Crottendorf und Grünhain, besonders aber zwischen Schwarzenberg und
dem Vogtlande lagen die großen Pechwälder, die besonders geschützt und
bei Waldbränden sogar mit Aufgebot von Hilfskräften aus dem Niederland
gesichert wurden. Für das Gebiet um den Auersberg hatten im fünfzehnten
Jahrhundert die ritterlichen Herren von Tettau auf Schloß Schwarzenberg
besondere Pechlehnbriefe ausgegeben und Gewerkschaften nach dem Muster
des Bergbaues mit Pechsteigern, Mutzetteln und Kuxen zur Pechnutzung
ermächtigt. Die größte Gesellschaft, Flötzmaul nach einer berühmten
alten Grube benannt, hatte im Walde um Eibenstock zu harzen, sechs
andere an der Wilzsch und im Schönheider Waldland. Nach den Tettaus
übernahm der Kurfürst die Belehnung, ward selbst Gewerke, gab aber auch
Vorschriften, daß junge Hölzer zu schonen und jeder entharzte Stamm
drei Jahre zu meiden sei. Denn der Harzer schnitt etliche Risse breit
und lang in den Baum, schabte im nächsten Jahre das Harz und trug es
zur Pechhütte, einer verschalten Grube nebst einem Kupferkessel, den
ein Rindendach schützte. Das gesottene Pech schöpfte der Pecher mit
langer Kelle in die Grube und brach es nach Erkalten heraus. Seit 1740
erzielte man in Holzformen gleichmäßige Pechtafeln.
In vierzig solcher Pechhütten dienten einsame Wäldner auf Tagelohn.
Pechsteiger beaufsichtigten ihre mühsame Arbeit und pürschten mit
den Forstbeamten den Harzdieben nach, die in Banden von zwanzig und
dreißig Mann aus Böhmen kamen, um das Harz der sächsischen Wälder
zu stehlen. Dreihundert Zentner Pech schmolzen die Gewerkschaften
des Schwarzenberger Gebietes alljährlich und verkauften sie an die
Brauhäuser, an Handwerker und Apotheker. 1845 übernahm der Staat die
Pechweide, unterhielt bei Tannenbergstal und im Wiesenhause Pechhütten,
stellte aber 1894 die Nutzung ein. Nur in Schwarzenberg blieben
Pechbetriebe bis nach dem Weltkrieg erhalten. Sie verwendeten Pech von
auswärts, bestehen aber heute auch nicht mehr.
Der Dresdner Saugarten in der Dresdner Heide
Von _Oskar Pusch_, Dresden
Der Kahlschlag in Abteilung 6 des Dresdner Reviers, der »Sausechs« im
Munde der Waldarbeiter, im Jahre 1924 bis 1925 ließ einen tiefen Blick
in die Geschichte der Dresdner Heide tun. Es ist wohl noch bekannt,
daß Professor Deichmüller dank dieser Rodung unweit der Radeberger
Landstraße ein bronzezeitliches Gräberfeld mit etwa sechzig Urnen
bloßlegen konnte. Waldarbeiter waren auf Steinsetzungen und Urnenreste
gestoßen. Ein Jahr später brachte man ein ungefähr dreitausend Jahre
jüngeres Werk unserer Vorfahren ans Tageslicht. Außerordentlich
feste Mauerreste, ein wohlerhaltener Plattenbelag, ein Pflaster nach
Katzenkopfart, Reste von Ziegeln, Glassplittern und Tonpfeifchen waren
die letzten Zeugen einer vergangenen höfischen Jagdbetätigung. »Ein
verschollenes Dorf« meinten die Waldarbeiter, der »Dresdner Saugarten«
aber war es in Wirklichkeit.
[Illustration: Abb. 1.]
Es lohnt, einmal kurz die Geschichte des Dresdner Saugartens, die
völlig aus der Überlieferung der Heidebewohner verschwunden war, wie
sie aber dank dem Aktenmaterial des Hauptstaatsarchives und des
Denkmalamtes festgelegt werden konnte, aufzurollen.
