Es giebt Dinge darunter, die den Dichter stärker machen werd

Anmerkungen zur Transkription

Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.

Im Original kursiver Text ist _so ausgezeichnet_.

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des

Buches.

Die naturwissenschaftlichen

Grundlagen der Poesie.

Prolegomena

einer realistischen Aesthetik

von

Wilhelm Bölsche.

[Illustration]

Leipzig,

Verlag von Carl Reissner.

1887.

Vorwort.

Die nachfolgenden wissenschaftlichen Studien behandeln in

selbstständiger Abrundung das, was nach meiner Ueberzeugung im

ersten Buche jeder neuen, unserm modernen Streben gerecht werdenden

Aesthetik seine Stelle finden müsste. Realistisch nenne ich diese

Aesthetik, weil sie unserm gegenwärtigen Denken entsprechend nicht vom

metaphysischen Standpuncte, sondern vom realen, durch vorurtheilsfreie

Forschung bezeichneten ausgehen soll. Wie ich mir die Rolle des

besonnenen Realismus in unserer Literatur denke, ist im ersten Capitel

ausführlich entwickelt; die übrigen behandeln einzelne Probleme, an

denen der Naturforscher und der Dichter gleich grossen Antheil nehmen.

Zurückweisen muss ich im Voraus alle Uebertreibungen, die man von

unberufener Seite an das Wort Realismus geknüpft hat. Der Realismus

ist nicht gekommen, die bestehende Literatur in wüster Revolution zu

zerstören, sondern er bedeutet das einfache Resultat einer langsamen

Fortentwickelung, wie die gewaltige Machtstellung der modernen

Naturwissenschaften es nicht mehr und nicht minder ist. Jene Utopien

von einer Literatur der Kraft und der Leidenschaft, die in jähem

Anprall unsere Literatur der Convenienz und der sanften Bemäntelung

wegfegen soll, bedeuten mir gar nichts; was ich von dem aufwachsenden

Dichtergeschlecht fordere und hoffe, ist eine geschickte Bethätigung

besseren Wissens auf psychologischem Gebiete, besserer Beobachtung,

gesunderen Empfindens, und die Grundlage dazu ist Fühlung mit den

Naturwissenschaften. Leichte Plaudereien, wie sie der Spalte eines

Feuilletons ziemen, wird der Leser vergebens auf diesen Blättern

suchen, weder unfeines Schmähen noch kritiklose Verhimmelung rechne ich

unter die nothwendigen Requisiten der neuen Sache. Die jungen Kräfte,

die jetzt so viel Lärm machen, werden schon allein ihren Weg gehen;

ich aber möchte durch eine anständige Polemik sowohl wie durch einen

anständigen Vortrag überhaupt auch zu denen reden, die im Banne älterer

Anschauungen jede Form realistischen Fortschritts mit zweifelndem Auge

betrachten.

+Berlin+, im Winter 1886.

=Wilhelm Bölsche.=

Erstes Capitel.

Die versöhnende Tendenz des Realismus.

Durch die gesammte -- und nicht zum Wenigsten die deutsche -- Literatur

geht seit einiger Zeit eine lebhafte Bewegung. Die Schaufenster

der Buchhandlungen wie die Spalten der Journale sind überfüllt mit

Streitschriften und Streitartikeln, die bereits durch die Kühnheit

der Titel von der Hitze der Kämpfenden Zeugniss ablegen. Aber auch

abgesehen von diesen Kundgebungen der eigentlichen Ritter des Tourniers

fühlt sich jeder Einzelne im grossen Publicum mehr oder weniger

berufen, seinen Wahlzettel in die Urne zu werfen. Denn das Wort ist

gefunden, welches in neun Buchstaben die Loosung des Ganzen enthüllen

soll. Dieses schicksalsschwere Wort heisst Realismus.

Für die eine Partei ein goldenes Wort, eins aus jener Reihe

unvergänglicher Schlagwörter, die mit ihrer prächtigen Kürze gleichsam

die Stenographie der Culturgeschichte darstellen, -- ist es der andern

ein Gräuel, ein Hemmniss aller Fortentwicklung, der Name einer bösen,

wenn auch glücklicherweise vergänglichen Krankheit.

Revolution der Literatur für jene, Aufdämmern eines neuen Tages, weit

heller und strahlender noch als der junge Morgen, der sich einst in dem

klaren Auge Lessing's spiegelte und durch dessen weichende Frühnebel

der rasselnde Schritt des eisernen Ritters von Berlichingen erklang,

ist dieser die gleiche Erscheinung, die hässliche Brandröthe eines

Zerstörungskampfes, das Blutmal am Himmel, das über der Stätte des

Mordens und Brennens plündernder Vandalenhorden loht, es fehlt nicht an

alten Fritzen, die im Sanssouci ihrer unerschütterlichen Kunsttheorieen

zweifelnd die schönen, geraden Terrassen und Orangerieen abschreiten

und sich kopfschüttelnd fragen: Was soll der Lärm?

Verbrüderung aller nationalen Literaturen durch die Blutsgemeinschaft

gleicher Methode für die Schwärmer, erscheint den Skeptikern der ganze

Aufstand bei uns in Deutschland nur als der feige Abklatsch einer

widerwärtigen Krankheitserscheinung im schlechteren, in alter Sünde

absterbenden oder in unwissender Roheit der Halbbildung haltlos hin

und her schwankenden Nachbarlande, und, dem Franzosen gleich, der das

deutsche Bier als fremdes Gift verbannen möchte, wäre ihnen nichts

lieber, als eine literarische Grenzsperre für alle fremden Einflüsse.

Und endlich, was das Seltsamste ist: während die Einen glauben, der

Reinheit ihrer Gesinnung und dem Genius poetischer Sittlichkeit nicht

besser dienen zu können, als in dem Gewande der neuen Ritterschaft,

meinen die Andern das Schwert gegen diese erheben zu müssen zum Schutze

der unschuldigen Gemüther in der Welt, zum Schutze ihrer Söhne und

Töchter, denen der weihende Tempel des dichterischen Ideals kein

Sündenhaus werden soll und keine Schnapsschenke.

Jeder Vernünftige sieht, dass unter dem einen Worte Realismus

thatsächlich nicht immer das Gleiche verstanden wird und dass sich hier

Begriffe mischen, die strenge Sonderung fordern. Es fehlt denn auch

nicht an besonneneren Stimmen, die sich bemühen, Realismus in einer

Weise zu definiren, die jeden gröberen Irrthum ausschliesst.

Ich gebe diese Definition zunächst in möglichst allgemeiner Fassung

wieder, um später den speciellen Punct herauszugreifen, dem ich eine

eingehendere Betrachtung zu widmen gedenke.

