Sommer Herr und Frau von Arnim auf Kriebstein gegeben, indem sie
ihre Burg, und zwar nicht nur den Burghof, sondern auch den größten
Teil der Innenräume für ein Volksfest großen Stils herrichteten und
einer nach vielen Hunderten zählenden Menge von Gästen öffneten.
Sechs ländliche Hausfrauenvereine der Umgegend von Döbeln und
Waldheim hatten sich zusammengeschlossen, um ihren Mitgliedern dieses
außergewöhnliche Fest zu bieten und hatten bei der Schloßherrschaft
feines Verständnis für den ganzen Plan und opferwilliges Entgegenkommen
gefunden. Nach monatelangen Beratungen und wochenlangen Proben, bei
denen das Mitglied des Leipziger Schauspielhauses Dr. Brauer und der
in der dramatischen Kunst wohlerfahrene Student Görner als Regisseure
dienten, kam endlich der große Tag, an dem alles von Stapel lief,
Sonntag der 5. Juli. Am Morgen schien es, als ob Regen und Gewitter
den Verlauf des Festes stören würden, aber als der Mittag nahte, stand
die Sonne klar und golden am Firmament. Es war ein heißer Tag, aber
trotzdem sah man auf allen Wegen festliche Scharen zum Kriebstein
ziehen. Er hat schon an und für sich eine starke Anziehungskraft, denn
er ist nach Lage und Bauweise die schönste Burg des Sachsenlandes,
der kein Geringerer als der große Arnold von Westfalen den Stempel
seines Geistes aufgedrückt hat. (Abb. 1). Das Fest, das in diesem
stimmungsvollen Gehäuse gefeiert werden sollte, erhöhte den Reiz.
Schon um zwei Uhr war der ganze zwischen Palas und Wehrgang sich zum
»Zwinger« absenkende Burghof mit Gästen gefüllt. Da saßen auf Stühlen
und Bänken, aber auch auf Brettern, die man auf stehende Fässer gelegt
hatte, der adelige Rittergutsbesitzer neben dem bäuerlichen Knecht, die
Fabrikarbeitersfrau neben dem Offizier der Reichswehr, der städtische
Kaufmann neben dem Waldarbeiter als eng verbundene, durch gemeinsame
Schicksale aufeinander angewiesene Glieder _eines_ Volkes. Doch horch!
– Trompetenton macht die laute Unterhaltung verstummen: die Harthauer
Musikanten in Jägeruniform blasen den »Willekum« von den Türmen und
Zinnen der Burg. Vier Pfarrer der Umgegend, als Mönche in braune Kutten
gekleidet, singen vom Söller der Freitreppe ein feierliches ~Gloria
in excelsis Deo~. Dann stürmt die Otzdorfer Jugend, braungebrannte
Mädchen und Burschen, in phantastischer Kleidung, um den Zigeunerkarren
geschart, mit Jauchzen und Tamburingeklapper durchs Tor und schwingt
sich bei loderndem Feuer in wildem Tanze. Danach gebietet der Herold
Ruhe und verkündet den Beginn des ritterlichen Spiels »Die treue
Frau von Kriebenstein«, das den Mittelpunkt des Festes bilden soll.