Von der Zeit seiner Entstehung ist nichts bekannt. Die unmittelbare
Nähe des bronzezeitlichen Gräberfeldes läßt die Vermutung aufkommen,
im Saugarten einen germanischen Kultplatz zu sehen. Jedenfalls war der
Platz durch die unmittelbare Nähe zweier Quellen zu jeder Zeit für
menschlichen Aufenthalt besonders geeignet.
Kurfürst Vater August (1553 bis 1611) ließ bei Beginn seiner Regierung
vom Magister Humelius aus Leipzig die erste Heidevermessung vornehmen.
Mathias Oeder führte eine genauere um 1570 aus. Oeders Plan bildet noch
heute eine Zier des großen Kartensaales des Hauptstaatsarchives.
Beide Männer kannten schon den »Treybegarten« oder kurz »Garten«, d. i.
eben unser Saugarten. Humelius orientiert sogar die Kartenbeschriftung
nach der Gartenmitte. Man darf wohl annehmen, daß das System der Wege
1–8, die strahlenförmig vom Saugarten ausgingen, erst von Vater August
angelegt worden ist. Er selbst war ein großer Landmesser und es werden
sogar von ihm eigenhändig gezeichnete Karten im Hauptstaatsarchiv
aufbewahrt. Die Hauptstrahlen des mittelalterlichen Gartens sind trotz
Einführung des Schneisensystems im Jahre 1833 noch heute erhalten. Die
Radeberger Straße z. B., die vom Linckeschen Bad nach dem Jägerpark
führt, ist der alte Jagdflügel 4, der in der alten 8 seine Fortsetzung
findet und bei Radeberg endet. Die alte 5 »fehet sich an« beim
Rabenstein, d. i. das heutige Bilzsanatorium in der Lößnitz, setzt
sich über dem Garten in der alten 1 fort und »endet sich« an der
Wesenitzbrücke bei Rennersdorf »unter dem Stolpen«. Die Anlage diente
nur jagdlichen Zwecken. Hatten die Strahlen bei Oeder bereits Zahlen,
so waren die Sehnen, die die Strahlen spinnennetzartig miteinander
verbanden, noch namenlos. Unter August dem Starken (1694 bis 1733)
erschienen sie als Kreuz 4, Kreuz 5, Kreuz 6 usw. und sind zum Teil
heute noch als solche bekannt. Die Strahlen gingen damals nicht bis zum
Gartenmittelpunkt, sondern ließen einen Kreis von zirka sechshundert
Metern Durchmesser, die »Hellen«, offen.
In Moritzburg befand sich eine ebensolche Anlage; dort steht in der
Hellen das Hellenhaus, ein reizendes Schlößchen mit Ausblick nach allen
»Flügeln«. In den Hellen fanden die »Jagden auf dem Lauf«, das sind
Jagden, die mit Netzen und hohen Tüchern umstellt waren, statt. –
Über die Stärke und Anzahl des Wildes der Zeit Vater Augusts gibt
ein Jagdbuch im Hauptstaatsarchiv Auskunft. Beispielsweise fing er
(wahrscheinlich mit der Saufeder) 1585 1608 wilde Sauen. 1583 erlegte
er ein hauendes Schwein von 737 Pfund. In der Weidenhainschen Heide
streckte er einen Hirsch von 705 Pfund.
Die runde Steinsäule des heutigen Dresdner Saugartens mit den Zahlen
der Flügel ist nicht der Mittelpunkt des Gartens. Sie wurde 1920 an
Stelle einer morschen Holzsäule, deren gut erhaltene Fußnägel höchstens
vierzig Jahre alt sein konnten, gesetzt und ist ein Prellstein des
ehemaligen Prinz-Max-Palais der Ostra-Allee. Der Mittelpunkt des
Flügelsystems lag im »Rückhäusgen«.
[Illustration: Abb. 2. =Ein eingestelltes Jagen auf dem Dresdner
Saugarten im Jahre 1656=
(Nach einem Ölbild im Jagdschloß Moritzburg)]
Kurfürst Christian II. gibt 1601 den Befehl »an Schosser
(Steuerbeamter) und Oberförster zu Dresden«, »auf Dreßnischer Heide
einen neuen Saugarten beim Ascherofen« zu erbauen. Oberförster zu
Dresden war Günter. Sein Revierteil hieß »Klugenorth«. Am heutigen
Weißen Hirsch lag Hermannsorth und bei Klotzsche Rohrorth.
