Ähnlich wie beim Moorfrosch ist die genaue Festlegung der Südgrenze

des Vorkommens auch von der Grünen und der Kreuzkröte vonnöten. Die

Grüne Kröte ist eine häufige Erscheinung in der gesamten Leipziger

Tieflandsbucht, aus der sie zum mindesten auch bis ins sächsische

Mittelgebirge aufsteigt; ich konnte sie bei Göppersdorf bei Burgstädt

als an den bisher bekannten südlichsten Fundort nachweisen. Dann

tritt sie wieder zahlreich im Flußgebiet der Elbe auf, in dem sie

in der ganzen weiten Umgebung Dresdens vorkommt und stromaufwärts

bis über Pirna hinauf ihr Vorkommen ausdehnt. Aus dem Osten unseres

Landes waren Vorkommen unserer Art im Schrifttum bisher zwar noch

nicht festgelegt, doch fehlt sie ihm keineswegs, sondern verbreitet

sich von der Elbe aus in östlicher Richtung, zum mindesten über das

gesamte Oberlausitzer Teichgebiet, in dem ich sie in den letzten Jahren

wiederholt als durchaus nicht selten feststellen konnte. Aus dem

Gebiete zwischen Mulde und Elbe ist sie bisher noch nicht nachgewiesen

worden, wahrscheinlich, weil dieses bisher so herzlich wenig ihre

Beobachtungen auch bekannt gebende Naturbeobachter aufzuweisen gehabt

hat. Die Kreuzkröte kommt zunächst in der unmittelbarsten Umgebung

Leipzigs vor, scheint sich aber von hier aus nicht wie die Grüne Kröte

weiter südwärts zu verbreiten – mir wenigstens glückte bisher trotz

jahrelanger Nachforschungen der Nachweis ihres Vorkommens hier noch

nicht –, wird aber dann wieder, durch ein räumlich recht großes Gebiet

vom Leipziger Vorkommen getrennt, von Chemnitz erwähnt und konnte

von mir im Sommer 1919 in großer Zahl auch bei Limbach festgestellt

werden. Das Chemnitz-Limbacher Vorkommen scheint ein völlig in sich

Geschlossenes, inselartiges zu bilden. Dann ist sie auch, wiederum

durch das Gebiet zwischen Mulde und Elbe von den westsächsischen

Vorkommen getrennt, in der Umgebung Dresdens nachgewiesen. Aus der

Lausitz war sie bisher nicht bekannt, dürfte aber wohl auch hier noch

an manchem Ort nachzuweisen sein, nachdem ich sie im Sommer 1924 bei

Königswartha aufgefunden habe.

[Illustration: Abb. 4 Vor ihrem Schlupfwinkel sich sonnende =Glatte

Natter=]

Die drei Kröten sind äußerlich recht gut voneinander unterschieden

und ihre sichere Bestimmung dürfte selbst dem Ungeübten keine großen

Schwierigkeiten bereiten. Die Erdkröte, die verbreitetste und wohl

überall gleich häufige der Sippe, ist von graubrauner, bald ins asch-

und schwärzlichgraue, bald wieder ins gelblich- und oliven-graue und

-bräunliche übergehender Farbe, die sich allmählich in den helleren Ton

der Unterseite auflöst; die Grüne Kröte ist auf hellerem ledergelben

bis gelbgrauen Grunde ziemlich dicht mit satten samt- bis grasgrünen

Flecken gezeichnet, von denen sich besonders an den Seiten und

am Halse zahlreiche rote Wärzchen abheben, während die unterseits

ebenfalls wieder in hellere Töne übergehende Farbe der Kreuzkröte ein

bald mehr ins gelbliche oder graue, bald wieder ins braune übergehendes

Oliv ist, durch das längs der Rückenmitte ein etwas vertiefter,

schwefelgelber Streifen verläuft.

[Illustration: Abb. 5 An einem senkrechten Baumstamm emporkletternde

=Glatte Natter=]

[Illustration: Abb. 6 =Zauneidechse=, Angriffsstellung]

Eine ähnliche Verbreitung wie der Moorfrosch und die Grüne Kröte

besitzt in Sachsen auch die froschähnliche (und der Familie der

Froschkröten angehörende) Knoblauchskröte, die erheblich kleiner

als die eben betrachteten Vertreter der echten Kröten ist, und der

auch die für diese so bezeichnende warzige Hautoberfläche abgeht.

