II. (1836 bis 1854) gedacht, des Botanikers, dem der Schloßgarten
und die Gewächshäuser manches seltene Stück verdanken. Doch ist als
der eigentliche Gründer der botanischen Anlagen Friedrich August der
Gerechte anzusehen. Seit der Umwälzung von 1918 ist Pillnitz in das
Eigentum des Staates übergegangen. Eine Zeitlang schien es, als ob
das Schloß industriellen und Wohnzwecken dienstbar gemacht werden,
der herrliche Park aber aufgelassen werden sollte. So wünschenswert
jede Lösung unserer gegenwärtigen Wohnungsnot sein muß, der nur
bescheidene Erfolg hätte in keinem Verhältnis zu dem Verluste
gestanden, den wir und die Nachwelt erlitten hätten, wenn diese bau-
und gartenkünstlerisch hervorragende und auch historisch bedeutsame
Stätte der Allgemeinheit entzogen worden wäre. Dem wiederholt
aufgetauchten Plane, die Geleise der Elektrischen durch den Park von
Pillnitz hindurchzuführen, ist unser Verein bisher noch immer mit
Erfolg entgegengetreten. Zwar hat ein für Sachsen neuer Gewerbebetrieb,
eine Teppichweberei, Unterkunft in einem Nebenraume des Schlosses
gefunden; sie ist aber bisher nicht störend empfunden worden, und die
»Höhere Staatslehranstalt für Gartenbau«, die im alten Marstallgebäude
ihren Sitz aufgeschlagen hat, fügt sich sehr passend zu dem Pillnitzer
Schloßgarten und zu der ganzen Landschaft.
Durch den noch immer wohlgepflegten Park aber lustwandelt heute die
erholungsbedürftige, schönheitsfreudige Volksmenge, und viele der
Besucher pilgern auch durch die Schloßräume und lassen die historischen
Erinnerungen, die aus den Sälen und Kabinetten, in Ausstattungsstücken
und Bildern vor ihre Seele treten, auf sich wirken – falls ihnen der
eilige Führer Zeit zur Betrachtung gewährt und gedankenlose Mitläufer
ihr Schwatzen und Kichern einstellen. Und in der Schloßwirtschaft und
in der Mühle, im Goldenen Löwen und im Dampfschiffrestaurant staut sich
das Volk wie einst in der guten alten Zeit vor 1914.
[Illustration: Abb. 10. =Pillnitz, im Schloßgarten=]
Das _Dorf_ Pillnitz hat sich seit Menschenaltern nur wenig verändert.
Die _Schenke_, die schon vor hundert Jahren als »Gasthof zum goldenen
Löwen« bezeichnet wurde, ist am 11. April 1835 vom Gute Pillnitz
wieder abgetrennt und für 5850 Taler an Christian Friedrich Görner
veräußert worden; auch die _Mühle_ ging 1835 in den erblichen Besitz
des zeitherigen Pächters Joh. Gottlieb Wendisch über. Viel früher,
schon 1752, war die _Schmiede_, die übrigens erst seit 1720 belegt ist
(damals Schmied Christian Großer), vom Kammergut gelöst worden.
[Illustration: Abb. 11. =Pillnitz, Schloßpark, Rundtempel=]
Zu den alten Gärtner- und Häuslernahrungen sind nun eine Anzahl
schmucker Landhäuser getreten. Mancher Dresdner von Ruf hat seinen
Musensitz am Fuße der Weinberge aufgeschlagen. In einem kleinen
Häuschen unweit der Ortsgrenze an der Pillnitz-Hosterwitzer Straße
komponierte Carl Maria von Weber seinen Freischütz, die Euryanthe und
den Oberon, und zu Pillnitz lebte und starb der feinsinnige Dichter
Julius Hammer, dessen Denkmal vor der hiesigen Schule steht. Pillnitzer
Luft weht in seinem schönen Liede »Vertraue dich dem Licht der Sterne«,
und es waren wohl die Waldwege seiner Umgebung, die ihm solchen Trost
gewährten, daß er singen konnte:
»Verdammt die Welt dich in Verblendung,
So such auf stillem Waldespfad
Dir neuen Mut für deine Sendung,
Für starke Treu und freie Tat.«
Noch einmal schauen wir von der aussichtsreichen Terrasse des
Dampfschiffrestaurants auf die Pillnitzer Insel. Ihrer ersten
urkundlichen Erwähnung im Jahre 1443 gedachten wir schon, desgleichen
ihrer Verwendung bei den großen Pillnitzer Festlichkeiten. Später
diente sie der Fasanenzucht; jetzt ist die Zahl dieser stolzen Vögel,
wie überhaupt der Wildstand, auf dem Werder stark herabgemindert. Auch
mit den ältesten Erinnerungen der Dresdner an den Luftverkehr ist
die Insel verknüpft. Hier ließ sich 1834 der Luftschiffer Professor
Reichardt mit seiner Tochter nieder. Für die königliche Familie wurde
Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein Bad bei der Insel angelegt,
das aber schon längst wieder eingegangen ist. Dafür tummelten sich
auf ihrem Strande in den bewegten Tagen, die dem Zusammenbruch der
deutschen Fürstenthrone folgten, Männlein und Weiblein aus der
Nachbarschaft wie aus Dresden, die Rousseaus Ruf: »~retour à la
nature~« so gern mit »Pflege der Nacktkultur« übersetzen. Aber der
Plan, hier ein großes Freiluftfamilienbad zu gründen, scheiterte.
