der Wisent während der ersten Zeit der deutschen Verwaltung zeigte,
hatte er zu meiner Zeit zwar größtenteils bereits wieder abgelegt,
doch konnte er wenigstens winters über die ihm durch eine jahrelange
Gewohnheit anerzogene Eigenheit nicht ganz verleugnen, und so mußte
daher um diese Zeit sein Bild den Eindruck, den man von dem urigen
Wilde hatte, noch immer ungünstig beeinflussen. Anders war es schon,
wenn man ihn abseits von den Futterstellen im dichtesten Walde
begegnete, ihm hier vielleicht beizukommen versuchte und dann zuschauen
durfte, wie die Tiere, flüchtig geworden, durch den schneeverhangenen,
winterlichen Wald dahinstürmten. Mit einer seltenen Deutlichkeit steht
mir da noch das Bild einer Herde in Erinnerung, die ich wenige Tage
später antraf und sich in so hastigen Fluchten meiner Gegenwart entzog,
daß trotz der hohen, schalldämpfenden Schneedecke der Boden doch noch
immer unter ihren Tritten dröhnte und lange noch, nachdem sie den
Blicken entschwunden war, eine dichte Wolke von den unterwüchsigen
Fichten aufgewirbelten Schnees den Weg bezeichnete, den sie genommen
hatte. Und nicht minder unverwischbar in der Erinnerung haben sich
dann die Begegnungen eingegraben, die ich in der sommerlichen
Jahreszeit nach meiner im April 1918 erfolgten Versetzung nach
Bialowies mit dem Tiere hatte und die mir das reckenhafte Wild in
seiner ganzen ursprünglichen Schönheit und Wildheit zeigten. So stieß
ich – aus der Fülle der Erinnerungen sei hier diese eine mitgeteilt
– beispielsweise am 15. Mai 1918 in einem von unterwüchsigen Fichten
reichlich durchsetzten Laubholzbestand, der von drei Seiten von schwer
zu begehendem Sumpf- und Bruchwald umgeben war, mit der vierten aber
an einen freien, noch aus russischer Zeit herrührenden Kahlschlag
angrenzte, auf eine ruhende Herde von schätzungsweise fünfzehn bis
zwanzig Köpfen. Die Tiere hatten sich am Boden niedergetan oder
standen, der lästigen Insekten wegen lebhaft mit den Wedeln peitschend,
im Schatten der Bäume. Ein starker Stier, neben einem im Winter
beobachteten Einzelgänger wohl der stärkste der von mir gesehenen,
stand etwas abseits und uns – in meiner Begleitung befand sich noch
einer unserer Jäger – am nächsten; er schien mit dem ihm zweifellos
zukommenden Amt des Alterspräsiden noch das des Wächters der Herde
zu bekleiden. Die Entfernung zwischen uns und der Herde mochte etwa
zweihundert Meter betragen. Vorsichtig pirschten wir uns von Baum zu
Baum bis auf vierzig bis fünfzig Meter an sie heran. Der Stier war,
trotz aller beobachteten Vorsicht beim Anpirschen doch schon etwas
unruhig geworden, er hob – wie ich glaube deutlich gehört zu haben,
unter einem leisen, verhaltenen Grollen – windend den ursprünglich
gesenkten Kopf und peitschte erregter mit dem Wedel. Seine Unruhe
schien auch auf einige der ihm zunächst befindlichen Kühe übergegangen
zu sein, wenn eine nur geringe Wendung ihrer Köpfe in der Richtung
unseres Standortes einen dahingehenden Schluß gestattete. Immerhin
blieb uns Gelegenheit, das sich für immer ins Gedächtnis eingegrabene
Bild, das die Herde in den urwüchsigen Bestande bot, in dessen grünem
Dämmer einige leuchtende Sonnenflecken umherirrten, längere Zeit auf
uns wirken zu lassen. Erst als wir uns von neuem, jetzt allerdings
ein weites Stück fast deckungslos, weiter anzupirschen versuchten,
kam ein erhöhteres Leben in die Tiere. Die uns am nächsten stehenden
Kühe trotteten, ursprünglich allerdings noch recht gemächlich, als
hielten sie die Gegenwart von Menschen gar nicht für so bedeutend,
