Nestplünderungen zuschulden kommen lassen und die Gelege und
Bruten des eigenen Geschlechts zehnten. Und es gibt unter ihnen
manche Art, die darin ganz »Hervorragendes« leistet und unter der
eigenen Sippe oft ärger wüten kann, als z. B. manch einer der
übelberüchtigsten vierfüßigen Räuber. Besonders die Krähenvögel
tun sich in Nesträubereien hervor, und unter ihnen wieder sind es
vor allem Raben- und Nebelkrähe, die sich oft den hemmungslosesten
Nestplünderungen widmen. Wenn man ihre Tätigkeit einmal beobachtet und
solche Verheerungen unter dem Brutvogelbestand einer Gegend gesehen
hat, wie ich sie nun schon manches Mal verfolgen konnte, wird man bei
aller Achtung auch ihrer Rechte an das Leben doch auch dafür eintreten,
daß sie nach Möglichkeit kurz gehalten und ihrer von tierischen Feinden
wenig bedrohten Vermehrung Schranken gesetzt werden. In der Lewitz
in Mecklenburg z. B. fand ich an einem einzigen Morgen längs eines
Dammes auf einer Strecke von höchstens hundertfünfzig Metern gegen
vierzig bis fünfzig von Krähen ausgefressene Enteneier, ein Fall, den
ich aus eigenen Erlebnissen noch manchen anderen, ähnlichen angliedern
könnte. Das tollste in dieser Beziehung jedoch erlebte ich 1925 in
meinem Lausitzer Beobachtungsgebiet, wo Krähen eine gegen zweihundert
Brutpaare zählende Lachmöwenkolonie in noch nicht zwei Wochen
restlos vernichteten. Ich halte es daher auch für eine unbedingte
Notwendigkeit, Krähen (und unter Umständen auch noch einige andere
Vögel) von Vogelschutzgebieten fern zu halten. Sie sind von der Kultur
begünstigte Vögel; in den Naturschutzgebieten aber wollen wir vor allem
doch die Arten schützen und erhalten, die unter der Kultur leiden und
durch sie in ihrem Bestande bedroht sind, und für die im Gegensatz zu
den Krähen und einigen anderen, sich der Kultur vorzüglich angepaßten
Arten der Lebensraum in der Kulturlandschaft aufs äußerste eingeengt
worden ist. Der Gedanke, Stätten zu schaffen und Stätten zu besitzen,
an denen man der Natur allein das Wort lassen kann, ist gewiß ein sehr
schöner. Aber wir können uns seine Erfüllung nicht leisten, wenn wir
an solchen Stätten eben etwas mehr noch erhalten und schützen wollen,
als das, was hundertfach in unserer Kulturlandschaft Platz findet.
Diesen Gedanken hier weiter auszuspinnen, muß ich mir jedoch versagen,
es würde dies eine besondere Arbeit erfordern, für die mir die
Schriftleitung der Heimatschutzmitteilungen vielleicht später einmal
den nötigen Raum bewilligt.
Starke Nestplünderungen läßt sich auch der aus Sachsen allerdings
längst verschwundene Kolkrabe zuschulden kommen, ihm sind nicht
einmal die Nester vieler größerer Raubvogelarten heilig. Manche im
vogelkundlichen Schrifttum niedergelegte Beobachtung erzählt davon,
und ich selbst hatte in Bialowies Gelegenheit, das große Interesse
des Kolkraben für Raubvogelhorste kennen zu lernen; ein Paar unseres
Vogels vereitelte mir durch seine Raubzüge meine sicheren Aussichten
auf photographische Aufnahmen an einem Milanhorst und kurz darauf
ertappte ich es bei Auseinandersetzungen mit einem Schreiadlerpaar um
die Rechte an dessen Horst. Übrigens machen auch unsere beiden eben
genannten Krähen vor Raubvogelhorsten ebenfalls nicht Halt; von den
hierher gehörenden, von mir oder anderen beobachteten Fällen sei nur
der erwähnt, in dem im vergangenen Frühjahr in meinem Königswarthaer
Beobachtungsgebiet der Horst eines Rohrweihenpaares, das seinerseits
wiederum stark die Nester des Wassergeflügels zehntete und von
mir dabei wiederholt auch, einmal sogar aus nur wenigen Metern
Entfernung, beobachtet wurde, einer Anzahl im Teichgebiet plündernd
umherstreifender Nebelkrähen zum Opfer fiel.
