die Moorschichten, dessen Buchstaben die Pollenkörner waren. Und wie
sich in einem Buche Unrichtigkeiten und Druckfehler einstellen, so
werden sich auch in der Methode der Pollenuntersuchungen Irrtümer
und Fehlerquellen finden, aber alle Bemängelungen können nicht den
großzügigen Inhalt dieses Naturbuches verwischen. Wir dürfen somit,
wie Rudolph sagt, die Pollendiagramme auffassen als den Ausdruck der
wechselnden Waldgeschichte unseres Erzgebirges seit der Eiszeit. _Wir
werden es dadurch umsomehr verstehen, daß sich der Heimatschutz auf die
Moore als Urkunden der Vorzeit erstrecken muß._ Wir werden mit einem
ehrfürchtigen Schauer die geschützten sächsischen Moore durchwandern,
und die scheinbare Eintönigkeit der Landschaft wird schwinden in dem
Lichte, welches diese vergangene und vergehende Pflanzenwelt auf die
Vorzeit wirft. Die einsame Größe dieser Landschaft macht uns klein und
läßt uns so recht das Dichterwort empfinden:
»Manchen Flug wagt menschliches Wissen, das doch
Kaum ein Blatt aufschlägt in dem Buch des Weltalls.«
[Illustration: Abb. 21. =Spitzberg mit Torfstich bei Gottesgab=]
Fußnoten:
[1] Vergleiche 10. Flugschrift des Heimatschutzes. Prof. Dr. A.
Naumann: Das Kranichseemoor bei Carlsfeld im Erzgebirge,
ein Naturschutzbezirk Sachsens.
[2] Bei vielen Pflanzen auf Humusboden finden wir anstatt der
Wurzelhaare einen Überzug von Pilzgeflecht an der Wurzel.
Solche verpilzte Wurzel heißt ~Mycorrhiza~. Man nimmt
an, daß das Pilzgeflecht (~Myzel~) _von der Wurzel_ zu
seinem Aufbau die Kohlehydrate erhält, während das den
Boden durchspinnende Myzel _für die Wurzel_ von weither
die nötigen Nährsalze, vielleicht auch stickstoffhaltige
Humusstoffe herbeiführt. Ein solches Zusammenwirtschaften
zu gegenseitigem Nutzen bezeichnen wir als Symbiose.
[3] Wir kennen auch voreiszeitliche (präglaziale Moore).
Sie zeigen durch ihre Pflanzenreste, darunter ein der
serbischen Fichte (~Picea Omorica~) ähnliches Nadelholz,
ein subalpines Klima an.
[4] _Naumann_, Dr. A.: Bau und Leben der Pflanze, eine Botanik
des Praktikers. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.
Die Gefahren der Vogelbruten
Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
Mit drei Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Wenn das Nest der Dorngrasmücke in dem Rosenbusch unseres Gartens,
dessen Werden wir fast von seinen ersten Anfängen an verfolgt haben,
auf dem wir das Weibchen brütend über den fünf grau und bräunlich
gesprenkelten Eiern sitzen sahen und in dem wir dann auch schon die
geschlüpften Jungen schauen durften, eines Morgens zerrissen im
Gezweige hängt und sein lebendiger Inhalt verschwunden, das Opfer
irgendeines Räubers geworden ist – wir betrachten in derartigen Fällen
fast immer eine Katze als den Frevler, ohne daß es eine solche immer
gewesen zu sein braucht –, so ist mit Recht unser Bedauern groß und
das Mitgefühl mit dem seines Familienglückes beraubten Vogelpaare ein
lebhaftes. –
Wie viele von denen aber, die schon einmal Zeugen eines derartigen
Vorganges gewesen sind, ahnen es, daß er eine ganz regelmäßige
Erscheinung im Naturleben darstellt, wissen es, daß er sich tagtäglich
hundertfältig ereignet und auch ereignen muß. Die Natur bringt ja alles
im Überfluß hervor, rechnet mit derartigen Verlusten, die uns ja auch
gar nicht zum Bewußtsein kommen überall dort, wo das Naturleben noch in
normalen Grenzen sich abspielt. Würden alle Vogelnester ihre Bestimmung
erfüllen, die Eier ausfallen und alle erbrüteten Jungen hochkommen
und diese dann wieder in der gleichen Weise sich fortpflanzen, so
würde schon innerhalb weniger Jahre eine derartige Übervölkerung in