rückwärts, die am Boden ruhenden erhoben sich und folgten ihnen nach,
bis dann auf einmal, völlig unvermittelt, alles zu einer wilden Flucht
wurde. Nur der Stier stand noch an seinem Platze, regungslos, uns
zugekehrt und den Kopf tief gesenkt. Dann richtete er ihn hoch auf,
blähte unter deutlich grollendem Schnaufen die Nüstern – es sah aus,
als ob er uns annehmen wollte, und ich muß gestehen, daß in diesem
Augenblick ein leichtes Zittern meinen Körper durchlief –, wandte sich
aber dann rückwärts, zunächst ebenfalls noch ganz bedächtig, so wie es
anfangs auch die anderen Tiere getan hatten, stürmte aber dann nach
dieser gemächlichen Wendung in um so hastigeren Fluchten, daß Erdreich
und Laub hoch emporwirbelten, der eben den Blicken entschwindenden
Herde nach. »Heute habe ich es begriffen, was der Wisent für den Wald
bedeutet, und mehr denn je wünsche ich, daß dieses an ferne Urzeiten
erinnernde Wild ihm auch dauernd erhalten bliebe. Mit dem Schwarzwild
– die vorhergegangene, unverhoffte Begegnung mit der führenden
Bache in der Wildnis des Sumpfwaldes hat dieses Empfinden nur noch
verstärkt –, dem Rotwild und dem sich hoffentlich wieder einstellenden
Elch würde der Wald für den Zoologen und Jäger ein Paradies werden,
wie es in Europa ohnegleichen wäre«. Nicht ohne eine große Wehmut
wiederhole ich heute, nachdem wir alle unsere an Bialowies geknüpften
naturschützerischen Hoffnungen haben zu Grabe tragen müssen, meine
damals unter dem frischen Eindruck des eben Gesehenen und Erlebten
niedergeschriebenen Worte.
[Illustration: Abb. 2 =Wisent im Winter= Bialowies 1918]
Das Dröhnen des Bodens, das Knacken brechender Zweige und junger
Bäumchen, das hinter den Flüchtigen herklang, war verstummt. Vorsichtig
folgten wir der Herde, die in einem, namentlich von jüngerem Holze
dicht bestandenen Erlenbruch verschwunden war, in der Erwartung,
sie nochmals zu Gesicht zu bekommen. In dem Bruch, das – wie die
aufgefundenen Spuren bewiesen, den ständigen Aufenthalt der Herde
bildete –, war aber leider nicht mehr an die Tiere heranzukommen.
Obwohl in ihm die Deckung eine ganz vorzügliche war, war doch
bei der Dichte des Pflanzenbestandes und dem manchesmal kaum zu
bewältigendem alten Fallholz das Vordringen nicht immer ganz lautlos
zu bewerkstelligen. Noch ehe wir es erwartet hatten, kaum vierhundert
Meter vom ersten Standort der Herde entfernt, erhob sich dicht seitlich
von uns ein Getöse, das das vorher Gehörte noch übertrumpfte, in das
laute Knacken und Brechen grünen und dürren Holzes klangen deutlich
grollende Schnauftöne hinein: die Herde, an die wir, wie wir aus den
Spuren feststellen konnten, bis auf nur knappe zehn Meter herangekommen
waren, war zum zweiten Male vor uns flüchtig geworden.« –
Einige Angaben über die Größe des ehemaligen Wisentbestandes dürften
hier nicht uninteressant sein.
Nach der sehr sorgfältigen Zusammenstellung von B. Szalay[6]
betrug die Zahl der in Bialowies vorhandenen Wisente im Jahre 1832
siebenhundertsiebenundsiebzig Stück, sie stieg von da an ständig,
bis sie mit eintausendachthundertachtundneunzig Stück im Jahre 1857
ihre Höchstzahl überhaupt erreichte. Dann sank sie wieder, vor allem
auch unter den Wirkungen der polnischen Revolution, bis auf nur noch
fünfhundertachtundzwanzig Stück im Jahre 1872. 1882 war der Bestand
wieder auf sechshundert angewachsen, verminderte sich in den folgenden
Jahren aber von neuem (1885: dreihundertvierundachtzig und 1889:
dreihundertachtzig Stück) und hatte danach mit etwa siebenhundert
Stück im Jahre 1899 eine nochmalige erfreuliche Steigerung erfahren.
