»Nachricht« es nicht bekannt gewesen zu sein scheint, daß Wisente noch
kurz vor seiner Zeit in Dresden zu den Kampfjagden verwendet wurden
und daß sie lebend jedenfalls noch in unmittelbarster Nähe der Stadt,
im Kreyener Auergarten vorhanden waren. Denn dieser wurde ja erst 1793
aufgelöst und enthielt zu dieser Zeit bestimmt noch einige Wisente.
Fußnoten:
[3] Europas letzte Wisente. Zeitschr. f. Vogelsch. u. a.
Gebiete des Naturschutzes 2, Berlin 1921, 63–73. –
Meine Begegnung mit dem Wisent in Bialowies und die
Geschichte seines Unterganges. ~a~) Pallasia, Zeitschr.
f. Wirbeltierkunde, herausgeg. v. Rud. Zimmermann. 1,
1923/24, 55–64. ~b~) Helft uns den Wisent erhalten! Eine
Werbeschrift, herausgeg. v. d. Int. Gesellsch. z. Erhaltung
d. Wisents, 1923, 15–25.
[4] »Die Wisente, die anscheinend durch die ständige Fütterung
vollkommen an den Menschen gewöhnt waren, trotteten (beim
Einmarsch der deutschen Truppen) teilweise neben den
Kolonnen her, vielleicht in der Annahme, daß es Futterwagen
wären. Es machte keine Schwierigkeiten, bis auf zehn
Schritte an die Herden heranzukommen ... Leider wurde
bei dieser Gelegenheit so manches Stück dieses fast ganz
ausgestorbenen Wildes ... niedergeknallt« (Hpt. Gruber in
»Bialowies i. d. V.«, S. 6).
[5] »Stumpfsinnig standen die Kolosse dem Futterstadel
zugewandt im nahen Stangenholz. Nahezu unbeweglich,
das mächtige Haupt gesenkt, warteten sie dort, eigene
Nahrungssuche verschmähend, daß ihnen der Tisch gedeckt
werde« (G. Escherich, Bialowies i. d. V., S. 200).
[6] Wisente im Zwinger. Zoologischer Beobachter 57–60, 1916–19
besonders 60, 1919, Seite 124 folg., 149 folg.
[7] Eine der bekanntesten und trotz einer gewissen Steifheit in
der Darstellung auch wertvollsten Abbildung verdanken wir
dem österreichischen Gesandten Freiherrn von Herberstain,
der um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts den Ur sowohl
wie auch den Wisent in Polen kennen lernte und beide (wohl
noch in seinem Besitze befindlichen ausgestopften Stücke)
zeichnen ließ und die Zeichnungen mit Beschreibungen der
Tiere in seiner 1557 in Wien erschienenen »Moscovia«
veröffentlichte. Ein anderes Urbild ist das sogenannte
»Augsburger Urbild«, das der englische Zoologe Smith gegen
Anfang des vergangenen Jahrhunderts bei einem Augsburger
Altertumshändler entdeckte und 1827 in einer guten
Wiedergabe veröffentlichte. Leider aber ist das Original
inzwischen wieder verloren gegangen. – Die Herberstainschen
Abbildungen sowohl wie das Augsburger Urbild habe ich
unseren Ausführungen beigegeben.
[8] Der für den Ur (oder das Urrind) vor allem nach dem
Vorbilde Nehrings gebrauchte Name Auerochs bezieht sich gar
nicht auf diesen, sondern ist, wie der gründlich schürfende
Szalay nachgewiesen hat, eine erst um die Mitte des
fünfzehnten Jahrhunderts in Aufnahme gekommene Bezeichnung
für den Wisent, dessen Name seit etwa 1600 so gut wie
vergessen war und erst nach 1850 wieder gebraucht wurde,
sich allgemeiner aber erst nach 1870 einbürgerte. Seiner
verhängnisvollen Doppelsinnigkeit wegen (er hat in der Tat
auch bereits große Verwirrungen angerichtet) sollte der
Name Auerochs daher zugunsten der klaren Bezeichnungen Ur
und Wisent auch gar nicht mehr gebraucht werden.
[9] Beilage zum Jahresbericht des Vitzthumschen Gymnasiums in
Dresden aus dem Schuljahre 1913/14, Dresden 1914. – Es
ist allerdings bedauerlich, ja direkt unverständlich, daß
der Verfasser auf die bei allen derartigen Arbeiten ganz
selbstverständliche Standortsangabe der von ihm benutzten
Archivalien verzichtet. Dadurch hat er nicht nur die
Benutzung seiner sonst so verdienstvollen Arbeit ungemein
erschwert, sondern auch ihren Wert künstlich erheblich
herabgedrückt.