[Illustration: ~„Das Haus auf dem Saugarten in der Dreßdenischen Heide
erbaut 1710 von Kurfürst Friedrich August I. durch Landbaumeister
Pöppelmann Versuch eine Wiederherstellung auf Grund aufgenommener
Mauerreste.~
~O. Pusch 1926.~
Abb. 3]
Ein Ölgemälde im Schloß Moritzburg mit der Jahreszahl 1656 stellt
ein eingestelltes Jagen auf dem Dresdner Saugarten mit den Gebäuden
Christians dar. Die Jagd ergab eine Strecke von 250 Sauen und war zu
Ehren des schwedischen Gesandten abgehalten worden (siehe Abbildung).
»1706 haben die Schweden als Feind im Lande gestanden«. Die Ausführung
des Befehls des Kurfürsten Friedrich August I. (als König von Polen
August II.), an den Landbaumeister Karcher ein »neu Gebäude auff dem
in hiesiger Dreßdner Heyde gelegenen Saugarten aufführen zu lassen«,
muß auf bessere Zeiten verschoben werden. 1710 erhält Landbaumeister
Pöppelmann denselben Befehl und erbaut das Herrenhaus mit
»Jagtmaurermeister« Caspar Haußwald und Zimmermeister Georg Dünnebier
für 2156 Thaler 21 gl. und 9 Pfg. – Nach aufgefundenen Stuckresten mag
das Herrenhaus auch verwöhnteren Ansprüchen genügt haben: es enthielt
unter anderem »Zimmer vor Staatsdamen und polnische (fremde) Damen.«
Die anderwärts erwähnten Stallungen müssen hölzerne gewesen sein und
ihren Standort in einiger Entfernung vom Herrenhaus gehabt haben. Hin
und wieder findet man im Verlaufe des achtzehnten Jahrhunderts eine
Aktennotiz über den Dresdner Saugarten.
Ein Plan von 1728 im Landesamt für Denkmalpflege ist zwar nach
damaliger Sitte nicht als Plan des Saugartens bezeichnet, stellt aber,
wie man nunmehr sicher weiß, eine Lustjagd unter August dem Starken
dar. 1758 soll eine warme Stube am Saugarten vorhanden sein, um »die
Wolffsspuhren daselbst observieren zu können«.
(Die eben beendeten Schlesischen Kriege und der beginnende
Siebenjährige Krieg mögen der Vermehrung der Wölfe sehr gedient haben.
Das Wolfsdenkmal am Auer bei Moritzburg stammt aus dem Jahre 1618, doch
wohl aus einer Zeit, in der Wölfe schon selten waren.)
1804 findet man das Herrenhaus noch auf alten Karten. Die große
Forstvermessung unter Cotta 1815 kennt nur noch den Ruhegarten, das
Schlößchen ist nicht mehr. Wahrscheinlich haben die hundert Jahre
Waldleben in ziemlich feuchter Gegend dem Bau so zugesetzt, daß er
abgebrochen werden mußte. Brandreste sind nirgends zu finden. Um die
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts verschwinden auch die Mauern des
Ruhegartens. Die lange Mauer, an den Albrechtsschlössern entlang der
Bautzener Straße, der früheren »Stolpischen Straße«, soll die Reste des
Saugartens enthalten. 1924 standen auf dem Saugartengelände bereits
wieder hundertjährige Eichen und Fichten und kein Mensch hatte mehr
eine Ahnung von dem einstmals hier gelegenen Hoflager.
Nur ein kleiner Brunnen, der Kaltenborn, hatte seine Gewölbe aus jener
Zeit in die Neuzeit gerettet. Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz
besserte ihn vor kurzem aus und ließ die am Boden liegenden Grundmauern
des Saugartens genau vermessen und einen Gedenkstein »an die Zeit der
Hohen Jagd in der Dresdner Heide« errichten.
