Aus den Ateliers seiner Meister heraus ging Altenkirch schon als

Schüler eigene Wege. An seinen Landschaftsstudien aus dieser Zeit kann

man, wenn er sie einmal aus den Winkeln seines Ateliers hervorholt,

beinahe den Monat bestimmen, in dem er sich von den manchmal fast

zu »schönen« Farben Brachts freimacht und die herberen Farbenreize

der Landschaft sucht, für die ihn Neigung und Hegenbarths Einfluß

empfänglich macht. Er sucht die einfachere, herbere Landschaft, in der

Brachts majestätische Baumschläge und die dekorativ geballten Wolken

sich gleichsam schlichter geben. Er sucht und findet sie. Noch als

Studierender entdeckt er 1903 den Dresdner Heller für sich, für seine

Malerei. Es ist die scheinbar karge Landschaft, in der später seine

Meisterschaft reifte.

Im Sommer 1906 verläßt er die Akademie – nun ist er Maler. Der große

Traum ist erfüllt. Aber das Leben ist nicht leicht. Er schlägt sich

kümmerlich durch. Als Malgebiet erwählt er sich die Muldenlandschaft

um Siebenlehn, Reinsberg und Biberstein. Außer den Motiven für

seine Malerei ziehen ihn zarte Fäden in das alte Studiengebiet

– in Siebenlehn fand er die Gattin. Außer in der baumreichen

Muldenlandschaft findet er seine Motive im Kamenzer Teichgebiet, um den

Deutsch-Baselitzer Großteich, der Hegenbarths bevorzugtes Studiengebiet

war. Es ist die Zeit der »Elbier«, denen zusammen mit Ufer, Dorsch,

Fritz Beckert, Bendrath, Hegenbarth, Wilkens, Georg Erler auch

Altenkirch angehört. Seine Kunst geht nach Brot. Es ist trotz mancher

Bildverkäufe ein so karges Brot, daß Altenkirch nahe daran ist, der

Kunst Lebewohl zu sagen und wieder auf die Bockleiter des Stubenmalers

zu steigen.

In jenen kritischen Tagen kommt ihm der Zufall zu Hilfe. Altenkirch

hilft dem Maler Georg Erler bei der Herstellung der Dekorationen

für ein Fest des Dresdner Alpenvereins. Sein handwerkliches Können,

die Vertrautheit mit dem Material, der Leimfarbe, kommt ihm dabei

zu statten. Und als Erler der freigewordene Posten eines leitenden

Theatermalers der damaligen Hoftheater angeboten wird, verweist er

auf Altenkirch, der für diese Aufgabe alle Voraussetzungen mitbringt:

künstlerische Berufung und handwerkliches Können. Graf Seebach, der

damalige Intendant, und Geheimrat ~Dr.~ Adolph, der zu jener Zeit in

der Theaterleitung tätig war, sahen, was Altenkirch konnte. Altenkirch

selber traut sich nicht recht. Die Bescheidenheit des Malergesellen

hemmt ihn. Graf und Geheimrat – vor den Trägern solcher Titel wird er

schüchtern. Er schreckt vor dieser ihm ganz und gar nicht vertrauten

Welt, vor ihren Formen, die ihm nicht geläufig sind, fast noch stärker

zurück als vor der Aufgabe selbst. Aber Geheimrat Adolph handelte, und

ehe sichs Altenkirch eigentlich versah, hatte er den unterzeichneten

Vertrag schon in der Tasche. Nun war er Leiter des Malsaales der

Königlichen Hoftheater mit einem Gehalt, daß ihm, dem ewig Darbenden,

unermeßlich erschien.

