Ich hatte gehofft, in Frieden vom Oberst scheiden zu können, und nicht

nur für jeden Soldaten, sondern auch für ihn hielt ich ein bedeutendes

Geldgeschenk bereit. Aber nicht zufrieden damit, oder um von mir oder

Schimper ein noch grösseres Geldgeschenk zu erpressen, schickte mir

der Oberst das Geld -- irre ich nicht, 150 Thaler, die ich ihm durch

Schimper geben liess: eine für Abessinien vollkommen genügende Summe

-- mit der Bemerkung zurück: er habe strenge Weisung vom Negus Negesti,

weder Geld noch irgendein anderes Geschenk anzunehmen. Was aber that

der Mensch? Er liess die Verwandten Schimper’s in Ketten legen.

Natürlich liess ich den Oberst gleich zu mir bescheiden, setzte ihn

zur Rede und fragte ihn, wie er dazu komme, Leute zu fesseln, welche

unter meinem Schutze reisen. Seine Antwort lautete: die gefesselten

Leute seien aus Debra Tabor entflohen, nur dem Kaiser sei er für sein

Thun verantwortlich, die Leute würde er auf alle Fälle mit sich nehmen.

Man kann sich denken, in welch unangenehmer Lage ich mich befand.

Gewalt gegen den Oberst konnte ich nicht anwenden, möglicherweise war

derselbe auch in seinem Rechte, möglicherweise hatten sich die Leute

aus dem Staube gemacht, waren vielleicht nicht einmal Schimper’s

Verwandte. Jedenfalls keine nahen Verwandten. Aber da sie nun einmal

unter meinem Schutze reisten, musste ich nichts zu ihrer Befreiung

unversucht lassen. Und ein Umstand begünstigte mich. Als ich gerade

in nicht höflicher Weise mit dem Oberst die Angelegenheit nochmals

beredete, erhielt ich den Besuch des Districtsgouverneurs Dedjadj

Uogai, der ihm verständlich machte, dass, wenn der Kaiser erführe --

und er selbst würde darüber berichten -- wie wenig er meinen Wünschen

nachkäme, da er doch auf Befehl des Negus nur zu meinem Schutze da

sei, könnte ihm das leicht den Kopf kosten. Das wirkte. Der Oberst

liess die Gefangenen entfesseln, aber der grösste Theil ihres Gepäckes

war dabei auf Nimmerwiederfinden abhanden gekommen, während die Säcke

der Soldaten inzwischen bedeutend an Umfang zugenommen hatten. Das

Schönste aber bei dem Vorfall war, dass der Herr Oberst, obwol er sich

bereits verabschiedet, nochmals herschickte und sich das Geldgeschenk

ausbitten liess. Ich gab es ihm, froh, von dieser unverschämten

Begleiterschaft befreit zu sein.

In der That, wir athmeten auf, zumal uns auch ein Theil der lästigen

Reisebettler verliess, vielleicht in der Meinung, bei den Soldaten

sei mehr und auf längere Zeit etwas zu haben als bei mir, dessen

Reise nun bald zu Ende sei. Welch sonderbare Auswüchse aber das

gewohnheitsmässige Betteln in Abessinien erzeugt, das sollte ich

am folgenden Tage erfahren. Als ich in Mai Zabri lagerte und an

einer reizenden Quelle unter Citronen- und Pampelmusbäumen (_citrus

decumana_), mit grössern als mannskopfgrossen Früchten, nach

anstrengendem Ritt im Schatten und Dufte jener herrlichen Bäume

ausruhte, kam eine Bande auf mich zugeritten und machte in einiger

Entfernung, die Hände bittend gegen mich erhoben und um Almosen

flehend, halt. Die Hüftknochen ihrer abgemagerten, fadenscheinigen

Pferde, die sich gegenseitig vor Hunger auffressen zu wollen schienen,

standen aus dem Körper heraus, als ob sie gar nicht dazu gehörten.

Aber die darauf sitzenden Männer! Wahre Jammergestalten, hohläugig und

hohlwangig, einige über und über gefleckt, andere mit aufgeschwollenen

Gliedmaassen, einer mit offenen Wunden. Entsetzlich, schrecklich!