Ihre Farbe ist ein helleres oder dunkleres Grau oder Braun, das mit

kastanienbraunen bis schwärzlichen Flecken und allerlei roten Punkten

und Tüpfelchen gezeichnet ist. Als ein Tier des Tieflandes verbreitet

sie sich zunächst wiederum über die gesamte Leipziger Tieflandsbucht

und steigt aus dieser dann auch ins Hügelland und ins Mittelgebirge

empor, wo sie bei Lunzenau nachgewiesen werden konnte. Dann kommt

sie gleichfalls wieder im Flußgebiet der Elbe vor und scheint sich

hier stromaufwärts ähnlich wie die Grüne Kröte bis Pirna hinauf,

und in östlicher Richtung über das Oberlausitzer Tieflandsgebiet zu

verbreiten. – Nicht so weit südwärts wie die eben genannten Arten

scheint sich dagegen die Rotbauchunke zu verbreiten, die auch innerhalb

ihres durch das nordsächsische Tiefland gekennzeichneten Vorkommens

sehr lückenhaft verbreitet zu sein scheint.

[Illustration: Abb. 7 =Berg- oder Waldeidechse=]

[Illustration: Abb. 8 =Blindschleiche=]

[Illustration: Abb. 9 =Wasserfrosch=]

Waren die bisher betrachteten Arten Tieflandsbewohner, deren genaue

Verbreitungsgrenze vor allem gebirgswärts noch festzulegen ist, so

besitzen wir im Feuersalamander und im Bergmolch zwei Lurche, die

Bewohner des Berg- und Hügellandes sind und von denen neben ihrer

genauen Verbreitung innerhalb desselben vor allem noch die unteren

Verbreitungsgrenzen festzulegen sind. Der Feuersalamander erreicht in

Westsachsen auf dem Rochlitzer Berge die Nordgrenze seiner Verbreitung

und dehnt von hier aus sein Vorkommen nur im Muldentale noch bis in

die Colditzer und Grimmaer Gegend aus, während ich ihn im Zschopautale

am weitesten nördlich bei Waldheim gefunden habe. Die Grenzen des

Vorkommens des Bergmolches dagegen liegen noch nördlicher, ich

begegnete ihm noch bei Geithain und im Muldental ebenfalls bis in die

Gegend von Grimma, von wo aus er sich dann noch bis in die Pflege von

Beucha-Brandis verbreitet. Im Gebiete der Elbe scheint das Vorkommen

des Feuersalamanders kurz vor Meißen auszuklingen, der Bergmolch aber

auch hier noch weiter ins Tiefland vorzudringen. –

[Illustration: Abb. 10 =Grasfrosch=]

[Illustration: Abb. 11 =Laubfrosch=]

Von den vier Schlangen Sachsens ist die Ringelnatter die häufigste und

eine über das ganze Land verbreitete Art; es dürfte bei uns kaum ein

größeres Gebiet geben, dem sie fehlt. Ihre größte Häufigkeit erreicht

sie in den teich- und wasserreichen Landschaften des Flachlandes, wo

sie, wie z. B. an vielen Teichen der Oberlausitzer Niederung in manches

Mal fast unglaublichen Mengen sich findet. – Groß (und jedenfalls bei

weitem größer, als so mancher meint) ist auch das Verbreitungsgebiet

der Kreuzotter, die aus den gebirgigen Teilen des Landes – Vogtland

und Erzgebirge beherbergen sie in besonders großer Zahl – bis weit

ins nordsächsische Flachland hinein und darüber hinaus vordringt. Als

kreuzotterfrei gilt nur der äußerste von der Elsteraue eingenommene

Nordwesten des Landes sowie ein Gebiet, das rechts der Vereinigten

Mulde beginnt, im Süden auf die Freiberger Mulde trifft und sich bis

nördlich Freiberg ausbuchtet, dann südlich Meißen die Elbe kreuzt und

östlich Großenhain im Norden auf die Landesgrenze stößt. Gebildet wird

es von Teilen der Amtshauptmannschaften Oschatz, Döbeln, Meißen und

Großenhain. Kreuzotterfrei scheint endlich noch der äußerste Osten der

Lausitz, etwa aus der Gegend von Bautzen an bis zu den Vorbergen des

Zittauer Gebirges zu sein, während die nördlichen Teichgebiete – ich

konnte erst im vergangenen Frühjahr wieder eine Anzahl diesbezüglicher

Feststellungen machen – die Schlange überall noch beherbergen und

durchaus nicht als »Storch«gebiete kreuzotterfrei sind.

