Das _Verbreitungsgebiet der Elster_ ist sehr groß. Es gibt kein Land

in Europa, dem sie fehlte; auch das nördliche Asien bewohnt sie bis

hin zum japanischen Inselreich. Die meisten Elstern habe ich in den

Städten des Orients angetroffen. Der Türke scheut sich, ihnen ein Leids

anzutun, und dank der türkischen Wirtschaft sättigt sich der Vogel

gleich den herrenlosen Hunden auf den belebtesten Straßen. In dieser

Beziehung ist mir der Blick auf Sarajewo, wie er sich vom Festungsberg

aus bietet, unvergeßlich. Da war kaum ein Dachfirst, auf dem nicht ein

paar Elstern saßen. Viele flogen auch durch die Luft und ließen sich

dann auf den hohen italienischen Pappeln am Ufer der Miljačka nieder,

wo sie von ihresgleichen mit heiserem Geschrei begrüßt wurden. Auch

sonst traf ich den bei uns doch recht scheuen Vogel überall innerhalb

der minarettgeschmückten Ortschaften an, ein Zeichen, wie die Elster

dort, wo man sie schont, die Nähe des Menschen mit Vorliebe aufsucht.

In _Deutschland_ findet sie sich fast überall, allerdings in manchen

Gegenden recht häufig, in anderen nur vereinzelt. Im allgemeinen

aber scheint ihr Bestand, wenigstens in Mitteldeutschland, in den

letzten Jahrzehnten stark _zurückgegangen_ zu sein, wohl infolge der

Nachstellungen, denen die Raubgesellen mit Recht ausgesetzt sind.

Das gilt z. B. von unserer Dresdner Umgebung. Am Rande der Dresdner

Heide, am Blasewitzer Elbufer, in der Gegend von Pillnitz und Pirna,

auch elbabwärts nach Meißen zu noch vor wenig Jahren eine alltägliche

Erscheinung, begegnet man heute der Elster viel seltener, obgleich sie

nirgends völlig fehlt. In noch erhöhtem Maße gilt dies vom Leipziger

Gebiet. So schreibt _Richard Schlegel_ in den Mitteilungen, Band XV.,

S. 347: »Auch unsere schmucke, einst in Stadtnähe brütende Elster ist

selten geworden und scheinbar noch völliger Vernichtung preisgegeben;

schade um den reizenden Burschen. Mir ist sie unter solchen Umständen

auch als Weidmann heilig.« Ich wünschte, daß diese Worte überall dort

Gehör fänden, wo die Elster heute nur noch _vereinzelt_ auftritt.

Sie gehört in Sachsen zu den _jagdbaren Vögeln_, denen das Gesetz

allerdings keine Schonzeit zugebilligt hat, während sie z. B. in

Preußen »vogelfrei« ist, demnach von jedermann gefangen, getötet oder

ihrer Eier beraubt werden darf. Ich wende mich also an den _Forstmann_

und den _Jagdberechtigten_, die in Sachsen _allein_ ein Anrecht auf die

Elster und ihren Horst haben, mit der Bitte, dort wo der schmucke Vogel

nur vereinzelt auftritt, unter Umständen einmal Gnade für Recht walten

zu lassen. Und zwar veranlaßt mich hierzu nicht nur die Schönheit der

Elster, ihr Prachtgewand und ihre ganze elegante Erscheinung, sowie die

ästhetische Bedeutung namentlich für das winterliche Landschaftsbild,

sondern auch die _Volkstümlichkeit_, deren sich die Elster in deutschen

Landen überall erfreut. Es ist besonders schmerzlich, wenn man sieht,

wie gerade so viele volkstümliche Tiere, um die unsre Altvordern

einen reichen Kranz von Märchen, Sagen, abergläubischen Vorstellungen

gewunden haben, immer mehr aus unserer Heimat schwinden. Wir wollen in

folgendem einiges anführen, _was sich das Volk von der Elster erzählt_.