Erwähnt mag zum Schluß noch werden, daß die Heide noch die Spuren
von (z. T. erhaltenen) weiteren Saugärten aufzuweisen hat: Lausaer,
Liegauer, Langebrücker und Rossendorfer Saugarten. Oeder kennt noch
einen »Garten« am Schnittpunkt von Bautzener Straße und Prießnitzbach.
[Illustration: Abb. 1. =Eingang zum Naturschutzgebiet: »Georgenfelder
Hochmoor«=]
Zur Geschichte unserer Moore
Von Prof. Dr. _A. Naumann_
Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Von einer neuen erfreulichen Tat des Landesvereins Sächsischer
Heimatschutz ist zu berichten: »Das Georgenfelder Krummholz-Moor am
Lugstein ist von dem Verein erworben und zu einem Naturschutzgebiet
gemacht worden«. (Abb. 1–3.) Durch die fleißigen und verständnisvollen
Bemühungen des Herrn Georg Marschner, Dresden, ist aber dieses elf
Hektar umfassende Moorgebiet nicht bloß geschützt, sondern auch durch
geeignete Wege, durch Bohlenpfade und Überbrückungen der Allgemeinheit
zugänglich gemacht. Dies ist um so erfreulicher, als dieses Hochmoor
in leicht erreichbarer Nähe Dresdens das einzige einigermaßen
wohlerhaltene Moor des östlichen Erzgebirges darstellt. Gerade dieses
Moor zeigt, wie nötig ein Schutz der Moorpflanzen für unsere sächsische
Heimat geworden ist, denn, so ursprünglich uns der geschützte Teil des
Georgenfelder Moores erscheint, so sind durch Entwässern und Abbau
bisher doch einige der auf Abbildung 10 dargestellten Charakterpflanzen
verschwunden; darunter das Schlammried (~Carex limosa~), das sich
vereinzelt noch am Galgenteich entdecken läßt, die Krähenbeere
(~Empetrum nigrum~), die noch den benachbarten Kahlen Berg besiedelt,
und die Rosmarinheide (~Andromeda polifolia~), die bisher von uns nicht
wieder aufgefunden wurde.
[Illustration: Abb. 2. =Nebeltreiben im Georgenfelder Hochmoor=]
Dafür ist uns durch Frau Marschner eine floristisch wichtige
Wiederentdeckung geworden: Der herbduftende, weißblühende Strauch
des Sumpfporstes (wilden Rosmarins) ~Ledum palustre~ ist im neuen
Schutzgebiet vorhanden. An den Sandsteinklippen des Winterberggebietes
in der Sächsischen Schweiz gedeiht er noch in erfreulicher Menge,
da er sich dort durch seine Unzugänglichkeit schützt (vgl.
Heimatschutzmitteilungen Bd. I, Heft 12, Abb. 14). In meiner
Isisabhandlung: Die Vegetationsverhältnisse des östlichen Erzgebirges,
habe ich auf dieses Moorvorkommnis mit folgenden Worten hingewiesen:
»Nach einer Mitteilung des Prager Professors Domin ist in Zinnwald
auch ~Ledum palustre~ vorgekommen. Ausgeschlossen wäre dies nicht, da
Filzteich (bei Schneeberg) und die Johanngeorgenstädter Moordistrikte,
auch Satzung und Seeheide bei Neuhaus diese ostbaltische Moorpflanze
sicher enthalten.« Gerade diesem Strauch, der infolge des sogenannten
Ledumkampfers bitteraromatisch schmeckt und narkotisch wirkt, mag viel
nachgestellt worden sein, denn vielfältig ist seine Volksnutzung.
Seine Zweige, zwischen Wäsche und Pelzwerk gelegt, vertreiben die
Motten (Mottenkraut!); die Bienen lieben den Strauch, darum reiben
die Bienenväter ihre Stöcke und Körbe damit aus (Zeidheide!); auch
die Brauer bedienten sich in Ermangelung des Hopfens dieses Strauches
zum Bittermachen des Bieres, teilten ihm aber gleichzeitig eine
nachteilige, berauschende Wirkung mit. In Rußland wird übrigens ein
daraus destilliertes Öl zur Juchtenbereitung verwendet.
