Tage meiner Abreise von Adua, kaum eine Stunde Weges davon, Europäern.
Es war Herr Abarguez de Sosten[151] mit seinem Diener. Nach einigen
freundlich ausgetauschten Worten theilte mir Herr Abarguez mit, dass
er Zeitungen und Briefe für mich habe, weshalb ich sogleich zwei
meiner Abessinier bei ihm zurückliess, um sie mir zu überbringen.
Leider aber hatte Abarguez gar keine Lastthiere, da seine Mittel zum
Ankauf derselben wahrscheinlich nicht ausreichten. Wenn man aber nur
auf abessinischen Regierungstransport angewiesen ist, vergehen Wochen,
ehe das Gepäck an Ort und Stelle gelangt. Wenn ein besonderer Befehl
des Kaisers zu schneller Beförderung vorliegt, oder wenn man die
Provinzialgouverneure durch Geschenke geschmeidig macht, geht die Sache
noch an. Aber diese Voraussetzung schien bei dem spanischen Reisenden
zu fehlen, denn sein ganzes Gepäck lag zerstreut an der Strasse, oft
nicht einmal in den Ortschaften, sondern unter irgendeinem Baum: +von
Adua bis Asmara+. Und so musste Abarguez wochenlang auf die Ankunft
seines Gepäckes in Adua warten. Meine Post bekam ich erst in Massaua,
denn zum Unglück für mich hatte er sie in einen Koffer eingeschlossen,
den man ihm als einen der letzten nach Adua trug.
Ich weise nochmals darauf hin, dass die Dieberei in Abessinien nicht so
häufig ist, wie man gewöhnlich annimmt. Denn all das Gepäck des Herrn
Abarguez, welches zerstreut hier und da, +ganz allein ohne Wache+
auf der Strasse lag, kam richtig in seinen Besitz. Es ist wahr, sobald
das Gepäck einer Ortschaft oder den Trägern einer Ortschaft übergeben
ist, übernehmen diese die Verantwortung. Wenn man aber bedenkt, wie
häufig Räuber und Rebellen in Abessinien das Land unsicher machen, so
ist es sehr wunderbar, dass so wenig verloren geht.
Beim Weiterreiten begegnete ich Herrn Mitzaki, hellenischem Consul in
Sues, welcher als Ueberbringer des Erlöserordens für den Negus Negesti
zum zweiten mal nach Abessinien kam und mir mittheilte, dass auch Herr
Raffray im Begriff stände, nach Abessinien zu reisen.
Ende März bemerkt man schon eine bedeutende Veränderung in der Natur:
Alles wollte grünen und sprossen, und täglich noch vor Beginn der
eigentlichen Regenzeit hatten wir Gewitter. Welch einen Reiz gewährt
dieses neue junge, zumal im tropischen afrikanischen Alpenland
wunderbar sich entfaltende Grün! Auch die Fauna zeigte ein fröhlicheres
Leben, und es war, als ob hinter den Menschen der Frühling selber
stände, der sie zum Pflügen und Säen anregte, wie man auch überall sah.
Im Süden von Abessinien freilich pflügen, säen und ernten sie das ganze
Jahr hindurch.
Bis Ad Dochali ganz derselbe Weg wie auf der Herreise. Dann aber
bogen wir etwas nordwestlich ab, direct auf den imposanten Bergstock
Dabamatta[152] zu. Wir liessen also diesmal Godofelassi östlich liegen.
Als wir etwa 2 km östlich vom Orte Kesadaro lagerten, welcher am Fusse
des Dabamatta liegt, lernten wir, fast an der Quelle desselben, im
Dabamatta-Bach eine berühmte Heilquelle, ein abessinisches Bad[153],
kennen.