[Illustration: Abb. 12 =Knoblauchskröte= (sich eingrabend)]

[Illustration: Abb. 13 =Rotbauchunke=]

In vielem mangelhaft dagegen sind wir noch über die Verbreitung der

Glatten Natter in Sachsen unterrichtet. Sie ist ebenfalls nicht selten,

scheint aber ein kleineres Verbreitungsgebiet als ihre Verwandten zu

besitzen. Sie steigt bei uns aus dem Flachland in das Hügelland, in dem

sie in Sachsen auch ihre größte Häufigkeit zu erreichen scheint, und

in die niederen und wärmeren Lagen der Gebirge empor; sie ist ungleich

wärmebedürftiger als die Kreuzotter und scheint dazu allen höheren und

rauheren Teilen völlig zu fehlen.

[Illustration: Abb. 14 =Feuersalamander=]

[Illustration: Abb. 15 =Teichmolch= (Aquarienaufnahme)]

* * * * *

Bei diesen wenigen Hinweisen auf noch offene Fragen der Kriechtier- und

Lurchverbreitung in Sachsen soll es jedoch für heute bleiben, obwohl

ich sie leicht noch weiter ausdehnen könnte. Ihr Anschneiden an dieser

Stelle soll lediglich eine Anregung für die Leser der »Mitteilungen«

sein, nach Kräften an ihrer Lösung mitzuarbeiten. Mitteilungen nimmt

der Verfasser (Dresden, Marienstr. 32) jederzeit mit Dank entgegen; sie

werden Verwendung finden in der in Arbeit befindlichen »Sächsischen

Wirbeltierfauna«, die ich zusammen mit R. Heyder und R. Zaunick

bearbeite.

Fußnoten:

[1] Siehe auch: Zimmermann, Rud., Ein Beitrag zur Lurch- und

Kriechtierfauna des ehemaligen Königreichs Sachsen. Archiv

für Naturgeschichte 88, 1922 ~A~, 8. Heft, 245–267.

[2] Zimmermann, Rud., Das Vorkommen der Sumpfschildkröte

im Gebiet des ehemaligen Königreichs Sachsen.

Fischerei-Zeitung 24, Neudamm 1921, 250–253.

Otto Altenkirch

Ein Maler der sächsischen Landschaft

Von _Edgar Hahnewald_

Der Heller flimmert in brandigem Dunst. Die Sandflächen breiten ein

fahles Gelbgrau über den Vordergrund, von dem sich einige schmale

Heidekrautinseln in trockenem Braunviolett mit vereinzelten grünen

Flecken darin abheben. Weiter hinten streckt sich eine Windgrassteppe,

weich wie Haar und kupfern in der Farbe, vor einem Waldstreifen,

dessen Kiefernwipfel einer schweren Wolke gleich tief auf der Fläche

zu liegen scheinen und nur am Rande, wo der Wald sich lockert, von

einzelnen Stämmen wie von Stützen über der Erde gehalten werden. Über

dem Walde steht hoch, prachtvoll, in einem stumpfen, dunklen Stahlblau

eine Gewitterwolke wie ein riesenhaftes Haupt ohne Antlitz, von einer

Aureole hervorbrechender Lichter umstrahlt. Sie steht regungslos, als

warte sie noch, ehe sie mit rollender Donnerstimme in die Landschaft

spricht. Unter diesem Wolkenhaupt drängt sich das bißchen Landschaft

noch enger an die bleiche Erde. Nur eine Birke steht ganz allein

mitten in der Sandfläche auf einem kleinen zerrissenen Teppich von

Heidekraut. Ihr von vielen Stürmen verbogener Stamm, vor dem Stahlblau

unwahrscheinlich weiß, überschneidet den fernen Waldstreifen und hält

einen Laubbüschel wie eine zerfetzte Fahne hoch vor die drohende Wand.