[10] Ist in dem, erst nach der vom Kurfürsten Friedrich August
bereits im Juni angeordneten Überführung von Wisenten nach
der Liebenwerdaer Heide, am 21. Juli veröffentlichten
Patent, das keinerlei Angaben über den oder die Orte der
Aussetzungen enthält, schon ein unausgesprochener Hinweis
auf die Grethener Aussetzung enthalten? Szalays Angabe
(Wisente im Zwinger): »1746 (mit Fußnote: »Oder etwas
früher«) hat man in Grethen bei Grimma einige Wisente ...
ausgesetzt«, muß nach dem oben gehörten in »Einige Jahre
vor 1746« abgeändert werden.
Vom Aschberg zum Kiel
Von _Paul Apitzsch_, Oelsnitz i. V.
Mit sieben photographischen Aufnahmen von Curt Sippel, Plauen
Ein klarer Wintertag liegt über den Waldbergen des südöstlichen
Vogtlandes. Ich steige mutterseelenallein von _Klingenthal_ auf
steilen, eisbekrusteten Pfaden zum Ortsteil Körnerberg empor. Im
Schnee vergraben, hocken am Hange die letzten Hütten. Tief unten das
engbebaute Zwotatal. Gegenüber ein blendendweißes, dunkelgesäumtes
Wiesenband zu beiden Seiten des Markhausener Baches mit dem bewaldeten
Nebelberg (758,9 Meter) und dem kahlen Falkenberg (744,3 Meter).
Südostwärts weiterwandernd, ändert sich urplötzlich die Szenerie. Von
den gewundenen Wegen der »Quittenbachalpen« aus wird ein wahrhaft
alpiner Tief- und Fernblick gegen Süden frei. Kurz hinter Kamerun
wird zum ersten Male die Schneekuppe des Aschberges sichtbar. Rechts,
gegen Süden, erscheinen die Graslitzer Berge: Hausberg, Eibenberg und
Grünberg; dahinter breitgelagert Glasberg und Muckenbühl sowie die
prachtvolle Silhouette des Königs im Grenzgebirge, des Silberbacher
Spitzberges (994,3 Meter). Jenseits des Waldgutes _Untersachsenberg_
nimmt die sächsisch-böhmische Grenzstraße den Charakter eines
ausgesprochenen Kammweges an. Schneidender Höhenwind peitscht und biegt
die Vogelbeerebereschen am Wege. Brennendrote Fruchtbündel hängen
noch immer im Geäst, und schillernde Krammetsvögel streichen lautlos
von dannen beim Nahen menschlicher Tritte. Allmählich erschließt sich
nordwärts der Blick in die Täler des Brunndöbra- und Steindöbrabaches,
während anderseits immer noch das böhmische Gipfeltriumvirat
Glasberg-Muckenbühl-Spitzberg das Landschaftsbild beherrscht. Ein
alter, siebzigjähriger Schwaderbacher Einwohner, der mit schwerer Bürde
am Gestänge des Wegrandes ausruht, bezeichnet mir die Grenzstraße als
»evangelische Strassen«. Tatsächlich ist hier die politische Grenze
identisch mit der konfessionellen.
[Illustration: Abb. 1 =Aus Schwaderbach=]
Der nun folgende Ortsteil »Grenzstraße« schneidet genau das sächsische
Untersachsenberg von dem böhmischen _Schwaderbach_ (Abb. 1), dessen
graues katholisches Gotteshaus inmitten verstreuter Holzhütten aufragt.
Der Weg erreicht bei Grenzstein 600 den Ort _Obersachsenberg_. Beim
Waldgut Obersachsenberg weder links, noch rechts abbiegen, sondern den
steilansteigenden Grenzweg geradeaus. Oberhalb der zweiten, struppigen
jungen Buche, unweit der letzten, höchsten Hütten von Schwaderbach und
Aschberg, da, wo die im Schnee verschütteten Steingeröllmauern des
Gipfelplateaus beginnen, steht in etwa neunhundert Meter Seehöhe der
_Grenzstein 606_. Hier stoße den Wanderstab in die kristallene Kruste
des Hartschnees; hier halte inne und schaue rückwärts. Denn hier bei
Grenzstein 606 am Westhange des Aschberges, nicht auf dem Gipfel des
Aschberges, ist, meiner persönlichen Auffassung nach, _der bedeutendste
Aussichtspunkt des gesamten Vogtlandes_.