Reitende Bettler?! Reitende Kranke?! So etwas war mir doch noch nicht

vorgekommen. Freilich las ich, dass auch Bettler bei uns sich Vermögen

erwerben, sodass sie sich Pferde und Wagen halten können, aber sie

betteln doch nicht in der Carrosse oder auf dem Pferde! Und hier stand

nun eine ganze Gesellschaft „+berittener Bettler+“. Schimper gab

mir die Erklärung. Es waren Aussätzige und andere mit widerlichen

Krankheiten Behaftete, welche in Abessinien ihrem Schicksal überlassen

bleiben, aber abgesondert leben müssen. Sie vereinigen sich dann zu

ganzen Gesellschaften, kaufen auf gemeinschaftliche Kosten alte Klepper

und senden die äusserlich Widerwärtigsten, welche am meisten das

Mitleid zu erwecken im Stande sind, auf Bettel aus. Sie dürfen sich

jedoch den Ortschaften nur bis auf eine gewisse Entfernung nähern,

und Entgegenkommenden müssen sie sich von weitem schon durch Zurufen

oder andere Zeichen bemerklich machen, da jeder das Recht hat, sie

todtzuschlagen, falls sie nicht aufs gewissenhafteste das eben Gesagte

befolgen. Etwaige Spenden, Almosen, Lebensmittel, Kleidungsstücke legt

man auf besondere Plätze, von denen die Kranken sie abholen. --

Kurz vor meiner Ankunft am Takase kam Ras Bariau eigens an die Strasse

heran, um mich zu begrüssen. Dieser mächtige und einflussreiche Mann,

ein Schwiegersohn Kaiser Theodor’s, spielte ebenfalls in der letzten

Geschichte der Kämpfe und Kriege um die Krone eine hervorragende Rolle,

ist aber seitdem ein treuer Anhänger des Negus Negesti. Ras Bariau, der

mit seinem würdevollen Auftreten einen angenehmen Eindruck machte, lud

mich zu einem Besuche in seiner Wohnung ein, leider aber musste ich es

wegen des zu grossen Umwegs ablehnen.

Der Abstieg nach dem Takase ging ziemlich gut von statten. Aber seit

einigen Tagen waren wir nun von 3000 m Höhe zu 800 m herunter gekommen.

Schon vorher machte das vulkanische Gebilde dem Sandstein, Thonschiefer

und Urschiefer Platz, und an den tiefsten Einschnitten findet man, wie

fast wol in ganz Abessinien, als anstehendes Gestein Thonschiefer. Wir

setzten über den Takase ohne Schwierigkeit, obschon derselbe c. 100 m

breit und über 1 m tief war. Flusspferde und Krokodile sahen wir nicht;

aber beim Durchtreiben wurde doch eins unserer Schafe von einem jener

grossen Saurier weggeschnappt.

Von 3000 m Höhe zu 800 m herab erzeugt natürlich einen grossen

Temperaturunterschied. Wir mussten unten im breiten Thal, wo man sogar

ackerte, lagern und erwachten vor Sonnenaufgang mit +19°5. Nachts

wurden wir aufs unangenehmste durch ein Flusspferd alarmirt, welches

mitten durch unser Lager trabte und namentlich den Theil desselben,

wo sich unsere abessinischen Anhängsel befanden, in arge Beunruhigung

versetzte. Von der grossen Menge der Flusspferde an diesem Theile des

Takase zeugten die Pfade derselben durchs Dickicht und die vielen

Haufen Losung, welche man überall fand.

Auch der Aufstieg macht keine grossen Schwierigkeiten. Von da kommt man

in die überaus fruchtbare, aber keineswegs stark bevölkerte Landschaft

Simbila. Wie sehr man sich jetzt schon dem Norden genähert, erhellt am

besten aus den Geldverhältnissen. Die Amole nimmt man von nun an nicht

mehr als Kleingeld, dagegen kann man auf den Märkten schon wieder 40

Stück für einen Maria-Theresienthaler kaufen. Oben wird wieder alles

vulkanisch, nur bei Mai Schivinni fand ich die Gegend abermals mit

Sandsteinblöcken übersäet.