Auch die sonst so schmucke und jeder Landschaft zur Zier gereichende
Elster erhebt von den Nestern kleinerer Vögel einen recht hohen Tribut;
dort, wo sie sich häufiger findet, bleiben die durch sie bewirkten
Schädigungen der Kleinvogelwelt in keiner Weise hinter den durch Krähen
verursachten zurück, so daß auch ihr gegenüber oft ein regelndes
Eingreifen durch den Menschen ratsam erscheint, und ebenso fällt in
unseren Wäldern dem forstlich oft recht nützlichen Eichelhäher manches
Singvogelnest zum Opfer. Die Würgerarten weiter gehören ebenfalls zu
den Nestplünderern; der häufigste und verbreitetste von ihnen, der
Rotrückige oder Neuntöter, steht in dieser Hinsicht sogar in einem oft
recht üblen Rufe. Auf der kürzlichen Tagung des Vereins sächsischer
Ornithologen in Plauen wurde sogar von einem anwesenden Gaste die
Forderung erhoben, daß sich der Verein für eine Vertilgung des Vogels
im großen einsetzen solle! Eine derartige, selbstverständlicherweise
auch nirgends Gegenliebe gefundene Forderung geht natürlich weit
über das Ziel hinaus; wir wissen aus vielen Einzelbeobachtungen und
Untersuchungen, daß stärkere Schädigungen der Kleinvogelwelt durch den
Rotrückigen Würger Erscheinungen mehr örtlicher Natur sind und daß dann
in Fällen, in denen diese Schädigungen der Kleinvogelwelt durch unseren
Vogel das normale Maß übersteigen und daher das regelnde Eingreifen des
Menschen notwendig machen, eine Niederhaltung des Würgers durch das
Zerstören von dessen ja leicht zu findenden Nestern möglich ist.
Leicht ließe sich die Liste nestplündernder Vögel weiter fortsetzen,
die hier genannten stellen ja nur einen kleineren Teil aus einer weit
größeren Schar dar. Und jenen Arten, die den Nestplünderungen mehr
oder weniger regelmäßig huldigen, schließen sich dann noch diejenigen
an, die sich nur gelegentlich einmal den Inhalt eines Nestes zu Gemüte
führen, bei denen die Vorliebe dafür mehr individuellen Neigungen
entspringt. Die Amsel z. B. gehört hierher. Über ihre räuberischen
Gelüste ist ja auch schon sehr viel geschrieben, sind Urteile gefällt
worden, die zu oft nur jede Spur von Sachlichkeit und Gerechtigkeit
vermissen lassen. Es geht nicht an, wie ich dies erst kürzlich wieder
las, Nesträubereien durch die Amsel einfach abzuleugnen nur, weil sie
ein Beobachter aus eigener Erfahrung nicht kennen gelernt hat und die
Beobachtungen anderer einfach übergeht oder gar ableugnet, es ist
aber umgekehrt noch viel vermessener, wenn festgestellte Einzelfälle
verallgemeinert und für Entartungen einzelner Vögel – und um solche
handelt es sich hierbei – die ganze Sippe verantwortlich gemacht und
die Forderung zu einer Allgemeinverfolgung der Amsel hergeleitet
wird. Lokal (und zum Teil aus ganz anderen Gründen) wird man sich in
Einzelfällen einmal mit einer weisen Beschränkung des Amselbestandes
eines Ortes einverstanden erklären, nie aber die so oft geforderte, in
die Hände der unverständigen Masse gelegte Allgemeinbekämpfung unseres
Vogels befürworten können. Selbst Arten, wie unsere Meisen, können
einmal Gefallen an dem Inhalt fremder Nester finden; ich selbst sah
Kohlmeise sowohl wie auch Blaumeise die Eier in Nestern freibrütender
Finkenvögel angehen.