Im _Aberglauben_ spielt sie eine hervorragende Rolle, dem Raben und der

Krähe ähnlich, und sie verdankt diesem Umstande bald besonderen Schutz,

bald schonungslose Verfolgung. Die Elster ist ein _Hexentier_, das

heißt ein Vogel, in den sich die Hexen gern verwandeln; diese benutzen

neben Ofen- und Heugabeln, Deichseln, Butterfässern, Dreibeinen,

Kochlöffeln usw. auch Elsternschwänze, wenn sie in der Walpurgisnacht

durch die Luft reiten. Weil die Elster verflucht ist, sagt man im

Oldenburgischen, muß sie sich erst neunmal an einem Zweige aufhängen,

ehe sie ein Ei legen kann, und weiter heißt es, wenn man in die Rinde

ihres Horstbaums ein Kreuz schneidet, das Sinnbild des Christentums, so

verläßt die Elster ihre Brutstätte; man hat damit die Hexe vertrieben.

Mit diesem Glauben an die dämonische Natur der Elster hängt auch der

in Tirol, Thüringen, Sachsen, Oldenburg und anderwärts geübte Gebrauch

zusammen, eine Elster mit ausgebreiteten Flügeln an die Türe des

Viehstalls zu nageln, um dessen Bewohner vor Zauber zu schützen. Gewiß

soll das gekreuzigte Hexentier die Gespenster abschrecken, indem es

ihnen meldet, wie unsanft der Hofbesitzer solch nächtliches Gelichter

behandelt, das sich seinem Gute nähert. Andere wollen durch die

angenagelte Elster die Fliegen vom Vieh abwehren.

Unter solchen Umständen gilt die Elster, ähnlich wie die Eule, als

_Unglücksbotin_. Zank und Streit verkündet sie dem Hause, in dessen

Nähe sie schackert, und setzt sie sich gar auf das Dach, so stirbt in

drei Tagen ein Bewohner. Fliegt sie quer über das Dorf, so zeigt sie in

der Wetterau ein Leichenbegängnis an, Krieg aber, wenn sie haufenweise

erscheint. Hört man eine Elster auf der Reise, ohne sie zu sehen, so

bedeutet das schlimme Gesellschaft; läuft sie einem aber gar über den

Weg, so ist es besser umzukehren, denn es droht Unglück. Vielfach gilt

es als eine frevelnde Herausforderung des Schicksals, eine Elster zu

schießen oder ihren Horst zu zerstören, z. B. in der Lausitz, auch in

Norddeutschland, und nur dann ist es keine Sünde, den Vogel zu töten,

wenn man seiner zur Heilung von Krankheiten bedarf.

In der alten ~materia medica~ spukt die Elster vielfach herum; ja

noch heute lebt der Glaube an ihre _heilende Kraft_ in unserm Volke

fort. Namentlich bei Augenkrankheiten und bei Epilepsie leisteten die

Elstern vortreffliche Dienste. Das scharfe Gesicht des Vogels, der so

lüstern auf blitzende Gegenstände ist, daß er nicht selten zum Dieb

wird, diente wohl den alten ~medicis~ als »Signatur«. Man brannte die

Elster zu Asche, indem man sie in wohlverschlossenem Gefäß der Glut

aussetzte; die Asche pulverte man und rührte sie mit Fenchelwasser an

oder bereitete eine Augensalbe daraus. Aus jungen Elstern destillierte

man auch ein berühmtes Wasser, »~aqua picarum~«, das die Röte von den

Augen nahm, zugleich aber auch sonst bei verschiedenen Gebrechen gute

Dienste leistete. Wer _Kügelgens_ »Jugenderinnerungen eines alten

Mannes« gelesen hat, der wird sich mit Vergnügen des originellen

Pfarrherrn _Roller_ zu Lausa erinnern, der alljährlich an die hundert

Elstern im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als

Medizin weithin versandte, nachdem er es an seinem Bruder ausprobiert

hatte. Dieser litt an epileptischen Krämpfen; nach ein paar Monaten

war er geheilt. Von seinen Patienten verlangte Roller übrigens nichts

anderes, als einen gewissenhaften Bericht, wie die Medizin bekommen

sei. Noch heute gilt »gebrannte Elster« hie und da als volkstümliches

Mittel gegen die »fallende Sucht«. Allerdings, so meinen manche,

müßten die Vögel »in den Zwölfen«, das ist zwischen Weihnachten und

Heiligdreikönig, geschossen sein; denn nur um diese Zeit habe die

Natur ihre ganze Kraft zusammen. Vielleicht glaubte man, daß die

Elster selbst mit der »schweren Krankheit« behaftet sei und deshalb

ein Heilmittel biete nach dem Grundsatz »Gleiches durch Gleiches«. Ob

das unruhige, allzeit quecksilberne Wesen der Elster die Veranlassung

gewesen, bei ihr epileptische Zustände vorauszusetzen, oder ob nicht

der einzige Grund der ist, daß Veitstanz und Fallsucht vom Volk für

Krankheiten gehalten wurden, mit welchen dämonische Mächte den Menschen

heimsuchen, weiß ich freilich nicht.