Die Insel ward zum Naturschutzgebiet erklärt und ist nunmehr dem
allgemeinen Besuch verschlossen. Dafür wird sie unter solchem Schutze
noch vielen Geschlechtern, die nach uns kommen, das Bild eines
selbstgewachsenen Auenwaldes zeigen, ein seltenes Naturdenkmal vor den
Toren einer Großstadt. – Mit diesem Wunsche besteigen wir den Dampfer,
der uns elbabwärts trägt; hinter uns verschwimmen Königsschloß und
Fischerdorf im Abendnebel.
* * * * *
Der vorliegende Aufsatz beruht im wesentlichen auf eigenen Studien
im Dresdner Hauptstaatsarchiv (= Zettelsammlung zum Historischen
Ortsverzeichnis von Sachsen) sowie auf A. von Minckwitz, Geschichte
von Pillnitz; Dresden, 1893 und C. Gurlitt, Beschreibende Darstellung
der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Heft XXVI.
Dresden, 1904, S. 159 ff. Daneben sind eine Anzahl von Führern (Mayer,
Schäfer, Gottschalk) und verschiedene Pillnitz betreffende Artikel in
Zeitschriften benutzt worden, auf die an den betreffenden Textstellen
verwiesen ist.
Gedenkbäume und andere Erinnerungsmale in Sachsen
Von Dr. _Stephan_, Freiberg
Der Verein Sächsischer Heimatschutz hat sich schon oft der Bäume
angenommen, die durch ihr Alter ehrwürdig sind oder durch ihren Wuchs
eine hervorragende Zierde einer Landschaft bilden, auch wohl durch
den ihnen beigelegten Namen sich vor anderen auszeichnen. Seine
Aufmerksamkeit verdient aber auch die reiche Anzahl der Bäume, die zum
Andenken an bestimmte geschichtliche Ereignisse oder an hervorragende
Persönlichkeiten gepflanzt worden sind, die Gedenkbäume. Es gibt
in unserem Vaterlande keine Stadt und kein größeres Kirchdorf, wo
nicht auf dem Friedhofe oder vor ihm, auf einem öffentlichen Platze,
innerhalb gärtnerischer Anlagen, hier und da auch auf Bergeshöhen ein
solches Erinnerungsmal den Vorübergehenden grüßte; und gar mancher
dieser Gedenkbäume erregt durch seine Größe und die Stattlichkeit
seines Wuchses Staunen und Bewunderung. Die Ortsverwaltungen hegen und
pflegen ihn; sie haben seinen Stamm mit einem Holz- oder Eisengitter
umgeben, einen kleinen Ziergarten um ihn herum angelegt, am Fuße einen
Stein mit Inschrift errichtet, um allen, die sich an ihm erfreuen, zu
sagen, wessen Gedächtnis er lebendig erhalten, an welche allgemein-
oder ortsgeschichtliche Tatsache er erinnern soll.
Leider ist solche liebevolle Pflege und solche Sorge für die Erhaltung
der Gedenkbäume nicht überall zu finden. In einem Dorfe, wenige
Wegstunden von der Residenz entfernt, steht an der Hauptstraße noch
das alte, kleine Schulhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert. Neben der
Haustür befindet sich in einem gemalten Kranze aus Eichenzweigen die
Inschrift: »Zum Denkmal des 3. Reformations-Jubiläi d. 31. Oktbr.