[Illustration: Abb. 3. =Grenzgraben im geschützten Georgenfelder
Hochmoor=]
Im westlichen Teile des Erzgebirges ist der große Kranichsee, ein
Hochmoorgebiet nahe Carlsfeld, bereits seit dem Jahre 1912 ein
sächsischer Schutzbezirk (Abb. 4)[1].
[Illustration: Abb. 4. =Verlandung eines Moorauges im großen
Kranichseemoor=]
Ein weiterer geschützter Moorteil auf dem Erzgebirgskamm ist die
nördlich von Reitzenhain gelegene, vorweltlich anmutende Mothhäuser
Heide (Abb. 5). Dieselbe wurde im November 1915 durch das
Finanzministerium in entgegenkommender Weise als Naturschutzbezirk
erklärt. Gerade dieser Teil unserer Kammoore zeigt die Moorkiefer
nicht nur in der niederliegenden, nach außen aufstrebenden Form,
sondern, wie Abbildung 6 erkennen läßt, auch die »Spirke« genannte
_hochstämmige_ Hakenkiefer, wie sie in den trockenen Randgehängen der
Sebastiansberger Moore so schön und eigenartig in Erscheinung tritt und
bis zur Höhe von sechs Metern heranwächst. Auch im westlichen Teil des
Erzgebirgskammes tritt uns diese hochwüchsige Form entgegen, und zwar
in der Nähe des bekannten, leider stark abgebauten Filzteichmoores,
nicht weit von der Forstmeisterei Hundshübel (Abb. 7 und 8). Wir
sehen eine vom Torfstechen noch unberührte Waldecke, die aus dieser
aufrechten Form gebildet ist und im Vordergrund einen schönen Bestand
von Moorheidelbeeren (Trunkelsbeere) und Krähenbeere darbietet. Diese
beiden Charakterpflanzen unserer Kammoore finden sich auch auf dem
Mothhäuser Schutzgebiet wieder und werden dort erfreulicherweise noch
durch die Rosmarinheide (~Andromeda polifolia~) wirksam ergänzt.
[Illustration: Abb. 5. =Mothhäuser Heide=]
Meist sind in einem einzigen Moore nicht alle moorbotanischen Schätze
vorhanden, besonders die seltenen Arten, zumal arktische Relikte, wie
Zwergbirke, Moltebeere und manche Seggenarten suchen wir vergeblich.
Auf dem sächsischen Anteil unserer Erzgebirgsmoore z. B. findet sich
die reizvolle nordische Zwergbirke mit ihren lederigen rundlichen
Kleinblättern nicht mehr, aber sowohl das Gottesgaber Moor, als auch
die Sebastiansberger Moore zeigen davon noch ausgedehnte Bestände (Abb.
9).
[Illustration: Abb. 6. =Mothhäuser Heide: Spirke neben Krummholz=]
Auch in dieser Hinsicht will der Heimatschutz im Georgenfelder Moor
belehrend wirken, indem er bestrebt ist, an besonders geeigneter,
eingezäunter Stelle die diesem Moore mangelnden moorgewohnten
Pflanzen zur Schau zu stellen und dem Besucher ein möglichstes
Gesamtbild deutscher Moorflora zu gewähren. In diesem »Moorgarten«
Georgenfelds sollen zugleich Moorprofile mit kurzen Hinweisen auf die
Entstehungsgeschichte dieser Jahrtausende alten Pflanzenformation
aufgestellt werden (Abb. 11).
[Illustration: Abb. 7. =Spirke am Hundshübler Torfstich nahe dem
Schneeberger Filzteich-Moor=]
Ohne naturwissenschaftliche Vorkenntnisse und Führung wird der
Laienbesucher eines Moores im ersten Augenblick enttäuscht sein:
Das wilde, unwirtliche, nur mit niedriger Sumpfkiefer bewachsene
Gelände will ihm nicht des Besuches wert erscheinen; aber bei
naturwissenschaftlicher Belehrung wird ihm dieses letzte Stück Urwelt,
diese im Witterungskampfe gestählte Vegetation, diese wundersame
Kleinwelt der Moose und Flechten immer mehr ans Herz wachsen; immer
mehr der verborgenen Schönheiten werden sich ihm entschleiern.