Der Dabamatta-Bach entspringt aus Wiesengewässern am Fusse des
Dabamatta selbst und stürzt sich dann, nachdem er sich langsam durch
die Wiese geschlängelt, urplötzlich in eine steilabfallende Schlucht,
welche ganz eng mit senkrechten Felswänden beginnt und sich allmählich
zu einem Thal erweitert, welches bei Teramne vorbeigeht, um in den
Mareb zu münden. Die urplötzlich auftretende Steilheit des Flussbettes
dürfte wol dafür sprechen, dass wir es hier mit einer Auswaschung nicht
zu thun haben, sondern mit einer Spaltung der Erdoberfläche. Obschon
das Gestein seiner Beschaffenheit nach Trachyt ist, hat sich eine dicke
Kalkschicht darauf abgelagert, welche dort, wo das Wasser darüber
hinrieselt, zum Theil Tropfsteingestalt annahm. Natürlich veranlasste
das Bächlein einen kleinen Wasserfall, der bei jähem Regenfall oder
während der Regenzeit recht hübsch sein wird. Kolossale Sykomoren
beschatten den Beginn dieses Spaltes, der noch merkwürdiger dadurch
wird, dass sich unter seinem Rande grosse Höhlungen befinden, von denen
man eine ohne viel künstlerische Beigabe zu einer Kirche einrichtete.
Einige dieser Höhlen haben schöne Tropfsteinbildung. Leider konnte
ich dieselben nicht besuchen, da die dazu führenden Wege so steil,
abschüssig und Schwindel erregend sind, dass eine abessinische Natur
dazu gehört, um sie benutzen zu können.
Die eigentliche Heilquelle hat gewöhnliche Temperatur, wirkt also wol
besonders durch ihre mineralischen Bestandtheile, wenn anders nicht
die ganze Heilkraft derselben auf Glauben beruht. Denn von Geschmack
und Farbe spürte man nicht das Geringste. Dennoch war die Frequenz
der Heilsuchenden so gross, dass sie die Anwesenheit mehrerer Aerzte
erforderlich machte. Die Badenden -- es mochten einige Hunderte sein
-- benutzten grosse natürliche, im Grunde der Schlucht befindliche
Wasserbecken, in welchen sie einen halben, oft gar einen ganzen
Tag blieben. Nach der grossen Mannichfaltigkeit der Krankheiten zu
urtheilen, müsste das Wasser eine Universalheilkraft besitzen.
Die Aerzte, von welchen einer sich eines Rufes erfreut, der durch
ganz Abessinien geht, sind von Haus aus Priester. Die neben dem Bade
befindliche Kirche[154] gehört ihnen und wird von ihnen bedient.
Möglich, dass die Kirche erst Veranlassung zum Bade gab. Irgendein
erfinderischer Kopf verordnete den Genesung Suchenden nach dem üblichen
Kirchgang ein Bad, welches mit seiner reinigenden Wirkung den ersten
wohlthätigen Einfluss ausübte. Der eigentliche Finder, wenn ich so
sagen darf, soll übrigens der fromme Aba Mata selbst gewesen sein. Eine
etwas grössere Hütte für Aussätzige befand sich ebenfalls hier, aber
weiter stromabwärts. Ich hebe dies besonders hervor, weil verschiedene
Reisende behaupteten, dass man Leprose nicht absondere, sondern frei
herumgehen lasse. Die Abessinier sind ein viel zu mosaisches Volk, um
sich so etwas zu erlauben.
Der oberste Arzt, der unverheiratet war, weil er einen höhern
geistlichen Rang bekleidete, erwiderte auf meine Frage, womit man die
Leprosen sonst noch behandle: „Wir verordnen ihnen, ausser den langen
Sitzungen im Bade, Sassaparille; namentlich aber erfolgt die Heilung
durch Amulete, welche um den Kopf getragen werden müssen.“ Also ein
ähnliches Heilverfahren wie bei den Arabern, Berbern und Türken. Ich
fragte ihn ferner, ob er bei einem solchen Heilverfahren Erfolge
erziele? worauf er mit der grössten Kaltblütigkeit sagte: fast nie!
Auch viele mit Syphilis Behaftete bemerkte ich, obschon keineswegs in
so schlimmen Formen, wie man sie in West-Algerien und Marokko unter
den Eingeborenen antrifft. Diese Krankheit ist sehr verbreitet in
Abessinien, tritt aber mehr unter primären Erscheinungen auf, und bei
einigermassen rationeller Behandlung, wie Schimper mir sagte, erzielt
man leicht Heilung. Aber leider verlassen sich die Abessinier wie hier
so in allen Krankheitsfällen nur auf ihre Priester (die, wie gesagt,
allerdings zugleich die Heilkunde handwerksmässig betreiben), welche
in dieser Beziehung den grössten Unsinn machen. Man wird doch Syphilis
nicht durch Gebete und Amulete heilen können! Das sind aber die am
meisten angewandten Mittel. Oft heilt das Uebel durch die Zeit, auch
Sassaparille wendet man dagegen an; Quecksilber erst in neuerer Zeit,
aber ohne Vermittelung des Priesters bei Gott ist kein Erfolg da. Man
denke sich: Arzt und Priester in +einer+ Person! Wie einflussreich
wird dadurch der Mann, namentlich wenn ihn bei seinen Curen das Glück
begünstigt!