Anfang 1910 trat er sein Amt an. Zehn Jahre lang hat er ihm

vorgestanden, und in diesen zehn Jahren sind schier unzählige

Dekorationen aus dem seiner Leitung unterstellten Malsaal

hervorgegangen. Von ihm stammten nicht nur die Entwürfe. Er legte als

erfahrener, mit dem Handwerk vertrauter Praktiker der Leimfarbentechnik

selbst Hand an und mancher Rundhorizont trägt den unverkennbaren

Stempel seiner künstlerischen Arbeit. Es sind landschaftliche

Kolossalgemälde – der Prospekt im Rheingold mit der Götterburg auf

steilem Felsen ist zweiundzwanzig Meter hoch und sechzig Meter breit.

Die Periode der Theatermalerei ist ein Abschnitt in Altenkirchs

Schaffen, dem gerecht zu werden auf diesem knapp bemessenen Raum gar

nicht möglich ist. Sein Name bleibt für immer verknüpft mit jener

Epoche der Dresdner Theater, die die Aera Graf Seebach-Zeiß war. Und

noch lange wird der erdfrische Duft seiner Flußlandschaft zu Fausts

Osterspaziergang, die sonnige Weite seiner Böhmerwald-Landschaft in

Shakespeares Wintermärchen, die prachtvollen Wartburg-Prospekte im

Tannhäuser, die märchenhafte Gralsburg im Parsival, die in aller Pracht

des Winters prangende Waldlandschaft in Humperdincks Königskindern,

die riesigen Szenerien im Ring der Nibelungen – um nur einige der

unzähligen Dekorationen von seiner Hand zu nennen – die Besucher der

Oper und des Schauspielhauses entzücken.

[Illustration:

=Rauhreif= Weg nach Deutschenbora

]

In diese Zeit seines Schaffens, das ihm 1917 den Professorentitel als

verdiente Ehrung eintrug, fallen Studienreisen nach Süddeutschland,

in die Schweiz, nach Italien und Norwegen und schließlich auch eine

halbjährige Kriegsfahrt als Landsturmmann, aus der heraus ihn eine

ernsthafte Krankheit wieder seinem Berufe zuführte. Diese Reisen führen

ihn, der schon Rumänien kannte, in reichere Landschaften. Er studiert

auch auf Reisen, malt und zeichnet, und auch als Landstürmer füllt

er seine Skizzenbücher mit den Maaslandschaften um das unglückliche

Dinant. Immer, unter der hohen Sonne Italiens, angesichts der

Schneegipfel der Alpen und der Fjordlandschaften Norwegens, bleibt ihm

die Natur die Lehrmeisterin. Aber es geht ihm wie Ludwig Richter: von

allen Reisen bringt er nur das geschärftere Auge, die vertieftere Liebe

zur heimatlichen Landschaft mit, deren intime Reize zu malen er nie

müde wird. Immer wieder stellt er seine Staffelei vor den Birken und

Kiefern des Dresdner Hellers, vor den Waldhängen und Wasserspiegeln des

Muldentals auf. Daß er »bedeutendere« Landschaften sah und erlebte und

sie auch künstlerisch für seine Theaterdekorationen bewältigen mußte

und doch den Kiefern und Birken, den Sanddünen und Aehrenfeldern, den

Eichen und Gemäuern, den hohen Himmeln und stürmenden Gewölken seiner

Hellerlandschaft treu blieb, zeigt, wie tief seine künstlerische

Liebe im heimatlichen Boden verwurzelt ist. Alle Reisen in die Ferne

vertieften diese Liebe, die nun in anderem Lichte steht als sie stünde,

wenn Altenkirch nie über die windzerstreuten Sanddünen seines Hellers

hinausgesehen hätte.