Ebenfalls wieder mit gegen siebenhundert wird der Bestand für die Jahre
1903 und 1909 angegeben, worauf er aber infolge einer Wildseuche, die
als Folge einer geradezu unsinnigen Übervölkerung des Waldes mit Wild
auftrat, auf kaum sechshundert Stück im Jahre 1911 zurückging. Doch
erholte er sich auch jetzt wieder; für 1914 bezifferte Escherich auf
Grund vorgefundener russischer Unterlagen die Zahl der vorhandenen
Tiere auf siebenhundertsiebenunddreißig und für 1915 gibt ihn Szalay
(nach Oberst von Spieß) mit siebenhundertsiebenzig an.
Unter den vernichtenden Wirkungen der Kriegshandlungen aber erlitt
der 1914/15 noch so erfreuliche Bestand seine bis dahin schwerste
Schädigung; eine anfangs 1916 von der deutschen Militärforstverwaltung
vorgenommene Schätzung bezifferte die Menge der vorhandenen Tiere auf
nur noch einhundertundfünfzig bis einhundertundsechzig, dem traurigen
Abglanz eines besseren Einst! Was viele nicht zu hoffen wagten, geschah
jedoch noch einmal: der Bestand erholte sich auch jetzt wieder und
unter der sorgsamen Hege der Militärforstverwaltung stieg die Zahl der
Tiere bis auf gegen zweihundert zur Zeit der erzwungenen Räumung des
Gebietes. Die letztere aber vernichtete mit einem Schlage alle unsere
Arbeit und besiegelte den endlichen Untergang des Bialowieser Wisents.
Über die ehemalige Höhe des Kaukasusbestandes sind wir weit
unvollkommener unterrichtet; der russische Zoologe Filatow, der
zum Studium des Tieres von 1909–1911 drei Reisen in den Kaukasus
unternommen hatte, schrieb, daß die Zahl der hier vorhandenen Wisente
»schwerlich weniger als hundert betragen, andererseits aber wohl kaum
an tausend herangereicht haben dürfte«.
Das Waldgebiet von Bialowies, wenn ich hier noch einige wenige Worte
darüber sagen darf, bedeckt eine Fläche von gegen dreizehnhundert
Quadratkilometern und kommt damit an Größe fast dem ehemaligen
Herzogtum Altenburg gleich. Es bildet ein einziges großes,
zusammenhängendes Waldmeer, das im Norden, Westen und Süden
größtenteils in Wiesen- und Feldlandschaften übergeht, im Osten aber
in feuchte Niederungen, mit Erlen- und krüppelhaften Fichtenbeständen
oder in weite baumlose Sumpfflächen ausläuft, die weiter östlich in
den Pripjetsümpfen ihre Fortsetzung finden. Forstlich setzt sich
der Wald zusammen aus der Kiefer als den verbreitetsten Waldbaum
überhaupt und der meist sekundär auftretenden Fichte sowie einer Anzahl
Laubholzarten: Hainbuche, Eiche, Winterlinde, Spitzahorn, Esche,
Ulme, Birke, Aspe und Schwarzerle. Diese Bäume bringen es zu ganz
erstaunlichen Wuchsleistungen und überraschen den Besucher des Waldes
durch ihre gewaltigen Höhen ebensosehr wie durch die Schönheit ihrer
Wuchsformen. Die größte von uns gemessene Fichte beispielsweise war
zweiundfünfzig Meter lang, Höhen von fünfundvierzig bis sechsundvierzig
Meter bei Stammstärken von einem Meter und darüber waren etwas ganz
normales. Kiefern maß ich bis zu achtunddreißig Meter, Laubbäume, wie
Eichen, Linden, Eschen usw. bis zu fünfunddreißig Meter und darüber und
selbst Birken und Aspen blieben in ihrem Höhenwachstum nicht hinter
diesen Maßen zurück. Überaus reizvoll war die große Mannigfaltigkeit
und der bunte Wechsel der Bestandsformen. Üppigster Laubwald, in
dem bald durch das Vorherrschen der Hainbuche ein ganz eigenartig
wirkendes grünes Halbdunkel herrschte, das dem Photographen nur zu oft
seine launischen Tücken offenbarte, und der an anderen Stellen wieder
durch stärkeres Auftreten der Eiche und dem Einstellen der Kiefer ein
lichterer wurde und dann eine nicht nur blütenreiche, sondern ganz