Und noch jemand steht in der spärlichen Fläche. Ein Maler vor seiner

Staffelei. Die Krempe eines in vielen Wettern verblichenen Hutes

beschattet seine Augen. Er trägt eine alte, mit allen Farben seiner

Palette beklexte Jacke und blank getretene Holzpantoffeln, die ihm

das stundenlange Stehen erleichtern. Er sieht in dieser Kleidung

einem Handwerker ähnlicher als einem Künstler. Ein Blick auf seine

Leinwand auf der Staffelei zeigt, daß er ein Künstler ist. Im kleineren

Abbild ist dort die Landschaft noch einmal, der Sand, das Heidekraut,

das Windgras, der Wald, die Birke, die Gewitterwand. Das Bild läßt

erkennen, was in dieser scheinbar kargen eintönigen Sandebene den Maler

reizte: das einsame Aufstehen der Birke über dem ganz tiefgenommenen

Horizont, ihr Hinaufweisen in die hohe drohende Wolke, die vier Fünftel

des Bildraumes beherrscht. Aber nicht allein das, nicht nur die beinahe

trotzige, beinahe tragische Einsamkeit der Birke mit der zerschlissenen

Laubfahne in der kargen Landschaft macht diesen künstlerisch gesehenen

Ausschnitt zum Bilde. Das rein malerische des Motivs zog den Künstler

an. Die flimmernde, von sommerlichen Dünsten geschwängerte Atmosphäre,

das irrende Spiel fliehender Lichter am Himmel und über den Farben

des Sandes und der Heide, das beinahe Geängstete, Erschreckte dieser

Landschaft unter dem schweren Dunkel der riesenhaften Wolke. Der

eigenartige Gegensatz zwischen dieser drohenden Erscheinung, die

in ihrer stahlblauen Ruhe und Ballung wie ein Dämon wirkt und doch

schwere, sommerliche Sättigung verheißt – der Gegensatz zwischen ihr

und der flimmernden Unrast, der Erregung in der kleinen Landschaft, die

bleich in zitternder Luft sich hinschmiegt, den ersten Donnerschlag

fürchtend und doch die Sättigung mit aller Glut des trockenen Sandes

erwartend – das ist in freilich literarischer Übertragung der

malerische Reiz dieser Landschaft, an der nach der Meinung des Laien

»aber auch gar nichts« ist. Einfach: Anreiz für den Maler ist der

unendliche Zauber des Lichts, und das landschaftliche Motiv ist nur der

Träger, an dem dieser Zauber sichtbar wird.

Der Maler ist stumm an sein Werk hingegeben. Aus dem Hutschatten hervor

prüfen die zusammengekniffenen Augen immer wieder bald die Landschaft,

bald das Bild. Unter der großen Palette hervor sprießen bereit

gehaltene Pinsel wie ein starrer Strauß. Der Maler arbeitet mit dem

Spachtel, diesem kleinen Werkzeug aus federndem Stahl, an das hölzerne

Heft angebogen wie eine Kelle und schmal wie ein Brieföffner. Auf der

Palette mischt der Spachtel leise klingend die gebrauchte Farbe und

mit einem Spachteldruck verwandelt sich das Klexchen Farbenpaste auf

der Leinwand in einen Büschel violetter Heide, der wie eine lebendige

Flamme im bleichen Sande lodert.

[Illustration:

=Trüber Tag= Dresdner Heller

]

Über den Heller kommen zwei Frauen mit Heidelbeerkrügen. Das drohende

Gewitter hat sie aus dem Walde vertrieben. Beim Maler bleiben sie

stehen. In seiner beklexten Jacke, in seinen Holzpantoffeln halten sie

ihn für ihresgleichen, für einen erwerbslosen Malergesellen vielleicht,

der auf diese Weise sich ein paar Mark zu verdienen sucht. Sie halten

darum mit ihrer Kritik auch nicht hinterm Berge. Sie meinen, es gibt

schönere Sachen, die man malen könnte als da den Sand und die dumme

Birke. Aber die Wolke mit dem dahinter hervorbrechenden Licht findet

ihre Anerkennung. Und wie lange er an einem solchen Bilde male? So –

im Varieté hat die eine Frau einmal einen Schnellmaler gesehen, der

malte in fünf Minuten ein Bild, größer als das hier, mit einem Fluß und

Bergen, Schiffen und einer Windmühle. Und gleich so mit dem Pinsel los.

Der konnte was!