1817 wurde dieser Stein von der hiesigen Schuljugend errichtet und 2
Linden und 1 Eiche allhier gepflanzet.« Nebeneinander standen bis vor
wenig Jahren die drei Bäume vor dem schlichten Hause, es mit ihren
schönen Kronen beschattend. Heute sind die Zeugen der Begeisterung,
die vor hundert Jahren die Herzen der Evangelischen allüberall im
Sachsenlande erfüllte, verschwunden. Weil sie alt und morsch geworden
seien, hat man sie umgeschlagen. Sie sahen noch vor sechs bis zehn
Jahren wahrlich nicht so aus. Die Inschrift steht aber noch da.
Nicht anders ist es mit der Buche auf der Rittergutsflur Neusorge
bei Mittweida, die dankbare Hände im Jahre 1763 aus Freude über den
Frieden zu Hubertusburg gepflanzt hatten, der den siebenjährigen
schweren Kriegsleiden unseres Volkes ein Ende machte. Sie war zu
einem prächtigen Baumriesen mit einem Stammdurchmesser von einem
Meter siebzig Zentimeter emporgewachsen. Zu Beginn dieses Jahres ist
sie unter den Äxten von Arbeitern gefallen. Auch sie soll morsch und
»eine Gefahr für Vorübergehende geworden« sein. Kenner bezweifeln das,
und Natur- und Heimatfreunde beklagen das Vorgehen des Besitzers,
des Fürsorgeverbandes Leipzig, auf das tiefste. Anderwärts mußte,
wie es heißt, einem Gedenkbaume die Krone abgesägt werden, weil er
einem Neubau im Wege stand oder weil ein neuer Weg angelegt werden
sollte; die schönsten Äste eines andern entfernte man, um Fernsprech-
oder Lichtleitungen bequemer führen zu können. Hier und da liegt der
Verdacht nahe, daß ein Gedenkbaum nur deshalb hat fallen müssen, weil
aus seinem Holze ein hübsches Stück Geld zu lösen war.
Begünstigt wird die Unüberlegtheit und Rücksichtslosigkeit den
Gedenkbäumen gegenüber vielfach dadurch, daß sie sich äußerlich gar
nicht oder gar nicht mehr von anderen Bäumen im Orte unterscheiden.
Die Tafel, die verkünden sollte, zu wessen Ehren die Ortsbewohner
eine Eiche oder Linde gepflanzt haben, ist schon lange verschwunden;
Bubenhände haben sie abgerissen oder so beschädigt, daß sie entfernt
werden mußte; das Gitter um den Stamm ist verfault oder verrostet, der
Stein an seinem Fuße verwittert oder nicht mehr vorhanden. Nicht zu
selten hat man überhaupt versäumt, den Gedenkbaum mit einem Kennzeichen
zu versehen; seine Bedeutung sei ja allgemein bekannt, heißt es. Fragt
nun aber ein Freund der Heimatgeschichte einen Knaben oder jüngeren
Erwachsenen, warum und wann ein schöner, meist an hervorragender Stelle
stehender Baum gesetzt worden sei, so bekommt man fast regelmäßig ein
Achselzucken als Antwort; ältere Leute glauben zwar zu wissen, daß
ihn die Eltern oder Großeltern an einem besonderen Festtage gepflanzt
haben, aber an welchem, können sie nicht sagen. Was Wunder, wenn er,
vielleicht schon nach einem halben Jahrhundert, als ein Baum gilt wie
jeder andere und daher auch keiner besonderen Schonung und Pflege wert
erscheint.
Es möchte daher den Gemeindebehörden auch vom Verein Sächsischer
Heimatschutz angelegentlich empfohlen werden, sich der in ihrem
Geschäftsbereiche vorhandenen Gedenkbäume anzunehmen.
