den _Spreewald_, das _Oderbruch_, das _Lebamoor_ in Pommern und
die ausgedehnten _Erlenmoore am kurischen Haff_. Sie alle werden
teils abgebaut auf Brenntorf oder wurden und werden umgewandelt in
Kulturland. Austrocknende Moore werden meist in Besitz genommen von
Sträuchern: in Norddeutschland östlich der Elbe von Strauchbirke
(~Betula humilis~), von Gagelstrauch ~Myrica Gale~, von Sumpfporst;
oder von Zwergsträuchern: Trunkelsbeere ~Vaccinium uliginosum~, Heidel-
und Preißelbeere, auch von Krähenbeere ~Empetrum nigrum~ (Abb. 13). Vor
allem das Heidekraut (~Calluna vulgaris~) mit seiner unverwüstlichen
Lebenskraft überzieht schließlich jene Moorgebiete besonders bei
sandig-grusigem Untergrund, während in bruchigem Gelände, zumal im
Nordwesten unseres Vaterlandes, in der Lüneburger Heide, die reizvolle
Glockenheide ~Erica tetralix~ sich ansiedelt, und der Wacholder
(Machandelbaum, Knisterbusch) ~Juniperus communis~ seine dunklen
Säulenpyramiden baut, um der Landschaft einen lieblich herben Reiz zu
verleihen.
[Illustration:
Aufnahme von J. Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Abb. 12. =Erzgebirgshochmoor mit fruchtendem Wollgras= (~Eriophorum
vaginatum~)]
Wir lernen hieraus, daß _bei klimatischen Veränderungen_, _bei
Trockenperioden_ oder _bei künstlicher Trockenlegung_ ursprüngliche
Pflanzenbestände bis zum Verschwinden unterdrückt werden können
durch andere Pflanzengenossenschaften. Das ganze Landschaftsbild
verändert sich: auf das feuchte Moor folgte die trockene Heide;
_eine_ Vegetationsformation löst die _andere_ ab. Folgeformationen
bezeichnet man mit dem Namen Sukzessionen (Nachfolge). Kaum _eine_
natürliche Pflanzenformation ist eine Dauerformation. Im Laufe
geringerer oder gewaltigerer Zeiträume erschöpfen sie sich selbst,
und Pflanzenbestände, die vorher unterdrückt waren, entfalten sich zu
formationsmäßigen Beständen. Professor Schimper schildert anschaulich
den in allen Klimaten angesagten Kampf zwischen Gehölzflur und
Grasflur, bei uns zwischen Wald und Wiese und zwischen Moor und Wald.
Auch die _Entstehungsgeschichte der Moore_ zeigt solche natürliche
Sukzessionsglieder. Aus einem stehenden Gewässer wird allmählich ein
Flachmoor. Mit ihm wechselt Bruchwald und Trockenwald, bis schließlich
ein Hochmoor entsteht, das wiederum neuen Formationen, beispielsweise
der Heide, Platz macht. Daher deckt sich auch i. a. das Gebiet der
größten Hochmoorflächen in Norddeutschland nahezu mit dem Gebiet der
norddeutschen Heide.
[Illustration: Abb. 13. =Krähenbeerenbestand im Gottesgaber Moor=]
Von solchem Formationswechsel, herbeigeführt durch den Wechsel
klimatisch feuchter und trockener, kühler und wärmerer Erdperioden,
gibt uns das _Anstichbild eines Moores_, das sogenannte _Moorprofil_
(Abb. 14), anschauliche Kunde.