besonders auch eine farbenbunte Bodenflora im Gefolge hatte, wechselte
ab mit dunklen Fichtenbeständen, in denen die grüngoldenen Moospolster
am Boden oft eine so eigenartige Wechselwirkung zu dem Silbergrau der
flechtenüberzogenen Stämme bildeten; nassestem Bruchwald, in dem bald
Fichten und Erlen überwogen, bald aber auch wieder andere Laubhölzer
die Erle verdrängten oder die Fichte zur allein herrschenden
Holzart wurde, und in dem das Eindringen oft überaus schwierig war,
ja manchesmal fast zur Unmöglichkeit wurde, schloß sich trockenster
Kiefernwald auf Sandboden an, in dem eingesprengte, weißstämmige Birken
und unterständige Fichten nicht selten die malerischsten Wirkungen
hervorbrachten. Dazwischen hinein schoben sich von Sauergräsern
bestandene Moorwiesen, an deren Rändern Fichten und Erlen, Kiefern und
Birken kümmerten, oder eigenartig wirkende Waldmoore, deren wachsende
Sphagnumpolster mit dem Sumpfporst und der braunroten Moosbeere die
beginnende Hochmoorbildung verrieten. Meistens fehlten zwischen
den einzelnen Bestandsformen alle vermittelnden Übergänge; ein nur
geringer, dem Auge gar nicht auffallender Bodenunterschied und der
dadurch bedingte Wechsel in der Höhe des Grundwasserstandes ließen
die eine Form fast immer unvermittelt und schroff aus der anderen
hervorgehen. Begegnete man dann in diesem Wald dem Wisent, so konnte
man sich in jene entlegene Zeiten zurückversetzt wähnen, in denen
auch noch der deutsche Wald das gleiche Aussehen besaß und in seinem
dämmernden Grün ähnliche Urwaldrecken ihr Wesen trieben. –
Die lange Zeit und bis fast in die Gegenwart hinein heiß umstrittene
Frage, ob in Europa nur ein oder zwei Wildrinder vorgekommen sind,
ist heute endgültig entschieden; wir wissen, daß zwei: der Ur und der
Wisent, noch in historischer Zeit hier nebeneinander lebten. Neben
aufgefundenen Resten des Ures, der sich bis ins siebzehnte Jahrhundert
hinein am längsten in Polen gehalten hat, besitzen wir auch einige alte
Abbildungen von ihm[7], die uns aufs überzeugendste die grundlegenden
Unterschiede zeigen, die ihn von seinem Vetter, dem Wisent, trennten.
Daß beide, der Ur sowohl wie der Wisent, ehedem auch unser heutiges
Sachsenland bevölkerten, kann als unbedingt sicher gelten, wenn wir
auch über ihr Vorkommen im Lande keinerlei geschriebene Kunde besitzen
und daher leider auch ihrem Verschwinden bei uns heute nicht mehr
nachkommen können. Am frühesten wohl ereilte dem Ur[8] sein Schicksal.
Nach Szalay bis ins siebente Jahrhundert nach Christi die häufigste
der beiden Wildrindarten, starb er in Süddeutschland aber schon im
neunten oder zehnten Jahrhundert aus und dürfte um die Jahrtausendwende
auch den meisten übrigen deutschen Gauen bereits gefehlt haben. Am
längsten hat er sich in Deutschland in Ostpreußen gehalten; Szalay
neigt aber im Gegensatz zu der verbreiteten Annahme, daß in einigen
Wäldern daselbst noch um 1450 Ure wild lebten, zu der Auffassung, daß
er auch hier schon im vierzehnten Jahrhundert ausgestorben gewesen ist
und die späteren Erwähnungen des Tieres sich auf eingeführte masovische
Ure beziehen. In Polen lebte er, wie schon erwähnt, noch etwas
länger; er wurde hier zwar ebenfalls im dreizehnten oder vierzehnten
Jahrhundert selten, kam in einigen kleinen Beständen aber doch noch
bis zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts vor. Der letzte überhaupt
starb im Jahre 1627. Wir gehen nach dem eben gehörten wohl kaum fehl,
wenn wir das Verschwinden des Ures in Sachsen in die Zeit um die erste
Jahrtausendwende verlegen.