Auch im Kampfe um das Nest gehen oft Gelege oder Bruten zugrunde. Der
Star hat gar manches Mal Ursache, seinen Nistkasten von einem fremden
Eindringling zu säubern, er setzt den Spatz, der sich darin häuslich
eingerichtet hat, vor die Tür und wirft sein Nest heraus oder überbaut
es kurzerhand, und er selbst wieder muß dann oft einer anderen Art,
dem Segler, dem Wendehals usw. das Feld räumen und sein Gelege oder
die schon ausgeschlüpften Jungen durch die neuen Wohnungsinhaber
vernichten lassen, Vorgänge, wie sie sich auch um den Besitz anderer
Nisthöhlen und selbst freistehender Nester abspielen können. Alle diese
Erscheinungen aber bewegen sich in der Regel noch im Rahmen normalen
Naturgeschehens; ihre Wirkungen werden folgenschwer erst dort, wo
Umstände äußerer Art, wo namentlich unsere Kultur gewisse Nestfeinde
begünstigt und sie ein Übergewicht über die ihr tributpflichtigen hat
erlangen lassen und wo auf diese Weise das regelnde Walten der Natur
ausgeschaltet worden ist.
Viel schwerer ins Gewicht fallen zumeist die Schäden, die die Kultur
im Gefolge hat und die auf direktes Eingreifen durch den Menschen
zurückgehen. Wilde Nesträubereien durch den letzteren um der Eier
mancher Vogelarten willen – das normale, in den gebotenen Grenzen sich
haltende Einsammeln der Eier einiger freilebender Vögel (Lachmöwe
usw.) bedeutet noch keine Schädigung dieser Vögel – können oft von
den verhängnisvollsten Folgen für die davon betroffenen Vogelarten
begleitet sein – 1925 z. B. gingen auf diese Weise die großen
Lachmöwensiedlungen auf den Koblenzer Teichen in der Lausitz zugrunde
– und nicht minder verhängnisvoll kann in manchen Einzelfällen das
Vernichten von einzelnen Nestern aus bloßer Freude am Zerstören
werden. Durch seine mannigfachen Arbeiten aber vernichtet der Mensch
auch ungewollt viele Nester und Bruten, muß sie vernichten. Im Walde
werden beim Fällen von Bäumen die auf ihnen befindlichen Nester
mit zu Boden geworfen, beim Abfahren von aufgeschichtetem Holz die
darin befindlichen zerstört, auf den Wiesen und Feldern die Gelege
bodenbrütender Arten ausgemäht und was dergleichen Dinge mehr sind.
In sehr vielen Fällen ist es auch der Vogel selbst, der – natürlich
ohne dies selbst zu empfinden – die Gefahren, die sein Nest bedrohen,
dadurch erhöht, daß er zur Anlage desselben sich Orte aussucht, die
von vornherein allen nur erdenklichen Unfällen ausgesetzt sind.
Dieses Kapitel ließe sich durch unendlich viele Beispiele belegen,
und sicherlich auch könnte mancher Leser noch dieses oder jene eigene
Erlebnis dazu beisteuern. Besonders sind es die an oder in der Nähe
der menschlichen Wohnstätten brütenden Vogelarten, die hierbei in
Frage kommen. Es sei nur an die vom Hausrotschwanz und der weißen
Bachstelze im Bereiche unserer Bahnhöfe so gern gewählte Nestanlage an
den ganz oder auch nur zeitweise außer Betrieb gesetzten Eisenbahnwagen
erinnert. In den wenigsten Fällen wohl wird dann bei der Inbetriebnahme
eines derartigen Wagens eine Vogelbrut so günstig abschneiden, wie
in jenem, mir aus meiner Rochlitzer Heimat bekannten, in dem ein
Bachstelzenpaar mit seinem Nest täglich zweimal die Fahrt auf der
siebzehn Kilometer langen Strecke Rochlitz–Großbothen mitmachte und
seine Jungen glücklich hoch brachte, oder jenem anderen, aus dem
Vogtlande bekannt gegebenen, in dem ein Rotschwanzpaar mit seinem Nest
ungefährdet eine vierzehn Kilometer lange Strecke täglich gar sechsmal
durchfuhr. Ich habe regelmäßig Nester und Nestanfänge von Orten,
an denen ihr sicherer Untergang vorauszusehen war, entfernt; eine
Maßnahme, die durchaus nichts »barbarisches« an sich hat, wie mir dabei
manches Mal von empfindsamer Seite im Tone größter Entrüstung erklärt
worden ist. Denn auf diese Weise veranlaßte ich die Vögel, ihre Nester
nochmals an anderen (und vielleicht auch viel geschützteren) Orten zu
errichten, was sie auch bestimmt tun werden, wenn die Entfernung des
Nestes entweder noch vor der Ablage der Eier oder doch während der
Bebrütung erfolgt, während anderen Falles, in dem das Nest verunglückt,
wenn in ihm bereits die Jungen vorhanden sind, es vielfach nicht
wieder zu einer Ersatzbrut kommt. Und so glaube ich denn trotz meiner
»Barbarei« manche Vogelbrut schon gerettet zu haben. Daß ein Vogel die
sein Nest bedrohenden Gefahren erkennen und sie umgehen lernt, ist eine
oft schon mitgeteilte und auch von mir wiederholt beobachtete Tatsache.