[Illustration:

=Lindenallee im Schnee= Reinsberg

]

Als er 1920 von der Leitung des Theatermalsaales zurücktrat, zog er

sich nach Siebenlehn zurück, in die Heimat seiner Gattin und in jene

Landschaft an der Mulde, in der er immer wieder starke Anregungen für

sein künstlerisches Schaffen findet. Hatte ihn die Theatermalerei in

seiner künstlerischen Entwicklung insofern gefördert, als er seiner

Kunst nicht das tägliche Brot abzuringen brauchte, sondern ohne Sorgen

das schaffen konnte, wozu es ihn künstlerisch trieb, so befreite ihn

der Rücktritt nun in seiner Reife von beruflichen Bindungen. Er konnte

sich nun völlig seiner Landschaftsmalerei widmen, die sich längst

die Aufmerksamkeit ernsthafter Kunstfreunde erworben hatte. Als er

nach Siebenlehn ging und seine Staffelei um Reinsberg und Biberstein

aufstellte, sagte er sich aber nicht von den Birken und Kiefern der

Hellerlandschaft los. Immer wieder kehrt er seitdem für kürzere oder

längere Zeit nach Dresden zurück, um »auf den Heller« zu gehen und zu

malen, umgeben von der kleinen Welt, in der er die kleinen Birken zu

großen Birken und die Schulmädchen aus der alten Kaserne zu jungen

Müttern hat heranwachsen sehen. Und dort, unter den einfachen Leuten

dieses abgelegenen Lebenskreises, kennt man den Professor Altenkirch

so gut, wie er die rissigen Stämme der alten Schatzeichen und die

schlanken Kiefern des Trompeterwäldchens kennt.

* * * * *

Das ist sein Weg, der Lebensweg eines Meisters, der sich aus

kleinbürgerlicher, fast proletarischer Herkunft zäh und zum guten Teil

aus eigener Kraft zum Künstler von Ruf und Geltung heraufgearbeitet

hat. Es ist der Weg, der ihn immer wieder und schließlich für dauernd

in die sächsische Landschaft zurückführt, in der in fleißiger Arbeit

und in schier unübersehbarer Folge seine Bilder entstehen.

Er malt sie mit den Mitteln einer reifen Kunst. Seine Bilder zeigen

noch in jedem Quadratzentimeter tüchtiges handwerkliches Können. Sie

sind Zoll um Zoll gediegene Malerei. Der alte Schadow pflegte seinen

Schülern auf die Frage, wie sie malen sollten, zu antworten: »Setzt

die richtigen Farben auf den richtigen Fleck.« Darum allein handelt es

sich bei der Malerei. Und diese Kunst beherrscht Altenkirch mit einer

Selbstverständlichkeit, die den kritischen Betrachter entzückt.

Meisterhaft ist seine Beherrschung der Luft. Sie umspielt alles

Dargestellte auf seinen Bildern und gibt ihm die körperliche

Erscheinung. Sie wird selbst zur Erscheinung. Sie rieselt durch das

Goldlaub herbstlicher Birken, sie zittert über dem Sande in heißer

Mittagssonne, sie liegt als feiner duftiger Schleier über der Ferne

und hüllt kahle Bäume an trüben Tagen in melancholischen Flor. Ueber

morgenkühlen Wasserspiegeln steigt sie als silberner Atem auf und

zwischen den feuchten Stämmen stimmungsschwerer Tauwetterlandschaften

dampft sie als weicher Brodem. Wundervoll, nur in der Reproduktion

leider nicht wiederzugeben, glitzert die geradezu kristallisierte Luft

im Geäst der vom Rauhreif verzauberten Bäume. Man denkt an Alexander

von Villers schönen Satz: »Die Sonne wäre außerstande, den dichtesten

Busch im Walde so innerlich zu beleuchten, wie dieser Staub des Himmels

es mit seiner weichen Ruhe vermag.«

Ebenso meisterhaft, wie Altenkirch den Zauber des Lichts und der Luft

bezwingt, ist die Sicherheit, mit der er sein Bild aus dem großen Raum

der Landschaft herauslöst. Es ist nie ein Zuviel und nie ein Zuwenig.

Immer gibt er ein in sich beruhendes Bild. Das ist nicht leicht.