Eine alte Sage, die um den Burgfelsen webt, an die von den Weibern
von Weinsberg erinnernd, war von Frau Valerie Friedrich-Thiergen,
der begnadeten Dichterin des Jahresrings deutscher Festspiele »Von
Bornkinnel über den Maienbaum zum Knecht Ruprecht« (Dresden 1925
Verlag des Heimatschutzes) für diesen Tag zum Volksstück umgedichtet
worden und wurde von Verwandten und Bekannten der Burgherrschaft unter
Mitwirkung der beiden obengenannten Herren mit den denkbar einfachsten
Mitteln aufgeführt. In der von unten gesehenen rechten oberen Ecke des
Hofes stand das Zelt, von dem aus Markgraf Friedrich der Streitbare die
Belagerung des Kriebsteins leitete. (Abb. 2). In dieser Burg hatte sich
nämlich der Raubritter Staupitz festgesetzt und verübte von ihr aus
schwere Ungebühr gegen die umwohnenden Bürger und Bauern. Der von ihm
vertriebene rechtmäßige Burgherr, Dietrich von Beerwalde, hatte gegen
ihn die Hilfe seines Lehnsherrn, des Markgrafen, angerufen. So deutete
die echte alte Feldschlange vor dem Zelt das Heerlager an; die Krieger
des Markgrafen aber traten, wie sie gebraucht wurden, aus dem Dunkel
der Torhalle hervor, während Staupitz mit seinen Leuten etwas weiter
abwärts in der Richtung, die die Feldschlange weist, im Wehrgange
hausten. Außer dem Kriegsvolk ist im Lager des Markgrafen auch der
Böhme Grabissa mit seinem Buben Wenzel. Grabissa hat vom Prager Hofe
den geheimen Auftrag, dem Markgrafen seine Braut, die böhmische
Prinzessin Anna, durch Verleumdungen zu verleiden (Abb. 3), damit
der Markgraf freiwillig die Verlobung löse und der Böhmenkönig nicht
die zehntausend Groschen zu zahlen brauche, die als Reugeld für die
Versagung der Braut ausgemacht waren. Unterdessen wird die belagerte
Burg sturmreif.
Da erscheint Marie, Staupitzens Gattin, vor dem Markgrafen und
bittet, obwohl auch sie vom rauhen Gatten hart behandelt wird, für
ihn um Gnade. Aber des Ritters Schuld ist noch durch die Klage der
Heymannschmiedin, deren Haus er verbrannt, deren Sohn er körperlich
schwer geschädigt hat, verstärkt worden; so gibt es für ihn keine
Gnade, nur seiner Gattin wird erlaubt, die Burg vor der Erstürmung mit
all ihrem Schmuck zu verlassen. Die Schönheit und edle Weiblichkeit der
Staupitzin hat auf den Fürsten tiefen Eindruck gemacht, und Grabissa
redet ihm noch zu, sich der »Beute« zu bemächtigen. Aber der Markgraf
weist die ihm angesonnene Niedrigkeit mannhaft zurück, und Marie trägt
mit Hilfe einer Magd den Gatten als ihr höchstes Kleinod aus der Burg.
Seinem Versprechen gemäß schenkt ihm der Fürst Leben und Freiheit, die
ritterlichen Ehren erkennt er ihm ab. (Abb. 4.) Aber Staupitz will
unter dieser Bedingung keine Gnade, er verlangt, daß seine Frau dem
Markgrafen sein Wort zurückgebe und will den Tod. »In diesem Augenblick
höchster Spannung entflieht Grabissa mit seinem Buben zu Roß als
wortbrüchiger Verräter. Der Markgraf beschließt den Rachezug gegen
Prag und eröffnet dem Staupitz die Aussicht, auf diesem Heereszug
seine Ritterehre wiederzugewinnen. Marie segnet den Ritter zum Beginn
eines neuen Lebens, selbst die Heymannschmiedin, die Trägerin des
Volksgewissens, ist bereit, dem Ritter seine Frevel christlich zu
verzeihen, und der Fähnrich schließt das Stück mit dem Gelübde (Abb. 5):
Wenn hoch das Fahntuch wallt,
Freudig sein Träger fallt,
Daß Herd und Heimat sei
Von Fremden frei.