[Illustration: Abb. 2 =Blick gegen Böhmen=]
Im zweiten Jahrgange seiner Monatszeitschrift »Das Vogtland und seine
Nachbargebiete« warf Kurt Arnold Findeisen die Preisfrage auf: Welches
ist der hervorragendste Aussichtspunkt des Vogtlandes? Ich beteiligte
mich an dem Preisausschreiben, sprach dem Silberbacher Spitzberg die
Siegespalme zu und heimste einen Preis ein. Heute, zehn Jahre später,
bin ich andrer Ansicht. Ich habe seitdem auf meinen Wanderfahrten kreuz
und quer durchs Vogtland mancherlei Neues geschaut, aber nirgends einen
Fernblick gefunden, der sich messen könnte mit dem vom Grenzstein 606
aus. Nach Einheitlichkeit, Geschlossenheit, Großzügigkeit und Eigenart
steht für mich auch heute noch der Silberbacher Spitzberg an erster
Stelle. Aber die allseitig geschlossenen, starren Waldkonturen und
der Blick auf ein beinahe unbebautes Gelände verleihen der Rundschau
vom Granitgipfel des Spitzberges etwas unsagbar Totes, Einsames,
Gedrücktes. Es fehlt das Belebende menschlicher Wohnstätten, das
Abwechselnde in Form und Farbe, das Frohe und Freudige. Und gerade
das bietet der Blick vom Grenzstein 606 aus in überreichem Maße. Die
zahllosen, verstreuten Häuschen und Hüttchen von Schwaderbach und
Quittenbach, von Ober- und Untersachsenberg, von Brunndöbra, Steindöbra
und Georgenthal, die stattlichen Gotteshäuser und Schulgebäude im Tal,
die schmucken Stätten der Industrie und anheimelnde Landhäuser im
Heimatstil geben dem Bilde etwas ungemein Liebliches. Graue Sträßchen
und schmale Fußsteige ziehen im Sommer von Haus zu Haus durchs grüne
Gelände. Wedelnde Wäsche auf schwanken Leinen in den Farben der nahen
Tschechoslowakei, weiß, blau und rot, flattert im Bergwind vor den
Hütten. Überall wird das Grün der Hänge und Hügel unterbrochen und
belebt von bunten Farbflecken.
Heut’ freilich ist alles in einfache Formen und einheitliche Farben
gegossen. Wuchtig hebt sich Terrasse über Terrasse, reiht sich Kuppe an
Kuppe (Abb. 2). Alle Einzelheiten verwischt, alles Kleinliche getilgt,
die ganze weite Winterwelt in blendender Größe als Einheit vor uns
hingestellt.
[Illustration: Abb. 3 =Neuschnee am Aschberg=]
Im Westen glutet blutigrot der Feuerball der scheidenden Sonne. Rasch
senkt sich Dämmerung über das Waldland. Wie mit krallenden Fingern
kriecht und klettert die Dunkelheit aus den Tälern herauf zu meinem
sonnigen Hochsitz. Und dann kommt das Schönste. Wie ein Lichtlein nach
dem anderen in tausend Fensterchen aufglimmt, wie mählich die Linien
der Ferne und die Umrisse der Nähe zergehen, wie aus der stärker
einsetzenden Nacht immer zahlreicher und deutlicher die stillen
Lichter aufflammen und wie schließlich ein irdisches Sternenheer in
schier überirdischer Schönheit uns entgegenleuchtet. In den Tälern
die Lichtflecken gehäuft, an den Hängen die Lichtfünklein weiter
voneinander entfernt, auf den Höhen hier und da ein einsames Leuchten.
Und ganz in der Weite der fleckenlose, fahle Schein fernabgelegener
größerer Ortschaften. Das Bellen eines Hundes, das Rattern eines
Eisenbahnzuges, sonst kaum ein Geräusch in weiter Runde.
Kurz vor der Schlafenszeit der Waldbewohner erreicht die Schönheit des
Lichterglanzes ihren Höhepunkt. Und dann verlöscht ein Fünklein nach
dem anderen. Nur einigen wenigen fleißigen Arbeitsbienen oder wohl
auch fröhlich-faulen Zechern leuchten die letzten Lichter, bis auch
diese verlöschen und rabenschwarz die Bergnacht über dem Grenzgebirge
liegt.
