Ich kehre zur eigentlichen Frage zurück. Gewohnheit umschliesst, so

haben wir jetzt gesehen, zweierlei: Ererbtes und Erworbenes. Da das

Letztere wenigstens beim normalen Culturmenschen mit zunehmendem Alter

unausgesetzt wächst, so gleicht das Gehirn dieses Menschen schliesslich

einer über und über beschriebenen Tafel, auf der sich gewisse Striche

mehr und mehr verdickt haben, und die am Ende gar nichts ganz Neues

mehr aufzunehmen im Stande ist, so dass der Geist wie ein geschickter

Seiltänzer mehr oder weniger nur noch die vorgeschriebenen Stangen

abklettert, je nachdem dieser oder jener äussere Anlass bei einer der

ewig bereiten Endstationen anklopft.

Eigentliches Leben in dieses an und für sich sehr einfache

Gedankenspiel bringt aber nun eine Thatsache, die ich bisheran

absichtlich vernachlässigt habe. Was wir durch Unterricht (sei es nun

unmittelbarer durch das Leben oder mittelbarer in der Schule) an festen

Gedankenlinien eingeprägt bekommen, steht weder immer im Einklange

untereinander, noch mit dem, was durch die Vererbung an allgemeinen

Instincten oder individuellen Neigungen in uns bereits bei der Geburt

befestigt ist. Mit andern Worten: jene constanten Linien im Denkorgan

kreuzen, hemmen, verwickeln sich vielfach, wodurch die einfachen

Denkprocesse, die durch die Möglichkeit des Eingrabens fester Linien

so bequem und bis zur Grenze des Reflectorischen glatt gemacht wurden,

wiederum recht erschwert werden. Ich sehe ab von ganz krankhaften

Erscheinungen. Man hat Fälle, wo eine Gedankenlinie eines Menschen

von einem gewissen Puncte ab, ohne dass er sich dessen bewusst wurde,

in eine ganz andere überging, so dass beim Versuche, den Gedankengang

wieder zu geben, von einer Ecke ab jedesmal die Begriffe wie vertauscht

waren. Hier waren offenbar zwei Linien in abnormer Weise verschmolzen,

ein hochinteressanter, aber lediglich psychiatrischer Fall.

Ich will jetzt versuchen, an einem consequent durchgeführten Beispiele

genau den normalen Fall von sich widersprechenden Gedankenlinien

aufzudecken. Es ist das um so wichtiger, als man gerade hier, im

Widerstreite der Gedankenlinien, den schärfsten Beweis für eine

metaphysisch beeinflusste Willensfreiheit zu finden geglaubt hat.

Ich nehme an, einen Menschen trifft ein äusserer Sinneseindruck, --

etwa der Anblick einer schönen Frau, die das Weib eines Andern ist,

also ein Sinneseindruck, den das Auge in's Gehirn übermittelt, der dort

zur geistigen Wahrnehmung wird und als solche gewisse Gedanken erregen

muss, deren Lauf durch die vorhandenen Gewohnheitslinien bestimmt

wird und deren endliches Resultat bei genügend starker Erregung ein

Willensact, eine Handlung ist. Der Anblick einer körperlich reizenden

Frau erweckt im Manne nothwendig zunächst die Gedankenketten,

die um das Geschlechtliche gelagert sind. Diese können aber sehr

verschiedener Art sein, von dem einen örtlichen Centrum können Furchen

ganz entgegengesetzter Richtung und Tiefe ausstrahlen. Nehmen wir den

Fall eines Menschen, der gar keine Bildung genossen hat, aber auch,

vielleicht weil er eben erst geschlechtsreif geworden ist, im Bezug

auf das Geschlechtliche noch durchaus keine feste Gewohnheitsfurche im

Gehirn trägt. Bei ihm wird der erste Gedanke höchstwahrscheinlich die

Vererbungsfurche, die den instinctiven Fortpflanzungstrieb als uraltes

Erbe stets neu zeitigt, einschlagen, ein Kampf ist ausgeschlossen, da

nur diese einzige Linie vorhanden ist, aber der aus der angeregten

Gedankenkette hervorgehende Wille wird etwas Unklares, Reflectorisches

haben, das sich dämonisch Bahn bricht, aber dem Bewusstsein selbst fast

ganz entzogen ist.