Ein hierher gehörender, besonders interessanter Fall, den ich einer
Anzahl Dresdner Vogelkundiger auch an Ort und Stelle vorführen konnte,
ist folgender: In einer Straßenüberführung der seit undenklichen Zeiten
schon im Bau befindlichen, aber nie fertig werdenden Bahnstrecke
Radeburg–Priestewitz hatte ein Steinschmätzerpaar in einer der vier
Abflußröhren etwa dreißig Zentimeter von der Ausflußöffnung entfernt
sein Nest untergebracht. Das Gelege ging ebenso wie das zweite in einem
neuen, in gleicher Weise in einer anderen der vier Röhren errichteten
Neste zugrunde, worauf die Vögel zum Bau eines dritten Nestes in der
dritten Röhre verschritten, das sie aber nicht mehr so kurz hinter
der Abflußöffnung, sondern in der Röhre so weit hinten anlegten, daß
die volle Armlänge knapp genügte, es zu erreichen. Und in diesem,
nunmehr vor den Eingriffen des Menschen geschützten Nest kamen denn
auch die Jungen glücklich hoch. Für Höhlenbrüter, deren Bruten sonst im
allgemeinen geschützter als die der Freibrüter sind, entstehen Gefahren
oft durch die Benutzung zu enger Höhlen. Im vogelkundlichen Schrifttum
z. B. sind Fälle mitgeteilt worden, in denen brütende Mauersegler in
derartigen Höhlen dadurch zugrunde gingen, daß die langen Schwanz-
und Flügelfedern des brütenden Vogels sich sichelförmig nach oben
gekrümmt und ihn auf diese Weise am Wiederausfliegen gehindert und
dem Hungertod überliefert hatten. Ich selbst konnte wiederholt enge
Höhlen untersuchen, die von Meisen bezogen worden waren und in denen
nach dem Ausfliegen eines Teiles der Jungen ein anderer Teil tot in
ihnen zurückgeblieben war, Fälle, die wohl ausnahmslos ihre Erklärung
darin finden, daß für die heranwachsenden Jungen allmählich der Raum zu
enge wurde und die schwächeren Vögel dann von den stärkeren erdrückt
worden waren. In künstlichen Höhlen scheinen sich derartige Fälle, wie
ich es mehrfach feststellen konnte und wie es mir wiederholt auch von
anderer Seite bestätigt worden ist, verhältnismäßig oft zu ereignen;
die Berlepsche ~A~-Höhle (für Meisen) in ihrer bisherigen Form z. B.
ist in ihren Innenmaßen entschieden zu klein, und es erscheint geradezu
unverständlich, daß v. Berlepsch erst jetzt zu einer Überzeugung
gekommen ist, die Vogelkundige schon seit langem immer wieder von neuem
ausgesprochen und wiederholt haben. Im fünfzehnten und sechzehnten
Jahresbericht seiner Versuchs- und Musterstation schreibt er: »Ich
habe deshalb seit Herbst 1922 den Nestraum der Höhle ~A~ von bisher im
Durchmesser fünfundachtzig bis fünfundneunzig Millimeter auf hundert
bis hundertfünfzehn Millimeter erweitern lassen. Hierdurch bietet
nun auch diese kleinste Höhle ausgiebigst Platz, und so ist kein
Grund mehr vorhanden, auch für die vielköpfigste Meisenfamilie die
kostspieligere ~B~-Flughöhle mit ~A~-Flugloch verwenden zu wollen«
und fährt dann weiter fort: »Der Fabrik Scheid aber ist es erlaubt,
ihren Vorrat der ~A~-Höhlen der bisherigen Abmessungen auszuverkaufen.