der Vogelwelt eingetreten sein, daß nicht nur diese sich gegenseitig
selbst zugrunde richten würde, sondern daß darunter auch die übrige
Natur leiden müßte und zum Teil wohl auch rettungslos vernichtet
werden würde. Nur wo sich das Naturleben – fast ausschließlich nur
unter dem Einfluß des Menschen und seiner Kultur – wesentlich geändert
hat und ein ärmeres geworden ist, wo – um bei unserem Beispiel
aus der Vogelwelt zu bleiben – der Vogelbestand einer Gegend eine
gewisse untere Grenze erreicht hat oder gar bereits schon unter sie
herabgesunken ist, wo umgekehrt aber auch wieder die die Vogelwelt
bedrohenden Gefahren – und das ist eine weitere Begleiterscheinung
des Menschen und seiner Kultur – größere geworden und vielleicht
gar noch im Anschwellen begriffen sind, äußeren sich diese in einer
verhängnisvolleren und den Bestand direkt bedrohenden Weise. Sache des
Menschen ist es dann und zu seiner Pflicht wird es, die Gefahren nach
Möglichkeit zu verringern und damit einen gefährdeten Vogelbestand
wieder zu erhöhen und zu erhalten versuchen. Die Folgen seines
Unterganges würden in den meisten Fällen den Folgen einer Übervölkerung
ähnlich oder ihnen gleichbedeutend sein. Freilich ist der Versuch einer
Vermehrung eines geschwächten Vogelbestandes eine Aufgabe, die nicht
immer leicht ist und der auch oft genug der Erfolg versagt bleiben
wird. – Um nun aber Gefahren von einem Naturgeschöpf abwenden zu
können, ist es notwendig, diese Gefahren auch zu kennen, und so sei
es mir denn heute an dieser Stelle gestattet, gestützt auf eigenes,
persönliches Erleben, einmal von den Gefahren zu reden, die unsere
Vogelwelt in der wichtigsten Zeitspanne ihres Lebens, zur Brutzeit
bedrohen. Freilich, bei der Unerschöpflichkeit dieses Kapitels in nur
wenigen, dem Leser aber vielleicht doch ein einigermaßen umfassendes
Bild aufzeichnenden Beispielen. –
Völlig machtlos steht der Mensch den schädigenden Einflüssen
ungünstigen Wetters gegenüber, das – glücklicherweise in nur seltener
sich ereignenden Fällen – mitunter von geradezu katastrophalen
Wirkungen auf den Vogelbestand kleinerer oder größerer Gebiete werden
und vielleicht wohl auch einmal eine bereits stark gelichtete Vogelart
einer Gegend restlos vernichten kann. In den erfreulicherweise
überwiegenden günstigeren Fällen spürt man die Folgen ungünstigen
Wetters – meist Kälte und Nässe, doch kann auch übermäßige Trockenheit
ähnliche Wirkungen haben – auf das Brutleben eines Vogels in einer
Verminderung dieser Vogelart im folgenden oder in den folgenden Jahren.
Sie gleicht sich allerdings in der Regel auch wieder aus. Ich habe
derartige Fälle wiederholt schon beobachten und sie namentlich an den
Rohrsängern verfolgen können, deren Bestandsmengen in den verschiedenen
Teichgebieten sich meistens ja recht gut kontrollieren lassen. Ich
kenne aber auch Fälle, in denen die erwarteten Wirkungen ausblieben.
In einer Trauerseeschwalbenkolonie in der sächsischen Oberlausitz,
die ich 1925 unter ständiger Kontrolle hatte, fiel das Ausfallen und
Heranwachsen der Jungen in den im genannten Jahre ja ganz besonders
kalten und nassen Juni, so daß diese unter den Folgen der Nässe und
Kälte in geradezu erschreckender Zahl zugrunde gingen. Im Frühjahr 1926
erschienen die Vögel aber nicht in der erwarteten verminderten Menge an
ihrem vorjährigen Brutplatz, sondern in sichtlich stärker gewordener
Zahl, und wenn sie schließlich auch nicht wieder an ihm brüteten, so
lagen dem andere Ursachen zugrunde. Wahrscheinlich hatten sich in dem
vorbeobachteten Falle Vögel verschiedener Kolonien zusammengefunden
oder aber ihre Menge war durch den Brutüberschuß aus einer anderen
Gegend aufgefüllt worden.