Zweiter Fall: der Mensch ist ein geübter und geriebener Don Juan. Im

Worte liegt schon enthalten, dass bei diesem Typus sich in der für

das Geschlechtliche reservirten Gegend des Gehirns nicht bloss die

instinctive Vererbungs-Furche, sondern daneben noch eine sehr tief

ausgefahrene Aneignungs-Furche, ein durch Gewohnheit individuell

scharf eingepflügtes Geleise findet, das beim Anblick des schönen

Weibes eine grosse, aber dem Bewusstsein noch durchweg zugängliche

Gedankenkette durchpassiren lässt, als deren Resultat ein sicherer,

auf hundert Erfahrungen gestützter Wille entsteht, -- der Wille zur

Verführung, der Wille zum geschlechtlichen Genuss, -- im Princip

derselbe Wille, wie bei dem ersten Menschen, nur unendlich bewusster

und dauernder. Ein Conflict findet -- moralische Bildung bei dem Typus

des Don Juan ausgeschlossen -- auch hier nicht statt, die Wahrnehmung

erregt nur eine einzige Ideenkette, die als Endresultat nur einen

Willen kennt.

Der dritte Fall aber, an den ich jetzt herantrete, ist der weitaus

interessanteste, dichterisch jedenfalls der werthvollste. Ein Mensch

soll eine ordentliche moralische Bildung genossen haben, dabei aber

dem Geschlechtlichen nicht so fern geblieben sein, dass es nicht

auch, abgesehen von der stets vorhandenen ererbten Linie, eine

gewisse Spur in seinem Gehirn zurückgelassen hätte, die im Stande

wäre, den Gedanken bei völliger Unbeeinflussung in Don Juanartige

Gelüste zu treiben. Eine Disposition, wie diese, ist unter allen die

verbreitetste. Ihr Ergebniss ist im vorliegenden Falle ein innerer

Kampf. Die Wahrnehmung erweckt zwei Gedankenlinien, die moralische und

die schlechthin sexuelle, von denen die eine als Endergebniss einen

Willen erzeugen muss, der dem der andern durchaus entgegengesetzt ist.

Die Moral verbietet, was die geschlechtliche Neigung verlangt. Beide

Gedankenketten erscheinen vor dem Bewusstsein, -- eine freie Wahl ist

diesem aber absolut versagt; es steht als indifferenter Zuschauer

vor dem Kampfe der Gedanken um den Willen. Nur ein Wille kann als

Endresultat hervortreten. So lange beide Ideenketten vollkommen gleich

stark sind, heben sie sich gegenseitig im Puncte des Willens auf wie

Plus und Minus. Rollt der eine Gedankenzug glatt durch sein Geleise

bis zur Willensstation, so ist inzwischen der andere ebenso glatt dort

angekommen und die Beiden verschliessen sich gegenseitig den Ausgang.

Die Entscheidung, welche Linie siegt, kann sehr lange ausstehen. Ueber

ihre Veranlassung herrschen vielfach die irrigsten Vorstellungen.