Die Basis unseres gesammten modernen Denkens bilden die

Naturwissenschaften. Wir hören täglich mehr auf, die Welt und die

Menschen nach metaphysischen Gesichtspuncten zu betrachten, die

Erscheinungen der Natur selbst haben uns allmählich das Bild einer

unerschütterlichen Gesetzmässigkeit alles kosmischen Geschehens

eingeprägt, dessen letzte Gründe wir nicht kennen, von dessen

lebendiger Bethätigung wir aber unausgesetzt Zeuge sind. Das vornehmste

Object naturwissenschaftlicher Forschung ist dabei selbstverständlich

der Mensch geblieben, und es ist der fortschreitenden Wissenschaft

gelungen, über das Wesen seiner geistigen und körperlichen Existenz

ein ausserordentlich grosses Thatsachenmaterial festzustellen, das

noch mit jeder Stunde wächst, aber bereits jetzt von einer derartigen

beweisenden Kraft ist, dass die gesammten älteren Vorstellungen,

die sich die Menschheit von ihrer eigenen Natur auf Grund weniger

exacter Forschung gebildet, in den entscheidendsten Puncten über

den Haufen geworfen werden. Da, wo diese ältern Ansichten sich

während der Dauer ihrer langen Alleinherrschaft mit andern Gebieten

menschlicher Geistesthätigkeit eng verknotet hatten, bedeutete dieser

Sturz nothwendig eine gänzliche Umbildung und Neugestaltung auch

auf diesen verwandten Gebieten. Das bekannteste Beispiel hierfür

ist die Religion, deren einseitig dogmatischer Theil durch die

Naturwissenschaften zersetzt und zu völliger Umwandlung gezwungen

wurde. Ein zweites Gebiet aber, das auch wesentlich in Frage kommt,

ist die Poesie. Welche besondern Zwecke diese auch immer verfolgen

mag und wie sehr sie in ihrem innersten Wesen sich von den exacten

Naturwissenschaften unterscheiden mag, -- eine Sonderung, die wir so

wenig, wie die Sonderstellung einer vernünftigen Religion, antasten, --

ganz unbezweifelbar hat sie unausgesetzt, um zu ihren besondern Zielen

zu gelangen, mit Menschen und Naturerscheinungen zu thun und zwar, so

fern sie im Geringsten gewissenhafte Poesie, also Poesie im echten und

edeln Sinne und nicht ein Fabuliren für Kinder sein will, mit eben

denselben Menschen und Naturerscheinungen, von denen die Wissenschaft

uns gegenwärtig jenen Schatz sicherer Erkenntnisse darbietet.

Nothwendig muss sie auch von letzteren Notiz nehmen und frühere irrige

Grundanschauungen fahren lassen. Es kann ihr, was Jedermann einsieht,

von dem Puncte ab, wo das Dasein von Gespenstern wissenschaftlich

widerlegt ist, nicht mehr gestattet werden, dass sie zum Zwecke

irgend welcher Aufklärung einen Geist aus dem Jenseits erscheinen

lässt, weil sie sich sonst durchaus lächerlich und verächtlich machen

würde. Es kann ihr, was zwar nicht so bekannt, aber ebenso wahr ist,

auch nicht mehr ungerügt hingehen, wenn sie eine Psychologie bei

den lebendigen Figuren ihrer Erzeugnisse verwerthet, die durch die

Fortschritte der modernen wissenschaftlichen Psychologie entschieden

als falsch dargethan ist. Eine Anpassung an die neuen Resultate der

Forschung ist durchweg das Einfachste, was man verlangen kann. Der

gesunde Realismus ermöglicht diese Anpassung. Indem er einerseits die

hohen Güter der Poesie wahrt, ersetzt er andererseits die veralteten

Grundanschauungen in geschicktem Umtausch durch neue, der exacten

Wissenschaft entsprechende. Mit Genugthuung gewahrt er dabei, dass

die neuen Stützen nicht nur relativ, sondern auch absolut besser

sind, als die alten, und dass er bei Gelegenheit dieser Anpassung

der Poesie ein frisches Lebensprincip zuführt, das nach vollkommener

Eingewöhnung höchstwahrscheinlich ganz neue Blüthen am edeln Stamme

des dichterischen Schaffens zeitigen wird, die vormals Niemand ahnen

konnte. Das ist in abstracter Kürze die eigentlich verstandesgemässe

Definition des Realismus.

So rund ausgesprochen, hat die Forderung, die darin liegt, alle

Eigenschaften, um den Kritiker oder Dichter, dem die Poesie als ein

leuchtendes Palladium der Menschheit, das jede Zeit auf den höchsten

Platz ihres intellectuellen Könnens zu stellen verpflichtet sein soll,

eine wahre Herzenssache ist, zu ernstem, wohlwollendem Nachdenken zu

zwingen.

Angesichts der gestellten Wahl muss er die ganze, schwere Verantwortung

empfinden, die in einem leichtsinnig heraufbeschworenen Streite

zwischen Poesie und Naturwissenschaften läge. Er wird sich nicht stören

an die werthlose Phrase, dass ein solcher Conflict nothwendig im

Wesen der beiden Geistesgebiete begründet sei. Er wird vielmehr den

Blick haften lassen auf den starken Meistern der Vergangenheit, auf

dem heldenkühnen Ringen Schiller's, die Wahrheiten der Philosophie,

die doch in der speciellen Form auch mit dem Wissen zusammen fiel, dem

poetischen Ideal zu vermählen, auf dem unablässigen Forschen Göthe's,

der in den Wahlverwandtschaften -- fehlerhaft vielleicht, aber doch

in sicherem Ahnen der Methode -- die Arbeit des Forschers auf dem

Gebiete der Seelenkunde im Dichterwerke zu verwerthen suchte, auf dem

lichten Bau der physischen Weltbeschreibung des greisen Alexander von

Humboldt, in deren kosmischem Rahmen unter der Form der dichterischen

Naturanschauung die ganze Poesie mit Leichtigkeit eine Stelle gefunden

hätte. Dürfen wir stehen bleiben, wo jene, denen die ganze Fülle

unserer Offenbarung im Naturgebiete noch versagt war, unentwegt den

Wanderstab zum Vorwärtsschreiten ansetzten? Gewiss steckt in den

erhitzten Parteien des Tages die lebhafteste Neigung zu schwerem

Kampfe; sollen wir die einzige noch mögliche Gelegenheit zur Versöhnung

zurückweisen, -- zu einer Versöhnung, die vielleicht zugleich einen

Fortschritt für die Poesie bedeutet?

Ich meine, so, wie die Frage gestellt ist, giebt es nur eine Antwort.