In Tembela kam Dedjadjmatsch Mengescha, der Gouverneur der Provinz, ein

Neffe des Negus, zu mir, um mich zu begrüssen. Eigentlich aber wollte

er dies: „Ich erhielt“, sagte er, „direct vom Negus Negesti den Befehl,

Ihnen 1000 Maria-Theresienthaler zu zahlen; indess stehen mir höchstens

nur 70 Thaler zur Verfügung, die können Sie gleich erhalten.“ Ich liess

ihm durch Schimper antworten, ich könne weder seine 70 noch seine

1000 Thaler annehmen und hätte dies schon auf das bestimmteste dem

Budjurunt Lauti erklärt. Als Mengescha jetzt merkte, dass es sich um

eine vollständig erledigte Sache handle, war es höchst ergötzlich, zu

hören, wie er folgendermassen auftrumpfte: „Ich werde die 1000 Thaler

auf der Stelle herbeischaffen, nichts ist leichter als das! Dem Befehl

des Negus muss man gehorchen!“ Schliesslich jedoch, als er einsah oder

einsehen wollte, ich würde das Geld durchaus nicht annehmen, rückte er

mit dem sonderbaren Anliegen heraus, ich möge ihm über den Empfang des

Geldes eine Quittung schreiben. Ich brauche wol kaum zu sagen, dass ich

seinem Wunsche nicht nachkam.

Endlich sahen wir die Gegend etwas besser bevölkert: wir näherten uns

ja jetzt der ältesten Hauptstadt des äthiopischen Reiches. Trachyt

wechselte von nun an mit Granit und die Kolqualeuphorbien erreichten

eine früher von mir nicht gesehene Höhe. Im Südosten erblickten wir

aber noch immer die schneeigen Gipfel Semiens, während sich vor uns

und immer schärfer die Umrisse der merkwürdig geformten Berge von Adua

zeigten.

Eine unangenehme Episode stand mir noch bevor. Wie ich schon erwähnte,

behielt ich meine ursprüngliche Bedeckung unter Hauptmann Mariam.

Nun aber gerieth dieselbe mit meinen Dienern in heftigen Streit. Zum

Unglück war Schimper nach Adua voraus, um mir dort einen Kurier zu

besorgen und übrigens noch einige Geschäfte vor seiner Reise nach

Massaua zu erledigen, wohin er mich auf Befehl des Negus begleiten

sollte. Einer meiner abessinischen Diener sprach zwar etwas Arabisch,

aber das war für eine gute Verständigung nicht hinlänglich. Der Streit

nun brach aus über ein junges, etwa siebzehnjähriges Mädchen, welches,

wie das in Abessinien üblich, eine Ehe auf Kündigung mit einem der

Soldaten einging, welcher sie von Gondar mitnahm. Auf dem Wege nach Mai

Schum, also schon im Gebiete von Aksum, schien ihr aber einer meiner

Diener, Namens Tassama, besser zu gefallen. Sie verliess also in Mai

Schum ohne weiteres den Soldaten Gebr Selassie und baute ihre Hütte

aus Reisig mit Tassama auf, was jeden Abend alle Soldaten und Diener

und übrigen Reisegenossen für je eine oder zwei oder mehrere Personen

wegen des häufigen Regens ebenfalls thaten. Natürlich liess sich das

Gebr Selassie nicht gefallen, seine Kameraden unterstützten ihn, meine

Diener dagegen den Tassama, und so entspann sich eine grossartige

Prügelei, welche in eine Schlägerei, in eine Schlacht ausartete.

Unglücklicherweise befand ich mich ausserhalb des Lagers auf einem

Spaziergange. Man hatte schon zu Messern, Säbeln, Dolchen gegriffen,

und eben war man mit Schiesswaffen daran, als mein plötzliches

Erscheinen der Schlacht ein Ende machte. Es war Blut auf beiden Seiten

geflossen, einem meiner Diener hatte man einen Finger abgehackt.