Wunderbar wechselnde Landschaftszüge weiß dieses Moorgelände
anzunehmen. Ich habe seine verschiedenen Jahresstimmungen kennen
gelernt: im klaren Glanze des blauenden Frühlingstages, noch immer
verbrämt mit dem Schneehermelin des Winters, im düstern Grau des
Regenhimmels, beim Fauchen des Gebirgswindes, der Schauer auf
Schauer heranwirft und die Sumpfkiefern mit Nebelschleiern umspinnt,
im Farbenbunt des Herbstes, wenn die Torfmoospolster leuchten vom
frischen Altgold bis zum sattesten Purpur und tiefsten Violett. Immer
war es gleich eindrucksvoll – ein Stück Urweltschönheit mit einem müden
Greisenlächeln. Ja, altersmüde sind unsere Moore geworden, nicht nur
durch Zutun der Menschen! Sind doch seit ihrer Entstehung Jahrtausende
verflossen. Der Mensch, jener Allherrscher auf Erden, hat sich dieser
alternden Bodendecke genaht, um Torf zu gewinnen, und hat ihr durch
Gräben und Anstichflächen schwer vernarbende Wunden beigebracht
(Schlußvignette).
[Illustration: Abb. 8. =Krähenbeere und Moorheidelbeere unter
Moorkiefern (Moor bei Hundshübel)=]
Über die _Entstehung dieser Torflager_ ist viel gegrübelt worden, und
noch immer gibt es ungelöste Probleme in Aufbau, Schichtenfolge und
Alter dieser angehäuften Moorlager.
[Illustration: Abb. 9. =Zwergbirke im Gottesgaber Moor mit Aussicht auf
Gottesgab und den Fichtelberg=]
Der Hauptbestandteil aller Moorböden ist Humus. Derselbe entsteht
durch Zersetzung absterbender Pflanzensubstanz, alterstoter Tierleiber
und Kotausscheidungen; sei es in dem _Röhrichtgürtel_ stehender
Gewässer als _Faulschlamm_ oder in dem _aufgeschichteten Blättermeer_
abgefallenen Laubes als _Moder_, sei es in der sich ansammelnden
_Nadelstreu der Wälder_ oder in dem _wurzeldurchsetzten Boden_
sumpfiger _Sauerwiesen_, sei es endlich in _torfmoosbestandenen
quelligen Mulden_ unserer Gebirge. Wenn abgestorbene Pflanzensubstanz
reichlich durchlüftet wird, so verwest sie, d. h. sie verbrennt durch
den Sauerstoff der Luft langsam zu Asche. Dort aber, wo bei angehäuften
Pflanzenmassen der Luftzutritt gehemmt ist, findet eine Art Verkohlung
statt, die sich durch Bräunung oder Schwärzung, also durch dunkle Farbe
und durch teilweisen Verlust einer deutlichen Pflanzenstruktur kund
gibt.
Solche Verhältnisse aber finden sich nicht bloß infolge dichter
Lagerschichten, sondern auch bei reichlichem Durchtränken der
absterbenden Pflanzen mit luftabschließendem Wasser, am besten
natürlich, wenn beides zusammen wirkt. Gewöhnlich treten bei diesem
Prozeß der Vertorfung Humussäuren auf, die bei mineralreichen Böden
_gebunden_ werden, aber bei mineralarmen, zumal kalkarmen Böden, als
_freie_ Säuren den meisten Pflanzen schädlich sind. Besonders schädlich
erweist sich solch saurer Humus dann, wenn gleichzeitig mangelhafte
Durchlüftung wurzelschädigend wirkt. Auch die Wurzel will bei ihrem
Wachstum atmen, d. h. durch Sauerstoffaufnahme Verbrennungswärme und
in ihr die nötige Betriebskraft zum Leben gewinnen. Da Trockenperioden
durch die allzureichliche Wasserverdunstung jeglicher Humusbildung
feindlich sind, so werden sich Moore nur in kühleren und feuchten
Erdgebieten vorfinden können, oder dort, wo durch Nebel oder Schatten
die Verdunstung gehindert wird. In den Tropen ist daher Moorbildung
selten und Schimper meint, daß dort erst von zwölfhundert Metern Höhe
an Rohhumus und Torf auftritt.
