Diese meine Auffassung wird auch durch die nicht eben reichl

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter

oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original

in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter

Text ist =so dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

9 bis 10

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XIII

_Inhalt_: Weihnachten und Heimat – Die wiedererstandene Burg

Scharfenstein an der Zschopau – Burgen als Stätten für Volksfeste

– Verfallende Schlösser in Sachsen – Die Kriechtiere und Lurche

unseres sächsischen Vaterlandes – Otto Altenkirch – Vom Wisent –

Vom Aschberg zum Kiel

Einzelpreis dieses Heftes 2 Goldmark

Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24

Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835

Stadtgirokasse Dresden 610

Bankkonto: Commerz- und Privatbank,

Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden

Bassenge & Fritzsche, Dresden

Dresden 1924

Bienhof

das Erholungsheim des Heimatschutzes

Mit Hilfe von Freunden und Gönnern des Heimatschutzes konnten jetzt

sämtliche Räume des Erholungsheimes in Bienhof zweckentsprechend

eingerichtet und ausgestattet werben. Ein lange gehegter Wunsch

des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz ist damit erfüllt. Das

Landhaus Bienhof und die im danebenstehenden Zechelhause befindlichen

Räume stehen vom 1. November 1924 an, soweit sie nicht zu den in den

Stiftungsgrundsätzen vorgesehenen Zwecken in Anspruch zu nehmen sind,

allen Mitgliedern des Heimatschutzes das ganze Jahr über zur Benutzung

offen.

In behaglich eingerichteten, zum größten Teil heizbaren Zimmern mit

ein bis drei Betten und bei bester, preiswerter Verpflegung durch den

Hausverwalter und dessen fürsorgliche Frau und Tochter, bietet der

Landesverein Sächsischer Heimatschutz damit seinen, auch in schwerster

Zeit in Treue zu ihm gestandenen Mitgliedern, Gelegenheit zu tageweisen

oder auch längeren Aufenthalt in stiller, geschützter Gebirgslage.

Hier – inmitten einer an landschaftlichen Schönheiten und an

erhaltenswerten Naturdenkmälern aller Art überaus reichen

Gebirgsgegend, wird der Erholungssuchende alles finden, was Körper und

Geist stärken und erfrischen kann. Wanderfreudigen und naturkundigen

Heimatschutzmitgliedern aber öffnet sich hier eine dem Schutze der

Heimatnatur geweihte Einkehrstätte und ein Stützpunkt für ernste

Naturstudien.

Zehn Zimmer mit zusammen einundzwanzig Betten stehen zur Verfügung. Bei

der großen Mitgliederzahl erscheint es geboten, daß Anmeldungen für die

Sommermonate des nächsten Jahres rechtzeitig, spätestens bis 1. April

1925, eingehen.

Für die kommende Winterszeit ist unser Erholungsheim Bienhof ein ideal

gelegener Ausgangspunkt für den Wintersport. Das Sattelberggebiet

ist allen Skifahrern bestens bekannt. Sanftgeneigte, weite Flächen

wechseln mit steilen Hängen und laden ein zu ruhigem Dahingleiten und

zu kühnen Abfahrten. Für größere Fahrten winkt der nahe Gebirgskamm um

Nollendorf und Streckenwald mit seinen unvergleichlichen Ausblicken ins

Böhmerland. Für den Rodelschlitten lassen sich in unmittelbarer Nähe

des Landhauses viele geeignete Bahnen finden und zum Schlittschuhlauf

bietet der nahe Mühlteich beste Gelegenheit. Und wer nun einmal den

Winter im Gebirge mit all seiner weißen Pracht schauen und erleben

will, der findet hier den ganzen Winterzauber in unberührter Schönheit

– modelliert und gemalt von dem gleichen Meister wie an all den

anderen, oft überfüllten Wintersportplätzen.

Bienhof wird erreicht von der Bahnstation Gottleuba in eineinviertel

Stunden, von der Haltestelle Zollhaus Hellendorf der Autolinie

Gottleuba–Peterswald in fünfunddreißig Minuten.

Anmeldung für Übernachtung in der Geschäftsstelle des Heimatschutzes,

Dresden, Schießgasse 24, wo auch jeden Freitag Auskunft über

Schneeverhältnisse erteilt wird.

G. M.

_Wir bitten unsere sehr geehrten Mitglieder, bei Erhalt dieses Heftes,

das unserer Ansicht nach wieder sehr wertvolle Beiträge bietet,

freundlichst nochmals werbend für unseren Verein tätig zu sein.

Weihnachten steht vor der Tür, und da liegt es nahe, vielen in der

Mitgliedschaft unseres Vereins ein Weihnachtsgeschenk zu machen, sind

doch die Bücher, die wir bieten, so wertvoll, daß das allein schon den

geringen Jahresbeitrag von monatlich 1 Mark, der bis auf 50 Pfennig bei

wirtschaftlich Schwachen ermäßigt werden kann, aufwiegt. Wir bitten,

die beigefügte Werbeliste zur Anmeldung neuer Mitglieder zu benutzen._

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Band XIII, Heft 9/10 1924

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 31. Oktober 1924

Weihnachten und Heimat

Von Pfarrer _W. Hoffmann_, Chemnitz

Weihnachten und Heimat gehören für uns Deutsche in ganz eigentümlicher

Weise zusammen. Vielleicht noch inniger als bei anderen christlichen

Völkern, sind sie bei uns beide miteinander verbunden, ja miteinander

verwachsen.

Unter _Heimat_ verstehen wir ja nicht nur das Land, in dem wir

geboren sind, geschweige denn unsere staatliche Existenz, sondern

vor allem auch den Charakter unseres Lebens, so wie er sich aus den

Naturbedingungen des heimischen Bodens, aus dem Volkscharakter und

aus der Geschichte unseres Volkes herausgebildet hat. Wenn daher

ein Deutscher in der Fremde mit Sehnsucht an die Heimat denkt, so

vergegenwärtigt er sich nicht nur, falls er vom Dorfe ist, die

Heimatflur und den Waldrand, oder, falls er ein Stadtkind ist, die

stille Gasse oder auch das öde Mietskasernenviertel, sondern er

hört auch die Kirchenglocken der Heimat läuten und denkt an all das

Besondere im Leben des Alltags und der Festtage, das er in der Fremde

nicht mehr findet. Ganz allgemein aber ist es die Weihnachtszeit und

der Weihnachtsabend, die in der Fremde den Zug zur Heimat am stärksten

werden lassen, so daß man sich sogar Mühe gibt, irgend ein stachliches

Gewächs, das man findet, zu einem Christbaum zurechtzuputzen, und wenn

man ihn selbst aus nackten Hölzern zusammensetzen müßte.