In Ausmaßen, wie ich sie in den vielen Jahren meiner
Beobachtertätigkeit noch nie erlebt habe, wirkten sich in meinem
Lausitzer Beobachtungsgebiet im Frühjahr 1926 die Wetterkatastrophen
dieses Jahres aus. Besonders die Zeit der sich wiederholenden
Überschwemmungen im Juni, die hier im Flachlande ganz andere
Strecken unter Wasser setzten als in höher gelegenen Hügel- und
Berglandschaften und deren Folgen nicht nur wochen-, sondern monatelang
in den wasserbestandenen Feldern und weiten Wiesenflächen sichtbare
blieben, sind tausende von Nestern vor allem bodenbrütender Arten, wie
Feldlerche, Schafstelze, Wiesenpieper, Bekassine und so viele andere
mehr zum Opfer gefallen. Der Dauerzustand der Überschwemmungen hatte
dann noch die weitere Folge, daß von den unter ihnen gelittenen Vögeln,
von denen vielleicht die meisten bei einem rascheren Ablauf des Wassers
zu Ersatzbruten verschritten wären, nur wenige zu solchen gekommen
zu sein scheinen, wie das nach dieser Zeit vielfach zu beobachtende
ziellose Umherstreichen dieser Vögel anzudeuten schien. Aber auch
das Wassergeflügel litt ähnlich; während die Jungen frühgebrüteter
Arten (Stockente usw.) sich in dem sehr warmen April ungewöhnlich
günstig entwickelten, trat bei allen Spätbrütern und solchen, die
sich durch Ursachen irgendwelcher Art im Brüten verspätet hatten,
das gerade Gegenteil ein – ich entsinne mich keines Frühjahres, in
dem ich beim Abwaten von Teichen so viele eingegangene Jungvögel
gefunden hätte, wie 1926 etwa von ausgangs Mai an bis weit in den Juli
hinein. Rohrsängernester wurden vielfach die Opfer der fast alltäglich
auftretenden und meist von stürmischen Winden begleiteten Gewitter. Ihr
Inhalt endete im Wasser, und in denen, die diese Fährnisse glücklich
überstanden, gingen dann später häufig die Jungen (an Nässe und
Kälte? oder aus Nahrungsmangel?) zugrunde; besonders in der ersten
Juli-Hälfte war die Zahl der verlassenen Teichrohrsänger-Nester mit
mehr oder weniger weit entwickelten toten Jungen eine große, und
übertraf fast noch die Zahl der unversehrt gebliebenen. Auch die Busch-
und Baumbrüter zeigten größere Verlustziffern als in normalen Jahren,
vielfach wurden in den nassen, vom Wasser vollgesogenen Nestern die
Gelege einfach verlassen, während in anderen die Jungen unter den
Wirkungen der Kälte und Nässe oder aus Nahrungsmangel – der andauernde
Regen verhinderte die normalen Fütterungen – hinstarben. Man darf
gespannt darauf sein, wie sich die hier nur in ihren gröberen Umrissen
aufgezeichneten Erscheinungen im Bestandsbilde der Lausitzer Vogelwelt
in den kommenden Jahren widerspiegeln werden.
* * * * *
Während Schädigungen der brütenden Vogelwelt durch Witterungseinflüsse
in größeren Ausmaßen aber nur recht unregelmäßige Erscheinungen sind
– in kleinerem Umfange lassen sie sich alljährlich beobachten – und
namentlich solche wie die hier geschilderten im vergangenen Frühjahre
zu den schon selteneren Erscheinungen gehören, treten andere Gefahren
mit einer viel größeren Gleichmäßigkeit auf. Es sind namentlich die,
die den Vogelbruten von seiten der vielen tierischen Feinde drohen;
gelegentliche Schwankungen und Verschiebungen, bedingt durch das
zeitweise stärkere oder schwächere Auftreten einer bestimmten Feindart,
äußern sich mehr örtlich auf kleinerem Raume und ändern am Gesamtbild
nichts. Gar nicht gering ist die Zahl dieser tierischen Feinde, und
wir begegnen ihnen in allen Tiergruppen, vom Kleinlebewesen angefangen
bis herauf zur höchstorganisierten Klasse, zu den Säugetieren.