Man denkt sich unwillkürlich, das Bewusstsein selbst, welches doch

keinerlei mechanische Macht besitzt, könne durch einen metaphysischen

Druck diesen oder jenen Willen zum Durchschlag bringen. Das wäre

die reinste Hexerei. Die Entscheidung kommt vielmehr daher, von wo

überhaupt alles Motorische nur kommen kann: von aussen, durch neue

Wahrnehmungen, die während der Hemmung jener beiden Ketten in's Gehirn

eintreten. Es fragt sich bei diesen, in welche der beiden Linien sie

einlenken. Sind es zufällig sexuelle Eindrücke, die mit dem Streite

sonst nichts zu schaffen haben, aber nothwendig in die geschlechtliche

Linie gerathen, so graben sie dort die Furche ebenso nothwendig ein

Minimum tiefer, und dieses Minimum genügt, grob sinnlich gesprochen, um

dem sexuellen Gedankenzuge im Wettlaufe zum Willensziel einen Vorsprung

zu geben und damit das Resultat zu entscheiden. Umgekehrt: nahen sich

zufällig bei schwebendem Streite neue, moralische Wahrnehmungen, so

siegt die Moral auch in jenem offenen Falle. Unendlich geringe Factoren

haben hier die weittragendste Bedeutung. Ein zufälliges Wort, ein

lebhaftes Erinnerungsbild, der Anblick irgend einer Situation, die

unmittelbar alle nicht das Mindeste mit dem obwaltenden Gedankenzwist

in der kritischen Sache zu thun haben, entscheidet mit mathematischer

Gewissheit über den Sieg. In mancher bedeutenden Dichtung will es

uns bei oberflächlicher Betrachtung fast störend und unlogisch

erscheinen, dass lange Seelenkämpfe plötzlich durch einen vielleicht

sehr geringfügigen äusserlichen Umstand zur jähen Entscheidung

gebracht werden. Wer sicherer beobachtet hat, sieht gerade hierin den

echten Spiegel des Wahren, und er wird in der Wahl jenes scheinbar

geringfügigen Umstandes bei schärferem Hinblick stets etwas entdecken,

was indirect einem der streitenden Gedanken des Helden nicht zufällig,

sondern nothwendig den Sieg verleihen musste, selbst wenn es gar

nicht direct an die Objecte des Seelenkampfes heranreichte. Es ist

nichts weiter als der Tropfen Oel, der die eine Wagenaxe in der Arena

geschmeidiger macht; aber dieser Tropfen ist die weihende Spende der

Nike.

Von diesem dritten Menschen giebt es tausend und abertausend Varianten.

Die gegenseitige Hemmung und Beeinflussung der Gedankenketten ist es,

die uns erst eigentlich das geistige Werden unserer Handlungen zum

Bewusstsein bringt und verhindert, dass Impuls und Effect sich bloss

reflectorisch auslösen. Man kann sagen, dass wir unserer Gedanken erst

recht bewusst werden, wenn sie gehemmt sind und einander bekämpfen,

etwa so, wie die Meeresfläche uns erst charakteristische Form gewinnt,

wenn wir sie uns als ein Spiel sich brechender Wogen denken. Von einer

freien Beeinflussung des Willens aber durch das Bewusstsein kann im

buchstäblichen Sinne keine Rede sein. Wir erhalten äussere Eindrücke,

wir denken in gewissen vorgezogenen Linien, dieses Denken wird uns

unter gewissen Bedingungen durch einen Act, dessen innerste Natur wir

nicht ergründen können, bewusst: das ist alles. In diesen Verhältnissen

liegen die Wurzeln unseres Glückes und unserer Schmerzen, unserer

Fortschritte und unserer Rückschritte. Naturwissenschaftlich sind wir

als ehrliche Beobachter gezwungen, die Bedingtheit aller menschlichen

Willensacte der Art des geistigen Apparates gemäss als eine Thatsache

auszusprechen, die weder juristische noch theologische Forderungen

irgendwie erschüttern können.

Diese Forderungen müssen sich mit der Thatsache abfinden. Die Genesis

seiner Gedanken und Handlungen zugestanden, bleibt ja praktisch der

Mensch mit lauter Gedankenketten, die im Verbrechen gipfeln, schlecht

und strafbar und der Mensch, der durch den Zwang seiner Gehirnfurchen

zu moralischem Denken und Thun gezwungen wird, gut.

Für den Dichter aber scheint mir in der Thatsache der Willensunfreiheit

der höchste Gewinn zu liegen. Ich wage es auszusprechen: wenn sie nicht

bestände, wäre eine wahre realistische Dichtung überhaupt unmöglich.

Erst indem wir uns dazu aufschwingen, im menschlichen Denken Gesetze

zu ergründen, erst indem wir einsehen, dass eine menschliche Handlung,

wie immer sie beschaffen sei, das restlose Ergebniss gewisser Factoren,

einer äussern Veranlassung und einer innern Disposition, sein müsse und

dass auch diese Disposition sich aus gegebenen Grössen ableiten lasse,

-- erst so können wir hoffen, jemals zu einer wahren mathematischen

Durchdringung der ganzen Handlungsweise eines Menschen zu gelangen und

Gestalten vor unserm Auge aufwachsen zu lassen, die logisch sind, wie

die Natur.