In einer Menge von sprichwörtlichen Redensarten macht sich unser Volk

über die _Schwatzhaftigkeit_ der Elster lustig, über ihr inhaltleeres,

verständnisloses Nachplappern. Da sagt man: »So lange die Elstern

schwatzen, singen die Schwäne nicht«, das heißt, wo unwissende

Schwätzer sich breit machen, schweigen die Verständigen. »Er hat von

der Elster gegessen«, sagt man dem seichten Schwätzer nach; auch läßt

die Fabel Elster und Nachtigall wettsingen zur Belustigung aller Tiere

des Waldes, während im Märchen die Elster mit den Worten begrüßt wird:

»Frau Elster, hat sie Plapperwasser getrunken?« _Hans Sachs_ verspottet

die schwatzhaften Dummköpfe mit folgenden Worten:

»bei jedermann an allen Orten

konnten sie von der Weisheit schwetzen,

gleichwie die Elstern und die Hetzen« (Häher).

Auch auf die Ankunft von Gästen weiß das Volk der Elstern Geschwätz

zu deuten: »Ich habe die Elster vernommen – es werden Gäste kommen«,

oder man schließt aus ihrem Plappern auf anhaltend schönes Wetter.

Man denke auch daran, daß jung dem Horst entnommene Elstern Worte und

ganze Sätzchen nachzuplappern lernen. Schon _Plinius_ weiß davon. »Die

Elster,« sagt er, »ist weniger berühmt als der Papagei, weil sie nicht

ausländisch ist, spricht aber noch ausdrucksvoller. Die Worte, die sie

spricht, hat sie ordentlich lieb.« Auch der römische Dichter _Martial_,

der »Verwegene«, wie ihn Goethe nennt, erwähnt die Elster in folgendem

Epigramm:

»Deutlich begrüße ich dich mit ›Herr‹, ich schwatzhafte Elster;

Sieht man mich nicht, wer glaubt’s, daß nur ein Vogel ich sei!«

_Ovid_ erzählt, wie die neun Töchter des Königs Pieros in

»allnachahmende Elstern« verwandelt wurden, weil sie die Musen

geschmäht hatten.

Eine christliche Sage knüpft an den Erlösertod des Heilands an; sie

berichtet, unter allen Vögeln seien die Elstern die einzigen gewesen,

die beim Verscheiden Christi nicht getrauert, sondern gespottet und

gelacht hätten; zur Strafe müßten sie nun zeitlebens ihr unschönes

»Schackern« hören lassen.

Auch _diebisch_ heißt der Volksmund die Elster, nicht ohne

Berechtigung. Auffallende, glitzernde Gegenstände erregen die

Aufmerksamkeit unsers Vogels in hohem Grade; er verschleppt solche

Dinge gern in irgendeinen Winkel oder in seinen Horst. Ich weiß einen

Fall, wo ein Elsternnest folgendes Stilleben aufwies: siebenundzwanzig

blanke Knöpfe, fünfzehn farbige Glasscherben, viele bunte und glänzende

Steinchen, acht Nickel- und Kupfermünzen, ein Trompetenmundstück und

eine Brille. Die Redensart: »stehlen wie eine Elster« hat also ihre

Begründung.

Es ist wenig Erfreuliches, was das Volk von der Elster erzählt,

aber daß es so viel von ihr berichtet, ist doch ein Beweis für ihre

_Volkstümlichkeit_. Dieser Umstand gibt mir eine gewisse Berechtigung

zu der Bitte, der Elster nicht gerade den Vernichtungskrieg zu

erklären. Man schieße zwei oder drei Nebel- bzw. Rabenkrähen mehr

ab, aber schone das Elsternpaar, wenn es das letzte im Revier ist –

volkswirtschaftlich wird es auf eins herauskommen.

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt –

Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden

Photographische Platten »Perutz« –

Photographische Aufnahmen: Max Nowak – Auflage 50000

Diesem Hefte liegt eine Ankündigung der Dürr’schen Buchhandlung,

Leipzig, bei, die wir der Beachtung empfehlen.

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Jahrgang 1926 (Band XV)

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Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 1–2 · 第 7 / 7 段