Die Kleinwelt stellt in Milben, Flöhen, Zecken und dergleichen
zahlreiche Schmarotzer, denen sich noch Larven parasitärer Fliegen
usw. zugesellen. Mir will es scheinen, als ob die an den menschlichen
Wohnstätten lebenden Vögel besonders stark unter Schmarotzern zu leiden
hätten und als ob unter diesen wieder der Mauersegler und unsere
Schwalben am häufigsten von ihnen heimgesucht würden. An Schmarotzern
eingegangene Schwalben und Segler sind mir besonders viel schon
gebracht worden; vor einigen Jahren erhielt ich in Moritzburg einen
eben verendeten jungen Mauersegler, der von Milben strotzte und dessen
Kopffedern fast völlig fehlten oder nur noch in (abgefressenen?)
Stummeln vorhanden waren. Sein Tod ist sicherlich durch die ihn
heimgesuchten Schmarotzer hervorgerufen worden. Im vergangenen Frühjahr
fand ich dann weiter, um noch ein Beispiel zu nennen, in Königswartha
einen frischverendeten jungen, noch warmen Feldsperling, von dessen
Kopf ich zweiunddreißig (!) Zecken ablas. Und zwei Tage später sah ich
einen weiteren jungen Feldspatz, der in der Schar seiner Geschwister
mir sofort durch seine taumelnden Bewegungen auffiel und den ich in
meine Hände bringen konnte; auch von seinem Kopf und Hals las ich
siebzehn Zecken ab. Sehr viel Nestjunge fallen auch den Ameisen zum
Opfer; manche von ihnen vernichtete Brut habe ich schon gefunden und
wie selten einmal geflucht und gewettert – die verehrte Leserin möge es
mir verzeihen, wenn ich mit diesem Ausdruck etwas »aus der Rolle falle«
– als an jenem Tage, an dem ich mit der Kamera zu meinem gefundenen
ersten Ziegenmelker-Nistplatz pilgerte, und dann die am Tage zuvor noch
während des Ausschlüpfens beobachteten Jungen von Ameisen angegangen
tot vorfand.
Die höhere Tierwelt stellt Feinde aus allen Klassen; selbst unter den
Fischen gibt es Arten, denen junges Wassergeflügel zum Opfer fällt.
Der Hecht schnappt manchen, das Nest verlassenen und auf dem Wasser
sich tummelnden Jungvogel, und einem Hechte wohl auch wurde jenes junge
Teichhuhn Beute, das 1911 auf einem Teiche bei Königswusterhausen vor
meinen Augen trotz seines Sträubens von einem mir unbekannt gebliebenen
Etwas unter das Wasser gezogen wurde. Unter den Kriechtieren sind
es die Schlangen – die Kreuzotter vor allem und vielleicht öfters
auch, wie ich dies bereits vor Jahren an anderer Stelle nachzuweisen
versucht habe, die Glatte Natter – die Interesse an dem lebendigen
Inhalt des Vogelnestes zeigen können, und von den Lurchen vergreifen
sich, wie dies der als Tierphotograph bekannte Amtmann Behr in Cöthen
photographisch festhalten konnte, der Teich- und Seefrosch gelegentlich
einmal auch an den Jungen eines ihnen erreichbaren Vogelnestes.
Von den Säugern sind Feinde der Vogelbruten zunächst alle unsere
Raubtiere, ferner die meisten Nager und von den Insektenfressern der
Igel und die Spitzmäuse.