[Illustration: Abb. 2 =Szene aus dem Volksstück: »Die treue Frau von
Kriebenstein«= Vor dem Zelte des Markgrafen]
So hat die Dichterin den einfachen Stoff der Sage verfeinert und im
rein Menschlichen vertieft: das Sehnen unserer Zeit nach Versöhnung der
Gegensätze und nach Freiheit wird ergreifend zum Ausdruck gebracht,
deutsche Treue siegt über slawische Tücke.«
[Illustration: Abb. 3 =Grabissa und der Markgraf=
Links vom Tore Hanfried, des Markgrafen Bube]
An das Festspiel schloß sich zunächst eine längere Pause, in der die
Gäste sich über das Gesehene aussprechen und Hunger und Durst stillen
konnten. In verschiedenen Räumen der Burg wurde duftender Kaffee und
Kuchen verkauft, anderswo gab es ein Bier- und Würstchenzelt, außerdem
wurden Süßigkeiten aller Art feilgeboten. Der Reinertrag davon wie
von den Eintrittsgeldern floß in die Kassen der Hausfrauenvereine,
die dadurch Mittel gewannen für Krankenpflege und nachbarliche
Nothilfe. Im zweiten Teil des Festes zeigte sich der Meienberger
Jugendbund in einem prächtigen Bauerntanze, den eine altertümliche,
aus Wien bezogene Musik begleitete, außerdem wurden Kinderreigen
getanzt, eine Bettelmusikantenschar trat auf, und Student Görner sang
Landsknechtslieder zur Laute. Aber das beweglichste Bild bot doch
der allgemeine Tanz im Rittersaal. Da wogte Alt und Jung, Vornehm
und Einfach in Drehern und Walzern, die nach den sonst üblichen
»Schiebetänzen« Auge und Ohr wahrhaft entzückten. Und was nicht
tanzte, das wallte die geheimnisreichen Treppen hinauf und hinab, die
in die romantische Halle des Oberstockes führten, aus der man in die
gotische Burgkapelle eintritt mit dem schönen Flügelaltar und der
blau-goldenen Decke, dem gewachsenen Felsen, der hier in langer Klippe
zutage tritt, und den alten Bildern. Ja sogar bis zum Boden hinauf
flutete der Gästestrom, wo man unter uraltem Gebälk die geschnitzten
Truhen und den großen Webstuhl der Hausfrau bewunderte. Noch heute
steht mir diese Sommerabendstunde inmitten der festlich froh bewegten
Menge, die dankbar das ihr hier geschenkte Vertrauen rechtfertigte,
in lebhafter Erinnerung, und ich würde es tief beklagen, wenn dieses
herrlich verlaufene Burgfest in Kriebstein das einzige seiner Art
bleiben sollte. Zunächst ist wohl in Kriebstein selbst etwa im Sommer
1926, eine Wiederholung des für den Ort geschaffenen Festspieles,
vielleicht sogar in derselben ausgezeichneten Besetzung der Rollen
möglich; die Wiederholung dieses Burgfestes mit zwei- bis dreijährigen
Pausen wird hoffentlich eine schöne Regel und feste Gewohnheit werden,
auf deren Wiederkehr sich immer größere Kreise der halb bäuerlichen
und halb industriellen Umgegend freuen. So wird ja auch in Rothenburg
ob der Tauber fast alljährlich zu Pfingsten dasselbe der Geschichte
des Orts entsprossene und der Stadt angepaßte Festspiel mit großem
Erfolg aufgeführt. Aber es gibt auch andere Burgen in Sachsen mit
volksfreundlichen Besitzern. Und fast um jede dieser Burgen schwebt
ein dramatisch gestaltbares Stöfflein, das man nur einzufangen und
durch den rechten dichterischen Genius behandeln zu lassen braucht, und
der wichtigste Mittelpunkt eines wiederkehrenden Festspieltages ist
geschaffen, eines Festspieltages, der alle Schichten der Bevölkerung
vereint und den öden Parteihader im tiefsten Burgverließ begräbt. Wer
seine Burg solchem edlen Spiel und so hoher, beglückender Freude öffnet
oder zum Gelingen des Ganzen andere Opfer bringt oder auch selbst
hilfreiche Hand anlegt, der wisse, daß er in rechter Weise mitbaut am
neuen Vaterland und an der großen deutschen Volksgemeinschaft, die
das wichtigste Ziel aller künftigen Entwicklung ist. Der Landesverein
Sächsischer Heimatschutz wird gern ratend und helfend zur Seite stehen.