Wer es sich also zur Aufgabe macht, den Heimatsinn und die Heimatliebe

zu pflegen, der kann am _Weihnachtsfest_ am allerwenigsten

vorübergehen. Er wird überzeugt sein und auch andere davon überzeugen

wollen, daß eine Entwurzelung des christlichen Volksgeistes zugleich

eine ungeheure Schädigung und Verarmung unseres heimatlichen Lebens

zur Folge haben müßte. Denn ohne eine geistige Grundlage, ohne einen

Glauben, der Herzenssache ist, müßten auch die schönsten Volkssitten

schließlich verkümmern. Allem Äußeren entspricht hier ein Inneres.

Und wenn dieses Innere verdorrt, dann kann auch das Äußere mit allen

Mitteln und mit aller Anstrengung auf die Dauer nicht aufrechterhalten

werden; es kann das Äußere – ich meine die Volkssitte – nicht mit bloß

äußeren Mitteln erhalten oder wieder belebt werden. Darum ist die

geistige und seelische Verfassung unseres Volkes eine Angelegenheit,

die auch uns Verfechtern des Heimatschutzgedankens nicht gleichgültig

sein kann. Eine Materialisierung unseres Volksgeistes und Volkslebens

würde auch unser Heimatleben mit all seinem Reichtum und seiner

Schönheit schließlich der Verödung preisgeben. Denn das Wort bleibt

wahr: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Es ist der

Volksgeist, der sich sein Heimatleben immer neu schafft.

Es wird nun aber neuerdings immer wieder versucht, gerade um des

Heimatgedankens willen, in unserem Weihnachtsfest das eigentlich

Deutsche, das ursprünglich _Germanische_ stärker zu betonen auf Kosten

des Christlichen. Aber das kann zu nichts führen. Was ist nicht alles

von einem germanischen Weihnachtsfest gefabelt worden! Es hat ein

solches niemals gegeben. Und jeder, der ernstlich dem Ursprung unserer

Weihnachtssitten nachforscht, erkennt von neuem die Unmöglichkeit,

aus ihnen einen germanischen Kern herauszuschälen. So weit wir auch

zurückgehen, immer finden wir bereits die innige Verschmelzung der

Weihnachtsgeschichte von Bethlehem und der christlichen Gedanken

mit der deutschen Sitte. Was allenfalls übrigbleibt, das sind

die Schmausereien und Trinkgelage, in denen allerdings unsere

vorchristlichen Altvordern groß gewesen zu sein scheinen. Diese aber

noch mehr zur Hauptsache zu machen, als es ohnedies schon geschieht,

das würde ganz gewiß nicht zu einer Erhöhung und Veredelung der

deutschen Weihnachtsfeier führen.

Wir müssen schon die Tatsachen der Geschichte gelten lassen und können

sie nicht korrigieren. Ein Volk lebt nun einmal aus seiner Geschichte,

nicht aber von ungeschichtlichen Konstruktionen. Mit altgermanischer

Götterromantik schaffen wir keine neue Weihnachtssitte, vor allem keine

volkstümliche. Denn für Symbolgestalten ohne Realität hat unser Volk

wenig Sinn. _Darum wird Weihnachten ein christliches Fest bleiben, oder

es wird aufhören zu sein._ Wir können nicht einen neuen und noch dazu

sehr zweifelhaften und gärenden Wein in die alten Schläuche füllen.

So wird das Christfest bei uns um so lebendiger bleiben, je

entschiedener wir seinen christlichen Charakter festhalten, auch in

der heimatlichen Weihnachtssitte. Alles, was nach dieser Richtung hin

oder vielmehr von dieser Richtung her das Christfest belebt, das stärkt

auch den Heimatsinn: die Ausgestaltung der kirchlichen Christvespern

und Christmetten unter Anknüpfung an vorhandene oder vorhanden gewesene

Sitten, das Choralblasen vom Kirchturm in der Frühe des Christtages,

die Herstellung von Weihnachtskrippen und Weihnachtsbergen, die

Wiederbelebung der alten schönen Christspiele. Gerade von letzteren

ist gesagt worden, daß man »Totes nicht wieder zum Leben erwecken

könne«. Aber neuere Erfahrungen zeigen, wie wenig dieses Urteil

zutrifft. Denn wirklich tot ist ja nur das, woran wir innerlich keinen

Anschluß mehr finden. Meines Wissens ist denn auch überall, wo man ein

Christspiel wieder aufzuführen gewagt hat, der Zuspruch groß und der

Eindruck tief gewesen. Ein Wort sei auch über die Weihnachtslieder

gesagt. Es ist ein großer Mangel, wenn in so mancher Familie der

»Bedarf« an Weihnachtssang mit dem Liede »O Tannebaum« bestritten wird,

natürlich weil es am allgemeinsten und also am wenigsten die Gedanken

der Weihnachten ausspricht. Ich möchte das als »verschämte Armut«

bezeichnen. Sie ist um so bedauerlicher, als kein anderes Volk der Erde

einen solchen Schatz nicht nur an Weihnachtschorälen, sondern auch an

weihnachtlichen Volksliedern aufzuweisen hat.

Habe ich bisher zu zeigen versucht, daß ein ausgesprochen _christlicher

Charakter_ des Weihnachtsfestes den Heimatsinn in jeder Weise stärkt

und belebt, so möchte ich nun auch den umgekehrten Satz aufstellen:

Wem an einem wirklich lebendigen Weihnachtsfest gelegen ist, der muß

auch an den _heimatlichen Weihnachtssitten_ ein starkes Interesse

haben. Es gibt auch puritanisch Gerichtete, die um der Heiligkeit

des Festes willen alle schönen Sitten verwerfen, weil sie zu einer

Veräußerlichung dieses Festes führen müßten. Daß diese Gefahr besteht

und immer bestanden hat, ist nicht zu bestreiten. Heute kommt diese

Gefahr vor allem von jener _Weihnachtsindustrie_ her, die ohne innere

Fühlung mit der Volkssitte alle nur erdenklichen Massenartikel auf

den Markt wirft, zur angeblichen »Verschönerung« und »ergreifenden«

Gestaltung des Festes, der Weihnachtsstube, des Christbaumes usw.

Wieviel ursprünglicher Sinn geht z. B. verloren durch die elektrischen

Christbaumkerzen! In manchen Kirchen lassen sie sich zwar der

Feuergefährlichkeit wegen leider nicht vermeiden. Aber im Haus ist es

doch nur der »Effekt«, den man erzielen will, wenn man knipst und der

Baum erstrahlt. Und so verzichtet man auf die lebendige, brennende,

flammende, wehende Kerze, deren Wachsduft sich mit dem Duft der Tanne

vermischt. Man verzichtet auf den Anblick des Niederbrennens bis zu den

letzten Lichtern, wo dann die Schatten an der Decke und an den Wänden

huschen und die Stube in geheimnisvolles Dämmerlicht versinkt.