Es handelt sich nicht um Namen, um Nationalitäten, um Meister und

Jünger einer Schule, sondern um zwei Dinge, die vor aller Augen sind:

eine Wissenschaft, die energisch vorgeht und neue Begriffe schafft,

und eine Literatur, die zurückbleibt, und mit Begriffen arbeitet, die

keinen Sinn und Verstand mehr haben. Thatsächlich hat denn auch ein

beträchtlicher Theil unserer modernen Dichter die richtige Antwort

gefunden, und es kommt hier nicht darauf an, ob Dieser ernste und

wohlüberlegte Entschlüsse daran angeknüpft oder Jener bloss in

kindlicher Freude ein polizeiwidrig lautes Jubelgeschrei über sein

findiges Genie dazu ausgestossen hat. Man hat sich geeinigt über den

Satz: Wir müssen uns dem Naturforscher nähern, müssen unsere Ideen auf

Grund seiner Resultate durchsehen und das Veraltete ausmerzen.

Das Erste, worauf man im Verfolgen dieses Gedankens kam, war ein Satz,

der ebenso einfach und selbstverständlich war, wie er paradox klang.

Jede poetische Schöpfung, die sich bemüht, die Linien des Natürlichen

und Möglichen nicht zu überschreiten und die Dinge logisch sich

entwickeln zu lassen, ist vom Standpuncte der Wissenschaft betrachtet

nichts mehr und nichts minder als ein einfaches, in der Phantasie

durchgeführtes Experiment, das Wort Experiment im buchstäblichen,

wissenschaftlichen Sinne genommen.

Daher der Name »Experimental-Roman«, und daher eine ungeheuerliche

Begriffsverwirrung bei allen Kritikern und Poeten, die weder wussten,

was man unter einem wissenschaftlichen Experimente, noch was man unter

dichterischer Thätigkeit verstand. Der Mann, der das Wort populär

gemacht hat, Zola, ist selbst unschuldig an der Verwirrung der Geister.

Nur hat auch er den Fehler nebenher begangen, die Definition eines

Kunstwerks als Experiment nicht einzuschränken durch die Worte »vom

wissenschaftlichen Standpuncte aus«, womit alles klarer und einfacher

wird. Vom moralischen Standpuncte beispielsweise will die Definition

gar nichts besagen, denn was ist moralisch ein »Experiment«? Aber

wissenschaftlich passt die Sache. Sehen wir das unheimliche Wort näher

an.

Der Dichter, der Menschen, deren Eigenschaften er sich möglichst genau

ausmalt, durch die Macht der Umstände in alle möglichen Conflicte

gerathen und unter Bethätigung jener Eigenschaften als Sieger oder

Besiegte, umwandelnd oder umgewandelt, daraus hervorgehen oder darin

untergehen lässt, ist in seiner Weise ein Experimentator, wie der

Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in gewisse Temperaturgrade

bringt und den Erfolg beobachtet. Natürlich: der Dichter hat Menschen

vor sich, keine Chemikalien. Aber, wie oben ausgesprochen ist, auch

diese Menschen fallen in's Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre

Leidenschaften, ihr Reagiren gegen äussere Umstände, das ganze Spiel

ihrer Gedanken folgen gewissen Gesetzen, die der Forscher ergründet

hat und die der Dichter bei dem freien Experimente so gut zu beachten

hat, wie der Chemiker, wenn er etwas Vernünftiges und keinen werthlosen

Mischmasch herstellen will, die Kräfte und Wirkungen vorher berechnen

muss, ehe er an's Werk geht und Stoffe combinirt.

Wer sich die Mühe nehmen will, einen ganz flüchtigen Blick auf das

Beste zu werfen, was Shakespeare oder Schiller oder Göthe geschaffen,

der wird den Faden des psychologischen Experiments in jeder dieser

Dichtungen klar durchschimmern sehen. Bloss jene Voraussetzungen

waren vielfach etwas andere, und hier ist denn eben der Punct, wo der

Einfluss der modernen Wissenschaft sich als ein neues Element geltend

machen und der Realismus, dessen Theorie wir zugegeben haben, practisch

werden soll. Es gilt, neue Prämissen für die weitern Experimente,

die wir machen wollen, aufzustellen oder besser, sie uns von der

Naturwissenschaft aufstellen zu lassen. Hier aber, beim Eintritt in

die Praxis, wird die ganze Sache sehr schwierig. Wir haben bisheran

einer allgemeinen Erörterung Raum gegeben. Der allgemeine Zustand

des Denkens in unserer Zeit und des Verhältnisses von Poesie und

Forschung zu einander hat uns ein Geständniss abgezwungen, indem er

uns ein Dilemma zeigte, aus dem es nur einen Ausweg gab. Wir haben uns

einverstanden erklärt mit der versöhnlichen Richtung eines gesunden

Realismus und sind vorgedrungen bis an den Fleck, wo die Berührung der

exacten Wissenschaften mit derjenigen Definition der Poesie, die von

allen am wissenschaftlichsten klingt, endlich stattfinden soll. Alle

Vorfragen sind damit erledigt, und ich trete jetzt an das heran, was

eigentlich den Kern des Ganzen ausmacht und zugleich ein solches Gewebe

ernster Schwierigkeiten aufweist, dass ich eine eingehende Betrachtung

derselben für die nothwendige Basis jeder realistischen Dichtung

sowohl, wie jeder realistischen Aesthetik halte.

Die Prämissen des poetischen Experiments: das sagt in einem Worte

alles. Hier verknoten sich Naturwissenschaft und Poesie.

Wohlverstanden: diese Prämissen umschliessen nicht die Naturgeschichte

des poetischen Genius selbst, eine Sache, die ja auch in die Aesthetik

hineingehört, die aber mit dem, was ich meine, direct nichts zu

schaffen hat. Geniale Anlage muss der Mensch besitzen, um überhaupt als

Dichter auftreten zu können, und zwar eine ganz bestimmte Form genialer

Anlage, die sich von der für andere Geistesgebiete individuell

unterscheidet. Jene andern Prämissen, die erworbenes Wissen darstellen,

verhelfen ihm bloss in zweiter Instanz dazu, sein schöpferisches Wollen

nach vernünftigen Gesetzen zu regeln und auch andern, nicht dichterisch

Beanlagten durch das Medium der Logik einigermassen verständlich zu

machen. Aber auch wenn wir alle Missverständnisse ausschliessen,

bleibt die Sache immer noch sehr schwierig. Es mangelt zunächst

gänzlich an brauchbaren Büchern, die dem Dichter einen vollkommenen

Einblick in das verschaffen könnten, was ihm aus dem ungeheuren

Bereiche der wissenschaftlichen Forschung über den Menschen zu wissen

Noth thut. Die in ihren Resultaten so sehr werthvolle psychologische

und physiologische Fachliteratur zeigt den Bestand des Materials nur

in seiner äussersten Zersplitterung. Weit entfernt, die Arbeit des

einsichtigen Dichters unter der Rubrik des psychologischen Experimentes

entsprechend zu würdigen, zieht sich die Fachwissenschaft in den

allermeisten Fällen vornehm zurück und überlässt die Verarbeitung ihres

Materials für poetische Zwecke dem Philosophen, der unter zehn Fällen

neunmal die Thatsachen unter dem Vorwande der Ordnung einfach fälscht.

