weil er Kusso eingenommen, selber nicht kommen könne. Ich antwortete,
dass ich, falls er im Stande sei, mich vor dem Geheul und Gejohl der
Jugend in den Strassen der Stadt zu schützen, gern seinen Wunsch
erfüllen würde. Ihm schien die unliebsame Scene mit der Strassenjugend
schon zu Ohren gekommen zu sein, denn gleich darauf liess er einen
Ausrufer in den Strassen verkünden, dass die Aeltern und Lehrer
unverzüglich ihre Kinder einsperren sollten. Das wollte ich aber doch
nicht, ich schickte daher meinen Geistlichen, den Mönch von Gondar,
mit der Bitte zu ihm, diese Maassregel rückgängig zu machen, ich würde
mich schon selbst mit der Jugend auseinanderzusetzen wissen. Meine
Fürbitte hatte denn auch, wie ich richtig vermuthet, die Gewogenheit
aller Schüler und Kinder zur Folge. Die ganze Stadt erfuhr ja auch
inzwischen, dass ich in besonderer Werthschätzung beim Nebreïd stehe,
der, man kann wohl sagen, in Aksum ein weit grösseres Ansehen geniesst
als der Negus selbst.
Weil es jedoch schon Abend geworden, konnte ich den Nebreïd nicht
besuchen, ich begab mich daher zur Metropolitankirche, um sie eingehend
zu besichtigen. Der bei dieser altehrwürdigen Kirche angestellte und
auf meinen Besuch vorbereitete Klerus nahm die Gelegenheit wahr, im
Ornat und unter Musik einen feierlichen Gottesdienst -- natürlich
auf meine Kosten -- für mein Seelenheil abzuhalten. Es war dies eine
ganz besondere, innerhalb einer Kirche seitens der Geistlichkeit mir
noch nicht zu theil gewordene Ehre und Auszeichnung. Processionen von
Geistlichen im Ornat, mit und ohne Musik, mit und ohne Kirchenschmuck,
hatte ich oft genug empfangen und stets den Segen der frommen Leute
und sie dafür grössere oder kleinere Geldgeschenke erhalten. Nun aber
vollends eine solche Feier! Uebrigens bezweifelte die abessinische
Geistlichkeit nicht im mindesten meine Rechtgläubigkeit. Zwar wussten
sie genugsam, dass ich nicht +ihr+ Christ sei, denn ich hielt ja
nicht die Fasten, aber mein Mönch verkündete allen laut, ich schaffe
ihn nach Jerusalem, und das absolvire mich. Zwar wussten sie nicht
minder, dass ich +ihren+ Glauben an die Jungfrau Maria nicht
theile, aber oft genug sahen sie, dass ich beim Betreten einer Kirche
die Thürpfosten küsste[149], und das machte mich, auch wenn ich keine
blaue Schnur trug, in ihren Augen zu einem echten Christen; sie sahen
ferner, dass ich den abessinischen Priestern stets mit Hochachtung
begegnete, was sie mit Ausnahme von Bruce noch von keinem Europäer
erlebten, und schlossen daraus, dass ich von der Güte +ihrer+
Religion überzeugt sei und nicht, wie die Missionare, gegen dieselbe
eifere. Und schliesslich hörten sie, zunächst durch Vermittelung meiner
zahlreichen Dienerschaft, dass ich der freigebigste Mensch sei und nie,
auch das Geringste nicht, ohne Vergütung annehme. Letzterer Punkt fiel
in Abessinien überhaupt und +besonders bei der Geistlichkeit+ in
die Wagschale. Und so erhielten denn auch die Priester dieser ältesten
und geheiligtsten Kirche Abessiniens für ihren aussergewöhnlichen
Gottesdienst gebührend Belohnung und, Hymnen singend, zogen sie
feierlichst von dannen.
[Illustration: MUSICIRENDER ABESSINIER.]