Es ist ja überhaupt vom Übel, wenn man sich gerade für das Christfest

alles »fix und fertig« liefern läßt, anstatt selber Hand anzulegen

und sich die häusliche Weihnachtsfeier zu »gestalten«. Ich kenne noch

heute Familien, die immer weiterbauen an ihrem Weihnachtsberg oder an

ihrer Pyramide, so daß sie von Jahr zu Jahr schöner wird. Dringend zu

raten ist auch, derjenigen Industrie rechte Beachtung zu schenken,

die noch nicht ins rein Mechanische versunken ist. Das ist die

_erzgebirgische Spielwarenindustrie_. Sie verdankt es wohl auch gerade

ihrer Gestaltungsfähigkeit und Verbindung mit dem Kunsthandwerk, daß

sie noch immer einen Weltruf genießt. Die schaffende und gestaltende

Hand ist noch nicht durch die Maschine ausgeschaltet. So schenkt sie

uns auch für Weihnachten viel Brauchbares und Wertvolles, bis hin

zu den handgeschnitzten Krippenfiguren der heiligen Familie, der

Hirten und Schafe, der drei Könige und ihres Gefolges an Menschen und

Tieren, der himmlischen Heerscharen. Natürlich müssen solche Figuren

teurer sein, als die üblichen Industrieerzeugnisse. Aber ich weiß von

manchen, die sich allmählich einen solchen kleinen Weihnachtsschatz

sammeln, indem sie das eine Jahr einen »Heiligen-Drei-König«, das

andere einen schönen Engel, das dritte zwei Schafe usw. hinzuerwerben.

So können wir die Heimatkunst in den Dienst des schönsten aller Feste

stellen, anstatt daß wir es nur mit Likörflaschen und mit Zigarren »in

Geschenkverpackung« umrahmen. Und wo es im Ort ein _Christspiel_ gibt,

– wohl zu unterscheiden von einem bloß weihnachtlich zurechtgestutzten

und innerlich zusammenhanglosen Theaterstück, – da führe man nun auch

seine Kinder hin und komme vor allem auch selber mit. Alles, was uns

Weihnachten veranschaulicht, dient dem Sinn dieses Festes. Denn so ganz

»geistig« sind wir nun einmal nicht, und noch weniger sind es unsere

Kinder, daß wir auf alles Äußerliche verzichten könnten. Und niemals

kann dieses Äußerliche uns zu einer bloßen Ablenkung werden, so lange

wir eben den eigentlichen Sinn des Festes stets im Auge behalten. Darum

aber sind alle Bestrebungen freudig zu begrüßen, die unserem Christfest

wieder einen recht heimatlichen, bodenbeständigen Charakter geben

wollen.

_Glaube und Heimat_ sind und bleiben die beiden Kraftquellen unseres

Volkslebens.

Die wiedererstandene Burg Scharfenstein an der Zschopau

Von _Otto Eduard Schmidt_

Mit Aufnahmen der Dresdner Photographischen Werkstätten, Dresden

Unter dem blauseidigen Himmel eines goldigen Herbstsonntags fuhr ich

von Flöha aus das herrliche Zschopautal aufwärts. Noch nie hatte ich es

in solcher Pracht gesehen. Der reiche Laubschmuck dieses Sommers (1924)

hatte zwar schon sein Sterbekleid angelegt, aber es sprühte Licht und

Farben, als ob der Tod in das Leben umgebogen werden könnte. Und was so

siegprangend in die reine Luft leuchtete, das verdoppelte sich noch hie

und da durch Spiegelung in dem ruhigen klaren Wasser der Wehrteiche, zu

denen der Fluß sich überall anstaut, wo ein Mühlgraben abzweigt. Unten

auf den smaragdgrünen Wiesen weideten buntscheckige Rinder und oben

über dem golddurchwirkten Walde glänzten die kraftvoll durchgebildeten

Ecktürme und Dächer der alles beherrschenden Augustusburg. Es folgt

das behaglich um die altersgraue Feste Wildeck geschmiegte Städtchen

Zschopau. Bald danach verkünden höher ansteigende schwarze Waldberge

das Nahen der sagenumwobenen Burg Scharfenstein, der Perle des oberen

Zschopautales – und nun liegt sie selbst vor mir, auf felsiger Anhöhe,

vom Sonnengold umflossen, und bietet mir heute wieder fast denselben

reizvollen Anblick wie vor sechs Jahren, als ich sie zuletzt sah. Aber

zu genauerem Vergleich ist zunächst keine Zeit; denn im Durchgang des

Bahnhofs begrüßt mich der Burgherr Graf Alexander von Einsiedel, und

im nächsten Augenblick trägt uns der Kraftwagen mit kaum glaublicher

Tatkraft den steilen Felsen empor in den Burghof. Die breite

Steintreppe führt uns in ein großes, helles Empfangszimmer mit schönem

Blick in eine sich nach rechts hin erstreckende, mit Kreuzgewölben

überdeckte Galerie. Hier wird der Burgherr auf kurze Zeit abgerufen –

und nun erst komme ich dazu, meine abgebrochene Gedankenkette über das

Wie und Wo wieder aufzunehmen.

Über die Anfänge von Scharfenstein besitzen wir weder eine Urkunde

noch die Angabe eines zeitgenössischen Geschichtschreibers. Aber der

Name deutet, gerade wie der verwandte Name des Schlosses Scharfenberg

bei Meißen, auf Beziehungen zum Bergbau: Scharfenstein ist der Stein,

in dessen Nähe »geschürft« wird. Zum Beweise führe ich folgendes an.

Gleich die erste urkundliche Erwähnung Scharfensteins im Lehnsbuche

Friedrichs des Strengen (1349/50): »Johann von Waldenburg trägt

vom Markgrafen zu Lehen Wolkenstein, Grifenstein (Greifenstein),

Zcinewerk (Ehrenfriedersdorf), Bergwerck (Geyer), dy Schape

(Zschopau) Scharfenstein« zeigt die Burg in Verbindung mit Zinn- und

Silberbergwerken, ebenso die Urkunde über den Verkauf von Scharfenstein

im Jahre 1439 (s. unten S. 321), endlich beweisen auch Reste von

Stollen und Gruben in größerer Nähe von Scharfenstein, daß dort

bergmännische Tätigkeit zu Hause war. Dem gegenüber müssen die älteren

Behauptungen, Burg Scharfenstein sei schon lange vor dem Jahre 1000

erbaut worden, in das Gebiet der Fabel verwiesen werden.

[Illustration: Abb. 1]

Mit dieser Grundstimmung begann ich die einzelnen alten Bauglieder

der Burg genauer zu betrachten. (Abb. 1.) Zunächst den schon längst

nicht mehr bewohnten Bergfried und die sich daran lehnenden Reste des

Palas. Beide erheben sich auf der höchsten Spitze des gewachsenen

Felsens (Kersantit) und sind mit uraltem, armstarkem Efeu bewachsen.