Liebhaberphotographen wissen davon zu erzählen, wie oft eine Aufnahme

sie enttäuschte, weil sie noch nicht den richtigen Bildausschnitt zu

finden verstanden. Altenkirch zählt zu den Malern, die uns Schönheit

noch im einfachsten Stück Natur überhaupt erst sehen lehren. Oder ist

es nicht überraschend, wie schön ein morastiger überschwemmter Weg, in

dessen Tümpeln blauer Himmel und herbstliche Birken sich spiegeln, auf

einmal sein kann, wenn er ihn uns zeigt?

Mit diesen Fähigkeiten vereint sich in Altenkirch jene malerische

Phantasie, unter der Liebermann die den malerischen Mitteln am meisten

entsprechende Auffassung der Natur versteht. »Je ausdrucksvoller

durch die Form oder durch die Farbe oder durch beides zusammen der

Maler sein inneres Gesicht auf die Leinwand zu bringen imstande

war, desto größere, stärkere Phantasietätigkeit war zur Erzeugung

seines Werkes nötig«. Das heißt also: malerische Phantasie ist die

Kraft, die das seelische Erlebnis des Malers mit den Mitteln seiner

Kunst sichtbar macht und in uns ein gleiches Erlebnis wach ruft. Es

ist die Uebertragung der Seele des Künstlers in sein Werk. Er gibt

uns, was ihn bewegte, und es bewegt uns. Sein Werk berührt unser

Innerstes nicht, wenn der Maler nicht innerlich beteiligt war, als

er es schuf. Der Dichter Hans Bethge schrieb einmal: »Calame hat

auf großen Gemälden mächtige Szenerien des Hochgebirges im Aufruhr

der Elemente dargestellt, aber unser Herz bleibt kalt dabei wie

Hundeschnauze. Cézanne hat auf Bildchen, die nicht größer sind als

ein paar Handflächen, einige Aepfel gemalt, und die mystischen Tiefen

wehen uns ergreifend daraus entgegen, wir fühlen ein Stück Ewigkeit in

überirdischem Glanz«.

Altenkirch malt die heimatliche Landschaft, wo sie am schlichtesten

ist. Schlicht und still wie er selbst. Er malt die tragische Einsamkeit

knorriger Kiefern unter stürmenden Himmeln, das Spiel der Sonnenlichter

unter sommerlich sausenden Linden. Er malt das Erschauern, die

reglose Unergründlichkeit eines Teiches im Waldschatten, die blanke

Spiegelung herbstlicher Birken in den Tümpeln eines überschwemmten

Weges. Er malt den Durchblick in blaue Fernen im Rahmen einiger

Stämme, die zarten Versprechungen eines Vorfrühlingstages im Flußtale,

den zitternden Glanz eines Sommermorgens unter weißen Wolken. Er

malt die stille Sommerlegende eines Sandweges zwischen blühenden

Heideteppichen, die graue Melancholie einiger herbstlicher Obstbäume

an einsamer Landstraße. Er malt die prangende Pracht des Winters und

die dunklen Wolkenberge eines Gewitterhimmels. Das alles malt er als

Impressionist. Seine Bilder geben schlicht ein Stück schlichter Natur

ohne tiefsinnige Philosophie. Und doch spricht aus seinen Bildern

tiefes inneres Erleben. Er malt keine Bilderrätsel, mit denen der

Betrachter ohne fremdwortreiche Erläuterung ihrer mysteriösen Bedeutung

nichts anzufangen weiß. Er malt ganz einfach den Baum, die Straße,

den Teich, den Sand, den Schnee. Auch der einfache voraussetzungslose

Beschauer findet in seinen Bildern die Welt wieder, in der er selber

lebt. So sind Altenkirchs Bilder gemeinverständliche Kunst und sie

sind auf ihre Art und in ihrer künstlerischen Sprache dem schlichten

Empfinden so wenig fremd wie die Bilder, die Van Gogh meinte, als er

sich vornahm, Bilder zu malen, die den Matrosen gefallen sollten.

Altenkirch malt Baum und Straße, Teich und Schnee. Aber er gibt mehr.