[Illustration: Abb. 3 =Bruchwald in Bialowies= (Aufenthaltsgebiet des
Wisents)]
Länger als der Ur hat sich der Wisent gehalten; sein Vorkommen in
freier Wildbahn ist für eine ganze Anzahl deutscher Landschaften
noch für spätere Jahrhunderte als das des Ures belegt; der letzte
freilebende deutsche Wisent ist um die Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts in Ostpreußen seinem Schicksal erlegen. Über sein
Aussterben in Sachsen liegt ebenso wie über das des Ures ein
ungelüftetes und vielleicht kaum noch zu lüftendes Dunkel; vielleicht,
das er bei uns etwa gleichzeitig mit dem Ur verschwunden ist, möglich
aber auch, daß er sich wie in anderen deutschen Gauen auch in Sachsen
noch etwas länger zu halten vermocht hat.
Kunde von dem ehemaligen Vorkommen von Wildrindern in unserem
Vaterlande geben uns noch einige auf »Auer« usw. lautende Ortsnamen,
von denen Szalay in seiner fleißigen Zusammenstellung »Der Wisent
im Ortsnamen« (Zoologische Annalen 7, 1915, Seite 1–80) aus Sachsen
zehn (?) nennt und ihnen noch Weißensee bei Zittau (im Jahre 1360 =
Wisensee) als möglicherweise, aber nicht unbedingt, auf den Wisent
zurückgehend angliedert. Die Gemeinde Taura bei Burgstädt leitet ihren
Namen ebenfalls von dem Ur (= Tur) ab und führt neuerdings (das sei
hier zur Nachahmung in ähnlichen Fällen empfohlen) daher auch ein
Wildrind in ihrem Gemeindesiegel. Es stellt allerdings nicht den Ur,
sondern den Wisent dar.
Lange nach seinem Verschwinden aus freier Wildbahn begann der Wisent
in unserem Vaterlande nochmals eine nicht unbedeutende Rolle zu
spielen; er wurde, wie das auch anderwärts geschah, neu eingeführt und
in besonderen Wisent-(Auer-)Gärten gehegt und gezüchtet; Szalay, dem
besten Kenner der Geschichte des Wisents, verdanken wir darüber die
umfangreiche und wertvolle Arbeit »Wisente im Zwinger« (Zoologischer
Beobachter 57–60, 1916–1919). Unser Sachsenland hat an der Wisenthege
einen besonders großen Anteil gehabt, und es bereitet nicht nur dem
Zoologen viel Freude, sondern ist auch kulturgeschichtlich von großem
Interesse, an der Hand der leider nur recht spärlich fließenden Quellen
der Geschichte der Wisenthaltung weiter nachzugehen.
Die ersten nachweisbaren Wisenteinführungen in Sachsen erfolgten zu
Beginn des siebzehnten Jahrhunderts; eine Angabe von Koepert in dessen
»Jagdzoologisches aus Altsachsen[9]«, daß 1717 der Wisent in Sachsen
zuerst genannt wird, ist ein Irrtum und mutet etwas eigentümlich an,
nachdem er unter seinen Quellen auch von Schimpff aufführt, der den
älteren Nachweis beibringt. Wenn Szalay (»Wisente im Zwinger«) es
für nicht ausgeschlossen hält, daß bereits unter der Regierungszeit
Friedrichs des Weisen (1486–1525), der Hochmeister des Deutschordens in
Preußen wurde und daher in engere Fühlung mit dem Lande kam, das die
ersten Wisente lieferte, Wisente in Sachsen eingeführt worden sind,
so fehlen uns dafür doch (Szalay weist selbst darauf hin) jegliche
Unterlagen. Erst unter dem tierliebenden und leidenschaftlich der
Jagd huldigenden Kurfürsten Johann Georg I., der an Stelle eines noch
im vorhergegangenen Jahrhundert errichteten Löwenzwingers 1612 ein
eigenes Löwenhaus bauen und den alten Jägerhof bedeutend vergrößern
und verschönern ließ – die Weihe desselben fand 1617 statt – hören wir
von Wisenteinführungen; von Schimpff berichtet uns, daß der Kurfürst
eine wertvolle Menagerie errichtete und für diese »weiße Rehe, schwarze
Füchse, Gemsen, Auerochsen, barbarische Schafe, Renntiere, Dromedare,
indianische Mäuse, nordländische Katzen und Paviane« aus »aller Herren
Länder« kommen ließ. Die Auerochsen sind natürlich Wisente gewesen, die
ohne allen Zweifel aus Ostpreußen bezogen wurden.