Auch Grindige waren vorhanden, welchen man den Kopf rasirte,
ohne Heilung zu bewirken. Wie auch? Gebete, Amulete,
Weihwasserbesprengungen, welche die +medicinische+ Geistlichkeit
anwendet, sollen helfen! Anspucken gehört auch mit zu den beliebten
Mitteln, namentlich in Augenkrankheiten, die übrigens bei weitem
nicht so häufig sind wie in Nordafrika, wo die Menge Staub die vielen
Augenkrankheiten erklärlich macht. Sicher würde Reinlichkeit dagegen
helfen. Aber niemand wäscht sich in Abessinien. Alt und jung legt
sich reichlichst Butter aufs Haupt, um dadurch, wie sie meinen, das
Ungeziefer fern zu halten; auch die Jungfrauen legen auf, aber wozu?
da sie ja den Kopf bis auf einen zwei Finger breiten Haarstreifen
abrasiren. Nun schmilzt die Butter, vermischt sich mit dem jahrelangen
Schmuz der Haut, fliesst über Nacken und Gesicht herab und erzeugt
auf diese Weise häufig genug jene Augenübel, gegen die man das
Dabamatta-Bad besonders rühmt. Aber das reine Wasser wird wol die
Hauptsache dabei sein und nicht das auch hier übliche Anspucken der
Augen.
Nur zwei Krankheiten behandeln die Abessinier vernünftig: _Taenia_
und _filaria medinensis_. Letztere entfernen sie durch langsames
Herauswinden um ein rundes Hölzchen. Von der allmonatlichen, bei
manchen allzweimonatlichen Kusso-Cur gegen Bandwurm sprach ich bereits,
der jedoch eigentlich gar nicht als Krankheit angesehen wird. In
dieser Beziehung gehen die Abessinier so weit wie die rechtgläubigen
Fesanar hinsichtlich der _pediculi hominis_, beide halten das
Nichtvorhandensein dieser Parasiten für eine Schande.
Und welche medicinische Schätze mögen gerade in der Pflanzenwelt
Abessiniens noch verborgen sein! Ja, ich bin überzeugt, dass in weit
abgelegenen Ortschaften, welche nicht so sehr unter dem Einfluss der
Priester stehen, die Einwohner manche heilkräftige Pflanzen kennen,
welche dermaleinst eine grosse Rolle spielen werden. Ist doch das
kräftigste Bandwurmmittel: Kusso Brayera _anthelmintica_ erst seit
den dreissiger Jahren durch Dr. Brayer, einen französischen Arzt in
Konstantinopel, aus Abessinien eingeführt. Aber wie soll man durch
Erforschung und Ausprobiren Mittel kennen lernen, wenn man sich,
wie die abessinischen Priester-Doctoren, seit tausend Jahren darauf
beschränkt, Krankheiten durch Gebete, Zauberformeln, Amulete, Anspucken
und Prügeln zu beseitigen!
Ja, man prügelt auch gewisse Kranke in Abessinien: man prügelt die
Epileptischen oder, wie man dort nach biblischer Weise sich ausdrückt,
die vom Satan Besessenen. Den Teufel will man auf diese Weise
austreiben! Leider geschieht das hier und dort auch in Europa.
Wie in allen wenig civilisirten Ländern gibt es in Abessinien gar keine
oder doch äusserst wenige Geisteskranke. In früherer Zeit pflegten
sich die Kaiser Hofnarren, in der Regel Zwerge, zu halten, aber von
einer Verrücktheit dieser Leute hörte man nie etwas. Auch körperliche
angeborene Verunstaltung sieht man in Abessinien sehr selten, wie denn
z.B. Buckelige zu grossen Ausnahmen gehören.