Es ist erstaunlich, wie groß der Reichtum an Gedenkbäumen in unserem
Vaterlande ist, wenn sich auch die Sitte, solche zu setzen, erst mit
Beginn des vorigen Jahrhunderts allgemein durchgesetzt hat. Doch fehlt
es auch nicht ganz an ihnen aus früherer Zeit. Sehen wir von den alten
Linden ab, unter denen der Überlieferung nach Luther gepredigt hat
(Prießnitz bei Borna, Ringetal bei Mittweida, hier leider nur noch ein
Stumpf) und der sogenannten Lotterlinde in Augustusburg aus dem Jahre
1584, so dürfte als ältester noch vorhandener Gedenkbaum die Linde
anzusprechen sein, die bei der zu Niederzwönitz gehörigen Brettmühle am
hundertsten Todestage Luthers (1646) gesetzt worden ist. Ihr folgen im
Alter die Linde, die nach mehrfachen Zeugnissen im Jahre 1655 an dem
hundert Jahre zuvor geschlossenen Augsburger Religionsfrieden, und die
Linde, die aus demselben Anlaß ein Jahrhundert später in dem kleinen
Dörfchen Ölsnitz in der Amtshauptmannschaft Großenhain gepflanzt
wurde. Nachdem die Hubertusburger Friedenslinde in Neusorge gefallen
ist, erinnert kein Baum mehr an das Jahr, in dem der Siebenjährige
Krieg zu Ende ging; denn auch die Friedenslinde in Löthain bei Meißen
aus demselben Jahre ist vor nicht zu langer Zeit durch Blitzschlag
zerstört worden. Um so stattlicher ist die Zahl der Gedenkbäume, die
dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert angehören. Die Rückkehr des
Königs Friedrich August des Gerechten aus der Gefangenschaft (1815) gab
den ersten Anlaß zur Pflanzung von Linden und Eichen, so in Deutzen
(A. H. Borna) und Friedrichswalde (A. H. Pirna), und von da an gibt es
bis in unsere Tage kein Ereignis von geschichtlicher Bedeutung, das
nicht durch Gedenkbäume ausgezeichnet wäre, so das Reformationsjubiläum
1817 (Annaberg, Auerbach, Blankenstein bei Wilsdruff, Konstappel,
Heynitz, Gatzen bei Groitzsch, Höckendorf, Possendorf, Röhrsdorf bei
Maxen, Struppen, Tharandt – die letzten fünf Orte gleich mit je drei
Linden), das fünfzigjährige Regierungsjubiläum des Königs Friedrich
August I. 1818 (die »Königseichen« in Borna-Stadt, Chemnitz-Schloß,
Olbernhau, Bockendorf, Reichenbrand bei Chemnitz, Neustädtel, Gelenau,
Zethau und die »Königslinden« in Zöblitz, Markersbach bei Mittweida),
die Dreihundertjahrfeier der Übergabe der Augsburgischen Konfession
von 1530 (Erdmannsdorf, Gleisberg bei Roßwein, Meißen, Kleinschirma
bei Freiberg, Hermsdorf bei Frauenstein, Vielau bei Zwickau), ferner
die der Einführung der Reformation im Herzogtum Sachsen, die 1539
erfolgte (Pegau, Regis, Thiemendorf bei Öderan), des Todestags
Luthers (Bubendorf bei Frohburg, Gostewitz bei Riesa, Hohenkirchen,
Kötzschenbroda, Neukirchen bei Borna), des Augsburger Religionsfriedens
1555 (Euba bei Chemnitz, Großnaundorf), die fünfzigjährige Wiederkehr
der Leipziger Schlacht, vor allem aber die Friedensfeier 1871, der
vierhundertste Geburtstag Luthers 1883 und das Wettinjubiläum 1889.
Dem Verfasser sind jetzt schon gegen dreihundert sächsische Gemeinden
bekannt, die am 10. November 1883 eine Eiche oder Linde, eine Buche,
einen Ahorn- oder einen Apfelbaum gepflanzt haben. Ebenso zahlreich
vertreten sind die Kaiser Wilhelm (I.)-, Albert-, Bismarck- und
Moltke-Gedenkbäume, als Zeichen der Verehrung für diese Schöpfer der
deutschen Einheit gepflanzt, sei es zur Feier ihres Geburtstages, ihrer
silbernen Hochzeit, ihres Regierungsjubiläums oder auch zum Andenken
an ihren Tod. Weiter haben die Jahre 1859 und 1905 Anlaß zur Pflanzung
von Schillerlinden, 1863 und 1913 zu der von Körnereichen gegeben. Das
Gedächtnis Heinrich Cottas, des genialen Forstmannes, lebte fort in
Eichen in Werdau, Rauschenbach, Borstendorf und in ganzen Baumgruppen
im Tharandter und im Zschopauer Walde, das des Turnvaters Jahn in
einer Eiche in Großschönau und Ernst Moritz Arndts in einer solchen in
Rabenstein. Endlich: wollte eine Gemeinde bei ihren Kindern und Enkeln
das Andenken an ein Ereignis lebendig erhalten, das ihr bedeutungsvoll
war, an ein verheerendes Schadenfeuer, die Weihe der neuerbauten Kirche
oder Schule, oder an einen Mitbürger, der sich große Verdienste um sie
erworben, oder an einen Wohltäter der Armen des Ortes, so pflanzte
sie einen Gedenkbaum; ja auch Vereine taten das an dem Tage, da sie
ihr fünfundzwanzig- oder fünfzigjähriges Bestehen feierten. Und es sei
wiederholt, es sind oft Prachtstücke, diese Gedenkbäume, die allein
um ihrer Schönheit willen gehegt und gehütet zu werden verdienen, wie
vielmehr ihrer geschichtlichen Bedeutung wegen, wenn auch nur der für
einen einzelnen Ort.