[Illustration: Abb. 14. _Aufbau der Kamm-Moore des Erzgebirges._
(Moorprofil nach Prof. Schreiber, Sebastiansberg)]
Es gab eine Erdperiode mit derartigem Kälterückschlag, daß von den
schottischen und skandinavischen Gebirgen breite Gletscherströme
sich in das Herz Mitteleuropas ergossen und eine gewaltige Decke
von Inlandeis bildeten. Blockwälle wurden von den Gletscherstirnen
vorausgeschoben und führten nordische Pflanzen, darunter auch viele
unsrer jetzigen Moorgewächse, mit sich. Viel Jahrtausende lastete
dieses Eisschild über dem nördlichen Mitteleuropa – freilich auch hier
bei klimatischen Schwankungen bald vorstoßend, bald sich zurückziehend
– bis schließlich die Wärmelage der Jetztzeit das Abschmelzen des
Eises bewirkte. Dort, wo die nordischen Verhältnisse annähernd auch
bei uns herrschen, also Kälte und Feuchtigkeit, konnte sich diese
nordische Flora erhalten, und zu ihr gesellten sich alte kühlegewohnte
Pflanzenbürger Mitteleuropas. Solche Zufluchtsorte waren die Moore,
die sich daher in dem feuchtkühlen Seeklima Deutschlands mit seinen
restlichen Binnenseen und ferner auf den feuchtkühlen Kammhöhen unserer
Mittelgebirge mit ihren quelligen Hängen häufen mußten. Jedenfalls
gab die gewaltige Durchfeuchtung des eisfreien Diluvialbodens
durch die Schmelzwässer des Inlandeises den Mooren die günstigsten
Entwicklungsbedingungen, sei es aus durch die Schmelze entstandenen
Binnenseen, sei es längs der durchnäßten Uferlandschaft der Urströme.
Daher sind auch unsere meisten Moore auf Diluvialboden erwachsen[3],
so daß in den _Mooranstichen_, welche bis tief hinab zum gewachsenen
Diluvialboden reichen, geradezu ein _erdgeschichtliches Archiv_
geöffnet wird. Die ältesten Moore finden wir in Norddeutschland, und
Dr. C. Weber hat von ihnen ein Normalmoorprofil entworfen, welches auf
die Entstehung aus Binnengewässern gegründet ist. Solche Moore sind
lakustrisch, d. h. seenbürtig, entstanden. Die Entstehungsgeschichte
der Einzelschichten ist lehrreich: Absterbende pflanzliche und
tierische Organismen des Sees, zumal der reichen Uferflora und -fauna,
erhöhen allmählich den Seegrund und bilden eine sich verdichtende
Schlammschicht, _Mudde_ genannt, die zu unterst ton- und kalkreich
ist: _Ton-_ und _Kalkmudde_. Die höheren Schichten zeigen fast reine
organische Substanz in gallertartig vertorftem Zustande. Weber
nennt diese Schicht _Lebermudde_ oder _Lebertorf_ (_Sapropel_). Auf
diesen sich erhöhenden Schlammschichten siedelte sich immer wieder
neues Röhricht an, besonders das Schilfrohr, sowie ausläufer- und
horstbildende Seggen (~Carices~), so daß sich darauf die _Torfmudde_
schichtet. Immer seichter wird durch diese Auflagerung der Moorsee,
immer weiter vom Ufer aus rückt diese Röhrichtformation aus Schilf,
Rohrkolben, Schwertlilie, Riedgräser und Straußselberich (~Lysimachia
thyrsiflora~) in die Seemitte vor, bis schließlich unter Mithilfe von
Laichkräutern Froschbiß, Krebsscheere (~Stratiotes~) der See völlig
verlandet, anfangs noch mit trügerischer Decke, als »Schwingmoor«,
später sich zum »Standmoor« festigend. Ein muldenförmiges =Flachmoor=
oder =Niederungsmoor= ist auf diese Weise entstanden. Der durch
diese Verlandung gebildete Torf heißt _Schilf-_ und _Seggentorf_.
Vom erzgebirgischen Moorforscher Schreiber wird er als _Riedtorf_
bezeichnet, denn bei den Erzgebirgsmooren ist die Verlandung unter
Anteilnahme des untergetauchte Polster bildenden Torfmooses (~Sphagnum
molluscum~) und vorrückende Ausläufer bildende, riedartige Pflanzen
z. B. Schlammried und Scheuchzerie zustande gekommen (Abb. 15).
Auf diese Weise überziehen sich die Moortümpel, vom Volke poetisch
Mooraugen genannt, mit einer trügerischen unter den Tritten des
Besuchers schwankenden Moos- und Rieddecke, wie wir sie besonders schön
am Kranichseemoor und an einzelnen Stellen des Gottesgaber Moores
studieren können (Abb. 16). Gerade diese Verlandungsbilder geben der
Hochmoorlandschaft unseres Erzgebirges ein besonders charakteristisches
Gepräge.