[Illustration: Abb. 4 =Der Markgraf und die Staupitzin= Rechts dahinter
im Mantel und Helm der Ritter von Staupitz, rechts vorn Hanfried,
dahinter die Heymannschmiedin]
[Illustration: Abb. 5 =Die Schlußszene des Volksstücks »Die Frau von
Kriebenstein«=]
Verfallende Schlösser in Sachsen
Von Landeskonservator Dr. _Bachmann_
Wer als Wanderer durch Sachsens Gaue zieht, den wird so manchesmal eine
in Trümmern liegende alte Burg, eine malerische Ruine von den Höhen
des Erzgebirges, im Elster- oder Muldental gegrüßt haben, ein stummer
Zeuge sagenhaft gewordener Kämpfe, eine letzte Erinnerung an vergangene
Geschlechter. Mancher wird sich auch wohl fragen, ob nur Krieg und
Kampfeswirren allein so starken Verfall bedingten, haben doch oft dicht
benachbart solchen Ruinen stattliche Schlösser und Herrensitze ihren
Platz gefunden. Und in der Tat entstanden gar viele dieser Burgenreste
in Zeiten des Friedens, als die adligen Geschlechter höfisch wurden und
Fürstendienste nahmen, als ruhige Zeiten es ihnen ermöglichten inmitten
ihrer Felder und Kulturen selbst sich anzusiedeln. Dann verfielen
schnell die alten Zufluchtsorte auf Bergeshöhen, die kunstvoll
gegründeten Wasserburgen im Sumpfgelände. Das wertvolle Bauholz,
Dachziegel und alles sonst verwendbare wanderte zum Neubau hinüber
und der Rest blieb den Stürmen, den Eulen und Dohlen überlassen. Die
romantische Ruine war fertig, und die Volksphantasie eifrig geschäftig,
sie mit verborgenen Schätzen, mit weißen Frauen und spukenden Rittern
zu beleben.
Heute, so sollte man meinen, entstehen keine Ruinen mehr. Die
nachfolgenden Zeilen mögen das Gegenteil beweisen.
[Illustration: Abb. 1 =Wasserschloß Geilsdorf i. V.=]
Noch vor rund vierzig Jahren stand dicht neben dem stattlichen
Rittergut Geilsdorf i. V. eine reizvolle, alte Wasserburg, aufrecht und
wohlerhalten, von der Professor Steche, Sachsens erster Denkmalspfleger
um 1888 im staatlichen Inventar folgende Schilderung gab. »Die von
drei Seiten jetzt noch von Wasser umgebene, rechtwinklige Anlage
mit vier vortretenden achtseitigen Ecktürmen, deren gewellte Hauben
Feueressen krönen, wurde nach dem Jahre 1667 und wohl mit Benutzung
der ursprünglichen Unterbauten durch die Grafen von Tattenbach, deren
einer, Johann Ernst, Kammerherr des Kurfürsten Friedrich August I. war,
erneuert und reich im Stile der Zeit ausgestattet. Das Schloß enthält
eine vornehme Treppenanlage und stattliche Wohnräume nebst Saal,
treffliche Gewölbe wie Figurennischen und erinnert in seinem gesamten
inneren Wesen lebhaft an das Palais im Großen Garten zu Dresden, ist
aber in rettungslosem Verfall und seiner Ausstattung bis auf geringe
Reste entkleidet. Eine Restaurierung erfolgte laut Inschrift 1719.«
Bedauerlich bleibt, daß sich damals niemand fand, der uns genaue Pläne
und Abbildungen der wertvollen Anlage überlieferte. Schon in jenen
Tagen war das Schloß unbewohnt, und der Schwamm, eine notwendige Folge
der umgebenden, stagnierenden Wassergräben hatte Pfahlrostgründungen,
Balken- und Mauerwerk durchwuchert. Stück für Stück sank das Gebäude
in sich zusammen und heute kündet nur noch ein einziger Eckturm von
vergangener Herrlichkeit, in wenig Monaten wird auch dieser letzte Rest
des Wasserschlosses Geilsdorf verschwunden sein. Zum Gedenken möge
hier den Heimatfreunden ein Bild gegeben sein, daß das Gebäude noch
unversehrt zeigt. (Abb. 1).