[Illustration: Abb. 1. =Igel plündert ein Rebhuhngelege=]
Von den Raubsäugern fallen nach meinen Erfahrungen, wenigstens bei
uns, den marderähnlichen auch relativ die meisten Bruten zum Opfer;
namentlich der überall noch vorhandene Iltis und die ebenfalls wohl
nirgends noch fehlenden beiden Wiesel können es zu ganz erstaunlichen
Leistungen bringen. Und manches in unseren Gärten verschwundene Nest,
dessen Verlust wir dem Schuldkonto der Katze zuschreiben, muß – ich
habe dies oft aus noch vorhandenen Spuren nachweisen können – einem
dieser kleinen blutdürstigen Raubritter, denen ich deswegen aber noch
niemals gram geworden bin, angekreidet werden. Das kleine Wiesel als
Nesträuber kennen zu lernen, hatte ich 1924 in Königswartha in geradezu
hervorragender Weise Gelegenheit. Es trieb sich in diesem Jahre so
häufig auf den Teichdämmen umher, daß kaum ein Tag verging, an dem
ich nicht einen oder einigen dieser geschmeidigen Tiere begegnet
wäre. Öfter sah ich Wiesel im Wasser, wie sie gewandt namentlich die
vegetationsreichen Uferstrecken abschwammen und nach Nestern der
hier brütenden Vögel durchsuchten, und die großen Verluste, die ich
gerade in diesem Jahre an den Nestern namentlich der Taucher und der
Zwergrohrdommel, aber auch von Enten, Wasserhühnern usw. zu verzeichnen
hatte, mögen größtenteils »Arbeit« des Wiesels gewesen sein. In einer
kleineren Schwarzhalstaucherkolonie von zwölf bis fünfzehn Paaren
wurden sämtliche Nester von ihm geplündert, auf einem derselben fand
ich, das Gelege noch bedeckend, den weiblichen Taucher tot und im
Nacken angefressen vor, der Überfall und das Töten des brütenden Vogels
muß so rasch vor sich gegangen sein, daß dieser nicht einmal mehr Zeit
zur geringsten Bewegung gehabt hat. Trotz der starken Nestplünderungen
aber ließen sich 1925 wesentliche Veränderungen im Bestande der von
den Plünderungen betroffenen Vögel kaum feststellen; und daß ein
gelegentliches stärkeres, durch irgendwelche günstigen Umstände
gefördertes Auftreten irgendeines Räubers auch wieder normale Formen
annehmen kann und annehmen wird, bewiesen die beiden letzten Jahre, in
denen ich trotz fast noch häufigerer Anwesenheit in Königswartha das
Wiesel erheblich seltener antraf und die Begegnungen mit ihm fast an
den Fingern herzählen kann.
[Illustration: Abb. 2. =Siebenschläfer beim Plündern eines
Hausrotschwanznestes=]
Von den Nagern ist das Eichhörnchen als Nestplünderer ja ganz allgemein
bekannt; ihm fallen vor allem die offenen Nester der baumbrütenden
Arten, wie der Ringeltaube mit ihren zwei weißen, weithin leuchtenden
Eiern und viele andere mehr zum Opfer. Ist es nur ein Zufall gewesen,
daß ich auf dem Rochlitzer Berge die Taubennester gerade in den
Brutbezirken des Hühnerhabichts, die das Eichhörnchen nach Möglichkeit
mied, antraf? Oder lag die Möglichkeit vor, daß die Tauben, trotzdem
auch der Hühnerhabicht einer ihrer ärgsten (allerdings die Nester kaum
heimsuchenden) Feinde ist, diese Stellen bevorzugten, weil sie an
ihnen vor den Nachstellungen durch das Eichhörnchen verschont blieben?
Es ist schwer, dies zu entscheiden. – Von den Schlafmäusen sind
Nestfeinde die beiden größeren einheimischen Arten, der Siebenschläfer
und der Gartenschläfer. Den ersteren konnte ich in meinem früheren
Rochlitzer Beobachtungs- und Arbeitsgebiet Nesträubereien mehrfach
nachweisen, eine meiner photographischen Zufallsaufnahmen zeigt ihn
ja auch bei dieser Tätigkeit. Und vom Gartenschläfer berichtete mir
unter anderen Freund Keiler-Pfaffenstein, daß er vor Jahren dem Nager
einmal ganz energisch nachzustellen und seinen Bestand einzuschränken
gezwungen war, weil in der Umgebung seines Wohnhauses infolge der
Räubereien durch den Schläfer Singvogelbruten nicht mehr hoch kamen.