Der kreisrunde Bergfried ist jetzt noch siebzehn Meter hoch, seinen

Zinnenkranz und die Storchnesthaube als oberen Abschluß erhielt er

1850. Von zwei jüngeren Gliedern des Hauses Einsiedel unterstützt, maß

ich die Mauerstärke: sie beträgt dreieindrittel Meter (der Bergfried

in Zschopau drei Meter und siebzig Zentimeter), der innere Hohlraum

ist nur ein Meter und fünfundachtzig Zentimeter weit. Das ziemlich

hoch liegende Gemach des Bergfrieds war nur auf Leitern zugänglich,

erst spät ist die untere Tür in den Steinpanzer gebrochen worden. Von

Süden her ist der Angriff gegen den Bergfried erschwert durch den

vierzehn Meter breiten und sehr tiefen Halsgraben, der den Talsporn,

auf dem die Burg liegt, von den nach Süden zu höher ansteigenden

Gebirgsstock lostrennt. Von der Plattform am Zinnenkranz genießt

man eine entzückende Aussicht nördlich und südlich ins Zschopautal;

der ernste Gipfel des Fichtelbergs war leider durch silbernen Duft

verschleiert. Als wir dann zu Füßen des Steinriesen von seinen

Schicksalen plauderten, trat der Burgherr wieder zu uns, und nun

ging die Wanderung durch die Räume des Erdgeschosses (Abb. 2) und in

die Tiefe der Keller. Im tiefsten Keller, zwei Stockwerke unter der

Erde, sah ich den einst bis auf den Wasserspiegel der Zschopau in den

Felsen getriebenen Brunnen; um seine Tiefe einigermaßen zu ermessen,

ließen wir angezündetes Papier hinunterflattern. Der Brunnen ist

leer, auch ohne Wasserspiegel; als er 1832 ausgeräumt wurde, kamen

menschliche Gebeine und Waffen aller Art zum Vorschein; sie sollen

von einer Erstürmung der Burg im Dreißigjährigen Krieg herrühren (s.

unten S. 325). In den alten unteren Geschossen und Kellern habe ich von

romanischer Bauweise keine Spur gefunden. Die ältesten Türgewände der

Keller zeigten vielmehr die gotische Form des Eselsrückens. Man wird

aber, wenn man die ältesten beglaubigten Nachrichten vom Scharfenstein

und den baulichen Befund zusammenrechnet, die Anfänge der Burg

frühestens um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts ansetzen dürfen.

Zum Vergleiche bemerke ich, daß die erste urkundliche Erwähnung des

benachbarten und vielfach mit Scharfenstein verschwisterten Schlosses

Wolkenstein aus dem Jahre 1241 stammt.

[Illustration: Abb. 2 =Burghof= Rechts Eingang zur Haupttreppe. Die

Fenster darüber gehören zur Galerie des Gesellschaftsflügels. Weiter

links die Hofseite des Rundbaues und des Kirchenflügels]

In Rücksicht auf eine so späte Entstehung der Burg Scharfenstein

halte ich es auch nicht für wahrscheinlich, daß die Burg längere

Zeit nur aus dem Bergfried und dem kleinen daran gelehnten Palas

bestanden habe. Dazu waren die Bedürfnisse des ritterlichen Adels um

1250 oder gar um 1300 schon zu weit fortgeschritten. Auch scheint die

Sicherheit der Burg die Befestigung der ganzen Plattform des Felsens

gefordert zu haben. Demnach sind die jetzt bewohnten, den Burghof

im Dreiviertelkreis umgebenden Gebäude wenigstens zum Teil wohl

gleichzeitig mit dem Bergfried und Palas oder nur wenig später erbaut

worden; sie bildeten, untereinander durch Wehrgänge verbunden, den

sogenannten Zwinger. So kann man die Burg in ihrem heutigen Umfange als

ein beinahe gleichzeitig entstandenes Ganzes auffassen. Einzelne nach

Westen zu sich der Talsohle nähernde Steintürme, von denen noch Trümmer

vorhanden sind, bildeten, durch unterirdische Gänge miteinander und mit

der Burg verbunden, eine Ergänzung dazu, die als Verbindungsglied zu

der im Tale hinführenden Straße oder als Fluchtburg bei Gefahr für die

Einwohner des Dorfes von Wichtigkeit war.

Diese meine Auffassung wird auch durch die nicht eben reichlich

fließenden geschichtlichen Nachrichten über Scharfenstein bestätigt.

Als Gründer und erste Inhaber der Burg müssen nach der obenerwähnten

Angabe des Lehnsbuchs Friedrichs des Strengen die reichsunmittelbaren

Herren von Waldenburg gelten, die seit 1241 auf Wolkenstein bezeugt

sind, damals wohl das mächtigste Dynastengeschlecht der ganzen

Gegend; denn sie besaßen in den Herrschaften Waldenburg, Rabenstein,

Scharfenstein und Wolkenstein ein zusammenhängendes Gebiet, das von

den sanften Hügelketten der mittleren Pleiße und Mulde bis hinauf zum

Kamm des Gebirges (südlich von Wolkenstein) reichte. Daß es noch vor

den Waldenburgern Kaiserliche Vögte von Scharfenstein gegeben habe, ist

eine Vermutung, der jede Grundlage fehlt. Die Waldenburger verwendeten

Scharfenstein, wie eine Urkunde vom 8. April 1386 (~C D S I~, B 1, 131

f.) dartut, als Leibgedinge bzw. Witwensitz für ihre Gattinnen. Darin

liegt schon ein Beweis dafür, daß Scharfenstein damals nicht nur eine

kriegerische Wache war – 1389 war Hans von Forchheim »heupmann uff dem

Scharfensteyn« unter Anarg und Heinrich von Waldenburg ~C D S II~, 12,

1 S. 417 –, sondern auch für eine ritterliche Dame genügendes Quartier

bot: die Dörfer Griesbach, Hopfgarten, Grünau, Groß-Olbersdorf,

Schönbrunn, Falkenbach, Drebach, Herold und Glashütte lieferten

Zinsen und Naturalabgaben. Im fünfzehnten Jahrhundert, als die Feste

Greifenstein, die bis 1429 die Bergorte Thum, Ehrenfriedersdorf und

Geyer beschirmt hatte, von den Hussiten (?) zerstört war, übernahm

Scharfenstein auch die Pflicht, diese Bergorte zu beschützen und die

sich daraus ergebenden Rechte. Es gewann dadurch solche Bedeutung, daß

der Landesherr Kurfürst Friedrich der Sanftmütige sein Auge darauf warf

und, da die Vermögenslage der Herren von Waldenburg mißlich geworden

war, sie 1439 durch Kauf erwarb, wobei der Münzmeister von Freiberg,

Liborius von Senftleben, dessen Brüder und ein Stephan Glasperg als

Mittelsmänner dienten. Sechs Jahre lang sollte es den Brüdern Heinrich

und Anarg von Waldenburg freistehen, die Güter aus der Verpfändung

einzulösen, aber sie vermochten es nicht. So erscheint schon 1445

der Kurfürst als Besitzer von Scharfenstein und seinem Zubehör.