Der Maler antwortet auf die naiven Fragen der Frauen, ohne sich lustig

zu machen. Er ist innerlich dem einfachen Volke nahegeblieben, aus dem

er stammt. Ihm ist diese einfache Gedankenwelt vertraut. Und es gab

eine Zeit, wo er als arbeitsloser Malergeselle in Bukarest Hintergründe

für ein Panoptikum malte. Damals malte er an eine Kerkerwand, vor

der Maria Stuart in Wachs sitzen sollte, einen Schwerverbrecher in

stahlblauen Fesseln.

[Illustration:

=Sommermorgen= Dresdner Hochland

]

Die eine der Frauen sieht den Spachtel, mit dem der Maler arbeitet.

Vielleicht meint sie, der arme Teufel wolle die teuren Pinsel schonen.

Aber ein bißchen muß sie doch lächeln darüber, daß der Maler mit

diesem blechernen Ding »malt«. Dann fragt sie, wie viel er denn für

so ein Bild bekomme. Der Maler nennt mit einem leisen diabolischen

Vergnügen den ungefähren Preis. Das Gelächter der Frauen schallt über

den Sand. »Und das bringen sie Ihnen auch noch ins Haus, was!« Die eine

lacht über den vermeintlichen Witz, die andere aber lacht mit einem

Streifblick auf die Holzpantoffeln und mit einer Miene, die deutlich

sagt: Es kann diesen Malern noch so schlecht gehen – große Aufschneider

bleiben sie doch!

Das hohe Wolkenhaupt spricht einen ersten verhaltenen Donner in den von

Spannung erfüllten Raum. Ein Schauer fährt in die Birke. Am Rande des

Hellers erhebt sich eine graue hinwirbelnde Sandsäule.

Die Frauen verabschieden sich eilig und gehen.

[Illustration:

=Novembertag= Am Hellergut

]

Der Maler zeichnet mit dem Pinselstiel seinen Namen in die frische

Farbe des Bildes: Otto Altenkirch. Dann packt er sein Malgerät

zusammen. Während er die Mischfarben von der Palette wischt, sieht er

den Frauen nach, die schon weit fort als zwei dunkle Körperchen über

den bleichen Sand eilen. Er lacht leise, freundschaftlich, so wie

jemand, der in andere Lebenskreise hineingewachsen ist, einmal über

eine naive Äußerung seiner alten Mutter lacht, voller Liebe und voller

Achtung vor der einfachen Tüchtigkeit, der er selber alles zu danken

hat.

Mit erhobener Stimme donnert die Wolke. Sie reckt sich riesenhaft über

den Himmel. Und während der Maler seinem Arbeitsquartier in der alten

Hellerkaserne hinter den hohen Bäumen zuschreitet, schlagen die ersten

groschengroßen Tropfen in den durstig zerfallenden Sand.

* * * * *

Am 2. Januar 1925 feiert Professor Otto Altenkirch seinen fünfzigsten

Geburtstag. Er wird ihn im Kreise seiner Freunde feiern, lächelnd

und wortkarg, wie es sein Wesen ist. In jener Gelassenheit, die es

fertig bringt, mit einer Antwort, einem Einwand auf eine Frage

zurückzugreifen, die acht Tage zuvor in der Runde besprochen wurde,

und es so zu tun, als sei eben in diesem Augenblick die kleine Pause

im Gespräch eingetreten, in der er nun sprechen kann. Es ist jene

Gelassenheit des märkischen Blutes, neben der wir Sachsen, denen doch

nicht gerade das Temperament aus den Poren spritzt, wie nervöse Wiesel

wirken. Sie ist ohne Schwere, sie ist nur Ruhe.

[Illustration:

=Alte Linden= Am Hellergut

]

Die Mark ist Otto Altenkirchs Heimat. In Ziesar, einem kleinen

ereignislosen Städtchen bei Magdeburg, stand seine Wiege in der

Behausung eines kleinen Sattlermeisters. Altenkirch ist später mit

Malkasten und Staffelei auch in seine Heimat gegangen, und rund um

das Ackerbürgerstädtchen entdeckte er die heimatliche Landschaft

gewissermaßen noch einmal: flach hingebreitetes Land, verlorene

Gehöfte unter aufragenden Bäumen, blinkende Wasser, in denen sich die

Wolken spiegeln. Es stellte sich heraus, daß durch alle seine Bilder,

so verschieden sie nach Motiv und Stimmung sein mögen, immer wieder

die Heimat durchschimmerte. Wo deutsche und vornehmlich sächsische

Landschaft die stillere und verhaltenere Sprache seiner Heimat redete,

dort hat er sie aufgesucht, geliebt und gemalt. Und die nährenden

Wurzeln seines künstlerischen Tuns führen in ihren letzten zarten

Verästelungen in den Boden der märkischen Heimat.