Ich wollte die Aburtheilung bis auf Aksum verschieben, wo wir andern

Tags eintreffen mussten, um sie der dortigen Gerichtsbarkeit zu

unterbreiten, aber das gefiel beiden Parteien nicht, und nun begann ein

gegenseitiges Anklagen, sich Beschuldigen und Vertheidigen, dass einem

Hören und Sehen verging. Der Hauptmann Mariam meinte zwar, man solle

gleich für alle mit einer energischen Bastonnade beginnen, aber dazu

konnte ich mich doch nicht entschliessen. Vor allen Dingen, sagte ich,

müsse man die Ursache des Streites, die junge Abessinierin, aus dem

Lager entfernen, aber das wollten beide Parteien nicht, auch Hauptmann

Mariam nicht, welcher ganz ernsthaft versicherte, die Abessinierin habe

doch nichts verbrochen, sie sei nicht regelrecht verehelicht und könne

deshalb auch von niemand gezwungen werden, mit diesem oder jenem zu

leben. Unter solchen Umständen blieb mir nichts anderes übrig, als mich

jeden Urtheils zu enthalten und sie nochmals, falls sie nicht einig

werden sollten, auf das nahe Aksum zu verweisen. Der geringste noch

einmal ausbrechende thätliche Streit solle aber sofort mit Wegjagung

der Veranlasser bestraft werden: immer die härteste Strafe, die ich

über sie verhängen konnte.

VIERZEHNTES KAPITEL.

AKSUM IM JAHRE 1881.

Lagerung vor Aksum. -- Nachts bei Regen ein Unfall. -- Nicht

Opferstein, sondern Königsstuhl. -- Keine Obelisken, sondern

Stelen. -- Eine noch nicht veröffentlichte Inschrift. -- Die

Wohnung des Negus Negesti. -- Die lästige Rotte Jungen und Mädchen.

-- Gefesselte Knaben. -- Der Nebreïd von Aksum. -- Besuch der

Metropolitankirche. -- Musikanten. -- Besuch beim Nebreïd in

der Kirche. -- Beschreibung seiner Umgebung und der Kirche. --

Unterredung mit dem Nebreïd. -- Abschied von Aksum. -- Priester mit

Geschenken des Nebreïd. -- Die Einwohnerschaft Aksums.

So lagerten wir denn angesichts der alten Hauptstadt Aksum, die

ich während der britischen Expedition schon einmal, wenn auch nur

flüchtig, besuchte. Städte mit historischem Hintergrund haben immer

ein erhöhtes, doppeltes Interesse. Und vollends in Afrika, wo wir

neben Ländern mit ältester Geschichte andere vorfinden, von deren

Vor- und Neuzeit wir durchaus nichts wissen. Zum Theil ist es ja mit

Abessinien auch so, dessen Geschichte erst durch das Eingreifen der

Portugiesen eine einigermassen auf Wahrheit beruhende Fassung erhält,

denn die Ereignisse in diesem Lande vor Christof da Gama können wegen

ihrer Lücken- und Nebelhaftigkeit kaum auf wirklichen Werth Anspruch

machen. Und was nützt eine lange Liste von Kaisernamen bis in die tiefe

Vergangenheit hinein? Blosse Namen für Begriffe ohne charakteristische

Merkmale! Selbst die neueste Geschichte Abessiniens, die uns Bruce

in ununterbrochenem Zusammenhange gab, wie wenig reizvollen Inhalt

bietet sie! Sie zeigt uns in detaillirteren Zügen, wie das Kaiserthum

mehr und mehr zur Schattenmacht herabsank, wie aus dem unaufhörlichen

Kriege aller gegen alle zeitweilig ehrgeizige „Lidj“ oder „Abkömmlinge

Salomo’s“ hervorgingen, die nur an die Behauptung ihrer Macht, nicht

aber an die Segnungen des Friedens dachten. Interesse erregt das Land

erst, als es mit dem Auslande durch die britische Expedition und die

ägyptischen Feldzüge in Wechselbeziehung zu treten +schien+. Von

wirklich culturellem Einfluss verspürt man wenig. Auch heute noch ist

dort Krieg aller gegen alle die Losung und „Völkervertilger“ ein Wort

von derselben Geltung, wie bei uns Ratten- und Mäusevertilger.

Wir lagerten auf einer grossen Wiese, ca. 1 km südöstlich von Aksum.