Diesem Umstande verdanken wir es, daß wir aus einem Verzeichnisse

der landesherrlichen Einkünfte aus dem Jahre 1445 Wichtiges über die

Einkünfte aus der Herrschaft Scharfenstein erfahren. Dazu gehören, je

nach der Ausbeute steigend und fallend, jährlich zweieinhalb Schock von

der Zinnschmelze in Ehrenfriedersdorf, dreißig Gulden von den Bänken

der Schuster in den obengenannten Bergorten, zwei Schock Krämerzins

und siebzehn Schock Zoll und Geleitsgeld. Dieser letzte Posten

zeigt uns, daß Scharfenstein nicht nur Silber- und Zinnbergwerke zu

beschirmen hatte, sondern auch eine Straße: den richtigen, von Öderan

über Zschopau, Wolkenstein, Chemnitz, Komotau nach Prag führenden Paß.

Übrigens behielt der Kurfürst von dem Scheinkaufe Senftlebens nur die

Anrechte auf die Bergorte Ehrenfriedersdorf und Geyer, die er zum

Amt Wolkenstein schlug, während Thum und Scharfenstein 1473 in den

Händen des Heinrich von Schönberg waren, der sie mit Schellenberg und

Zschopau vom Fürsten zu Lehen trug. Dieses Verfahren erinnert sehr an

das Verhalten der sächsischen Fürsten beim Bankrott der Herrschaft

Bärenstein 1491 (s. Kursächsische Streifzüge V. Bd. S. 314).

Von hier an fließen die urkundlichen Nachrichten in ununterbrochener

Kette bis zur Gegenwart. Denn von 1486 an besitzen wir die Lehnsbriefe

über Scharfenstein und die damit zusammenhängenden »~Confirmationes

et Consensus~« (»Bestätigungen und Bewilligungen«) der Landesfürsten

in vierzehn, meist sehr starken Bänden des Hauptstaatsarchivs, alles

in allem ein überaus reiches Material mit vielen Briefen, das den

unverdrossenen Forscher tief in das Innerste der Geschichte des

Einsiedelschen Geschlechtes und der Burg Scharfenstein einführt.

Der erste Lehnsbrief vom Jahre 1486 verleiht »Ern Heinrichen von

Starschidel Rittern und seinen rechten Leibeslehenserben ... Sloß

Scharffenstein mit den Mennern dafur gesessen mit aller seiner

Zubehörung ... zu rechten Manslehen«. Der für uns wichtigste Lehnsbrief

ist der vom Jahre 1492, durch den Scharfenstein an _Heinrich von

Einsiedel_ übergeht. In ihm sind auch alle die Vorbesitzer der Burg

genannt, die sie nach dem oben besprochenen Kauf des Landesherrn

(1439) zu Lehn getragen haben; dadurch wird die in der volkstümlichen

Literatur über Scharfenstein verbreitete Legende, die Burg sei schon

1427 in den Besitz der Einsiedel gekommen, ohne weiteres als falsch

erwiesen. Die wertvollsten Teile dieses Lehnbriefes lauten: »~Anno

domini etc.~ 1492 am Donerstage nach ~Pauli conversionis~ (des

Paulus Bekehrung) hat mein gnediger Herr Herzog George von wegen und

anstat seiner Gnaden Ern und Vatern Herzog Albrecht Ern Heinrich

vom Einsiedel Rittern und seinen rechten Leibhslehenerben diese

nachgeschriebene Sloß, Forwergk, Dorffer und Guter, nemlich das Sloß

Scharffenstein ... item das Forwerg die Grunaw genant ... item das

Dorff Alberstorff (Groß-Olbersdorf), Grunaw, Königswalde, Grisbach,

Hopfgarten, Hornsdorff mit Frone uff etlichen Leuthen und etlichen

Leuthen Fronen Geld, wie ime (ihm) die Er _Heinrich Starschedel_

verkaufft ... und also in aller mase so solch Sloß, Forwerg, Dorffer

mit aller irer Zcugehorunge von den Hochgeborn̄ Fürsten, Herzogen

Ernst Curfürsten seliger Gedechtnus und Herzog Albrecht etc. seiner

Gnaden lieben Herrn Vettern und Vatern an _Heinrichen von Schonberg_

Amptmann uffm Schellenberg solch Sloß, Forwerg, Dorffer und Gutter,

_Friedrich Blancken_ und forder an Ern _Heinrich Starschedel_ Ritter

und darnach _Er Heinrich von Einsiedel_ Ritter in Kaufweiß bracht und

die alle obgemelt gebraucht, gnossen, innegehapt und besessen, zu

rechten Manlehen gereicht geliehen, soviel sein Gnaden von Rechtswegen

daran zu vorleyhen hat. Testes (Zeugen sind): Er Hans von Mingwitz,

Obermarschalg, Er Ditterich von Schonberg, Hoffmeister Ritter,

Cantzler, Siegmund von Maltitz. ~Actum Dreßden Anno etc.~«

Im Jahre 1508 muß Heinrich von Einsiedel auf Scharfenstein verstorben

sein; denn am Sonnabend Agathe Virginis 1508 ist ein neuer Lehnbrief

über Scharfenstein für seine Söhne Hugold, Heinrich, Hildebrand und

Heinrich Abraham von Einsiedel in Leipzig ausgefertigt worden (fol. 9)

usw.

[Illustration: Abb. 3 =Galerie im Gesellschaftsflügel=

Die Kreuzgewölbe und die spätgotischen Fenster sind alt (Ende des

fünfzehnten Jahrhunderts)]

Die Baulichkeiten der Burg waren wohl unter den verschuldeten

Waldenburger Herren, die überdies im Jahre 1479 ausgestorben waren,

und dann unter den wechselnden Besitzern arg heruntergekommen. Die

neuen Herren von Einsiedel ließen zwar die Ruinen des Bergfrieds und

des Palas unergänzt liegen, aber die wohnlicheren Gebäude um den Hof

fingen sie an zu erneuern. Die spätgotischen Fenster im Gange des

Gesellschaftsflügels (s. oben Seite 317) deuten auf eine Bauzeit am

Ende des fünfzehnten Jahrhunderts (Abb. 3); umfassender waren die

Erneuerungen Heinrichs von Einsiedel um 1533. Diese Jahreszahl trug

ein nach dem Brande entdeckter, durch die Glut gespaltener Kragstein

im ehemaligen Kinderzimmer des Wohnflügels (Abb. 4), während einzelne

Dachziegel in Pfannenform die Jahreszahlen 1538, 1543 zeigten. Der

zwischen dem Torhaus und dem Kirchenflügel langgestreckte Witwenflügel

soll nach mündlicher Überlieferung zuletzt gebaut worden sein. Ist

das der Fall, so ist der Witwenflügel, wie vielleicht auch andere

Bauteile der Burg, an die Stelle eines früheren Wehrgangs getreten;