[Illustration: Abb. 4 =Waldwand=]
So stehe ich lange, lange mit schmauchendem Pfeiflein am Grenzstein
606, sehe den Wintertag schwinden und die Winternacht heraufziehen,
sehe das Lichtermeer des südvogtländischen Musikwinkels kommen und
gehen und steige in später Stunde hinab zu den Wohnstätten der
schlafenden Waldbewohner. –
[Illustration: Abb. 5 =Straße Klingenthal–Auerbach= (Steindöbra)]
Am anderen Morgen, in aller Herrgottsfrühe, geht’s empor zum _Gipfel
des Aschberges_. (Abb. 3.) Winterpracht! Rauhreif liegt über den
Höhen. Jede junge Fichte eine Kristallkrone, jede Kiefer ein
Gespenst, jedes Wacholderbäumchen eine duftigzarte Filigranarbeit.
Alle Formen einseitig verzerrt. Die dünnen Stangen des Wildgatters
sind zu breiten Brettern, die Bretter zu Balken geworden. Am Boden
ragen die starren Stengel des Wegerichs, die buschigen Schäfte der
Schafgarbe und zierlich mit Eisnadeln besetzte Dolden über die
Schnee-Ebene. An der unbewaldeten Seite des Gipfels ziehen zahllose
parallele Skifahrerfährten geradlinig dahin. Die glatten Felsen des
Kulminationspunktes mit der Triangulierungssäule (939,5 Meter) sind
an der Wetterseite mit gewellten Eisplatten bekrustet. Von Böhmen
herüber schieben sich Nebelschwaden vor und geistern zwischen einseitig
bereiften Fichtenstangen. (Abb. 4.) Und nun steuere ich weglos nach
der Senke zwischen Aschberg und Großem Rammelsberg, um bei Grenzstein
624 die von Obersachsenberg nach Morgenröthe führende Waldstraße zu
erreichen. Die Nebelfetzen wachsen an zu Wolkenbalken, und da die
von Schneemassen überwuchteten Grenzsteine kaum erkennbar sind, ist
größte Aufmerksamkeit erforderlich. Trotz der frühen Morgenstunde ist
die Waldstraße belebt von Skifahrern, die auf leichten Brettern nach
der rechts des Weges gelegenen Kurt-Seydel-Sprungschanze gleiten.
Der mächtige Holzbau, heute überzuckert mit Rauhreif und Neuschnee,
wurde 1923 vom Wintersportverein »Aschberg« errichtet und bietet
prächtige Blicke hinab ins Tal und empor zu den Waldhängen des 962,7
Meter hohen Rammelsberges. Ich aber biege links ab und folge den
blauen Zackenzeichen des Erzgebirgskammweges bis zur Staatsstraße
»Klingenthal–Auerbach« (Abb. 5). Im »Buschhaus« zu _Mühlleithen_
halte ich Mittagsrast und breche, um vor Anbruch der Dämmerung den
Abendzug in Muldenberg zu erreichen, zeitig auf. Mein Nachmittagsziel
ist der 941,3 Meter hohe _Kiel_. Es ist dies kein eigentlicher Berg,
sondern ein Gebirgsstock, der sich in einer Gesamtflächenausdehnung
von fünfundzwanzig Quadratkilometern stufenförmig aus den Tälern des
Steinbaches, der kleinen Pyra, der Boda, des Sau- und Silberbaches,
also im Wasserscheidengebiet Mulde–Eger, aufbaut und von einem
Vasallenkranz von zwölf Vorbergen umgürtet wird. Das Aschberggebiet mit
seiner dichten Besiedelung, mit seinen Skihütten und Sprungschanzen
tritt von Jahr zu Jahr mehr aus seiner Wintereinsamkeit heraus.
An klaren Wintersonntagen wimmeln seine Hänge von skifahrenden
Naturgenießern. Am Kiel, bei Winselburg und um den Schneckenstein,
steht schweigend der weite Winterwald. Der Massensportbetrieb konnte
hier noch nicht festen Fuß fassen. Es fehlen die waldlosen, geneigten
Flächen, und wenn auch hier und da zwischen weitständigem Hochwald eine
Blöße lagert, so gibt es am Kiel doch zu viele Fichtendickungen, die
dem Sportsmanne das Fortkommen erschweren. Und doch lockt mehr als
eine breite Schneise den Fahrer zu Tal. (Abb. 6.) Weite Fernsichten
lassen die Höhenwanderer nicht los, obwohl schon dämmerig lange
Baumschatten über den Weg huschen.