Als ich bei meinem Lager wieder ankam, wartete meiner eine neue
Ueberraschung: der Nebreïd hatte, um mir ein Abendconcert zu geben,
fünf mit grösseren und kleineren Instrumenten versehene Musikanten
geschickt, die sich auf die Erde niederliessen und ihre Mollweisen
begannen, während sich rund herum bald ein Zuhörerkreis bildete, der
nach Hunderten zählte. Bei besonderer Gelegenheit erhoben sich auch
zwei, um Gegentänze aufzuführen. Von eigentlicher Melodie, geschweige
denn von Harmonie war nichts zu verspüren. In der musikalischen
Veranlagung stehen die Abessinier wol noch hinter den Arabern zurück,
wie denn auch namentlich die abessinische Kirchenmusik durch Mistöne
auf europäische Ohren höchst beunruhigend einwirkt.
Am andern Morgen machte ich dem Nebreïd meine Aufwartung. Um seine
ganze Macht und Herrlichkeit vor mir entfalten zu können, hatte
er zum Empfangsort die Kirche selber bestimmt. Angekommen vor der
Umfassungsmauer der Kirche, empfingen mich weissgekleidete Schüler
und führten mich durch eine Reihe von Priestern zu ihm. Er sass in
der Ecke der Vorhalle, die man mit hübschen Teppichen belegt, auf
weichen seidenen Polstern, während ich selber neben ihm auf einem
besondern Teppich Platz nahm. Um uns herum gruppirte sich die ganze
Priesterschaft Aksums, im ganzen wol 500 Personen. Man glaubte in einer
mohammedanischen Versammlung zu sein, denn alle waren beturbant, mit
Ausnahme der Schüler, an Zahl etwa 100, welche barhaupt gingen. Zur
Feier des Tags hatte man den Faulen die Ketten abgenommen, und unter
Leitung eines ältern Priesters sangen sie im Hintergrunde der Kirche,
sodass der Gesang nur gedämpft unsere Ohren erreichte, während der
ganzen Zeit Psalmen.
Der Nebreïd selbst war mit einem blauen, goldverzierten Mantel
angethan, neben ihm stand eine hübsche, goldene Krone, die eines
frühern abessinischen Kaisers, ringsum mit Bildern geziert, mit grossen
bunten Steinen besetzt, von einem dreifachen Goldkranz umgeben und fast
ebenso hoch wie die des Negus Negesti. Zur Seite des Nebreïd standen
jüngere Priester, von denen der eine einen baumwollenen Schirm, der
andere einen Fächer hielt. Er selbst hatte in seiner Hand ein mächtig
dickes Goldkreuz. Sein Haupt bedeckte, wie immer bei den Priestern,
ein hoher weisser Turban. Die ihm zunächst stehenden Priester und
Deftera (Schriftgelehrte, welche die weltlichen Angelegenheiten der
Kirche besorgen) waren ebenfalls in prächtigen Kleidern, ja, noch
glänzender gekleidet als der Nebreïd selbst, einige von ihnen hatten
goldgestickte Gewandung.
Die Unterhaltung ging anfangs nicht recht, da Schimper fehlte und
somit Arabisch gedolmetscht werden musste. Der Nebreïd entschuldigte
sein vorhin erwähntes Nichterscheinen mit dem Unwohlsein infolge des
Einnehmens von Kusso. Er bat mich sodann wegen der Ungezogenheit
der Schüler um Entschuldigung und erkundigte sich nach dem Befinden
des Negus Negesti, von dem er bezüglich meiner einen warmen
Empfehlungsbrief erhalten habe. Darauf verallgemeinerte sich das
Gespräch, und ich benutzte die Gelegenheit, einige Geschenke
zu überreichen, welche allerdings nicht, wie ich wünschte,
ausfallen konnten, denn allmählich waren meine Vorräthe doch sehr
zusammengeschmolzen. Ich freute mich indess, wenigstens seinen Schirm
durch einen bessern ersetzen zu können, da ich ihm meinen eigenen
seidenen zurückliess.