[Illustration: Abb. 15. =Erste Verlandungsphase im großen
Kranichseemoor=. Unter Wasser vorgeschobene Torfmoosrasen von ~Sphagnum
molluscum~, durchspickt mit Schlammried und Scheuchzeria]
Auf den schließlich entstehenden Standmooren war neue
Siedelungsmöglichkeit geschaffen. Strauchvegetation aus niedrigen
Weiden, auch die Erle faßten Fuß, und Bruchwälder entstanden, die mit
ihrem feuchtkühlen Schatten dem Mooswachstum Vorschub leisteten, bis
schließlich der Bruchwald unter dem Moosansturm erstickte, umbrach
und der Vertorfung anheimfiel. Wieder erhöhte sich dadurch der Boden
und der _Bruchwaldtorf_ entstand. Neue Pflanzensiedlungen konnten
natürlich mit ihren Wurzeln nicht mehr zu dem nährstoffreichen
Grundwasser gelangen, denn die aufgehäuften Schichten hinderten daran.
_Es mußte das nährstoffarme Niederschlagswasser zum Leben und Wachstum
genügen._ Solche genügsame Holzgewächse waren Kiefer und Birken.
Es entstand ein Übergangswald, beziehungsweise ein =Zwischenmoor=,
dessen Vorhandensein nicht in allen Moorprofilen nachweisbar ist.
Auch dieser Wald wurde von Scheuchzeria- und Riedgrasbeständen, sowie
durch Moossiedelungen besiegt und schließlich herrschte das Torfmoos,
welches schon bei einer Schichthöhe von dreißig Zentimetern Kiefernwald
ersticken kann. Es herrschte durch seinen porösen Bau in Blatt und
Stengel (Abb. 17), welcher imstande war, große Niederschlagsmengen
festzuhalten, Ammoniakgase in sich zu verdichten, vor allem aber _trotz
des vertorfenden unteren Teiles oben freudig weiterzuwachsen_. Derart
bildete sich ein uhrglasförmig gewölbtes =Hochmoor= mit trocknerem
Randgehänge und seeartigen Blänken (Mooraugen), die sich aus den vom
wassersatten Moose nicht aufgenommenen Niederschlägen sammelten. An
dem trockneren Randgehänge erheben sich vielfach kleine, oft nur
quadratmetergroße Heidehügel, sogenannte _Bulte_. In den dadurch
entstehenden Tälchen sammelt sich ebenfalls Ablaufwasser an, sie werden
zu _Schlenken_. Oft auch bilden sich zum Rande gehende tiefere und
längere Rüllen, in welchen bräunliches Moorwasser abfließt. Fließendes
Wasser aber versorgt die Rüllenränder mit immer neuen Nährstoffen, so
daß sich hier eine anspruchsvollere Hochstaudenflur ansiedelt.
[Illustration: Abb. 16. =Verlandungsbild aus dem Kranichseemoor=]
Ein solches Hochmoor gedieh, so lange die jährlichen
Niederschlagsmengen reichlich flossen. Ziemlich unvermittelt
scheint aber in ganz Mitteleuropa eine Trockenperiode, vielleicht
eine Steppenzeit, eingetreten zu sein. Das Wachstum des Moosmoores
stockte, und der Moostorf zersetzte sich durch Lufteintritt zu einer
dunkelbraunen, strukturarmen Masse. Wie lange diese Trockenheit
angehalten hat, ist nicht zu ermitteln. Sicher ist aber, daß auf dem
trocken gelegten Moore Heidekraut und Wollgras Platz fanden, die
allmählich, wahrscheinlich bei Wiedereintritt reicher Niederschläge,
zu einer mulmigen Torfschicht zusammenschwanden. Dieser stark zersetzte
Torf wird von Weber _Grenzhorizont_ genannt und findet sich nicht bloß
in den norddeutschen und schwedischen Mooren, sondern auch in den
Höhenmooren der Mittelgebirge und des Alpenlandes. Bei den Höhenmooren,
also auch im sächsischen Erzgebirge, scheint aber anstelle von Heide-
und Wollgras ein Trockenwald von Birken aus der Umgebung eingedrungen
zu sein, so daß Schreiber, der Erforscher erzgebirgischer Moore, diese
Grenzschicht als _jüngeren Waldtorf_ bezeichnet. Auf diese Schicht baut
sich, begünstigt durch einsetzende Niederschlagsperiode, ein neues
Hochmoor mit fast reinem Sphagnumbestand, aus dem der gelbgefärbte,
wenig zersetzte _jüngere Moostorf_ hervorging, dessen Entstehung
überall dort noch andauert, wo nicht aus natürlichen Gründen, oder,
durch Menschenhand verursacht, Austrocknung die Moosbildung verhindert.