[Illustration: Abb. 2 =Baumallee zum Schloß Großhennersdorf= bei
Herrnhut]
Auch die sächsische Lausitz kann ein altes Schloß aufweisen, das
schwer bedroht in seinem Bestand erscheint. Wer von Herrnhut kommend,
die große Staatsstraße nach Zittau zu entlang wandert, dem wird ein
Stündchen hinter Herrnhut eine reizvolle Baumallee auffallen, die zur
Linken hinüber zum Dorfe Großhennersdorf führt. Verlockt ihn der dunkle
Laubengang der seltsam verschlungenen Bäume (Abb. 2) zum Abschweifen
vom Wege, so kommt er bald beim alten, stattlichen Kretscham des Dorfes
an, wird aber zunächst vergeblich um sich schauen, was eigentlich das
Hauptziel der stolzen Baumpromenade gewesen sein mag. Schließlich wird
er, nach einigem hin und her, auf ein altes Wasserschloß stoßen, daß
unter Bäumen versteckt, umgeben von ausgetrockneten Wassergräben,
umzogen von einer verfallenen Brüstungsmauer stumm und verlassen
dahinträumt. Der Stumpf eines verwitterten Turmes, dessen dereinstige,
lustige Barockkugelhaube den Stürmen seit langem zum Opfer fiel,
bewacht den einzigen Zugang, den wir über eine alte Steinbrücke hinweg
erreichen (Abb. 3).
[Illustration: Abb. 3 =Schloß Großhennersdorf= bei Herrnhut
Turmpartie]
Hier öffnet sich sofort ein reizvoll malerischer Durchblick in
den rechteckig umgrenzten kleinen Schloßhof, den an zwei Seiten
Rundbogenhallen umrahmen und den einige sonnendurchleuchtete,
herbstlich bunte Bäume beschatten (Abb. 4). Das Gesamtbild wird
ursprünglich viel bewegter gewesen sein, als noch die oberen Galerien
in Fachwerkbögen sich ebenfalls nach dem Hofe zu öffneten und Einblick
in die Verbindungskorridore gestatteten, von denen aus auch die
Festsäle des Obergeschosses zugänglich waren. Es sind deren zwei, die
nebeneinander liegen und durch zwei Geschosse hindurchreichen. Heute
sind sie ihrer Decken beraubt und anstatt auf barocke Deckengemälde
in verschnörkelter Stuckfassung blickt das Auge in das offen zutage
liegende Gerippe des mächtigen Dachstuhles. Der sechsfenstrige Ecksaal
mit seinen beiden Erkerausbauten bietet noch immer wunderschöne
Fernblicke auf das Lausitzer Land, und wir hören gerne, wie der alte
Führer berichtet, daß der junge Graf von Zinzendorf hier als Kind
gespielt habe, betreut von der Frau Großmutter, der alten Exzellenz
von Gersdorf. Hier hat er auch mit seiner jungen Gattin im Jahre 1722
geweilt, als er die ersten böhmischen Ansiedler auf seinem Grund und
Boden am Hutberge, dem späteren Herrnhut besuchte. Hier haben auch
vom 29. Juli bis 10. August 1748 die Sitzungen der vom Landesherren
ernannten Kommission stattgefunden, die zu prüfen hatte, »ob die
Lehre der Evangelischen Brüdergemeinden für übereinstimmend mit der
Augsburger Konfession zu halten sei.«
[Illustration: Abb. 4 =Schloß Großhennersdorf= bei Herrnhut Hofansicht]
Rund um den kleinen Hof ziehen sich die gewölbten Wirtschaftsräume, die
alten Ställe und Keller im Erdgeschoß, die großen und kleinen Kammern
der Obergeschosse, nicht alle zu gleicher Zeit, sondern nach Bedürfnis
nach und nach im sechzehnten bis achtzehnten Jahrhundert entstanden.
Barock umrahmte, einfache Stuckdecken und Stuckkamine, Reste gemalter
Tapeten sind alles, was von der Innenausstattung erhalten ist. Noch
besteht eine reizvolle alte Wendeltreppe in einer Hofecke, noch ist
die breitere Haupttreppe von der Eingangshalle beim Turme her begehbar
(Abb. 5 Grundriß des Obergeschosses), aber nur wenige von den Räumen
sind noch in wohnlichem Zustand und ein Zug des Verfalls geht durch das
ganze Schloß.