Über den Begriff des _Rohhumus_ gehen noch immer die Ansichten
auseinander. Er ist ein Produkt aus der Streudecke von Wäldern, das
allmählich in den eigentlichen Mineralboden übergeht. Buchen-Rohhumus
besteht oben aus dichtem _Trockentorf_, während sich darunter eine
_Moder_schicht ausbildet. Rohhumus bildet sich bei kühler Temperatur
und bei durch den Wald zurückgehaltener, also _geringerer Feuchtigkeit_.
Dies Wenige über Rohhumus und Trockentorf! Für uns geht es nur um
_Vertorfung der Moore_ und um _ihre Ursachen_.
Bei der überreichen Feuchtigkeit, bei der geringen Durchlüftung und
bei dem Säuregehalt können im Moore nur ganz bestimmte Pflanzenarten
gedeihen (Abb. 10). Solche Pflanzen sind unter den Holzgewächsen
die flachwurzelnden und wenig unter dem Boden hinstreichenden
Heidesträucher, welche auch durch ein Zusammenwirtschaften mit
Pilzmyzelien (~Mycorrhiza~)[2] zum Nahrungserwerb aus solch
humusreichen Böden befähigt sind. Außerdem gehören hierzu mit inneren
Luftreservoiren versehene Sauergräser, Binsenarten und Schachtelhalme
und die nur mit feinen Haftfäden die Bodenoberfläche durchdringende
Kleinwelt der Moose. Unter letzteren seien die Braumoose (~Hypnum~),
die Haarmoose (~Polytrichum~) und ganz besonders die Torfmoose
(~Sphagnum~) hervorgehoben. Bei den Sauergräsern möchte ich an die
sumpfgewohnten Riedgräser (~Carex~) mit ihrer Ausläuferbildung, und an
die Wollgräser (~Eriophorum~) mit ihrer Blatthorstbildung (Abb. 11)
erinnern. Gerade die Wollgräser verraten ja mit dem reinen Weiß ihrer
wehenden Fruchtfahnen besonders eindringlich mooriges Gelände (Abb. 12,
aus Naumann, A.: Praktische Wege des Heimatschutzes S. 14).
Bei _beginnender_ Moorbildung aus stehenden Gewässern nehmen lebhaften
Anteil die _Röhrichtpflanzen_, die fußtiefes Wasser vertragen können,
hierzu gehören Schilfrohr (~Phragmites~), Rohr- und Igelkolben
(~Typha~, ~Sparganium~) und die nordische Dreizackpflanze der
~Scheuchzeria~, ferner die Sumpfschachtelhalme, besonders ~Equisetum
limosum~. Die meisten der bisher aufgeführten Gewächse lassen die
jährlich absterbenden Blattreste oder Ausläufersprosse infolge
Luftabschlusses durch Wasser vertorfen, während sie von innen heraus
neue Sprosse treiben, wie die horst- und ausläuferbildenden Riedgräser;
wieder andere sterben im ganzen unteren Teil ab, um am oberen Ende
weiter zu wachsen, wie die vorher genannten Moose. Während die
letzteren das Moorgelände immer höher aufbauen müssen, also _Hochmoore_
(Moosmoore) entstehen lassen, werden die anderen Gewächse sich mehr in
die Fläche, also horizontal ausbreiten und mit ihren Ausläufertrieben
Neuboden in Besitz nehmen. Es werden _Flachmoore_ (Niederungsmoore,
Riedmoore, Grünmoore) gebildet.
[Illustration: Abb. 10. =Charakterpflanzen der Erzgebirgs-Hochmoore.=
(Skizzen von Theodor Landgraf)]
In _Deutschland_ nehmen die _Moorflächen_ noch immer einen großen Raum
ein. Von _Hochmooren_ seien hervorgehoben das _Bourtanger Moor_ (etwa
dreitausend Quadratkilometer), das _Teufelsmoor bei Bremen_, und
in Ostpreußen das etwa einhundert Quadratkilometer bedeckende _große
Moosbruch_.
[Illustration: Abb. 11. =Blatthorst des Scheidenwollgrases im
Gottesgaber Moor=]