[Illustration:

=Winterwald= Hirschfeld

]

In Ziesar trabt Altenkirch acht Jahre lang mit den Kindern der

Kleinbürger und Bauern in die Volksschule damaliger Primitivität.

Immerhin gibt es in dieser Schule schon einen Zeichenlehrer und

Altenkirch macht die Entdeckung, daß man die Welt zeichnend und

malend darstellen kann. Irgendwelche schlechte Öldrucke, vor denen

er bewundernd steht, bekräftigen das und begeistern ihn. Und nun

macht er vor den alten Gemäuern Ziesars die ersten Zeichenversuche,

die seinen Lehrer so stark von einem vorhandenen Talent überzeugen,

daß er Altenkirchs Vater rät, den Jungen Maler lernen zu lassen. Der

Sattlermeister befolgt den Rat auch. – Altenkirch kommt nach Beendigung

seiner Schulzeit in die Lehre zu einem Berliner Dekorationsmaler,

dessen Stolz es ist, daß seine Werkstatt im Rufe steht, tadellose

Fußbodenanstriche zu liefern. Die Lehrjahre verstreichen – Altenkirch

»verstreicht« sie mit Ringpinsel und Bernsteinlack. Er arbeitet elf,

zwölf, ja vierzehn Stunden täglich und schiebt den Malerkarren durch

die Straßen Berlins in jener guten alten Zeit, als noch niemand sich um

das Schicksal der Lehrlinge kümmerte. In heimlichen Stunden erwachen

immer wieder noch ganz gestaltenlose Träume. Wer sieht einem armen

geschundenen Lehrling an, daß der Kuß der Muse auf seiner Stirne

glüht? Die tausendmal geschriebene Geschichte vom häßlichen Entlein

schreibt das Leben immer wieder von neuem. Altenkirch bittet seinen

Lehrmeister um die Erlaubnis, in die Zeichenstunde der Berliner

Fortbildungsschule gehen zu dürfen. Es wird ihm erlaubt. Altenkirch

ist glücklich. Er lernt, er zeichnet und malt nachts, Sonntags, in

allen Freistunden. Seine Mitschüler machen ihm klar, daß er gar nicht

so schuften brauche, das werde gar nicht verlangt. Für sie ist die

Sonntagsschule nur eine begreiflicherweise begrüßte Gelegenheit, der

Sonntagsarbeit in der Werkstatt des Meisters zu entgehen. Der Lehrer

aber wird auf Altenkirch aufmerksam. Er hatte die Gepflogenheit, die

talentierten seiner Schüler in die vorderen zwei Reihen zu setzen und

sich nur um diese zu kümmern. Die übrigen, von denen er wußte, daß

bei ihnen eine noch so eifrige Bemühung des Lehrers nicht vorhandene

Talente nicht wecken könnte, vertaten im Hintergrunde ihre Zeit. Wie in

einer Lesebuchgeschichte taucht dieser Lehrer über ein Menschenalter

später, kurz vor Altenkirchs fünfzigstem Geburtstag noch einmal auf:

als Besuch in Altenkirchs Atelier, in dem er vor den Gemälden seines

ehemaligen Sonntagsschülers steht und fragt und Notizen macht für

den Unterricht an der Kunstschule, zu deren Lehrer er selber sich

heraufgearbeitet hat. Beide, der Lehrer und der Schüler von damals sind

nun Professoren, und die mitgekommene Gattin des Lehrers formuliert die

Pointe dieser Anekdote: »Sehen Sie – erst haben Sie von meinem Mann

gelernt und nun lernt mein Mann von Ihnen.«

[Illustration:

=Überschwemmter Weg= Im Kamenzer Teichgebiet

]

Die Lehrjahre vergehen. Altenkirch ist nun Malergeselle. Am Tage

arbeitet er auf Neubauten, die in Berlin wie Pilze aus der Erde

schießen. Die Freistunden widmet er der sehnsüchtig erstrebten Kunst.