Auf meine Frage, ob er auch schon in Jerusalem gewesen sei, erwiderte
er, ob ich denn nicht wüsste, dass ich mich in diesem nämlichen
Augenblick an ebenso heiliger Stätte befände wie Jerusalem selbst? Das
hatte ich allerdings nicht gewusst und nur, dass Aksums Kirche ein
unverletzliches Asyl sei. Aber Ubieh sowol wie Theodor respectirten
trotzdem nicht die Heiligkeit dieses Schutzortes, ja, Gott selbst
kümmerte sich so wenig darum, dass er einst die Plünderung und
Verbrennung dieses Heiligthums durch Mohammed Granje gestattete. --
„Sie wissen also auch nicht“, fuhr er fort, „dass diese Kirche, in
welcher Sie sich jetzt an geheiligter Stätte befinden, von Joseph, dem
Vater unsers Heilandes, erbaut worden ist?“ Ich wagte nicht, meine
Unwissenheit einzugestehen, sondern erwiderte: „Ich hörte allerdings
davon, wusste aber nicht, ob es wahr sei.“ „Ja“, sagte er, „hier an
dieser Stätte hielt sich die Jungfrau Maria mit dem Christuskinde
auf, als die heilige Familie aus Aegypten kam, und zum Andenken
daran erbaute Joseph mit eigenen Händen unter Beihülfe unsichtbarer
Engel die Kirche, in der wir uns jetzt befinden.“ Da ich gar keinen
Einwand erhob, glaubte der Nebreïd natürlich, dass ich ebenso von
der Wahrhaftigkeit seiner Aussage überzeugt sei wie er selbst und
alle anwesenden Priester. Ich erlaubte mir jetzt die Frage, ob die
Bundeslade (Tabot), welche Menelek, der Sohn der Königin von Saba
und Salomo’s, bei seiner Flucht aus dem Tempel der Israeliten zu
Jerusalem mit nach Abessinien nahm, bei der Ausbrennung der Kirche
durch die Mohammedaner unverletzt geblieben sei. -- „Wie können Sie nur
so fragen?“ antwortete der Nebreïd; „als Mohammed Granje die Kirche
ausbrannte, war die Bundeslade seinen Augen entzogen, Gott gestattet
keinem Ungläubigen, sie zu sehen.“ -- „Also[150] ist die Bundeslade
immer noch da und, wie früher, nur den Falascha sichtbar?“ -- „Wer hat
Ihnen dieses Märchen erzählt?“ -- „Ich las es“, sagte ich. -- „Ihr
wisst nur bei euch, was den Reisenden unwissende Leute mittheilten.
Die Wahrheit verkündet nur, wer sie hat. Wir, die Diener des Höchsten,
sind im Besitze des Schatzes. Die echte Bundeslade ist allerdings hier:
keineswegs eine gewöhnliche Nachbildung, wie man sie im innersten Raum
(im Allerheiligsten) der Kirchen findet, sondern eingemauert in der
Kirchenwand, und blos mittels einer nur uns bekannten Thür kann man zu
ihr gelangen.“ -- „Würde es mir nicht gestattet sein, o heiliger Vater,
dieses altehrwürdige Denkmal des Bundes zwischen Gott und dem erwählten
Volke zu sehen?“ -- „Unmöglich. Nicht einmal der Kaiser, nicht einmal
der Etschege, ja, nicht einmal der Abuna bekommt die Bundeslade zu
sehen, sie würden auch gar nicht den Anblick derselben ertragen
können!“ -- „Aber, o höchster Priester, ist denn nicht den übrigen
Geistlichen der Kirche der Anblick der Bundeslade vergönnt?“ -- „Nein,
nur mir, dem Hüter derselben, und meinem Nachfolger, wenn ich sterbe.