Statt der Wissenschaft Rechnung zu tragen, suchen schaffende Poesie wie

Aesthetik dann ihre Prämissen durch Studium philosophischer Systeme zu

gewinnen, und der Erfolg ist, dass wir unter dem Vorwande realistischer

Annäherung an die Resultate der Forschung allenthalben einer

Verherrlichung Hegel'scher Phrasen, Schopenhauer'scher Verbohrtheiten

oder Hartmann'scher Willkür begegnen, die mit echter Wissensbasis wenig

mehr zu schaffen haben, als die alten religiösen Ideen, so geistvoll

sie auch im Einzelnen ersonnen sein mögen.

Eine Anzahl vorsichtiger Geister, besonders ausübender Poeten,

verschmäht mit Recht diese schwankende Brücke und stürzt sich kühn

in die Detailmasse des exacten Fachwissens. Der Erfolg zeigt eine

ernstliche Gefahr auch bei diesem Unterfangen. Die wissenschaftliche

Psychologie und Physiologie sind durch Gründe, die Jedermann kennt,

gezwungen, ihre Studien überwiegend am erkrankten Organismus zu machen,

sie decken sich fast durchweg mit Psychiatrie und Pathologie. Der

Dichter nun, der sich in berechtigtem Wissensdrange bei ihnen direct

unterrichten will, sieht sich ohne sein Zuthun in die Atmosphäre der

Clinic hineingezogen, er beginnt sein Augenmerk mehr und mehr von

seinem eigentlichen Gegenstande, dem Gesunden, allgemein Menschlichen

hinweg dem Abnormen zuzuwenden, und unversehends füllt er im Bestreben,

die Prämissen seiner realistischen Kunst zu beachten, die Seiten seiner

Werke mit den Prämissen dieser Prämissen, mit dem Beobachtungsmateriale

selbst, aus dem er Schlüsse ziehen sollte, -- es entsteht jene

Literatur des kranken Menschen, der Geistesstörungen, der schwierigen

Entbindungen, der Gichtkranken, -- kurz, das, was eine nicht kleine

Zahl unwissender Leute sich überhaupt unter Realismus vorstellt.

Ich habe den Weg gezeigt, wie klar denkende Dichter auf diese Linie

gerathen können, und bin weit davon entfernt, das blöde Gelächter

der Menge bei Beurtheilung derselben zu theilen. Es sind keineswegs

die kleinen, rasch zufriedenen Geister, die in solche heroischen

Irrthümer verfallen, und der still vergnügte Poet, der im einsamen

Kämmerlein von Sinnen und Minnen träumt, hat für gewöhnlich nur sehr

problematische Kenntniss davon, welcher Riesenarbeit sich gerade der

dichtende Genius unterzieht, der im treibenden Banne seiner Gedanken

bis zum Unschönsten, was die Welt im gebräuchlichen Sinne hat, dem

Krankensaale, vordringt. Ein Irrthum bleibt die Einseitigkeit darum

doch. Die Krankheit kann nicht verlangen, den Raum der Gesundheit für

sich in Anspruch nehmen zu wollen, das unausgesetzte Experimentiren mit

dem Pathologischen, also dem ganz ausschliesslich Individuellen, das

eine Ausnahme vom normalen Allgemeinzustande bildet, nimmt der Poesie

ihren eigentlichsten Charakter und verführt den Leser zu Irrthümern

aller Art, die hinterher den ganzen Realismus treffen.

Ich halte es angesichts all' dieser Gefahren für durchaus an der Zeit,

in einer übersichtlichen Darstellung diejenigen Puncte herauszuheben,

die eigentlich in der Gesammtfülle des modernen naturwissenschaftlichen

Materials als wahre Prämissen seiner Kunst den Dichter unmittelbar

angehen. Ich möchte dabei ebensoweit von philosophischer Verwässerung

wie von fachwissenschaftlicher Detailüberlastung entfernt bleiben.

Was sich als Resultat der bisherigen objectiven Forschung ergiebt,

möchte ich unter dem beständig beibehaltenen Gesichtspuncte der

dichterischen Verwerthung klar darlegen. Das Metaphysische kann ich

dabei nur streifen als nothwendigen Grenzbegriff des Physischen. Die

Erkenntnisslehren der modernen Naturwissenschaft sind, wie schon

gesagt, bisher in die weiten Kreise fast stets als Beiwerk in gewissen

Systemen, als Stütze materialistischer oder pessimistischer oder sonst

irgendwie auf einen Glauben getaufter Weltanschauungen verbreitet

worden. All' diesen Bestrebungen stehe ich durchaus fern. Was der

Poet sich über das innerste Wesen der kosmischen Erscheinungen denkt,

ist seine Sache. Die Puncte, um die es sich für mich handelt, sind

als Wissensgrundlagen massgebend für Alle, so gut wie das Wasser das

Product zweier Elemente, des Wasserstoffs und des Sauerstoffs, für

jeden vernünftigen Menschen bleibt, mag er nun im Puncte des Gemüthes

Christ oder Jude oder Mohammedaner sein oder die heilige Materie

anbeten.

Es giebt Dinge darunter, die den Dichter stärker machen werden, als

seine Vorgänger waren, wenn er sie in der rechten Weise beachtet.

Es giebt auch Dinge, die ein zweischneidiges Schwert sind und mit

aller Vorsicht behandelt werden wollen. Im Grossen und Ganzen kann

ich nur sagen: eine echte realistische Dichtung ist kein leichter

Scherz, es ist eine harte Arbeit. Die grossen Dichter vor uns haben

das sämmtlich empfunden, die kommende Generation wird es möglicher

Weise noch mehr fühlen. Einen Menschen bauen, der naturgeschichtlich

echt ausschaut und doch sich so zum Typischen, zum Allgemeinen,

zum Idealen erhebt, dass er im Stande ist, uns zu interessiren aus

mehr als einem Gesichtspuncte, -- das ist zugleich das Höchste und

das Schwerste, was der Genius schaffen kann. Wie so der Mensch Gott

wird, ist darin enthalten, -- aber es wird jederzeit auch darin sich

offenbaren, wie so er Gottes Knecht ist. Das Erhebendste dabei ist

der Gedanke, dass die Kunst mit der Wissenschaft empor steigt. Wenn

das nicht werden sollte, wenn diese Beiden fortan im Kampfe beharren

sollten, wenn Ideal und Wirklichkeit sich gegenseitig ermatten sollten

in hoffnungslosem, versöhnungslosem Zwiste: dann wären die Gegenwart,

wie die Zukunft ein ödes Revier und die Mystiker hätten Recht, die

vom Aufleben der Vergangenheit träumen. Es ist in Wahrheit nicht so.