In einem Verzeichnis des von seinem Nachfolger, dem Kurfürsten Johann
Georg II., während der Jahre 1657–1680 erlegten Wildes werden sechs
»Büffel« als zur Strecke gekommen aufgeführt, und es ist wohl möglich,
daß wir unter diesen Wisente zu verstehen haben. Szalay vermutet, daß
sie »der Kurfürst gewiß im eigenen Wildparke züchtete und jagte«.
Unter seinen Vorfahren scheinen nach Ausweis des von diesen erlegten
Wildes Wisente noch nicht gejagt, aber möglicherweise schon zu den
damals so beliebten Tierkämpfen und Kampfjagden, die unter August dem
Starken und seinem Nachfolger in Sachsen ihre größte Blüte erlangten,
verwendet worden zu sein. Das »~Theatrum europaeum~«, 1685, z. B.
berichtet, daß am 3. Februar 1651 auf dem Schloßhof zu Dresden eine
»Hatz« abgehalten wurde, bei der »ein Beer mit einem grimmigen
Büffel-Ochsen sehr lustig und wohl gekämpffet« hat. Unentschieden muß
hierbei noch bleiben, ob unter dem Büffelochsen bereits ein Wisent oder
ein Hausbüffel zu verstehen ist, da beide Tiere zu den Kampfjagden
Verwendung fanden und wenigstens in den späteren Berichten dann auch
immer auseinandergehalten werden. So hören wir z. B., daß zu einer
1721 im Löwenhaus zu Dresden veranstalteten Kampfjagd ein Löwe, ein
Tiger, drei Bären, vier hauende Schweine, ein Keiler, eine Bache,
ein Auer- und ein Büffelochse verwendet wurden, während auf einer
anderen, 1739 im Jägerhof abgehaltenen, zwei Bären, ein Auerochse und
ein Stier auf dem Platze blieben, und von einem vierten, am 8. Februar
1740 veranstalteten Kampfjagen es unter anderem heißt: »Der Auerochs
gab der Mauleselin mit den Hörnern einen Stoß, womit er ihr den Leib
aufschlitzte«. Die in den Berichten erwähnten Auerochsen sind immer
Wisente gewesen.
[Illustration: Abb. 4 =Der Ur nach Herberstains »Moscovia«=, Wien 1557
(»Die gemain nent den Bisont, ich aber Aurox«)]
Unter Friedrich August dem Starken (1694–1733) und seinem Nachfolger,
Friedrich August II. (1733–1763), die beide neben der sächsischen
Kurwürde ja auch noch die polnische Königswürde bekleideten, geschahen
die Wisenteinführungen im großen; sie erfolgten in der Hauptsache wohl
oder sogar ausschließlich aus Polen, dem neuen Herrschaftsgebiete
der beiden Fürsten, das an Wisenten ja noch sehr reich war. Ob, wie
Szalay auf Grund eines am 21. Juli 1733 veröffentlichten kurfürstlichen
Patents, in dem es heißt: »Nachdem wir entschlossen, unterschiedene
Stücke Auer und dergleichen Wild aus dem Auergarten bei Königsburg
in das Freie zu lassen«, annimmt, damals auch noch preußische Tiere
vorhanden waren, möchte ich vorläufig hier noch unentschieden lassen;
ich vermute, daß der Ausdruck »Königsburg« gar nicht auf Königsberg
in Preußen zu beziehen ist, sondern eine lokale, mit Moritzburg (dem
»Königsschloß«) in Verbindung stehende Bedeutung hat, wie ich an einer
anderen zeitgenössischen Stelle Schloß Moritzburg als die »Königsburg«
bezeichnet fand. Zwei Jahre vorher war ja auch erst ein Transport
Wisente aus Litauen (Polen) eingetroffen.