Schutz und Pflege, wie die Gedenkbäume, verdienen aber auch und haben
vielfach nötig die anderen Erinnerungsmale in Sachsen, die Denkmäler,
Denksteine und die Gedenktafeln. Ihre Zahl übertrifft die der
Gedenkbäume bei weitem.
Die Denkmäler in unseren Städten sind meist von Künstlern geschaffen,
also Kunstwerke, und sind schon um deswillen wertzuhalten, mögen sie
auch an frühere Herrscher und beseitigte Staatsformen erinnern. Nur
Unverständige können sie beseitigen, Rohlinge sie beschädigen wollen.
Aber auch die Denkmäler, denen der Kunstwert abgeht, wie die überaus
zahlreichen Obelisken und Pyramiden, die nach dem deutsch-französischen
Kriege auf den Friedhöfen oder öffentlichen Plätzen unserer Land- und
kleineren Stadtgemeinden errichtet worden sind, sollten nicht mißachtet
und vernachlässigt werden. Wenn in den letzten Jahren allüberall
Ehrenmale für die im Weltkriege gefallenen Krieger entstanden sind,
so ist das doch ausnahmslos in der Erwartung geschehen, daß nicht
nur das gegenwärtige Geschlecht, sondern auch die kommenden sich
bei ihrem Anblicke dankbar der schweren Opfer erinnern, die das
deutsche Volk in Millionen seiner besten Söhne für des Vaterlandes
Erhaltung und Freiheit gebracht hat, und angespornt werden zu gleicher
Opferfreudigkeit, wenn es not tun sollte. Ganz dasselbe haben aber auch
die Volksgenossen erwartet, die vor fünfzig Jahren ihren gefallenen
Brüdern ein Dankesmal aufrichteten, und ein jedes von diesen verdient
denselben Schutz, den die in unseren Tagen geschaffenen beanspruchen.
Am leichtesten scheinen Gedenktafeln zu verschwinden. Eine
Gedenktafel soll dem Vorübergehenden künden, daß in dem Hause,
über dessen Eingangstür oder Mittelfenster sie angebracht ist, ein
berühmter oder doch weit bekannter Dichter, Komponist, Gelehrter,
oder ein hervorragender Vertreter der Industrie, des Handels, der
Landwirtschaft, ein Wohltäter für die Gemeinde, ein hochherziger
Förderer von Kunst und Wissenschaft geboren oder gestorben ist, oder
doch längere Zeit gewohnt und gewirkt hat, wohl auch, daß ein Napoleon,
Alexander I., Friedrich der Große, ein Bismarck oder Moltke in Kriegs-
oder Friedenszeiten dort abgestiegen ist, usw. Aber das durch diese
Bewohner geweihte Haus, vielleicht aus der Biedermeierzeit stammend,
oder noch höheren Alters, will nicht mehr in seine Umgebung passen,
der Grund und Boden, auf dem es steht, kann gewinnreicher durch die
Errichtung eines Kaufhauses oder eines vielstöckigen Mietgebäudes
gemacht werden. Deshalb wird es abgebrochen, und damit verliert
sich seine Gedenktafel. So sucht man z. B. in Leipzig die Tafel,
die Gellerts Wohnung in der Rittergasse bezeichnete, und die am
Geburtshause des Mathematikers Kästner auf der Petersstraße angebracht
gewesene, in Dresden die dem Erbauer der Frauenkirche, George Bähr,
an dem Eckhause Seestraße und An der Mauer gewidmete vergeblich. Es
würde dem Bauherrn des neuen Hauses gewiß keine besonderen Mehrkosten
verursachen, wenn er an ihm die Gedenktafel des alten wieder anbringen
oder, wenn das wegen ihres Textes nicht angängig ist, eine andere
gießen läßt, auf die statt des »In diesem Hause« ein bloßes »Hier«
gesetzt wird oder auf der es nur heißt: Geburtsstätte des Dichters –.