Im Angesicht von Gesetzen können wir die Frage aufwerfen: Wie wird

der Held meiner Dichtung unter diesen oder jenen Umständen handeln?

Wir fragen zuerst: Wie wird er denken? Hier habe ich die äussere

Ursache: was findet sie in ihm vor? Was liegt als Erbe in seinem

Geistesapparate, was hat die Bildung und Uebung des Lebens darin

angebahnt, welche fertigen Gedankenlinien wird jene äussere Thatsache

erregen, wie werden diese sich hemmen oder befördern, welche wird

siegen und den Willen schaffen, der die Handlung macht? Ich habe das

Wort »mathematisch« gebraucht. Ja, eine derartige Dichtung wäre in der

That eine Art von Mathematik, und indem sie es wäre, hätte sie ein

Recht, ihr Phantasiewerk mit dem stolzen Namen eines psychologischen

Experimentes zu bezeichnen.

Ich glaube gezeigt zu haben, wie gross unsere Unkenntniss im Einzelnen

besonders bei der Vererbungsfrage noch ist. Jene Dichtung, von der ich

rede, ist in ihrer Vollendung noch ein Traum. Aber das soll uns nicht

hindern, rüstig am grossen Bau mitzuschaffen. Einstweilen möge sich vor

allem die Klarheit über die Hauptprobleme Bahn brechen. Der Dichter

soll anfangen, sich bei der Unzahl von Phrasen etwas zu denken, die

auf seinem Gebiete umherschwirren, die Sätze wie: »Es lag in ihm so zu

handeln«, »Die Natur brach sich gewaltsam Bahn«, »Er fühlte etwas, was

seinen Gedanken blitzschnell eine andere Richtung gab« und ähnliches,

sollen ihm einen Inhalt bekommen, er soll einsehen, dass es im Geiste

so wenig Sprünge giebt, wie bei einem festen Verkehrsnetz, wo jede

alte Strasse so lange wie möglich benutzt wird und eine neue nicht

von heute auf morgen gebaut wird, er soll endlich alle die grossen

Namen: Schicksal, Erbsünde, Zufall und wie sie heissen mögen, im

Einzelnen neu prüfen und auf die Principien hin modificiren, wo es Noth

thut. Ich gebe hier keine Aesthetik, sondern beschränke mich auf die

naturwissenschaftlichen Grundlagen, es liegt mir fern, in jene Fragen

näher einzutreten, die sich daran anknüpfen. Man sagt wohl, die Poesie

werde roh und alltäglich, wenn sie sich an die Fragen der Physiologie

um Auskunft wende. Wenn ich die Probleme überblicke, auf die der Gang

dieser Studie mich geführt hat, so weiss ich nicht, was das heissen

soll. Diese Probleme sind die höchsten, die ich mir denken kann. Wir

stehen dicht vor der Schwelle des Ewigen, des Unerreichten, und wandeln

doch noch auf dem sicheren Boden der Wirklichkeit. Giebt es einen

höheren Genuss?

Drittes Capitel.

Unsterblichkeit.

Geheimnissvolles Wort, -- Unsterblichkeit! Wer die Geschichte der

Menschheit anknüpfen wollte an die Geschichte ihrer tiefsten Träume,

ihres bangesten, herzbewegtesten Sehnens, der müsste sie anknüpfen an

dieses Wort.

Es ist nicht wahr, dass dieses Wort nicht auch uns noch immer im

Grunde all' unseres Denkens fortzitterte: -- die uralten Phantasieen

des Volkes vom Nilstrande, in denen der Zauber desselben zuerst eine

dämonische Macht geworden, sind von all' dem Alten, Verklungenen

vielleicht noch das Lebendigste und greifbar Deutlichste, was mitten

durch unsere junge Welt wandelt. Wir sind anders geworden, besser,

freier, wir stehen nicht mehr im Morgenschein der Jahrtausende, der

helle Mittag wölbt sich über uns, der grosse, helle Mittag, von dem wir

noch kein Ende sehen, -- und doch -- und doch. Das Wort Unsterblichkeit

ist nach wie vor eine zwingende Gewalt. Es ist die Basis aller

Metaphysik in der Religion. Die Zeiten sind herum, wo die Menschheit

einen Gott in Donnerwolken oder Knechtsgestalt zur Erklärung ihrer

Sittengesetze brauchte: die Frage des ewigen Looses nach aller

Zeitlichkeit fordert auch heute noch den kühnen Flug über die Grenzen

des Erkannten, und wenn alle dogmatische Religion sich sonst zersetzen

sollte, so wird ihre letzte lebenskräftige Ranke sich immer wieder

emporwinden an der festen Säule des Trostes am Grabe unserer Todten.