An den trockneren Randgehängen unserer Erzgebirgsmoore finden wir als
Charakterstrauch die vielästig vom Boden aufstrebende Moorkiefer, eine
Unterart ~uncinata~ der eigentlichen Bergkiefer ~Pinus montana~ (Abb.
18), während in den norddeutschen Zwischenmooren die Krüppelkiefer
~Pinus silvestris forma turfosa~ erscheint.
[Illustration: Abb. 17. =Blattgewebe des Torfmooses= (~Sphagnum~) mit
den schmalen blattgrünhaltigen und den breiten, porösen Zellen (stark
vergrößert)]
Wir fassen noch einmal die Schichtenfolge eines Moorprofils kurz
zusammen: Zu unterst Diluvialboden, dann die Muddeschichten, Schilf-
bzw. Seggentorf, Bruchtorf oder älterer Waldtorf, älterer Moostorf,
Webers Grenzhorizont, bzw. jüngerer Waldtorf, jüngerer Moostorf und
rezenter Moostorf. Diese Schichten erreichen in den Mooren der
norddeutschen Niederung über dem Diluvialboden eine Mächtigkeit von
mehr als zehn Metern, in den Erzgebirgshochmooren bis zu fünf Meter.
In der Höhe der Moorschichten hat man ein Mittel, schätzungsweise das
Alter des Moores zu bestimmen. Halbreifer Moostorf bildet in hundert
Jahren eine Schicht von etwa acht Zentimetern, reifer Moostorf dagegen
in derselben Zeitspanne eine Schicht von zwei bis drei Zentimetern,
so daß ein sechs bis sieben Meter mächtiges Moorlager einer
Entstehungszeit von mindestens zehntausend Jahren bedarf.
[Illustration: Abb. 18. =Moorkiefer (Krummholz) im Georgenfelder Moor=]
Bei der inneren Verschiedenheit der genannten Moorschichten ist es
klar, daß die wirtschaftliche Verwendung des Torfes nur an bestimmte
Schichten gebunden ist, und zwar vornehmlich an die Moostorfschichten.
Der braunschwarze, _ältere Moostorf_ ist im nassen Zustande eine
schwarzbraune, breiige Masse, die beim Austrocknen steinhart wird und
das Aufsaugungsvermögen für Wasser verliert. Er liefert den wertvollen
_Brenntorf_! Der _jüngere hellbraune_ Moostorf (gegenüber dem schwarzen
Torf auch _Weißtorf_ genannt) bleibt immer elastisch und kann auch
nach Austrocknen das zwanzigfache seines Volumens an Wasser aufnehmen.
Er kann mit Vorteil zu _Torfstreu_ und _Torfmull_ verarbeitet und
in Ballen gepreßt in den Handel gebracht werden. Er ist es, der
im Gartenbau so geschätzt wird, besonders wenn er durch Lagerung,
Umstechen oder Behandlung mit Kalkwasser entsäuert ist. Er vereinigt
in sich noch immer all die wertvollen Eigenschaften des Humus, die
ich folgendermaßen gekennzeichnet habe[4]. Er hält die Nährstoffe
im Boden fest, er macht die Böden warm und feucht, er lockert zähe
Tonböden auf und macht durch die Humuskolloide Sandböden krümelig, er
löst als Kohlensäurequelle die Mineralteilchen und führt unverwertbare
Stickstoffverbindungen schließlich in Salpeterstickstoff über. Was
Jahrtausende im ewigen Wechsel der Zeiten aufgebaut haben, wird, gleich
der vor Jahrmillionen aus einer vergangenen Pflanzenwelt aufgebauten
Kohle, dem jetzigen Geschlechte zu Nutzen und Segen.