[Illustration: Abb. 6 =Am Kiel=]
Außer den sieben Häuschen von _Winselburg_ gibt es am Kiel keine
Siedlung. Die blinkenden Fenster der allerobersten Hütte schauen weit
hinaus nach Norden und Osten, hinüber zu den Waldbergen des westlichen
Erzgebirges, auf Kuhberg und Auersberg (Abb. 7), die von hier aus
bei starkem Schneebehang des Hochwinters nicht als graue Waldrücken
erscheinen, sondern als leuchtendweiße Schneewände über tieferliegende
dunkle Vorberge und Talgründe emporragen.
[Illustration: Abb. 7 =Blick nach dem Auersberg=]
Lebe wohl, mein Wintersonnenland! Wenn des Vorfrühlings Föhn wieder
über grüne Waldwipfel fegt, dann: Auf Wiedersehen am Aschberg und Kiel!
Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt
– Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden
Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz bietet seinen Mitgliedern und
Freunden eine
Weihnachtsgabe von unvergänglichem Werte
in dem »=Jahresring deutscher Festspiele=« von
Valerie Friedrich-Thiergen:
_Vom Bornkindel über den Maienbaum zum Knecht Rupprecht_
Die Dichterin, eine der begabtesten, die dem sächsischen Stamme erblüht
sind, umspannt in zehn Dramen alle Festzeiten des Jahres: Weihnachten,
Ostern, Pfingsten, Totensonntag, aber auch die alten deutschen
Volksfeste des Dreikönigabends, der Fastnacht, des Maienbaums. Sie
hat sich für ihr Werk in gedrungenem Aufbau und echt volkstümlicher,
kernhafter Sprache einen »eigenwüchsigen Stil« geschaffen, der die
Seele im Innersten packt und ergreift und in der Erfassung der
Ewigkeitswerte fördert. Mit ihrer Mischung von tiefgründigem Ernst
und schalkhaftem Humor eignen sich diese Festspiele ebensogut zu
beschaulicher Lektüre, wie zum Vorlesen am Familientische, wie zu
dramatischer Aufführung in kleineren und größeren Volkskreisen. Valerie
Friedrich-Thiergens Werk ist etwas ganz Besonderes und kann auch durch
keinen zweiten Band vermehrt werden, da die Dichterin am 19. November
1924 von allen, die sie kannten, aufs tiefste betrauert, eines frühen
Todes verstorben ist.
* * * * *
Der künstlerisch sehr gelungene Einband ist vom Professor Georg Erler
gezeichnet, die Geleitsworte sind von Otto Eduard Schmidt und Karl
Reuschel geschrieben worden. Der Preis des in Halbleinen gebundenen
Buches ist 3 M., bei direkter Übersendung vom Landesverein Sächsischer
Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24, ausschließlich 30 Pfg.
Postgeld und Verpackung.
_Außerdem vermittelt auch jede Buchhandlung die Bestellung._
»_Aus grauen Mauern und grünen Weiten_«
Schauen und Sinnen auf Heimatwegen
von _Gustav Rieß_
5. Band der Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz,
Dresden-A.
»Endlich!« rief ich frohgelaunt aus, als ich in der Vereinsleitung die
Neuerscheinungen mir ansah – »endlich ein Buch von Gustav Rieß!« Und
gleich nahm ich es unter den Arm und machte mich daheim drüber her.
Daß es etwas Gediegenes sein würde, dafür bürgte mir ja der Name des
Verfassers, daß er mir aber Augenblicke so hohen Genusses bereiten
würde, das hätte ich selbst bei meiner hochgespannten Erwartung nicht
zu hoffen gewagt.
»Wer ist Gustav Rieß?« höre ich aus dem Leserkreis fragen? Nun, lieber
Vereinsbruder, du stehst sicher noch nicht lange in unseren Reihen,
sonst müßtest du’s wissen. Zu deiner Entschuldigung sei immerhin
zugegeben, daß der Träger dieses Namens in letzter Zeit seinen Mund in
unseren Vereinsberichten lange nicht aufgetan hat, aber wir Älteren
und Alten aus der Heimschutzarbeit, wir wissen, wer Gustav Rieß ist!