Selbst der Ausweg, die Gedenktafel irgendwo im Inneren des neuen Hauses
anzubringen, oder doch wenigstens statt ihrer eine Inschrift, die auf
die Bedeutung des Hauses hinweist, das dem Neubau hat weichen müssen,
wie dies geschehen ist, im Hofe des Hauses Brühl Nummer 3 in Leipzig,
an dessen Stelle Richard Wagners Geburtshaus stand, ist der pietätlosen
Beseitigung des Erinnerungsmales vorzuziehen.
Viele Erinnerungsmale sind schon verloren gegangen. Daher wollen
wir die noch vorhandenen heilig halten. Sie für das Gebiet unseres
Sachsenlandes festzustellen und zu verzeichnen, bemüht sich der
Verfasser seit Jahren. Vielleicht trägt seine Arbeit nach ihrer
Vollendung dazu bei, daß die Zahl derer recht groß wird, die gern
mithelfen, das, was unsern Eltern lieb und wert war, also auch die von
ihnen gepflanzten Gedenkbäume, die von ihnen errichteten Denkmäler und
die Gedenktafeln, mit denen sie ihre hervorragenden Zeitgenossen ehren
wollten, sorglich zu schützen und zu pflegen.
Köhler, Flößer und Pecher im Erzgebirge
Von Dr. _Siegfried Sieber_, Aue
Der staatlich angestellte Waldarbeiter von heute, der in einem hübschen
Heimatschutzhäuschen wohnt, seinen Gehalt nach dem Dienstalter erhält,
dazu Ortszuschläge, Kinderzulage und Altersrente beanspruchen kann, ist
der Nachfahre der ehedem erbärmlich im Walde hausenden Köhler, Pecher
und Flößer.
»Wild, wüst, wölfisch«, sagt der Erzgebirgschronist Lehmann, war
damals weitum der Wald, drin der Kohlenbrenner schürgte. Einst grub er
Erdmulden, warf Holz und Reisig hinein, überdeckte dies mit Erde und
ließ den Brand darunter langsam schwälen, bis die Grubenkohle fertig
gebrannt war. Später lernte er den kunstvollen Meiler bauen.
Auf ebenem lehmigem Boden, locker mit Rindenstückchen und Fichtennadeln
bedeckt, damit Wasser durchsickern konnte, grenzte er kreisrund die
Kohlstatt. Eine Stange, das Quendelholz, stieß durch die Mitte,
trocknes, mürbes Brennholz ward herumgehäuft und die Zündrute daran
geschnürt. In vier Stockwerken schichtete das Kohlholz sich hoch
zur Form eines gewölbten Backofens. Fichtenreisig, Erde und Rasen
vermummten den Meiler luftdicht, ließen nur die Zündstelle und ein
paar Zuglöcher nahe am Boden offen. Gegen den Wind baute der Köhler
eine Wand von Wurzelstöcken. Dann ward der Aufbau nach fünf oder sechs
Tagen strenger Arbeit vollendet, und mit den Worten: »Walts Gott!«
ließ der Meister die Flamme zur Mitte des breiten Rundbaues laufen.
Der grobe Schürbaum stieß während des zehn Tage langen Brandes weitere
Löcher in die Decke. Auch wurde von oben aus noch eine ganze Menge Holz
nachgeschüttet, wenn das Kohlholz im Meiler sich langsam verzehrte.
Besonders gefährlich war es, wenn der Köhler auf einem Stamm, dessen
Äste als Leitersprossen zugestutzt waren, zum Kranz des Meilers
emporkletterte, um Luft zu schaffen oder den Kranz abzudecken. Wie
oft brach der einsame Wäldner dabei durch und verbrannte elendiglich
im eigenen Meiler! Dann konnten Plattenschmieden und Hammerwerke
vergeblich harren, wer ihnen die rauchende Ware ins Kohlhaus brächte.