[Illustration: Abb. 5 =Schloß Großhennersdorf= bei Herrnhut Grundriß
des Obergeschosses]
Eine Tuschzeichnung vom Jahre 1755 (Abb. 6) läßt uns erkennen, wie das
alte Schloß in seinen besten Tagen ausgesehen hat. Wir finden da im
Mittelpunkte des Bildes auch noch die graziöse, barocke Gartenanlage
mit Orangeriegebäude, wie solche damals zu jedem besseren Schloßanwesen
gehörte. Nur die völlig verbaute Orangerie und ein Rest des
Gartentores, nebst einem Gartenhäuschen sind davon bis heute erhalten
geblieben. Auch der große, im Bilde vorn links sichtbare Gebäudekomplex
des alten Katharinenhofes hat längst schon einem Neubau weichen müssen.
[Illustration: Abb. 6 =Schloß Großhennersdorf= bei Herrnhut]
Soll das auch das Schicksal des alten Wasserschlosses sein? Die
Brüdergemeinde in Herrnhut, die Besitzerin des Anwesens, hat in
der jetzigen schweren Zeit nicht die Mittel übrig, den großen
Gebäudekomplex zu unterhalten. Die Belegung mit Kriegsgefangenen in
den Kriegsjahren hat ein weiteres getan, den Bestand zu gefährden.
Sollte es aber nicht trotzdem möglich sein, dem alten Schlosse, das ja
in einem der schönsten Teile unseres Sachsenlandes gelegen ist, neues
Leben zu geben?! Sind nicht im Lande Sport- und Wandervereine genug
vorhanden, denen hier ein schönes Heim geschaffen werden könnte?!
[Illustration: Abb. 7 =Schloß Großhennersdorf= bei Herrnhut]
Ganz gewiß sind zunächst Mittel vonnöten, den verbrauchten Bau
zu sichern und ihn wieder wohnlich zu gestalten, doch wird es
ohne weiteres möglich sein, dies schrittweise, von Jahr zu Jahr
fortschreitend zu bewerkstelligen. Sicher ist aber, daß hier in
herrlichster Lage damit ein Asyl geschaffen werden könnte, wie es sich
unsere deutsche Jugend nicht besser wünschen und erträumen könnte.
Die Kriechtiere und Lurche unseres sächsischen Vaterlandes[1]
Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Von den einunddreißig für Deutschland nachgewiesenen Kriechtier- und
Lurcharten gehören dreiundzwanzig, also über zwei Drittel, auch der
sächsischen Tierwelt an. Es sind dies von den Kriechtieren die Zaun-
und die Berg-(oder Wald-)eidechse, die Blindschleiche, die Ringel-
und die Glatte (oder Hasel-)Natter sowie die giftige Kreuzotter als
in Sachsen ziemlich weitverbreitete Arten. Ihnen reihen sich noch die
Würfelnatter als eine dem Süden angehörende, in Sachsen bei Meißen
nachgewiesene, entweder verschleppte oder längs der Elbe aus Böhmen
eingewanderte Art und die verschiedentlich (so in der Leipziger
Gegend, bei Rochlitz und an der Elbe) gefundene Sumpfschildkröte an.