General Plata Gebro, der jetzt in Abwesenheit Ras Alula’s die
Grenzarmee gegen die Aegypter commandirte, schickte uns schon von
Dabamatta Soldaten entgegen. Oestlich von Teramne hatte sich nämlich
ein Räuberhauptmann in die Mareb-Schluchten geworfen und brandschatzte
von hier aus das Land. Er gehörte zu einer der ersten Familien von
Tigre, war sogar nahe verwandt mit dem Negus Negesti, weshalb die
Provinzialgouverneure und Districtscommandanten es für rathsam hielten,
mit nicht allzu grosser Strenge gegen ihn vorzugehen. Er plünderte
und brandschatzte übrigens nur fremde Karavanen. Kaufleute, die von
Gondar kamen und von Massaua heimkehrten, mussten mit hohen Zöllen sich
freien Durchzug erkaufen oder wurden eingekerkert, geprügelt, auch
wol getödtet. Den umwohnenden Leuten that er nichts, und da er sehr
fromm war, der Geistlichkeit öfters Geschenke machte, erfreute er sich
eigentlich des besten Rufes, welcher ihm selbst in den Kreisen des
Negus Negesti und seiner Generale nicht fehlte, denn er hatte -- so
behauptete man -- eigenhändig Dutzende von Aegyptern entmannt. Balata
Gebro, welcher fürchtete, dass er mich angreifen möge, schickte mir
daher noch 20 Soldaten.
Wir finden also auch hier wieder ganz dieselben Zustände, wie sie vor
einigen hundert Jahren in unserm eigenen Vaterlande und in den übrigen
Ländern Europas stattfanden. Irgendein Reichsgraf, _un barone_, _an
earl_ oder _un marquis_, vielleicht nahe Verwandte ihrer Fürsten,
lagerten am Wege, raubten, zollten, plünderten und mordeten ungestraft.
Diese „guten alten Zeiten“ sind nun lange dahin. Warum also sollen
nicht auch in Abessinien bessere Tage kommen? Wenn es dem Lande, dem
Volke gelingt, sich von den Fesseln und Anschauungen der Geistlichkeit
zu befreien, +wenn es gelingt, dort Gesetze einzuführen und diese
ohne Ausnahme für alle geltend zu machen+, dann erst kann es auch in
Abessinien besser werden. --
Beim Dorfe Ad Saul erreichten wir wieder die alte Strasse und campirten
auf demselben Lagerplatze, welchen wir auf der Hinreise innehatten.
Zuvor aber begegneten wir, wie sich erweisen wird, einem sehr
eigenthümlichen Manne.
Schon von weitem bemerkte ich, dass der uns Entgegenreitende ein
vornehmer Mann sein müsse. Auf einem prächtig geschirrten Maulthier
sass er, vor ihm gingen zahlreiche Diener, alle gut bewaffnet,
einige sogar mit Gewehren neuester Construction. Ein Priester folgte
unmittelbar hinter ihm. Bagage, welche zum Theil Maulthiere, zum Theil
Menschen trugen, Weiber mit Tetschtöpfen, Männer mit Brotkörben auf
den Köpfen deuteten auf Reichthum; ein Knabe mit einem Tetschhorn,
ein anderer mit einem Hornbecher im Lederfutteral auf Luxus. Dann
kam eine elegant gekleidete Dame mit wundervoll gestickten Hosen und
ebenso elegantem Untergewand, umwunden vom buntseidenen Margef und von
weiblichen Dienern umgeben, welche seine Frau oder Tochter zu sein
schien. Viele mit Speeren, schönen alten Silberschilden und krummen
Säbeln bewaffnete Diener schlossen den imposanten Zug. Der vornehme
Mann, einfach im Margef, aber ohne Ehrengewand gekleidet, trug eine
schwarzseidene Binde, musste also wol augenkrank sein. Ein Krieger
führte sein Maulthier am Zaum. Wir grüssten uns im Vorbeireiten, nahmen
aber weiter keine Notiz voneinander. Bald darauf kam Schimper athemlos
und in grosser Aufregung zu mir herangeritten.