Die in dem eben genannten Patent erwähnte Aussetzung ins Freie geschah
in der Liebenwerdaer Heide (nördlich Elsterwerda, in der heutigen
Provinz Sachsen); Koepert berichtet darüber, daß der Kurfürst im Juni
1733 den Oberhofjägermeister von Wolffersdorff den Auftrag dazu erteilt
hat, und gibt dann das Bestätigungsschreiben des letzteren wieder,
in dem es u. a. heißt: »Ew. Kgl. Hoheit haben gestrigen Tages mir
mündlichen gnädigst Befehl zu erteilen beliebet, daß ich neunundvierzig
Stück derjenigen Auer, so seither in dem Auergarten im Amte Moritzburg
erhalten werden, nach Liebenwerda und dasiger Gegend ins Freye schaffe«
usw. Über den weiteren Verlauf der Aussetzung erfahren wir aber leider
nichts; eine Nachprüfung der Koepert als Quelle gedienten, nach
ihrem Standort im Hauptstaatsarchiv von ihm bedauerlicherweise aber
nicht näher bezeichneten Archivalien und im Anschluß daran weitere
Nachforschungen waren mir bisher noch nicht möglich. Bemerkenswert ist
es aber, daß bei der Auflösung des Auergartens zu Kreyern die nach v.
Schimpff unterm 29. Juli 1793 das Hofjournal verzeichnet, der dabei
noch vorhandene Bestand an Wisenten ebenfalls nach der Liebenwerdaer
Heide überführt worden ist.
[Illustration: Abb. 5 =Der Wisent nach Herberstains »Moscovia«=, Wien
1557 (»Die gemain nent den Auroxen, ich aber den Bisont«)]
Zeitlich vielleicht ungefähr zusammen mit der ersten Aussetzung des
Wisents in der Liebenwerdaer Heide oder nur um ein weniges später
erfolgte ein weiterer Aussetzungsversuch in Grethen bei Grimma, über
den wir als einzige bisher bekannte zeitgenössische Quelle Doebels 1746
erschienene »Jäger-Practica« besitzen. Es heißt dort in Kap. 3 (Vom
Auerochsen): »... sondern es sind auch welche im Freien bei Grehden
vor einigen Jahren ausgesetzt worden[10]«. In dem sich dieser Angabe
unmittelbar anschließendem Satze: »Die Vermehrung ist aber doch so
stark nicht von denselbigen hier in Deutschland, als wo sie in ihrem
ordentlichen Vaterlande sein. Ob sie gleich alle Jahre brunften, so
gehen und bleiben sie doch sehr vielfältig gelte«, die sich zunächst
ganz allgemein auf die in Deutschland überhaupt gehegten Wisente
bezieht, ist aber wohl gleichzeitig auch ein Urteil über die Grethener
Tiere mit enthalten, über deren weitere Geschicke wir dann aber
ebensowenig etwas erfahren, wie über die bei Liebenwerda ausgesetzten
Wisente.
Die im Lande eingeführten Tiere fanden zunächst wohl in Moritzburg
Aufnahme, wo bereits vor dem Jahre 1703 einige Stallungen vorhanden
waren, die auf einem alten Baurisse des Schlosses ausdrücklich als
Auerochsen- und Büffelställe bezeichnet sind. Im Jahre 1727 richtete
man dann an der Dresden–Großenhainer Straße auf Kreyener Revier
(westlich von Moritzburg) einen eigenen Auergarten ein, an den heute
noch die Auerschänke die Erinnerung aufrecht erhält. Über die Zahl
und die Zeiten der erfolgten Wisenteinführungen sind wir bisher nur
auf das allerdürftigste unterrichtet; sicherlich sind die vorhandenen
Quellen, die uns hierüber Auskunft geben können, bei weitem noch
nicht erschlossen. Von Koepert hören wir nur, daß im Jahre 1731 eine
Anzahl Wisente aus Litauen in Kreyern eintraf und Freiherr von Friesen
(Beiträge zur Jagdchronik des sächs. Hofes. Tharandter Forstl. Jahrb.