Ein _volkswirtschaftlicher Gewinn_ ist weiterhin die erwähnte
Umwandlung der ausgedehnten norddeutschen Moorflächen in wertvolle
Kulturböden, wie sie durch die Moorkulturstationen geübt wird. Gewarnt
aber muß werden vor dem _rücksichtslosen Abbau der Kammoore unserer
Mittelgebirge_, also auch unseres sächsischen Erzgebirges. Sie sind
meist Plateau- und Hangmoore und leisten für uns das, was für die
Schweiz die Gletscher schaffen: _Sie regulieren in rationeller Weise
die reichen Niederschläge der Gebirgshöhen._ Manche Wasserkatastrophe
wäre vermieden, manche kostspielige naturmordende Talsperre wäre
erspart worden, hätte man die Moorflächen, welche etwa vier Prozent der
Gesamtfläche von Sachsen einnehmen, nicht durch Abbau, Aufforstung und
Trockenlegung verringert. Welche gewaltigen Wassermengen von unseren
Moosmooren aufgesaugt werden können, erhellt eine Mitteilung des
Professors Delitzsch, Leipzig, über den Kranichsee. Nach ihm enthält
der Kranichsee nahe Karlsfeld bei vollständiger Sättigung soviel
Wasser, daß er ein ganzes Jahr lang in jeder Sekunde fünfhundert Liter
Wasser liefern könnte. In dem »Kranichsee« ist wohl das ausgedehnteste
sächsische Kammoor des Erzgebirges geschützt, und wir dürfen dies als
eine Großtat unserer Heimatschutzbestrebungen buchen.
[Illustration: Abb. 19. =Blütenstaub unserer Wildbäume (400fach
vergrößert) nach Rudolph und Firbas=]
Gerade in jüngster Zeit hat Professor Karl Rudolph von der Deutschen
Universität Prag im Verein mit Dr. Firbas einen wertvollen Beitrag zur
Erforschung unserer Erzgebirgsmoore geliefert. Diese Veröffentlichung
führt den Titel: Die Hochmoore des Erzgebirges, ein Beitrag zur
postglazialen Waldgeschichte Böhmens. In dieser anregenden Schrift
wird, nach dem Vorbild schwedischer Moorforscher, versucht, einen
Einblick zu gewinnen in die Wälder der Moorumgebung, wie sie nach
der Eiszeit, also »postglazial«, _in wechselnden Beständen_ den
Erzgebirgskamm schmückten. Wenn wir die seit dem Diluvium (Eiszeitalter
der Erde) verflossene Zeit auf etwa fünfzigtausend Jahre schätzen,
so muß es uns Wunder nehmen, wie man Schlüsse wagen will auf die
Waldumgebung unserer Moore vor vielen Jahrtausenden.
Hierzu befähigt uns eine genaue Kenntnis des Blütenstaubes (Pollen)
unserer hauptsächlichsten Waldbäume, sowohl der Nadel- als auch der
Laubbäume. (Abb. 19.) Diese Blütenstaubzellen sind äußerst kleine
Gebilde. Wir messen sie in Tausendstel eines Millimeters, des
sogenannten Mikro, als Maßeinheit und bezeichnen dieses Kleinmaß
mit dem griechischen Buchstaben µ. Den Pollen unserer wichtigsten
Nadelbäume: Kiefer, Fichte und Tanne kann man von dem Laubbaum-Pollen
sofort unterscheiden durch die ihm beiderseits anhängenden zu weiter
Verbreitung dienenden Flugblasen, außerdem auch durch die erheblichere
Größe. Den kleinsten Pollen unter den Nadelhölzern besitzt die Kiefer
mit 60 µ, das Mittelmaß des Fichtenpollens beträgt 100, das der
Tannen 140 µ. Die dreieckigen Pollen von Birke und Hasel messen beide
etwa 25 µ, und sind schwer zu unterscheiden; von etwa gleicher Größe
ist der fünfeckige Pollen der Erle. 30 µ im Durchmesser halten die
einander sehr ähnlichen kugeligen Pollenzellen von Buche und Eiche. Den
kleinsten Pollen von etwa 15 µ besitzt die Weide.