Sein Lehrer im Zeichenkursus der Fortbildungsschule ist jetzt der Maler

Hugo Händler, der wertvollen Einfluß auf den Gesellen ausübt. Auch er

kreuzt später noch einmal, und zwar entscheidend Altenkirchs Weg.

[Illustration:

=Vorfrühling= Muldental

]

Dann packt den jungen Malergesellen der alte deutsche Wandertrieb. Die

Erzählung reisender Malergesellen in den Frühstückspausen zwischen

Hobelspänen und Farbentöpfen hatten in ihm die Sehnsucht nach der

Ferne geweckt. Altenkirch geht mit sechzig Mark in der Tasche auf

Wanderschaft, die nach Rumänien, in die Türkei, nach Ägypten und

über Italien und die Schweiz zurückführen soll. In Bukarest bleibt

er hängen. In der rumänischen Metropole kennen die Gebrannten nur

drei Malerwerkstätten, in denen es für geleistete Arbeit auch

Lohn gibt. Altenkirch gerät als unerfahrener Neuling natürlich in

eine der anderen. Statt Lohn zu zahlen, borgt der Meister seine

Gesellen an. Dann brennt er durch. Ein Unglück kommt auch hier

nicht allein: Altenkirchs Mantel mit sämtlichen Papieren wird

gestohlen und verschwindet in irgendeinem Trödlerladen der farbigen

Balkanstadt. Betrogen und bestohlen sucht der Malergeselle Hilfe beim

deutschen Konsulat. Er erhält drei Franken und vom Konsulatsarzt

die Versicherung, daß er tauglich sei und seiner Militärpflicht

in Deutschland genügen müsse. Altenkirch erarbeitet sich das Geld

für die Heimreise. Er malt Hintergründe für die Wachsfiguren eines

Panoptikums – es sind Vorspiele seiner späteren Theatermalerei, ohne

daß er das ahnt. Nebenher füllt er seine Skizzenbücher mit den bunten

Erscheinungen dieser für ihn so abenteuerlichen Stadt. Ein Brief der

Mutter ruft ihn in die Heimat zurück. Die Träume von Konstantinopel,

Jerusalem, Kairo versinken. Die Kaserne der Ortelsburger Jäger nimmt

den unsicheren Kantonisten auf. Altenkirch dient seine zwei Jahre ab.

Und auch in der Schoßtasche des Waffenrocks steckt das Skizzenbuch.

Nach der Militärzeit nimmt er wieder Unterricht beim Maler Händler.

Der schickt ihn eines Tages mit einem Bündel Zeichnungen und einem

Empfehlungsschreiben zu Eugen Bracht, der damals an der Berliner

Akademie das Atelier für Landschaftsmalerei leitete. Der große

Traum wird Wirklichkeit. Altenkirch kann 1899 als Hospitant und

später als Vollschüler in die Landschaftszeichenklasse Paul Vorgangs

eintreten. Seinen Lebensunterhalt erarbeitet er sich immer noch

als Malergeselle. Nach drei ungewissen, an Arbeit, Hoffnungen und

Entbehrungen überreichen Jahren wird er, obwohl ihm die sonst

geforderte Schulbildung fehlt, als Studierender der Akademie in das

Atelier Brachts aufgenommen. Als Bracht nach einem Vierteljahr einem

Ruf an die Dresdner Akademie folgt, nimmt er Altenkirch mit sich. Er

bleibt Brachts Schüler und Assistent bis 1906. Gleichzeitig treibt er

bei Emanuel Hegenbarth Tierstudien. Die Tiermalerei spielt später keine

Rolle in Altenkirchs Schaffen, aber Hegenbarth beeinflußte sein Werden

mindestens ebenso stark wie Eugen Bracht. Altenkirch lernte von ihm die

feine Einfühlung, die malerische Vollendung, die Hegenbarths Bilder

auszeichnet. Und wer Altenkirchs malerisches Werk kennt, konnte in der

Hegenbarth-Gedächtnisausstellung, die der Sächsische Kunstverein im

Herbst dieses Jahres in Dresden zusammenbrachte, erkennen, wie viel ihm

dieser Meister gegeben hat, und es hat seinen Reiz, den Anregungen und

ihren individuellen Wandlungen von Zügel zu Hegenbarth, von Hegenbarth

und Bracht zu Altenkirch nachzuspüren.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 9-10 · 第 3 / 6 段