„Ist Ihnen nicht eben ein vornehmer Abessinier begegnet?“ fragte er,
nachdem er sich etwas gesammelt. -- „Gewiss“, erwiderte ich, „dort
sehen Sie die letzten seines Gefolges hinter den Bergen verschwinden.“
-- „Oh, Sie wissen nicht! Glücklich, dass mich, wie es scheint, keiner
von seinem Gefolge erkannte, und er selber -- er konnte nicht sehen,
er ist geblendet.“ -- „Wer, wer ist geblendet?“ fragte ich. -- „Der
vornehme Mann. Doch Sie wissen nicht -- ja, es ist mein Schwager, oder
vielmehr er +war+ es -- Dedjadj Abba Kessi heisst er.“ -- Hierauf
erzählte mir Schimper, nachdem er sich etwas beruhigt, Folgendes:
„Sie erinnern sich wol, dass mein Vater eine Zeit lang unter Ubieh
Gouverneur in Entitscho war, wo er Versuche mit Einführung der
Kartoffeln machte, die auch vorzüglich gediehen und bei besserer
Unterstützung sich leicht über ganz Abessinien hätten verbreiten
können. Theodor enthob meinen Vater der Statthalterschaft, nicht aus
Unzufriedenheit mit ihm, sondern weil er ihn in seiner Nähe haben
wollte. Meine Aeltern, Geschwister und ich befanden uns in Magdala,
als die Engländer die Festung erstürmten. Damals bei meinen Aeltern
lernten Sie meine Schwester kennen: ein zu einer blühenden Jungfrau
herangewachsenes funfzehnjähriges Mädchen, in den Augen der Abessinier
um so schöner, weil sie sich durch besonders weisse Hautfarbe
auszeichnete und langes schlichtes Haar trug.“ -- „Gewiss“, rief ich,
„alles das weiss ich und Ihrer Schwester erinnere ich mich recht gut.“
-- „Gut“, fuhr er fort; „nach Abzug der Engländer, mit welchen ich nach
Europa kam, erhielt Abba Kessi von Kassai, damaligem Prinzen von Tigre,
jetzigem Kaiser von Abessinien, die Statthalterschaft. Meine Aeltern
und Geschwister lebten aber ganz zurückgezogen in Adua. Abba Kessi kam
nun häufig, um sich bei seinem Vorgänger in der Statthalterschaft über
dies und jenes Raths zu holen, wodurch sich ein freundschaftliches
Verhältniss gestaltete, zumal sich Kessi sehr eifrig für die von
meinem Vater begünstigten Kartoffelanpflanzungen interessirte. Bei
seinen öftern Besuchen mochte er wol meine Schwester gesehen und für
sie eine heftige Leidenschaft erfasst haben. Eines Tages wieder in
Adua, wohin er sogar einen grossen Sack von ihm angebauter Kartoffeln
für meinen Vater mitbrachte, entführte er mit Hülfe mehrerer Diener
meine Schwester, die er knebeln, aufs Pferd setzen und im gestreckten
Galop hinwegführen liess. Als mein Vater von der Entführung hörte,
war der Gouverneur schon ausserhalb Verfolgungsweite. Sie können sich
vorstellen“, fuhr Schimper fort, „wie unser ganzes Haus in Aufruhr
gerieth. An Verfolgung konnte man nicht denken, selbst wenn sich der
Gouverneur von Adua, die ganze Stadt für uns interessirte. Prinz
Kassai war fort in Hamasen. Uebrigens kam schon nach zwei Tagen die
überraschende Nachricht, Abba Kessi habe sich mit meiner Schwester
+kirchlich trauen+ lassen. Und wenn Sie wissen, dass jetzt in
Abessinien die meisten Ehen ohne kirchliche Einsegnung geschlossen
werden, so hatte mein Vater allen Grund, zufrieden zu sein. Auch eine
vor dem Gesetze gültige Civilehe gibt es bei uns im Lande nicht,
sondern eigentlich nur ein freiwilliges Zusammenleben von Mann und
Frau, von Jüngling und Jungfrau. Abba Kessi war von angesehenster
Familie, reich von Haus aus, Provinzialgouverneur, was wollte man mehr?
Und da noch dazu meine Schwester ganz zufrieden war, gab mein Vater die
Einwilligung und eine Versöhnung fand statt.