Neue ~A~-Höhlen bitte ich dagegen bezüglich dieser Nestraumweite einer
strengen Kontrolle zu unterziehen.« Kopfschüttelnd nur wird man diese
Worte lesen können und dem Münchener Ornithologen Laubmann beipflichten
müssen, der dazu bemerkt: »Ein Kaufmann, der eine von ihm feilgebotene
Ware als unbrauchbar erkannt hat, sie aber dennoch weiter verkauft, ist
unreell … Ein solches Vorgehen, das gleichbedeutend ist mit »Geld zum
Fenster hinauswerfen lassen« (und das auch erkannte Gefahren für die
die Höhlen benutzenden Vögel bewußt weiter zu erhöhen heißt. Der Verf.)
ist unverantwortlich, doppelt unverantwortlich in einer Zeit, wie die
ist, in der wir heute leben müssen.« –
Einen etwas eigenartigen, eine natürliche Höhle betroffenen Unfall
hatte ich vor Jahren zu beobachten Gelegenheit. Die etwas enge
Eingangsöffnung dieser, Jahre hindurch von Kohlmeisen benutzten Höhle
überwucherte ein Pilz (eine Polyporus-Art?) und als einige Wochen
später von einem Sturme der Stamm über der Höhle geknickt wurde, fand
ich in ihr die vertrockneten Kadaver von acht jungen und einer alten
Kohlmeise; der Pilz hatte wahrscheinlich in einer Nacht, in der der
alte Vogel schirmend über den noch kleinen Jungen gesessen hatte, sich
derart entwickelt, daß am Morgen die Meise nicht mehr ausfliegen konnte.
Mit der Mitteilung dieser letzten Beobachtung seien meine Ausführungen
beendet; sie zeigen jedenfalls aufs deutlichste die ungeheure Menge
der unsere Vogelwelt zur Brutzeit bedrohenden Gefahren, die bereits
unter völlig normalen Verhältnissen weit, viel weit mehr Vögel
vernichten, als es zum Beispiel durch den trotzdem aber auch von mir
nicht gebilligten und aufs schärfste verurteilten und bekämpften
ziellosen Abschuß einzelner Vogelarten durch unweidmännisch denkende
und handelnde Jäger geschieht. Und lediglich über die Höhe dieser
Verluste nun am Schlusse noch ein paar nüchtern redende Zahlen! 1913
gingen in neun Tagen von dreizehn von mir auf dem Rochlitzer Berge
kontrollierten Nestern (zwei von der Singdrossel, drei von der Amsel,
je eins vom Hausrotschwanz, Weidenlaubvogel und Buchfink sowie vier
von der Gartengrasmücke) noch vor dem Ausfliegen der Jungen sieben
zugrunde und von neun im gleichen Jahre am Sebischteich bei Frohburg
beobachteten Nestern (zwei vom Rotrückigen Würger, eins vom Hänfling,
drei von der Garten- und eins von der Dorngrasmücke sowie zwei von der
Amsel) waren nach Wochenfrist vier Unfällen zum Opfer geworden. Im
folgenden Jahre notierte ich, wiederum in meiner Rochlitzer Heimat,
innerhalb zwei Wochen von sechzehn Nestern sieben zugrunde gegangen.
Und das in allen drei Fällen an Orten, an denen menschliche Eingriffe
kaum in Frage kamen. Ähnlich hoch sind auch die Verlustziffern, die ich
nach dem Kriege in Moritzburg und in der Oberlausitz beobachtet habe,
die ich augenblicklich aber nicht aus meinen Tagebüchern ausziehen
kann. Daß sie trotz ihrer scheinbar erschreckenden Höhe dabei aber
nicht über das normale Maß hinausgehen, bezeugen entsprechende Zahlen
eines amerikanischen Vogelkundigen, die Erwin Stresemann in den
Ornithologischen Monatsberichten (34, 1926, S. 148/149) mitteilt.