Unfern unserer Zelte schlängelte sich ein kleiner Bach, der sich nach

dem Takase hinabzog. Im Norden sahen wir die Bergwand, die wir von

Tembela an entlang zogen, dicht vor uns die alte Krönungsstadt Aksum,

überschattet von jenen Sykomoren, welche alle Reisenden bewundern, in

weiter Ferne die schneeigen Köpfe Semiens. Mit dem Aufschlagen der

Zelte und dem Herbeiholen des Reisigs zum Hüttenbau ging viel Zeit hin,

sodass ich am Tage unserer Ankunft nicht mehr zur Stadt konnte. Dagegen

kam der kaiserliche Beamte zu meiner Begrüssung heraus, und der Nebreïd

schickte, um seine wohlwollende Gesinnung an den Tag zu legen, einige

Töpfe Honigwein. Meine Leute fanden vollauf Verpflegung. Wie immer,

wenn wir nach einer Stadt kamen, liess ich für sie Bier kaufen, und

alle gaben sich der angenehmen Erwartung hin, hier einige Tage Ruhe zu

finden.

Die ersehnte Ruhe musste aber theuer erkauft werden. Nachts fing es an

zu regnen und zu gewittern, wie es eben in diesen Bezirken eigentlich

nur während der Regenzeit zu geschehen pflegt. Aber was hatte ich davon

zu fürchten? Mein doppeltgedachtes Zelt schützte vor Wasser von oben,

ein rings um das Zelt angebrachter guter Graben vor dem Hereinlaufen

des Wassers von unten. Lachen konnten sich nicht bilden, da wir auf

sanft sich neigendem Boden lagerten. Aber im besten Schlaf sank auf

einmal das Zelt zusammen. Ich lag begraben unter der nassen wuchtigen

Leinwand. Zum Glück war die schwere Zeltstange, welche ca. 25 kg wog,

auf die andere Seite gefallen. Dabei goss es ununterbrochen herunter,

und die grell zuckenden Blitzstrahlen blendeten derart, dass man jetzt

erst recht nicht die Finsterniss durchdringen konnte. Endlich kam

Hülfe. Die Leute befreiten mich aus meinem nassen Grabe, mein anderes

Zelt wurde schnell aufgeschlagen. Aber welch eine höchst unangenehme

Nacht! Ich sowol wie alle Gegenstände waren windelweich nass geworden.

Die Katastrophe verursachten eiserne Pflöcke, deren sich die Diener zur

Befestigung des Lagers statt der hölzernen bedienten; erstere liess

ich nur in felsigem Boden anwenden. Die am andern Morgen glänzend

aufgehende Sonne machte bald alles wieder gut.

Es ist in der That schade, dass man von den wirklich interessanten

Bauresten, soweit sie historischen Werth haben, nicht zu retten sucht,

was noch zu retten ist. Die grosse Steinplatte mit der von Salt zuerst

veröffentlichten griechischen Inschrift geht sichtlich dem Untergange

entgegen. Die Seite mit der äthiopischen Inschrift +ist+ schon

vollständig verwittert, und die griechische Inschrift beginnt ebenfalls

unleserlich zu werden. Mehr und mehr versinkt auch der Stein,

welcher ursprünglich 31 Reihen enthielt; jetzt liegen nur noch 24 zu

Tage. Besser, wenn der Stein in einem trockenen oder in einem der

abwechselnden Witterung nicht ausgesetzten Erdboden verborgen läge, um

ihn für die Wissenschaft zu erhalten. So aber gestattet die körnige

Zusammensetzung der Steinplatte eine volle Verwitterung, zumal wenn die

zerfressenden Einflüsse des nassen Humus hinzukommen.

Ich bin der Meinung, dass das, was die meisten Reisenden als

Opfersteine bezeichnen, keine sind. Sie haben dieselbe Form wie der

sogenannte Königsstuhl vor der Metropolitankirche und dürften dazu

gedient haben, hölzerne oder steinerne Statuen aufzunehmen. Wenn die

Rinne, welche man oben auf dem Steine bemerkt, eine wirkliche Blutrinne

gewesen wäre, so hätte man sie bis zum Abfliessen verlängert. Auch

lassen sich die vor dem Stein befindlichen länglichen Vertiefungen

nur durch die Bestimmung zur Aufnahme der Füsse der Statue erklären.