„Kurze Zeit darauf rebellirte aber Abba Kessi, wurde gefangen genommen,
jedoch von Prinz Kassai begnadigt. Zum zweiten mal empörte er sich,
fiel abermals in die Hände des Fürsten von Tigre, welcher sich gerade
zum Kaiser von Abessinien in Aksum hatte krönen lassen. Es gelang ihm
zwar zu entfliehen, aber seine Frau, meine Schwester, gerieth in die
Hände der kaiserlichen Truppen und musste nun für die Rebellion ihres
Gatten schwer büssen.[155] Der Kaiser liess sie zum Tode verurtheilen,
da sie gegen das Gesetz gehandelt habe, welches besagt, ‚dass jeder
mit dem Tode zu bestrafen sei, der dem Feinde des Kaisers Speise und
Trank reiche und mit ihm in Verbindung bleibe‘. Der Kaiser verwandelte
auf Bitten meines Vaters die Strafe des Todes in die des Peitschens,
gab auch schliesslich meine Schwester wieder frei. Wie mein Vater
behauptet, liess sie der Negus geiseln, um Lösegeld zu erpressen,
aber dieser wusste so gut wie jedermann, dass mein Vater nichts geben
konnte. Natürlich liess sich meine Schwester jetzt scheiden, und ob
schon sie der Negus hart bestraft hatte, trug er ihr das Verhältniss
zu Abba Kessi so wenig nach, dass sie bald darauf den Oberzolldirector
des Reiches heirathen durfte. Abba Kessi aber, nicht zufrieden damit,
sich zweimal gegen den Negus Negesti empört zu haben, verband sich mit
Uld-Michael, jenem Hauptrebellen, welcher mit Aegypten ein Bündniss
abschloss, wurde aber bei Gura abermals zum Gefangenen gemacht und
diesmal wollte ihn der Negus tödten lassen. Dennoch begnadigte er ihn
einigermassen. Abba Kessi war Jugendgespiele des Negus gewesen, der
für ihn eine grosse Zuneigung besessen. Um ihn aber von nun an für
immer unfähig zum Empören zu machen, liess ihm der Kaiser die Augen
blenden; sein Vermögen ist aber nicht confiscirt worden. Er lebt in der
Nähe von Adigrat auf seinen Besitzungen.“ So die Erzählung Schimper’s,
die ich zur Ergänzung in das von mir entworfene Gemälde abessinischer
Verhältnisse einfüge.
Die Bewohner des Dorfes Saul empfingen uns ebenso freundlich wie
das erste mal. Als ich am folgenden Morgen den Mareb überritt
und nordöstlich mich wandte, um nach Daro Kaulus zu gelangen, wo
Balata Gebro lagerte, fand ich dort eine Ehrenwache vor, welche der
General und derzeitige Vicegouverneur von Hamasen mir bis dahin
entgegengeschickt hatten. Der Offizier derselben meldete mir zugleich,
Balata Gebro habe Zelte aufschlagen lassen, damit ich bei ihm bleibe.
Das lag aber nicht in meiner Absicht; ich dirigirte daher schnell mein
Gepäck nach Asmara, während ich selbst mit Schimper und einigen Dienern
nach Daro Kaulus ritt.
Daro Kaulus ist kaum ein Ort zu nennen, da er nur aus einigen stets
bewohnten Hütten besteht, in der Nähe einer Kirche, die auf einer
Anhöhe auf dem ohnedies schon ca. 2000 m hohen Plateau liegt. Hier also
lagerte der „magere“ Balata Gebro, wie er sich selbst nannte, derselbe,
bei dem ich im grossen Lager von Tsatsega Gastfreundschaft genoss. Das
Heer war natürlich bedeutend zusammengeschmolzen, denn den grössten
Theil desselben nahm Ras Alula mit, aber immerhin noch gross genug, um
einen Einfall der Aegypter abweisen zu können.
Balata Gebro befand sich in einer grossen von Menschen gedrängt
vollen Hütte. Im Hintergrunde auf einem Angareb sass er, reinlich und
gut angekleidet. Zu seinen Füssen lag ein Knabe, der ihm die untern
Extremitäten streichelte und knetete. Als ich die Hütte betrat,
machte man Platz, der General erhob sich und war sichtlich erfreut,
mich zu sehen. Ich überreichte ihm einen Empfehlungsbrief, den mir
der Negus Negesti unerbeten aus freiem Antrieb gab, denn dem General
Balata Gebro gegenüber wäre das kaum nöthig gewesen. Man brachte für
mich einen Stuhl und je einen Schemel für Schimper und Mr. Baraglion,
welcher anfangs nicht mitgehen wollte, aus Furcht, von Balata Gebro
zurückbehalten zu werden. Ich rieth ihm jedoch, da ihm der Negus
die Abreise erlaubt habe, lieber offen Abschied zu nehmen; seine
Anwesenheit könne ja doch nicht verborgen bleiben: als tüchtiger
Waffenschmied sei er fast bei jedem Soldaten bekannt.