Man wird derartige örtliche Abwehrmaßnahmen auch nie verurteilen
können, wie dies mehrfach auf die Bekanntgabe dieser Tatsache in
einer meiner Schlafmausarbeiten hin geschah: meine Untersuchungen
haben den jedenfalls einwandfreien Nachweis erbracht, daß Garten- und
Siebenschläfer in unserem Vaterlande durchaus noch nicht selten,
stellenweise sogar sehr häufig sind, und daß die vielfach hier und
da einmal gebotenen energischeren örtlichen Nachstellungen nie ihren
Bestand ernstlich gefährden können. Die mir wiederholt um den Bestand
unserer Tiere ausgesprochenen Befürchtungen entbehren wirklich jeder
tatsächlichen Grundlage. – Auch unsere Mäuse und der Hamster kommen
als Nesträuber in Betracht; die ersteren scheinen aber den Eiern
ein größeres Interesse als den später im Neste befindlichen Jungen
entgegenzubringen, so daß sich die Schäden, die sie der Vogelwelt
zufügen, durch die größere Möglichkeit von Ersatzbruten wieder etwas
ausgleichen. Dem Hamster dagegen scheinen Eier in gleicher Weise wie
Nestjunge zum Opfer zu fallen, doch möchte ich mit meinem Urteil hier
noch zurückhalten, da meine persönlichen Erfahrungen darüber noch
geringe sind. Spitzmäuse sind nach meinen hier allerdings auch nur
spärlichen Beobachtungen mehr Eier- als Vogeldiebe, scheinen für Eier
aber manchesmal eine direkte Leidenschaft zu entwickeln. Dem Igel
möchte ich ebenfalls eine größere Vorliebe für die Gelege als für die
späteren Jungen zuschreiben, die ihm aber auch zum Opfer fallen können.
Seine Nestplünderungen abzuleugnen oder sie als ganz unbedeutende
hinzustellen, wie man dies angesichts der allerdings oft auch wieder
stark übertriebenen Anschuldigungen besonders von seiten des Jägers
getan hat und noch tut, geht jedenfalls nicht an, wie man umgekehrt
ihretwegen aber auch kein Recht zu einer schonungslosen Verfolgung des
Igels herleiten kann. Seine Nesträubereien fallen durchaus noch in
den Rahmen des normalen, natürlichen, und wenn sie ja einmal örtlich
(in Fasanerien usw.) einen etwas größeren Umfang annehmen sollten, so
genügen auch rein örtliche Abwehrmaßnahmen. In meinem Elternhaus auf
dem Rochlitzer Berg hatte einst ein Haushuhn sich einen Eiervorrat
an einer stillen Stätte im Freien angesammelt und diesen zu bebrüten
begonnen. Eines Morgens lief es mit ausgerissenem Schwanze umher,
während sein Eierschatz zerbrochen und ausgefressen über den Boden
zerstreut war – ein Igel hatte, wie die Spuren ergaben, dem brütenden
Huhn nachts einen Besuch abgestattet und die Verwüstungen angerichtet.
[Illustration: Abb. 3. =Waldwühlmaus beim Plündern eines
Goldammernnestes=]
Viel schwerer als die Schädigungen der Vogelbruten durch freilebende
Säuger wiegen in der Umgebung unserer Ortschaften, besonders derjenigen
ländlichen Charakters, in der Regel die, die zwei unserer Haussäuger,
die Katze und der Hund, verursachen können. Über die der Katze bestehen
unter den Einsichtigen kaum größere Meinungsverschiedenheiten, die des
Hundes aber werden nur zu oft unterschätzt. Streunenden Dorfkötern
können unzählige Nester bodenbrütender Arten zum Opfer fallen und
der Schaden, den sie dadurch der Vogelwelt zufügen, bleibt oft kaum
hinter dem durch die Katze angerichteten zurück. Um des letzteren
willen ist schon viel Tinte geflossen und Druckerschwärze verbraucht
worden; Berufene und Unberufene haben sich zu ihm geäußert, die
letzteren meistens mit dem größten Stimmaufwand. Und doch sind wir
noch weit von einer zufriedenstellenden Lösung der immer brennender
werdenden Katzenfrage entfernt, den oft weit über das Ziel schießenden
Forderungen der Katzengegner gegenüber verfallen die Katzenfreunde dann
regelmäßig in das entgegengesetzte Extrem. Und doch müßte bei gutem
Willen auf beiden Seiten – der vor einiger Zeit gegründete »Bund der
Katzenfreunde« (war er notwendig) könnte hier das Seine dazu beitragen
– sich auch in der Katzenfrage manches erreichen lassen, könnten die
oft so erheblichen Schädigungen der Vogelwelt durch die Katze, wenn
auch niemals ganz beseitigt, so doch wesentlich herabgemindert werden.
Einen Weg hierzu habe ich vor einigen Jahren an anderer Stelle zu
zeigen versucht (Naturschutz 3, Berlin 1922, S. 100–107).