Wir wissen, welche Fülle von Liebe, von Treue und Aufopferung für den
Heimatschutz in diesem Manne sich einet. Haben wir nicht oft schon
in den Vereinsabenden zu seinen Füßen gesessen und seinen Vorträgen
gelauscht, haben wir nicht so oft seine Beiträge in den grünen Heften
gelesen, und war es uns nicht dabei immer, als müßten wir dem Manne,
der solches zu sagen und zu schreiben wußte, die Hand drücken in
Verehrung und Dankbarkeit, ihn, den die Liebe zur Heimat zum Dichter
macht, aber auch zum berufenen, klug wägenden Berater in allem, was der
Heimat frommt; zum Vorkämpfer und Führer in den Reihen unseres Vereins?
Wie es nicht mehr gut angängig ist, den Namen Kursachsen auszusprechen
oder zu lesen, ohne dabei an den Kursächsischen Wandersmann Otto Eduard
Schmidt zu denken, so wird es nach Erscheinen dieses Buches und seinem
hoffentlich recht tiefen Eindringen in die Bevölkerung nicht mehr
möglich sein, den Namen der alten Bergstadt Freiberg zu nennen, ohne
dabei sich an Gustav Rieß zu erinnern.
Denn dieser altersgrauen Stadt droben im Erzgebirge gehört Dienst,
Lebe und Leben unseres Verfassers. Als technischer wissenschaftlicher
Beamter, als Stadtbaurat, wirkt er in Freiberg. Und fürwahr, in
keine treuere Hand, an kein wärmeres Herz hätte der Rat wohl das
bauliche Geschick seiner Stadt legen können. Denn der Posten eines
Stadtbaurates ist gerade in unserer Zeit, die zu erwachen begonnen hat
aus dem bleiernen Schlafe, des Stumpfsinns in Kunst- und Bausachen,
im Rate wohl jeder deutschen Stadt einer der wichtigsten. Auf wie
viele Spuren am segensreichen Wirken unseres Freundes trifft der
aufmerksame Beobachter, der Kenner von Freiberg, bei seinen Gängen
durch die alte Stadt! Und hätte Rieß weiter nichts getan, als das in
der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, in spießbürgerlichem Sinne
so arg verschandelte Rathaus wieder herauszureißen aus Kleinlichkeit
und Kümmerlichkeit, sein Name würde allein dieserhalb in der
Stadtgeschichte leben. Mit seinem Buch aber tritt Gustav Rieß weit
hinaus aus dem Mauerring von Altfreiberg.
Wohl singt und klingt’s von altem sächsischen Bergmannsgeist, von
Freiberger Bürgertreue und Freiberger Gelehrsamkeit in den Blättern
des Buches, aber die Seele des Werkes ist so deutsch schlechthin, daß
dieses ganz gewiß ein Freund in den Häusern jeden deutschen Stammes
werden kann. Neben gründlichen wissenschaftlichen Hinweisen, besonders
baukünstlerischem und geschichtlichem Inhaltes enthüllt sich in dem
Werk ein so schönes, geläutertes Menschentum, eine so reine Naturnähe,
eine so wohltuend belebende Wärme ohne alle falsche, so oft als
»poetisch« mißverstandene Sentimentalität, daß das Buch ganz besonders
unsrer heranwachsenden Jugend in die Hand gegeben werden sollte, um so
mehr, als es doch auch an Romantik, aber an echter, kernhafter, in den
Blättern beileibe nicht mangelt.
Ich will nichts näheres aus dem Inhalt dieses neuen, des fünften Bandes
unserer Vereinsbücherei berichten, so sehr mich’s dazu auch treibt.
Es ist alles gut, rein und echt. Ein Heimatbuch, wie es nicht gleich
wieder erscheinen dürfte. Darum – nehmt und genießt, was der Verfasser
Euch bringt, der Mann, der in unseren Vereinsheften einmal das Wort
fand von der Heimatliebe, die mit der Abendröte zieht übers Land –
freut Euch seines Schaffens und dankt es ihm dadurch, daß Ihr sein Werk
eindringen lasset in die weitesten Schichten unseres Volkes – denn
dieses Buch, es verdient’s!
Gerhard Platz.
Preis M. 4.-- geschmackvoll gebunden, Großoktav, 380 Seiten
Bestellkarte in diesem Heft!
Lehmannsche Buchdruckerei
Dresden-N.–Obergraben.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Ansonsten wurden unterschiedliche Schreibweisen insbesondere
bei Namen wie im Original bebehalten. Die Darstellung der
Ellipsen wurde vereinheitlicht.