Der Blütenstaub der das Moor umgebenden Waldbäume wurde, wie noch
heute, so vor Jahrtausenden alljährlich in ungeheurer Menge erzeugt,
so daß er, von den Bergwäldern verweht, aus ziemlicher Ferne auf
die Moorfläche gelangen konnte. Werden doch von der Fichte auf eine
Entfernung von vier Kilometern noch vierzehn Prozent, bei Birke noch
elf Prozent des Gesamtpollens durch den Wind vertragen. Auf den
baumlosen Farör-Inseln hat man sogar Baumpollen beobachtet, der aus
einer Entfernung von vierhundert Kilometern stammen mußte.
Nun wird in jedem Denkenden die Frage auftauchen, ob sich diese zarten
und winzigen Gebilde in den vor Jahrtausenden gebildeten Moorschichten
auch unversehrt oder wenigstens kenntlich erhalten haben, besonders
wenn wir den Druck der Schichten und die Wirkung der Humussäuren in
Betracht ziehen. Gewiß! Nicht alle Pollenarten sind uns überliefert,
der Blütenstaub mancher Bäume, z. B. Ahorn und Pappel, ist unter
solchen Bedingungen zugrunde gegangen. Aber bei den oben genannten
Holzgewächsen ist die meist wunderbar ornamentierte wachsartige
Außenhaut der Pollenzellen durch die Jahrtausende hindurch wohl
erhalten geblieben. Zwar sind gegen den Pollen von heutzutage die Maße
etwas zurückgeschwunden, aber Form und Ziselierung sind unversehrt. Wir
werden also _aus den Verhältniszahlen der in den Schichten befindlichen
Pollenarten zueinander ein ungefähres Bild von der Waldbedeckung jener
Zeit_ gewinnen können, während welcher jene Schichten entstanden.
In dem Vorherrschen einer Baumart besitzen wir außerdem gewisse
Anhaltspunkte, um auf die _Klimalage_ jener weit zurückliegenden
Waldperioden rückschließen zu können. Wir wissen, daß die
feuchtgewohnten Weiden und Erlen starke Niederschläge gebrauchen, daß
dagegen Birke und Kiefer mit geringen Niederschlägen und wenig Wärme
fürlieb nehmen. Die Fichte dagegen bedarf bei kühler Temperatur einer
mittleren Bodenfeuchtigkeit, während die Tannen starke Luftfeuchtigkeit
und die Buche eine nicht zu tiefe Wintertemperatur erfordern; die
Eiche hingegen braucht zu freudigem Gedeihen eine erhöhte Sommerwärme.
Alle diese Erwägungen zusammengefaßt, berechtigten uns recht wohl,
Schlüsse zu machen auf die seit der Eiszeit periodisch erfolgten
_Klimaschwankungen_ in unsern Breiten.
Noch einige Worte über die _Methodik der Pollenuntersuchungen_
in unsern Mooren. Die Methode, welche die obengenannten Forscher
angewandt haben, lehnt sich an die vom schwedischen Staatsgeologen Post
eingeschlagene an. Aus der Stichwand eines Moores werden von unten
nach oben in Abständen von zehn bis fünfzehn Zentimetern Schichtproben
entnommen. Diese Proben (etwa ein bis zwei Kubikdezimeter Torf, für
mikroskopische Untersuchungen höchstens fünfzig Kubikzentimeter) werden
zerkleinert und mit fünfzehnprozentiger Salpetersäure aufgeschlämmt.
Nicht völlig ausgetrocknete Torfproben zerfallen alsdann in ein bis
zwei Tagen in die einzelnen Pflanzenbestandteile und werden dabei
gleichzeitig aufgehellt. Das Ganze wird alsdann durch ein Haarsieb
geschickt und der Siebrückstand wird makroskopisch untersucht.