15, 1863, 304) vermeldet, daß nach dem Hofjournal vom 14. April 1747
der Posthalter Opfermann »von Warschau anhergekommen sei und zwei
Auerochsen in Kasten mitgebracht habe«. Auch über die Mengen der in
Moritzburg und Kreyern vorhanden gewesenen Tiere erfahren wir nur
wenig; nach Koepert befanden sich 1740 im Friedewalder (Kreyener)
Auergarten fünfundzwanzig junge Wisente, im November 1742 elf ebenfalls
junge in Moritzburg. Diese Angaben und vor allem auch die Zahl der 1733
nach Liebenwerda überführten Tiere (neunundvierzig Stück) lassen auf
das Vorhandensein von zeitweilig recht ansehnlichen Mengen schließen.
– Die Auflösung des Kreyener Auergartens erfolgte, wie wir bereits
hörten, im Jahre 1793 und die damals in ihm noch vorhanden gewesenen
Wisente wurden nach der Liebenwerdaer Heide überführt. Mit dieser
Nachricht endet für uns die Geschichte der Wisenthege in Sachsen;
ihre Kenntnis ist, wie aus unseren Darlegungen hervorgeht, noch eine
recht lückenhafte, und dem Historiker bietet sich daher eine dankbare
Aufgabe dar, sie weiter klarzulegen. Insbesondere wäre es von großem
Wert, weitere Kunde über die in der Liebenwerdaer Heide und bei Grethen
erfolgten Aussetzungen und ihre Erfolge zu erhalten. –
[Illustration: Abb. 6 =Das Augsburger Bild des Urs nach Hamilton Smith=]
[Illustration: Abb. 7 =Siegelmarke der Gemeinde Taura= bei Burgstädt
mit Wisent-(nicht Ur-)Darstellung]
Des Interesses halber sei hier noch erwähnt, daß in den Jahren um
1770 in den europäischen Großstädten ein nordamerikanischer Bison
herumgeführt und zur Schau gestellt wurde. Auch in Dresden wurde er
gezeigt, scheint hier aber nicht allzuviel Interesse gefunden zu
haben. In »Einige Nachricht von dem allhier, und neuerlich zu Leipzig
fürs Geld gezeigten Bisont oder Buckelochsen« in den Misc. Saxonia VI,
1772, S. 162–164 nämlich lesen wir: »Da dieses Thier hier unter dem
Namen eines Americaners herumgeführt und aus denselben eine so große
Seltenheit gemacht worden; So hat ein gewisses inländisches Wochenblatt
eine kurze und richtige Beschreibung desselben gegeben, worinnen
zugleich gezeigt wird, daß der Bison jubatus eben kein so fremdes
Thier gewesen sei. Der Name ist ... wahrscheinlicherweise deutschen
Ursprunges. Das Thier selbst ist vom Auerochsen [= Wisent. Der Verf.]
wenig unterschieden. Masecov hat ... das Bild des Bisont (Wisent, oder
Wesent, wie es von alters hier in Deutschland hieß) stechen lassen, und
es hat mit dem herumgeführten alle Aehnlichkeit ... Hieraus erhellet
einigermaßen, daß der hier so genannte Americanische Bison jubatus
nichts anders als der große wilde Auerochse, oder Waldochse, den man
sonst in Litthauen, in der Ukraine, in Pohlen, Preußen, Pommern u. s.
w., also ganz in der Nähe findet, und daß dieses eigentliche Vaterland
etwan die nördliche Gegend von Europa sey. Hier in Dresden hat der
Herumführer nicht eben viel Beyfall und fast gar keine Bewunderer
seines Bisonts gefunden, und die ihn ja für sehenswert gehalten, werden
eben nicht bedauern, daß er nunmehr in Berlin mit Hunden und einem
seiner Stiefgeschwister, dem Auerochsen, gehetzt werden soll ... Beydes
also, die wenige Seltenheit sowohl, als die gegenwärtigen Zeitläufte,
machen uns dergleichen Neuigkeiten vollkommen entbehrlich«.