denn die Sicherheit der Burg erforderte, wie schon oben erwähnt, eine

lückenlose Schließung des Umkreises von der westlichen Wange des

Bergfrieds bis zur östlichen. Im Jahre 1570 hatte Haubold von Einsiedel

die Einengung seiner Befugnisse durch Kurfürst August zu verspüren,

indem er dem Kurfürsten auf den Einsiedelschen Gütern und den Gütern

von dreiundzwanzig Mannen zu Einsiedel, Erfenschlag und Dittersdorf auf

dreißig Jahre die hohe Jagd abtreten mußte. Freilich bekam Einsiedel

dafür alljährlich sechshundert Meißner Gulden Jagdgeld, zwölf Stück

Wild, vier Bachen und vier Frischlinge. Zur Zeit des Dreißigjährigen

Krieges hauste auf dem Scharfenstein Heinrich Hildebrand von Einsiedel

mit seiner Gemahlin Sophie, einer geborenen von Ponickau aus dem Hause

Prietitz. Dieses Paar erbaute vor dem gotischen Tor der Burg, an dessen

Innenwand man noch die Rillen der Eisenkette sieht, an denen die

Zugbrücke auf- und niederging, am anderen Ende der Brücke ein schönes

Renaissanceportal mit dem Allianzwappen der beiden Familien. Zweimal

wurde die Burg während dieser Zeit erstürmt: 1632 von Herzog Bernhard

von Weimar und 1633 von den Schweden, die die ganze kaiserliche

Besatzung niederhieben und die Leichen in den Burgbrunnen geworfen

haben sollen (s. oben Seite 320).

[Illustration: Abb. 4 =Südgiebel des Wohnflügels=

Unter dem Giebel das Speisezimmer mit den Treppen zum Terrassengarten

am Bergfried]

Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts war der Kurfürstliche Kammer-

und Bergrat Curt Heinrich von Einsiedel Herr auf Scharfenstein. Gegen

Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte hier vor dem äußeren Tor der

Wildschütz Karl Stülpner seinen großen Tag, als er, nur durch einen

Baum gedeckt, die zu seiner Ergreifung aufgebotenen achtzig Mann des

Chemnitzer Regiments samt den Förstern der Umgegend einen ganzen Tag

lang durch seine Büchse in Schach hielt und dem Oberförster von Geyer

und dem Gerichtsdirektor von Thum, die trotzdem aus dem Schlosse

herausreiten wollten, durch einen wohlgezielten Schuß großen Schrecken

bereitete.

Seitdem ist mehr als ein Jahrhundert vergangen, voll von deutscher

Not und deutscher Größe – die kriegerische Bedeutung der Burg trat

zurück, sie wurde innerhalb einer stark mit Spinnereien und anderen

Fabriken durchsetzten Gegend ein stiller Herrensitz, ein Zufluchtsort

der Romantik; in ihrem Burggarten zu Füßen des efeubewachsenen

Bergfrieds suchte der Wanderer die »blaue Blume« zu finden, die ihm

die Geister der Vergangenheit und den Sinn des Lebens verständlich

machen sollte – aber da kam die Nacht vom ersten zum zweiten

Juni 1921, in der plötzlich der rote Hahn an den steilen Dächern

emporzüngelte. Schauerlich schön spiegelte sich die rote Glut der

Dachsparren und des gewaltigen Gebälks in der Sommernacht, und das

ganze Schloß wäre wohl ein Raub der Flammen geworden, wenn nicht die

Motorspritze der Patentpapierfabrik im Wilischtal mit ihrer tüchtigen

Bemannung wenigstens das Hauptstück des Kirchenflügels und den ganzen

Witwenflügel gerettet hätte. Dafür ging fast die ganze Habe des Grafen

Einsiedel, der die Burg erst am 19. Dezember 1919 übernommen hatte, und

ebenso die seines Gesindes zugrunde. Der anbrechende Morgen fand im

Schloßhof ein ergreifendes Bild. »Neben dem Rest ihrer Habseligkeiten

hockten apathisch mit vom Weinen geröteten Augen die Dienstboten. Der

Schloßherr und die Schloßherrin, letztere hatte sogar Brandwunden

davongetragen, ließ es sich nicht nehmen, auf der Unglücksstätte

auszuharren. Besonders der Frau Gräfin wandte sich allgemeine Teilnahme

zu. Ihrer Niederkunft entgegensehend, nur notdürftig bekleidet,

Speise und Trank verschmähend, suchte sie noch hie und da helfend

einzugreifen. Ihre Garderobe, ihre Wäsche ist fast völlig dem Feuer zum

Opfer gefallen.« (Zschopauer Wochenblatt vom 4. Juni 1921.)

[Illustration: Abb. 5 =Blick von Osten auf den Wohnflügel,

Gesellschaftsflügel und Bergfried=]

Die Teilnahme am Verluste der Burg ging weit über Sachsens Grenzen

hinaus, besonders aber regten sich aus den Kreisen des Heimatschutzes,

der sächsischen Denkmalpflege und der Burgenfreunde hilfsbereite

Hände, um dem schwer getroffenen Besitzer den Wiederaufbau der Burg

zu ermöglichen. Trotzdem war es kein leichter Entschluß, als Graf

Alexander von Einsiedel wenige Tage nach der Katastrophe unter

Zurücksetzung aller persönlicher Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten,