Ein gesunder Realismus genügt zur Versöhnung, und er erwächst uns von

selbst aus dem Nebeneinanderschreiten der beiden grossen menschlichen

Geistesgebiete. Dichtung um Dichtung, ästhetische Arbeit um ästhetische

Arbeit, alle nach derselben Richtung gestimmt, müssen den Sieg

anbahnen. Die rohe Brutalität, von der hitzige Köpfe träumen, wollen

wir dabei gern entbehren, -- ich meine, die Wissenschaft ist dazu viel

zu ernst und die Kunst viel zu sehr der Liebe und des klaren, blauen,

herzerwärmenden Frühlingshimmels bedürftig.

Zweites Capitel.

Willensfreiheit.

Ich will als Dichter einen Menschen, den ich in eine bestimmte Lage des

Lebens gebracht habe, eine Handlung begehen lassen und zwar diejenige,

welche ein wirklicher Mensch in gleicher Lage wahrscheinlich oder sogar

sicher begehen würde.

Ich will als Kritiker einer Dichtung beurtheilen, ob eine bestimmte

Handlung, die ein bestimmter Held dieser Dichtung unter bestimmten

Umständen begeht, wirklich richtig, das heisst den Gesetzen der

Wirklichkeit entsprechend, erfunden ist.

In beiden Fällen werde ich beim geringsten Nachdenken auf die

allgemeine Frage der Willensfreiheit geführt.

Diese Frage aber ist weder eine dichterische, noch eine philosophische,

sondern eine naturwissenschaftliche. In ihr kreuzen sich die

sämmtlichen Grundfragen der wissenschaftlichen Psychologie, und sie ist

meiner Ansicht nach die erste und wichtigste Frage, mit der sich die

Prämissen der realistischen Poesie und Aesthetik zu befassen haben.

Die oberflächlichste Anschauung der wahren Dinge in der Welt lehrt,

dass die menschliche Willensfreiheit nicht ist, was das Wort nahe

legt: eine absolute Freiheit. Wir sehen nicht nur die Macht des

Willens physikalisch beschränkt, sondern gewahren auch in dem

eigenthümlichen Gefüge und Bau der Gedanken, die den Willen zu irgend

etwas schliesslich als äussern Act entstehen lassen, beständig sehr

eigenthümliche, subjective Factoren, die in uns sofort das Gefühl

eines eingeschränkten Laufes der Gedankenketten entstehen lassen.

Genau dieselbe Thatsache erweckt im Geiste verschiedener Menschen

verschiedene Gedankenreihen, die oft den genau entgegengesetzten

Willen hervorrufen. Eine unbewacht gelassene Casse ruft in einem

Gewohnheitsdiebe den Gedanken und in directer Fortsetzung die Handlung

des Stehlens, in einem seiner bisherigen Lebensbahn nach durchaus

rechtlich gesinnten Menschen höchstens den Gedanken an eine Sicherung

und Bewachung zur Verhütung eines Diebstahls hervor. Eine grosse Anzahl

von Menschen ist zwar geneigt, gerade den Umstand hier für allgemeine

Freiheit zu halten, dass der Eine so, der Andere anders handelt. Der

Naturforscher wird sich sagen müssen, dass die gleiche äussere Sache

nur einen verschiedenen innern Effect haben kann, weil sie offenbar

in dem Innern der beiden geistigen Individuen auf eine ungleiche

Disposition trifft, etwa wie in der Physik derselbe Funke, je nachdem

er in eine Pulvertonne oder in ein Wasserfass fällt, sehr verschiedene

Kräfte auslöst.

Damit ist ein erster, roher Anhaltspunct für die Auffassung

psychologischer Vorgänge gewonnen. Wenn ich als Dichter Menschen in

Berührung mit äusseren Erscheinungen bringe, so wechselt nicht nur

der Wille in den Handlungen der Person je nach den äusser'n Impulsen,

sondern er ist auch subjectiv bei den Einzelnen verschieden je nach der

Disposition des Geistes, die der Impuls bei Jedem findet.

Die Physiologie giebt uns nun als nächsten Fortschritt über diesen

ersten Punct weg die Thatsache an die Hand, dass jede Disposition des

Geistes zugleich eine Disposition des stofflichen Untergrundes, des

Gehirns, bedeutet.

Die Frage, in welchem Causalitätsverhältniss diese Doppelerscheinungen

der geistigen und stofflichen Disposition unter sich wohl stehen

möchten, ob der Geist als solcher existire oder bloss eine subjective

Rückansicht desselben Dinges sei, das wir äusserlich als Stoff,

respective mechanische Kraft uns gegenüber stellen, geht uns hier als

eine erkenntniss-theoretische, wissenschaftlich nicht lösbare gar

nichts an. Was wir mit Händen greifen können, ist das Zusammenfallen

jeder psychischen Erscheinung mit einer molecularen, jedes Gedankens

mit einem ganz bestimmten physiologischen Ereignisse innerhalb

des nervösen Centralorgans. Dieses leugnen, hiesse rundweg das

Gehirn leugnen und die ganze überwältigende Masse künstlicher wie

unfreiwilliger Beeinflussungen des psychischen Apparats, die man bei

vivisecirten Thieren und verwundeten oder gehirnkranken Menschen

durch stoffliche Umwandlungen in der Gehirnmasse hat entstehen sehen.

Die Thatsache steht also unbezweifelbar fest: wir können behaupten,

wenn bei einer bestimmten Person ein bestimmter äusserer Impuls eine

bestimmte Disposition im Gedankengange des Betreffenden vorfindet, so

ist diese Disposition zugleich etwas Stoffliches, eine Curve, Furche,

reihenweise Gruppirung kleiner Theilchen, Schwingung der Molecüle

nach einer bestimmten Richtung oder was man sich sonst denken will in

der greifbaren Masse des Gehirns. Das oben gebrauchte Beispiel mag

das zur Deutlichkeit nochmals illustriren. Gleicher äusserer Impuls:

eine offene Casse. Erfolg bei dem einen Menschen unmittelbar und ohne

Wahl eine moralisch verwerfliche Gedankenkette, die endigt mit der

Handlung des Stehlens, bei dem andern ebenso unmittelbar eine gute,

die ausläuft in die Handlung des Bewachens. Grund: der erste Mensch

ist gewöhnt, schlecht zu handeln, seine Gedankenkette schlägt sofort

eine bestimmte Richtung ein, die körperlich einem durch Gewohnheit tief

ausgefahrenen Geleise entspricht, in das ein neu ankommender Wagen

stets mit mechanischer Nothwendigkeit wieder hineinrollt; umgekehrt bei

dem gewohnheitsmässig moralischen Menschen geräth die Ideenverbindung

unmittelbar in eine ganz entgegengesetzte Linie, die schliesslich den

umgekehrten Effect auslöst.