So war es vor Tausenden von Jahren, und so wird es bis zum Jüngsten
Tage sein!“ -- „Wenn nun aber Gott nach seinem unerforschlichen
Rathschlusse Ihrem Leben ein plötzliches Ziel setzt, wie erfährt dann
der neue Nebreïd den geheimnissvollen Zugang der Bundeslade?“ -- „Sehen
Sie hier“, sagte er, indem er an blauseidener Schnur eine kleine
silberne Kapsel aus seinem Gewande hervorzog, „diese Kapsel trug Moses
selbst. Mein Testament liegt darin oder vielmehr nur die Anweisung,
wie man zum Eingange der Kammer gelangt, in der sich die Bundeslade
befindet.“ -- „Sie sind also, o heiliger Erzpriester, eigentlich der
rechtmässigste Nachfolger Moses’ und jedenfalls noch mehr als dieser,
weil Sie zugleich sich der Segnungen Christi erfreuen.“ -- Diese Worte
riefen beim Nebreïd eine grosse Befriedigung hervor. „Habt ihr gehört,
meine lieben Gefährten, was der Fremde sagt? Merkt euch seine Worte,
sie sind voll innerer Wahrheit und fordern zum Nachdenken auf.“ Einer
grössern religiösen Auseinandersetzung hörte ich aufmerksam zu, ohne
jedoch durch neue Fragen zu unterbrechen. Lag nun auch hier wieder
Betrug oder Selbsttäuschung vor? So dachte ich bei mir selber, kam aber
schliesslich zu dem Resultate, dass es beim Glauben auf ein wenig mehr
oder weniger nicht ankommt. Mögen die Abessinier mit ihrem Glauben
passiren. Ob sie damit aber auf eine hohe Stufe der Güte und Gesittung
gelangen, ist eine andere Frage.
Obgleich ich die Kirche schon besah, sollte ich sie doch noch einmal
besehen. Jetzt gewissermassen in Procession. Der Nebreïd, dessen Herz
ich durch meine Fragen und besonders durch mein andächtiges Anhören
seiner weisen Worte gewonnen zu haben schien, machte selbst den
Führer, so schwer ihm das Gehen auch wurde. Die von den Portugiesen
wiedererbaute Kirche von Aksum ist länglichviereckig. Das Dach tragen
vier dicke Säulen. Eine Art Bundeslade ist auch darin, aber nur,
wie man sie in allen andern abessinischen Kirchen vorfindet. An den
Wänden sieht man halb verwischte Frescogemälde, in einer vordern
Abtheilung einige grosse mit Elfenbein ausgelegte Kirchenstühle und
Kircheninstrumente. Von einer besondern Ausschmückung bemerkt man
nichts. Im Gegentheil, das Innere der Kirche ist äusserst unsauber
und schmuzig. Vergebens suchte ich beim Rundgang den geheimnissvollen
Eingang zur Bundeslade zu erspähen, der Nebreïd verrieth durch nichts,
woraus man hätte darauf schliessen können. Betrachtet man die gar nicht
starken Wände der Kirche, so entdeckt man auch nirgends eine Stelle,
welche dick genug wäre, um eine ganze Kammer in sich bergen zu können.
Gleich nach dem Rundgang verabschiedete ich mich vom Nebreïd.
Inzwischen waren auch meine Leute mit sämmtlichem Gepäck vom Lager
heraufgekommen, sodass ich noch am selben Tage meine Reise nach Adua
fortsetzen konnte. Längs des Berges dahinreitend, hatte ich aber noch
nicht einmal den von Salt zuerst entdeckten Stein mit der Inschrift
erreicht, als ein Bote nachgesprengt kam mit der Bitte, halt zu machen.
Ich benutzte die Verzögerung, um auch die andern Steine einer
eingehenden Besichtigung zu unterziehen, fand auch eine zweite
Steinplatte, welche Spuren von Inschrift zeigte, aber auch nur Spuren.