die die Errichtung eines neuzeitlich behaglichen Baues sicherlich

geboten hätte, bestimmte, daß die Burg möglichst genau in derselben

Form wiedererstehen sollte, wie sie den Flammen zum Opfer gefallen

war. Im Inneren mußten natürlich den neuzeitlichen Bedürfnissen

Zugeständnisse gemacht werden. Als Baumeister wurde der Geheime

Hofbaurat Professor Bodo Ebhardt in Berlin-Grunewald, der bekannte

Wiederhersteller deutscher Burgen, gewonnen, doch so, daß das

sächsische Landesamt für Denkmalpflege die aufgestellten Pläne vor der

Ausführung zu prüfen hatte. Am 10. Juni 1921 begannen die schon wegen

des steil abfallenden Geländes sehr schwierigen Arbeiten des Aufräumens

und der Sicherung der Unterbauten. So war z. B. am Gesellschaftsflügel,

wo man schon lange vor dem Brande die nach außen überhängende

Nordwestwand durch eiserne Zuganker mit Spannschlössern hatte sichern

müssen, infolge starker plötzlicher Abkühlung beim Löschen eine ganze

Ecke, ein Mauerblock von zehn Meter Höhe und zweieinhalb bis drei

Meter Stärke einige Tage nach dem Brande in die Tiefe gestürzt. Hier

mußte eine umfassende Notverankerung angebracht werden, um die übrige

Wand, die nachzustürzen drohte, bis zu ihrer teilweisen Abtragung

und Neubefestigung zu halten. Die Planungen für die Ergänzung der

Unterbauten und den Wiederaufbau der zerstörten Wohnbauten gingen

aus den »Hauptbaustuben« Ebhardts hervor, der auch persönlich

mit dem Vorsitzenden des Landesamts für Denkmalpflege und dem

Landeskonservator Fühlung nahm und mehrere Tage auf dem Scharfenstein

zubrachte. Die örtliche Bauleitung lag in den Händen des preußischen

Regierungsbaumeisters Kaske, der auch mehrere im Wiederaufbau von

Burgen erfahrene Poliere zur Verfügung hatte. Obwohl ein Teil der

Baukosten durch die Brandversicherung gedeckt war, obwohl der Staat

in der Erwägung, daß es sich bei der Burg Scharfenstein um einen »dem

ganzen Volke wertvollen Besitz« handelte, bei der Bauholzlieferung

einen Preisnachlaß gewährte und obwohl der Besitzer durch Anspannung

seines persönlichen Kredits erhebliche Mittel aufbrachte, so hat es

doch nicht an Zeiten gefehlt, in denen infolge der immer steigenden

Inflation die Fortführung des Baues unmöglich zu werden schien. Aber

mit Hilfe der »Bausteine«, die andere Burgenbesitzer, einem Aufruf

des Landesamts für Denkmalpflege und des Sächsischen Heimatschutzes

folgend, seit dem Mai 1922 beisteuerten, gelang es doch, das Werk im

Jahre 1923 zu vollenden. (Abb. 5.)

[Illustration: Abb. 6 =Witwenflügel, Torhaus= (davor der Burggarten),

=Bergfried=

Nach Westen und Süden zu gelegen]

Daß die erneuerte Burg in ihrer Wirkung vom Tal aus fast ganz der

alten gleicht, wurde schon erwähnt. Aber auch, wenn man sie vom

Burghof oder von der Plattform des Bergfrieds aus betrachtet, oder

wenn man die erneuerten Teile aufmerksam durchwandert, kann man allen

Beteiligten die rückhaltlose Anerkennung nicht versagen, daß hier ein

schwieriges Wiederherstellungswerk in selbstloser Gesinnung und aus

echt geschichtlichem Geiste mit ausdauerndem Fleiß und vortrefflichem

Geschick geleistet worden ist. Natürlich ist der Neubau kein

sklavisches Abbild des alten. (Abb. 6.) Einige Giebelkonstruktionen

und die damit zusammenhängende Gestaltung des Daches, das beim alten

Schloß wie ein schmiegsames Fell in sich zusammenhängend über alle

die verschiedenartigen und verschiedenhohen Bauglieder gezogen worden

war, sind teils in Rücksicht auf die Witterungseinflüsse und die

Feuersicherheit, teils auch, weil die Kunst der heutigen Zimmerleute

nicht mehr der des sechzehnten Jahrhunderts gleicht, etwas verändert

worden. Auch reichten die vorhandenen Mittel nicht dazu aus, z. B. den

im zweiten Oberstock des Wohnflügels vorhanden gewesenen »Rittersaal

mit den schönen gewundenen Holzsäulen und den geschnitzten Wappen

am unteren Ende der Hängesäulen« zu erneuern, ebenso mußte die

anfangs geplante Wiederherstellung der erst beim Brande hinter später

eingezogenen Decken wieder aufgefundenen schönen Kassettendecken des

sechzehnten Jahrhunderts und der wuchtigen profilierten Balken der

Kosten wegen unterbleiben. Reste dieser profilierten Balken sind

noch jetzt im gotischen Tor zu sehen. Auch das übrigens sehr schöne

Herrenzimmer im halbrunden Turm des Gesellschaftsflügels ist durch den

allzu dünnen und schmucklosen Ausfall der beiden Deckenbalken in seiner

Wirkung geradezu beeinträchtigt worden. Aber gerade durch diese von der

Not erzwungenen Mängel wird die erneuerte Burg Scharfenstein zugleich

auch ein Denkmal unserer ernsten und schweren Zeit. Anderseits kann man

manche Änderung der inneren Raumverteilung geradezu für eine Besserung

des früheren Zustandes ansehen. So die bessere Unterbringung der Kinder

und ihrer Erzieherin im Wohnflügel, die Herstellung einer offenen Halle

im zweiten Oberstock des Gesellschaftsflügels und die Schaffung einer

Burgkapelle, die es bisher trotz des »Kirchenflügels« im Schlosse

nicht gab. Zur Burgkapelle (Abb. 7) ist ein sehr schönes, zuletzt als

Speisegewölbe benutztes Gemach im Erdgeschoß des Wohnflügels rechts

von der Haupttreppe umgewandelt worden. Das durch hohe Stichkappen

gegliederte Tonnengewölbe sowie die spätgotischen Türgewände bedurften

keiner Veränderung. In der Mittelachse des Fensters steht der

Taufstein, dem Fenster gegenüber ist ein schlichter, brauner gotischer

Holzaltar errichtet, das Gestühl stammt aus Schlesien, Grabmäler längst

heimgegangener Familienglieder heben sich von den schlichten, weißen

Wänden ab (Abb. 7). Besonders ergriffen hat mich das von V. Saila in

Stuttgart gemalte Glasfenster: unter dem Kreuz sieben Engelsköpfchen

mit den Anfangsbuchstaben der sieben Kinder, die dem gräflichen Paare

bei der Einrichtung der Kapelle geboren waren. Eins davon, Mechtild,

ist am 30. August 1921, also im Jahre des Brandes zur Welt gekommen.

Im Ganzen sind es drei Knaben und vier Mädchen. An der dem Eingang

gegenüberliegenden Tür steht der Spruch:

Gott legt uns eine Last auf,

Aber er hilft uns auch tragen.

[Illustration: Abb. 7 =Die neue Burgkapelle im Erdgeschoß des

Wohnflügels=

Das Mauerwerk samt dem spätgotischen Türgewände und dem mit Stichkappen

verzierten Tonnengewölbe ist alt]