So lange die schwarze Kuppe rauchte, mußte der Köhler im niedrigen
Kohlkram hockend bei ihr wachen. Tagsüber hackte er Holz für den
nächsten Brand zurecht. Zum Abdecken holte er sich einen Gehilfen,
sofern er nicht schon für die anstrengenden Nachtwachen einen bei sich
hatte. Ins nächste Dorf kam er selten hinunter. Man glaube nicht, daß
die Köhlerei längst vorüber sei. Im neunzehnten Jahrhundert war sie
noch gar lebhaft. Die größte Holzverkohlung Sachsens lag im Bereich der
Blumenau-Görsdorfer Flöße an der Flöha. Gegen dreißig Männer kohlten
dort im Walde. Freilich seit Stein- und Braunkohlen auf Eisenbahnen ins
Erzgebirge rollten, schrumpfte die Köhlerei, und gegen 1900 rauchten
nur noch wenige Meiler bei Zöblitz und Hirschenstand, bei Morgenröthe
und Carlsfeld. Jetzt kann man Köhler noch bei der Arbeit sehen hinter
Sosa im Walde am Auersberg. Sie liefern für bestimmte Gießereizwecke
Holzkohlen nach Aue.
Noch schneller strandete die Flößerei. Einst wiegten alle
Erzgebirgsflüsse das Holz der Wälder ins Niederland. An den
Steilhängen der Waldufer blinkten die Scheite und Schnittflächen der
frischgeschälten Stämme wie Silberanbrüche. Eichen erseufzten unter der
Axt, graue Tannen rutschten in Runsen bergein. Auf dem Kälberplan bei
Crottendorf gab eine Tanne allein dreizehn Klafter Holz, und nahebei
am Katzenstein fällten sie eine Fichte, die über vierzig Meter hoch
ragte. Geschworene Holzschläger hafteten für Auswahl und Aufbereitung
der Stämme. Brettbäume, zu Bauholz geeignet, kamen ins Wasser, dagegen
schlechte Stämme wurden der Köhlerei überwiesen. Windbruch, Leseholz
und Gnadenholz für Bäcker, Schulmeister und arme Leute wurden an ihre
Bestimmungsorte geschleift. So schrieb es Vater Augusts berühmte
Holzordnung aus dem Jahre 1560 genau vor.
Glashütten und Hammerwerke fraßen ihre Nachbarwälder kahl. Noch ärger
wüstete der holzhungrige Bergbau. Drum bauten die großen Bergstädte
lange, künstliche Floßgräben, um Grubenholz aus entfernten Wäldern
heranzuschwemmen. Schneeberg begann damit 1546. Noch heute ist
der wundervolle Flößgrabenweg von Bockau über Aue nach Schneeberg
ein beliebtes Ziel der Wanderer. Nächst ihm ist unter den vielen
sächsischen Floßgräben der Aschergraben bei Altenberg der bekannteste.
Für Annaberg legte Senator Georg Öder 1564 eine Holzflöße an. Der
Graben ward allmählich bis zum Bärenstein verlängert. Er endete auf
dem Floßhof, im jetzigen Stadtpark am Fuße des Pöhlberges. Außerdem
zogen die Annaberger jährlich dreitausend Klafter aus dem Pöhlbach,
während auf der Sehma das Holz vom Nachbar des Fichtelberges, dem
Eisenberg, herabbefördert wurde. Auf der Mittweida stießen sich in
jeder Flößzeit eintausend Klafter nach Crottendorf und Scheibenberg.
Flöha und Zschopau, Schwarzwasser und Mulde legten ihren Holztribut
auf Floßplätzen und Holzangern nieder. Im sechzehnten Jahrhundert
verpachtete der Kurfürst noch den Flößbetrieb, später saßen
staatliche Floßmeister zu Lauter, Olbernhau oder Eibenstock, ja in
Mittweida-Markersbach haftete der Schulmeister für den Floßanger. Der
Name Floßplatz bei Wolkenstein erinnert ebenfalls an die Flößerei.
Bisweilen gab es wohl auch Kämpfe um die Flöße, wenn z. B. adelige
Herren den Holztransport auf der Mulde nach Zwickau nicht gestatten
wollten und von Schloß Stein oder Wiesenburg die Floßknechte
beschossen. Doch im neunzehnten Jahrhundert entkräfteten Eisenbahnen
mit billigen Frachten sowie Fabriken, die den Flüssen für ihre
Betriebsgräben Wasser entzogen, die alte Flößerei. 1872 ging die letzte
Floßanstalt, 1878 der letzte Holzhof ein.