Ich war erstaunt, als nach einigem Warten zehn Priester mit Geschenken
des Nebreïd kamen. Obwol der gute Mann mir täglich Lebensmittel und
Tetsch die Menge geschickt hatte und keineswegs so schöne Geschenke
von mir erhielt, wie ich sie andern hohen Personen zu ertheilen
pflegte, wollte er mir doch noch einen Beweis seines Wohlwollens
geben. Die Geschenke bestanden in einem Ochsen, einem Zicklein, in
Gerste, Honig, Butter, Brot, Tetsch etc. etc. Dazu noch einmal sein
Segen, dessen Empfang ich mit gebührenden Dankesworten, aber auch, um
ihn noch wirksamer zu machen, mit einer Summe funkelnagelneuer Thaler
bestätigte. Wären unter den Geschenken des Nebreïd nur auch Bücher,
besonders geschichtlichen Inhalts, gewesen! Ich wenigstens konnte
nichts davon in Aksum auftreiben. Wenn dergleichen Bücher existirten,
gingen sie bei früherer Gelegenheit zu Grunde. Lalibala dürfte der
einzige Ort sein, wo man jetzt noch werthvolle Bücher antrifft.
Vielleicht auch Debra Damo, welches man trotz seiner scheinbaren
Unersteiglichkeit einigemal wahrscheinlich durch Verrath einnahm.
Aber bei solchen Gelegenheiten nimmt man alles mit, auch Bücher und
Manuscripte und, einmal herausgerissen aus ihrem Heiligthum, gehen sie
nur zu leicht dem Untergang entgegen. Anders die Stadt Lalibala, welche
bisjetzt nie einer Plünderung ausgesetzt gewesen ist, daher lässt
gerade dieser Umstand interessante Manuscripte daselbst vermuthen.
Schliesslich noch einige Bemerkungen hinsichtlich der Einwohnerschaft
Aksums, welche die Aduas und Gondars übersteigen möchte. Die
Krankheit, welche erstere Stadt so schwer heimsuchte, scheint in
Aksum keine merkbaren Menschenverluste hervorgebracht zu haben. Auch
litt Aksum nicht zu sehr durch die Plünderung Theodor’s, der sich
einen „Gottgesandten“ nannte, welchen Ausdruck viele Abessinier mit
„Gottesgeisel“ vertauschten. Ausserdem erhält die Stadt beständigen
Zufluss von Auswärtigen, welche ihr Leben gern in unmittelbarer
Nähe eines so grossen Heiligthums beschliessen möchten. Die vielen
in den niedern Graden sämmtlich verheiratheten und meistentheils
verhältnissmässig gutgestellten Geistlichen tragen ebenfalls zur
Vermehrung der Bevölkerung bei. Wenn auch nicht so zahlreich wie in
Gondar, leben doch wol beständig 800 Priester in Aksum. Dazu kommt,
dass alle übrigen abessinischen Geistlichen es für eine heilige Pflicht
erachten, wenn nicht wegen der grossen Entfernung nach Jerusalem,
doch wenigstens einmal im Leben nach Aksum zu pilgern. Infolge dieser
Verhältnisse bekommt die Stadt, um uns so auszudrücken, ein gewisses
internationales Gepräge, insofern hier stets Leute aus allen Theilen
Abessiniens zusammentreffen. Natürlich macht sich da auch eine gewisse,
durch viele Geistliche und Fremde erzeugte Wohlhabenheit bemerklich.
Man lebt in Aksum etwas lustiger als in Adua, aber nicht lustiger als
in Gondar. Was sollen die Leute auch anfangen? Der Erwerb ist leichter
als in den übrigen Städten, und das durch wenig Mühe Erworbene pflegt
man ja ebenso sorglos bald wieder zu verthun.
Es befremdet vielleicht, wenn ich für Aksum 5000 Seelen veranschlage,
aber die eben angeführten Gründe bestimmen mich dazu.
FUNFZEHNTES KAPITEL.
VON AKSUM NACH MASSAUA.