Ihm ist es weder um das photographisch getreue Abbild noch um die

Darbietung artistischer Künste zu tun. Er gestaltet mit den Mitteln

seiner Kunst jenes tiefere Erlebnis, das uns die heimatliche Natur

noch in ihrem bescheidensten Winkel lieben läßt. Er hat den innigen

Zusammenhang der uns umgebenden Natur mit uns selber erfaßt. Und auch

der einfache Beschauer seiner Bilder empfindet das tiefere Erlebnis,

das in diesen Bildern sichtbaren künstlerischen Ausdruck gefunden hat,

das Erlebnis des seelischen Verbundenseins, das uns noch in jedem Baum

ein verwandtes Sein ahnen läßt.

Altenkirchs Hellerlandschaften zeigen, wie unendlich viele, unendlich

feine Reize in einer Landschaft verborgen liegen, die als reizlos

geschmäht und gemieden wird. Spaziergänger, die die »Wüste« des

Hellersandes mißmutig und eilig überwinden, wundern sich über den Maler

in farbenbeklexter Jacke, der da seine Staffelei vor einem fahlgelben

Sandstrich mit einer zerzausten Birke und einer Wolke darüber

aufstellt. Sie ahnen nichts von der Schönheit der anonymen Landschaft,

die gar nicht berühmt ist, die erst Maler für sie entdecken müssen und

die ihnen nun vor einem Bilde aufgeht. Sie verdanken einem Künstler die

Offenbarung, daß die Heimat auch noch in ihrem unberühmtesten Winkel

schön und liebenswert ist. Und wenn man die Maler nennt, die uns die

Augen für die Schönheit der heimatlichen Erde geöffnet und geschärft

haben, wird man immer auch Otto Altenkirch nennen und ihm danken müssen.

Vom Wisent

Mit Mitteilungen über seine Geschichte in unserem sächsischen Vaterlande

von _Rud. Zimmermann_ Dresden

Mit 7 Abbildungen, zum Teil nach photographischen Naturaufnahmen des

Verfassers

Der unglücksreiche Ausgang des letzten Krieges hat auch Europas größte

Säugetierart und das eine sich bis auf unsere Tage gehaltene seiner

beiden ehemaligen Wildrinder, den Wisent, dem Untergang nahegebracht.

An zwei Stellen nur, in dem eigenartigen Urwaldgebiet von Bialowies

(Bjelowjesch) in Westrußland und im Kaukasus noch in freier Wildbahn

vorgekommen, wurde der durch die Kriegshandlungen stark gelichtete,

von der deutschen Militärverwaltung nach der 1915 erfolgten Einnahme

von Bialowies aber sorgfältig gehütete und auch wieder höher gebrachte

Restbestand ein Opfer der Nachkriegswirren: russische Bauern knallten

ihn zusammen, während im Kaukasus die Rätetruppen in den Jahren 1918

und 1919 mit Maschinengewehren und unter Aufbietung ganzer Regimenter

als Treiber und Schützen unter dem Bestande derart gewüstet haben,

daß er ebenfalls als verloren gelten kann, selbst wenn sich doch

noch einige Tiere den Verfolgungen entzogen haben sollten. Für eine

Nachricht aus Rußland, daß im Bezirke Bobrujsk, Gouvernement Minsk (ca.

dreihundert Kilometer östlich von Bialowies) eine Anzahl versprengter

Wisente gesichtet und unter Schutz genommen sein sollten, ließ sich

bisher ebensowenig eine Bestätigung beibringen wie für die Mitteilung

des während des Krieges sich in besonderer Mission in Persien

aufgehaltenen Tiermalers Peter Paschen, daß möglicherweise in einem

unserer Kenntnis sich bisher entzogenen Bestande der Wisent noch in

Nordpersien freilebend vorkommt. Wir besitzen daher mit Sicherheit

zunächst nur noch gegen sechzig sich in Zoologischen Gärten und

privaten Wildparks befindliche Wisente. Um diesen kleinen Rest vor dem

allmählichen, ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen auch unabwendbaren

Aussterben zu bewahren, hat sich im August vorigen Jahres die

»Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents« (Vorsitzender

Direktor Dr. K. Priemel, Frankfurt a. M., Zoologischer Garten)

gebildet, die unter den noch vorhandenen Tieren planmäßig züchten und

versuchen will, einen wieder größeren Bestand heranzuziehen und bei

günstigem Erfolg unser Tier wieder in freie Wildbahn überzuführen.