Danach kamen in achtunddreißig Nestern mit hundertsiebenundachtzig
Eiern nur hundertdrei Eier (= 55%) aus und von den ausgefallenen
Jungen verließen sechsundsiebzig (= 74%) das Nest. 1925 kamen in
neununddreißig Nestern von hundertachtundsechzig Eiern hundertvier
Eier (= 62%) aus, während von den Jungen achtundsechzig (= 65%) das
Nest verließen. Die Vernichtungsziffer betrug also in der Zeitspanne
von der Eiablage bis zum Verlassen des Nestes durch die Jungen 1924
59%, 1925 59,5%. Zu diesen Verlusten kommen dann aber auch noch die
gleichfalls noch ganz erheblichen, die die flüggen Jungen namentlich
in den ersten Tagen und Wochen ihres Freilebens betreffen. Sie sind
notwendige Erscheinungen im Normalkreislauf des Naturgeschehens, werden
verhängnisvoll aber dort, wo dieser Normalkreislauf erheblich gestört
worden ist. Und daher ergibt sich für uns die schon oben betonte
Pflicht, in unseren Kulturländern mit ihrer gewaltigen Unterdrückung
der Natur durch die Kultur, alles zu tun, was nur irgendwie geeignet
ist, Gefahren von der Vogelwelt abzuwenden und die Verlustziffern zu
verringern.
Die Elster
Ein volkstümlicher Bösewicht im schmucken Gewand
Von _Martin Braeß_
Wer _nur_ die Frage nach Nutzen und Schaden im Auge hat, der wird es
nicht verstehen, wenn ich die Männer vom grünen Tuch bitte, der Elster
gegenüber, wenigstens unter gewissen Umständen, einige Rücksicht walten
zu lassen. Aber auch der Freund der Natur, der von höherer Warte aus
an der Vogelwelt seine Freude hat, wird es schwer begreifen, daß ich
es über’s Herz bringe, ein Wort für die Elster einzulegen, statt
ihre Ausrottung zu beantragen. Denn gerade dieser Vogel ist _einer
der schlimmsten Buschklepper_ unter dem gefiederten Raubgesindel; er
durchsucht im Frühjahr Bäume und Sträucher in den Feldgehölzen und
Obstgärten nach Vogelnestern – kein Mitleid, kein Pardon! Gierig zerrt
der räuberische Tagedieb das hilflose Junge aus dem Nest und stopft es
seiner nimmersatten Brut in den Rachen, als ob es ein Engerling wäre.
Zumal wenn die Elsternkinder flügge sind und sich nun auch an dem
Räuberhandwerk der Eltern beteiligen, dann bleiben in weitem Umkreis
nur die verstecktesten Nester verschont. Selbst Höhlenbrüter sind
nicht immer sicher. Ich habe es gesehen, wie eine Elster vor einem
Starenkasten Posto gefaßt hatte und nun trotz allen Schreiens und
Flatterns der Hausbewohner ein Starenkind unbarmherzig herauszog.
Die Elster verschmäht keinen Bissen, dessen sie habhaft werden, kein
Tier, das sie bewältigen kann. Wieviele Tragödien mögen sich Jahr
für Jahr an den Nestern unsrer lieblichen Grasmücken, Drosseln,
Finken abspielen; wieviele junge Rebhühner und Fasanen mögen in den
nimmersatten Rachen des schwarz-weißen Strauchdiebs wandern! Aber
selbst erwachsene Vögel sind vor den Räubern nicht sicher. Ich habe
beobachtet, wie zwei Elstern gemeinschaftlich auf der Landstraße nach
Feldsperlingen und Goldammern jagten und zwar mit Erfolg, und daß sie,
bisweilen in Gesellschaft von Krähen, der Rebhuhnjagd pflegen, wird
man gern glauben, wenn man weiß, wie gefährlich die Elster auch dem
zahmen Federvieh werden kann. Hühner- und Entenkücken greift sie an,
und wo sie sich sicher fühlt, holt sie wohl auch Jungtauben aus den
Schlägen; selbst beim Fischdiebstahl hat man die Elster ertappt. Daß
sie gelegentlich auch auf die Mäusejagd geht, ebenso Kerbtiere, Würmer
und Schnecken frißt, wollen wir der Gerechtigkeit wegen nicht unerwähnt
lassen, doch müssen wir sofort hinzufügen, daß die Elster durch ihre
Vorliebe für Kirschen, Birnen und dergleichen auch dem Obstzüchter
lästig wird.