Mittelst dieser Untersuchungen können wir die jeweilig moorbildenden
Großpflanzen und Moose herausfinden. Beispielsweise ergab eine Probe
des Reißzechenmoores bei Gottesgab in ein Meter vierzig Zentimeter Höhe
über dem Diluvialgrund folgenden Pflanzenbestand: Sumpfschachtelhalm,
Schlammried (~Carex limosa~), Schilfrohr und die früher erwähnte
Scheuchzerie. Von den hier genannten Pflanzen kommt das Schilfrohr
heute in diesen Gegenden nicht mehr vor, und die Scheuchzerie ist jetzt
eine Seltenheit geworden.
Der durch das Sieb gegangene Feinschlamm soll uns zur mikroskopischen
Bestimmung, _besonders des Waldpollens_, dienen. Natürlich finden sich
auch Blütenstaubzellen von Heidegewächsen, Binsen- und Riedgräsern
darin, aber _gezählt_ werden auf den in Glyzerin-Gelatine ausgeführten
Präparaten nur die Anteile der verschiedenen Baumpollen, so daß wir
nicht nur eine qualitative, sondern auch eine quantitative Analyse der
Pollenschicht gewinnen. In jedem Präparate zählen wir nicht mehr als
einhundertfünfzig der darauf befindlichen Pollenkörner aus, notieren
dabei die Anzahl der einzelnen Pollenarten und gewinnen dadurch das
sogenannte _Pollenspektrum_. Dieses möge lauten: Kiefer einhundertelf,
Birke dreißig, Fichte sechs, Weide drei. Daneben haben wir noch
siebenundzwanzig Haselpollen gezählt, die wir im Pollenspektrum
ausschalten. Diese Ausschaltung geschieht nach dem Beispiel von Post,
der die Hasel, weil Unterholz, den eigentlichen waldbildenden Bäumen
nicht gleichstellen will.
[Illustration: Abb. 20 =Übersichtliche Darstellung der Ergebnisse von
Pollenanalysen nach Rudolph und Firbas=]
Für jede der untersuchten Höhenschichten erhalten wir ein solches in
Artprozenten angegebenes Pollenspektrum und können das Gesamtergebnis
unserer Untersuchungen für die betreffende Stichwand unter
Zugrundelegung eines Koordinatensystems zu lehrreichen Diagrammen
zusammenstellen, wie es in beigegebener Abb. 20 für Fichte und
Buche geschehen ist. Auf der wagerechten Linie ist die Anzahl der
errechneten Pollenprozente, auf der senkrechten die Schichthöhe der
untersuchten Proben über dem Diluvialboden aufgetragen. Aus den beiden
Pollenkurven kann man folgende Tatsachen herauslesen: Die Fichte zeigt
sich zuerst im Riedtorf und dominiert zur Zeit des Scheuchzeriatorfes
über alle anderen Waldbäume, geht alsdann zurück, um in der Jetztzeit
(wahrscheinlich infolge der Forstkultur) wieder herrschend zu werden.
Erst während der Fichtenherrschaft erscheint die Buche (mit ihr die
Tanne), welche – wir dürfen annehmen aus klimatischen Gründen – den
rasch abnehmenden Fichtenwäldern als Waldanteil gleichkommt und im
jüngeren Moostorf eine dominierende Stellung erringt. In ähnlicher
Weise läßt sich die Geschichte der anderen Waldbäume während der
Moorbildungszeit verfolgen. Für das Erzgebirge fassen Rudolph und
Firbas die Waldgeschichte des Kammes folgendermaßen zusammen:
1. _Kiefernzeit_ mit Birke und Weide;
2. _Kiefern-Haselzeit._ Massenausbreitung der jetzt fehlenden
Hasel auf dem Erzgebirgskamm und wachsende Ausbreitung des
Eichenmischwaldes mit Ulme und Linde;
3. _Eichen-Fichtenzeit._ Neben der Eiche Vorherrschaft der
Fichte und Einwanderung der Buchen;
4. _Buchen-Fichtenzeit._ Wachsende Ausbreitung der Buche,
Abklingen der Eiche und Hasel. Einwanderung der Tanne und
deren Ausbreitung während der Grenzhorizontzeit;
5. _Buchen-Tannenzeit._ Vorherrschen von Buche und Tanne;
6. _Jetztzeit._ Neuerliche Ausbreitung der Fichte, wohl durch
die Forstkultur.