Aber wie die meisten Fragen, die eine religiöse Bedeutung besitzen,

ist auch diese zugleich auf's Engste verwachsen mit der Dichtung. Ihre

Behandlung unter den Prämissen realistischer Aesthetik und Poesie

scheint mir um so dringender geboten, als die allgemeine Ansicht

von der Stellung der exakten Naturwissenschaft zu ihr vielfach eine

einseitige oder geradezu falsche ist. Dank einer gewissen Sorte von

voreiligem und bei bestem Willen hochgradig ungeschicktem Popularisiren

physiologischer Erkenntniss, hat man sich daran gewöhnt, ein Dilemma

aufzustellen, das thatsächlich nicht stichhaltig ist. Man wiederholt

unaufhörlich die beiden Sätze: Entweder unsere Seelen sind unsterblich,

-- -- oder mit dem Tode ist alles aus für ewige Zeiten und in jeder

Bedeutung, -- wobei es dann als Folgerung der Wissenschaft nahe gelegt

wird, dass die erste Möglichkeit in Wahrheit keine sei und die zweite

als Kehrseite der andern die nothwendig richtige sein müsse. Der Fehler

liegt in dem »entweder -- oder«. Ich will versuchen, das exact zu

entwickeln. Die moderne Physiologie ist, um den ersten Punct zunächst

allein in's Auge zu fassen, allerdings, sobald sie ehrlich sein

will, gezwungen, die gewöhnlichen Vorstellungen von Unsterblichkeit

sämmtlich zu vernichten. Die Seele im Volkssinne ist für sie lebend

wie todt ganz gleichmässig ein Gespenst. Das, was wir so nennen,

ist ein Complex von Erscheinungen höchst verwickelter Art, die wir

unabänderlich als Parallelphänomene gewisser molecularer Vorgänge

finden und zwar so parallel, dass jeder molecularen Verschiebung auch

eine Verschiebung des Psychischen entspricht und das so genau, dass,

wie ich es im vorigen Capitel für ein bestimmtes Gebiet durchgeführt

habe, schematische Bilder des psychischen Mechanismus auf den

molecularen passen und umgekehrt. Möglicherweise ist jede moleculare

Erscheinung in der Welt von entsprechenden psychischen begleitet, doch

werden letztere uns erst bemerkbar bei einer gewissen Summirung und

Ordnung der Molecularphänomene, wie sie in der organischen und hier

vor allem der höheren organischen, der thierischen und schliesslich

der menschlichen Molecularstructur sich finden. Diese höhere Structur

ist lediglich ein Anordnungsproblem, eine Constructionsaufgabe,

bei der einfachste Bestandtheile schliesslich den complicirtesten

Bau liefern. Obwohl durch gewisse, uns zur Zeit noch verschlossene

Zeugungs- und Vererbungsgesetze mit der nächsten Generation ähnlicher

Gebilde verknüpft, hat die einzelne Molecularpyramide, die in

ihrer ungeheuren Massenanhäufung für bestimmte Zwecke auch die

erstaunlichsten psychischen Parallelerscheinungen aufwies, die je

geleistet worden waren, doch eine endliche Dauer und zerfällt nach

einer gewissen Zeit wieder in ihre kleinen molecularen Bausteine.