Trotz dieses Sündenregisters bitte ich aus verschiedenen Gründen um
_etwas Nachsicht_. Die Elster gehört nun einmal zu unsrer heimatlichen
Vogelwelt, und zwar ist sie nicht nur der schönste Vertreter der
Rabensippe, sondern _eine der prächtigsten Erscheinungen_ innerhalb der
mitteleuropäischen Ornis. Freilich, der Farbenreichtum, mit welchem
die Natur das Gefieder des Eisvogels oder der Mandelkrähe ausgestattet
hat, so märchenhaft schön, daß man glauben möchte, tropische Vögel vor
sich zu haben, fehlt dem Kleide der Elster. Ihre Toilette erscheint
lediglich schwarz und weiß; aber welch reines Weiß und welch tiefes
Schwarz! Ich möchte die Wäscherin oder Plätterin kennen, die einem
Oberhemd solch’ schneeige Weiße geben könnte, wie sie die Brust
unsers Vogels vom Kropfe bis hinab an den Bauch auszeichnet; auch
die Schultern sind weiß gefärbt. Und welchen Gegensatz bildet hierzu
das tiefe Schwarz des übrigen Gefieders, gegen das selbst die beste
chinesische Tusche matt und grau erscheint! Man beobachte auch die
Elster, wenn sie niedrig über dem Boden dahinstreicht oder, auf einem
Strauch sitzend, sich im Gefieder nestelt und ihre Schwingen glättet.
Da werden an den großen Schwungfedern auch die inneren weißen Fahnen
sichtbar, so daß der Flügel jetzt längsgestreift erscheint, schwarz
und weiß, wie die Decke des Zebras, nur tausendmal schöner. Doch den
herrlichsten Schmuck des Kleides bildet der wunderbare Metallschimmer,
der über den größten Teil des Gefieders, soweit es schwarz, ausgegossen
ist. Hals und Rücken erglänzen blau, die Flügel grün, die kleinen
Schwungfedern dritter Ordnung goldig oder tiefblau oder spangrün. Und
dann der lange, keilförmig abgestufte Schwanz! Seine Gestalt schon
gereicht dem Vogel zum herrlichsten Schmuck; gleich einer Schleppe
zieht er ihn im Fluge nach sich – das beste Erkennungszeichen der
Elster auf weite Entfernung. Und hüpft der Vogel am Boden oder
fußt er auf einem Ast, so verleiht der Schwanz jeder Seelenstimmung
seines Besitzers den beredtesten Ausdruck. Dazu der Farbenschmelz
gerade dieses Schmuckstücks, wie die Palette des Malers ihn nicht
wiederzugeben vermag: vom Grunde bis zur Mitte blaugrün, dann bis nahe
dem Ende goldiggrün; nun folgt ein schmaler violetter Querstreifen, und
an diesen schließt sich die stahlblaue Spitze.
Am besten gefällt mir die _Elster im Winter_; da bringt sie Leben und
Bewegung in das Landschaftsbild. Mit etwas schwerfälligem Flug schwingt
sie sich auf den Wipfel eines einsamen Baums, lüftet die Flügel, wippt
mit dem Schwanz und ruft ihr bekanntes »schack, schack!« über die
beschneite Flur, bald übermütig, bald ängstlich und warnend. Auch im
Fluge läßt sie oft ihre schackernde Stimme hören, und stört man sie an
der Niststelle, so will das ängstliche »schackschackschack« gar kein
Ende nehmen. »Schackelster« nennt sie der Volksmund. So ganz ohne die
edle Gabe Apolls ist unser Vogel aber doch nicht. Im zeitigen Frühjahr
schon beginnt die Elster mit ihrem _Gesang_, einem geschwätzigen
Plaudern, dem auch einige pfeifende Töne beigemischt sind. Das ist ihr
Liebeslied, an dem sich beide Geschlechter beteiligen, am anhaltendsten
in den Flitterwochen und fast nur in der Nähe ihres kleinen Horstes.
Daß sie fremde Laute mit einflechten, bedarf kaum der Erwähnung; das
treiben alle rabenartigen Vögel so, namentlich auch Vetter Markolf,
der Eichelhäher. Schon der alte _Geßner_ sagt von der »Aegersten« oder
»Azel«, sie verändere stets ihre Stimme, »also / dz sy schier alle tag
ein andere hat«; sie ahme die Stimme der Zicklein, Kälber und Schafe
nach, selbst die des Jägers, wie er den Hunden ruft, und das Pfeifen
des Hirten.