Das Vorkommen der letzteren ist noch recht umstritten; die Mehrzahl
der Tierkundigen führt es auf Aussetzungen zurück und vertritt damit
eine Anschauung, die ich persönlich jedoch nicht für alle gemeldeten
Funde teilen kann und worüber ich mich ausführlicher bereits an
anderer Stelle ausgelassen habe[2]. Die Lurche sind in Sachsen durch
den Wasser- und den größeren Seefrosch, den man früher nur als eine
Varietät des ersteren ansah, heute aber wohl allgemein als eine eigene
Art anerkennt, den Gras- und den Moorfrosch, die Erd-, die Grüne
(oder Wechsel-) und die Kreuzkröte, den Laubfrosch, die Rotbauch-
und die seltene, nur lokal vorkommende Gelbbauchunke (ein Nachprüfen
des Vorkommens ist dringend erwünscht!), die Knoblauchskröte, den
Feuersalamander, den Kamm-, den Berg- und den Teichmolch vertreten. Von
den übrigen deutschen Arten fehlen unserem Sachsenlande die in Süd-
und Westdeutschland vorkommende und wohl aus dem Süden eingewanderte
Mauereidechse, die ebenfalls dem Süden entstammende, an einigen wenigen
Orten nur beobachtete Smaragdeidechse, die bei Schlangenbad im Taunus
und bei Schlitz in Oberhessen sowie noch an einigen anderen Orten
sich findende Äskulapnatter, die wiederum ein Tier des Südens und als
solches entweder bei uns eingewandert oder nach einer anderen Lesart
durch die Römer eingebürgert worden ist, sowie die der Kreuzotter
ähnliche, ebenfalls giftige Aspisviper, die bei Passau und an
einigen Stellen im oberen Teile Badens nachgewiesen worden ist; der
lokal in Süddeutschland beobachtete Springfrosch, die interessante
Geburtshelferkröte, der auf die bayerischen Alpen beschränkte und an
einigen anderen Orten Süddeutschlands vorkommende Alpensalamander,
der vor einer Reihe von Jahren von einem sächsischen Lurchpfleger bei
Dresden ausgesetzt worden ist, über dessen Vorkommen aus jüngerer Zeit
aber keine Nachrichten mehr vorliegen, sowie der Leistenmolch.
[Illustration: Abb. 1 =Kreuzotter=, Ruhestellung]
Über die Verbreitung einer Anzahl der vorgenannten Arten innerhalb
der weißgrünen Grenzpfähle sind wir bei weitem noch nicht in der
wünschenswerten Klarheit unterrichtet; an der sicheren Festlegung
ihrer Vorkommen kann sich jeder ernste, sich für unsere Tierwelt
interessierende Naturfreund beteiligen und dabei durch ihm vielleicht
unbedeutend scheinende Beobachtungen, der Wissenschaft doch recht
nützliche Dienste leisten.
[Illustration: Abb. 2 =Kreuzotter=, Angriffsstellung]
Der Moorfrosch z. B., der im nordsächsischen Flachlande weit verbreitet
und besonders dessen ausgedehnten Teichgebieten eigen ist, steigt von
hier aus auch in das Hügelland und unsere Mittelgebirge empor – das
von mir festgestellte Vorkommen von Limbach gehört hierher –, und
wird schließlich, obwohl er eigentlich ein Tieflandbewohner ist, an
geeigneten Stellen selbst in höheren Lagen noch angetroffen, wie die
von mir gemachten Funde des Tieres an den Großhartmannsdorfer Teichen,
südlich Freiberg, beweisen. Die genaue Festlegung seiner südlichsten
Verbreitungsgrenze, die zu ziehen uns heute in Ermangelung der
notwendigen Unterlagen noch nicht möglich ist, wäre tiergeographisch
aber von großem Werte. – Die Unterscheidung von unserem Grasfrosche,
dem er äußerlich so auffallend ähnelt, daß er als eigene Art erst in
verhältnismäßig später Zeit erkannt worden ist, und dann auch lange
noch ein Streitobjekt gebildet hat, wird den Anfänger allerdings noch
einige Schwierigkeiten bereiten, ihm mit Sicherheit aber möglich sein,
sobald er beide Arten einmal gleichzeitig nebeneinander gehabt hat
und miteinander hat vergleichen können. Der Moorfrosch unterscheidet
sich vom Grasfrosch durch die etwas schmalere Stirn und die spitzer
auslaufende Schnauze, durch den stets ungefleckten Bauch (beim
Grasfrosch ist er fast immer dunkel gefleckt) und untrüglich durch den
sogenannten Fersenhöcker, eine längliche, schwielenartige Erhebung an
der Wurzel der inneren Zehe der Hinterfüße, der allen Fröschen eigen
ist und ein sicheres Artmerkmal bildet. Beim Moorfrosch ist er stark
und hart, schaufelartig seitlich zusammengedrückt und immer länger als
die halbe Innenzehe, beim Grasfrosch dagegen ist er schwach und weich
und bildet einen länglich-stumpfen Wulst von jederzeit geringerer Länge
als die Hälfte der Innenzehe.
[Illustration: Abb. 3 =Kletternde Ringelnatter=]