Ich habe das Beispiel so nackt gewählt, wie möglich, -- ohne jeden

Conflict, was nicht ausschliesst, dass es täglich so vorkäme. Wer oft

gestohlen hat, stiehlt wieder; wer in moralischem Denken aufgewachsen

ist, kommt für gewöhnlich gar nicht auf den Gedanken, zu stehlen;

die Ideenkette lenkt ohne Ablenkungen besonderer Art, die ich hier

vernachlässige, stets in dieselben Geleise ein. Das Wort Geleise

dürfen wir unbedenklich anwenden, da ja ein stofflicher Vorgang stets

mit unterläuft. Geschaffen hat die Geleise, wie sich Jeder schon zur

einfachsten Erläuterung dazu sagt: die Gewohnheit. Jede Minute unseres

Lebens bringt uns Beweise dafür, -- das Wort Gewohnheit, das uns

beständig auf der Zunge schwebt, ist eben nur der Ausdruck des Factums,

dass die mehrmals aufgestellten Gedankenketten sich ein derartig

festes Bett in unserm Denkorgane graben, dass gewisse, nur entfernt

daran gemahnende Impulse sie jedesmal mit zwingender Nothwendigkeit

wieder hervorrufen und dieselbe Handlung als schliesslichen Effect

daraus entstehen lassen. Je ausgefahrener die Geleise nach und nach

werden, desto rascher und damit dem Bewusstsein desto undeutlicher

saust der Gedanke hindurch, desto unmittelbarer lösen sich Impuls und

Willenseffect ab, bis schliesslich der Gedanke gar nicht mehr bewusst

wahrgenommen wird und die Handlung sich als rein mechanischer Reflex

des Impulses darstellt, -- Erscheinungen, die wir täglich am Menschen

beobachten können und die beim Thiere, dem die wenigen Eindrücke seines

Lebens durch ihre regelmässige Wiederkehr fast alle in der genannten

Weise constant und zur Quelle reiner Reflexhandlungen werden, die Regel

bilden.

Wenn es auf Grund eines ungeheuren Fortschrittes mikroskopischer

Forschung möglich wäre, ein vollkommenes Bild eines beliebigen

menschlichen Gehirns, das zu seinen Lebzeiten Gedanken gehegt hat, zu

entwerfen, so würde man, wie immer das wahre Antlitz der Sache sich

gestaltete, stets auf das schematische Bild einer Ebene kommen, die von

Linien ungleicher Dicke durchkreuzt wird, von denen eine Anzahl nur

matt angedeutet und halbverwischt, eine gewisse Zahl dagegen äusserst

scharf und deutlich erschiene, und der Beschauer würde unmittelbar das

Gefühl haben, dass es sich hier um ein Strassensystem handle, bei dem

dasselbe obgewaltet, wie bei menschlichen Verkehrswegen: irgend ein

äusserer Umstand hat mehrmals die Verkehrenden auf dieselbe Strasse

geführt und, einmal ausgetreten, hat diese nun Alle, die nur entfernt

nach derselben Richtung wollten, veranlasst, ihrer Linie und keiner

andern zu folgen.

Thatsächlich sind wir ja so weit nicht. Das Gehirn, welches wir kennen,

bietet uns, was das unmittelbare Sehen anbelangt, ungefähr so viel

Anhaltspuncte zur Kenntniss seiner innern Processe, wie dem Astronomen

die Oberfläche des Planeten Mars. Wir erkennen auf dieser Länder

und Meere, Canäle, die das Festland durchschneiden, atmosphärische

Vorgänge, Wolken, Schnee, Eismassen am Pol; das Alles aber kommt so

wenig über den groben Umriss hinaus, dass Objecte von der Grösse der

Victoria-Nyanza noch gerade als Puncte wahrnehmbar sind.

Unsere Anschauungen vom Wesen der ganzen Gedankenthätigkeit müssen

wir, unfähig, die Maschine in ihre Rädchen auseinander zu nehmen

und im todten Material zu studiren, abstrahiren aus dem Erfolge,

aus der regelmässigen, positiv zu beobachtenden Wiederkehr gewisser

gewohnheitsmässiger Gedankenreihen in uns selbst und den Handlungen,

die wir täglich bei uns als Folgen dieser zwangsweisen Ideenketten

wahrnehmen und bei Andern als solche voraussetzen dürfen. Immerhin ist

diese Art der Beobachtung ein vollkommen guter Ersatz für jene.

Für die Freiheit des Willens, von der wir ausgegangen sind, ist

jedenfalls -- mögen wir nun physiologisch oder psychologisch zu unsern

Resultaten gekommen sein -- in dem Bestehen der durch Gewohnheit

gegrabenen Gedankenstrassen ein bedenkliches Hinderniss gegeben. Der

Wille ist Endergebniss eines nicht gestörten, bis zu einer gewissen

Intensität angeschwollenen Gedankens, -- wenn der Gedanke aber in

seinem Flusse sich in den meisten Fällen einem gegrabenen Bette

anschmiegen muss, so kann in allen diesen von einer Freiheit des

endlichen Willens keine Rede mehr sein, und man braucht noch gar nicht

auf jene oben erwähnten, ganz reflectorisch gewordenen Willensacte

zurückzugehen, um auf Schritt und Tritt diesen einfacheren hemmenden

Einflüssen zu begegnen.

Die wichtigste Frage scheint also, um hier Klarheit zu schaffen, die

nach der Natur der Gewohnheit zu sein. Es gilt festzustellen, was sich

unter diesem Begriffe, der die Willensfreiheit in so frappanter Weise

bedroht, für einzelne Factoren verstecken und ob in dem einen Worte,

das der Gebrauch selbst geschaffen, nicht Verschiedenartiges sich

birgt. Gewohnheit ist, so haben wir physiologisch definirt, langsame

Einprägung einer bestimmten Furche (psychologisch: Denkrichtung) im

Gehirn, die durch eine längere Folge gleichartiger Wahrnehmungen

erzeugt wird. Woher kommt eine derartige Gleichartigkeit der

Wahrnehmungen? Zunächst aus der Einrichtung der Natur, die uns trotz

der unendlichen Fülle ihrer Erscheinungen doch gewisse Phänomene in

ewiger Regelmässigkeit wiederkehren lässt, die beständig gleiche

Wahrnehmungen in uns hervorrufen. In zweiter Linie aber aus einem

Umstande, der den Culturmenschen mit verschwindenden Ausnahmen fest

und unerbittlich umklammert hält: der Erziehung. Wir sind nicht

neu geschaffene Wesen, die bloss die Natur sich gegenüber haben.