Später zeigte mir die Frau Gräfin noch die beim Brande größtenteils

gerettete Bibliothek in einem Raume des Torhauses. Diese Bücherei hat

allerdings durch das Feuer eine sehr anziehende Besonderheit verloren:

den schön gebundenen Briefwechsel eines weltbekannten Liebespaares,

eines zu Goethes Zeit am Weimarer Hofe lebenden Leutnants und Bergrats

Johann August von Einsiedel – sein Bruder war der Weimarische

Geheime-Rat und Oberhofmeister Friedrich Hildebrand von Einsiedel –

und der Freifrau Emilie von Werthern-Beichlingen, die, um mit ihrem

Geliebten entfliehen und eine Afrikareise antreten zu können, ihre

Todesnachricht verbreiten und ein ihr gleichendes Wachsbild begraben

ließ (1784). Andere wertvolle Schriftstücke aus dieser Zeit und aus dem

Weimarer Kreise sind erhalten geblieben; ich sah Briefe von Wieland,

Herder, Knebel, der Gräfin Tina von Brühl, Dorothea Schlegel u. a. Dann

genoß ich die herbstliche Schönheit des vom Torhaus und Witwenflügel

nach Westen zu liegenden Burggartens (Abb. 8) mit der alten Bastion,

die einen herrlichen Blick ins Tal gewährt und umwanderte, soweit

es der noch nicht völlig beseitigte Bauschutt gestattete, dicht am

Mauerwerk hin die West- und Nordseite der Burg von außen. Dabei

sieht man erst, wie kunstvoll sich hier uraltes Mauerwerk und die

neuen Flickarbeiten, alte Unterbauten und neue Oberbauten einander

durchdringen. Als ich mich danach im Schlosse verabschiedet hatte und

die Treppe des Wohnflügels hinunterstieg, schaute ich, ehe ich in die

noch immer goldene und wärmende Herbstsonne hinaustrat, noch einmal

zur Tür der Burgkapelle hinüber – und gedachte der Kinderschar, die in

diesen Räumen getauft und erzogen, hoffentlich einmal ein glücklicheres

Deutschland sehen wird als das heutige. Aber weder das heutige noch das

künftige Deutschland möge die alten Wurzeln seiner Kraft und seiner

Kultur vergessen.

[Illustration:

Aufnahme von Seidel-Naumann, Zschopau

Abb. 8 =Burg Scharfenstein= Gesamtansicht von Westen]

_Anmerkung._ Die Quellen zu dieser Arbeit sind außer dem

wiederholten Besuch der Burg Scharfenstein und den Mitteilungen

des Herrn Grafen und der Frau Gräfin von Einsiedel auf

Scharfenstein die Akten des sächsischen Landesamts für

Denkmalpflege, die Akten des ehemaligen Lehnshofes und mehrere

den Bergbau im Erzgebirge betreffende Urkunden des sächsischen

Hauptstaatsarchivs. Einzelne Hinweise verdanke ich der von

Prof. Dr. Meiche ebenda angelegten Kartothek der Örter Sachsens.

Burgen als Stätten für Volksfeste

Von _Otto Eduard Schmidt_

Die Burg ist, sprachlich betrachtet, der Ort, wo man sich birgt, wo

man sich vor Feinden geborgen weiß. Und so wichtig und angesehen war

in alten Zeiten die Burg, daß sich auch der vollberechtigte Einwohner

der jüngeren Stadt mit Stolz als einen Burgmannen (~burgensis~) =

Bürger bezeichnete, weil ihm die Stadt nicht anders erschien als eine

größere Burg, hinter deren festen Mauern und Toren sich die Einwohner

vor aller äußeren Not geborgen fühlten. In diesem Sinn hat schon König

Heinrich I., der das Sorbenland für die Deutschen zurückeroberte,

»Städte« gebaut, die nichts als größere Burgen waren, in denen die

deutschen Bauern während des Ansturmes der Ungarn mit Weib und Kind

ihre Zuflucht fanden. Aber freilich, als das mittelalterliche Kaisertum

in Römerzügen gegen kaiserfeindliche Päpste und Stadtrepubliken und in

Kreuzzügen gegen die Bekenner des Islam seine besten Kräfte verbraucht

hatte und in Schwäche und Auflösung verfiel, da entartete, der

kaiserlichen Leitung und des kaiserlichen Schutzes beraubt, vielfach

auch das burggesessene Rittertum: aus dem Schirmer und Beschützer der

Wehrlosen wurde hier und da ihr Bedrücker, und die Burg, die vorher

die Zuflucht bedrängter Bauern und reisender Kaufleute gewesen war,

wurde öfters der Ort ihrer Qual, wo sie beraubt und zerschlagen im

Gefängnis schmachteten, bis ein Lösegeld oder das Dazwischentreten

eines Mächtigeren die Pforten des Kerkers sprengte. Damals sind auch

in unserem Sachsenland von volksfreundlichen Kaisern wie Rudolf von

Habsburg und Karl IV., aber auch von Landesfürsten und verbündeten

Städten Raubburgen in größerer Zahl gebrochen worden. Ihre malerischen

Ruinen grüßen uns aus dem Dunkel des Waldes und aus schilfbewachsenen

Gräben oder von aussichtsreicher Höhe und steilen Felsklippen.

Glücklicherweise sind nicht alle Burgen unseres Sachsenlandes

zugrunde gegangen. Die meisten ritterlichen Geschlechter gewöhnten

sich rechtzeitig daran, in friedlicher Arbeit ihre Güter zu bebauen

oder setzten ihre Ehre darein, sich im Staats- und Heeresdienst die

Mittel für ein standesgemäßes Leben zu erwerben und hielten dabei

die von den Ahnen ererbte Burg wie ein liebevoll gepflegtes Kleinod

durch alle Zeitenstürme hindurch in Treue fest. Bei den furchtbaren

Kriegsschicksalen, die unser Sachsen fast in allen seinen Teilen

erduldete und bei der nachfolgenden starken Industrialisierung des

Landes ist es fast ein Wunder, wie viele der alten Burgen sich mit

leidlich heilen Gliedern in die Gegenwart herübergerettet haben. Solche

Burgen, in der Regel Trägerinnen geheimnisvoller Sage und reichbewegter

Geschichte, ragen in unsere Zeit hinein wie lebendig gebliebene Recken

der Vorzeit, zu denen jedermann mit Liebe und Verehrung aufblickt.

Sie sind alljährlich das Wanderziel für Tausende, und jeder schätzt

sich glücklich, der von ihren inneren Reizen etwas mehr kennenlernen

durfte als die anderen. Die alten Burgen haben in unserer schnellebigen

Zeit die besondere Aufgabe, die alten Erinnerungen der Landschaft,

in der sie erwachsen sind, durch ihre bauliche Anlage, durch den

Eindruck ihrer Innenräume und ihrer altväterischen Ausstattung

viel lebendiger zu erhalten, als es einzelne etwa in einem Museum

aufgestellte Gegenstände vermöchten. So sind die alten Burgen geeignet,

ganze Geschlechter mit geschichtlichem Sinn zu erfüllen und ihnen die

Vergangenheit näher zu rücken, ohne deren Kenntnis wir die Gegenwart

nicht recht verstehen können. Deshalb entsteht auch für die Besitzer

gut erhaltener Burgen beinahe eine sittliche Verpflichtung, wenigstens

an gewissen Tagen Teile ihrer Burg unter gewissen Bedingungen den

Besuchern zu öffnen. Und es ist erfreulich zu sehen, wie großzügig und

selbstlos manche Burgherren die mit dem Einlaß Fremder unzweifelhaft

verbundenen Unbequemlichkeiten um des Volksganzenwillen auf sich nehmen.

[Illustration:

Aufnahme von Bertha Zillessen, Bautzen

Abb. 1 =Blick von Schloß Ehrenberg an der Zschopau auf die Burg

Kriebstein=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 9-10 · 第 1 / 6 段