Balata Gebro benahm sich denn auch ganz freundlich gegen ihn und
fragte darauf höflich, ob er die Sitzung zu Ende führen dürfe. Er
hielt Gericht. Natürlich hatte ich nichts dagegen einzuwenden; im
Gegentheil war es für mich höchst interessant, einem solchen Acte
beiwohnen zu können. Ich muss gestehen, dass die mit Ernst und Würde
geführte Verhandlung einen vorteilhaften Eindruck auf mich machte.
Wie schon Rüppel[156] nachwies, haben die Abessinier ein geschriebenes
Gesetzbuch, Pheta Negust, d.h. Richtschnur der Regenten genannt,
welches angeblich unter Konstantin dem Grossen von Kirchenvätern
auf dem Nicäischen Concil verfasst wurde und von da nach Abessinien
kam. Das von unserm um die Erforschung Abessiniens so hochverdienten
Landsmann nach Frankfurt a. M. gebrachte schöne Exemplar enthält eine
Abtheilung kanonisches Recht mit 22 Kapiteln und eine Abtheilung
bürgerliches Recht mit 28 Kapiteln. Rüppel meint aber, die Annahme
bleibe nicht ausgeschlossen, dass der von Bruce, III, 718 erwähnte
Peter Heyling von Lübeck, ein protestantischer Missionar, welcher 1634
Abessinien besuchte, diese Gesetze dorthin gebracht habe.
Wie dem auch sei, sie kommen jetzt nie in Anwendung. Das
Gerichtsverfahren ist in Abessinien durchaus mündlich. Der Schum
eines Ortes, der Gouverneur einer Provinz entscheidet, und in letzter
Instanz als oberster Richter des ganzen Landes der Negus Negesti. Hat
dieser seinen Spruch gethan, dann gibt es keine weitere Appellation.
Likaonten, wie man die obersten zwölf Richter nannte, als es noch
Kaiser aus der wirklichen Kaiserfamilie gab, gibt es jetzt nicht mehr.
Hier nun plaidirten zwei Leute in eigener Sache, aber einem jeden stand
noch ein Helfer, eine Art Advocat, zur Seite. Es handelte sich um einen
Gegenstand, den der eine dem andern verkaufte, den dieser aber nachher
nicht dem Werthe entsprechend fand. Die Rede des ersten war lebhaft,
er gesticulirte, entrollte häufig die Schama und brachte sie ebenso
oft wieder in Ordnung. Dann der Gegner mit ebenso lebhafter Sprache
und Bewegung; auch er machte sich fortwährend mit seiner Schama zu
schaffen: es war gewissermassen ein Kokettiren mit dem Kleidungsstück.
Hierauf sprachen die beiderseitigen Advocaten und brachten einen
ebenso grossen Redefluss ins Gefecht, wobei sie gleichfalls höchst
anmuthig ihr Kleidungsstück in Unordnung und wieder in Ordnung zu
bringen suchten. Während die Parteien, wenn sie sprachen, aufrecht
standen, sass die ganze übrige Versammlung, ohne jedoch einen Laut
zu äussern oder Zeichen des Beifalls oder der Misbilligung zu geben.
Keine Partei durfte die andere unterbrechen, jeder musste seinen
Gegner ruhig ausreden lassen. Endlich, nachdem er lange und aufmerksam
zugehört, erhob sich der Balata Gebro und ebenso die ganze Versammlung.
Er hielt eine längere, wie es schien, gut geordnete Rede. Häufiges
Beifallsgemurmel unterbrach ihn. Als er geendet, ergriffen die Soldaten
den einen Mann und führten ihn hinaus, während der andere dem Balata
Gebro zu Füssen fiel, um seinen Dank abzustatten.
Der General entliess die Versammlung. Wir selber blieben noch bei ihm
und tranken ein Glas Tetsch miteinander. Dann nahmen wir freundlichst
Abschied.