Wir gehören einer Gesellschaft an, die ebenfalls aus Menschen mit

einem, dem unsern ähnlichen Denkapparate besteht. Wir sind jung,

die Tafel unseres Gehirnes ist noch kaum beschrieben. Jene Menschen,

die vielleicht unsere Erzeuger, jedenfalls als Erwachsene unsere

Meister sind, sind in ihrem Denken bereits erfüllt mit jenen festen

Linien, jenen Geleisen des Gewohnten, und sie fühlen sich wohl dabei.

Ihr Bemühen geht dahin, in unser Gehirn dieselben Linien zu prägen.

Unfähig, unmittelbar zu wirken, beschreiten sie den Umweg durch die

wiederholten Wahrnehmungen, aber in der Weise, dass sie bestimmte

Wahrnehmungen -- eben jene, die ihren Gedankenlinien die bequemen

sind -- auswählen und uns so lange einseitig vorführen, bis sich in

unserm Gehirn die gleiche Linie, wie bei ihnen, gebildet hat und wir

ihre wahren geistigen Kinder sind. Mit andern Worten heisst das: wir

erhalten die grosse Masse unserer gewohnheitsmässigen Gedanken durch

Unterricht, durch Schulung. Der Werth dessen, was uns vermittelst

derselben im Gehirn eingeritzt wird, ist dabei ganz gleichgiltig, es

kann die höchste Moral oder die äusserste Unmoral sein: von einem

gewissen Puncte ab ist die Gedankenübertragung gelungen, die Linie

angelegt, und es bedarf fortan nur der leisesten Aehnlichkeit in einer

Wahrnehmung mit jenen früheren, um sofort den ganzen Gedankenapparat

nach der eingeprägten Richtung hin in Thätigkeit zu setzen.[1]

[1] Sehr lehrreich für das ganze Gebiet der Gedankenübertragung

sind die _hypnotischen_ Experimente, die gewiss auch für

den Dichter ein gewisses Interesse haben müssen. Ganz

energisch aber ist zu verlangen, dass jeder Verwerthung

derartiger Erscheinungen ein kritisches Verständniss und

Studium vorausgehe. Es handelt sich hier durchaus nicht um

ein Stück jener behaglichen Mystik, bei der alle Menschen,

denen einmal etwas Unerklärliches vorgekommen, den Beruf

fühlen, mitzusprechen, sondern um exacte wissenschaftliche

Gegenstände, die, eben weil sie von der grössten Tragweite

sind, auch die vorsichtigste Behandlung erfordern. Wen der

Schleier des Unbegreiflichen allein verlocken sollte, der

wird bei sorgfältiger Kenntnissnahme dann schon von selbst

merken, wie wenig seine Neugier belohnt wird.

Je tiefer diese Schulung geht, je reflectorischer die Ideenlinien

arbeiten, desto mehr scheinen sie später ursprünglich mit dem

Individuellen verwachsen und erlangen in Wörtern, wie Gewissen, Tact

und ähnlichen, Bezeichnungen, die uns im Leben sehr oft geneigt machen,

sie angeborene zu nennen, obwohl sie allem Anscheine nach durchweg

erworbene, von aussen eingeprägte sind.

Das Adjectivum »angeboren« aber, welches sich uns hier zwanglos in die

Erörterung einmischt, führt uns unwillkürlich auf ein Zweites, das im

Begriffe der Gewohnheit, wenn auch wahrscheinlich nicht dort, wo man es

vermuthete, so doch anderswo steckt.

Ein Vogel, den man im Zimmer fern von Seinesgleichen aufgezogen, zeigt

bei nahendem Winter ein Bestreben, zu wandern. Hier kann nicht mehr

von individueller Aneignung, von einer durch Gewohnheit erzielten

Gedankenlinie, in die jedesmal beim Anblick fallenden Laubes oder

sonstiger Erscheinungen des Wechsels der Jahreszeiten der Gedanke

einlenkt, um schliesslich den Willen des Wanderns auszulösen, die

Rede sein. Eben haben wir gesehen, dass die Function, das beständige

Wahrnehmen gleicher Dinge allmählich eine körperliche und geistige

Disposition, ein Geleise gewissermassen, schafft, das dann beim

Nachfolgenden wie ein Organ die Function bestimmt; bei diesem geborenen

Zugvogel ist offenbar die Umwandlung einer bestimmten Stelle des

Denkapparates schon bei der Geburt mit allen andern Organen, die im

embryonalen Leben nicht durch, sondern für die Function entstehen,

angelegt worden und tritt jetzt beim geringsten dahin zielenden Impuls

mit voller Kraft in Thätigkeit, indem sie den Vogel zwingt, beim ersten

Anzeichen des Herbstes -- und sei es auch sein allererster, den er im

individuellen Leben mitmacht -- eine Gedankenreihe zu verfolgen, die

ihm bei menschlich klarem Bewusstsein wie eine Vision vorkommen würde,

indem er Bilder von einem warmen Lande, wohin er wandern soll, denkt,

die keine eigene Erfahrung ihm eingeben kann.