In Aegypten haben wir ja gerade an den Memnonssäulen und andern

ähnlichen sitzenden Bildsäulen die entsprechenden Vorbilder. Und die

aksumitischen Denkmäler, wenn auch von Griechen errichtet, erinnern nur

zu sehr an ägyptische Bildhauerei.

[Illustration: a. Blutrinne, wahrscheinlich aber Einsatz für eine

steinerne Lehne. b. Aushöhlungen für die Füsse.]

Von den sogenannten Obelisken, die aber gar keine Obelisken,

sondern viereckige Stelen sind, Stelen allerdings von kolossalen

Dimensionen, liegen in den verschiedensten Werken so genaue

Abbildungen und Beschreibungen vor, dass man es mir erlassen kann,

näher darauf einzugehen. Jedenfalls hat Rüppel vollkommen recht,

wenn er dieses Obeliskenfeld, wie er das Säulenfeld nennt, als einen

Begräbnissplatz bezeichnet. Dass die Aksumiten so riesige Stelen

ihren Dahingeschiedenen widmeten, darf uns auch nicht wundern. Ohne

Zweifel kamen die Griechen nach Adulis aus Aegypten, von wo sie die

Mode, den Todten so grosse Denkmäler zu errichten, mitbrachten. An

den Pyramiden bei Memphis, an den grossen Königsgräbern bei Theben

lernten sie ja das Grossartigste kennen, was es in dieser Beziehung

auf Erden gibt. Alles bisjetzt in Aksum Gefundene erinnert an

Aegypten und vorchristliche abessinische Zeit. Die Christen hätten

wol, nachdem der heidnisch-griechische Einfluss aufgehört, derartige

Säulen nicht mehr errichtet. Ich möchte deshalb auch kaum die Meinung

Rüppel’s unterschreiben, welcher annimmt, dass die vier Löcher an der

obern Fläche der noch aufrecht stehenden Säule zur Aufnahme eines

Kreuzes gedient hätten. Die ursprünglichen Erbauer wollten doch wol

keins daran befestigen! Die grosse aufrecht stehende Säule ist die

einzige noch vollkommen erhaltene. Zwar hat sie sich auch schon etwas

gesenkt, jedoch liegt die Lothlinie noch innerhalb der Basis. Aber

wie lange noch? Alle andern Säulen liegen zertrümmert am Boden. Jene

könnte man retten, wenn man sie ans Rothe Meer schaffte und ihr als

ausgeprägtestem Denkmal aksumitischer Grösse einen Platz in Europa

anwiese.

Vor der Säule auf der grossen Steinplatte befinden sich drei in den

Stein ausgehauene Schalen. Die jungen Damen Aksums benutzten sie als

-- Mörser: eine Bestimmung, die sie wol ursprünglich nicht hatten. Die

von Rüppel erwähnten drei äthiopischen Steinschriften konnte ich nicht

ausfindig machen, möglicherweise sind sie schon zerstört. Dagegen fand

ich die von ihm erwähnte, jetzt mit Erde angefüllte Schale aus Lava

im Hofraum der Kirche Tekla Haimanot. Alle übrigen von den Reisenden

erwähnten Bauüberreste sind noch im selben Zustande vorhanden.

Auch die unterirdischen Bauten auf dem Am Nelicalos-Berg, welche

Heuglin Qonasel, Fuchsbau, nannte, die Einwohner Aksums dagegen

Königssohnsgräber, Dachel ebn Negus, nennen, besuchte ich. Hier fand

ich eine Inschrift, welche noch nicht veröffentlicht worden ist:

[Illustration]

Jedenfalls würde ein Archäologe bei gründlichen Nachgrabungen gewiss

manches Interessante und vielleicht für die alte Geschichte Abessiniens

Bedeutsame zu Tage fördern. Aber unter den jetzigen Verhältnissen ist

das absolut unmöglich.

Aksum[148] ist immer noch die alte Krönungsstadt. Hier liess sich denn

auch Kaiser Johann, vormals Fürst Kassai, krönen, und in der alten

Kirche salbte ihn der damalige Abuna.

Diese so oft beschriebene und abgebildete Kirche macht ebenfalls einen

traurigen Eindruck. Früher soll sie von Gold und Silber gefunkelt haben

-- von dieser Pracht ist aber nichts mehr zu sehen. Ganz ausgeplündert

und niedergebrannt 1535 von Mohammed Granje, blieb weiter nichts

übrig als vier nackte, nothdürftig ausgebesserte Wände. Das einstige

Gewölbe der Kirche ist durch ein Balkendach mit Cementüberwurf ersetzt.