Die Aussichten für die Bestrebungen der Gesellschaft sind die besten,

und es wäre nur zu wünschen, daß ihr reiche Erfolge und die baldige

Verwirklichung ihrer Pläne beschieden sein möchten. Unser Sachsen hat

ein besonderes Interesse an der Erhaltung des Wisents; spielt dieser

Urwaldrecke in der Geschichte des Landes doch eine nicht unbedeutende

Rolle. Freilich nicht mehr als wildlebendes Tier – als solches ist er

frühzeitig schon ausgestorben –, sondern, wie wir später noch sehen

werden, als gehegtes und besonders zu den in Sachsen so prunkvollen

Kampfjagden viel verwendetes Tier. –

Ich lernte den Wisent im letzten Kriegsjahre in Bialowies kennen.

Ueber meine Begegnung mit ihm habe ich wiederholt an anderer Stelle

berichtet[3] und es sei hier daraus kurz das folgende wiederholt:

»Meine erste Begegnung mit dem Wisent erfolgte im Januar 1918,

als ich von meiner Dienststelle im Westen zur Leitung photo- und

kinematographischer Aufnahmen, die der Bund für Vogelschutz in

Stuttgart vornehmen ließ, nach Bialowies beurlaubt worden war. Der

erste Eindruck, den ich von den Tieren erhielt, enttäuschte allerdings

etwas. Die Herde von siebzehn Stück, die auf einem Kahlschlag stand

und der strengen Kälte und des hohen Schnees wegen von Zeit zu Zeit in

Waldheu etwas Futter dargeboten erhielt, ließ wenig von der erwarteten

und den Tieren sonst auch eigenen Wildheit ahnen. Die Winterfütterung

des Wisents war unter russischer Herrschaft zu einer alle gebotenen

Grenzen überschreitenden Regel geworden und hatte das Wesen und die

Natur der Tiere in der denkbar ungünstigsten Weise beeinflußt. Der

Wisent war verweichlicht worden, und die dabei alle Scheu vor dem

Menschen abgelegten Urwaldriesen muteten manchesmal fast wie halbzahme

Stallrinder an. Diese große Vertrautheit wurde dem Tiere besonders

in der Zeit der Besitzkämpfe um das Waldgebiet zum Verhängnis; sie

machte den Abschuß spielend leicht und manch einer der Recken erlag

der tötlichen Kugel, vor der ihm eine größere Scheu sicher bewahrt

hätte[4]. Unter der deutschen Verwaltung war allerdings mit der bis

dahin geübten Fütterungsweise gebrochen worden; die Tiere, die sich

so sehr an die Fütterung gewöhnt hatten, daß sie unter russischer

Herrschaft bereits im Oktober, wenn der Wald ihnen noch hinreichende

Aesung bot, an den Fütterungsstellen sich einfanden[5], erhielten nur

jetzt mehr ausnahmsweise bei strengster Kälte und tiefem Schnee in

mäßiger Weise (zumeist in gefällten Weichhölzern: Aspen usw.) Futter

dargeboten. Der Erfolg dieser Methode war ein guter; der Wisent wurde

wieder zäher und ausdauernder und man wird Escherich Recht geben

müssen, wenn er einen großen Teil der günstigen Erfolge der deutschen

Hege, die die Ergebnisse der zarischen wesentlich übertrafen, auf diese

Abkehr von der ehemals geübten Fütterungsweise zurückführt.

[Illustration: Abb. 1 =Zu Holze ziehender Wisentstier.= Bialowies,

Januar 1918]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 9-10 · 第 4 / 6 段