Wir haben es hier mit einer Gewohnheit secundärer Art zu thun: --

mit vererbten geistigen Linien. Jede geistige Gewohnheit bedingt

etwas körperliches, einerlei, ob als Ursache oder als unvermeidliche

Parallelerscheinung; dass körperliche Veränderungen sich vererben,

wissen wir alle; es kann in Fällen wie dem genannten nicht anders

sein, als dass sich hier eine Structurverschiebung des Gehirns, eine

moleculare Disposition vererbt hat, deren unzertrennliche Begleiterin

die psychische Erscheinung ist, die wir sehen. Zwischen dem Gehirn

jenes Vogels und dem gewaltigen Verstandesapparate des Menschen aber

besteht physiologisch wie psychologisch lediglich ein Unterschied des

Grades, nicht der Art, -- es fragt sich: spielen auch beim Menschen

ererbte Gedankenreihen eine Rolle, die sich unter dem allgemeinen

Worte »Gewohnheit des Denkens« verbirgt? Bei der ungeheuren Masse

von Eindrücken, die der Mensch im Gegensatz zu den meisten Thieren

während der Dauer seiner individuellen Existenz empfängt und die trotz

aller Macht der Gewohnheit gerade auf den höheren geistigen Gebieten

durchweg nicht reflectorisch werden, nicht ganz aus dem Bewusstsein

verschwinden, scheint es von vornherein nicht wahrscheinlich, dass

hier sehr viel vererbt werden sollte. Jedenfalls bestätigt die

Erfahrung, dass Vererbung überwiegend dann stattfindet, wenn gewisse

Gedankenketten über das gewöhnliche Mass hinaus sich eingebohrt

haben, also beispielsweise bei einseitigem Genie, bei krankhaft

eingewurzelten fixen Ideen, also fast oder ganz abnormen Zuständen,

-- und es scheint selbst hier, als vererbten sich nicht eigentliche

Gedankenlinien, sondern nur gewisse Stimmungen des Untergrundes, wenn

ich so sagen soll, gewisse Weichheiten oder Härten der Fläche, die den

später durch Erziehung herantretenden Geleisen einen ungewöhnlichen

Widerstand oder ein ungewöhnliches Entgegenkommen bewiesen. In der

Empfänglichkeit des Gehirns für einzugrabende Linien überhaupt liegt

ganz unbezweifelbar die eigentliche grosse Erbschaft, die der Mensch,

der als solcher geboren wird, vor dem Thiere voraus hat; wer das exact

beobachten will, vergleiche ein lernendes Kind mit einem lernenden

Papageien. Wahrscheinlich ist dem Vogel der absolute Fortschritt gerade

deshalb so erschwert, weil sein Gehirn von Jugend auf mit einer Reihe

ererbter Linien (Instincte nennt es ein geläufiges Wort) durchsetzt

ist, die den Boden hart gemacht haben für alles Neue; die wenigen

ererbten Geisteslinien des Menschen, der Mangel an Instincten, wäre im

Lichte dieser Anschauung dann vielleicht die Wiege seiner geistigen

Entwicklungsfähigkeit, indem es ihm die Tafel für das Lernen frei

hielte. Dass darum gewisse Instincte, ganz oder beinah reflectorische

Geisteslinien, auch beim Menschen und zwar bei allen ohne Ausnahme

als Erbe früherer, mehr thierischer Verhältnisse sich -- wenn auch

bisweilen gleichsam verschüttet und von den tausend Erziehungslinien

überdeckt -- vorfinden, ist nicht zu leugnen. Stark erregte Momente,

Revolutionen, Hungersnoth, beständiger Anblick von Blut, sexuelle

Ueberreizung lassen diese Instincte gelegentlich in roher und

erschreckender Weise durchbrechen, und der Mensch handelt in solchen

Momenten im Banne einer dämonischen Gehirnmacht, einer entfesselten

psychisch-molecularen Bewegungswelle, die unvergleichlich mächtiger

fortreisst, als alle individuell durch Erziehung erworbenen Moral-

oder Unmorallinien, er handelt mit dem Instincte von Thierformen, die

weit unten an der Schwelle des Menschlichen stehen und für uns nur

noch in analogen Erscheinungen der jetzigen höheren Säugethierwelt zu

studiren sind. Der Dichter, wie der Historiker müssen gerade diesen

geheimnissvollen Vererbungslinien, deren Rolle im einzelnen Leben wie

in der Geschichte sehr gross ist, mit Interesse nachgehen. Wünschen

möchte man, dass gewisse dauernde Errungenschaften der menschlichen

Cultur -- beispielsweise die Basis der Moral, das Mitleid -- mit der

Zeit bereits reine Instincte geworden wären, die der Einzelne mit auf

die Welt brächte. Man ist mitunter versucht, dergleichen zu glauben.

Wenn ein Mensch, ohne eine Secunde zu zögern, einem Kinde, das in's

Wasser gefallen ist, nachspringt und es rettet, so scheint hier eine

Geisteskette vorzuliegen, die bereits ganz reflectorisch wirkt und wohl

als solche vererbt werden könnte.

Die Erfahrungen, die man andererseits an Kindern macht, die aus besten

Bildungskreisen entspringen und doch, ehe sie durch Zucht selbst

gebildet sind, nichts bethätigen als die alten thierischen Instincte,

die mit ihrem roheren Egoismus dem Mitleid gerade zuwider laufen,

verhindern alle derartigen optimistisch gefärbten Schlüsse.

Beschränkt, wie unsere Kenntnisse von dem ganzen Gewebe der

Vererbungsfragen gegenwärtig noch sind, müssen sie dem Dichter, der in

ihnen das Material tragischer oder versöhnender Verknotungen sucht,

eine starke Resignation und scharfe Kritik als Grundbedingung an's Herz

legen. Rechnen soll er mit der Vererbungsfrage als Ganzem, das ist

sicher. Aber er soll nicht spielen damit, sich nicht muthwillig auf

Gebiete begeben, die der Fackel des Forschers selbst noch verschlossen

sind. Die Zukunft wird erst zeigen können, wie eigentlich diese Dinge

eingreifen in's Leben des Einzelnen, wie die Sünden und Vorzüge der

Ahnen sich unmittelbar im Gehirne des Enkels rächen. Immerhin mag heute

schon der grandiose Romancyklus von Zola eine durchdachte Vorahnung

für das Kommende darstellen. Wenn man sich aber vergegenwärtigen will,

welche zahllosen dichterischen Vorwürfe in dem Spiel der Ideenketten,

an die Schule und erste Bildung uns schmieden, enthalten sind,

so kann man im Grunde nur warnen vor dem einseitigen Betonen der

Vererbungsconflicte, so lange die Physiologie noch nicht in festen

Gesetzen die nöthigen Prämissen aufgestellt. Man soll sie beachten,

wo man durch den Stoff nothwendig auf sie geführt wird, aber sie noch

nicht in den Vordergrund drängen, wo es nicht durchaus nöthig ist.

Die indirecte Vererbung, das unbrauchbare Alte, das uns in unserer

Bildung, durch unsere Umgebung allenthalben belastend in's Gehirn

gegraben wird, tausend begabte Köpfe im Kampfe mit dem lebendigen

Neuen zu Tode hetzt, uns als unechte Religion, veraltete Moral,

conventioneller Humbug, historische Entartung und was sonst noch

alles, den Geist trübt und für die Ziele der Gegenwart blind macht:

das ist durchschnittlich weit gefährlicher, als die dunklen chemischen

und physikalischen Mächte, die hier oder dort eine Familie in allen

Phasen des Wahnsinns untergehen lassen oder an den geschlechtlichen

Fähigkeiten eines unschuldigen Nachkommen die sexuellen Verrücktheiten

des Urgrossvaters rächen. Es sind harte, unerbittliche Gesetze im

Einen, wie im Andern, aber im letztern Falle haben sie mehr von jener

dunklen Tragic, die allem Geschehen der Natur geheimnissvoll zu Grunde

liegt, im ersteren sehen wir den Kampf menschlich lebhafter und näher

vor Augen, wir fühlen die Schmerzen, wie die Triumphe innerlich

blutiger und siegesstolzer mit, weil wir mehr verstehen und stärker

durchfühlen, dass die Sache auch einmal anders werden könnte durch

unser Zuthun.

Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik · 第 1 / 6 段