Geburtstag des Deutschen Kaisers und die dabei aufgeführten
Spiele. -- Mr. Baraglion. -- Herr Abarguez de Sosten. -- Ein
abessinisches Bad und seine Aerzte mit ihren Mitteln. -- Aeusserst
wenige Geisteskranke und körperlich Verkrüppelte in Abessinien.
-- Ein Räuberhauptmann. -- Eine merkwürdige Begegnung. -- General
Gebro. -- Eine Gerichtssitzung. -- Gefangennahme mehrerer Diener
des französischen Consuls. -- Das Bisen-Kloster und dessen
Beschreibung von Alvares. -- Das Thal von Genda. -- Zurücksendung
der abessinischen Bedeckung. -- Der Gouverneur von Massaua sendet
freundlichst eine Compagnie Soldaten entgegen. -- Ein mächtiges
Gewitter. -- Ankunft in Massaua. -- Schmerzlicher Abschied von
den Abessiniern. -- Ein Beispiel von Anhänglichkeit abessinischer
Diener.
Der Weg von Aksum nach Adua ist nicht nur malerisch schön -- das
versteht sich eigentlich in Abessinien überall von selbst -- sondern
verhältnissmässig recht belebt. Der Austausch der beiden grossen Städte
unter sich trägt zur Belebung bei, ausserdem ist aber auch die Umgegend
an und für sich besser bevölkert. Man geht zuerst bis auf halbwegs
nach Adua längs der Bergkette, an deren Fusse Aksum liegt, und da man
fast in gerader Ostrichtung vorgeht, bleibt das Gebirge nördlich vom
Wege liegen, während rechts der Blick über schöne Ebenen streift,
aus welcher riesige Berge hervorragen: Duksa Amba und der imposante
Zuckerhut Damo Galila. Ad Jesus, eine zwischen Kolqualbäumen versteckte
Kirche, gilt als die Hälfte des Weges, aber genau genommen ist sie es
nicht. Oestlich davon auf dem Sporn zwischen Ad Jesus und Bit Johannes
findet man wundervolle Opale, welche dermaleinst in Europa Verwerthung
finden dürften, besonders in den grossen Schleifereien von Oberstein,
wo man jetzt den Bedarf dem viel entferntern Brasilien entnimmt.
Der Priester von Bit Johannes, dessen Kirche malerisch auf der höchsten
Bergspitze liegt, lud mich schon früher, als ich in Adua war, zu sich
ein. Jetzt hatte er sich nebst andern Geistlichen am Wege aufgestellt
und bot mir Tetsch, Brot, Butter, Milch und Honig zum Geschenk. Wir
schwelgten in der That fortwährend in Ueberfluss, und meinen Leuten
schmeckten diese Gaben aus frommer Hand natürlich doppelt so gut.
Bald kam Adua in Sicht. Schon von weitem erglänzten die vergoldeten
Kreuze auf den Kirchen, und namentlich funkelte im heitern
Sonnenschein der echt vergoldete, von einem Kreuze überragte
Janitscharenmusikschmuck, den der Negus den Aegyptern in der Schlacht
von Gura abnahm und auf der neu errichteten Siegeskirche anbringen
liess.
Schimper kam mir entgegen; ich machte halt und errichtete mein Lager
auf dem rechten Ufer des Mai Gogo, etwa gegenüber der Stelle, auf
welcher ich lagerte, als ich nach Debra Tabor reiste. Meine anfängliche
Absicht, gleich am folgenden Tag weiter zu ziehen, da mich nichts
in Adua hielt, gab ich auf, weil Kaisers Geburtstag auch von unsern
Abessiniern sollte gefeiert werden. Wie oft schon beging ich diesen
festlichen Tag in Afrika, und zwar stets so glänzend, wie es die
Verhältnisse gestatteten! Mit türkischen Soldaten, mit Beduinen, mit
Deutschen inmitten der unbewohnten Libyschen Wüste! So durfte denn
auch diesmal der Tag nicht ohne Sang und Klang vorübergehen.