Man weiss nicht: ist sie noch Ruine, oder gehört sie zu den noch zu

benutzenden Gebäuden?

Ich besah auch die Wohnung des Negus: den einzigen bemerkenswerthen,

neuerdings in Aksum hergestellten Bau. Alle Achtung vor Signor Naretti,

welchem die meisten Reisenden wegen seiner Freundschaftserweise zu

Danke verpflichtet sind! Aber diese Königswohnung macht nicht den

Eindruck eines baukünstlerischen Könnens. Möglich, dass man ihm

beim Bauen die Hände band, dass er genau nach den Plänen des Negus

verfahren musste. Man denke sich eine grosse runde, mit Stroh gedeckte

Hütte, inwendig ein grosses Gestell, von dem man nicht weiss, ob es

„Mimber“ (Kanzel der Mohammedaner) oder Thron sein soll. Abscheulicher

Geschmack! Dazu die geringe Sorgfalt der Abessinier für Aufbesserung:

der Angareb (Sofa) auf dem Throne war von zerrissenen Fetzen bedeckt,

aber der Haushofmeister, der mir die Wohnung zeigte, nicht wenig stolz

auf solch buntes Lappenwerk.

Auf dem Rückwege nach meinem Lager verfolgte mich +zum ersten male

seit meiner Anwesenheit in Abessinien+ eine lästige Rotte Jungen und

Mädchen, welche lärmend und schreiend hinter mir drein zogen. Aksum

ist Asylstadt und ermangelt einer weltlichen Behörde, denn der dort

residirende Schum ist eigentlich nur wegen der Umgegend da, soweit

diese nicht unter nebreïdlicher Botmässigkeit steht, woher es denn wol

kommt, dass eine gewisse Zuchtlosigkeit unter der Jugend herrscht.

Oft sammeln sich Hunderte von Familien, um ihr Eigenthum zu retten,

in diesem Asyle, wozu sich Aksum auch deshalb besonders eignet, weil

es, abgesehen von solchen Zufluchtsstätten, welche ihrer natürlichen

Beschaffenheit wegen Schutz gewähren, wie Debra Damo in Tigre, einer

der geheiligtsten Oerter ist. Viele Kinder bleiben nun, wenn auch die

Aeltern in ruhigern Zeiten nach der Heimat zurückkehren, in der „Stadt

der Mutter Gottes“, um sich dem geistlichen Stande zu widmen. Wo auch

besser, als in diesem uralten Heiligthum, könnten sie die abessinische

Religion erlernen! Die Geistlichkeit verhängt übrigens auch körperliche

Strafen, wie wir gleich sehen werden. Als ich nämlich, nachdem meine

Soldaten, obwol ungern, diese angehenden Heiligen auseinandergetrieben,

einen bessern Ueberblick über die kleinen Unholde gewann, bemerkte ich

mit grossem Erstaunen, +dass viele von ihnen zwischen den Füssen mit

einer ziemlich dicken Kette gefesselt waren+. „Was?“ fragte ich,

„so jung und schon Verbrecher unter ihnen?“ „Das nun gerade nicht“,

antwortete der mich begleitende Aksumit, „aber sie hatten ihre Aufgaben

nicht gelernt, sie hatten die Schule ohne Erlaubniss geschwänzt und,

am sie am Weglaufen zu verhindern, werden sie gefesselt und zwar mit

Bewilligung ihrer Aeltern. Sie sehen, dass sie nur hüpfen, aber nicht

laufen können.“ -- Das war in der That so. Aber noch einmal, wie höchst

sonderbar das: 6-10jährige Knaben mit eisernen Ketten gefesselt! Das

war ein Seitenstück zu den „reitenden Bettlern“! Welche Zustände!

Der Nebreïd von Aksum ist einer der höchsten Geistlichen und gleichen

Ranges mit dem Etschege, ja, oft wetteifert er in Ausübung seiner

Machtvollkommenheit mit dem Abuna.

Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen · 第 21 / 27 段