nachfolgenden, ein solches an einem ganzen Kreise poetischer
Bestrebungen zu entwickeln, auf die Gefahr hin, jenem Vorwurfe zu
verfallen. Ich schicke dabei voraus, dass ich keineswegs der Erste bin,
der darauf hin weist, dass aber, wie so viele Fälle, die unmittelbar
in's Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen naturwissenschaftlichem
Denken und poetischem Schaffen gehören, auch dieser noch lange nicht
eindringlich und oft genug öffentlich besprochen wird und darum in den
Prämissen einer realistischen Aesthetik nicht fehlen darf.
Nehmen wir einmal für einen heitern Moment an, es gäbe eine
Dichterschule, die den kühnen Satz als poetisches Programm aufstellte,
die physiologische Function der Nahrungsaufnahme im Menschen gehöre zu
den höchsten und dankbarsten Vorwürfen der Poesie, und thatsächlich
durch practische Werke ersten Ranges die Haltbarkeit dieses Programmes
darthäte. Man müsste die Gründe prüfen, die jenem Unterfangen zu
Grunde lägen und, wofern diese stichhaltig wären, sich darein finden
und der Sache freuen. Jetzt aber käme eine Spaltung innerhalb der
neuen Partei und es erhöben sich beredte Apostel, die Folgendes
aufstellten. Das Essen selbst sei etwas Unschönes, Unappetitliches,
wohl gar Unmoralisches, dürfe nur im Geheimen geübt werden, sei kein
Gegenstand der Poesie. Ein poetisches Element stecke bloss im Hunger.
Von unvergleichlichem dichterischen Werthe sei jener eigenartige
nervöse Zustand des Gehirns bei leise dämmerndem Hungergefühl, jener
Wechsel von geistigem Eifer und geistiger Abspannung in seinen tausend
feinen Nuancen, wie er dem Mahle vorausgehe, bis zu jenen Anfällen
von Raserei, von Hallucinationen und von völliger Lethargie, wie sie
bei Verhungernden in der Wüste sich zeigten, oder dem Ekel vor aller
Nahrungsaufnahme, der Blasirtheit im Puncte des Appetits, wie sie durch
sonstige Störungen des Nervensystems hervorgebracht würden.
Ich glaube, man würde, selbst das Ganze zugestanden, diese Sectirer der
letztern Sorte für Narren erklären.
Ich bin weit entfernt, diesen Titel auf alle Poeten anzuwenden, die
das Liebesproblem nach derselben Seite hin einseitig gefasst haben,
aber das Gefühl eines vollkommenen Parallelismus kann ich nicht
opfern. Das natürliche Ziel der Liebesempfindung, so höre ich von
allen Seiten, soll man in der Poesie verschleiern und beseitigen,
die Empfindung selbst, die voraufgeht, verherrlichen. Ersteres soll
etwas grob Sinnliches sein, letzteres etwas Geistiges. In der That,
auch der Hunger ist scheinbar mehr ein nervösgeistiges Phänomen als
das Zerkauen der Nahrung zwischen den Zähnen. Aber diese geistige
Disposition ist, was beim Hunger kein kleines Kind je bezweifelt hat,
doch unmittelbares Erzeugniss eines physiologischen Vorganges. Ganz
so die Liebe. Es ist physiologisch sogar leichter, die Liebe aus dem
Geschlechtsbedürfniss, als den Hunger aus dem leeren Magen abzuleiten.
Erst von einem gewissen Alter ab entwickeln sich beim Menschen die
mechanischen Bedingungen des Zeugungsactes; Hand in Hand mit dieser
Entwickelung schreitet das allmähliche Erwachen und Functioniren des
sexuellen Hauptcentrums im Gehirn vor, dessen Thätigkeit wir uns
in der geistigen, nervösen Erscheinung des Liebesgefühls bewusst
werden. Jüngling und Mädchen beginnen sich als etwas Gegensätzliches
zu betrachten, das doch eine Vereinigung fordert, der Unterschied
der Formen erweckt unklare Phantasiebilder, die durch individuelle
Sympathieen meist sehr bald eine feste Gestalt annehmen, die
Gestalt eines subjectiven Ideals, mit dem vorkommenden Falles die
geschlechtliche Vereinigung grössern Reiz gewähren würde, als mit jedem
zweiten Wesen des andern Geschlechtes.