Ich liess mit Sonnenaufgang die deutsche Flagge entfalten -- sonst
geschah das nur Sonntags -- und mit Flinten und Revolvern in schnell
und regelmässig nacheinanderfolgenden Pausen 101 Schüsse abfeuern.
Ausser einem Geldgeschenk erhielt das ganze Lager, selbst die Bettler
und Reisenden, die mich noch immer in grosser Zahl umlagerten, eine
grosse Quantität Tetsch. Auch die Fremden, welche kamen, um sich das
Lager anzusehen, waren von meiner Bewirthung nicht ausgeschlossen.
Nachmittags wurden Spiele und namentlich ein Wettlaufen mit
Hindernissen angeordnet. Es handelte sich darum, das rechte 4-5 m tief
in Humus und Lehm eingeschnittene Ufer des Mai Gogo zu gewinnen. Also
über das an und für sich schon zerrissene Erdreich hinüber durch das
Wasser des Mai Gogo hindurch zu seinem Ufer hinauf und von da wieder
herunter zum ersten Ufer empor und zum Lager zurück -- man kann sich
denken, welche lustigen Vorfälle und Verwickelungen da stattfanden!
Auch das Sacklaufen oder in Ermangelung einer genügend grossen Anzahl
von Säcken das Hüpfen mit zusammengebundenen Füssen, ferner das
Topfschlagen, Tauziehen, Klettern und sonstige noch nie in Abessinien
aufgeführte Spiele belustigten nicht nur die Diener, sondern, verlockt
von den Geldpreisen oder andern Gaben, welche dem Gewinner zufielen,
nahmen auch Bewohner Aduas theil an den Spielen, und mancher zog mit
einem hübschen Sümmchen davon.
Schimper, Monsieur Baraglion und ich hielten aber eine Festtafel
ab, welche um so luxuriöser ausfiel, als ersterer mit einer Flasche
jerusalemer Wein angezogen kam, sodass wir den Toast auf den Kaiser
in wirklichem Wein trinken konnten. Auch Mr. Baraglion stiess aus
vollem Herzen mit an: „Ihm, dem Deutschen Kaiser, verdanke ich“, sagte
er taktvoll, „dass ich nun mit all meinem Vermögen in Sicherheit
Abessinien verlassen kann.“ Und das war auch wirklich der Fall.
In Adua kam ich diesmal nicht hinein. Den Gouverneur zu besuchen fühlte
ich mich nicht veranlasst, da er mir das letzte mal keinen Gegenbesuch
machte und sogar Schimper’s Abreise mit mir verzögerte. Er schickte nur
die üblichen Lebensmittel, und ich ihm als Gegengeschenk Branntwein,
nach Schimper’s Meinung das Liebste, was ich ihm bieten konnte. Und so
lag denn dem letzten Theile meiner Rückreise von Adua aus nichts im
Wege. Ja, eigentlich verlässt man mit Adua schon das rechte Abessinien,
das echte alte Aethiopien.
Meine Karavane wurde nun merklich kleiner. Allerdings hatte ich immer
noch meine militärische Bedeckung und meine eigene Dienerschaft. Viele
Bettler blieben aber zurück, weil sie richtig urtheilten, dass sie
in Adua eher Gelegenheit finden würden, sich wieder als Reisebettler
anzuschliessen, als im Norden von Hamasen oder gar in Massaua.
Am Abend vor meiner Abreise bezog auch Mr. Baraglion das Lager. Er
hatte zur Tragung seines Gepäckes nur einige Esel, und so bat er mich,
sein baares in den letzten Zeiten noch erspartes Geld in meine Koffer
zu verschliessen. Mr. Baraglion machte den ganzen Weg von Adua zu Fuss
und schien trotz seines _Embonpoint_ keineswegs Beschwerden davon zu
spüren. Abends schlug er mit Hülfe seiner beiden Diener sein kleines
Zelt auf und kochte seine Abendmahlzeit, wozu ich ihm regelmässig aus
meinen Lieferungen das nothwendige Fleisch und Brot schickte.