Letzteren Vorgang nennen wir Tod. Dass die psychischen Phänomene, die

sich parallel mit den molecularen zu einer colossalen Gesammtleistung

für die Dauer der molecularen Massenordnung vereinigt, im Momente

des Zusammenbruchs der molecularen Pyramide ebenfalls als Ganzes

verschwinden und sich in die problematischen geringsten Procentsätze

auflösen, die möglicherweise an jedem Einzelmolecül haften, ist

vollkommen selbstverständlich. Das Schema des physiologischen Todes:

Zerfallen einer kunstvollen mathematischen Figur in lose, durch das

Spiel neuer Kräfte bald nach allen Richtungen verschobene Puncte, muss

sich nothwendig auch decken mit dem Schema des psychologischen Todes.

Der Naturforscher muss als absolut sichere Thatsache constatiren, dass

noch niemals an irgend einem Puncte der bekannten Welt psychische

Erscheinungen ohne entsprechende moleculare beobachtet worden sind,

und der Inductionsschluss vom Bekannten auf das Unbekannte tritt

mit allem Rechte in Kraft. Das Suchen nach körperlosen Seelen, wie

es in spiritistischen Kreisen als angebliches Problem behandelt

wird, kann gerade vom methodologischen Standpuncte aus nur mit dem

Eifer verglichen werden, mit dem jener berühmte Bürger der guten

Stadt Schilda das Tageslicht vermittelst einer Mausefalle zu fangen

versuchte, um es in das fensterlose Rathhaus zu überführen. Alles was

in's Gebiet dieser theoretischen wie practischen Narrheiten gehört,

kann physiologisch nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Der

Dichter, der hier pikante Stoffe zu finden glaubt, ist zu bedauern. Ich

bin sogar der Ansicht, dass, abgesehen von den Geistererscheinungen,

die keine Dichtung uns mehr im Ernste auftischen kann, der rechte

Poet auf so manche kleinen Effecte verzichten soll, die man sich im

Banne älterer Anschauungen noch gefallen liess. Wenn er einen Todten

schildert, soll er nicht mehr die Reporterphrase verwenden: »Die Mienen

des Entschlafenen bezeugten den tiefen Frieden, zu dem er eingegangen.«

Die Gesichtsmuskeln werden nach eingetretenem Tode meist schlaff und

geben den Zügen etwas Lächelndes. Aber man sollte das nicht mehr als

Anhaltspunct benutzen, nachdem man weiss, dass es in Wahrheit nichts

besagt und eine körperliche Erscheinung ganz gleicher Natur wie die

nachfolgenden der Verwesung ist, die kein Mensch als Effecte ausspielen

möchte.

Die strenge Wissenschaft geht übrigens noch weiter. Sie verneint nicht

nur die individuelle Fortdauer der psychischen Processe über den

Tod hinaus, sondern sie bedroht auch ernstlich die letzte Zuflucht

der Unsterblichkeitsträume, die bedingte Fortdauer der Väter in den

Nachkommen. Es giebt gewisse nicht wohl anfechtbare Schlüsse, die das

ewige Bestehen des Menschengeschlechts für die Zukunft ebenso unsicher

machen, wie es auf Grund der paläontologischen Forschung für die

Vergangenheit ist.

Cosmologische Erscheinungen, die theils als Ergebniss unendlich

kleiner, aber unablässig anwachsender Störungen, theils in Form

gröberer Catastrophen eintreten können, sind möglich, die den Planeten,

an dessen Existenz und Temperaturhöhe das organische Leben gebunden

ist, gänzlich vernichten oder doch zum Bewohnen untauglich machen

können. Auch jener Fortdauer durch Zeugung ähnlicher Nachkommen wäre

damit ein Ziel gesetzt.

Das ist mit runden Worten die eine Seite der Frage. Die Antwort der

Wissenschaft ist bei aller Mangelhaftigkeit unserer physiologischen

Erkenntniss in diesem Falle decidirt genug, um alle leichtfertigen

Träumereien auszuschliessen. Die Dichtung kann nichts thun, als die

Thatsache annehmen, wie sie ist. Wir dürfen weder poetisch darstellen,

wie ein verstorbener Mensch aus dem Jenseits zurückgekommen, noch

dürfen wir überhaupt den Anschein erwecken, als hielten wir die

psychische Existenz eines lebenden Wesens für etwas, was von der

physiologischen Erscheinungsform so unabhängig wäre, dass es beim

Zerfallen der Letzteren selbstständig weiter existiren könne.

Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik · 第 2 / 6 段